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Full text of "Vergleichende Darstellung der Grundmacht oder der Staatskräfte aller europäischen Monarchien und Republiken"







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Vergleichende Darstellung 




dmacht oder der Staatskräftc 



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aller europäischen 

Monarchien inid RepuJjliken. 



In z w ey Ahtheilungen, 

von denen die erste: das Land ^ die Urproduction j die industrielle und die 

commercielle Production ; die zwejte: die Bewohner ^ die Geistescultur ^ die 

Vertheidigungskr Lifte und die Finanzen der europäischen Staaten wnfasst. 



Von 

J. C. B i s i n g e r , 

Professor der Statistik an drr k. k. Tliuresiauischcu Kilterakademic zu Wien. 



C. st. chlap, ref. real. gymnasium| 

V «Ces. Oudejovioiob. 

Uöltelskä knshovna. 



1 Q. 'm.- 



Pesth und Wien. 

Verlegt bey C. A. Hart leben und gedruckt bey A. Strauss. 
1823. 



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o r r e ci e. 



Jrlein im J, 1818 unter dem Titel: j^T^ er gl eichende D ars telluTig dei- 
Staatsverfassung der europäischen Monarchien itnd Republi- 
ken' erschienenes Werk fand ^ seiner Mängel ungeachtet ^ idcht nur günstige 
^ufnalime bej dem Publicum im In- und Auslande ^ sundern hatte auch das 
Glück j des Allerhöchsten JVohlgefallens Sr. Majestät des Kaisers ^ meines aller- 
gnädigsten Gebieters und Herrn ^ so wie einer huldvollen Auf merksamkeit Sr. Ma- 
jestät des Königs i^on Baiern j gewürdiget zu werden. 

Durchdrungen vom innigsten Danke gegen so huldreiche Monarchen j und 
aufgemuntert sowohl durch Höchstderen allergnädigste Merkmale des Bej falls 
und der Zufriedenheit ^ als ancli durch die vortheilhaften Urtheile billiger Rich- 
ter _, wage ich es nun j eine vergleichende Darstellung der Grundmaclit oder der 
Staatskräfte der europäischen Monarchien und Republiken heraus zu geben. 

Der Plan ^ den ich dazu entwarft, zerfällt in zwej Abtheilungen. Die erste 
handelt von dem Lande j der Urproduction j der industriellen und commerciellen 
Production ; die zwejte von den Bewohnern j, der Geistescultur ^ den Vertheidi- 
gungskräften und den Finanzen der europäischen Staaten. 

Das Einzelne dieser Hauptrubriken zeigt die vorausgehende Inhalt s anzeige _, 
welche zum bequemen Nachsuclien vollständig eingeric/itet und mit der Angabe 
der Seitenzahlen j welche jeder Gegenstand einnimmt,, versehen ist. 

Ueberall bestrebte ich mich dasjenige ^ was auf einen Staat zu seinem Vor- 
theile oder Nachtheile wirkt ^ hervorzuheben ^ und auf diese Art mein Weik aus 
dem Standpuncte der Staatswirthschaft ^ deren Wesen in der Weckung ^ Erhal- 
tung und Benutzung der Staatskräfte besteht , zu bearbeiten. 

fn wie fern ich diesen Zweck erreicht habe ^ muss ich dem Urtheile des Ken- 
ners überlassen ^ dem die Schwierigkeiten dieses in seiner Art neuen Versuches 
Tiicht entgehen werden. 

Der ehrwürdige Veteran ^ der berühmte grossherzoglich-liessische geheime 
Regierungsrath Crome zu GiesseUj, suchte zwar in seinem Werke: j^Allgemeine 
Llebersiclit der Staatskräfte von den sämmtliclien europäischeti Reichen und Län- 
dern" die staatswirthschaftliche Seite der europäischen Staaten besonders hervor- 
zuheban ; allein dieses übrigens vortreffliche IVerk ist-^ iv/e der Hr. Verfasser 
selbst darüber in der Vorrede S. XIL urtlieilt ^ lücht sjstematiscli geordnet j auch 
nicht nach der vergleichenden Metliode j wie das vorliegende TVerk ^ sondern nach 
der eth?iographische?i Methode bearbeitet. Her/' Crome und ich bemühten sich 
alsoj die Staatskräfte der europäischen Staaten aus dem Gesichtspuncte der 
StaatSH'irthschaft darzustellen j jedoch mit dem ü/iterscJäede ^ dass Hr. Crome 
die Staaten einzeln nach einander j und von jedem für sich betrachtet die Staats- 



inerkwnrdigkelten nach den Ilaiiptfächei-n beschreibt j, ich aber der natilrlicheji 
Ord/iung der Gegenstände folge j und in Rücksicht jedes derselben von den Staa- 
ten das Uebereinstimmende j AehnlicJie oder Verschiedene bemerke ^ durch Zu- 
sammenstellung und Fergleichnng die Vorzüge und Mängel derselben wiirdige ^ 
und den FortJieU der scJineUeren Uebersicht gewähre. 

Die Belege und jJutoren ^ deren ich mich bedient habe ^ sind Theils im Texte j 
Theils in den Noten des Textes nachgewiesen. Gern würde ich dieses Werk ^ um 
den tferth desselben noch mehr zu erhöhen _, mit einer besondern statistischen Li- 
teratur und einem Verzeichnisse von Landkarten ausgestattet haben j, wenn ich 
nicht dabej besorgt Iiätte j ein zu dickleibiges ^ Jolglicli zu tJieueres Buch zu 
liefern. 

Dass ich mich übrigens bey der Bearbeitung dieses TVerkes der besten Hidfs- 
mittelj auch handschriftliclier und mündlicher Mittheilungen (wofür ich lUermit 
meinen verbindlichen Dank abstatte J bediente ^ wiid jeder Kenner leicht bemer- 
ken. Wenn sachkundige Leser noch manches verniisseii _, und manche Unrichtig- 
keiten und Mängel entdecken: so hoffe ich um desto meJir auf Nachsicht Aiispruch 
machen zu können j da man lürgends auf so viel Unzuverlässiges j idigends auf 
so viele j und zum Tlieil auffallende Varianten j, als im FacJie der Statistik ^ stösstj 
besonders wenn es um Bestimmung des Flächeninhalts „ der VolkszuJd. ^ des Vieh- 
standes „ des wirthschaftlichen Ertrags j der Staatseinkünfte u. s. w. zu thun ist. 
Ich bitte desswegen Kenner eines jeden Faches um ihre Erinnerungen und 
Belehrungen j da ich nichts mehr wünsche j, als die Forderungen billiger Richter 
nach und nach zu befriedigeUj, und die Brauchbarkeit meiner Schrift zu vermehren. 



IVien 1 den 2. August 1822. 



/. C. Bisinger. 



n 



t. 



Erste j4bth eilung. 

Das Land, die Urproduction , die Fabrication und dei' Handel der euro- 
päischen Staaten. 



1. Land der europaischen Staaten 

Eintheilung Europa s. 

1. a) vjreograpliische, oder nach den Ländern. 

2. b) Politische , oder nach den souveraiuen 
Staaten. ....... 

3. Grösse von Europa. ..... 

4. Bestandtheile und Classificirung der einzel- 
neu europäischen Staaten, nach dem Gesichts- 
puucle ihres Flächeninhaltes. 

§. 5. Staaten der ersten Grösse. 

$. 6. Staaten der zweyten Grösse. . . . 

^. 7. Staaten der dritten Grösse, . . 

§. 8. Staaten der vierten Grösse. 

ij. Q. Gränzeu und Lage. ..... 

&. 10. Colonien. ....... 

Ausserenropäische Besitzungen. 

I. Spaniens. ....... 

n. Grossbritauuiens. ..... 

in. Portugals 

IV. Der Niederlande 

V. Frankreichs. ...... 

VI. Danemarks. ...... 

VII. Schwedens. ...... 

VIII. Russlands 

Obeijlächliche Beöcli.aJJ'eiiheU. 

11 Gebirge. . *. 

12. Höhcnleiter der erhabensten Puncle. 
i3. Gletscher, Lawinen und Bergsturze. 

14. Abdachung. ...... 

15. El)eueu. ....... 

16. Gewässer. . . . , . . 

17. Meere und Meereugen. .... 

18. Laudseen. ....... 

iq. Flüsse. Hauptflusse oder Ströme mit ihren 

vorzüglicliereu Nebenflüssen. 
§. 20- Küstentlüsse. ...... 

§. 21. Kuustflüsse oder Cauälc. .... 

§. 22. Sümpfe und Moräste. .... 

§. 23 — 24. Physisclies Klima. .... 

■J. 25. Natürliche Fruchtbarkeit. 



Seite 
3 



14 
16 
17 

25 

26 
29 



II. Urprodticlion. 

a) Nat'irproducte aus dem l'ßanzenreiche. 

26. (Kultur des Bodens. ..... 64 

27. .\ckerbau. ....... 65 



28. Hindernisse des Ackerbaues. 

2g. Beförderungsmittel des Ackerbaues. 

30. Getreidearten. 

31. Futterkräuter. 

32. Gartengewächse. 

33. Baumfrüchte. 

34. Slaudenfrüchte. 
55. Weinstock (vitis vinifera). 

Fabriken- und Handelsgewächse. 

36. a) Flachs und Hanf. 

37. b) Tabak 

38. c) Färbe- und Gärbekräuter. 
3g. d) Zuckerrolu-. 

40. e) Baumwolle, 

41. f) Öhlgewächsc. 

42. g) Arzeneykräuter. 

43. li) Verschiedene andere Fabriken- 
delskränter. 

44- Waldbäume oder Holz. 



b) Naturproducte aus dem Th 
4S. Viehzucht. 



Sau, 



Bäl« 



§. 46. Pferdegescldecht. 
§. 47' Rindvieli. 
1^. 48. Schafe. 
§. 4g- Ziegen. 
§. 5o. Schweine. 
§. 5i. Renntliiere. 
§. 52. Hunde. 

§. 53. Jagdthiere , und Thiere , deren 
züglich genutzt werden. 

2) Fögel. 

a) Landvögel. 
54- aa) Hühnerartige , zahme und wilde. 

55. bb) Sangvögel. . 

56. cc) Raubvögel. 

b) Wasservögcl. 

57. aa) Schwimmvögel. 

58. bb) Sumpfvögel. 



ög. 



3) Aniphihii^u. 
4) Fische. 



60. Fischerey, . 
61 ■ a) Knorpellisciu 
62. b) Mit Graten 



rselieue FiscUi 



Seite 
68 
70 
72 
74 
75 
79 
82 
83 



91 
93 
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95 



96 
97 



104 
106 
1x0 
"4 
ii3 
116 



1Z7 



120 
122 



123 

124 

123 



126 

127 



VI 



1 t. 



Seite 
63. Wallfisclie. • . i3o §. 102. Pottaschesiedereycn; Bereiluug ilei Soda 



Seite 



VS. 6^ Robben i3i 

5) Inseclcn. 

§. 65. a) Nützliche l32 

§. 66. b) Schädliche i34 

§. 67. . . . 6) Jf'ürmei. . . . i35 

c) Nulurproihu-le aus dem Mineralreiche. 

§. 68. Borybau läy 

a) Metalle. 
f. 6g. aa) Edle. . 



193 



70. bb) Unedle. 1) Kupfer. . . . 

^. 71. 2) Eisen. . . . ■ ■ 

§. 72. 3) Bley 

73. 4) Zinn. ...... 

74 — ^5. 5) Quecksilber — 

b) Erdharze oder brennbare Mineralien. 
§. 76. 1) Bcrgöhl, Schwefel und Bergpech. . 149 

§. 77. 2) Torf-, Stein-, Canntl- und BraunkoMeu. i5o 
§, 78. 3) Bernstein und Grapliit. . . . i53 

c) Ste.nc. 
^. 79. aa) Kieselsleine. 1) Edelsteine und Halb- 
edelsteine — 

80. 2) Unedle. l56 



und des sogenannten Kelp. .... 
§. io3. Verschiedene andere Manufacturcn , die 

ihren Stoff aus dem Pflanzenreiche nehmen. 194 

b) ManuJ'acluren zur f^erarbeitung der rohen Slojf'e 

aus dem Thierreiche. 
§. 104 — 106. Wollenmanufacturen. . . . ip5 

§. 107. Hutfabricatiou. ..... 200 

§. 108. Seidenmanufacturen. .... 201 

§. 10g. Uedergärbereyen. ..... 2o4 

§. iio. Verschiedene andere Fabricate aus Stoffen 

des Thierrcichs. ...... 206 

c) Fabriken , welche Materialien aus dem Mineralrei- 

che verarbeiten. 

§. 111 — ii5. Eisen-, Stahl- und andere Metall- 
fabriken. ....... 208 

§. 116. Farbefabriken, .... 

§. 117. Glas- und Spiegelfabricaliou. . 

^. n8. ThouwaarenfabricatioiT. 

§. lig. Fabricatiou der Salze. .... 222 

§. 120- Beförderungsmittel des Kunsllleisses iu den 

europäischen Staaten. ..... 224 



217 
218 
219 



8i. bb) Kalksteine. 



— VI. Commerciellc Prodiiciion oder Handel. 



— §■ 

i5g $. 



^. 82. cc) Talksteiue l58 

§. 83. dd) Tufsteiuu. andere vidkauischeProducte. 
§. 84- ee) Sandsteine. ...... 

§. 85 ff) Granit 

^. 86. . . d) Thon- und Erdarten. 

v) Salze. 

§. 8;— Pg. 1) Kochsalz 

$. 90. 2) Salpeter , Soda , Glaubersalz und ande- 
re Salzarten. ...... 

^ gl. Mineralwasser. ...... 



170 



»7> 



III. Liduslrielle Production. 

§. q2. Von Handwerken , Manufacturcn und Fabri- 
ken überhaupt. ...... 

§. g3. Zustand des europaischen Kunstlleisses iin 
Allgemeinen. ...... 

a) Uebersicht der nahmhaj'testen Zweige des europäi- 
schen Kunsißeisscs , und zwar derjenigen Manufactu- 
rcn , welche Materialien veredeln, aus dem Pflanzen- 
reiche. 
§. g4 — 95. Manufacluren , welche Flachs und Hanf 

verai heilen. . . . . . , .175 

§. 96. BaumwoUcnmanufacturen. . . . 180 

§. 97. Mauufactureu , welche Getreidesamen ver- 
arbeiten. ...... 

§. 98. Tabaksfabriken. .... 

§. gg. Zuckersiedereven. . . . . , j 

§. 100. Ühlfabricalion. .... 

§. 101. Arbeiten in Holz. .... 



121. "Wichtigkeit des Handels. 

122. Umfang des europaischen Handels. . , 
' — ' A. Auswärtiger Handel der Europäer. 
— a) Seehandel derselben. 

§. 123. 1) Handel der Europaer nach der Ostsee , 
161 dem mittelländischen Meere oder der Levan- 

te , und dem schwarzen Meere. 

167 'J. 124. 2) Handel der Europäer mit und nach den 

168 Küsten von West- und Ost-Afrika. 
i§. 125. 3) Handel der Europäer mit uud nach Ost- 
indien , China , Japan uutl Persieu. 

§. 126 — 127. Handel der Europäer mit und nach 

Amerika und Australien. .... 

§. 128. . b) Landhandel. 

12g. Einfuhrartikel aus andern Erdtheilen nach 

Europa. ....... 

l3o. Ausfuhrartikel aus Europa nach den andern 

Erdlheilen 

i3i. Ausgleichung der Schuld Europa's für die 

Consumtion aiissereuropäischer Waaren. 
l32. B. Handel der Europaer unter sich. 
i33. Handelsbilanz. ..... 241 

Beförderungsmittel des Handels. 

A. In Ansehung der Communication. 
§. a34. a) Zu Lande. Landstrassen und Posten. 
i83 §. i35. b) Zu Wasser, aa) Seefahrt. . 
187 §. i36. bb) Flussfahrt und cc) Canalfahrt. . 
9 B. /n Rücksicht des JVaarenumsalzes. 

190 §. 137. a) Handelsplätze, Jahrmärkte uud Messen. 

191 ^. i38. b) Maass und Gewicht 



227 



229 



232 



234 



237 
238 



23g 



2.io 



24s 
246 



25i 
256 



C. In Ansehung des Oeldumsalze 

§. 139. a) Geld 

i§. i4Q- '') Banken. .... 

§. i4i. c) Wechsel und Börsen. 



n h a 1 t. VII 

Seile Seile 

§. i42- D. In Rücksicht des Ineinanrlerwirhens der 

■ 258 verschiedenen Gewerbsclasscn. . . . 265 

. 261 §. l43- E' In Ansehung des auswärtigen Handels. — 

264 §. 144. Hindernisse des Handels. . . . 268 



Zwej'te Abtheilung. 

Die Bewohner, die Geistesculiur , die Verdieidigungskräfte und die Finan- 
zen der europaischen Staaten. 



I. Bewohner der europäischen Staaten. 

§. 1. Volksmenge. . . . . . .271 

ij. 2. Classification der europäischen Staaten, nacli 

dem Gesichtspuucte ihrer Volkszahl. . . — 
§. 3. Staaten der ersten Rangordnung. . .272 
^. 4- Staaten der zweyten Rangordnung. , .276 

§. 5. Staaten der dritten Rangordnung. . . 277 

§. 6. Stauten der vierten und fünften Rangordnung. — 

■J. 7. Bevölkerung. ...... 278 

^. 8. Mittel zur Erforschung der Volksmenge. . 280 

Nationah'erschiedenheil der Europäer. 
^. g — 11. a) In Rucksicht auf Abstammung und 

Sprache. ....... 285 

§. 12. b) In Rücksicht auf ihre körperlichen Ei- 
genschaften, Lebensdauer und Natioual-Krank- 

heiten 296 

§. i3 — 17. c) Nach ihrem Nationalcharakter. . 298 

«. 18. d) Nacli ihrer Religion 3i3 

§. ig — 21. e) In Anscliung ihrer Wohnplätze. . 3i6 
|§. 22. f) In Rücksicht ilirer Gewerbe oder Beschäf- 
tigungen 329 



11. Gßistescuhur. 

■§. 23. Nothwendigkcit der Verschiedenheil der Bil- 
dungsanstallen in einem Staate, iind Ver- 
hältuiss, in welchem sie zu demselben stehen. 53o 

I. Allgemeine Bildungsanslalten. 

§. 24' . . A. f^olksschulcn. . . . ri3i 

B. Oewerhsschulen j 

oder Bildungsanslalten zur f^ermehrung des Nationul- 

Rcichthums oder der Production überhaupt. 
§■ 25. a) Bürgerschuleu (niedere und höhere odci 

RealscluUen) , Industrie- u. Sonntagsschulcn. 553 
$. 26. b) Bürgerliclie Specialschulen oder höhere 

technische Bildungsanslalten- . . . .334 

§. 27. c) Polytechnische Institute. . . . 536 

C. Gelcht tenschulen , 

oder Bildungsanslalten für das Jdministratii'C und Er- 
haltende des Staates. 
§. 28. a) Niedere. ' 358 



$. 2g. b) Höhere Gelehrtenschulen. . , . 33g 

§. 3o- aa) Universitäten. ..... 53g 

§. 3i. bb) Mittelschulen zwischen Universitäten 

und Gymnasien. ...... 344 

§. 32. cc) Gelehrte Specialschulen oder Lehran- 
stalten für Beflissene der einzelnen Facultäts- 
studicn. ....... — 

§. 35. Pflauzschulen zur Bildung künftiger Lehrer. 346 

II. Blldungs- und Erziehungsanstalten filr be- 
sondere Zwecke oder Stände und Classen voh 
Einwohnern. 

6- 34. Anstalten zur Erweiterung und I^ervollkomin- 
nung wissenschaßlicher und technischer Kennt- 
nisse j so wie zur höheren Ausbildung der 
Künste. ....... 34'' 

^. 35. A. Gelehrte Gesellschaflen und polyteclmi- 

sche Vereine. ...... 35l 

§. 56. B. Kunstgesellschaften. .... 553 

i§i. 37. Anstalten zur J^erbreilung der Schriften, 

A. Buchhandel ....... 555 

^. 38. B. Literarische Zeitschriften. . . . 357 

§. 3g. Einrichtungen für einzelne Wissenschaften. 358 
§. 4o. Hülfsmittel für Künste , so wie für wissen- 
schaftliche und technische Kenntnisse. . 35g 
^. 4i. Aufsichtsaustalten über öfl'cutliciie Schrii'leu. 362 

Zustand der ff isseiischajien und Künste. 
j,. 42- A. In Europa überhaupt. . . . ■ 564 

^. 45 — 47- B- I" den einzelnen Landen) und Staa- 
ten insbesondere. ...... -^ 



III. Vertheidigung-skiäftc. 

c. 48. Kriegsmacht 376 

A. Landmacht. 

&. 49. Arten der Truppen — 

^. 5o 5i- Stärke der Armeen. .... 579 

§. 52- Aufbringung und Ergänzung der Mannschaft. 084 

&. 53- Unierhaltung und Verpflegung des Militärs. 585 
§. 54. Unterrichts- und Erziehungsanstalten. . ■ — 

&. 55. Dlsciplin und Geübtheit der Soldaten. . 387 

^. 56. Belolinungen und Strafen. . . . 388 

§. 57. Festungen und andere Mililäranstallcn. . — 



VIII 



B. Seemacht, 
^. 58. Arten der ScliiiTe. ..... 

§. 5g. Stärke der Seemacht. .... 

§. 6o- Marine-Auslalten. ..... 

IV. Finanzen. 

§. 61 — 62. Quellen der Staatseinkünfte. 
§. 63. Rangordnung der europäischen Staaten in 
Rücksicht ihrer Einkünfte. 



Seite 

390 
391 
395 



Seite 



396 



^. 64- Berechnung des Beytrages eines jeden ein- 
zelnen Individuums in den europäischen Staa- 
ten zu den Einkünften derselben. . 
§. 65. Arten der Erliebung der Staatseinkünfte. . 
§. 66. Grundsatz des Unterschiedes zwischen dem 
Haushalte des Privatmannes und dem Staats- 
haushalte. ....... 

§. 67. Staatsbedürfnisse j Gegenstände desAufwandes. — 
§. 68. Staatsschulden. ...... 4ll 

^. 6g. Mittel , die Forderungen der Slaatsgläubiger 

allmählich zu befriedigen. .... 4i5 



4o5 
406 



407 



Vergleichende Darstellung 

der 

Giunclmacht oder der Staatskräftc 

aller 

europäischen Monarchien und Republiken. 



Von 

P r o f. . B i s i n £; e r. 



Erste A b t Ii e i 1 u o g. 

Das Land, die Urprodiiniori; die Faljiicaiion und der Handel der europaischen 

Slaalcn. 



1. Land der eiiropäisclien Staaten. 

Eintlieiluiig Europas, 

§• 1- 
a) Gcograpliischc, oder nach den Ländern. 

xiiuropa ist getheill in Länder und Staaten. jNicht jedes Land macht einen bcsondern 
Staat ausj die enropäischen Staaten erstrecken sich oft ans einem Lande in ein ande- 
res, ja sogar in andere Erdtheile. Ehen so ninnnt nicht jeder europäische Staat ein 
ganzes Land ein; es gil)t Länder in Europa, die aus mehreren Staaten zusammen ge- 
setzt sind. Länder imd Staaten müssen also wohl unterschieden werden. Die Gränzen 
eines Staates dehnen sich so weit aus, als sein Gebiet reicht. Da nun die Ausdeh- 
nung dieses Gebietes von \ ertragen mit anderen Staaten abhängt, so sind die Grän- 
zen der Staaten willkürlicli und vielen Veränderungen unterworfen. Dagegen sind 
die Gränzen der Länder von der Natur bestimmt — durch Gel)irge, Meere und Flüs- 
se, welche die natürlichen Gränzen bilden, und als solche fest und bestimmt sind. 

in Hinsicht der Hauptgclnrge und der grössten inländischen Meere ergilit sicli 
folgende Eintheilung der evu-opäischen Länder: 

A. yilpenländer j und zvsar: a) nördlich von den Alpen: L Deutschland ; IL die 
Schweiz; b) südlich von den Alpen: HL Italien; c) westlich von diesem Gebirge: 
n'. Frankreich. 

B. Fjrenäische Halbinsel : \ . Spanien ; W. Portugal. 

C. Nordseelände}- j imd zwar: a) westliche: YH. Qrosshritannien und Irland; 
\HL Niederlande; b) östliche: IX. Dänemark; X. Norwegeti. 

D. Baltisclie oder Ostseeländer ^ imd zwar: a) nördlich: XL Schweden; b) ösi- 
lich: XII. Russland; c) südlich: XIII. Preussen. 

E. Karpathische Länder, und zwar: a) nördlich von den Karpalhcn: XI\'. Ga- 
iizien uud Polen; b) südlich von diesem Gebirge: XA'. Ungern und Sieheidiiugcn ; 
KM. die Türkej. 

§• 2. 
L) Politische, oder nach den s o u v e r a i n e n Staaten. 

Europa hat gegenwärtig in seinem Umfange 52 (grosse, mitticic, kleine und 
sehr kleine) Monarchien und 28 Republiken (s. §§. 5 — 8). Die Mehrzahl dieser Staa- 
ten bildet zwey Staatensysteme: 1) den Bund der Deutschen j bestehend aus 41 son- 
veraincn Staaten, wovon 07 Monaiclüca mid 4 Rcpuldiken sind; 2) df^^' Bund der 



i I. Land der europ. Staaten. §. 5. Grosse von Europa. §. 4. Bcstandlheile elc. 

Schweizer j oder die sc/nveizei'isclie Eidgeiiossenschciftj bestellend aus 22 souverai- 
nen Caiiioneii oder Eidyerossen , wovon n\u- einer (Nciifcliatel) unter einer luoiiai- 
cliischcu, die übrigen 21 uuler einer rcpublikauischen Verfassung stehen. 

§. 3. 

G r ü s s « von Europa. 

Unter den fünf Erdlhcilen, in welche die heutige Welt abgeihciit wird, ist £"/;- 
/■o;?« zwar der kleinste; allein der bekannteste, und in Rücksicht seiner Cultur und 
seines Einflusses auf die übrigen Erdlheile, der wichtigste. Es ist hier auch nicht 
ein Fleckchen zu finden, dessen Bewohner nicht in einer wirklichen Staatsverbindung 
lebten, während in allen andern Erdlheilen immer nxu- ein grösserer oder geringerer 
Theil ihrer gesammtcn Bevölkerung zu einem eigentlichen politischen Leben sich er- 
hoben hat. Europa ist demnach der Hauplschauplalz arbeitender und bearbeiteter 
Humanität. Der Flächeninhalt desselben wird verschieden angege])en. Fabri rechnet 
dafür i5o,ooOj, Hassel 154,449, i^lcn-sel \b!.\,l\,b-j , Crome i5.5,07i , Rcaidel 165,041 , 
Cannabich 164 — 168,000, Gaspari 168,000, Stein i7i,3g7, Gal/ettiij i,ßo6, Ock- 
hart 172,675, Müller 174,012 und ßergmann 181, 632 QM. Der grosse Unterschied 
zwischen den ersteren und lelzteren AngaJjen rührt hauptsäclilich von der willkürli- 
chen Annahme der östlichen Gränze her. 

Zu Afrika verhält sich Europa uw^cSahr wie -^ , zu ^sien wie ^, zu Amerika 
wie ^, nach andern wie i. ^on Australien oder Siuiindien soll JSeuliolland aÜMii, 
die grösste unter allen Inseln unsers ganzen riancten , fast so gross, wie Europa seyn, 
imd der Flächeninhalt der ganzen Inselwelt 180,000 — 200,000 QM. benagen. 

Die grösste Länge von Westen nach Osten betiägt ungefähr 800, die grös.sie 
Breite von Süden gegen Norden 55o geographische Meilen. 

§. 4- 

Beslandtlieilf und Classificirung der einzelnen europäischen Staaten. 
II a eil dem G es ic h ts p u n et e ihres Flächeninhaltes. 

Das Gebiet der europäischen Staaten zerfällt in Beslandtheile, die theils ein zn- 
sammenhängcndes Ganzes bilden aj , theils durch bedeutende Strecken dazwischen 
gelegener fremder Länder bj , theils durch IMeerc und Meerengen cj von einander 
gelrennt sind, theils sich sogar in andere Erdtheile erstrecken dj. — iSicht minder 
verschieden ist die Vertheilung des gcsammten Bodens von Europa , dessen Flächen- 
inhalt wir zu 154,950 QM. annehmen. Es thcilen sich in denselben Staaten von sehr 
ungleichem Gebietsumfange. Man kann sie in dieser Hinsicht füglich unter 4 Glasscii 
bringen, zu deren Bestimmung man die Grössen von 10,000, 1000 und 100 QM. an- 
nimmt. Die Classe der Staaten von erster Grösse behauplen diejcniigen , deren Gebiet 
lo,ooo QM. oder darüber einnimmt. Zu den Staaten von zwejter j dritter und vier- 
ter Grösse gehören diejenigen, deren Areal vmter 10,000, jedoch wenigstens 1000 
QM. enthält; ferner diejenigen, deren Flächenraum unter looo bis joo QM. fällt; 
endlich jene, deren Flächeninhalt nicht i;iiiiual 100 QM. beträgt. 



I. Land Jcr ciu-op. Staaten. §. 5. Staaten dur ersten Ginssc. 9 

Dio Glosse d<\s Fläclicnranmes brgriiiidet jedoch keiueswcys allein die wahre 
Stärke der Slaalen ej , ohgleieh derselhc gleichsam die Unterlage des Staates j iiiii- 
hin ein wesenlhcher Bestandiheil desselben ist^ ohne welchen derselbe gar nicht 
vorhanden seyn würde. Auch ist die grössere oder geringere Ausdehnung eines mehr 
oder weniger fruchlbaren Areals für den Staat vun so wichtiger, da nicht allein die 
Summe der IS'aturkräfle , worüber derselbe verfügen kann, dadiu-ch ab- oder zu- 
nimmt, sondern auch in vielen Fallen die Siiirke, die Sicherheit und dej- Flor des 
Staates durch Besitz einzelner Provinzen vuigemein gewinnt fj. 

Es darf übrigens hier nicht unbemerkt Ijleiben , dass die Angaben von der Grösse 
der einzelnen europäischen Staaten in den geographischen und statistischen Schriften 
sehr von einander ahweichen, und so lange abweichen werden, bis sänuTillichc Staa- 
ten genau vermessen , und die Resultate der Vermessungen auf officiellem Wege zur 
Kenntniss des Publicums gelangt sind. Die grösste Schwierigkeit in der Bestimmung 
des Areals findet man bey solchen Staaten, deren Gränzen seit der letzten grossen 
Wellcalastrophe neu geschaffen wurden, wo man auf alte Ab iheihuigen keine Rück- 
sichtnahm, und die auf einer Seite grössere oder kleinere Theile verloren, auf der 
andern aber einen Zuwachs von ganzen Ländern, oder vun Parzellen derselben, oder 
von beydcn zugleich erhielten. Wer kann nun , um den Flächeninhalt des Ganzen zu 
bestimmen, zuverlässig behaupten, dieses oder jenes verlorene oder hinzugekomjuene 
Stück Landes, oder Fleckchen, bctriujt 20, oder 5, oder i QM.? 

d) So machen z. B. Russlands ungeheure Besitzungen ein ^■ollkomme■n zusammenji'äng"n(les 
Ganzes aus. — b) So ist es der Fall mit Preussen , Baiern und andern Staaten. — c) Diess 
findet Stall bey Frankreich , Spanien, Grossbrilannien , Dänemark , Sardinien , Toscana, bej- 
den Sicilien , der T'ürkcy und den \ ereinigten Slaalen der jonischen Inseln. — rf) So ist es 
der Fall mit Russland , der Türkej- und allen Colonialslaalen. — e) Man vergleiche z. B. 
Schifedcn und Norwegen mit der prettssischen Monarchie. — J) Was würde z. B. Preussen 
ohne Schlesien , und Russland ohne die Ostsee-Proinnzen geworden seyn? 

§. 5. 

Slaatenderer sie n Grösse. 

A. Das russische Kaiserthum. Es umfasst : 

a)InEiu-opa: 1) Grossrussland; 2) Kleinriissiand; 3) ScJiwarz- w\A TVeiss- 
russlaiid ; 4) Lilthaiien mii Blaljstock ; 5) Neuriissland mit dein Fjaudc der donisclien 
Kosaken, mit Bessarabien und demjenigen Theile Agv Moldau j, welcher am linken 
Ufer des P/'«//i-Fliisses liegt; 6) die Ostseeprnvinzen ; 7) das Königreich Polen. 

b) In Asien: 1) das Königreicli Kasan; 2) das Königreich Astrachan j mit Gru- 
sieUj der Steppe der Kirgisen ^ Imerette und den im J. i8t3 von Persien abgetrete- 
nen Provinzen an der Westküste des caspischen Meeres; 3) das Königreich Sibirien ^ 
wozu auch die Beringsinsel ^ die Kupferinsel j die Kurilen und Aleuten gehören. 

c) Die mittlere TVestküste von Amerika ^ welche sich unter 59° N. Br. mit der 
Halbinsel Alaschka und östlicher bey Prmz JVilhelmssund und Cooks- Einfahrt an- 
fängt, und hoch im Norden hinaufgeht. 

Der Flächeninhalt dieser beynahc unermesslichen Ländcrmasse bclrägl, ohne die 



6 I. Land der europ. Staaten. §. 5. Siaalcn der ersten Grosse. 

niitllcrc Westküste von Amaiika und die persisclion Pi-ovinzen, 345:,25o QM., wovon 
74,5oo anf den europäischen (2000, nach andern 2293, in.shesondere auf das Königreich 
Polen) ttnd 270,750 auf den asiatischen Theil gerechnet werden. Der grösstc Staai , der 
je bestand^ um i grösser, als die zweifache Grösse von ganz Europa, umfassend hey- 
nahe den achten Theil des ganzen Festlandes und ungefähr den acht und zwanzig- 
sten Theil der ganzen Erdfläche. Als Iwan Wasiljewitsch ^ der Wiedcrhci steller des 
russischen Staates, 1462 den Thron bestieg: betrug der Ländcrhestand 19,782 QM. 
In einem Zeiträume von etwa 358 Jahren vergrösserle also Russland sein Areal weil 
über sie])enzehn Mal. 

E. Schweden. Älit diesem Königreiche ist, seit 1814, das Königreich Norwegen 
vereiniget; hingegen ist es nun ohne a) die kornreiche Provinz Finnland j welche 
(nebst einem Theile \on JSorland , bis an die Flüsse Tornea imd Muonio, und mit 
den Alandsinsehi) im J. 180g im Friedrichshammer russisch-schwedischen Friedcns- 
traclate an Russland al)getrcten wurde; dcssgleichen b) ohne Schwedisch- T'ovpom- 
mern j nebst der Insel Rügen, welche 1814 im Kieler Frieden fiir Norwegen an Dä- 
neiuark, i8i5 aber von Dänemark, gegen das Horzogthum Ijauenburg (jenseit der El- 
be) und eine 3i"imie Geldes an Preussen abgetreten wurden. 

Der Flächeninhalt des schwedischen Grundgebiels in Europa beträgt gegenwärtig 
i6,i55 QM-, wovon auf Norwegen (in Westen von Schweden) 7012 QM- konnuen. 
Schweden mit Norwegeji ist mithin nach Russland an Areal der grösstc europäische Staat. 

C. Das österreichische Kaiserthum. Es begreift gegenwärtig: 
1) Das Erzherzoglhuni Oesterreich j bestehend: 

a) aus dem Lande anter der Enns 364 QM. 

b) aus dem Lande ob der Enns 208 — 

c) aus dem, mit dem Lande ob der Enns, unter gleiche Landes- 
verwaltung gesiclken Herzoglliume Salzburg ^ jiiit Ausnahme 
des an Baiern libcrlassenen Landstrichs am linken Ufer der 
Salzach imd der Saal, und ohne die mit Tvvol vereinigten Di- 

stricte des Ziller- und Brixnerthaics 128 — 



700 — 

2) Das Ilerzogthnm Stejermark 5gg — 

3) Das im J. 1816 errichtete Königreich Illyrien ^ bestehend: a) aus dem 

Herzoglliume Krain ; b) dem Herzoglliume Kärnthen, c) dem im 
Wiener Frieden an Frankreich abgetretenen Theile von Civil-Croa- 
tien , oder dem Carlstädter Kreiso ; d) dem neuorganisirten öster- 
reichischen Seeküstenlande j zusammengcsetzl : aa) aus dem alten 
Gebiete von Triest ; bb) aus Theilen von Krain, oder dem Adels- 
Ä<?rge/' Kreise; cc) dem ehemahhgen ungrischen Seekiistenlande : 
dd) Istrien ; ee) dem österreichischen und einigen Parzellen des 
venetianisclien FriaulSj und ff) den ehemals zu Dalmatien gehöri- 
gen ^«a;7ze/üc7;e« Inseln /'^dg'/m^ CAe/'i'o und Oii'erOj zusammen 614 "" 

Ftiilrag 1713 QM. 



I. Land der cufop. Staaten. § 5- Staateu der ersten Grösse. •: 

Überlrag 1715 Q"M, 

4) Die yefurstete Grafschaft Tjrol , nebst dem Gerichte Pils und den 

i'Oiarlhetgischeti Herrschaften, ohne das hey Baiern vcrhiiehcne 
Gericht PFeiler _, aber mit Einschhiss der von Salzburg getrennlcn 
Landesiheile 5+6 — 

5) Das Königreich Böhmen mit den Disiricten von Eger und ^sch . . g5i — 

6) Das IMarkgrafthum Mähren, mit dem österreichischen Anthcile an dem 

Hcrzogtlnmie Schlesien (83 QM.) 55i — 

7) Das Königreich Galizien mit der Bukowina j oder dem österreichi- 

schen Am heile an der Moldau 1023 — 

8) Das Königreich Ungern mit den Provinzial-Dislricten der demselben 

einverleibten Königreiche Slawonien, und Croatien , aber mit Aus- 
nahme desjenigen Theils von Croalien, welcher im Wiener Frie- 
den von Ungern getrennt worden war, mid jetzt ein Bestandtheil 
des Königreichs lUyrien ist' 4o3.i — 

g) Das Grossftirstenihum Siebenbiergen ^ mit der inclavirten und gröss- 

tcn Theils mit dem Provinziale ganz vermengten Älilitärgränze . . 1046 — 

10) Das lombardisch- venezianische Königreich, bestehend aus zwey 
Gouvernements-Bezirken : 
a) Aus dem der österreichischen Lombardej und einigen veneziani- 



schen Districten 



jgo 



b) Aus dem von P^enedig mit einigen Theilen des österreichischen 

Friauls . 440 — 

11) Das Königreich Dalmatien ^ ohne die obenbesaglen quarnerischen 

Inseln^ aber mit den Disiricten von Cattaro und Ragusa . . . 3o4 — 

12) Die Militär gränze : 

a) Die Croatische 278 — 

b) Die Slai'onische mit dem Tschaikisten-Bislricie in Ungern i35 — 

c) Die Ungriscli-Banatische 14.5 — 

d) Die Siebcnbiirgische (s. oJjcn >r. g). 558 — 



Zusammen i2,o56 QM. 

Die österreichische Monarchie hat also gegenwärtig ein Areal von i2,o56 QM. 
Denüan rechnet dafiir 12,076, Hassel 12,123 und Crome 12,210 geogr. QM. 

Als die durchlauchtigste Dynasiie Habsburg 1282 in Besitz der Lcänder kam, wo- 
durch die erste Aussicht zur kiinl'ligen Grösse dieses Hauses sich öffnete: l)etrug der 
Flacheninhalt derselben ungcf'ahi- 1000 Q^I. In einem Zcitraiune von 53g Jaltren ver- 
grösserte also das Haus Habsburg-Lotliriugen-Oesterrcich seine Besitzungen mehr als 
zwölf Mal. 

D. Jy^n- deutsche Bund. Deutschland war noch im J. 1806 ein lubegriffvon un- 
gefähr 200 grösseren und kleineren Suaten, welche insgesaumit mit einander verbun- 
den waren, a) verniillelst eines gemeinschaftlichen, von den Churfiiistcn gewähl- 
ten Beichsuberhauptcs (des römisilien ^ oder vielmehr JÖtw'sch-deutschen Kniscra)^ 



8 'I. Land der curop. Slaalcu. ij. 5. Slaatcu der crsteu Grösse. 

}>) vcrmillclsl einer ajli;enieincn Reiclistai;.s -Versammlung^ und anderweitiger politi- 
scher Vcrfassungsbesümmungen. An die Stelle dieses zusammengesetzten Staatskör- 
pers ^ der den Nahmen heiliges römisches Beich _, oder auch römiscli-deiitsches und 
heiliges Beich iühne , trat e\n Bnndessjstemj, rheinischer Bund ^ rJieinische Bun- 
desstaaten (Etats confe'de're's du Rhin) genannt^ nachdem mehrere vormalige deut- 
sche Reichsstände, ursprünglich in W. vuid SW. Deutscldands, zu Paris den 12. Jul. 
1806 che Acte des Bundes geschlossen, und den 1. Aug. desselben Jahres von dem 
Reichstage zu Rcgens])urg sich getrennel, auch der Kaiser von Osterreich den 6- Aug. 
chcn genannten Jahres auf die Jjisher getragene römische Kaiser- und deutsche Kö- 
nigskrone, welche Österreichs Beherrscher in i3 Geschlechtsfolgen ununterbrochen 
trugen, verzichtet hatte. Jener Verein, dessen Mitglieder Souveraine hiessen, aber 
im Grunde nichts weiter waren, als Vasallen des französischen Kaisers, der, unter dent 
Nahmen eines Protectors _, sie als untergeordnete Glieder seines grossen Reiches an- 
sah , dauerte nur sieben Jahre und einige Monathe. Deutschland umfasst nunmehr, 
vermöge der zwey Pariser Fricdcnsschliisse 1814 und i8i5, dessgleichen kraft der 
Wiener Congress-Acte i8i5, einen in neueren Grundlagen begriindetcn Staatenljund, 
welcher der deutsche Bund heisst , tuid aus 41 souverainen deutschen Bundeslaaten 
besteht. Die Mitglieder, mit Angaljc der Grösse ihrer Staaten, sind folgende : 

1) Der Kaiser von Österreich wegen seiner sammtlichen , ehemals 

zum deutschen Reiche gehörigen Besitzungen aj mit . . . . . 3732 QM. 

2) Der König von Preussen ebenfalls wegen seiner säunutlicheu deut- 
schen Staaten bj mit 33o7 — 

3) Der König von Baiern mit 1407 — 

4) D^r König von Sachsen mit 340 — 

5) Der König von Ilanover mit 684 — 

6) Der König von Wiirlemberg mit . . , 36o — 

7) Der König von Dänemark wegen der Herzoglhümer Holstein und 
Lauenburg mit 174 — 

8) Der König der Niederlande wegen des Grossherzogthimies Luxem- 
burg mit 110 — 

g) Der Grossherzog von Baden mit 272 — 

to) Der Churfürst von Hessen mit 201 — 

11) Der Grossherzog von Hessen mit 2l4 — 

12) Der Grossherzog von Sachsen-Weimar mit ........ -67 — 

i3) Der Herzog von Sachsen-Gotha mit 55 — 

14) Der Herzog von Sachsen-Meinungen mit ......... 18 — 

15) Der Herzog von Sachsen-Hildburghausen mit ....... 11 — 

16) Der Herzog von Sachsen-Coburg-Saalfeld mit 27 — 

17) Der Herzog von Braiuischweig mit 72 — 

18) Der Grossherzog von Mecklenburg-Schwerin mit 224 — 

uj) Der Grossherzog von ^leckleuburg-StreUtz mit ....... 41 

Flirtrag ii,3l6 Q^i 



I. Land der europ. Staaten. §. 5. Staaten der ersten Grösse. o 

Übertrag ii,3l6 QM. 

20) Der Herzog von Holstein-Oldenburg mit 120 

21) Der Herzog von Nassau mit 102 

22) Der Herzog von Anhalt-Dessau mit I7 

23) Der Herzog von Anhall-Bernburg mit l5 

24) Der Herzog von Anlialt-Köthen mit i5 — 

25) Der Fiirst von Schwarzburg-Sondershausen mit 23 

26) Der Fürst von Schwarzburg-Rudolstadt mit 22 — 

27) Der Fiirst von HohcnzoUern-Hechingcn mit 5 

28) Der Fiirst von Hohcnzollern-Sigmaringen mit l3 

2g) Der Fiirst von Liechtenstein mit 2/° 

30) Der Fiirst von Waldeck mit 22 — 

31) Der Fiirst von Reuss alt. Linie, oder der Fiirst von Reuss-Greiz mit 7 — 
32 — 34) Das fiirsllicho Haus Reuss jüngerer Linie , oder die Fürsten 

von Rcuss-Schleiz, Lobenstcin-Lobenstcin und Lobenstein-Ebcrs- 

dorf, zusammen mit 21 — 

35) Der Fürst von Lippc-Dclmold mit 24 — 

36) Der Fürst von Schaumburg-Lippe mit lo — 

37) Der Landgraf von Hessen-Homburg mit 5 — 

38) Die frcyc Stadt Frankfurt am ^Liiii mit 5 — 

3g) Die freye Hansestadt Lübeck mit 5^-"' — 

40) Die freye Hansestadt Bremen mit 3^'^° 

41) Die freye Hansestadt llamlnirg mit . ■ 5^'° — 

Zusammen 11,761 QM. 
Ohne die österreichisch -preussisch- dänisch und niederländisch- deutschen Be- 
sitzungen , folglich der Flächeninhalt der j-ein deutschen Bundesstaaten, von dem 
Königreiche Baiern an bis zu den freycn Städten herab , oder der Flächenraiun 
Deutschlands gleichsam ini engeren Sinne , beträgt 3gg3 QM. 

E. Frankreich. Die Provinzen, woraus dieses Königreich nach und nach er- 
wuchs, waren vor dcniJahre 1648 folgende: i)L-le de France ; 2) Picardie ; 3) Cham- 
pagne ; /^) Bourgogne ; 5) Dauphine; 6) Ljonois ; 7) Provence; 8) Languedoc; 
g) Guienne ; 10) Orleans; ii) Bretagne; 12) Normandie. Seit 1648 kamen hinzu : 
13) Elsass ; \ li) Franche-Comtc ; \b) Lothringen ; 16) ein Theil der Niederlande; 
17) die Lisel Corsika im mittelländischen Meere. Li dieser Ausdehnung betrug Frank- 
reichs Flächeninhalt iir. Jahre i7go mehr als io,000 QM. , welches Areal von i7g5 
bis Dec. 1810, während der Abwechselung der niannigfaliigsten und entgegengesetz- 
testen Regicriingsformon, durch Friedenstraciate und weitere Verhandlungen, ja selbst 
durch Senatus-Consiille imd Decrete, einen Zuwachs von mehr als 4000 QM. ge- 
wann, so, dass Frankreichs unmittelbares, furchtl)ar gestaltetes Gnmdgebiet sich von 
Rom bis an die Nordsee erstreckte, und ganz Europa unter dessen zerstörendem Ein- 
flüsse stand. Es büsslc aber alles, was es in dieser Periode des Glückes und des 
Übermulhes errang, in den Jahren i8i5, 1814 und i8i5 völlig wieder ein. Lidesscn 

2 



10 I. Laud der euiop. Staaten. 5. 6. Staaten der zweyleu Grösse. 

cihiell CS im Pariser Frieden 1814 — durch die Grossiimih der Sieger — so viel von 
den eroberten Liinderu wieder zurück, dass es ungefähr 10,444 Q^l- hesass, mithin 
einige hundert QM. mehr, als 1790- In dem zwcylen Pariser Frieden vom 20. Nov. 
l8i5 musstc CS aber 181 Q^l- wieder abtreten, nähmhch: das Herzogthum Bouillon ^ 
die Festungen J^/ulijjpei'ille und Marienhuvg j mit ihren Territorien, dessgleichcn die 
Festungen Saarlouis und Landau j nebst dem auf dem Unken Ufer der Lauter ge- 
le"cnen Abschnitt des Departements des JSiederrheins j so wie einen Thcil der Land- 
schaft Gex j das Fiirstcntinim Monaco und denjenigen Thcil Savorens j der in Folge 
des Pariser Fricdenstractats vom 3o. May 1814 bey Frankreich geblieben war. Nach 
Abzug dieser Abtretungen besitzt Frankreich gegenwärtig nach (7/'07/ie ungefähr io/263 
QM. Hassel rechnet dafür 10,264, Fabrl 10,000 luid Klein nur g65o QM. 

a) Nach der österreichischen Abstixumiing vom 6. April 1816 gehören folgende Provinzen 
und Läiidertheile des österreicliischeu Kaiserthumes zum deutschen Bunde : 1) das Erzherzog- 
ihümÜslevreichj 2) das Herzogthum Slererinai-k ; 3) das Heizoglhuni Ä(Vr/i</ie/! ; 4) das Her- 
zogthum Krain ; 5) das österr. Friaul , oder der Görzerkreis (Görz , Gradiska, Tolmein, 
Flitsch und Aquileja) ; 6) das Gebiet von Trlest ; 7) die gelürstete Grafschaft Tjrol , mit 
den Gebieten von Trient und Brixen , dann Vorarlberg , mit Ausschluss \on Weiler; 8) das 
Herzogthum Salzburg österreichischen Antheils ; y) das Königreich Böhmen; 10) das Mark- 
grafthuni Mähren; n) der österreichische Antheil an dem Herzogthume Schlesien, mit In- 
begriff der böhmisch-schlesischen Hcrzogthümer .^asc/i(«(3 und Zalor ; i2) die Grafscliaft 
Hohen-Geroldseck j welche aber x8ig an Baden abgetreten wurde. Der Fliiclicninhalt dieser 
Provinzen und Ländertheile beträgt, ohne die böhmisch-schlesiscben Herzogthümer Ausch- 
wiLz und Zaior , welche seit dem i5. Jahrhunderte mit Polen verbunden waren, und bey 
der ersten Theilung von Polen (1772) mit den übrigen Bezirken an Österreich kamen, 
3617, mit denselben 5737 geogr. QM. Es gehören also etxras mehr als y des österreichi- 
schen Staatsgebiets zum deutschen Bunde. 
6) Nach der, in der 22. Sitzung des Bundestages 1818 gegebenen prcussischcn Erklärung ge- 
hören lolgende preussische Pro\ inzen zum deutschen Bunde: i) Pommern ; 2) Brandenburg ; 
3) Schlesien; 4) Sachsen; 5) If^estphalen ; G) Clecc-Berg : 7) Nieder-Rhcin. Der Flächen- 
inhalt dieser 7 Provinzen enthält 33o7 QM. Es gehört also weit mehr als die Hälfte des 
preussischen Staatsgebiets (s. §. 6) zum deutschen Bunde. 

§. (3. 

Staate n d er z w e y t e n Gross e. 

A. Das osmanische Kaiserihuin. Es begreift: 

a) In Europa : 1) Rum-Ili oder Romanien ; 2) Bulghar-IIi oder Bulgarien; 3) Ar- 
naut-Filajeti oder Macedonien und Osmanisch- Albanien ; 4) Janjah oder Thessa- 
lien; b) Livadie?i (Hellas oder Graccia propria) ; 6) Morah-Pllajeti oder Morea (Pe- 
Idponncsus); 7) Serf-rUajeti oder Sennen; 8) Boschnah-lli oder Bosnien nebst der 
Herzegowina und dem Antheile an Croatien wnA Dahnatisn ; g) die StattJtnltcr- 
schajt des Kapudan- Pascha ^ bestehend aus dem thracischen Chersones und den 
Insehi des Archipelagus ; 10) noch einige Inseln im mittelländischen Meere , woi'unter 
Candia (sonst Greta) die vornciunste ist. 

1)) In Asien: 1) Natolien oder JnadoU ., d. i. Morgenland^ Levante^ auch 
Klein-Jsien genannt j unter den dazu gerechneten Inseln sind Cjpcrn mid Rliodis 



I. L^nd der europ. Staaten. §. 6. Staaten der zweylen Grösse. Ij 

(Rhodus) die vornehmsten j 2) Syrien nebsi Palästina und dem Lande der Drusen; 
^) Mesopotamien oder AL Dschesira ; 4) Tarkomanien oder Türkisch • Armenien ^ 
nebst Kurdistan (Assyrien) und Irak Arabi (Babylonien imd Chaldäa) ; 5) ein kleiner 
Thcil von Georgien mid einige Stücke von Arabien. 

c) In Afrika : 1 ) Aegjpten; 2) OsmaniscJi-Nubien : 3) ein Theil der Landscliaft^rtrÄrt. 

Schulzlander oder mittelbare Provinzen sind : 

a) In Europa: 1) das Furstenthuiu fFalnchey ; 2) zwcy Drittheile des Fürsten- 
thums Moldau; b) in Afrika: die Staaten der Berberer j oder die militärisch-aristo- 
kratischen Reptd^liken : Algier, Tunis \.\in{ Tripoli. 

Der Flächeninhalt dieser Länderinasse , ohne Algier, Tunis tmd Tripoli, wird, 
mehr nach Schätzungen als nach zuverlässigen Daten, zu 45>485 QM. angenommen. 
Davon rechnet man, nach der im Buknreschter Frieden 1812 erfolgten Alitretmig 
von ganz Bessarabien und i der Moldau j zusammen von 85oQ^I., ungefähr 9220 auf 
den europäischen Antheil, 3o,ooo auf den asiatischen und 6260 auf den afrikanischen. 

B. Spanien. Dieses Königreich ist aus 5 Monarchien zusannncngcsctzt : aus Ca- 
stilien j Aragonien und Navarra (Ober-N'avarra), ^vic auch aus den baskisclien Pro- 
vinzen Biscaja ^ Guipuscoa und Alava. 

Zu Castilien, welches fast |- von ganz Spanien nrnfasst, gehören die Königreiche 
Neu- und Alt-Castilien _, Galizia j Cordova j, Sevilla j JaeUj, Granada und MurciUj 
die Fiirstenlhiimer Leon und Asturien untl die Landschaft Estremadura. 

Zu Aragonien gehört: 1) das Königreich Aragonien an sich selbst- 2) das König- 
reich P alencia ; 3) das Königreich Mallorca (.Majorca), bestehend ans den baleari- 
scJien Inseln QMallorca und Minorca) und den pitlijnsischen Inseln (Ä'issa luid Eor- 
menterd) ; 4) das Fiirstenthuni Catalonien. 

Das iireal dieser Bestandtheilc der spanischen Monarchie in Europa beträgt , nach 
Antillon und Crome , 8441 QM. Nach andern wird es von 8885 l>is zu 9400 QM. an- 
gegeben, in welcher letzteren Angabe auch die spanisch-canarischen Inseln mitge- 
rechnet sind. 

Der feste Flecken Olivenca in der Landschaft Estremadura wurde 1801 , nebst 
einem Gebiete von 2 Q^L , von Portugal an Spanien abgetreten, und soll, in Folge des 
loö- Artikels der Acte des ^V. <3. , jetzt wieder an Portugal zuri'ickfallen , ist aljcr 
noch immer von Sjjanien besetzt. 

C. Das brittische Reich. Es besteht aus zwey grossen Inseln, Grosshritannien 
und Irland j welche gegenwärtig durch ein gemeinschaftliches Parlament drey völlig Jiiit 
einander vereinigte Königreiche enthalten. Grossbritannien , die grösste der brittischen 

, und überhaupt aller europäischen Inseln, begreift ungefidir in seinen südlichen zwey 
Dritteln das Königreich England mit dem Fürstenlhmne fFales j in seinem nördli- 
chen Drittel das Königreich Schottland. Dazu konunen noch die benachljarlen Inseln 
Man imd TViglit , und die an der französischen Küste liegenden brittischen (norman- 
dischen) Inseln Jersey _, Guernsey j Alderney \mdSa}-kj welche zu England, dann 
die hebridischen j arkadischen und scIiettläudiscJten Inseln, welche zu Schottland 
gehören. Ausserdem besitzen die Eritteo in Europa die Feslinig Gi'>raltar in Spanien 
an der Strasse nach der Levante; die Insel Malta mit dcji Inseln Gozzo und Camino 



12 I. Land der europ. Staaten. §. 6. Staatep dur zwevtGu Grösse. 

im miitelläiidisclicn Meere, und die vormals dänische Insel Helgoiaiid an der Müa- 
dmig der Elbe. 

Der Flächenrauni dieser Beslandlheile des britlisclien Reiclis in Eurojia belrägl, 
nach CroniCj 546l QM. Davon konnnen auf England 2696, auf Schottland 1451 , auf 
Irland i3o4, auf Malta, Gozzo und Gomino j^, auf Gibraltar und Helgoland 2^ QM. 

D. Das Königreich Preussen. Diese Monarchie enthält: 

a) In ihrer öslliclien Hafte (s. §. g. B.) die Provinzen: 1) Preussen; 2) West- 
preussen; 5) Posen; 4) Brandenburg ; 5) Pommern; 6) Schlesien; 7) Sachsen. 

b) In ihrer ^vcstlichen Hälfte die Provinzen: 8) IFestphalen ; g) Cieve-Berg ; 
10) Nieder- Rhein. 

c) Das Fürstenthuni JSeufchatel. 

Das Areal der ersten Hälfte beträgt, nach einer neuen, bey dem statistischen Bu- 
reau angelegten Berechnung, 4201, das der zweytcn, mit Inbegrilf des Fürstenthu- 
mes Neufchatel, 827, folglich der Flächeninhalt des ganzen preussischen Staates 5o28 
geogr. QM. , wovon 14 auf das Fürsientljum Neufchatel \.omniQn. 

E. Das Königreich /?ä72em«rÄ-. Diese Monai-chie mnfasst gegenwärtig, nach den) 
Verluste von Norwegen , 1) das Königreich Dänemark an sich, bestehend aus zwey 
grossen Inseln, Seeland und Fünen _, mehreren kleinen Insehi und der Halbinsel Jiit- 
land; 2) das Herzogthum ScJdeswig ; 3) die Färöerinseln ; 4) die Insel Island; 5) die 
in den deutschen Staatenbund getretenen Herzogthümer Holstein vmd Lauenburg. 

Der Flächeninhalt dieser Bcstandtheile der dänischen Monarchie in Europa ent- 
hält 2447 Q^h Davon rechnet man 683 für das Königreich Dänemark an sich, 162 
für das Herzogthum Schleswig, 23 für die Färöerinseln, 1400 hii' die Insel Island, 145 
ftir Holstein und 2g fiir Lauenburg. 

F. Das Königreich bejder Sicilien. Es l)egrcift 1) das Königreich Neapels wel- 
ches den ganzen untern Theil des schönen Italiens einnimmt; 2) das Königreich Sici- 
lien j die grössle Insel im mittelländischen jNleere , neijst den um Sicilien hegenden 
liparischen und ägatischen Inseln , und der Insel Panialaria. 

Beyde Königreiche enthalten zusammen 2o37 QM. , wovon 1 }5o auf Neapel , und 
587 auf Sicilien und die dazu gehörigen Insehi kommen. 

G. Das Königreich Portugal. Diese Monaichie enthält 2 llauplthcile von sehr 
ungleicher Grösse: 1) Das Königreich Portugal an sich, mit nachfolgenden Provin- 
zen: a) Entre Ducro e Minho; b) 7ras-los Montes ; c) la Bejra ; d) Estremadura: 
e) Alentejo ; 2) das Königreich y^lgannen. 

Der Fläclienraum dieser Bcstandtheile der portugiesischen Monarchie in Europa 
l)Cträgt, nach y^niillun und Croine _, 1954 gcogr. QM. Andere rechnen dafür 1667, 
wieder andere i8t)2 QM- 

H. Das Königreich //^/(V/7i. Es besteht aus 8 Heicbsprovinzen, hier Kreise ge- 
nannl. Diese Kreise sind uml zwar: 

a) In Osten des Rheins , an beyden Seiten der Dov.au: 1) der /sarkreis (Theil 
des ehemahgen Herzoglhums Baiern _, Berchtesgaden und der an Baiern gekommene 
Aniheil an Ä7/:/'«;'i;\, nähmhch die Gerichte TVaging ^ Putmaning ^ Teisendoi-fund 
Laufen); 2) der UnWr-Donaukreis (vorinaliges Fürstenthuni PassaUj Theile vom vor- 



I. Ldiitl der europ. Staaten. <j. 6. Staaten der -iwejteu uiosse. i3 

maligen Hcrzoj^lliume ^flie/vi j vom vormal. Fürslcnlliimie Frejsitigen^ ; 3) der Ite- 
genkreis (Tlieile von dem vormal. Herzoglhume Baiern und der Oberpfalz ^ von den 
vormal. Fürsteiiihümern Sulzbach und Regensburg ^ mii der Siadl dieses Namens, 
die fürstlich Thurn- und Taxische Mediatherrschaft Wehrt); 4) der Ober-Donau- 
kreis (Theile vom vormal. Herzogth. Baiern _, vom vormal. Fihsleulhume JXeuburg _, 
vom neuen Fürsten th. Eichstüdt des Herzogs yon Leuditenberg clc. , vom vormal. 
Fürsteiith. Augsburg j nebst der Stadt dieses Nahmcns, die vormalige Älarkgrafscliafi 
Burgau; — lürstl. Fugger-Babenhausische j fürstl. Esterhazische _, gräfl. Stadion- 
sche^ gräll. Fugger-GLöttisc.lie_, Fugger- Kirchberg, j Fugger-JSordendorfisclie _, griifl. 
Walbolt-Bassenheimisclie Mediatherrschaften , dessgl. vormal. deutsche Reichsstäd- 
te); 5) der Rezatkreis (Theile von den vormal. Fürstenthümern Aiispach mid Bay- 
reuth j der Oberpfalz ^ vom Mediatfürstenih. Eichstädt des Herzogs J?Mg-erj v. Leuch- 
tenberg j fiirstl. Oettingen-TV allerstein- und Spielbergische j, fürstl. Hohenlohe- Schil- 
üngsfürstische j fürsil. Schwarzenbergische j, hirstl. TVredischcj, grafl. Castellische^ 
gräfl. Pappenheimische j Rechtern-Limburgisch-Speckfeldischc Mediailiorrschaften , 
dessgl. einige vormal. deutsche Reichsstädte) ; 6) der Ober-Mainkreis (Theile von 
den vormal. Fi'irstenthümern Bamberg und Bayreuth j von der Oberpfalz ^ die her- 
zoglich baierische Mediatherrschaft Banz des Herzogs JFilhelm in Baiern , die gräfl. 
Ortenburgische Medialherrsch. Tanibac/ij die gräfl. G/ec/iWc/^f? Herrschaft Thurnau); 
7) der Uiiter-Mainkreis (bisheriges Grossherzogthum JFürzburg, vormal. Fürstenlh. 
Aschaffenburg j die vormal. grossherzogl. hessischen Ämter Alzenau , Amorbach ^ 
Miltenberg und Heubach _, die Fuldaischen Ämter Bi'ückenau j Hammelburg j, Bi- 
berstein und Weihers, verschiedene Mcdiatlande, fürstl. Schwarzenherp^ische_, fiirstl. 
Löwenstein-TFerthlieimische j fürsil. Leiiiingische _, gräfl. Castellische j gräfl. Rech- 
tern-Liinburg-Speckfeldisc/te , gräfl. Schönborjilsche und gräfl. Erbachische Älediat- 
herrschaften). 

b) In ^Vesten des Rheins : 8) der Rheinkreis (Theile von den iVaiizösisciicn De- 
partements Donnersberg _, Saar und JSiederrhein , nähmlich die Bezirke Frauken' 
thal j Landau j Kaiserslautern und Zivej brücken). 

Der Flächeninhalt dieser 8 Kreise lieträgt nach Mensel 1407 Q1M-; Hock tmd 
Cannabich rechnen dafür 1480 QM. ; Fabri i5o5 QM. 

I. Das Königreich Sardinien. Zu diesem Königreiche gehört: 1) die Insel luid 
das Königreich kyrt/v/irtten an sich, im millelländischen Meere; 2) ein Thcil von der 
Halbinsel Italien, und zwar: a) das Herzogthum Savojen j in dem Umfange, welchen 
es im J. 1790 halle, mit Ausnahme der Gemeinde Sl. Julien j welche durch den W. C. 
und den Gencral-Recess der Frankfurter Terrilorial-Commission vom 20. J'^'v 1819 
mil dem Ganton Ge^z/" vereiniget wurde; b) das Fürslcntiium Piemont mit der Graf- 
schaft i\7sGrt ; c) das Herzogthum Montf errat ; d) ein Theil des IJerzogthumcs Mai- 
land; e) die ehemalige, i8l5 in ein Herzogthum verwandelte und dem Könige von 
Sardinien zugewandte Republik Genuas nebst der Insel Capraja, zwischen der nord- 
östlichen Spitze von Corsica und der Küste Toscana's. — Das kleine, in der Graf- 
schaft JSizza liegende Füislenthum Monaco steht unter sardinischer Hoheit. 

Der Flächenraum des königl. sardinischen Staates beträgt, nach Crome j Hassel 



,^ I. Land der earop. Staaten, ij. 7. Staaten der dritten Grösse. 

und Mensel^ \2TJ (nach andern i3oo — l5oo) QM. , wovon auf die Insel Sardinien 
43o i,'erccbnct werden. 

K. Das Könifj^reich der JMeder'lande. Dieses neue Königreich ist gebildet aus der 
Vereinigung der vormaligen Republik der vereinigten Niederlande j nachherigen Ba- 
tavischen Republik (einige Zeit Königreich Holland), mit Belgien j oder den ehe- 
mnW'^cn österreichischen Niederlanden j vormal. burgundischen Kreise des ehemal. 
römisch-deutschen Reichs, in Verlundung mit dem vonnal. weltlichen Gebiete des 
ßisthums Lüttich j und einigen bisherigen königl. preuss. imd königl. französischen 
Bcstandtheilen, nebst dem Mcdiaihcrzogthume Bouillon. 

Das Areal dieses Königreichs beträgt 1164 Q^'- Davon kommen a) 532 auf die 
g nördlichen Provinzen {Holland j Zeeland j, Utrechts Oberyssel _, Friesland ^ Gro- 
ningen,, Geldern j Drenthe und Nord-Brabant); b) 522 auf die 8 südlichen Pro- 
vinzen {Sild'Brabant j Ost- Flandern ^ West-Flandern „ Hennegau, Namur j Lim- 
burg j Antwerpen und Liittich)\ c) no auf das Grossherzoglhum Luxemburg , das 
in poliüschcr Hinsicbi zwar an das Interesse des deutschen Bundes geknüpft ist, aber 
in jeder andern Rücksicht, in eben dem Maassc zu dorn Königreiche der Niederlan- 
de gerechnet wird , als Holstein imd Lauenburg zur dänischen Monarchie gehören. 



Staaten d r <1 r i 1 1 e n G r ö s s f . 

A. Die Schweiz oder die schweizerische Eidgenossenschaft. Dieser verbündete 
Staatskörper besteht gegenwärtig, kraft der Erklärung des Wiener Congresses vom 
20. März i8l5;, der zufolge mit den bisherigen ig Cantoncn {Zürich^ BerUj Lucern, 
Uri, ScliwjZj Unterwaiden , Glarus , Zug, Frejburg , Solothurn , Basel, Schaff- 
hausen, Appenzell , St. Gallen, Graubündten , Aargau j Thurgau, Tessin und 
TFaadt) , als der Grundlage des schweizerischen Bundessystems, Wallis, Neufcha- 
fe/ und Genf, als neue Cantone, vereiniget worden, aus 22 Cantoncn, deren Flä- 
cheninhalt, nach dem Territorial-\'erlusie des Gantons Graubündten aj , aber mit 
dem netten Gebietszuwachse der Cantone Ber?i bj , Basel cj , Neufchatel dj und 
Genf e) , nach Hassel, Cannabich und Meusel zu 871 QM. berechnet wird, an wel- 
cher Gesammtsumme Bern , als der grösste Canton, mit 171 , Genf, als der kleinste, 
mit' 5 QM. Antheil nimmt. Crome in seiner Verhältnisskarte von Europa rechnet für 
die Schweiz 83g, in seinci- Generalkartc von Ilelvetien aber, die, so wie jene Karte 
seinem Werke : „Allgemeine Übersicht der Staatskräfte von den sämmtlichen euro- 
päischen Reichen und Ländern" bcj'gefügt ist, 107g geogr. QM. 

B. Der Kirchenstaat (Slato della Chiesa), oder das weltliche Gebiet des Papstes. 
Es liegt im mittleren Italien, und uraflisst gegenwärtig wieder: 1) die Stadt Rom mil 
ihrem Gebiete; 2) die Delegationen von Fiterbo , Spoleto , Perugia, Camerino , 
Macerata , Ancona j Urbino , Romagna , Bologna und Ferrara; letzlere mit Aus- 
nahme des, auf dem linken Ufer des Po gelegenen Theils , welcher, nebst dem Be- 
.satzungsrechte in den Städten Ferrara und Comachio , kraft des io3. Artikels der 
Acte des W. C, an Österreich abgetreten wurde; 5) das Hcrzogthum Benevent imd 
das Fürsienthtun Ponte Corvo im Ncapoliianischcn. 



I. Laad der europ. Staateo. §. -• Staaten der dritten Grosse. li 

Das Ganze einhält, nach Hassel j Crome und Mensel _, ein Areal von 714 ^'cogr. 
QM.; nach Fabri nur 5oo, nach TVilhelm Meyer abei\, der ein neues geographi- 
sches Werk über Iiahen, mii einer neuen Karte von dieser Halbinsel herausgab, 816 
geogr. QM. 

Das Fiirstenthum Avignon und die Grafschaft J^enaissin in Frankreich, die dem 
römischen Stuhle von den Franzosen schon 1790 entrissen worden, sind, in Folge 
des 3- Artikels des Pariser Friedenstraciais vom 3o. Mav 1814, bcy Frankreich ver- 
blieben. 

C. Das Grossherzogtlumi Toscana. Zu diesem wiedcriiergeslellten Grossherzog- 
thume gehört: 1) das Flor entmische Gebiet 5 2) da.s Pisa?iische Gebiet; 3) das Ge- 
biet von Siena; hieizu , nach dem Art. 100 der Acte des W. C., 4) der vorhin zum 
Königreich Neapel gehörig gewesene Slato degli Presidii ; 5) dcrThcil derInscl_E'/(^a^ 
welcher vor 1801 unter der Lchnsherrlichkeit des Königs beyder Sicilien stand; 6) die 
Lehnsherrschaft mid Souverainetät über das, dem Prinzen Ludwig Buoiicampagni 
erbeigenthümliche Fürstenthum Pionibino auf der Insel Elba ; 7) die im loscanischen 
Gebiete eingeschlossenen, vormals kaiserlichen Lehen Vernio j Montanlo luul Monte 
Santa Maria. 

Das Ganze enthält, nach Crome j einen Flächeninhalt von 426 geogr. QM. ; nach 
Hassel 3g5, nach Fabri 420, nach Cannabich 410 QM. 

D. JJcv Parmesisc/ie Staat, bestehend aus den Herzoglhümeru Parma j Piacen- 
za und Guastalla ^ mit Ausnalime der, auf dem linken Ufer des Po gelegenen Be- 
zirke, welche kraft des Art. gg der Acte des W. C. an Osterreich abgetreten wurden. 
Auch ist im Pariser Tractate vom 10. Juny 1817, in Betracht der besondern Wich- 
tigkeil der Festung Piacenza für das A erlheidigungssystem von Italien, festgesetzt 
worden, dass Sr. k. k. apostolischen Majestät bis zum Eintritt der, auf den Fall der 
Erlöschung der spanischen Linie des Hauses Bourbon l>cstimmlen Reversionen , d;is 
Besatzungsrecbt iu besagter Stadt zustehen solle. 

Der Flächeninhalt des parmesischen Staates wird zu 102 — 106 geogr. QM. be- 
rechnet. 

Ausserdem gehören in diese Glasse 8 deutsche Bundesstaaten : 

E. Hann^'er; F. TFürteniberg ; G. Saclisen ; \\. Baden ; I. Mecklenburg-Sch.we- 
rin ; K. C/iurhessen; L. Grossherzoglhum Hessen; M. Holstein-Oldenburg und N. 
Nassau j von denen, in Ansehung der Grösse des Flächenraumes (s. §. 5) Hanover 
vor Toscana zu stehen kommt ; die zunächst darauf folgenden 6 Staaten alicr nach 
Toscana j jedoch vor Parmas den Vorzug behaupten, und Nassau mit dem parme- 
sischen Staate migefähr von gleicher Grösse ist. 

a) IndeiTi, die Thäler VcUUn, CUifcii (Chiavcnna) und IVorms (Bormio) , welche 1797 schon 
an die damalige cisalpinische Republik abgetreten wurden , durch die Entscheidung des 
W. C. mit dem Rönigreiclie Italien an Österreich übergingen. Dafür erhielt Graubüiidteii 
die kleine österreicliische Herrschaft Razuns wieder, welche innerhalb seiner Gränzen liegt. 

b) Auf dem Wiener Congress wurde der grüsste Theil des Bislhums Basel, nebsl der Stadt 
und dem Gebiete ^on Eiel , dem Canton Bern zugetheilt. 

c) Durch die Entscheidung desselben Congrcsses wurden 3 QIM. mit i2 Gemeinden des Bis- 
thums Basel mit dem Canton gleiches Nahmens vereinigt. 



i6 I. Land der europ. Staaten. §. 8. Staaten der vierten Grosse. 

d) Auch der Canton Neufchalel wurde mit einigen Bezirken \ova Bisthume Basel vergrössert. 

e) Genf erhielt durch den W. C. und den General-Recess der Frankfurter Territorial-Com- 
mission \on Sacoyen einen Landesbezirk von ungefähr 12,700 Einwohnern, worin die Stadt 
CaiTouge liegt, und von Frankreich einen Theil der Landschaft Gex j mit 3ioo Einwohnern, 

§. 8. 

Staaten der vierten Grösse. 

A. Der modenesische Staat, bestehend: a) aus den Herzoglliüniern Modena _, 
Reggio und Miirindola _, in der Ausdehnimg, welche diese Provinzen zur Zeit des 
Friedens von Canipo Fonuio liatten ; b) aus dem Herzogthume Massa und dem Für- 
sienlhume Carrara_, mit dem vormahgen kaiserhchen Lehn in der Lunigiatia ^ wel- 
clte beyde letztere Provinzen, nebst dem besagten Lehn, eigenllich der Erzlierzoginn 
Maria Beatrix von Este mid ihren Eriken und Nachfolgern , zugetheilt wurden. 

Das Ganze enthält einen Flächenraum von imgefahr c\2 — g6 gcogr. QM. , wovon 
auf die Fürstenlhümer Massa und Carrara i5 — 18 gerechnet werden. 

B. Die vereinigten Staaten der jonischen Inseln j oder die jonische Republik ^ 
auch die Siebeninseln-Repub/ik t^enaiml , bestehend aus 7 grösseren und einigen klei- 
nern Inseln im adriaiischen Meere, nahmentlich : 1) Corfic; 2) Paxo vcüx. Antipnxo ; 
3) Santa Maiira ; 4) Theaki (das Itliaka der Alten); 5) CepJialonia; 6) Zante ; 7) Ce- 
rigo (das Cylherca der Allen) mit Cerigetto. 

Diese Inseln enthalten zusammen ungefähr 46 QM-, und sind, durch die Pariser 
Convention vom 5. Nov. i8l5, ausschliesslich unter Grosshritanniens Schutz gestellt 
worden. So ist denn die Beherrscherinn der Meere gegenwärtig auch im Besitze des 
Schlüssels des adriatisclien Meeres. 

C. Die ehemalige Republik Lucca ward im J. i8o5 in ein Fürslenlhum verwan- 
delt, und i8l5 auf dem Congress zu Wien zu einem Herzogthume erhoben. Als sol- 
ches ward dieses Land der vormaligen Königinn von Hetrnrien Marie Loidse_, Infantinn 
von Spanien , und deren männlichen Nachkonmien als Entscliädigimg für deren An- 
sprüche an Parma übergeben, und damit üljerdem eine Rente von 5oo,ooo Franken 
verbunden , deren Zahlung der Kaiser von Österreich und der Grossherzog von Tos- 
cana übernommen haben. 

Der Flächeninhalt dieses neuen Herzogthumes beträgt 20 QM. Andere rechnen 
dafiir 23 QM. 

D. Die freye Stadt Krakau. Diese Stadt und deren Gebiet wurde in einem ad- 
ditionellen Tractat der Schlussactc des W. C. zu einer freyen Stadt erklärt, imd un- 
ter Österreichs, Russlands und Preusscns Schutz gestellt. Sie enthält mit ihrem Ge- 
biete, nach Hasselww^ Creme, ig, \\a.c\\Fabri_, Cannabich und andern aber nur 8 QM. 

E. Die uralte Repnblikette San Marino,, im päpstlichen Gebiete, zwischen Ro- 
magn-a und Urlnno, und unter päpstlichem Schutze, beherrscht ein Gebiet von etwa 
2 QM. , worauf 1 Städtchen, S. Marino j, und 2 Dörfer, Faetano tuid Serravalle j 
sich befinden. 

Ausserdem gehören in diese Rubrik 27 deulsclie Bundesstaaten (s. §. 5- D.), von 
denen 3 fiBrn«/2.yr;/nve7g j Sachsen- Weimar luid Sachsen - Gotha J in Ansehung 



J. Land licr turop. Staaten. ^. g. Giaiuen udJ Lage. 17 

ihres Areals i\i\cli 3Iodena , aber vor den i'ereinigten Staaten der jonischen Inseitig 
6 f Mecklenburg- StrelitZj Saclisen-Coburg-Saalfehij, Lippe-Detmold j, Sclnvarzbiirg- 
Sondcrsh.'iusenj Schwarzburg-Rndolstadt und TValdeckJ nach der jonischen Rc- 
puhhk, ahcr vor Lucca 7A\ stehen kommen, die ülirigen 18 sämniüich kleiner alsZfiC- 
Crtj ajjcr doch grösser als Siin Marino sind; folglich ist dieser Staat der kleinste un- 
ter den sümmtlichen europäischen Staaten. \ ergleicht [man diese Repiddikette mit 
dem ungeheuren russischen Reiche in Europa: so lindet man, dass crsterer Staat sich 
zu dem letzteren wie 1 : 5-],2bo verhalt, oder San Ma.rino's Fliichenraum 5^7^-f^ Mal 
kleiner, als das Areal des europäischen Paisslands ist. 

§•9- 

Gränzen und Lage. 

Die Gränzen der europäischen Staaten sind sämmtlich durch politische , d. i. 
durch Siaalsvertriige bestimmte, Scheidungslinien , die entweder Natur- oder Kunst- 
gränzcn sind, l)ezeichnet. Es gibt Land- imd \Vassergränzen, als natürliche Schutz- 
wehre gegen feindliche Angriffe , und wo sie fehlen , Gränzstädte , Gränzcordone , 
Schanzen mid Festmigen, denen man durch Kunst die Eigenschaft euicr Schutzwelire 
gegen drohende JNachbaren zu ertheilen gesucht. 

AVenigcr kostbare und grössere, aber, wie die Erfahrung alter luid neuer Zeiten 
lehrt, nie volle Siclicrheit hat der Staat, dessen Gränzen schon durch natürliche Be- 
günstigung (durch G'.^birge und ^Valdungcn , Meere, Flüsse und Sümpfe) die Eigen- 
schaft erhielten, die \ ertheidigmig gegen feindliche einfalle von den Nachbarstaaten 
zu erleichtern. 

Dieser natürliche Vortheil aber vergrössert oder vermindert sich, je nachdem die 
Gestalt des Staatsgebiets und die Nachbaren sind. Frankreich z. B. hatte im Vertrauen 
auf die Neutralität der Schweiz überall, wo es an deren Gebiet angränzt, auf der 
ganzen Strecke des Jura, zu seiner Sicherheit nirgends künstliche Forlificationen ange- 
legt; dagegen ist es gegen Deutschland durch eine dreylache Linie von Festungen ge- 
schützt. Je mehr sich die Gestalt eines Staatsgebiets einem vollkommenen Quadrate 
oder einer vollkoumienen Kreisfläche nähert: desto kürzer ist die Ujnfangslinie dessel- 
ben, desto mehr sind die Staatskräfte concenlrirt, desto leichter ist das Land gegen 
feindliche Anfälle zu schützen , und desto gleichförmiger kann die Regierung auf alle 
Theile des Staates wirken. Daher auch das Streben der europäischen Regierungen in 
altern und neuern Zeiten, die Arrondirung (Zurundimg) ihrer Staaten zu bewirken. 
Die verhältnissmässig gedehnteste Gestalt (s. luilen B.) unter allen europäischen Staa- 
ten hat Freusseji ; der am besten abgerundete Staat a!)cr ist FrankreicJi. 

Europa ist auf drey Seiten mit Meeren umgeben; auf der vierten hängt es in ei- 
ner langen Linie an Asien. Im Süden hat es Aas mittelländische Meer j wodurch es 
von Afrika geschieden wird; im Westen den westlichen, und insbesondere den atlan- 
tiscfien Ocean , welcher dasselbe von Amerika scheidet; im Norden denselben Ocean, 
welcher zwischen Norwegen und Grönland auch das Nordmeer hcisst, imd das nörd- 
liche Eismeer. Über die östliche oder Juandgränze gegen Asien waren die Meinimgen 

3 



j 8 I. Laud der curup, ütaitcn. §. g. Gtaiizeu und Lage. 

der Erdheschreiber bisher j^clheilt , scheinon sich aber allj^ciuach darin zu vereinigen; 
dass man he])er eine iialiiiliche als pohlische Gränze annimmt, und so sind auf dieser 
Seile als Griinzliuie von Süden nach iNorden anzusehen: das asowsche Meer, der Don- 
(luss l>is zum Einfluss der Sura in die Wolga , dann das uralische Gebirge. Es lieiTschl 
aber liierbey noch sehr viel Unljesümmies. Dieser Gr'anzbeslimmung zu Folge liegt 
Europa zwischen dem 36' — 71° nördlicher Breite und zwischen dem 8 — ^77' östli- 
cher Länge. 

Die einzelnen europäischen Staaten und Länder aljcr haben folgende Gränzeu, 
und zwar: 

L Die miticleuropiiiscJien Staaten imd Länder. 

A. Das Kaiserbhuni Oesterreich. Gegen Norden: Sachsen in einer Länge von 53 
Meilen von der baierschen bis zur preussischen Gränze ; Preussen an der böhmischen, 
mährischen und schlesisclien Gränze bis an die Weichsel, dem Städtchen Oswiezin 
gegen iiljcr, 37 Ml.; das Geljiet der freyen Stadt Krakau , von der ]ireussischcn 
Gränze bis zur jMundung der Wolika in die Weichsel, 11 ML; gegen Nordosten und 
Osten: Russland von der Gränze der freyen Stadt Krakau längs der Weichsel, Sann, 
Püdhorczc , des Dniesters und des Pruths , bis wo dieser Fluss die Bukowina verlässt, 
ll3^Mi.; das osmanische Reich längs der Bukowina, Siebenbürgen, Ungern, Slavo- 
vien, Croaticn , Dalinatien, Ragusa und Gallaro, 202^- All. ; gegen Süden: das adrialL- 
sche Meer von Cattaro bis zur Mündung des Po; derselbe Strom längs der Gränze 
des Kirchenstaats, i3 Ml.; Modena io|- ML; Parma 144 ML; gegen Westen: Sardi- 
nien am Po und Ticino, 205- Meilen; die Schweiz an der lombardischen und Ty- 
rolergränze 68 ML; das Fürstenlhum Liechtenstein 3i ML; Baiern, längs derTyroler- 
und Salzbui'gergränze bis zur Salzach, an diesem Flusse imd dem Inn l)is zur Donau, 
und nördlich über dieseUjc an dem Böhmerwaldgebirge bis zum Ascher-Dislrict, 148 ML 
Der mächtigste Gränznachbar Österreichs ist in gegenwärtigen Verhältnissen Russland j 
nach diesem Staate ist der wichtigste Nachbar Österreichs Preussen; aber die ausge- 
dehnteste Gränzlinie ist jene mit der Türkey. — In seinem gegenwärtigen Zustande 
bildet der österreichische Staat einen fast ganz zusammenhängenden Erdstrich , der 
sich vom 42° 7' bis zum 5l° 4' nördlicher Breite , und vom 25° 56' bis zum 44° 10' öst- 
licher Länge erstreckt. 

B. Der preussische Staat zerfalh in zwey, durcli andere Staaten getrennte llaupt- 
iheile, den östlichen luid westlidien. 

a) Der östliche, als der bcy weitem grössere (s. §. 6. D.) gränzl gegen Norden: 
an die Ostsee; gegen Osten: an Russland, PoLn und den Freyslaat Krakau ; gegen 
Süden: an Österreich und Sachsen; gegen Westen: an 18 deutsche Bundesstaaten 
(Baiern, Weimar, Gotha, Coburg-Saalfcld , Meinungen und Hildburghausen, l)eyde 
reussische Haupllinien, beyde schwarzburgische und die drey anhaltisclien Häuser, 
Churliessen, Hanovcr, Braunschweig und beyde mecklenburgische Häuser). Die Länge 
des ganzen Gränzzuges der zusammenhängenden Hauptmasse des preussischen Staates 
enlhäit 585 geogr. ML Bildete sie grade ein Quadrat , so würde ihre Umgränzung nur 
260 ML lang seyn; die Länge der Gränzen wird also durch die Unregelmässigkeit ih- 
rer Gestall mehr als verdoppelt. Zu dieser Hauptmasse gehören noch andere Thcile , 



1. Land der europ. Sta.iteu. ■$>. g. Giauzcu und Lage. in 

die tlieils ganz von anderen deulsclien Staaten umsclilossen sind^ wie Gefall, Ziogcn- 
rück^ Kanisdorf, Wanderslcbon , Schlensingon , Bencckcnstein , ^Volfsb^lI•g und Du- 
ckow, tlieils, wie voinchndich dasErfurler Gebiet, nur in geringer Beriilirung mit dem 
Ganzen stehen. 

b) Der westliche Theil, welcher auf der nächsten Landstrassc von Heiligenstadt 
über Kassel auf Warburg 7^ Ml. von dem östlichen entfernt ist, gränzt gegen Norden: 
an llanovcr; gegen Osten: an 8 deutsche Bundesstaaten (Hanover, Braunschweig, 
Lippc-Delmuld, Schaumburg-Lippe, Waldeck, Churhessen, (irossherzogthum Hes- 
sen und Nassau); gegen Süden: an die baierschen, hessen-homburgischen, oldenbur- 
gischen und sachsen-coburgischen Länder auf dem linken Rheinufer , von der Nahe 
oberhalb Kreuznach bis zum Einflüsse der Blies in die Saar, und von da, Ins an die 
Mosel unterhalb Sierk^ an Frankreich; gegen Westen: an die Niederlande mit Ldjc- 
grilf des Grossherzogthums Luxeml)iug. Die Länge dieser Gränzcn beträgt 254 J?<^ogr. 
Ml. Hätte dieser Landcsthoil die Gestalt eines Quadrats: so würde sein Umfmg bey 
gleichem Flächeninhidie nur 114 j\ll. betragen ; die Unregelmässigkeit seiner Gestalt 
veilängert den Gränzzug also um mehr als das ,Do])[ielle. Zu diesem Theile gehören, 
aber hängen nicht mit ihm zusammen: die Siädtc Liigde und TVetzlar ^ dann das vor- 
mals nassauische Amt Atzbach und die Ämter Brauiifels _, Grcifensteui imd Hohen- 
solins ä). 

Der östliche Theil liegt vom 49° 45' — 55" 40' N. Br. , imd vom 27° 40' — 40° 3o'L. ; 
der westliche Theil erstreckt sich vom 4g'' 10' — b'Z" 5o' N. Br. , und vom 23° 5o' — 
27° 5' 0. L. 

Das unter preussischer Honeit stehende Fürstenihnm Neiifchatel mit der Graf- 
schaft P'aleng'ui isK am Jura längs der französischen Gränze gelegen; es stehet mit dem 
Gros der preussischen Monarchie, so wie mit deren politischen Einrichtung in gar 
keiner Berührung; es macht vielmehr einen Theil der Schweizer-Eidgenossenschaft 
aus , und hat seine eigenlhümliche Verfassung. 

C. Deutschliuid gränzt gegen N. an die Nordsee , die Eyder, den schleswig- 
holsteinischen Canal, das Königreich Dänemark und die Ostsee; gegen O. an das Kö- 
nigreich Preussen, das Grossherzoglhum Posen, die Königreiche Galizien , Ungern 
und Croatien; gegen S. an das adriatischc jMeer, an Italien (das lombardisch-vcntLia- 
nische Königreich) und die Schweiz ; gegen W. an das Königreich Frankreich und das 
Königreich der Niederlande. Es erstreckt sich vom i^'S 12' — 55" N. Br. , und vom 2.3 
8— 36' 40' O. L. 

Die verschiedenen, in Deulscldand liegenden Staaten, welche durch den deut- 
schen Bund zu eintem polilischcn Ganzen vereiniget sind, haben, mit Ausnahme Öster- 
reichs und Preussens , folgende Gränzen : 

1) Das Königreich Baieriij, in zwey gelrennten TheUen , a) der grossere, dicssseits 
des Rheins, an beyden Seilen der Donau: gegen N. churhessische , sächsische (gross- 
lierzogl., herzogl. und köuigl. sächsische) und reussische Lande; gegen O. und S. 
österreichisch-deutsche Lande; gegen W. würtembeigische, ])adcnsc]ie und giossher- 
zogl. hessische Lande. Die geographische Lage: vom 47' — 5o' 40' N. Br. und vom 26' 
3o' — o\' 20' L.; b) der kleinere 1 heil , Jenseils des l»lieins, im N. des vog.-sischcn 



2a I. Lüiiil Jui' euiuf>. SUalcü. 'f. 9. Girtiizcju u:id Lage. 

Gcl)ir/js am Rliciii , ist umgehen von Fraukreicli, der prenssisclicn Provinz Nieclei'- 
rheiu, hcssen-hombm-gisclieu mid grosshcrzogl. hessischen Landen. Die geographi- 
sche Lage ist: vom 48' 5o' — 49' 5o' N. Br. imd vom 24'' 42'— 2ß" 12' L- 

2) Das Königreich TFärtemberg ^ an der Donau, ani Neckar, an der raulien Alp 
und am Schwarzwaldc, gränzt gegen N. an Baden und Baiern; gegen O. an Baierii j 
gegen S. an chcn dasselbe, den Bodensec und Baden; gegen W. an den Rhein. Die 
geographische Lage ist: vom 47° 3o' — 4g" 40' N. Br. und vom 25" 40' — 28° L. 

5) Das YdvsieiwXwan LiecJitenstein, am Rhein, ui S. O. vom Bodeusce, zwische-n 
Grauhündien und den zu Tyrol gehörigen vorarlhergisclien Herrschniten. 

4) Die fürstlich- holteiizollernsclien Lande ^ am Schwarzwalde und der rauhen 
Alp, zwischen Wiirtemberg imd Baden. 

5) Das Grossherzoglhum Baden, längs des R.lieins, wodurch es von Franki'eicli 
geschieden wird ; gegen N. Grossherzoglhum Ilesscji und tlie l)aierischen Staaten ; 
gegen O. Würtem])erg; gegen S. der Bodensee und der Rhein; gegen W. der Rhein. 
Die Hallte der Brücke zwischen Strassburg und Kehl gehört zw Frankreich j, die an- 
dere Jlalf'ie zum Grossherzogilium Baden. Die geographisclie I-^age ist: vom 47° 3o' — 
49" 5o' N. Br. und vom 20' 14' — 27° 40' L. 

6) Das Grossherzogthum Nassau _, am Rhein und Main, Ijcgränzt von der preus- 
sischen Provinz Niederrhein, dem Grossherzoglhunie Hessen, dem Gebiete der frcyen 
Stadt Frankfurt am Main luid an dem Rheine , der die südliche Gränze macht. Die 
geographische Lage ist: vom 4g" 5o' — bl° N. Br. und vom 25" — 26° 8' L. 

7) Das Grosshcrzogl huii! Hessen^ in zwey getrennten Abthcihmgen : a) der nördli- 
che Theil , zwischen der preussischcn Provinz ^Veslphalen, den nassauischen, waldecki- 
schen, clmrhessischen imd baierisclien Landen, und dem Gebiete der freycn Stadt 
Frankfurt am Main; b) der südliche Theil, am Main und an bcyden Ufern des Rheins, 
begränzt von dem Gelnele der freyen Sladt Frankfurt am Main, den churhessischen, 
baiei'ischen und baden'schen Landen , der preussischen Provinz Niederrhein und dem 
Rheine, der auf dieser Seite die Gränze zwischen Nassau und dem Grossherzogthum« 
Hessen macht. 

8) Die \imd>^vAÜK-\\-Jiessen-homburgischen Lande^ eljenfalls \\\ zwey a!)gcsondcr- 
len Abtheilungen : a) diessseits des Rheins, in der\Vellerau, zwischen den grosslierzogl. 
hessischen, churhessischen und nassauischen Landen; b) jenseits des Rheins, ein 
Abschnitt von dem vormaligen Saar-Departement des französischen Reichs, zwischen 
dem baierisclien Rheinkreise und der preussischen Provinz Nieden-hein. 

g) Die chnrliessiscJien Lande bilden gleichfalls kein zusammenhängendes Ganzes ; 
um- der eine Haupttlieil liegt gesammelt an und auf den Wesergebirgen, während die 
kleinem zerstreueten Stücke an der Weser, auf dem Thüringerwalde , am Mam und 
in der Nähe des Spessart liegen. Im Ganzen sind dieselben jedoch von der preussi- 
schen Provinz Wesiphalen , den Königreichen Hanover und Baiern, den grossherzogl. 
und herzogl. sächsischen, grossherzogl. hessischen, nassanischen und waldeckischen 
Landen und dem Gebiete der freyen Stadt Frankfurt am Main liegränzt. 

10) Das Fürstenthum IValdeck: a) die Grafschaft Waldeck:, als der eine Theil, 
an der Diemel, zwischen Churhosscn , Grossherzogthum Hessen und der preussischen 



I. Land Jcr europ. Sl.i.iten. §. g. Graiizcn nnd Lage. ?! 

rioviiiz Weslphalciij 1)) die Gnifscliiill Pyrmont j nls der andere Tljoil, uinvcil dei* 
Weser, uingoben von preussisclieu ^ Lianöycrischen und lippe-de'linoldisclieii Landen, 

11) Das Füislenltnim Lip])e: a) die fürsllich /ippe-detmoldisc/ieit Lande, an den 
kleinen Flüssen Werre , Emnier und Aach, z^^isellen hanöverisclien, preussisclien 
und scliaucn])urg-]ippiscLen Landen und der Grafscliaft Pyrmonl; L) die fiirsllich 
schauenbiirff-!i/>pisc/ien Laude, an der Weser und am Slcinliudersce ; umgeben von 
hanövcrischen , preussisclien, lippc-deLmoldischen Landen und von dem cliurlicssi- 
schen Anllicile an Schauenburg. 

12) Das Königreich Hanover. Es bildet kein geschlossenes Ganzes, indem es die 
Gehiete des Grossherzogs von Oldenburg ixnd der freyen Hansestadt Bremen cin- 

"schliessU Es Avird im Osten von den preussisclien, mecklenburgischen und braun- 
schweigischen 5 imSsiden von den sclnvarzl)urgischcn, cluuliessischen und jireussisch- 
westphalischen j im Westen von den lippischen, waldeckischen luid preussisclien Lan- 
den und dem Königrciclie der Niederlande 3 im Norden von der Nordsee, von HolsLein, 
Lauenburg und dem Gebiete der freyen Hansestadt Hamljurg begränzt. Die geogra- 
phische Lage, vom llarzgebirge bis zur Nordsee, vom öl" 3o' — 55" 45' N. Er. und vom 
24° 10' — 2g' 20' L. 

l5) Die herzogl. liolsLein-oldcnhurgischcn Lande: a) Herzogthum Oldenburg ^ 
zwischen der Nordsee und den hanöverisclien Landen an der Weser j h) Fürsicnlhum 
Lübeck _, an der Ostsee luid Trave, umgeben von diinischen Landen luid dem Gebiete 
der freyen Hansestadt Lübeck 5 c) Fiirstenthum JJirkenfeld j im Westen des Rheins 
an der Nahe, ein Aljscluiitt vom vormaligen französischen Departement Saar. 

14) Die herzogl. braunschweig-wolfeubütteF sehen Lande liegen zerstreut an der 
Ocker, Leine, Weser, an imd auf dem Harze, zwischen preussisclien, hanöverisclien, 
anhaltischen und schwarzburgischen Gebieten. 

15) Die grossherzogl. mecklenburgischen Lande liegen liings der Ostsee vom 53^ 
4' — 54° 40' N. Br. und vom 28' 2o' — So" 4' L. , und gränzen gegen N. an die Ostsee j 
gegen O. an Pommern und Brandenburg j gegen S. an Brandenburg; gegen W. au 
Stadt-Lidjeckisches Gebiet, Lauenburg und Ijüneburg. 

^6) Die herzogl. anhaltisclien Lande, in zerstreuten Theilen, an der Elbe und 
iS'rtaZc'j umgeben von der preussisclien Provinz Sachsen und einem kleinen Striche von 
Braunscliwcig. 

17) Das Königreich Sachsen j seit i8l5 fast um die Hälfte verkleinert, gränzt ge- 
gen O. und N. an die preussisclien Lande; gegen ^V. an dieselben, an das FLirslen- 
tlium Akenburg und die reussischen Lande ; gegen S. an die Königreiche Böhmen und 
Baiern. Die geographische Lage ist vom So" lo' — 5l° 5o' N. Br. und vom 29° 35' — 
32° 35' L. 

18) Die grossherzogl. sachsen-iveimäriscJien Lande," in zwey Haupttheilen, a) das 
Fiirsteiitluun /'F(?tmrt/'j an der Saale , Elster, Hm, Orla , Unstrut,^ und Gera, um- 
geben von der preussisclien Provinz Sachsen, den golhaischen, schwarzburgischen 
und reussischen Landen ; b) das Fürstenlhum Eisenach ., am Thiiringerwahlo und 
Rhöngebirge , und an den Flüssen \Vcrra , Llstcr, Nesse, Hörsei und Fulda, be- 
gruiut von preussisclien, churliessisclien, golhaischen luid meinungen'schen Gebieten. 



g» 1. LaiiJ ilei curop. Staaten, '^. g. Grämen uuil Lage. 

in) Die licrzögl. sachsen-gothaischen Lande, in zwey getrennten Hauptdicilen , 
a) das Fiirsienlliuin Gotha an der Um, Gera, Unstrul, llörsel , zwischen prcussi- 
sclien, scliwarzbiirgischcn , weiniarischen , mcimxngen'schen nnd churlicssisclien Lan- 
den; 1)) der grösste Thcil des Fürslcnthunis Altenburg ^ in mehrere Sliioke getrennt, 
Wovon das eine ganz von dem Königreiclie Sachsen, dem preussischen Sachsen, dem 
weimarischen Anthcile des Neustädlerkreises nnd von reussischen Landen umgeben 
ist, und an der Pleisse hegt, das andere an der Saale, zwischen dem preussischen 
Sacliscn, den weimarischen, coLiirg-saalfeldischen , schwarzburgischen und reussi- 
schen Landen sich hinzieht. Indessen hegen l>eyde Fürstenlhiimer , mit dem dazu 
"chörigcn Anthcile an Henncljcrg, an der Nord- und Oslseite des Thüringerwaldes. 

20) Diehcrzogl. S.cobnrg-saalfeldiscJieii Lande, in zwey a])gesondcrien Theilen, 
a) in O. des Rheins, zum Tlieil am Tlütringerwahle , in S. von den herzog), saclisen- 
golhaischen Gebieten, an den Fliissen Hz und Saale; b) in ^V. des Rheins, ein Di- 
strict des vormaligen Saar-Departemenls, zwischen der preussischen Provinz Nieder- 
rhein und dem baierischcn Rheinki-eise, an den Flüssen Nahe, Glanz und Blicss. 

21) Die herzogl. S. meinuiigeiisclien Lande, in S. vom Fürslenihuiue Gotha, an 
der Werra imd an der Hz, in NO. einen Theil des Thüringcrwaldcs, in W. einen 
Theil des Rhöngebirges begreifend. 

22) Die herzogl. S. liihllnirgJiaiisiscJien Lande, in O. vom S. meinungen'schen 
Anlheile an Ilennebcrg ; in W. vom S. meinungen'schen Anlheile am Fiirstenlhume 
Coburg , an der Werra und Rodach und am Thüringerwalde. Ein Stück liegt ge- 
lrennt im Würzburgischen. 

23) T)iG {\ivi\\n'\i schwar-bitrgLSc]ieii\jM\Ao, in zwey abgesonderten Stücken, a) der 
eine Theil, welcher die Oberlieri'scliaft genannt wird, liegt am Thüringprwalde, 
zwischen den grossherzogl. und herzogl. sächsischen Landen und der preussischen 
Provinz Sachsen, an der Saale, Hm und Geira ; b) der andere Theil, die Utiter- 
herrschüf t 'j^enannl, an der Helme, "\Vi[)per und ndbe, ist ganz vom preussisclien 
Gebiete umgeben. 

24) Die fürsiliih reussiscbcii Lande, an der Saale und Elster, zwischen den 
Koniofeichen Sacliscn und Raiern, dem iieusladlischen Kreise inul dem Fiirsiciuliumc 
Ahenburg. 

25) Die freye Stadt Frankfurt _, zu beyden Seilen des Älains. Stadtgebiete, zwi- 
schen Churhessen, Grossherzogthum Hessen inid Ilerzogthum Nassau. 

26) Die freye Hansestadt Lübeck j, an der Tiave, etwa 2 Meilen von ihrer Mün- 
dung in die Ostsee und an der Wackenitz. Stadtge])iete^ an der Ostsee, zwischen 
den mecklenburgischen und oldenburgischen Landen. 

27) Die freye Hansestadt Bremen^ an der ^Veser, etwa i5 ML von ihrer Mün- 
dung in die Nordsee. Stadtgebiete, zwischen hanöverischen und oldenburgischen Lan- 
den, an beyden Seiten der Weser und Wümme. 

28) Die freye Hansestadt Hamburg ^ an der Elbe, welche hier die Aister und 
BlUe aufninmit, etwa 18 Ml. oberhalb der Mündung der Elbe in die Nordsee. Stadt- 
gebiete an der Nordsee, zwischen den Hcrzoglhümern Holstein und Oldenburg. 

D. Die Schweiz oder Sdnveizcr-E'ulgenossenscliaft gränzi gegen N. an Deuti,r}i- 



I. Land der cuiüp. Staaten. §. g GrHnicn uud Lag?. 23 

laiid (Baclcii, Wurlcniberg imd Baiern); gegen O. au dasselbe (Tyrol) ; gegen S. an 
Italien (die italienischen Staaten Österreichs und die des Königs von Sardinien) ; ge- 
gen W. an Frankreich. Durch die Alpen wird die Schweiz von Ilalrcii und Deutsch- 
land, durch den Juia von Frankreich getrennt. Die geographische Lage ist: vom 40* 
40' — 47" 45' N. Br. uud vom 23° 40' — 28° 8' L. 

E. Die fj-eje Stadt Krakaii j an dem Einflüsse der Rudawa in die Weichsel , 
auf dem Puncte, wo die Länder der drcy grossen Mächte, Österreich, llussland luid 
Preussen , zusammenstossen. 

IL Die süd- und westeuropäischen Länder und Staaten. 

A. Italien _, eine Halbinsel, zu welcher mehrere Inseln gehören, erstreckt sich 
südwärts in das mittelländische Meer, von welchem der Theil auf der Ostkiiste, das 
adriatiscJie Meer odi'v :mi-h Act i'etietianisclie Meerbusen _, \u\A der Theil, der die 
Wcslküsle des minieren Italiens bespühlt, das tuscische oder heti'urische'SLeQrhchst. 
An der Landseite bilden die Alpen eine natürliche Gränze dieses Landes, welche es 
in N. von der Schweiz, in N. und NO. von den österreichischen deutschen Provinzen 
und in NW. von Frankreich trennen. Die geographische Lage ist vom 23° 3o — 36* 
3o' L. , und vom 35° 40' — 46" 40' N. Br. 

Die in diesem Lande gegenwärtig bestehenden Staaten hal)cn zu Gränzen , mid 
zwar: 

a) In Oberitalien : 

1) Das Königreich Sardinien j bestehend a) aus der Insel Sardinien im mittel- 
ländischen Meere, ^) aus dem festen Lande. Das letztere: gegen N. den Genfersee 
und die Schweiz, wo hohe Alpen (die penninischen und lepontischen) eine natürliche 
Gränze machen ; gegen O. die Herzogthümer Lucca und Parma , das lombardische Kö- 
nigreich imd der Lago maggiore; gegen S. das mittelländische Meer; gegen W. Frank- 
reich , wo der ^^ar , die See- und cotlischen Alpen natürliche Gränzen bilden. Das 
feste Land des sardinischen Staates erstreckt sich vom 23° 3o' — 27° 5o' L. und vom 
43 40' — 46 40' N. Br. 

2) Das zum Kaiserthum Österreich gehörige lombardisch- venetianische König- 
reich gränzt an die sardinischen Staaten, die Schweiz, an Deutschland , das adrialische 
Meer, die Flüsse Po imd Ticino imd den Lago maggiore. Der Thalwcg des Po 
bis zur Mündung des Goro bildet gegen INIodena, Parma , Piacenza und den Kir 
cbcnstaat die Gränze. 

5) Das Herzoglhum Parma _, nebst Piacenza und Guastalla _, an den Flüssen 
Po und Taro , zwischen sardinischen, lom])ardisch-venetianischen , modenesischen 
und toscanischen Gebieten. 

4) Das Herzogthum il/o<^/<?/jaj nchst Reggio und 3/irandola j am Panaro , zwi- 
schen Parma, Piacenza und Guastalla, dem lomljardisch-venet. Königreiche, dem 
Kirchenstaate, Toscana, Massa und Lucca. 

5) T)aLS Herzo'^ünun 3Iassa j nebst Carrara_, am mittelländischen Meere, zwi- 
schen Modena, Lucca mid Genua. 

6) Das Herzoglhum Zwccßj am mittelländischen Meere, zwischen Genua, Mo'- 
dena und Toscana. 



j^ S. Land der euroj). Slaatcu. ^. g. GriiiizcD und Lage. 

b) lu Millclitalicn : 

y) Das Grossherzogllium Toscana ^ am miuclländisclion Meere, das liier 3as 
tnscische oder /letriuische lieissl, an den Flüssen Arno, Ombrone und Chiana (mit 
Ausnalime einiger getrennlenTheile), zwischen Modena, Luccannd dem Kirchenstaate. 

3) Der Kirchenstaat j am tuscischen mid adriatischen Meere, zwischen demlom- 
hardisch-venet. Königreiche, Modena, Toscana und Neapel. 

n) Die kleine Republik San Marino ^ im Umfange des Kirchenstaates, zwischen 
Ilomagna und UrLino, an der Vereinigung der Flüsse Tamaro und Calore. 

c) In Unlerilalicn : 

lo) Das Königreich JXeapelj Lcgr'anzt gcjuen N. von dem Kirchenstaate; gegen 
W. von dem mittelländischen Meere ; gegen O. von dem adriatischen Meere ; gegen 
S. getrennt diu-ch die Meerenge oder Strasse von Messina, Faro cli Messitia_, von der 
Insel und dem Königreiche Sicilien im mittelländischen Meere. Es liegt zwischen 
dem 3i^ — 36^° O. L., und zwischen dem 37° 5o' — 42° 47' N. Br. Siciliens Lage ist 
zwischen dem 29° 42' — 53" 23' O. L. und zwischen dem 36° 40' — 38" 27' N. Br. 

B. J)\eyQvc\i\\^lQn Staaten der jonischen Inseln liegen im jonischen und ägei^- 
schen Meei-e, an der Küste von Albanien, Livadien und Morea. 

C. Das Königreich Frankreich gränzt gegen N. an den Canal, der es von Eng- 
land scheidet, die Niederlande imd Deutschland; gegen O. an den Rhein, an Deutsch- 
land, die Schweiz und Italien; gegen S. an das mittelländische Meer imd Spanien, 
wo die Pyrenäen eine natürliche Gränze bilden; gegen W. an das atlantische Meer. 
Es hegt zwischen dem i3 und 26° O, L. und zwischen dem 42° und 5l° N. Br. 

D. Das Königreich iS/'«"/e« hat zu Grunzen: gegen N. die Pyrenäen, wodurch 
es von Frankreich geschieden wird, vmd das atlantische Meer, das dort das Meer von 
Biscaya (mare Cantabricum) genannt wird ; gegen O. das mittelländische Meer ; gegen S. 
dasselbe vmd das atlantische Meer ; gegen W. Portugal und das atlant. Meer. Die geographi- 
sche Lage ist zwischen dem 8" und dem 21° O. L., vmd zwischen dem 36° imd 44" N. Br. 

E. Das Königreich Po/t?/,§-rtZ: gegen N. und O. Spanien; gegen S. und W. das 
atlantische Meer. Es liegt zwischen dem 8° 14' — ii°53'O.L. imd 36° 58' — 42° 12'N. Br. 

F. Das brittische Reich: gegen N. das calcdonische Meer; gegen O. die Nordsee; 
gegen S. der Canal, wodurch es von Frankreich getrennt ist; gegen W. Gewässer des 
atlantischen Meeres, von welchen dasjenige, das England von Irland scheidet, die 
irländische See hcisst, und im Süden durch den St. Georgs-Canal mit dem Occan zu- 
sammenhängt. Es liegt vom 7° — 20" O. L. und vom 5o° — 61° N. Er. 

G. Das Königreich der Niederlande : gegen N. die Nordsee 3 gegen O. Deutsch- 
land (königl. hanöver'sche und königl. preussischc Gebiete); gegen S. Frankreich; 
gegen W. Frankreich und die Nordsee. Die gcograpliische Lage: zwischen dem 20' 
und 25° O. L. , und zwischen dem 4g" 3o' und 53^ 5o' N. Br. 

III. Die nord- und osteuropäischen Staaten, 

A. Das Königreich i^rinemarA"; gegen N. der codanische ISIeerlrLisen , Cattegatt 
genannt; gegen O. die Ostsee; gegen S. die Eyder imd der scUeswig-holsteinische 
Canal, wodurch es von Deutschland getrennt wird; gegen W. die Nordsee, von den 
Dänen die Westscc genannt. Dänemark selbst mit Schleswig, Holstein und Laucnbuig 



I. LanJ der curop. Staatou. tj. lo. Colouien, 25 

Jit-yl vom 24° 20' — So" 41' O. L. , und voju 53° 4l' — 58" N. Br. Die Färoer-Inscln und 
die Insel Island liegen ixn nördlichsten Tlieile des allantischen oder amerikanischen 
Occans, jene zwischen 6l° und 62° nördlicher Breite, diese erstreckt sich vom 353" 
■ — 1° östlicher Länge, und vom 63' — 68" nördlicher Breite. 

B. Das Königreich iScArt-et^/e/t mit IVomvegeJi : gegen N. das nördliche Eismeer; 
gegen O. Russland, wo der Torneafluss die Gränze macht^ der hothnische und finni- 
sche xMcerhusen ; gegen S. die Ostsee; gegen W. der Sund, das Cattegalt und die Nord- 
see. Die geographische Lage: vom 55° 22' — 71° 2o' N. Br. , imd vom 21° — 4g°5o'O.L. 

C. Das Kaiserthum Riissland mit dem Königreiche Polen : gegen N. von Tschu- 
cholskoi-Noss an der Berings-Meerenge his zur lai^pischen Gränze an den Eis-Ocean, 
dessen undurchdringliche Massen es vom JNordpole scheiden; gegen O. der grosse 
östliche Ocean, der hier Asien von Amerika trennt, und durch die Berings-Meerenge 
mit dem nördlichen Eismeere zusammenhängt; gegen S. das schwarze, das asow'sclic 
und caspische Meer^ kaukasische Länder, Persien, die freye Talarey und das chine- 
sisclie Reich; gegen W. Norwegen, Schweden, die Ostsee, der finnische und hoth- 
nische Mecrhusen, Preussen, das Grossherzogthum Posen, Schlesien, das Gehiet 
der freyen Stadt Krakau, Galizien und die europäisclie Türkey. Es ist Nachbar des 
österreichischen Kaiserstaates und des chinesischen Reichs, liegt ganz und imunter- 
hrochen auf der nördlichen Hälfte dt bedienen; seit Ablauf dieses 
Termins müssen der Schiffer imd \ des Schiffvolkes des Königs der Niederlande Unlei-- 

ihanen sepu 

D. In Westindien unter den kleinen Antillen r 1) St. Eastach; 2) Sabn ; 5) die 
.viössere Hälfte von St. Martin; 4) Curassao , nebst den kleineren Inseln Aruba ^ 
A\'es und Bonaire. 

' Der Flächenraum der gesammten Colonien der Niederlande wird beyläufig zu 

^230^ 53oo "eogr. QM. angegeben, an welcher Toialsunnue das niederländische Asien 

allein mit 4700 Q^I- Theil nimmt. 

y. Frankreichs. 

A. In Afrika^ imd zwar: 1) im Algierischen die Städte In Calle und Bonne; 

2) in Senegambien die Insel Setiegal ^ mit dem Fort St. Lunis ^ und die Insel Goree ; 

3) die Insel Boiirbon. 

B. In ^.y/e?? ^ u.ud zwar in Ostindien: 1) Ponditscheri ^ gewöhnlich Pondicheri 
geschrieben, die Hauptstadt der französisch-oslindisclicn Besitzungen; 2) Karikal; 
3) Tscliandernagor ; 4) Malte. 

C. In Nordamerika : die heyden kleinen Inseln St. Pierre und Mitjuelon bey Ter- 
re ncuvC;, zum Kabeliaufani; in den dortigen Gewässern nützlich. 



1. Laiul der europ. Sl.iaten. '^, lo. Colouieii : Daiiemaik? ; ScTnveduus j riusslaud.s. 3i 

D. In JFestiiuJien j, und zwar: i) iinler den grossen Antillen einTlicilvon St. Do- 
tningo (Hayli). Diese Insel ist, kraft des oben (I)ey Spaniens Golonicn) eiwiilinten Fi ie- 
denstractates, den Franzosen und Spaniern zuriirlvj;efj;cl)en; die licsiiznalinic dersclhcn 
aller ist durch beA\affneten Widerstand zahlreicher JNeger- und IMulatlencorps gehin- 
dert. Bis Octolier 1820 war diese Insel gelhcill in zwey Staaten; in dem einen war ein 
Negerkönig, Heinrich I. (Christoph), König i'oii Hayti ; in dem andcin war ein Ge- 
neral, Bojej'j Nachfolger des im J. 1818 niil Tode abgegangenen Oberanfiilireis Pe- 
thion. Gegenwärtig ist, in Folge der im Oct. des oben besagten Jahres alisgebroche- 
nen Revolution, ganz Hayti unter ijcye/"' vereinigt , der am 26- Oct. zum Präsidenlcn 
A'on ganz St. Domingo j das fortan republikanisch regiert wird, proclamirt worden 
ist dj. 2) Unter den kleineu Antillen: Guadeloupe ^ Desirade _, Marie Galante , les 
Saintes j Martinique luid die kleinere Hälfte von St. Martin. 

E. In Siidamei'ika: 1) ein Stück von Guiana (s. oben Portugal); 2) die ungesunde 
Insel Cajenne j ein Verbannungsort, vornehmlich für französische Staatsverbrecher. 

Das Areal der gesamniien Golonicn Frankreichs, mit Ausnahme des Anllieils an 
St. Domingo, beträgt ungefähr 1018 geogr. QM. 



VI. D 



a n e m a r 



A. In Afrika: auf der Küste von Guinea die Forts Christiansburg j, Friedens- 
burg j Königsstein ^ Prinzenstein ^ nebst einigen andern Besitzungen , zusammen 
etwa 12 QM. 

B. In Asien: ^\c Stadt Tranquebar ^ mit der Festung Dansborg ^ einem Fle- 
cken und -19 Dörfern auf der Küste Coromandel, so wie auch auf der Küste MalaJjar 
einige Factoreyen ; in Bengalen Friedi'iclisnagor ; dann drcy nikobariscJie Inseln; 
zusanmicn migefälir 20 QM. 

C. In Nordamerika : die Westküste von Gröidand jMvo die Dänen 20 Colonien 
und Ilandelslogen, auf ungefähr 2 — 3oo QM. vertheilt, besitzen. Die wichtigste Culo- 
nie ist Julianshaab j die einzige Colonie, wo Viehzucht unterhalten wird. 

D. In Westindien: luiter den kleinen Antillen die Jungferinseln: St. Thomas _, 
St. Croijc luid St. Jean j zusammen ungefähr 10 QM. ; dann üiie Krabberdnsel_, die 
aucli von den Spanieru und Engländern benutzt wird, 

VII. S c h iP e d e Ji s. 

In TPestindien: unter den kleinen Antillen die Insel St. ßartlieleinj , ungelahi- 
5 QM. gross. 

\ III. R u s s l a n d s. 

Auf der mittleren TVestkiiste von Amerika verschiedene Niederlassungen russi- 
scher Ilandelsgcnossen, insonderheit der russisch-amerikanischen Handelscompag- 
7Üe j bisher ohne unmittelbaren Anlheil der russischen Regierung. Das Ilauptclablisse- 
nicnl ist Kadjak, Sammelplatz aller Pelzwaaren. 

a) Handbuch der Geschichte des europäischen Slaalensyslems und seiner Colonien. \on A. 
II. L. Heeren etc. Göuingen 180g. gr. 8. 

b) S. politisches Journal. i8ic). S. 177 und 246. Der Indus ibl iet/.l <lie Grenze der üb:;;-- 
grossen Besitzungen der brrUisch-oslludischen CüU)pai;iiie. 



-, L Laiwi der euroji. Staaten. §. n. Gcbirgf. 

c) Ausserdem besass Grossbritannien \or dem J. 1783 noch folgende Colonien in Nord- 
amerika: 1) Nen>-Hampshire ; 2) Massachusels mit Main; 3) Rhode-Island ; 4) Connecticul ; 
5) NeiV-York ; 6) New-Jcrsej; 7) Pcnsylfoiiien ; 8) Delaware; 9) Marjland ; 10) Firginicn ; 
11) Nordcarolina ; i2) Südcarolina und i3) Georgien. Diese Besitzungen aber hajten ihrem 
Mutterlande mehr gekostet als eingebracht, und dennoch war, durch den (i755) ihrer 
Gränzen wegen entstandenen Krieg, die englische Nationalschuld beträchtlich gestiegen. 
Grossbritannien forderte daher die Nordamerikaner auf, ihm die Kosten durch einen Bey- 
trag zu vergüten. Hierüber brach in, den Colonien ein allgemeines Missvergniigen aus , und 
man weigerte sich durchaus in irgend eine Auflage zu willigen, die nicht von der Nation 
selbst gebilligt sey. Ein völliger Aufstand gegen das Mutterland erfolgte 1773, und nach ei- 
nem zehnjährigen Kampfe sah sich Grossbritannien in dem Pariser Frieden von 1783 ge- 
zwungen, in die Unabhängigkeit der i3 verbündeten Staaten von Nordamerika zu willigen. 
Diese Revolution gehört zu den wichtigsten Begebenheiten, welche in die Uni\ ersalhistoric 
■ßuropa's eingreifen. Sie entzündete zuvörderst einen blutigen Krieg zwischen Frankreich 
und England, in welchen auch Spanien und Holland verwickelt wurden; aber ^orzüglich 
verdienet sie als der Anfang der Revolutionen betrachtet zu werden , die seitdem in mehre- 
ren Staaten unsers Erdtheils vorgegangen sind. - In den Bund der besagten dreyzehn ver- 
einigten nordamerikanischen Staaten wurden in der Folge noch 11 andere Provinzen aufge- 
nommen, als: 1^) J'ernaont ; i5) Kenluckj- j 16) Tenessee ; \'j)Chio; iS) Louisiana ; ic)) Mis- 
sisippi : 2o) Illinois; 2i) Indiana; 22) Maine; 23) Alabama; 24) Missurij so, dass die i3 
vereinigten Staaten von 1783 jetzt schon auf 24 angewachsen sind, die sämmtlich durch 
ihre repräsentative Verfassung an der allgemeinen Regierung Antheil nehmen. Ausserdem ge- 
hören zu diesem Staatenvereine noch andere Gebiete, die aber, noch ohne repräseniative 
Verfassung , ganz von der Central-Regierung abhänge« , als : Misckigan, Columbia , das west- 
liche Missari ) Arkansas , Nordwest- 3'ern'/o/^ und die beyden Florida's. — Durch die grosse 
Ausdehnung seines Gebiets von ungefähr g3,ooo QM. , durch seine rasch zunehmende Be- 
völkerung (1783 nur 2,383, 3oo Seelen , jetzt schon über 10 Milk), durch sein rastloses Em- 
porstreben in der Industrie und seinen über alle Erdtheile verbreiteten Handel , wird dieser 
Staatenverein mit der Zeit einen bedeutenden Einfluss auf die Schicksale Europa's erhallen. 
England sieht in demselben immer mehr einen mächtigen und furchtbaren Nebenbuhler. 

tA Geschichte der Insel Hajli oder St. Domingo, besonders des auf derselben errichteten Ne- 
gerreichs. Hamburg , 1806. Vergl. H. A. L. Z. Nr. 68.' S. 556 iT. 

O b e r f 1 ii c h 1 1 1. Ii e B e s c h a f f i; n li e i l. 

§•11- 
Gebirge. 

Die Oberjläche misers EidlLeils ist sehr ungleich, inelir oder weniger diirc]i he- 
deulende Unebenheiten unterhrochen, so dass die Gebirge etwa den zehnten Theil 
des Landes einnehmen, und demselben mannigfachen Nutzen gcwiihren. Sie ziehen die 
Wasscrdiinste an sich, und werden so die wichtigsten Vonathsörtcr zur Untcrhahung 
der strüIuendenGe^^ässer, eine nothwendigeBedingimg der Fruchtbarkeil des Landes, 
und indem sie den Abhang bis zu den niedrigsten Puncten der Erdflache veranlassen , 
welcher zur Bewegung der Gcwüsser nölhig ist, verbreiten diese, in enge Betten eiu- 
gescldossen, Fruchtbarkeit idjer den ganzen Erdstrich, den sie in ihrem Laufe be- 
rühren. Ausserdem bilden die Gebirge natürhche Gränzen imd Schulzwehren der 
Länder gegen feindhche Angriffe, vcrviellähigen das Klima und inin^cn ciie rcil/.eiul- 



1. Land der europ. Staaten ^. ii. Gibirge. 33 

ste Mamiigfalüi^keit in die Naüir. Ein Sliiiulpnnci auf ihren Iluhen gcwiiliii uns ciuc 
erweiterte uncl anyenelime Anssiclil älter die Fluren und Gewässer der Erde. Ihr Rü- 
cken ist gewöhnlich mit Waldungen und heilsamen Krautern besetzt, und im Innern, 
oft nahe an der äussern Fläche, lindet man vieleiley Schätze von ^liueralien. Endlich 
sind die Gebirge für das feste Land gleichsam das Gerippe, welches den Körper zu- 
sammen hält und gegen die Flulhen des Meeres am kräftigsten schützt. Eben desshalb 
müssen sie gleichsam ineinander greifen und mit einander in Verbindung stehen. Diese 
Verbindung ist zwar nicht innncr auf der Oberfläche der Erde sichtbar 5 desto deutli- 
cher aber zeigt die Erfahrung, dass mehrere Gebirgsketten von einem gemeinschaftli- 
chen Hauplgliedc, Avie Strahlen aus einem gemeinschaftlichen Mitielpuncte, ausgehen, 
wo die höchsten Spitzen liegen. Man findet dieses Glied, wenn man den Lauf der 
Flüsse aus verschiedenen Wellgcgenden bis zu ihren nahe bey einander liegenden 
Quellen verfolget. In Europa sind es die Alpen aj ^ die Helvetien von Italien trennen, 
besonders die Gegend um den St. Gotthavd ^ zwischen den Quellen des Rheins ^ der 
j4av j des Rhones ^ des Tessins und des Inns. Mit diesem Gcbirgsstocke hängen die 
Pyrenäen bj und die KarpatheJi cj durch Bergreihen zusammen, und strecken meh- 
rere Zweige ans , die erst im OsLeit an den IMündungcn der Donau , im ^Vesteri am 
Cap Finisterre, im Süden am Faro von Messina und im Norden an der Strasse von 
Calais endigen. — Ein anderer solcher Gebiigsstock scheint in der Gegend von Mos- 
kau zwischen den Quellen der TVolga^ des Dons ^ des Dnepers ^ und der Dana zn 
liegen, ist jedoch mehr eine sein- hoch gelegene Fläche, als ein eigentliches Gebirge, 
erhebt sich aber weiter nordwärts zu einem beträchtlichen Ge])irge , welches unter 
dem Nahmen Kölen oder Klölen clj , auch Sewegebirge j in der Gestalt eines Huf- 
eisens die Gränze zwischen Schweden tmd Norwegen macht, imd schüesst sich dtucli 
andere Erdriicken ostwärts an das asiatische Giänzgebirge , den Ural j südwärts an 
den Kaukasus, und westwärts an die Ärtr/^r/^Ae//. Alle übrigen Gebirge inisers Erd- 
theils können mit den Alpen ^ Pyrenäen und KarpaÜien^ so wie mit dem Gebirge 
Holen j weder in Ansehung ihrer Ausdehnung, noch in Hinsicht auf ihre Hölie ver- 
glichen werden, obgleich das Gebirge, welches Schottland mid England von N. 
nacli S. durchzieht, ein beträchtlicher Bergrücken ist. 
a) Das ausgedehnteste und höchste aller europäischen Gebirge. Es erstreckt sich vom 23. bis 
35.° östlicher Länge , und liegt zwischen dem 44- und 48-° nördlicher Breite ; ist in SW. 
von dem Rhone im südlichen Frankreich; in ISO. ^on der Donau in Ungern; in S. und 
SO. von dem mittelländischen Meere, dem Po, dem adriatischen Meere, der Kulpa und 
Sau; in "N. und NW. von d.^r Donau in Deutschland, dem Rheine an der nöniüchcn Grän- 
ze der Schsveiz und dem Doubs im Jura begränzt. Diesem zufolge durchläult dieses Ge- 
birge in Frankreich , tich'eliea j Itiilicii, Deutschland , Lroalien und Slawonien 11 — 12 Län- 
gen- und 2 — 4 Breitengrade, und nimmt einen Fläclicnraum von 5 — 7000 QM. ein, die 
von mehr als 6 — 7 MiU. Menschen bewulmt werden. Die Römer Avurdcn nach und nacli 
mit den verschiedenen Theilen der Alpen auf iin'en Heereszügen bekannt, und gaben ihnen 
verschiedene Nahmen : a) die Mecralpea (Alpes maritimae) erstrecken sich von der Küste 
des mittelländischen Meeres , zwischen Oneglia und Toulon , über den Col ardcnte und 
dl Tende bis zum Monte Viso , und scheiden Piemonl \on der Provence und dem Meere, 
b) Die coltischeiL Alpen (Alpes Colliae) dehnen sich vom Monte Viso über den Mont Ge- 



j J. l,,i.id ucr etivt.p. Stn^ileii §. ii. Gebirge. 

nevrc bis zum Moni Cenis , und trennen Piemont von Dauphine. c) Die grauen Alpen (Al- 
pes Grajae) ziehen sich vom IVfont Cenis über den Isarn und kleinen Bernhard bis an den 
Col de bon honimc , und scheiden Piemont von Sacoyen. d) Die pcnninischen. Alpen (Alpes 
Penninae oder Sunimae) erstrecken sich \ om Col de bon homme über den Montblanc , den 
grossen Bernhard - den Combin bis zum Mont Rosa , und trennen Piemont von Sapoyen 
und Unler-lVallis. e) Die Schweizeralpen (Alpes Lepontiae , auch Adulae) ziehen sich vom 
Mont Rosa auf beyden Seilen des Wallis-Thaies über das Gotthardsgebirgc bis zum Mo- 
schclhorn und Bernhardino in Graubündten , und bilden die natürliche Gränze zwischen 
der Loinbardie und der Schweiz, f) Die rhütischen Alpen (Alpes rhaelirac) verbreiten sich 
vom Bernhardino durch Graubündten und Tyrol bis zum Dreyherren-Sj)ilz , auf der Gränze 
von Salzburg und Rärnthen , und südlicher bis zum Monte Pelegrino , und trennen die 
Lombardie und einen grossen Theil der vtneliunischcn Terra firma von Deulschland. g) Die 
norischen yllpen {A\pes noricae) erstrecken sich vom Dreyhcrren-Spitz durch ganz Kärnlhen, 
Salzburg, Österreich und Siejermark bis in die Odenburger Ebene Ungerns. h) Die karni- 
srhen Alpen (Alpes Carniae) reichen vom Pelegrino zwischen der Sau und Drau bis zum Ter- 
glou , am Ursprünge der Sau. i) Die jalischen Alpen (Alpes Juliae) gehen \ om Terglou , zwi- 
schen dem rechten Ufer der Sau , der Rulpa und dem adriatischen Meere , bis zum Felsen 
Kiek bey Zengh , scheiden F/'/auZ und Islrien , und überhaupt s,anz Oberilalien \on Kärnlhen, 
Krain, Croatien und Slawonien, k) Die dinarischen Alpen erstrecken sich vom Rlek bis nach 
Sophia , längs den rechten Ufern der Sau und der Donau , und gehen über in das türkische 
Gebirge, den Hämus (oder Balkan, auch sardisches Gebirge genannt), welcher sich in den 
Vorgebirgen Emineh Burnu am schwarzen Meere, undRaraßurnu am Bosphorus endiget. — 
Von den Meeralpen läuft , zwischen Tenda und Coni , jene lange Gebirgskette aus , welche 
unter dem Nahmen der Apenninen, in paralleler Richtung mit ihnen , nach ONO. vier Län- 
gengrade durchläuft, bey Modena sich plötzlich krümmt, und dann nach SO. mitten durch 
Italien bis zum Faro von Messina zieht. — Von den grauen Alpen steigt nordwestwärts ein 
Bergzug auf, welcher unter dem Nahmen des Juia im Westen der Schweiz zieht, und die 
Gränze zwischen Frankreich und der Schweiz macht. Als eine Fortsetzung dieses Gebirges 
kann man ansehen die J'ogesen (den Wasgau , Vosgcs) , die sich zwischen dem Elsass und 
Lothringen hinziehen, und die Ardennen im nördlichen Frankreich, Luxemburg und Lüt- 
tich. — Mit den Schweizeralpen stehen in nordwestlicher Richtung die Arlberge mit dem 
Bregenzerwalde bis zum Bodensee in Verbindung, welche sich nördlich und nordöstlich in 
Schwaben an die rauhe Alp und nordivesllich an den Schu^arzwald anschliessen. 
6) Die mächtigste Gebirgskette im westlichen Europa, durch welche Spanien und Portugal in 
Norden, theils unmittelbar, theils mittelbar, in einer ununterbrochenen Länge begränzt 
werden; daher denn bevde Reiche mit dem schicklichen Nahmen der Pyrenäen- Halbinsel 
benannt werden. Dieses zweyte Ilauptgebirge Europa's scheidet Frankreich von Spanien in 
einer Linie \ on etwa i2o Stunden Weges, in welcher Ausdehnung etwa 5 fahrbare Wege 
(Pässe, Ports, unter denen der Pass von ßaj'onne nach Sl. Jean de Liiz über das Gräiiz- 
flüsschen Bidassoa (Bidassao) nach Vitloria der bequemste ist) ans Frankreich nach Spanien 
führen. Es verbreitet seine Zweige , worunter die Sierra Neijada selbst das Muttergobirge 
an Höhe übertrifft , und die von Olapides angebaute Sierra Morena die berühmteste ist , in 
Fächerform über die ganze pyrenäische Halbinsel. {Sierra im Spanischen und Serra im 
Portugiesischen hcisst eine Gebirgsreihe , von dem Worte Sierra , eine Säge , weil sie so 
gezackt sind.) — In Frankreich erhebt sich ein Seitenast der Pyrenäen, unter dem Nahmen 
des Lor.<!;-e-Gebirges nördlich ^ on Montpellier , imd thollt sicli nördlich fortgehend bey den 
Quellen der Loire in zwey Zweige: der nordwestliche ist bekannt unter dem Nahmen des 
rauhen und steinigen Gebirges von Auvergne , welches zwischen der Loire und derGaronne 
bis zur See fortsetzt; der nordöstliche streicht unter dem Nahmen der Sct>ennen (Cevennes) 



1. Land der europ. SUatea. §. i2, Hölieuleiler der erhabcnsteu Puucle. 35 

zwischen der Loire und dem Rhone nordwärts, erhält, in der Gegend von Dijon den Nah- 
men Coic (Cor (Goldhiigel) , und zielit sich von hier theils östlich zu den Fogesen , theils 
nördlich zu den Ardennen (s. oben Note d) , theils nordöstlich zwischen der Loire und dci' 
Seine bis in's Departement Finisterrc bey Brest. 

e) Das dritte grosse Gebirge in Europa. Es umfasst die nördliche Hälfte Ungerns, umschliesst 
von allen Seilen Siebenbürgen wie mit einem ungeheuren Walle, durch welchen 14 l'ässe 
führen, verbreitet seine Aste auch durch einen grossen Thell des südlichen Ungerns, der 
osmanischen Pro\ inzen , Galiziens, Schlesiens und Mährens, und bildet zugleich natürli- 
che Gränzen dieser Länder gegen einander. — An die Ivarpathen lehnt sich an der Gränze 
von Ungern und Mähren das hercyiiische Gebirge an , eine grosse Gebirgskette , deren nörd- 
liche Fortsetzung den Nahmen der iS(/f/e(f7ij dann des Vuesengehir^es und des hergebirges 
erhalten hat, welche Böhmen von Schlesien und der Lausitz trennen. — Eine andere Ge- 
birgskette, die bey den Salzburger Alpen anfängt, zieht sich unter dem Nahmen des Böh- 
merwaUles zwischen Baiern und Österreich, dann z^vischen Baiern und Böhmen, und 
streckt einen östlichen Zwei^ unter dem Nahmen des M anhart sberges zwischen Böhmen und 
Osterreich vor. An den nördlichen Theil des Böhmerwaldes reiht sich ein Gebirgszweig 
an, der sich östlich unter dem Nahmen des Erzgebirges ^ westlich mit dem Nahmen des 
Fichlelgobirges fast in der Mitte von Deutschland hinzieht. Dieses scheidet Baiern von den 
sächsischen Staaten , jenes Böhmen von Sachsen , und hängt durch einen Zweig sanfter 
Mittelgebirge, welche das höhm'ische Milielgebirge genannt werden, mit dem hergebirge , 
von welchem sich in Nordwest nn^hrere Zsveige durch die Oberlausitz ausbreiten , zusam- 
men. — Nordwestlich steht das Fichtelgebirge mit dem Thüringeru-'ulde , ^velcher durch die 
sächsischen Herzogthümer streicht , und nördlich mit den Vorbergen des Harzes in Ver- 
bindung. Dieses nördlichste der deutschen Gebirge sendet einen kleineren und niedrigeren 
Theil (den Unlerhar:) nach Osten (bis in's Mansfeldische) , einen grösseren und höheren 
aber (den Oberha'-:) westlich bis an und über die Weser, welcher Theil das Pf^esergebirge 
heisst, und bey Minden die sogenannte westphäUsche Pforte bildet. Von diesem Gebirge 
laufen westlich das sauerländlsche Gebirge und der kf^estenvald , welche mit dem Siebenge- 
birge am Niederrhein endigen. — Südwestlich vom Thüringerwalde erstreckt sich das Rhön- 
gebirge , welches Baiern von den hessischen Landen scheidet, und der Taunus, welcher 
sich bis an deri Rhein zieht. Noch weiter gegen Süden läuft eine Fortsetzung davon in nie- 
drigem Gebirgen unter dem Nahmen des Spessarls zwischen AschafTenhurg und Würzburg, 
dann des Odenwaldes in Baden, wo die höchste Spitze, der Kö nigs stuhl , sich schon an 
den Schwarzwald (s. oben Note a) anlehnt. Jenseils des Rheins ist der isolirte Donnersberg 
und der Hundsrü'k , welche sich an die Fogesen lagern, deren Fortsetzung in westliclier 
Richtung unter dem Nahmen der Ardennen bekannt ist, an deren nördlichem Abhänge der 
westlichste Theil der deutschen Bundesstaaten sich lehnt. 

rf) Es ist das vierte und letzte Hauptgebirge Europa's , und kann mit Ri'cht den Nahmen der 
skandinacischen oder nordischen Alpen führen. Es theilt sich bey Röraas in Norwegen in 
zwey Hauptarme. Der östliche Theil verfolget die schwedische Gränze südlich herab bis 
etwa zum 61. Grade, und läuft dann südöstlich nach Schweden hinein. Der westliche Theil 
heisst in der Strecke von Röraas bis Romsdal und Guldbramsdal Dofreßeld; von da bis 
Lindenäs , der südlichen Landspitze Norwegens , Langfield, 

§• 12. 
Höhenleiter der erJiabensten Puncte. 

Die höchsten bekannten Gebiryc der Erde sind, nach der bislicrii^en Meinnng , 
die Cordilleren de los Jndes ia Auierü^a; wo der höchste Berg auf unserm Erdbo- 

5* 



55 I. Laud der europ. SUaten. §. i2. Höhcnleiter der erhabensten Puüctc. 

den, der Tschimhorasso (Chiinborasso) , nach v. Humboldt _, 35/iO Toisen rtj ^ oder 

20,040 Fuss hoch über dem Meere ist. Aber nach neueren Berichten von briilischen 

Reisenden aus Thibet , der asiatischen Schweiz, wird diese Höhe übertroffen von 
dem weissen Berge, dem höchsten Gipfel der Bergkette Himalaja (Himmelberg, 
Imaus) m Mittel-Asien, der 27,000 Fuss hoch über dem Meere seyn soll. 

Die merkwürdigsten Gebiigskuppen in Europa sind: Fuss über dem Meere. 

Der Montblanc oder Mont Maudit bj in Savoyen 14,556 

Die Ortelesspitze in Tyrol 14,406 

nach andern . . . ' 14,004 

Der MoiU Rosa in Piemont 1 4,388 

nach andern 1 3,428 

Das Finsteravhorn in der Schweiz l3,234 

Der Furka oder Gabelberg in der Schweiz 1 3,1 71 

Die Jnngfrau in der Schweiz 12,872 

Der iiönc7t in der Schweiz 12,66o 

Das iScÄrec/i/jor« in der Schweiz 12,562 

Der Grossglockner an der dreyfachcn Gräuzc von Tyrol, Käinihen 

und Salzburg 11^988 

Das TFetterhorn in der Schweiz • 11,743 

Der I>o(7t in der Schweiz ll,o37 

Das Hochhorn in Salzburg 10,63o 

Der ^ic'^/i^i (Monte Gibello) auf Sicilien io,63o 

nach andern 10,282 

Der Montperdil ^ PyrenäcnspiLzc in Spanien 10,578 

Der i>/rt/«<^e«rtj Pyrenäenspilze in Spanien lo,5oo 

Der grosse St. Bernhard in der Schweiz cj lo,38o 

Der Fignemale ^ Pyrenäenspilze in Spanien lo,332 

Der Simplon in der ScFiwciz lo,327 

nach KiuLz 6,2oo 

Der Felan in der Schweiz lo,3oo 

Der Marbore'j Pyrenäenspitzc in Spanien 10,200 

Der PJc /o«g-j Pyrenäenspitze in Spanien 10,008 

Der St. Gotthard in der Schweiz 10,000 

nach andern 9'9Ö4 

Der Terglou in Krain 9'744 

nach andern 10,194 

Der Grimsel in der Schweiz 9;2o4 

Der Watzmann in Salz!)urg 9,i5o 

Der Kogel in Salzljiug g,l00 

Der i?of07U^ auf Corsika 9'000 

Der Monte Legnone in der Loniljaidie 8,436 

Der Dachstein oder Hallsiädter-ScJineeberg in Östcrr. ob der Enns 8,400 

uacli andern 9,o36 

Der r<»n>'o;i^ Pyrenäenspilze in Frankreich 8,600 



I Land der europ. Staaten. §. 12. Höhcnlciter der erhabensten Punctc. 37 

Fuss iil)cr dorn Meere. 

Die Lomnitzerspitze in der Zips in Ungern 8,400 

Dev Gran Sasso in Neapel 8/253 

nach andern 8,000 

Der Ä^fwa« in der LipLaucrgcspannscliaft in Ungern 8,100 

nach andern 7^818 

Der Monte Vellino in Neapel 7,800 

Der Schneehättan in Norwegen . . . . • 7,628 

Der Budislav in Siebenbürgen 7,428 

nach Kunz g,ooo 

nach noch andern 6,888 

Der Sund in Siebenbürgen 7)078 

nach Kunz . 8,600 

Der Grimming in Sleyermark 7,200 

Die Stangalpe in Sleyermark '^A^o 

Der Moni ventoux bey Avignon in Frankreich 6,800 

Der Schneeherg in Ösierreich miter der Enns 6,444 

Der Mont d'ov in Frankreich 6,288 

Der Oljmp in Thessalien 6,000 

Der Athos in Macedonien 6,000 

Dar Sjltopp in Schweden ^ . 6,000 

Der Oetscher in Österreich unter der Enns 5,g4o 

Der CrtH^rt/hi Franki-eich ^ . 5,go4 

nach andern 5,700 

Der Mont Cenis in Italien 5,8oo 

Der TVechsel in Sleyermark 5,074 

nach andern . 5,3io 

Der TFellebit in Croatien 5,4oo 

Die höchsten Gipfel des Juragebirges : der Reculet 5,286 

der Dole . 5,2o8 

<ler 3/o7it Tendre .... 5,202 

Der Puj de Dome auf den Sevennen 4^5oo 

nach andern 4.'902 

Die Schnee- oder Riesenkuppe , der höchste Gipfel des Riesen- 
gebirges dj . 4'884 

Der grulichev oder spiglitzev Sclineeherg bev Glaiz . , . ^ . 4j38o 
Der Ben-Ewischj die höchste Spitze der Gvamp'uins im schotti- 
schen Hochlande • 4'370 

Der Ballon auf den \ ogesen 4>3oo 

Der He kla auf Island 453oo 

Der Ingleborough in Cumlierland • 3,goo 

Der Fesuv in Neapel 3,700 

Der Brocken auf dem Harz 3,486 

Der Suuwdon im Fiirstenlhume Wales . 3,4oo 



5g I. Land der euiop. Staaten. §. x3. Gletscher, Lawiuen und Bergstürie. 

Von diesen Bergen sind nur drey : der Aetna ^ der Vesuv und der lieht n ^ Vul- 
cane. Ausserdem werfen noch neun Jockeln auf Island und zwey Berge auf den li- 
parisclicn Inseln, Stromboli und Volcano j, Feuer aus e). Sicilien hat auch einen 
Schlanun auswerfenden Berg {Volcan de baue), Mikulluba. Einen ähnlichen halP<//- 
las in der Kriinm entdeckt. Berge, welche zündhares Gas und Wasser zugleich aus- 
werfen, befinden sich zu Boselj in England/^. 

a) S. Jen. A. L. Z. Nr. 89. 1809. S. 100. 

b) Das von den Moiitagnes Maudits eingeschlossene Thal ChamoUTvy in der savoy'schen Ba- 
ronie Faiicigny , liegt 3i44 Fuss über der Meeresflache. S. Anton Fr. Bäschings Vorberei- 
tung etc. 6. Aufl. , herausgegeben von G. P. H. Norrmann. Keutlingen , 1804. S. gg. 

r) Auf der Höhe von 8400 Fuss legte der heilige Bernhard du Meuthon im J. 968 ein Hospi- 
zenkloster an (die höchste menschliche Wohnung in Europa) , in welchem zwölf Augusti- 
nermönche die Reisenden aufnehmen. (S. A. Fr. W. Croines allgemeine Übersicht der 
Staalskräfte von den sämmtlichen europäischen Reichen und Ländern 11. s. vv. Leipzig , 
1818. S. 618.) Diese Rlostergeistlichen richten Huride (dänische Doggen) dazu ab, die un- 
ter dem Schnee verunglückten Wanderer aufzusuchen. S. Jon. A. L. Z. 1810. Nr. 258. S. 262. 

A) Die Bewohner des Riesengebirges trifft man in ihren Bauden (hölzernen Häusern) noch 
716 Klafter hoch über der Meeresfläche an; also kaum um die Hälfte niedriger, als die 
Augustinermönche auf dem grossen St. Bernhard wohnen. 

c) Hr. C. N. Ordinaire gibt in seinem Werke: Histoire naturelle des Volcans , comprenant 
Ics volcans soumarins, ceux de boue et autres phenomenes analogues. Paris, 1802. 8. 
(Vergl. Götting. gel. Anz. St. 60. i8o3. S. 697 — 600) die Zahl der in allen fünf Erdlhei- 
len existirenden Vulcane auf 2ö5 an , an welcher Gesammtsumme Amerika den grössten 
Antheil hat. Nach andern beträgt die Zahl derselben 400. 

./') S. Götting. gel. Anz. i8o3. St. 60. S. Goo. 

§• i3. 

Gletscher, Lawinen und Bergstürze. 

Zwischen den höchsten Spitzen der Berge liegen geräumige Thäler , wo sich das 
von der Sonne geschmolzene Wasser sammelt, dann wieder gefriert imd inigeheure 
Eisfelder bildet. Aus diesen dringt durch die Öffnungen der Felsen das gesclimolzene 
Wasser in tiefere Gegenden, gefriert allmählich an den Abhängen und bildet dann 
nach und nach schaudervolle Eisberge unter den seltsamsten Gestalten, welche man 
Gletscher j, Ferner oder Firnen j, Knrste ^ auf der Insel Island Jockeln nennet. Die 
Zahl aller Gletscher in der ganzen Ausdehnung des Alpengelürges steigt , Herrn Ebel 
zufolge, ungefähr auf 5oo — 600, die mit allen Sclmeefeldern ein Eismeer von 100 
QM. bilden, welches den drey Strömen unsers Erdtheils, dem Rheine dem Po j, dem 
'?/«o«ej und mehreren der Donau zuströmenden Alpcnflüssen, und tausend andern 
Flüssen und Bächen das Daseyn gibt. 

Nicht minder statistisch merkwürdig sind die Lawinen. Der Schnee setzt sich, 
von "^Vinden zusammengejagt, oft an den höchsten Bergspitzen in erstaunlichen Mas- 
sen an , stürzt dann oft durch eine kleine Bewegung der Luft abwärts , vergrössert 
sich im Fallen und reisst Bäume, Häuser, Lastwagen und Heerden mit sich in die 
Abgründe unter entsetzlichem Getöse. Der Lawinen wegen sind daher in den Alpen- 
ländern die Landslrassen über einzelne hohe Berge im Winter, besonders aber im 



1. Land d(T europ. Staaten. §. 14. Abiiafchulig. 3^ 

Frühjahre, sehr gefahrhch, und müssen mit aller Vorsicht, die dahin zweckt, alles, 
was die Luft auch nur in kleine Bewegung actzt, zu vermeiden, bereiset werden. 

Eine andere schreckliche Landplage für die Alpenhewohner sind die verheeren- 
den Bevi^stüi'ze aj , die am meisten und schrecklichsten in den nässern Tagen des 
Herbstes und im Frühjahre, wenn die Sonne den Winterschnee schnülzt und die 
Flüsse anschwellt, eintreten. Ansainmlvmg und Andrang des Wassers, welches den 
Berg in seinem Iimern zum Theil zeistört , und wegen Mangel an Abfluss , sprengt, 
ist, Hrn. Ileinse zufolge, die Hauptursache der Bergfalle. Zur Abwendung einer so 
drohenden Gefahr schlagt er vor : durch Stollen, wie in den Bergwerken, die Berg- 
wasser zu gewältigen. Vielleicht, sagt er, hat man in der Schweiz nur darum nicht 
an die Möglichkeit gedacht, weil der Bergbau daselbst überhaupt wenig bekannt ist. 
d) Unter andern stürzte am 2. Sept. 1806 von dem, 57Cfo Fuss hohen Berge fi/'g-j im Canlon 
Schwyz ein Theil auf Goldau herab. 484 Erwachsene und 128 Rinder fanden dabey ihr Grab, 
und 270 Stück Vidi gingen verloren. 2 Kirchen, 4 Capelleh , io3 Häuser sammt allem 
Hausgeräthe , 2oo Ställe , mit Heu und Winterfutter angefüllt , sind versch\vunden ; alle 
Strassen , Brücken , Wehren und Damme sind zerstört. Der Vorlust an verschütteten Grund- 
stücken (7111 Jucharlen oder Morgen Landes zu 36,ooo Quadratfuss) ward auf 900,82() fl. 
geschätzt. S. Goldau und seine Gegend, wie sie war, und was sie geworden, in Zeichnun- 
gen und Beschreibungen. Zur Unterstützung der übrig gebliebenen Leidenden in den Druck 
herausgegeben von Carl Zaj; Med. Dr. Zürich, 1807. 8. Vergl. Götting. gel. Anz. 1810. i22. St. 

§. 14. 

A b d a c h u n g. 

Das Land erhöhet sich vom Meere an nach und nach, und die vom Meere ent- 
ferntesten Gegenden haben auch gewöhnlich die höchste Lage. Diesem Gesenke des 
Landes, das man seine Abdachung nennet, folgen die Flüsse. Folgendes ist die Al)- 
dachmig der einzelnen Länder Europas : 

A. Ilelvetien j mit Savojen und Tjrol j mit welchen es die Natur als hohes 
Bergland zusammenstellte , die höchste Gegend Europa's bildend , ist abgedacht : 

a) nördlich durch den Rhein zur Nordsee; b) südlich durch den Rhone zum mittel- 
ländischen, und durch den Tessin zum adriatischcn Meere; c) östlich durch den Iiui 
zur Donau , folglich zum schwarzen Meere. 

■ B. DeutscIiLand : a) nordwestlich zur jNordsee; 1)) nördlich zur Ostsee; c) öst- 
lich zur Donau nach dem sch^varzen Meere zu; d) südlich zum adriatischcn Meere. 

C. Italien: a) östlich zum adriatischcn Meere; b) westlich zum mitteh'änd. Meere. 

D. Frankreich: a) grössten Tlieils zum atlantischen Ocean und zu dem Canalj 

b) der kleinere nordöstliche Theil zur Nordsee ; c) in SO. zum nüttcUänd. Meere. 

E. Die pjrenäische Halbinsel, und zwar i) Spanien: a) grössten Thcils zum at- 
lantischen Ocean; b) nur das Ebrogebiet nebst den Ost- und Südküstenjirovinzen zum 
mittelländischen Meere; 2) Portugal: zum atlantischen Ocean. 

F. Das brittiscJie Ke'ich: nach allen Seiten zum Meere, oder das Land verflacht 
sich nach den Küsten östlich und westlich ; nur im Fürstenllumie fVales ist das Ter- 
rain zum Ituicrn hin abgesenkt. 



4o I- Land der eui-np. Stualen. ij i5- Ebenen. 

G. Die Niederlande : a) der nöidliclie und nordw östliche Tlicil dieses Reicts 
Ijcisst in der Erdbeschreiijung vorzugsweise die iMederlande _, d. i. das niedrigste aj, 
am tiefsten liegende Land, nicht nur in Europa, sondern auf dem ganzen Continenl. 
Als ein hohles (daher der Nähme Holland) , grundloses Land, ein Gemenge von Sand 
inid Schlamm , vom Meere und Rhein allmählich ausgeworfen , von der Natur zum 
Aufenthalte der Amphibien bestimmt, ward es von Menschen zum menschlichen Auf- 
enthalte umgeschaffen , und durch den hartnäckigsten, ausdauerndsten Fleiss seiner 
Bewohner, dem Meere, dem es eigentlich gehörte, entrissen. So wie das Land berg- 
los -isl, so ist es beynahe ohne alle iyjdachung. Die bemerklichste Senkung ist süd- 
westlich, b) Die übrigen Gegenden der NicdfTlande, besonders die südlichsten, wie 
Luxejnhurg j Liittlchj, Namur luid Hennegau j sind höher, mit Bergen begabt und 
zur Nordsee abgedacht. 

H. Dänemark : a) östlich zur Ostsee j b) westlich zur Nordsee. 

L Schweden : a) grössleji Theils von Westen nach Osten zum bothhischcn Meer- 
busen; b) nach Si'iden zur Ostsee. 

K. Norwegen: a) grössten Theils von Osten nach Westen, also umgekehrt wie 
bey Schweden; b) von Norden nach Süden zu dem Catlegatt. 

L. Das europäische Rnssland ^ ohne Polen: a) nördlich zum Eismeere; b) west- 
lich zur Ostsee; c) südlich zmu schwarzen Meere; d) südöstlich zum caspischen Meere. 

M. PreusseUj ohne die deutschen Provinzen: nach Norden zur Ostsee. 

N. Polen wnA G^^/ts/en ; jenes von Süden nach Norden zur Ostsee; dieses a) gröss- 
ten Theils nach Norden zur Ostsee ; b) kleinem Theils nach Südost zum schwar- 
zen Meere. 

O. Ungern und Siebenbici'gen : dieses durcliaus, jenes grössten Theils zur Do- 
nau, folglich zum schwarzen j\[eere; nur die Karpathengegend bey Käsmark zur Weich- 
sel, folglich zur Ostsee. 

P. Die europäische Türkej' : a) südlich zum ägeischcn Meere; b) westlich zum 
adriatischen Meere; c"). nordösiiich zur Donau nach dem schwarzen Meere zu. 

ö) Es ist, besonders in dem nördlichen uinl westlichen Theile , so niedrig, dass es durch 
DüiieiL (unsläte Saiidhiigel, nach Fabri \ou i — 14 Fiiss', nach Gallelli und Cannabich gar 

von 14 — 3o Toisen Hijlie) , und durch Damme oder Deiche» deren jährliche Unterhal- 
tungskosten an 4 — 8 Mill. Gl. betragen, vor den Angriffen der Meeres\vogen verwahrt 

werden miiss. 

§• i5. 

Ebenen; 

Die grössten e/-'?/ie7t F/äc/ie7J in Europa rtj sind in Ungern,, GalizieUj Polen j 
l'nsslcnd und Norddeutschland. Die kleinere östliche Ebene in Ungern fasst in sich 
200, ilie grössere westliche, deren Diagonalen von der Essekerbrücke bis nach IIussi^ 
und von Ujpalanka bis nach Wailzen reichen, 1000 QiM. bj. Noch grösser ist die ga~ 
UziscJie j polnische und russisclie ^hcne. Der grösste Theil von Galizien Ijcslcht aus 
einer Ungeheuern, nur durch kleine Hügel, die man in wenigen Minuten hinauf und 
herabsteigt, unterbrochenen wellenförmigen Ebene, die durch Polen vmd das weite 
Piussland bis an Asiens Gränze sich erstreckt c). Die norddeutsche Ebene dohuL sich 



I. Lm.l Jcr curop. Staaten. ^. 16. Gewässer. /jl 

von Jiilland Lis an clrn Harz und von der EII)C l)is an don Ausfluss der Scheide Mi&dJ. 
Gegen die Kiisien dor Ostsee und besonders der Nordsee liin , wird das Land so nie- 
drig, dass es diircli kostbare Dduunc oder Deiclie gegen die Fhillien des .Meeres ge- 
schützt werden muss. 

Die vorziiglichsten unter den kleinem Ebenen in Europa sind: die fruchtbare 
Hatuui in der Glitte Mährons ; das in der österreichischen Geschichte berühmte March- 
feldj zwischen dem 13isamberg , derMarch und dem Unken Ufer der Donau; (he Neu- 
städterheide oder das Stein feld und das Tulnevfeld am reclilen Ufer der Donau im 
Lande unter der Enns; die IVelserheide im Lande ob der Enns; das Pettaiier- und 
Leibnitzei'Jeld in Steyermark; die Ebene in Baiern, welche mau von der Spitze der 
Benedictenwand , eines hohen Marmorfelsens in der Grafschaft Werdenfels , über- 
sieht; die Li'uieburgerheide im Hanöverischen, welche eigentlich ein Theil der nord- 
deutschen Ebene ist, so Avie die Ketskemeter-Sandheide ^ welche sich 24 Mb weit 
von Peslh bis Szegedin erstreckt, ein Theil der grossen Ebene in Ungern ist; das 7 — 8 
Stunden lange Kieselfeld Crait in der Provence , und die Landes (Steppen) mit ih- 
rem Sandboden zwischen Bordeaux und Bayoiuic , imd liings der Seekiistc bis Bearn 
und Bigore ; die spanische Suste oder die Heide von Maiicha; endlich die bcriihm- 
ten Ebenen in Thessalien , nähmlich das liebliche Thal Tempe und die phavsali- 
sche Ebene.' 

a) Die grössteii ebenoii Fläclicn auf unserer Eide sind: 1) in Asien die liohe Sandwiiste Kobi 
od<'r Schamo (Chamo) , an beyden Seiten des Iinaus ; 2) in Afrika die WListo Sarah , i5 — 
3o° N. Br. ; 3) in Südamerika zwischen den Riistengebirgen von Caraccas und dem Orinoko, 
und die noch grössere an beyden Si?iten des Plataslromes bis zur luagellanisclien Meerenge. 
h) S. M. V. Schwarlners Statistik des Königreichs Ungern. 2. Aufl. S. 68. Veigl. Monatliclie 
Correspondenz zur Beförderung der Erd- und Ilimmelskunde. März, i8o3. 

c) S. Andre's Nationalkalender für die gesammte österr. Monarchie auf i8i2. S. 84. 

d) S. Jeu. Allg. L. Z. N. 89. 180g. S. 98. Vergl. AUg. geogr. Ephem. 26. Bd. S. 3g i ff. 

§. 16. 
G e %v ä s s c r. 

Die Gewässer sxwd ebenfalls statistiscli wichtig. Sie dienen zu natürlichen Gränz- 
scheiden und enthalten eine Menge ihnen eigcnthürnlicher Prodiicte. V^orzüglich be- 
währen sie aber ihre Wichtigkeit nach ihren grossen, ganz verschiedenen Eigenschaf- 
ten, als hef r achtende y :!Xs bewegende wwd als tragende Kraft, und sind in diesen 
drey Rücksichten das Reitzrnittel und Vehikel aller Quellen der Production, nähmlich 
1) des natürliclien FiUter])aues , der die Basis der Viehzucht, so wie diese die Bc-din- 
gimg des Ackerbaues ist; 2) aller derjenigen Gewerbe, bey denen ein grösserer als 
gewöhnlicher Kraftaufwand erforderlich ist , wie z. B. bey den verschiedenen Galtun- 
gen von Mühlen , Hammer- luid Po/chwerken , den wichtigsten Fabriken und Manufac- 
turen; 3) des Handels, dessen natürliche A.Ke das Wasser ist, die die grössten Lasten 
fast ohne alle Miihe aufnimmt. Man tlieilt die Gewässer ein in ISatur- und Kunstge- 
Wässer. Zu jenen gehören Meere,, Laudseen und Flüsse; zu diesen Canäle. 

6 



/J2 I. Land der europ. Staaten. §. ij. Meere und Meerengen. §. i8. Landseen. 

§• 17- 
Meere und Meerengen. 

Europa ist verliilltnissmüssig am wasserreichsten. Ausser den äussern, sclioii Le- 
kannten Meeren (s. §. 4) l)espülcn es noch folgende Meere: das adriatische Meer, 
das ägeisclte Meer oder der yfrcliipelagus _, das Meer von Marinnra j das schwarze 
imd das asoivsche Meer, sämniiHch Theile des mittelländischen Meeres. Ander West- 
seite hat es ferner das biskajisclie oder spanische Meer, das aqidtanische Meer bej^ 
Frankreich , und das »•///7jr/i.yc/ie Meer oder den St. Georgscanal zwischen Wand 
tmd England, sämmllich Theile des atlantischen Oceans. Im Norden von Deutsch- 
land ist die Nordsee oder das deuische^lcer , miL dem codanischen Meerbusen oder 
dem Cattegatt zwischen Norwegen, Schweden und Dänemark; ostwärts der Nordsee 
ist die Ostsee oder das l/altiscJie Meer mit dem ßiinischeii und bothnischen Meer- 
busen, imd ganz oben im INordostcn bey Archangcl das weisse Meer^ ein Busen des 
nördlichen Eismeeres. 

IVIcorcngen, durch welche diese Meere in einer fortlaufenden Verbindung ste- 
hen, sind folgende: 

1) Im Norden: a) Aer Sund (Öresund) zwischen Schweden und der Insel See- 
land; dann die beyden .Äe/^e (der grosse und der kleine) zwischen den dänischen In- 
seln und .lutland, welche die Ostsee mit dem Cattegalt und der Nordsee verbinden. 
Die gewöhnlichste Diuchfahrt aus der Nordsee in die Ostsee ist der Sund, h) Die 
Meerenge zwischen Frankreich vmd England, welche aus dem atlantischen Occan in 
die Nordsee fiihri. Da wo sie am engsten ist, heisst sie die Meerenge von Calais (Pas 
de Calais) ; der ganze übrige viel breitere Theil heisst der Canal (la Manche). 

2) Im Süden : a) die Strasse von Gibraltar ^ welche den atlantischen Ocean mit 
dem mittelländischen Meere verbindet; b) die sicilianische Meer-enge (Faro di Mes- 
sina) zwischen Neapel imd Sicilion ; c) die Strasse der Dardanellen oder der Hel- 
lespont jVie\c\\ev aus dem Archipelngiis in das Marmormecr fuhrt; d) die Meerenge 
oder der Canal von Constantinopel j durch den man aus dem Marmormeer in das 
schwarze Meer kommt ; endlich e) die Strasse von Feodosia (vormals KafTa), durch 
die das schwarze Meer mit dem asow'schen Meere zusammenhängt. 

So stellet das Meer ein grosses, gemeinschaftliches Band zwischen den verschie- 
denen Küstenvölkern her, welcher Vorlhcil noch dtuch die vielen, tief in das Land 
gehenden Meerbusen des mittelländischen IMeeres, der Nord- und Ostsee gar sehr 
erhöhet wird. Die Nordsee hat vor allen europäischen Meeren noch den Vorzug , dass 
sie den Znsammcnfluss mehrerer Ströme auf einen sehr kleinen Raum vereiniget, 
welches fiir den Handel von grosser Wichtigkeit ist. 

§• 18. 
Ijandsee». • 

Der Landseen ^ die das auf dem Lande sind, was die Inseln im Meere, sind in 
Europa sehr viele, vornehmlich in Russland a) ^ Schweden b) und ISoi-ivegeUj in 
der Schweiz c) j m Italien j Deutschland d) und Preussen ; aber nur v^enige sind 
von grossem Umfange. Zu diesen gehören: 



I, Land der curop. Slaatcu. ^. iB. Lacdscea. 43 

1) hl Russlaiut : a) der Ladogasee j zwischen dem finnischen Meerbusen und 
dem Onegasee, der grösste See in Europa, 292 QM. gioss. Er hängt mittelst der 
NewUj in die er seinen Abfluss liai, mit dem Imnisclicn Mcerhusen, und durch die- 
sen mit der Ostsee zusannpen. Sein vieler Triebsand und seine häufigen Untiefen oder 
seichte Stellen machen die Schiölahrt sehr mühsam , und der häufigen Stürme wegen 
oft gefährlich. 1)) Der O/je^rt.ycCj im Gouvernement Olonez, gegen 200 Werste lang 
und 60 — 80 breil. Er ist durch den Fluss Swir mit dem Ladogasee, und diuch die- 
sen mit dem ]>all.ischen Meere verbunden, c) Der Pei[jussee _, zwischen den Gouver^ 
nenients St., Petersburg, Eief- und Esthland, gegen 80 Werste lang und 60 breit. Er 
entlässt sein Wasser durch die JS'ar'H'a (Narowa) zum finnischen Meerbusen, d) Der 
ILinensee bey Nowgorod, östlich vom Pcipussee, ungefähr 40 Werste lang und 3o 
breit. Er nimmt die Msta auf, und entlässt sein Wasser durch den fVolchow zum 
Ladogasee. Diese ^ erbindung und die dadurch bewerkstelligte Comiiiunication z'vi- 
schen der TFolga und JSewa (S. unten §. 21. 9) machen diesen See merkwürdig. 
e) Tier Saima _, in der östlichen Hälfte Finnlands. Dieser See ist grösser als der La- 
dogasee, wenn man die vielen kleinen Seen, mit denen er in Verbindung steht, als 
ein Ganzes betrachtet, fj Der See Puvmvesi in Finnland, Speicher weniger ausgezeich- 
net ist durch Grösse, aber, nach der Versicherung des rassisch kaiscrl. Slaatsralhes 
Fi'iccius j die bewunderungswürdige Eigenschaft hat, Kröpfe zu heilen. Die Knre- 
liev j die alle mit Kröpfen behaftet sind, besuciien häufig diesen See, und sie dürfen 
nur von diesem ^Vasscr trinken , um vollkommen wieder hergestellt zu werden e), 

2) In Schweden: a) der Wenersee ^ 48, b) der Miilarsee_, i8, c) der TVettcr- 
see _, 17 Q\L gross; d) der Hielinavsee j 6 Meilen lang und 1 — 5 Meilen breit, und 
durch den Torshällafluss mit dem Mälarsee verbunden, in diesem See zählt man an 
l3oo grössere und kleinere Inseln. Seine ganze Umgebung ist sehr schön und sehr 
belebt durch viele Landhäuser, Landgüter und Lustschlösser. 

3) In Korwegen: der grosse und kleine JMiösensee und Acr Faeinundsee ; der 
erstere ist 14 ^Meilen lang, aber schmal. 

4) In Ungern: a) Aev Plattensee (Lacus Balaton, sonst auch das nngrische Meer 
genannt), zwischen demSchümegher, Weszprimer und Szalader Comitate, 10 MI. lang, 
1 — 2 Ml. breit, und mit allen Morästen ein Areal von 24 QM. einnehmend, b) Der 
]\eusiedlersee_, zwischen Ödenburg und Raab , ohne den sich anschliessenden Äi^/ij-c/i;- 
(einen Strich sumpfigen Landes), 4 Meilen lang und 2 Meilen breit. 

5) Zwischen DeictscJiland und der Schweiz : der Bodensee (vormals auch das 
schwäbische Meer genannt) , 17 Stunden lang und 5 breit. Bey dem Schweizerstädt- 
chen Fiheineck fällt der Rhein in diesen See, und bey Stein vcrlässt er ihn wieder. 
Die Schifffahrt auf demsclljen ist imbedeutend, da die zu versendenden Güter vor dem 
Rheinfälle bey Laufen wieder ausgeladen werden miissen. Die baierische Stadt Lin- 
dau ist auf drey Inseln des Bodensee's erbaut , 'wovon die grösste durch eine 3oo 
Schritte lange hölzerne Briicke mit dem festen Lande zusannnenhängt. 

6) Zwischen der Schweiz,, Stwojen und FrankreicJi : der Genfersee^ 18 — 20 
Sluiiden lang und 4 — 5 breit. Seine Ufer sind sehr schön, und mit Dörfern, Flecken 
imd Städten reichlich besetzt. 



^^ 1. La«d der tiucj). Slaaliii. §. iq. Flüsse. 

7) ZwisolicMi der Scinyeiz vtiul Fi nukreicJi: der ISeitcnburg^r- oder Neufchatel- 
lersee j 9 Suiudcn lang und 2 breit, 

8) Zwischen der Schweiz und der Lombuvdie: der Lago maggioj-e j nicht nur 
der i^rössle See nach dem Gardascc, sondern auch der schönste aller italienischen 
Seen, mit den, durch reitzendeKunsianlagcn heriüimten borfomäischen Inseln, /xola 
bella und Isola Madve. 

g) Im Innern der Schweiz: a) der Ziiricherseej 127g' idjer dem IMeere, 10 Stun- 
den lang imd \\ lireit, mit reitzenden Lf'ern; 1>) der Viei'wnJdstäillev- oder Luzev- 
nersee j l3lo' über dem Meere, g Stunden lang und 4 — 5 l)reit , \on 2000 — 10,000 
Fuss hohen Bergen umgeben. 

10) In Obeiitalien j und zwar in der Lomhardie: a) der Gcndasee (Lage di 
Garda), der grösste aller ilalienischcn Seen, 7 deutsche Meilen lang und 2 breit, 
b) Der Comersee (Lago di Como), 7 deutsche Meilen lang, und eine halbe in der 
grössten Breite. Jede dieser Seen ist, so wie der Lago maggiove _, durch seinen Aus- 
lluss (den Mincio j die Jdda und den Ticino) mit dem Fo ^ und diuch Caniile noch 
mit anderen Flüssen verbunden. Über alle Seen in Oberitalien wehen gewöhnlich 
täglich zwey heslimmte Winde: der nördliche und südliche; jener fangt um 2 Uhr 
JNachts an, und dauert bis Morgens gegen 10 Uhr.; der andere \se\i\. von 2 Uhr Jsacli- 
nüttags bis gegen Mitternacht. 

a) Von der Menge grosser und kleiner Landsecn in Russland lässt sieh auch nach der blossen 
Schätzung in wenigen Gouvernements urlheilen: im Güu\ernenient Olonez zählt man de- 
ren ic((jt), im Güuvern. Archatigel ii45) ini Gouvern. Li^iand über 1000, und in Finn- 
land nehmen sie ein Drittheil des Terrains ein. 
i) Wo das Areal des Landes sich zu dem der Seen , wie 10 : 1 (Land =; 7674 QM. , Seen 

= 685 QM.) verhält. S. polit. Journ. May, 181Ö. S. Sgö. 
c) Die Schweiz ist so reich an Seen, dass man sie, nach Kunzj das Seeland nennen könnte. 

Rein Tiial ist ohne See ; daher der heftige Lauf der Flüsse, 
fl) Namentlich in Krain , Rärnlhen, Steyermark , im Lande ob der Enns und in Salzburg, 

in liaiern , in der Mark Brandenburg , in Pommern und im IMecklenbuigischen. 
e) S. allg. geogr. Ephemeriden. 1808. Bd. 27. S. 8 ff. 

§• 19- 

Flüsse. 

H a u p t f 1 U s s e oder Ströme mit ihr e n \ o r z ü g 1 i c h e r c n Nebenflüssen. 

Wegen der minder grossen Ausdehnung der Landmasse haben die enrojx'iischen 
Flüsse keinen so langen Laufund keine so grosse Wasscrfüllc, i\h die (imc/i/^/iiii- 
scheii iij und die asiatisclien b) ; dagegen sind sie verlüdtnissmässig zahlreicher als 
in andern Erdtheilen, und imter alle Gegenden vertheiltj dabey erstrecken sich die 
Haiiptjlüsse oder Ströme mehr oder weniger tief und oft bis auf hundert Meilen weil 
ins Land hinein, und verbinden sowohl dadurch, als durch ihren gekrümn.tcn Lauf 
und durch die vielen, oft bedeutenden ISebenfliisse _, die sie aufnehmen, die einzel- 
nen Länder imsers Erdtheils auf eine sehr voriheilhaiie Weise mit einander. Freylich 
>\ erden aber auch diese A orzüge der europäischen Flüsse durch manche Hindernisse, 



I. Linad der euiop. ätaaleu. ^. ig, riusse. ^5 

welche sie der Si^liifTfalirl in den Weg legen, gcniiaderl. Jlicihcr gehöri vorzüglich 
der Umstand , dass nach Herrn TT'iebekiitg's W ahrnclunung , vsegcn iinlcrlasscner 
Reinigung mid Ausbesserung der Flüsse, alle Flussljellen im letzten Jahrlinnderte sich 
erhöhet haben , woraus yerheerende Überschwemmungen entstanden sind , und ehe- 
mals schiffbare Flüsse können jetzt nicht mehr von den kleinsten Böten befahren 
werden c). 

A on den 26 europäischen Strömen ergicsscn sich : 

1. Östlich : 

A. In das scliwarze Meer: 

a) Die Donau _, welche nicht nur der erste deutsche Hauptfluss, sondern auch 
der grösste Strom in Europa ist. Ihr Ursprung ist im Grossherzogthume Baden j wo 
sie ijn Schwarzwalde bey St. Georgen ihre Hauptquelle hat; sie durchströmt in ei- 
ner Strecke von 400 MI. das ganze südöstliche l£uro])a ^ wird schon 20 Ml. von ih- 
rem Ursprünge, bev Ulm j, wo sie die Hier aufninmit, schiffbar, ninnnl, nach ihrer 
\ereinigmig mit dem Inn (bey Passan) unverhältnissmassig an Breite zu, die bey ih- 
rem Eintritt in's österreichische Gebiet sicli lan das Doppelte vermehrt , bildet unter- 
haUj JFien bedeutende Inseln und geht in wachsender Breite nach Ungern zu, wo die 
von Norden sich ihr nähernden Karparthen sie zwingen, von O/e/t an plötzlich ihren 
Lauf zu ändern, luid von Norden nach Süden sich zu ziehen, in welcher Richtung 
sie h\s £!ssek strömt j von hier an eilt sie anfänglich in sfidöstlicher, dann in nord- 
östlicher Richtung dem Meere zu, wo sie in sehr viele Arme (wie die ^Volga) sich 
crgiesst. Ihr nördlichster Ann liax M\i russlscli ein Gebiete, namentlich in Bessarabien 
bey Kilianova seine Mündung. Ihr reissend schneller I^auf, die vielen spitzigen Fel- 
senstücke mitten iin Strome, und ihre steilen und hohen Ufer, zwischen welchen 
sie in seltsamen Krümmungen strömt, schwächen die \orlheile ihrer Schiffbarkeit 
gar sehr, so wie sie wegen ihrer grossen Überschwemmungen sehr gefährlich ist. Ihr 
gesammles Stromgebiet beträgt 14,423 QM. Sie nimmt an 120 Flüsse auf. Die vorzüg- 
lichsten darunter sind: a) rechts: die Hier j der Lech _, derinn mit der Salza, die 
Traun j die Enns j die Lejtluij die Raab j die Sanyitz (Scharwitz), die Drau mit 
der Mulwj, und die Sau mit der Laibach j Kulpu und Unna; b) links: die Allmiüilj 
die Nabe j der Regen j die Aiarch mit der TJiaya _, die Tf\iag j die Gran j die Theiss 
mit der Szatnosch_, der Kbrbsch und der Marosch_, der Temesch _, der Aluta j der 
Sereth und der Prutii. 

b) Der Dniester (Dnesler), welcher aus Galizien kommt, und sich als ein rcissend 
schneller Strom, der besonders einen gefährlichen \Vasserfall hey Jainpol hat, tui- 
ter Odessa bey Akicrman in's Meer stürzt, nachdem er den Strj\, die Bistriza und 
den Giänzfluss Fodgorcze aufgenonunen hat. 

cj Der Dnepr (Borisihenes der alten Geographie) , welcher im russischen Gou- 
vernement Smolensk, nicht weit von den Quellen der Dilna und Wolga, entspringt, 
einen der fruchtbarsten Theile des ciuopäischen Russlands durchströmt, und nach 
einem Laufe von i5oo Wersten zwischen Otschakow und Kitiburn in's Meer f;dlt, 
nachdem er kurz vor seiner Mündimg den Limanbusen gelüldet hat. Unterhallj Kiew 
bis in die Gegend von Alexanilrovskaja hat er in einer Strecke von 60 Wersten i3 



^g I. LiinJ der curop. StaaleU; j. ig. Flüsse. 

Wasserfalle in seinem Belle, über welche die Schiffe nur bey holiem Wasser gehen 
können. Ein anderes ÜJ>el an diesem Strome sind die grossen Überschwemmungen 
desselben, welche hanfig Sümpfe^ besonders um Cherson bilden. Ei- wird durch den 
Saschj die Dessna ^ Sula j TVorskla ^ Summa jti j, Inguhiz und Prypiz versiäiki. 

B, In das asowsche Meer : 

Der Do?i_, welcher bcy Tnla aus dem kleinen See Iwcuiowskoje ausfliesst, und 
nach einem Laufe von looo Wersten hcy Jsow sich in's Meer verliert. Sein jährliches 
Austreten ist den nahegelegenen Gegenden oft gefahrlich. Zu seinem Flussgebiele ge- 
hören der IVoronesch j, Choper ^ Donetz und die Mechvediza. 

C. In den caspischeti See : 

Die Wolga j der grössle, fischreichste luid befahrenste aller russischen Ströme , 
welcher im Gouvernement Twev auf den alaunischen Höhen bey dem Dorfc IVolcho 
Werchowin aus einem Paar Seen entspringt, von Westen nach Osten meist sehr fruchi- 
bxire Gefilde durchströmt, und nach einem Laufe von etwa 4000 AVersten bey Astra- 
chan \n den grössten Landsec auf unserer Erdkugel, den caspischen See (von den 
meisten Geographen auch Meer genanni), tritt, nachdem er sich, gleich dem ersten 
Slrome unsers Erdtheils, in sehr viele Anne getheilt und dadurch eine Menge von In- 
seln gebildet hat. Er wird selbst durch seine Überschwemmungen für das Land wohl- 
thätig , indem er einen fruchtbaren Schlamm al)setzt. Unter den vielen Nebenflüs- 
sen sind die merkwürdigsten: a) links: ^\c Kama (ni\l BeLoja, links und ITjätka icclils), 
die Twerza wwA Kostroma; b) rechts: die Okka (mit Moskwa links). 

II. Südlich: 

A. In das adriatische Meer: 

Der Po j der einzige Strom in Italien, und zwar in dem oberen, als dem breite- 
sten Theile dieser lIalI)iHsel, da sie bey einer Länge von 208 geogr. Ml. im Durch- 
schnitt nur 28 iMk breil ist. Er entspringt auf dem Berge Viso in Piemont, und macht 
einen beträchlichen Theil seines Laufes hindurch die südliche Gränze des österreichi- 
schen Staates in Italien, ])is ersieh, in zwey Hauptarme gelheilt, in das Meer crgiesst. 
Er tritt fasst alle Jahre aiLS, imd richtet grosse Verwüstungen, an. Bey grosser Dürre 
wild die Schifffahrl aufwärts bis Cremuna unterbrochen. Die vorzüglichsten seiner 
Nebenflüsse sind: a) links: die Doria , die Ses'ia , der Ticino (Gränzfluss zwischen 
dem festen Lande des sardinischen Staates und dem lom1)ardischen Königreiche), die 
Oloiina j, die Jdda (mit Serio) , der Oglio (mk Ale Üa) und der il/i/icio; b) rechts: 
der TaiMro (mit Snira) , der Crostolo j Paiuiro luid Rena, 

B. In Aas, mittelländische Meer: 

a) Der Rhone ^ welcher in der Schweiz westlich vom Rhein, am Fusse des Fur- 
kabergcs, links vom St. Gollhard, enlsjuingt, wegen des jähen Terrains und der in 
der Nähe Ijelindlich^n Seen , mit einer ungeheuren Schnelligkeit durch das W^alliser- 
thal sich hinabstürzt ^ den Genfersee luldet, aus demselben in das französische Gebiet 
tritt, und unicrhalb Arles durch mehrere Arme sich in das Meer ergiesst. Sein reis- 
sender Lauf macht ihn zum Transporte weniger brauchbar. Zu seinem Stromgebiete 
gehören: a) links: die Isere _, die Dröine \n\d. die Dürance ; b) rechts: der ^w, die 
Saone (links nüi Doiiüs) , der Ardechc und der Gard oder Ga)-don. 



I. Land dar curnp. Staaten. §. ig. Flüsse. 4- 

b) Der Ebro j wclolier In Spanien unweit Reynosa an den Gränzen von Asiurien 
und Allcastilicn seinen Ursprimg hat, bey Tadeln schiffbar wird, imd bey Tortosa 
sich in das Meer verhert. Er ist, wegen der vielen felsigen Stellen, nicht sehr brauch- 
bar. Er wird verstärkt a) rechts : durch den Xalon ; b) links; durch den Aragon,, Gal~ 
lejo und Segre. 

lU. Westlich: 

A. In den atlantischen Ocean : 

a) Der Quadalquivir ^ welcher in Spanien in der südlichen Sierra (Gebirgsreihe) 
von Segura entspringt, von Osten nach Südwest läuft, und unterhalb Sei'illa in den 
Ocean fällt. Zu seinen Nebenflüssen gehören a) rechts : der Guadaliinar in Jaen ; 
b) links : der Genil in Sevilla. 

b) Der Guadlana j welcher in der spanischen Provinz la Mancha, in den Seen 
von Ruidera entspringt, sodann unter der Erde verschwindet, fvinf Meilen weiter 
hin in dem See Ojos de Guadiana wieder zum Vorschein konunt, in südwestlicher 
Richtung nach Portugal geht, dessen Südostgränze er bildet, und sich in den Ocean 
ergiesst. 

c) Der Tajo j der erste unter den Strömen der pyrenäischcn Halbinsel, welcher 
in Aragonicn entspringt, sanft dui'ch die schönen Gälten von ^ranjiiez fliesst, sich 
um die Mauern von Zb/e^/o herumwendet, durch Talavera ^ Alcantava , Abi-aiites 
und Santarem geht, mid seine Miindung im Ocean durch die Nachbarschaft von Lis- 
sabon , das auf seinem rechten Ufer Hegt, verherrlichet. Er wird verstärkt durch die 
Tajunna j Guadarrnmn und Alberche. 

d) Der Dnero ^ welcher nördlich vom Tajo, bcynahe parallel mit ihm entspringt, 
von Osten nach Westen läuft, und bey Oporto in den Ocean fällt, nachdem er die 
Flüsse j4daja j Tormes j Pesquera und Esla aufgenommen hat. 

e) Die Garonne , welche in den Pyrenäen auf der spanischen Gränze entspringt, 
\ie^ Milret j südwestlich von Toulouse ^ schiffbar wird, nach ihrer Vereinigung mit 
der Dordogne j unterhalb Bordeaux Gironde heisst , »ind nach einem Laufe von go 
Meilen durch zwey Miuidungen dem Ocean zueilt. Durch den Siidcanal (s. §. 21.) ist 
dieser Strom ein vorzügliches Beförderungsmittel der Commiuiication im Innern Frank- 
reichs. Zu seinem Flussgebiete gehören a) links: der Gers; b) rechts: die Arriege j 
der Ttirn j der Lot luid die Dordogne. 

f) Die Loire j der grösste Strom in Franl^ reich, wo er in den Sevenneu ent- 
springt, anfangs von Süden nach Norden, dann von Norden nach Westen seinen Lauf 
nimmt, und 8 Meilen unterhalb JSantes in den Ocean fällt. Er wird bey Roanne 
schiffbar, und befördert die Communication im Innern des Landes nocli mehr, als 
die Garonne. Seine Nebenflüsse sind a) links: der Allier _, der Loiret ^ der Cher, der 
/«rf/'Cjdie V^ienne \\\\d d^\c Sh^'re ^ nähmlich Sevre nantoiscj bj rechts : die i\7ei7'e 
und die Majennc- 

g) D'jc Seine t welche auf dem Goldhügel entspringt, in nordwestlicher Rich- 
tung ihren Lauf nimmt, bey 77'o;'e.y schiffijar wird, vuid zwischen Tlavre de Grace 
und ffonjle'ir in den Canal , einen Theil des atlantisclien Oceans , sich stürzt. Da sie 
durch Paris fliesst, so ist sie für den innern Handel Frankreichs sehr wichtig. Zu ih- 



/,8 I- Land der eiiro]). Staaten. §. ig Flusse. 

ren Nebenfli'isseii f^cliöicn a) links: die Tonne und die Eure; h) rechts: die Aubc ^ 
die Marne und die Oise. 
B. In die Nordsee: 
a) Der B/ieinj welcher in Granl)iindlen aus drey Quellen entspringt, die sich 
bey ReicJieiKiu vereinii,'cn. Er wird schon bey Cliar scliifn)ar, macht die Granze zwi- 
schen Tyrol und der Schweiz, bildet den Bodensee und den prächtigen Wasserfall bey 
Laufen, vcrlässl hierauf bey Basel die Schweiz, und durchströmt einen grossen Theil 
des westhchen Deutschlands von Süden nach Norden, nähmlich das Grossherzoglhum 
Baden (zwischen welchem und dem Königreiche Frankreich er eine Strecke hindurch 
die Granze macht), das Grossherzogthum Hessen, die nassauischen Lande, den baie- 
rischen Rheinkreis und die prcussischen Provinzen Niederrhein und Gleve-Berg , aus 
welcher letzlern er in die Niederlande tritt. Hier iheill er sich in zwey Arme, wovon 
der südliche (die fVaal) , nach Vereinigung mit der Maas,, Merwe heisst; der nörd- 
liche theilt sich bey Arnheim wieder, wovon der Arm zur rechten Hand die neue 
Kssel hei.sst, sich bey Doesluu-g mit der alten Vssel vereinigt, und dann in die Zuy- 
dersee fliesst; der andere Rheinarm theilt sich von neuem bey Wyk by Diierstade, 
wovon der eine Leck heisst, und in die Maas fallt j von dem Arme, welcher den Nah- 
men Rhein behält, sondert sich bey Utrecht ein Arm unter dem Nahmen Fecht ab; 
der andere Ariu, welcher noch den Nahmen Rhein führt, geht geschwächt durch 
Leyden, und verliert sich endlich bey Kallw^ck in den Dünen der Nordsee. Denn 
seit 860, da der Ocean nach einer Überschwemmung die Rheinmündung zerstörte, 
tragt dieser Strom seinen Nahnieti nicht mehr bis ans Meer. Er bcspiÜt auf seinem 
l5o Meilen langen Laufe 71 Städte , und nimmt von den Alpen bis Speyer 5o, bis zu 
seiner Theilung in den Niederlanden gi Nebenflüsse und Bäche auf. Die vorzüglich- 
sten davon sind a) rechts : der Neckar (links mit Enz , rechts mit Kocher und Jaxt) , 
der Main (rechts mit Itz ^ links mit Relzat ^ Regnilz imd Tauher) , die Lahn j Sieg, 
Tfipperj, Ruhr und Lippe; b) links: die Jar und die Mosel (rechts mit Meurthe 
und Saar). Man gibt überhaupt das Gebiet fiir den Rhein auf 35g8 Q^L an. — Von 
seinem Ursprünge an bis Mainz ftihrt er den Nahmen des Oberrlieins , und von seiner 
dasigen Vereinigimg an mit dem Main bis zu seinem iiusflusse wird er imler der Be- 
nennung des Niederrheins begriffen. 

b) Die Maas j, welche in Frankreich bey dem Dorfe Mense _, im Departement der 
OJ)erniarne, westlich von der Mosel, entspringt, bey St. Thiebaut schilfbar wird, und 
in nordwestlicher Richtung in die Niederlande fliesst, wo sie nach ihrer Vereini- 
gung mit der JVaal den Nahmen Merwe bekommt, und bey Brielj nachdem sie sich 
gethedt und wieder vereinigt und den Nahmen Maas angenommen hat, in die Nord- 
see fallt. Zu ihren bedeutendereti Nebenflüssen gehören: a) links: die Stunbre; 
b) roclus: die Ourthe und die Roer. 

c) Die fFeserj der kleinste unter den detuschen Strömen, ein Geliicl nur von 
874 QM. uiufassend. Sie bekonmil bey ihrer Vereinigung mit der schi(rbaren.fV^/rt von 
der hauüvenschen Stadt Münden an diesen Nahmen, nachdem sie aus dem Herzog- 
tnume Sachsen-Hildburgbausen , wo sie entspringt, unter dem Nahmen der JVerra 
bereits scJutTbar aacli Münden gekonunen. Auf ihrem nordwestlichen Laufe durch 



I. Land der europ. Staalcu. §. ig. Flüsse. ^q 

das Königreicli Hanovcr, einige hraunsch-wcig-wolfcnbüttersche, hessen-casseFsche, 
prcussische und oldenburgische Besitzungen nimmt sie die Fliissc Diemel, Emmer _, 
Aller (mit der Ocker und Lerne), Delme j TFümme und Hunte auf, und fliesst end- 
lich i5 Ml. unterhall) Bremen in das Meer aus. Der viele Sand, der hey den ge- 
wöhnlichen Herbst- und Frühjahrs-Überschwemmungen der Aller und der Leine in 
die Weser geschwemmt, und von diesem reissenden Strome weiter fortgeführt wird, 
ist die Hau[)tursache der immer stärker werdenden Versandung der Weser, welche 
auch verhindert, dass die grösseren Schiffe aus der Nordsee nicht bis in die Stadt 
Bremen kommen können, sondern zu Elsfletli oder Bracke ausladen müssen. 

d) Die Elbe j die nordwestlich von der Oder, auf dem lliesengebirge, an der 
böhmischen imd schlesischen Gränze, entsteht, anfangs südlich, dann westlich und 
ztdetzt nordwestlich fliesst, schon in Böhmen bey il/e//u"/ij südlich von Leutmerilz, 
schiffbar wird, auf ihrem Laufe nur deutsche Länder, als Böhmen, Sachsen, das 
preussische Sachsen, Anhalt, Magdeburg, die Mark Brandenburg, Hanover, Meck- 
lenburg, Lauenburg und Holstein berührt, und sich, 18 M(!ilen unterhalb Ham- 
burg j in die Nordsee ergiesst, nachdem sie sich bey Bnins))üitel in die JSord- und 
Süderelbe gelheilt hat. Zu ihrem Stromgebiete, das 2800 QINL beträgt, gehören vor- 
züglich: die Moldau j die Egei'j die Mulde j die Saale ^ die Havels die Ilmenau 
und die Stör. 

ly. Nördlich. 

A. In die Ostsee : 

a) Die Oder, welche im nordöstlichen Theile Mährens entspringt, bey dem 
Zusammenflusse mit der Oppa das preussische Schlesien betritt, dann ihren Lauf 
durch die Mark Bi'andenburg nimmt, in Ponunern Stettin voi'bey durch das grosse 
und kleine frische Haff geht und sich mittelst dreyer Ausflüsse in das Meer ergiesst, 
Bey Ratibor in Preussisch-Schlesien wird sie für kleine Fahrzeuge , bey Breslau fiir 
grössere schiffbar, und fliesst ganz anf preussisohem Boden als schijffbarer Strom ^ 
dessen Gebiet 2072 QM. beträgt. Zu diesem Gebiete gehören vorzüglich a) rechts : 
die Bartsch j die Wartha nüt der ISetze und die Ilina; b) links: die Oppa, die 
JSeisse und die Bober mit der Queis. 

b) Die Weichsel (Wisla), welche in dem österreichischen Schlesien, und zwar 
in dem südlichen Theile des Herzoglhums Teschen, östlich von der Quelle der Oder, 
entspringt , und zuerst das österreichische vom preusischen Schlesien , dann letzteres 
von Gnlizicn trennt. Wo sie Galizien berührt, scheidet sie dieses Land von dem Ge- 
biete der freycn Stadt Krakau luid einem Theile des Königreichs Polen , durchströmt 
dann von Süden nach Norden dieses Königreich, so wie das Königreich Preussen, wo 
sie sich in drcy Arme theilt, von welchen die zwey östlichen, die Nogat und die 
ylltweichsel j in das frische Half fliessen, und der westliche bey Weichselmünde, eine 
Meile unter Danzig, sich in das Meer ergiesst. Zu ihrem 358o QM. grossen Gebiete 
gehören vorzüglich die Dunajetz mit der Poprad ^ welche beyden Flüsse die einzi- 
gen sind, die aus Ungern, wo sie in der Zips entspringen, gegen Norden fliessen j 
dann die Wisloka ^ der San :, der Bug mit der Narew _, die PUica^ die A7<7ro Brduj 
Bsura und Brahe. 



3q I. I,.incl der europ. Staaten. §.. 2o. Kiisttnflüsse. 

c) Die Dana j welche im Gouvcrnenicnt Twer, nahe l>ey den Quellen der Wol- 
ga, entspringt, durch einen Theil von Russisch-Polen strömt, und zwischen Curland 
und Liefland, unterhall) Rig-i , in das Meer fallt. Sie wird durch die Taropza, Ewest_, 
Oger n\\i\ Aa verstärkt, vorzüglich von Taropetz an schiffj)ar , und ist besonders fiir 
Riga von ungemeiner Wichtigkeit. 
B. In das Eismeer: 
a) Der Onega ; h) die Dwina; c) der Meseti und d) die Petschora ^ von denen 
die Dwina und die Petschora die wichtigsten sind. 

a) JSahmentlich der Maranhon oder Amnzonenjluss , der Mi'ssisippi , Rio de la Plafa oder Sil- 
berlluss, der Orinoko und Lorenzoßuss , die 600 — 1000 Meilen und darüber lang, und bey 
ihrer Mündung 10 — 00 Meilen breit sind. Der Maranlion , der Riese unter allen jetzt be- 
kannten Strömen der Erde, nimmt aufseinein mehr als 1000 Meilen langen Laufe unter 
seinen Nebenflüssen mehr als 60 auf, die an Grösse der Donau gleich kommen. 
6) Nahmentlich der Burremputer j der Ganges, der Indus , der Hoangho (gelbe Fluss) und der 

Yanise-Kiang (grosse Fluss). 
c) S. Götting. gel. Anz. i8i6. St. 16. S. 148 — i5i. 

§• 20. 
Rüstenflüsse. 

Hat ein Fluss von seiner Quelle keinen weiten Weg nach dem Meere : so ist er 
ein Kiislenjlnss. Da sich wenig Flüsse mit einem Küstenflusse atif seinem kurzen Lau- 
fe vereinigen können: so kann ein solcher Fluss es selten mit einem Strome an Grösse 
und SchilFharkeit aufnehmen. Die beträchtlichsten unter den zahlreichen Küstenflüs-' 
sen in Europa sind : 

a) Die Themse (Thamcs), welche aus der Vereinigung der Tliames und Ise ent- 
steht, bey dem Flecken Lechlade in Glocestershire für kleine Fahrzeuge, aber von 
der Londoner Brücke an für grosse Seeschiffe schilfjjar wird , und in die Nordsee fällt; 
1)) der Tvent j an seiner Mündung in die Nordsee Humber genannt; c) die Mersej ^ 
die ihren Lauf nach dem irländischen Meere richtet; d) die Sevei'n (Saverne), welche 
sich in den atlantischen Oceaii crgiesst. An diesen vier Kiistenfliissen liegen die be- 
deutendsten Handelsstädte Englands: London ^ Hnll _, Le\'erpool und Bristol. 

c) Der Schannon j der grösste Fluss in Irland, welcher aus dem Allansee ent- 
steht, und in den allantischen Ocean fällt. Er ist sehr schiffbar, und bey seiner Mün- 
dung 1^ Meilen breit. 

f) Die Scheide j y\e\chc in Frankreich bey Chatelet entspringt, ihren Lauf nach 
den Niederlanden richtet, bey Antwerpen vorbevgeht, sich dann in zweyArme, die 
JFesterscIielde j die auch Hont heisst, und die Osterschelde theilt, und zuletzt bey 
f^'eere und f^Liessingen in die Nordsee fliesst. Sie ist, obgleich Küstenfluss, für 
Kriegsschiffe brauchbar bis weit über Antwerpen. Zu ihrem Flussgebiete gehören die 
LfSj Dender und die Rüpel j welche aus der Vereinigung der Vjle und der beyden 
iXethen (der grossen und kleinen) entsteht. 

g) Die llialelbe (Dal-Älf), der grösste Fluss in Schweden, der auf der norwe- 
gischen Glänze entspringt, und in den bothnischen Meerbusen fliesst; h) die Gotha- 



I. Laud der europ, Staaten. §. 20. Kusteoflüsse. 5i 

Elbe (Golha-Alf) , welche aus doin See Roi^cn in lleijodaleii enlstclil , mul sicli rlicy 
Güüicnbiirg in das CaUejjfalt cryiessl ; i) der Motala , der aus deni \Vellerseo kommt, 
und bcy Nunköpiiig in die Oslscc fallt. Die schwedischen Flüsse sind fiir die SchilF- 
fahrt, der vielen Wasserfälle wegen, von keinem Lelrächilichen Vorlheil. 

k) Der Glaamen (spr. Gloamen) , der ansehnlichste Fluss in Norwegen , der auf 
dem Dufrefield entspringt, und hey Friedrichsstadt in den Christianafiord fallt; 1) der 
Dvammcii j welcher westlich vom Glaamen fliessl, und hey Bragnäs in den Meerbu- 
sen fällt; m) der Torvidal ^ welcher wieder westlich vom Dranimcn fliesst, und sich 
Ley Christianssund in das Meer ergiessl. Auch die norwegischen Flüsse eignen sich 
wenig zu Transporten, der vielen Wasserfälle wegen. 

n) Die Newa^ welche aus dem Ladogasee kommt, von Osten nach Westen in 
mehreren Armen durch St. Petersburg strömt, und nach einem sehr kurzen Laufe in 
den finnischen Meerbusen fällt. Gleichwohl ist sie sehr schiffbar, befördert durch die 
heriihmte Verbindung mit der TVolga auch die Cumnuuiication im Innern des Lan- 
des , und enthüll vortreffliches Trinkwasser , wesshalb St. Pelersbiwg keine Brun- 
nen hat aj. 

in) Der Niemen _, welcher im Gouvernement Minsk entsjiringt, und nachdem er 
die schiffbare Wilia aufgenommen hat , den Nahmen i]/e/«e/ erhält. Er macht auf eine 
Strecke die Gränze des russischen Reichs gegen das Königreich Polen, tritt hey 
Schmallcninken auf das preussische Gebiet, und ergiesst sich in das kurische Haff. 
Er ist zum Handel besonders fiir Preussen wichtig, indem er auf Strusenund Wilincn 
die Producte Litthauens diesem Reiche zufiihrt. Der Lauf dieses in der Geschichte 
der neuesten Zeit so merkwi'trdig gewordenen Flusses ist von Südost nach Nordwest. 

Weniger bedeutend sind die ührigen europäischen Küsteiiflüsse. Die merkwür- 
digsten von diesen sind, und zwar; 

a) In Spanien und Portugal: der Miiiho ^ welcher die Nordgränze von Portugal 
bildet, und in den atlantischen Ocean fällt. 

b) In Frankreich: 1) die Snnime und der Orrie j welche in den Ganal, 2) die 
F^ilaine j die Sevre von J\ioj't_, die Charente und Adoiu\, welche in den atlantischen 
Ocean, 5) der Ande ^ Heraidt und T^ar ^ welche in das mittelländische Meer fallen. 

c) In Schottland: 1) der Tay und der Forthj m eiche sich in die Nordsee er- 
giessen; 2) der Cljdej welcher in das irländische Meer üiesst. 

d) In Irland: der Barrow j welcher hey Waterford einen der besten Häfen Ir- 
lands bildet. 

e) \i\ Schweden: die Flüsse Tornea imd MuoniOj welche gegenwärtig die Grän- 
ze gegen Russland machen , und sich in den bolhnischen Meerbusen ergiessen. 

f) In Pieussen: der Pregel j welcher aus dem Zusammenflüsse der Angerapp 
und des Insters entsteht, und eine Meile unter Königsberg in das frische HaH" ßiesst. 

g) In Deutschland j luid zwar aa) in Norddeutschlatid: die IVarnow j die Pee- 
ne j die Recknitz und die Trave j welche sänmitlich in die Ostsee, dann die Eider 
und die Ems j welche in die Nordsee fallen. Die Ems berührt auch einen Tlieil der 
Niederlande, bb) In Siiddeutschland ^ und 

h) lu Italien j und zwar aa) in Oberilahen: die Etsch (AJige), die Bretita^ die 



j2 1- LauJ ilcr europ. Slaalen. ^. 21. Kunstfli'isse oder Canale. 

Piave und der TagUainento j welche alle aus den Tyroler^eliirgeu kommen, tmd sich 
hl das adiialische Meer ergiesscn; hb) inMitlelilalien: der Arno mit Aev CliLaiia ^ der 
Ombrone und die Tiber j welche sänimllich auf den Apeuninen entsprin;^en, und sich 
mit dem hctrurischen Meere vereinigen; cc) in Unteritalien: der GarigUano und p^ol- 
turiio j welche sich in das niiltelländische Meer ergiessen. 
a) S. Götting. gel. Aiiz. 1818. St. 196. S. 1941. 

§• 21. 
Runslfiiisse o ci e r C anale. 

Sie sind theils zur Bewässerung des Bodens, y\ic z. B. im österreichischen Italien, 
theils zur Entwässerung und Urbarmachimg sumpfiger Ländereycn, wie z. B. in Un- 
gern, in den Niederlanden und in der Schweiz aj , theils und zwar vorzüglich zur 
Erleichterung und Abktirzung der Commimication angelegt , in welcher letzteren Be- 
ziehung sie eines der wirksamsten Mittel sind, die Industrie zu ])elebcn. In keinem 
Zeitalter ist dieser Grundsatz allgemeiner anerkannt und beherziget worden, als in 
dem unsrigen, so allgemein, dass jiian das innere fhrtsclireiten der Staaten in einer 
der kriegerischesten Perioden der europäischen Geschichte für eine der grosstcn Ei- 
genlhündichkeiten unserer Zeil um so mehr zu halten bcrechligcl ist, da die Anlage 
schitfbarer Canäle, wegen der verschiedenen künstlichen Vorrichtungen, welche zur 
Besieguiig der Schwierigkeiten des Terrains nöthig sind, keine leichte und wohlfeile bj 
Unternehmung ist. 

Die l)criihnuestcn Anlagen der Art sind: i) in England: a) der Cannl von Leecisj 
welcher die licyden Küstenfliissc Mersej und Trent in ^^crbindung, und also die 
beyden Handelsstädte Leverpool und HuU in Communication setzt. Er geht von We- 
sten nach Osten, über und durch Berge, bat go Schleussen, lätift über 33 Bogen, 
und ist 25 deutsche Meilen lang, 42' breit imd 5' lief, b) Von diesem Hauptcanal geht 
ein zweyter Hauptcanal aus der Gegend von Lcverpool in südlicher Richtung, und 
setzt vermittelst der Canäle von Cliester _, von der Trent und von JVoh'erhampton 
die Siiverne mit der Mersej in Verbindung, c) Der dritte Haujitcanal geht in gleicli'^r 
RichtTuig mit dem ersten von der Scn'erne zur Themse, d) Der vierte Hauptcanal zielu 
sich von Süden nach Norden, vermittelst der Canäle von Oxfoi'd und Conventrj in 
den Trent, Diese Hauptcanäle setzen alle innern Gegenden mit der See, namentlich 
mit den vier grossen See- und Handelsstädten London ^ Bristol ^ Leverpool und Hall 
in Verbindung, e) Der Grandjunction- (Dschpngsche , grosse Verbindungs-) Canal j 
zur Verbindung aller bislicrigen Canäle mit der Themse, insonderheit mit London. 
Der Plan zum Bau dieses Canals konnte nur dann ausgeführt werden, als die vier er- 
sten vollendet waren, f) Der Bridgeiyater- (Bridschewater'sche) Canal j vorzüglich 
merkwürdig wegen seiner bewunderungswürdigen Bauart. Er geht zum Thcil eine 
Meile unter der Erde, wo er stets mit Lampen erleuchtet wird, so wie ferner in ei- 
nem Theile seines Laufes in einer Höhe yon 40' über den Fluss Irwelj einen Neben- 
lluss der Mersey , wodurcJi er Lei'erpool mit Mandiester in Verb'indung setzt. Er 
dient zum schnellen Transporte der Steinkolilen , die er vorzüglich der grossen Ma- 
uufaciurstadt Mrt/zcAej-ft'/- liefert, g) Das Birminghamer-Canalsjstem, j dessen Anfang 



1. Land der earop. Suaten. §. 21. Kunstllüssa oder Cauile, 55 

der Aviclitif,'f: Punct l>ey Coponjield ist. Hier auf diesem höclislen Piincte der ganzen 
Gegend werden durck zwey Danjplinaschiuen von 54 Zoll weiten Cylindern ans einer 
verlassenen Kohlengrube in jeder Minute 48 cylindrische Fuss Wasser in ein Bassin 
gehoben, aus welchem die tiefer liegenden Ganäle so viel Wasser erhalten, als der 
beständige Gebrauch erfordert cj. — Von lyöS — 1804 wurden in England i65 Ac- 
ten zu neuen Canalanlagen bewilligt. Der dem Parlamente vorgelegte Kostenanschlag 
betrug i3,oo8,igq Pf. St.. und die Länge der Linie, die durch das Land geschnillen 
ist , macht 2896 ("Jigh Meilen aus dj. 

2) In Schottland: a) der sogenannte grosse Canal _, oder der Caiial von Glas- 
gow j welcher den\Forthj der bey Edinburgh östlich ins Meer geht, mit dem CljdCj 
der westlich bey Glasgow in den Ocean fallt, verbindet, und dadurch die beydcn 
Hauptstädte Eduilnirgh und Glasgow. Er ist 55 englische Ml. lang, 56 F. oben, 2 7 F. 
unten breit und 8 F. tief. Er hat 3g Sclüeusscn , 43 Schwicbbogen, deren zwey über 
die Fhisse Lugyim und Kelwin gehen, und 23 Brücken, und erspart einen höchst ge- 
fährhchen, an 1000 engl. 311. langen Umweg um Nordscliottland, nähndich die Pent- 
landsst'rasse (dsas Grab der Matrosen genannt), welche die Orkaden vom Hochlande 
trennt. Nur so grosse SchiflTe trägt er nicht, als: b) der neue caledonisclie Canal, 
Dieser grosse Canal, zu dessen Bau das Parlament 1804 eine halbe Million Pf. St. be- 
willigte, geht nördlich vom ersten, mitten durch Schottland, aus mehreren Sc^n, von 
Südwest nach JNordost , und verbindet den Mullsund mit dem Moraybusen , an 
dem die Hauptstadt von Hochschüttland, ItiK'erness j liegt. Zwey Forts, IVUliam und 
Georg j, an denen zwey Bassins fi'ir Schiffe angelegt sind, decken ihn von beyden Sei- 
ten. Er ist 65 engl. Ml. lang, und so tief, dass er den Durchgang aller Kauffahrtey- 
schiffe, und selbst der Fregatten von 32 Kanonen, die 20 — 21 Schuh tief in's Wasser 
gehen, möglich macht.iDieser Canal erspart ebenfalls die oben angeführte furchtbare 
Strasse von Pentlaiid-Frith-, setzt die Westküste Schottlands mit Irland in nähere \'er- 
bindmig, und erleichtert den. bisher durch die Graniplans abgeschnittenen Bewoh- 
nern H(,(chschottlands' die Zufuhr von Lebensmitteln. 

3) In Frankreicli: a) der Südcaind (Canal du midi), oder der königliche Canal 
von Languedoc. Er geht von der Garonne bey Toulouse bis zum See von Thau bey 
Cctte, der nüt dem Aleerc in Verbindung steht. Er vereiniget daher den atlantischea 
Ocean mit dem mittelländischen Meere. Er ist mit Quade,rsteinen ausgewöll)t, 32 
franz. Ml. lang, an der Wasserfläche 60 F. breit, hat aber nur 6 F. Wassertiefe und 
trägt daher keine grössere Schiffe, als zu 100 Tonnen (2000 Ctr.) Er hat 62 Schleu- 
sen , g2 Brücken und er selbst ist in mehreren Stellen auf Gewölben ruhend , über 
Flüsse und durch Felsen geleitet. Unter den 101 Bassins, die das Wasser fiir ihn aus 
benachbarten Flüssen und Bächen aufnelimen, ist das bey St. Ferrol migelieuer. Es 
liegt 'jr'wischcn zwey Felsenbergen, und einer 36 Klafter dicken Mauer j ist 1200 Klaf- 
tci-^an^, 5oo breit und 20 tief. Es fasst euie MUlion Cubikklafter Wasser, das durcli 
dreV messingene Halme, die mannsdicke Wasserstrahlen ge])en, zum Canale 'gelassen 
werden kann. Dieser Jierühmte Canal ist eine Schöpfung der Ministerschaft Colberts 
uiid der Ingenievu's Rilquet imd ^ndre'ossy. Der Bau dauerte von 1666 — 1680 und 
kostote 17-1 Mill. Livres. Die Einnahme von seclis Jahren, 1786 — l"gi incl. betrug 



54 1- LauJ der ciirop. Slaaleu. §. 2J. Kunslflusse oder Canälc. 

4,724,54.5 Liv. , die Aiisgal)e fiir die Umorlialtimg iii eben der Zeit 2,670,572 Liv.', 
der Überschuss 2,o53;,g73 Liv., also für jedes Jalir 342,32-3, Liv. ix^incn Gewinn ,aj. 
Napoleon selzle diesen Canal (ausser andern wesenllicJien Verbesserungen bey Ca/'-- 
Cdssone) rechts mit der Älündung der ^ ud e hey Narbonne, mid links mit dem. Rhone 
über Montpellier, Aiguesmortes imd Beaurairc in Verbindung, b) Der unterirdische 
Canal im Depart. der Aisne bey Sr. Quentin. Er nimmt seinen Anfang bey CJiatelet 
nicht weit von der Scheide _, und ist 3 franz. MI. unter der Erde fortgefiihri. Er vor- 
bindet die Seine mit der Scheide j also auch die Sonune. Bey St. Quentin an der 
Somnie konnnt er wieder in's Freye. Er dient vorzüglich zum Transporte der Stein- 
kohlen aus dem nördJichcn P>ankreich nach der Hauptstadt. — Ausser diesen sind 
noch folgende Ganäle einer Erwähnung wer ih: 

Der Canal von Briar j der von der Loire zum Loing ^ einem Nebenflüsse der 
Seine geht ; der Canal von Charolles oder des Mittelpunctes (du Centre) , welcher 
die Loire mit der Saone vereiniget; der Camd von Tlocldiurgund oder yoii Dijon _, 
welcher über Dijon gehend die Saone mit der Tonne ^ folglicli die Saone mit der Seine 
verbindet; der Canal von Orleans _, welcher von der Luire nicht weit von Orleans, 
ebenfalls ziuu Loing gehl, und der Ourcqcanal j der die Bcschiffung der Alarne mög- 
lich macht, und Paris mit einem Überflusse von ^^ asser versieht. Uberdiess sind im- 
ter der vorigen Regierung mehrere Caniile ])rojectiit und angefangen worden, 

4) In Spanien: der grosse aragonische oder der Kaisercanal j weil Kaisdr 6V«/'/V. 
im J. 1029 den Anfang zur Anlegung desselben gemacht hat. Er fangt bey 2^udela an, 
lauft längs dem rechten Ufer des Ebrn _, und soll bis Sastago (auch amEbro), eine 
Strecke von 3l^ Ml. gefiihrt werden. Dieser Canal, der sell>st denjenigen in Erstaunen 
setzt, der den wcltberidunten Canal von Languedoc gesehen hat, ist 64 F. breit und 
g F. tief; oft durch Felsen gesprengt und über mehrere Landstrassen, Wässerungs- 
canäle midüber den schiffbaren Xalon wcggeleitet, und zwar .id>cr den leiztern ver- 
mittelst einer herrlichen hohen Brücke von 4260 F. Länge. Man hat den Plan, ihn 
von Tudela aus mit dem biscajschen Meere zii vereinigen , und dadurch das Mittel- 
rtieer (wie in Frankreich) mit dem atlantischen Ocean in Veibindung zu setzen. — 
Ausserdem hat Spanien noch fünf andere Canale , als den Canal von Murcia j den 
Castilischen j den Canal von ^Ikazar an dem Guadiana ^ den Canal von Manzan- 
jiares hcy Madrid und den Mittencanal im mitllcren Theile von Spanien, die aber 
sämmtlich, so wie der kaiserliche Canal j, noch nicht vollendet sind. 

5) In den Niederlanden: der grosse nordholländische Canal,, ein Meisterstück 
der holländischen Wasserliavikunst ; er ist 12 Ml. lang und 20 F. tief, für Kriegs- luid 
osündisclie Schiffe, von dem Helder und dem grossen Hafen Ilct Niew Diep bis in 
Het Y vor Amsterdam fahrbar, in einem sumpfigen Boden, in blossem schwijmncndcn 
Torf- und Moorboden angelegt, mit grossen massiven Schleusen, jede über 3oo,ooofl. 
wciih. Ausserdem sind noch zu bemerken: der Canal bey dem Dorfe ÄattH'jck j.d.er 
Canal von Utrecht über Amersforl nach Dcventer, und der Canal von Breda ^ der 
sich in den Biesbosch zieht, und vermittelst der Merwe \£nd der Maas das Land mit 
der Nordsee verbindet. Überhaupt ist der grösste Theil der Niederlande von zahlrei- 
chen Canälcn durchschnitten , die eben so viel Vergnügen als Bcqucmhchkcit gew äh- 



I. Land der europ. Siantcn. §. ii- KuiislUiüse odtjr Canalf. 55 

ren, weil sie scliiflljar und Allocn, Gärton und Lusthäuser daran angelct^i sind. Sie 
sind «igenllich IVasserpoststrasseii j auf denen man mit sogenannten Treckschujten 
(bedeckten ScTiiffen, die von Pferden gezogen werden, und zur Ijeslimmten Zeit von 
einem Orte zum andern abgehen) zu fahren pflegt. So vne die hiesigen Canäle be- 
deutende Coinnumicationsmittel sind , cJ)cn so kann man sie auch als wichtige Ter- 
raiiihindei-iiisse belrackicn , indem durch sie das Land inundirt werden kann. 

6) In Deutschland: der zmn dänischen Staate gehörige, scldeswig-holsteiniscfie 
Canal j auch der Kieler- oder Eidercanal f^emxnrn. Er fängt iiördhch von Kiel an, 
geht aus dem dabey hegenden Fiörd (Busen) von Osten nach Westen, bis nach Rends- 
^M7'^j wo das Wasser desselben in die Eider fällt. Er verbindet folglich die Ostsee 
mit der Nordsee. Er ist unten 54? oben loo F. breit imd lo F. tief, und trägt Schiffe 
von 70 Lasten. — Ausserdem sind noch zu Ijcmcrken: a) die Steckenitzfahrt j die 
von Lauenburg aus, vermittelst der Trave (bey Liibeck) die Elbe mit der Ostsee in 
Ver])indung setzt, eine schon in früheren Zeiten (im IMillclalter) unternommene künst- 
liche Verbindung. — b) Der im Werke begriffene Oberems-Cnnalj wodurch eine ei- 
gene Wasserstrasse fiu* Schiffe von i5 — 18 Lasten, von der JSiederems in den Rhein- 
strom erhalten wird. — c) Die zwischen der Elbe und der Oder liegenden Canäle. 
Sic gehören insgesammt dem preussischen Staate <an. Diess sind : 1) der Finowcanal j 
welcher die Havel mW. der Finow und dadurch die Elbe mit der Oder vereinigt, und 
die Schiffahrt zwischen Berlin und Stettin um die Hälfte abkiirzt. 2) i^cr Friedrich fFil- 
helms- oder Miihlroser-Canal, welcher zwischen der Spree bey Neiüjriic.'i und der Oder 
bey Brieskow gezogen ist. 3) Der Plaidsche Canal oder neue Friedrichsgraben, wel- 
cher nordöstlich von Magdeburg aus der Elbe bey dem Dorfc Parey über Genthin in 
die Havel ^eht, imd die Schiöfahrt zwischen Berlin und Magdeburg um 11 Meilen 
abkürzt. /^) Der neue Odercanal j welcher theils zur Abkürzimg der Oderfahrt von 
Giislebiese bis Hohen-Saaten j, theils zur Urbarmachung der dortigen Sümpfe ange- 
legt worden ist. 5) Der Klodnitzische Canal in Schlesien, ursprünglich zur leichte- 
ren Forlschaffung der Steinkohlen angelegt. — d) Der Canal von IFienj zwischen 
JVieti imd Neustadt angelegt. Er ist ein glückhcher Anfang für den grossen Gedan- 
ken, die Dojiau mit dem adria tischen Meere zu verbinden. Auf diesem Canal wird 
Österreichs Hauptstadt grossen Theüs mit Steinkohlen, Brennholz und Baumaterialien 
versehen. — e) Der Canal von Heilbronn j nach seinem Stifter, dem König TVilhelmj 
Willielmscanal genannt, dessen Zweck ist, die Herstellung der f'reyen und ungehin- 
derten iV>cAv77\fcÄf/^)'Y//(7'i von Kanstatt an, wo dieselbe beginnt, bis Manheini und 
in den Rhein. — Carls des Grossen Vorhaijon , durcli einen Canal zwischen der /4lt- 
miihl und Rednitz — zwey Flüsse in Franken , wovon die Rednitz unweit Bamberg 
sich in den Main ergiesst, und die Altmühl durch das Eichstädtischc nacii der Donau 
geht — die Donau mit dem Rheine zu verbinden, ist bis auf den heutigen Tag un- 
ausgeführt geblieben , ungeachtet sich schwerlich etwas angeben liesse , welches für 
den ganzen deutschen Handel von einer grössereii Wirkung, für Baierii aber insbe- 
sondere, so wie für die nächsten Main- und Donauländer von bölierer Wichtigkeit 
wäre, als eine solche schiffbare Verbindung zwischen Deulscblands Hauplüüssen , die 
zugleich Europa in entgegen gesetzten Richtungen durchströmen. 



56 I- LaiiJ der europ. Staaten, ^. 31. Kunstüiisse oder Can'äle. 

7) In Preussen: der Bromber^ercanal _, welcher die schifiLare^ra/jebey Brom- 
berg mit der ebenfalls schiffbaren Netze bey Nackel verbindet. Da mm die Brahe in 
die Weichsel j die Netze aber in die Wartha mid diese in die Oder fallt: so ist da- 
durch und vermittelst der oben besagten preussiscli-deutschen Canäle die grosse Ver- 
bindimg der Weichsel mit der Oder _, Havel j Spree imd Elbe bewerkstelliget. Seit 
der Anlegung dieses Canals hat man eine miunterbrochene Schifffahrt von Magdeburg 
bis Danzig. — Ausserdem ist einer Erwähnung werth der grosse FriedrichsgrabeUj 
welclier die Deine mit der Gilge verbindet, um die auf der Memel über Tilsit kom- 
menden Güter nach Königsberg zu schaffen , olmc dass sie nöthig haben , das kurische 
Haff zu berühren. 

8) In Schweden: der Trolhättacanal ^ welcher neben dem gewaltigen, 600 F. 
hohen Wasserfalle bey Trolhütta , durch gesprengte Felsen geleitet, in die Gotlia- 
Alf ^ohx , ein denkwürdiger Sieg der Kunst über die Natur. Er ist gooo'lang, 22' breit 
and g' tief. Auf diesem Wege kommt man bequem, jedoch nur mit kleineren Schif- 
fen, in das deutsche Meer, zu einer Zeil, wo der Sund gesperrt seyn sollte. Ausser- 
dem: der ^/■i^'ogrtcnvirtZj welcher den Mülarsee vciit dem f/ielmarsee veihindet ; der 
Strömsholmercanal j welcher von Norden nach Süden in den Mälarsee geht, und vor- 
züglich zum Transporte der Eisenwaaren dient, die von Orebro nach Stockholm ge- 
hen; der Södertelgecanal _, welcher den Mälarsee und den Handel Stockholms mit 
der Ostsee verbindet, und erst l8ig eröffnet wurde. 

g) \n Russland: der Canal von Wischnei WoloLschock ^ welcher die Wolga 
mit der Newa ^ folglich das caspische Meer mit der Ostsee vereiniget, vmd eine in- 
ländische Schifffahrt von 3740 Wcrste, von Jst}-achan bis St. Petersburg ^ möglich 
macht. Diese merkwürdige und für den Handel höchst wichtige Wassercommunica- 
tion geschieht auf folgende Art : die Twerza j, ein westliclier Ncbenlluss des Wolga- 
stroms, ist verbunden dm-ch einen Canal mit der Z.na , diese wieder mit der Slina 
und Msta ; letzter^ geht in den Ilmensee _, aus welchem der Wolchowßass in 
die Newa fällt, die St. Petersburg zertheilt. Ausserdem dienen zur Vereinigung der 
Ostsee mit dem caspischen Meere: der Canal von Nowgorod j welcher die Msta un- 
mittelbar nnt der ^/''b/c/iOT<^ verbindet ; dann der ladogaische j der tichwiiäsche _, der 
sjässische j der Marien- imd der onegaische Canal. Der Scldüsselburgercanal ver- 
schafft dem ladogaischen eine neue und bequemere Mündimg , und der swirrisclie Ca- 
nal ist, so wie der bereits erwähnte sjässische Canal, eine Fortsetzung des ladogai- 
schen Canals. — Das Eismeer mit dem caspischen Meere vereinigen: der Dwina-' 
oder Katharinencanal fcid der kubenskische Canal j, welcher letztere durch Verbin- 
dung der Dwina mit der Newa das Eismeer auch mit der Ostsee vereiniget. — Die 
Ostsee mit dem schMMrzcn Meere verbinden: der beresiidsche j der königliche und 
der oginskische Canal. — Endlich v/ird das schwarze Meer mit dem caspischen Meere 
durch die ore//5c/i<'7i Canäle, das asow'sche Meer mit dem. baspischen durch den iwano- 
wischen w\d kamilschönskisclien Canal., das Eismeer mit dem schwarzen Meere durch 
den Icpelischen Canal ^ die Dihia mit der Newa durch den welikolukiscJien j, die 
Düna mit der Narowa durch den werroischen und der Niemeu mit der Diiua durch 
den kurländischen Canal verbunden. 



1. Land der curop. Steiten. §. 21. Sümpfe und Woriisle. 6-j 

10) In Italien j und zwar in demlombaT-disch-i>enetianischenKöm'^rc\cl\c: a) der 
Nav'glio gfaiuie , der von dem Ticiiio unweit seines Ausflusses aus dem Lago mag- 
glore nach MdUiuul gezogen, und 8 Meilen lang istj L) der Cnnal della Miirtcsaiia j 
der von Lecco j wo die Addd wegen Klippen imd Wasserfällen nicht schiffLar ist, 
nach iMailajid fuhrt, und 6 Meilen lang ist. Er hewiikt eine nützliche schillljare Yer- 
Lindung z\\isrhcn dem See von Como und der Hauptstadt der Lombuvdie ; c) der 
neue Canal von Madaiid nach Pavicij wodurch die unmiltelhare Ycrhiudung mit dem 
adriatischen Meere vermittelst der Hafen von Gor'o _, Chioggia und f'^enedig geöffnet, 
und der Stadt Älailand in Beziehung auf den eigenen und den Durchzugshaudel ge- 
wisser Massen der Yortheil eines Seeplatzes verschafft wird. Üherhaupt zahlet das 
lonibardisch - vcneiianische Königreich 21 grössere und kleinere Canäle , die es nach 
allen Richtungen durchschneiden, rmd einen Längenraum von lö/ Meilen enthalten. 

11) In Ungern: der Franzenscanal , der von Monostor-Szegh an der Donau ^ 
durch die Batscher Gespannschaft bis nach F'öldvär an der Tlieiss _, von der königl. 
ungrisclien pvivilegwten CanaL- und Schlfffalivtsgesellschaft mit einem sehr gros- 
sen Kostenaufwande erhauet worden ist. Er ist 14^ Meilen lang, hat fünf grosse ge- 
mauerte Kaslcnschleusen, um den Unterschied der Donau und der Theiss , welcher 
23 Fuss beträgt, auszugleichen, kann bequem Schiffe von 3ooo — 10,000 Ctr. Ladung 
tragen , mid kiuzt den beschwerlichen und weiten Umweg aus der Donau nach den 
körn- und salzrcichen Ufern der Theiss von 2 — 3 Wochen auf 2 — 3 Tage ab. — 
Zur Veriicfiuig dieses Canals hat diek. privilegirte nngrische Canal- und ScJnfffahrls- 
gesellsclinft mi. 1819 unter der Leitung des Herrn v. Wieser ^ k. k. Hauptmanns 
und Ausschuss-Mitgliedes, eine Scidaminräumungsmaschine durch den Älechanicus 
Starlian ausfuhren lassen. Diese Maschine kostete 40,000 fl- W. ^V. , und ist so zweck- 
mässig , dass sie täglich 3o Kubikklaflcr Schlamm aushebt. 

d) Nahnientlich in dem Canton Glartis , wo die Linlh durch AenMolUsercanal '\n den fi^alen- 
see abgcleilcl wurde, um den immer weiter um sich greifenden Versumpfungen derselben 
abzuhelfen. Eine der seltenen schweizerischen Nalional-Unternehmungen ! Die Linth-Tha- 
1er, beschrieben von J. M. Schuler. Zürich, 1814. 8. Vergl. Götting. gelehrte Anz. 1817. 
St. ig4. S. ig36. 

i) S. Zwey Abhandlungen über Frachtwagen und Strassen, und über die Frage, ob und in 
welchen Fällen der Bau schiffbarer Canäle, Eiscnwegen oder gemachten Strassen vorzuzie- 
hen sey. Nach einer Untersuchung , ob die Moldau mit der Donau durch einen Schiff- 
fahrlscanaJ zu vereinigen sey. Von Fr. Ritter v. Gerstner. Prag , i8i3. Yergl. Münchener 
Allg. Lit. Z. Wintermonalh , 181g. 

c) S. Gölting. gel. Anz. 1817. St. 11. S. 111. 

d) S. Allg. geogr. Ephem. Bd. 23. S. 404 ff. 

e) S. Histoire du Canal di Midi, ou Canal de Languedoc, avec les Cartes generales et par- 
ticuliercs ainsi que les Plans, Coupes et Profils des principaux ouvrages. Par le General 
d' Artillerie Andreossj- etc. Paris, 1804. Vergl. Gölting. gel. Anz. i8o5. St. j5o. 

§. 22. 
Sümpfe und Moräste. 

Endlich ist kein Land Europa's ohne Sümpje luid Moräste; besonders häufig 
sind diese Tcrrainhindernisse imd Behälter von Rohrhtdniern , Fröschen, unschmack- 

8 



jg I. Land der europ. Staaten, §. 23. Physisches Klira». 

liaften Fisclien und Milliarden von Insecten in Russland _, Schweden ^ Preusseiij Hol- 
land j Novddeiitschland j Ungern ^ Galizien j der Moldau :, in Italien _, England 
und Irland. Vorzüglich grosse imd geographisch berühmle Sümpfe und Moräste aber 
sind: a) die litthauischen Sümpfe von den Ufern der Berezina bis zum Oberdnepr; 
J)) die pontinischen Sümjife , welche an der Gränze des Königreichs Neapel von Net- 
luno bis Terracina sich erstrecken; die Maremna bey Siena luid die Lagunen bey 
^ enedig, nebst den^ längs des Po^ der Etsch imd des Mincio ausgebreiteten Sümpfen; 
c) der Canisaer _, der Etscheder ^ der Palitscher- und Mohatscliersnmpf iw Ungern, 
die sämmüich von den tmgchciieren moi-astigen Strecken, welche die Donau j die 
Drau j die SarviZj vorzüglich aber die träge Theiss an ihren niedrigen Ufern, die 
TemeSj die ßega rechts und links stehen lassen, noch übertroffen werden; d)der^or- 
tang oder Bourtang j Morast in Holland, der mit einem Theile der Ems parallel läuft, 
und südlicli vom Dollart liegt; e) die Sümpfe zwischen Leverpool \u\d Manchester j 
in IVestmoreland nördlich von Leverpool, in Cambridgeshii'e und Lincolnsldre 
nördlich von London und in dem grössten Theile Irlands ; endlich f) der y — 8 Mb 
lange, sogenannte Fluss Baklui in der Moldau, ein siuiipfartiger Teich, der sich l)is 
Jassj erstreckt. Diese imd viele andere imgenannte Sümpfe und Moräste sind wohl 
der beste Beweis, dass der europäische Boden noch grosser Verbesserung fähig ist, 
wodurch nicht nur das Klima und die Urbarkeit der einzelnen Länder gewinnen, son- 
dern auch die Menschenzahl (die Furcht vor Übervölkerung ist im Ganzen noch sehr 
fern) zunehmen würde; unstreitig die schönsten Eroberungen, welche Menschenflciss 
der Erde abzugewinnen vermag. Vieles ist in der Hinsicht bereits geschehen a) ; un- 
gleich mehr aber bleibt noch zu thun ülirig. 

a) So sind z. B. in Ungern mehrere Canäle , wodarcli Sümpfe in Wiesen und Äcker ^ erwan- 
dell sind , angelegt worden. — In Preussen sind mehrere Brüche und Sümpfe , die ehedem 
ganz unzugänglich waren, durch Gräben und Dämme urbar gemacht, die man jetzt IVer- 
der nennet und welche nun äusserst fruchtbar sind. — In Baiern ward das sogenannte Do- 
nauinoos zwischen Ingolstadt und Neuburg , 56,ooo Tagewerke gross , durch zweckmässig 
angelegte Canäle und Gräben entwässert. Verlier nährte es i3oo Stück Vieh nur ärmlich , 
seitdem 20,000 reichlich. S. Bredows Chronik des ig. Jahrh. 1. Bd. 2. Aufl. S. 379. — 
Wie unempfänglich für solche Verbesserungen sind nicht dagegen die Moldauer. Herrn PF o[f, 
der die Leichtigkeit, die häufigen Moräste in der Moldau auszutrocknen, zu zeigen oft Ge- 
legenheit fand, ward immer ein Lieblingssprichwort der Moldauer zur Antwort, nähmlich : 
Ascha om pomenit , ascha oin Lassa! (So haben >vir es gefunden, so wollen vvir's auch lassen!) 

§. 23. 
Physisches Klima. 

Die Grimdlage des pliysiscJien Kliiiia , oder der natürlichen Beschaffenheit eines 
Landes in Beziehung auf die Temperatur der Luft und "Willerung ist das mathemati- 
sche oder solarische Klima, welches durch die geographische Breite, oder den Ab- 
stand vom Äquator bestinmit wird. Denn der Grad der Breite, unter welchem ein 
Ort oder ein Land sich befmdet, bringt einen grossen Unterschied in Ansehung der 
Hitze.iuid Kälte hervor, indem nach Verhältniss dieses Alistandcs die Sonnenstrahlen 
eine mehr .senkrechte oder schiefe Richtung haben, auch die Dauer der Sommer- und 



I. Land der europ. Staaten. §. s3. Physisches Klima. öq 

Wintertaf(C verscliicdcn ist. Zur Bcstinimmig dieses Ycrhälmisses liat man die Oliei- 
flidie des Erdljalles in fiinf Zonen (Erdgüilel , Eidstriclie) eini;cllieill : a) in die Jieisse 
Zone (zona torrida), in zwey Hälften, anf jeder Seile des Äquators, l)is 23^ (tropi- 
sche Lande); I)) c) in zwey gemässigte Zonen (zonae temperatae), vom 2.5^ — 66^° 
nördlich und südlich vom Äquator: die nördlich gemässigte Zone (zona. temperala 
horealis) , und die sädlicli gemässigte (zona temperata australis) ; d) e) in zwey kalte 
Zonen , vom QQ\" bis an die Pole, die növdliclie und südlich kalte Zone (zonafrigida 
Lorealis et australis). 

Europa reicht nirt;ends in die lieissc, und nur mit einem kleinen Theile in Nor- 
den in die nördliche Zone, so dass der grösste Tlieil desselben in der nördlich ge- 
mässigten Zone liegt. Europa's Elima ist demnach, überhaupt betrachtet, gemässigt, 
weder verzehrend heiss, noch erstarrend kalt, folglich sowohl der Gesvmdheit und 
Lebensdauer der Menschen, als auch dem Wachsthunie und Gedeihen der Thiere 
und Pflanzen sehr zuträglich, aber nach Maassgabe der Breitengrade überaus verschie- 
den, imd lässt sich in der Hinsicht in drey oder vier Landstriche abiheilen: 

1) Tiev warme Landstrich ^ welcher sich vom 36' — 45" erstreckt und ganz Portu- 
gal, Spanien^ Südfranliipioh^ die italienischen Staaten, mit Ausnahme der nördlichen 
Stücke vom sardinischen und österreichischen Italien, die jonischen Inseln, die ganze 
europäische Türkey , bis auf den grösseren Theil dei- Moldau , und die südlichsten 
Spitzen von Osterreich imd dem europäischen Russland nnt 24,710 QM. umfasst. Hier blü- 
hen die Bäume im Januar oder Februar, und die edleren Baumfrüchtc (die Olive, die 
Citrone ti. s. w.) gedeihen im Freyen ohne Schulzdach ^ in einigen Abschnitten dieses 
Landstriches selbst das Zuckerrohr und die Baumwollenstaude , eigentlich schon tro- 
pische Gewächse, welche aber doch die Glänzen der lieissen Zone in der nördlichen 
Hemisphäre merklich übersteigen. Der Sommer beginnt im April oder May und die 
Hitze steigt bis zum 33" R. ; daher Schnee von den Apenninen und Pyrenäen als la- 
bendes Kühhmgsmittel von allen Volksclassen gierig gesucht wird. Der Herbst tritt 
spät ein und ist heiter, der Winter kurz inid nass. Schnee und starker Frost ist am 
südhchen Rande nicht gewöhnlich aj. Der Regen fällt selten, und ohne künstliche 
Bewässerung würden viele Pflanzen verdorren. 

2) Dev mittlere oder gemässigte Erdstrich -vom z^^" — 55°. In diesem liegen | von 
Frankreich, die nördlichen Stücke vom sardinischen imd österreichischen Italien, die 
Schweiz, Deiuschland, die Niederlande, England, Irland, Süddänemark, Prenssen, 
Galizien, Polen, Südrussland, Ungern, Siebenbürgen und der grössere Theil der 
Moldau, zusammen etwa 44,821 QM. Hier gedeihen die Südfrüchte, mit einigen Aus- 
nahmen, nicht ohne Pflege, doch kommen alle Getreidearten, obgleich nicht in allen 
Abschnitten dieses Landstriches, fort, und in Frankreich , Ungern und im südlichen 
und westlichen Deutschland ist das Klima auch fiu- das Gedeihen von trelflichen Wei- 
nen imd feineren Obstarten milde genug. Das Frühjahr tritt im März oder April ein, 
der Sommer nn Juny mid dauert bis September; die Hitze steigt bis 26° R. Der Win- 
ter beginnt mit Anfang des Novembers und die Kälte ist so gross , dass die Flüsse 
gefrieren. 

3) Der kalte Landstrich , welcher mit dem, 55° anfängt, bis zum äussersten Nor- 

8* 



go I. Land der europ. Staaten. §. 24- Plijsisches Klima. Fortsetzung. 

deu hinaufgeht, und Schottland, Norddänemai'k mit Island, Norwegen, Schweden 
und Nordrussland , überhaupt ungefähr 82,41g QM. einniuunt. Hier fangt das Früh- 
jahr erst mit dein Älay oder Juny an. Der Sommer ist kurz und dauert höchstens bis 
in den August. Meistens gibt es nur zwey Jahrszeiten; es fohlt der allmählich zuneh- 
mende und der allmälüich abnehmende Sommer (der Früliling und der Herbst) , die 
fast bloss im Kalender sind. Nach dem langen schnee- und frostreichen Winter tritt 
gleich Sommerhitze ein, und alles Wachsthum geht raschen Schrittes fort; in ein Paar 
Tagen, ja bisweilen in Einer Nacht, drängen sich die jungen Baumknospen zahlreich 
hervor, und nach einigen Tagen ist alles in voller Blüthe ; auch erntet man meist 
schon zu Ende des July, und muss im September schon wieder einheitzen. Die Hitze 
des kurzen, sehr warmen Sommers wird durch die langen Tage verstärkt bj. Über 
dem 65' (in Norwegen, Schweden und Russland), mit dem eigentlich der arctische 
Erdstrich anfängt, ist die Kälte so scharf und empfindlich, dass das Quecksilber 
schon im September gefriert und gehämmert werden kann. Das weisse Meer und der- 
Eisocean bedecken sich jährlich vom Anfange des Octobers bis zum Anfange des Juny 
mit Eise ; die denselben zufallenden Ströme weit früher und gehen später auf. Alle 
Vegetation erstirbt; ausser verschiedenen Arten von WalHlineren wird kein Obst mehr 
reif cj; die Räume werden zu Rüschen, und die Rüsche zu Geslripp ohne Rlätter. 
Die Sieinmoose verlieren sich -in den ewigen Schnee, und Renn- und Elenthicre ma- 
chen fast den ganzen Reichthum der dortigen Einwohner aus. 

o) In den letzten Jännertagen 1822 war jedoch die Kälte zu Lissabon so ungewohnt strenge, 
dass man in einigen Quartieren bey Tagesanbruch Leute, die kein Obdach hatten, erfroren 
in den Strassen fand, und in Spanien lief man in den ersten Tagen des Februars d. J. auf 
dem Teiche des Prado mit Schlittschuhen , während wir hier zu Lande den Winter nur aus 
dem Kalender kannten. 

b) Zu Kola (im Gouvernement Archangcl) unter 68° 2i' dauert der längste Tag 60 unserer 
Tage, so wie zu Tromsöe in Norwegen unter 6g° 38' die Sonne zwey volle Monate über im 
Horizonte bleibt. Zu Riga und Rei'ol kann man im Sommer 11 Uhr des Abends noch ganz 
bequem ziemlich kleine Schrift lesen , und in Altengaard ist die Temperatur um Mitter- 
nacht noch 10" R. ; um 3 Uhr früh schon so warmer Sonnenschein, dass man Schatten 
sucht. S. Allgem. geogr. Ephem. Bd. 33. S. 426 — 427. 

c) Doch wird bey Alten in Finnmarken unter 69° 55' noch Kornbau getrieben, der nördlichste 
Kornbau auf der Welt; ein Verdienst der uni's J. 1708 aus Finnland eingewanderten Quä- 
ner , ächter Finnen. S. Monatliche Gorrespondenz zur Beförderung der Eid- und Himniels- 
kunde. 1810. Jul. S. i43. 

§. 24. 
Fortsetzung. 

Allein das physische Klima hängt nicht bloss von der geographischen Breite ab , 
sondern es wird auch durch die physische Reschaffenheit des Landes modilicirt , nah- 
menilich durch die Lage, die Abdachimg, den Roden, die Cuitur und di^; Winde. 

An allen Küsten des iMeeres ist das Klima verhältnissmässig milder und gemässig- 
ter, als im Innern der Länder, aber häufig auch feuchter und veränderlicher. — Über 
niedrigen Gegenden ist die Luft fast immer dicker und mit Wasserdtinsten mehr an- 
gefüllt , als in den höher gelegenen Gegenden ; dagegen auf den Gebirgen dünner , 



1. Laml Jer europ. Staaten, ij- 24- I'liysisclies Klima. Forlsttzuiig. 62 

reiner und scliärfer, daher auch verhiihnissmiissig kiüter, besonders wenn sie hoch 
genug sind, ewigen Schnee zu tragen aj. Vieles koinnxl hicrbcy auf die Lage und den 
Zug der Gebirge an. Eine beträchlhche Abdachung kann die VVirkiuig der Sonnen- 
strahlen und der Winde verstärken oder schwächen , je nachdem sie das Land der 
Sonne und den wärmeren Winden bloss stellt und öffnet , oder diesen hinderlich ist. 
Einen grossen Theil der strengen sLbiriscJien Kälte schreibt man der nördlichen Ab- 
dachung des Landes zu, die es den Nordwinden bloss gibt. Dagegen hat die hohe 
Temperatur des ungrischen Sommers in den Ebenen ihren Grund darin , dass der 
Nordwind sie abzukiihlen durch die Karpalhen abgehallen wird. Mähren biingt, un- 
geachtet seiner nördlichen Lage, meluere geschätzte Weinsorten hervor, da die Wein- 
gebirge dieses Landes nicht nur durch einen Kranz höherer Gebirge gegen Westen , 
Norden und Osten geschützt, sondern auch durch die Abdachung nach Süden einer 
kräftigeren Einwirkung der Sonnenstrahlen ausgesetzt sind. — Die Beschaffenheit 
des Bodens eines Landes trägt ebenfalls zur Modification des Klima's bey. Ein sandi- 
ger, der Sonne ausgesetzter Boden erhitzt die Luft ungemein. Die sandigen Districte 
Jäszäg und Kunsäg in Ungern sind so verzehrend lieiss , dass hier der Baum selten 
zur Vollkommenheit gelangt. Ein kaltgründiger Boden hingegen erkältet , faulende 
Wasser und Moräste verderben die Luft. Die grosse Menge Salzes, welche der Boden 
von Sibirien enthält, trägt viel zur Vermehrung der Kälte dieses Landes bey. Die 
pontinischen Sümpfe in der i5 Meilen breiten und 3o Meilen langen Campagna di 
Roma (dem alten Latium) verpesten die Luft so sehr, dass sie den, der während einer 
gewissen Periode (von den Hundstagen an bis zu den Herbstregen) auf dem Lande 
vom Schlafe überrascht wird, nicht selten auf immer entschlunmiern lässt. Daher man 
diese Sümpfe, besonders zur Zeit der ungesunden Luft {nialaria oder aria catti^ci) 
schnell durchfahren, und sich vor dem Schlafe in Acht nehmen muss. Selbst die Ge- 
birgshirten der Apenninen, von stärkerer physischer Natur, erscheinen bleich, am 
Gesichte abgezehrt, zum Theil von Fieber- Anfällen entkräftet, wenn sie im Winter 
mit ihren Vieldieerden einige Monate m der besagten Campagna nomadisirt, oder den 
Grimdbesitzcrn einige Tage der Erntezeit Hülfe geleistet haben bj. — Von ähnlicher 
Wirkung ist der Mangel an Cullur. Wilde und unangcliaute Länder sind inmier kalt 
und feucht. Mcnschcnlleiss hingegen verwandelt kalte Länder in gemässigte (man ver- 
gleiche luiser Deutschland mit der Germania sjUds liorrida des Cäsar und Tacitus) j 
gemässigte in warme (Italien seit Aushauiuig der Wälder in Deutschland); feuchte in 
trockene (durch Austrocknung der Moräste, Ableitung der Flüsse und Aushauung der 
Wälder), und durch eben diese Mittel ungesunde in gesunde. Doch Ijemerkel mau 
auch Beyspicle von entgegengesetzten Wirkungen der CuIiur. So ist Norwegens Kli- 
ma an gewissen Stellen kälter geworden, weil man die Wälder, die gegen schädliche 
Winde schützten, weghaute. Diesem Umstände schrcilit man die Wirkung zu, dass 
die Kälte in Tonset einen höJiercn Grad als in Rbraas erreicht, das doch bedeutend 
höher liegt. Dalmatien leidet durch zu starke Vernünderung der Wälder öfters Man- 
gel an Regen und wird dürr. — Ausserdem konnnt sehr viel auf die Winde an, um 
das Klima eines Landes mehr oder weniger kalt oder warm, trocken oder feucht zu 
machen. In den gemässigten und kalten Erdstrichen wehen nur veränderliche Winde, 



g, I. Land clci europ. Staaten. §. 24. Phj'sisclies Klima. Fortsetzung. 

-während in der lieissen Zone die Winde weit regelmässiger sind c). Doch kommen in 
den «eniässi'nen und kaken Landstrichen einige Winde häufiger vor als andere , imd 
diese nennet man herrschende fFiiide. Dergleichen sind in den gemässigten Zonen 
die TFestivinde j, in den kalten die Ostwinde. Jene hringen allemal feuchte, trühe und 
neblichte diese immer kalte, trockne und heitere Witterung mit. Verderblich wirkt 
auf die Einwohner Spaniens der Siidwind {Solano) , so wie der Südwcslwind [Libec- 
cio) in Italien, und der Südostwind (Sirocco) in Italien, der Schweiz und in Süd- 
tyrol unausstehlich lästig sind. 

Von furchtbaren Meteoren kommen in Europa am häufigsten die Gewitter vor. 
Sie sind zuweilen von einer schrecklichen Plage, dem i/ag^e/^ begleitet, in wärme- 
ren Ländern häufiger und schwerer und gegen die Polarzone hin äusserst selten. — 
Stürmischen Bewegungen der Luft sind einige Gegenden Europa's häufiger als andere 
ausgesetzt. Dieses ist besonders an denjenigen Gegenden zu bemerken, die (wie z.B. 
Österreich unter der Enns , die Gegend von Prewald bis Zengh dj u. s. w.) von der 
einen Seite an einem grossen Gebirge liegen, von der andern Seite aber an. eine weite 
Ebene sich anschliesscu. Wegen des, seit Menschengedenken unerhörten und in so 
vielen Gegenden Europa's empfundenen Orkans, bleiben der 26- nnd 27. Dec. 1810 
für den Naturforscher ewig denkwürdige Tage ej. — Viel seltener sind die Wasser- 
hosen fj j die Meteorsteine gj und die Feuerkugeln hj. — Von den übrigen JNle- 
teoren verdient hier nur das Nordlicht eine Erwähnung, das sich je weiter nach Nor- 
den desto häutiger und herrlicher zeigt. Es kommt jenen Gegenden in ihrer langen 
Nacht vortrefflich zu Statten. 

Aber wir sind noch weit in der Kunde des Klima's verschiedener Länder zm-ück. 
Und doch ist der Einfluss desselben auf das Thier- und Pflanzenreich, auf die Natur 
des Menschen , die Entwickelung des gesellschaftlichen Triebes , der Thätigkeit und 
Tapferkeit, der Geisteskraft, desNationalcharaklcrs und der politischen und religiösen 
Verfassung , so wie auf das Gelmgen und Misslingen der üntcrnehmmigen und Gewer- 
be der Menschen sehr gross, imd zeigt sich nicht nur überall, sondern auch nichi 
selten unwiderstehlich ij. Die Unfälle, welche die französische Armee im J. i8i2 in 
Russland erfuhr, mid wodurch die Befreyung Europa's von dem Militär-Despotismus 
voiliereitct wurde, schrieb das französische Bulletin bloss dem Einwirken eines ab- 
scheulichen Klima's zu. Das schönste Kriegsheer ward bald nichts mehr als eine^ eini- 
ge 100 Ml. lani;e Strasse erstarrter Leichen. 

a) Die Höhe, über welche hinaus die Gebirge stets mit Schnee bedeckt sind, nennet man die 
Schneelinie. Diese Schneclinie fängt unter dem Äquator in einer Höhe von 145760 Fuss an, 
und senket sich immer mehr, je näher sie den Polen kommt. An den Gränzen der heissen 
Zone bedarf es noch einer Höhe von i2 — ^i3,ooo F. , in den Pyrenäen von 8700 F. , in den 
Schweizeralpen von 7400 F. , in Island von 2890 F. , bis sich enälich diese Schneelinie ge- 
gen die Pole hin zur Meeresfläche niederlässt. 
6) D. Joa. Ferd. Koreff de regionibus Italiae aere pernicioso contaminatis. Pars I. Berol. 1817. 

4. Vergl. Jen. A. L. Z. 1818. Nr. 11. 
i) Auf dem grossen Wellmeere zwischen beyden Wendekreisen , und einige Grade weiter auf 
beyden Seiten , isl der Wind beslärutig östlich (Passalwind) ; im südlichen Theile des indi- 
schen Oceans vom 10 Siidbreite an lierrschen manche Winde nur in gewissen JahrszeUen 
(Moussons- oder Monssomwinde) . 



I. Land der europ. Slaaten. ^. 25- INitürliclic Fruchtbarkeit. tS 

d) Diesem Landstriche ist der unter dem Nahmen Bora bekannte fürchterliche Sturmwind 
eigen. Man empfindet ihn schon bey Adelsberg ^ 4 Posten von Triest. Menschen, Thierr 
und bepackte Frachtwagen sind oft in Gefahr, von demselben umgeworfen zu werden. 

e) S. Naturbegebenheiten in ff^edekind's Geist der Zeit. Jahrg. 1810. Freyb. und Constanz... 
1812. S. 27 ff. 

J) Dieses in seiner Art ausserordentliche Meteor wurde unter andern den ig. April 180g iu 
dem Bezirke des königl. baierischen Landgerichts Erding sichtbar, und hat schreckliche Spu- 
ren seines Daseyns hinterlassen. S. Naturbegebenheiten a. a. O. Jahrg. 1809. S. 2 ff. 

g) So fiel ein Steinregen den ig. April 1808 im Fiacentinischeti , den 22. May d. J. in der Ge- 
gend von Siannem in Mähren und den 23. Sept. d. J. zu Lissa in Böhmen. S. Naiurbege- 
benheiten a. a. O. Jahrg. 1808. S. 11. ff. 

h) Diese Lufterscheinung bemerkte man unter andern im J. 1810 zu Chalon , Sl. üiez und im 
Maass-Departement , ungefähr eine Viertelstunde \ on der Gemeinde Brizeau ; dann in Er- 
langen und Grailsheim. S. Naturbegebenheiten a. a. Ü. Jahrg. 1810. S. 22 fl. 

i) Die Leetüre des meteorologischen Jahrbuches von Dr. Haberle zu Beförderung gründlicher 
Kenntnisse ^on Allem, was auf Witterung und sämnitliche Lufterscheinungen Eiiifluss hat, 
nach iamarA-'i Annuaife meteorologiciue , mit Zuziehung der wichtigsten neuesten deutschen 
Entdeckungen und Beobachtungen in diesem Fache, ist allen, denen günstige oder ungün- 
stige Witterung wichtig ist , zu empfehlen. 

§. 25. 
Natürliche Fruchtbarkeit. 

Wenn man Europa in Ansehung seiner natürlichen Fruchtbarkeit mit den üLri- 
gen Erdtheilen vergleicht , so niuss es denseUjeii weit nachstehen. Es hat wenige ihm 
eigenthünihche Productc ; die meisten sind ursprünghch auslandisch. Von diesen sind 
die unenlbehrhchereii schon vor dem Anfange der zii\ erlässigen Geschichte , vielleicht 
schon mit deia ersten Einwohnern eingewandert j die edleren sind theils zu den Zeilen 
der römischen Herrschaft^ theils während der Kreuzzüge , aus dem Orient, einige 
seit der Entdeckimg der neuen V^elt aus Amerika nach Europa gehi-acht und daselbst 
einheimisch gemacht worden. So hat sich dieser Erdlheil mit allen Reichthümern der 
Natur versorget, die der gemässigte Himmelsstrich zu erzeugen vermag, und Etiropa 
bringt jetzt fast alles hervor, was zur Nahrung und Kleidung, zur ^Volmung, zur Be- 
quemlichkeit, zum Lberfluss und sogar zur Pracht erfordert wird. .Aljer der europäi- 
sche Boden verlangt mehrenlheils verständige Zubereitung tuid fleissigc Bearbeitung 
und gerade diess ist ein, für die Entwickehmg der jMenschheit in Europa sehr er- 
spriesslicher Umstand. Denn die Erfahrung lehrt, dass die massige Fruchtbarkeit des 
Bodens den Fleiss der Bewohner aufrege , sie erfinderisch und arbeitsam mache ; die 
Üppigkeit desselben hingegen sie zum ruhigen, oder wenn man will, zum trägen Ge- 
nüsse einlade, weil ein von der JXatur begünstigter Boden die wesentlichen Bedürf- 
nisse gleichsam von seilest hervorbringt, folglich die Menschen weniger Beweggründe 
haben, ihre Thäiigkeit zu äussern. So ersetzt die Natur alle Nachtheile mit Vorlheilen. , 
Was sie dem einen Lande an Freigebigkeit versagt , das ersetzt sie durch den Fleiss 
der Menschen, der einmal angestrengt, keine Ruhe mehr kennt. Sehr viel hängt aber 
auch von der Yerfassimg mid Verwaltung eines Staates ab. Ein Land, dessen Boden 
imfruchibar ist, dessen producircndc Classc dagegen Grundeigcnthum Lesilzl , und 



g^ ]J. ürprodiictioD. ^. £6. Ciillur des Bo.Iens. 

CS auf die Art, A-vic es ihr am vortlicilhaflcstcn scheint, benutzen darf; dabey persön- 
lich frey, in Ausübung ihrer Rechte «^eschiitzt und , wie es l)ey solchen Reitzen zur 
Thäli'kcit nicht anders scyn kann, fleissi«; ist, erfreut sich gewöhnhch eines höheren 
Wohlslandes, als ein Land mit sehr fruchtbarem Boden, dessen Einwohner theil.s 
durch die Güte des Bodens, theds durch nachthedigen Einfluss der Verfassung und 
Yerwalinng zur Trägheit bestimmt und darin erhalten werden. Nur einige Gegenden 
der Älpcnländcr, vonichmlich der Schweiz, und die nördUchstcn Tbeile von Europa 
sind von der BeschafTcnhcit, dass dort selbst der angestrcnglcsle Fleiss der Bewohner 
dem Boden nur einen sehr kärglichen LcbensmUeihalt abzuringen vermag, so wie da- 
gegen wieder die südlichsten Länder im Ganzen am meisten von der Natur begünsiigel 
sind, obgleich selbst iinter diesen keines ist, das durchgehends frucJilbaren Boden hätte. 



IL U r p r o d it c t i o n. 

a) Naturproducte aus dem Pflanzenreiche. 

§. 26. 
Cultur des Bodens. 

Um den Grad der Cultur des Bodens eines Landes zu bestimmen, bedarf der 
Siaatsforschcr der Kunde des Flächeninhaltes sowohl: i) des unproducth'eu <t) Lan- 
des, des wüsten imd des benutzten: zu AVohnplätzen , Comnmnicationswegen, Lust- 
örtern und zu anderem Gebrauche , als : 2) des productiven b) nach der verschiede- 
nen Verwendung: zu Nahrungsgewächsen, zu Fiitterkäutern, zum Obst- imd Wein- 
bau, zu Waldungen u. s. w. Die Cultur des Bodens ist zweyfach : die extensive und 
die inteiish'e. Jene besteht in der Ökonomie mit dem Lande : in Ansehung der Breite 
der Wege, der Einfriedigung, der Nutzbarmachung des bisher unbenutzten durch 
Ansiedelung und Anbau neuer Wohnungen und durch neuen Landbau c). Diese be- 
ruht auf der Erhöhung des wirthschaftlichen Ertrages von dem productiven Lande: 
durch bessere Verlhcilung </) , bessere Bearbeitung vmd Bedüngung, durch Anwen- 
dung besserer Ackergerälhe mid durch Anbau einträglicherer Gewächse. Bcyde Gul- 
turarten hängen theils von der BescbafTenheit des Bodens und des Klima's , theils von 
der Menge und dem Charakter der Einwohner ab; aber auch eine sorgfältige Staats- 
verwaltung eignet sich einen entscheidenden Antheil daran zu. 

Da Europa, mit Ausnahme der Lappen tmd Samojeden j welche noch immer 
ein Hirten- oder Jägcrleben führen, bloss sesshafie Nationen hat: so ist dicss ein,, die 
Cultur des europäischen Bodens sehr begünstigender Umstand. Sie hat sich in den 
meisten Ländern dieses Erdtheils in neuem Zeiten gehoben, luid steht in nichreren aiif 
einer blühenden Stufe. Vorzüglich sind es die JS iederl aride , Englands Dentschlandj, 
Franheicli j, die Schweiz und der grössere Theil von Italien j wo die Bodenculiur , 
besonders die intensive, mit solchem Flcisse betrieben wird, dass sie ungefälir den 



II. Urprodiiclion. $. f;, Ackerbau. 65 

Grr.d crreicJit liat, der keine bedeutende Vergrösserunj^ der Nationalkral't uiolir zu- 
la.sst. Daypgcri sind die Natiu'anlagcn anderer Länder, vornehmlich Russlands _, Po- 
lens,, .Galliens j UitgernSj Spaniens j Portugals vuid der Türkery grössien Theils 
noch sehr unvollkommen benutzt, und haben bey weitem den Grad der Ciiltur noch 
nicht gewonnen , dessen sie fiihig sind. 

d) In Russla7id beträgt das zur Cultur xöllig unfähige Land, nach v. IVichmann , 67,157 QM. ; 
das culturfähige, aber noch ganz unbebaute Land soll im europäischen Russiand allein 
.32,000 QM. einnehmen. — In Schtt-'edcn ist das grössten Theils unurbare Land, nach 
Crome, 8778 QM. gross. — In Österreich beträgt der grössten Theils zur Cultur unfähige 
"Boden 24o5 QM. , oder^, und in England und Frankreich, nach Crome , mehr als | des 
ganzen Flächenraumes. In Spanien soll, nach Ebendemselben, mehr als j, vielleicht die 
Hälfte des culturfähigen Bodens unangebaut seyn. 

b) In iS'c/itp'edf/i beträgt das landvvirtlischaftlich benutzte Acker-, Wiesen- und Gartenland, 
nach Crome, nur A' des ganzen Flächenraums, oder 365 geogr. QM. Dagegen enthält die 
ganze landwirthschaftlich cultivirte Oberfläche des österreichischen Kaiserlhums g4i6i5,ogi 
Joch , oder ^? des ganzen Flächenraums , oder g65o QM. 

c) Die beträchtlichsten Ansiedlungen , vorzüglich durch Deutsche, geschahen in Russland und 
Österreich j in jenem Kaiserstaate, nahmentlich im saralow' sehen Gouvernement auf beydea 
Seiten der'//''o/g-a ^ auch längs der Medii-'ediza und Ilawla, dann in Neurussland ^ oder den 
Gouvernements JekaterinoslanJ , Taurien und C/terson ; in diesem — in Galizien und Ungern, 
In jenem Rönigreiche belauft sich die Zahl der Pflanzdörfer auf 186, die mit 2o,ooo Colo- 
nistcn bevölkert sind; in diesem sind die Wnimorle von 1785 — i8o5 um eine Stadt, 88 
Marktflecken und 5i6 Dörfer vermehrt worden. - — Tri der Mark Brandenburg sind bereits 
unter Friedrich II. viele öde Gründe angebauet , überflüssige Wälder umgehauen, Moräste 
ausgetrocknet , und 36g neue Dörfer angelegt worden. — In Baiern waren bis zum J. i8o5 
bereits 1760 öde Gemeindegründe inländischen und fremden Colonisten unentgeltlich und 
auf Eigenthum eingeräumt worden, und eben war man beschäftigt, noch 642 andere Di- 
stricte mit 109,174 Tagewerken zu vertheilen. — Selbst Spanien liess Deutsche einladen, 
sich in Andalusien und auf Sierra Morena niederzulassen. 

</) Gekrönte Preisschrift über Güter-Arrondirung , mit der Geschichte der Cultur und Land- 
wirlhschaft in Deutschland, und einer statistischen Übersicht der Landvvirthschaft von je- 
dem Kreise des Königreichs Baiern , dann zwey iliuminirten Flurkarten. Vom Staatsrathe 
<ioa Hazzi etc. München, 1818. gr, 8. 

§• 27. 
Ackerbau. 

Das characteristische Kennzeichen des Feldljaues ist der P/lug j der das Feld in 
sicher verwandelt. Die Hauptgeschäfte des Ackerbaues sind : i) zweckmässige Ztibe— 
reitung des Bodens durch Auflockern und Düngen j 2) rechte Behandlung der Saat 
vom Ausstreuen des Samens an bis zur Ernte. Der Hauptgegenstand desselben ist das 
Gc-^re;V/e in allen seinen Arten, die vorzüglichste Nahrung des Europäers, so wie es 
der Pisangbäum fiir alle Länder der heissen Zone ist. Ausser diesem hat aber der 
Aokerltau noch sehr viele Gegenstände, die eine solche Behandlung verlangen oder 
er! ragen; mehrere Küchengewächse und .Haudelskräuter gehören noch vorzüglich zu 
den Feldfi üchien. 



tS6 II. Urproductiou. ^. 28. Ackerbau. 

Am sorgfaltigsteu und kunslmässigsten wird der Ackerbau, dieser unversieglich<' 
und uuberaubliche Natioualschatz, in den Niederlanden j besonders in den südlichen 
Provinzen a) dieses Königreichs j dann in England Z»), Nordfrankreich j Deutsch- 
land ^ vornehmlich in dessen südlichen Hälfte c) , in Ober- d) und Mittelitalieti e), 
mit Ausnahme des Kirchenstaates , und in einigen Gegenden der Schweiz f) behan- 
delt. Ausserdem ist ein sorgfältigerer Betrieb dessell)en in Schweden g) und Däne- 
mark sichtbar. Dagegen wird der Ackerbau auf den fruchtbaren Fluren des Kirchen- 
staates j Neapels _, Siciliens _, Spaniens li) , Portugals j Ungerns i) , GalizienSj Po~ 
lens j Russlands und der Fürkey kunstlos betrieben, im unbedingten Vertrauen auf 
die Freygebigkeit der Natur die Wirksamkeit derselben durch keine raflinirte Industrie 
unterstützt, und der Ertrag würde nie so wichtig werden können, käme die Natur 
und der Boden dem Menschen nicht so willig zu Hülfe. 

d) Sehr rühmenswerth ist unstreitig der Fleiss , den die Belgier auf das Jäten , Düngen und 
überhaupt Zubereiten ihrer Felder , so \vie auf das Einräumen der Äcker — in Belgien das 
Ausschiessen der Rigolen genannt — \s'enden , wodurch der Saatacker eine gewisse Vollen- 
dung, ein besonders nettes Ansehen gewinnt. Grossen Theils \vird das Ackerland garten- 
artig, niit dem Spaten oder dem Grabscheit bearbeitet. Rein Land gebraucht so mannig- 
faltige Düngungsmittel , als Belgien. Ausser dem gewöhnlichen Miste , der häufig mit Rar- 
tofTelkräulrich \ ermischt wird , gebraucht inan auch viel menschliche Excremente , die in 
eigens dazu eingerichteten Rarrenkasten transportirt werden ; auch die Absvürfe von Flci- 
scherhalleu und Fischwcrkcn , die mit 11 — i5mal so viel Krautmasse und Stroh versetzt 
werden; ferner die Abfälle von Lcder- und Hutmanufacturcn und Znckerraffinerien u. s. w. 
Im Lande /^ar* werden von den Raufleuton Diingennagazine angelegt, worin sie Dünger 
in allen Qualitäten aus den von den Städten erhaltenen Abgängen aller Ort sammeln, und 
sodann daraus in verschiedener Qualität und Qtiantität verkaufen. Der Belgier kauft endlich 
sehr viel Dünger aus andern Gegenden, und jährlich kommen über Lille und Sas de Gand 
mehr als 3oo Schiffe mit Dünger k 642 Ctr. , und eben so viel aus Holland mit Asche. Frey- 
lich nehmen die Cullurkosten im Durchschnitt | der Ernte weg, weil der Boden nur durch 
Cultur zu hohem Ertrag gebracht wird; da hingegen in den von der Natur begünstigten Län- 
dern, z. B. in Italien, die Cullurkosten nur j des Ertrags an sich nehmen. S. Ergänzungsbl. 
z. A. L. Z. Nr. 107. 1812. S. 85i— 853. 
b) Ungeachtet des Vorwurfs einer fast ausschliesslichen Begünstigung des Handels und der 
Fabrication hat der Ackerbau in England doch sehr grosse Fortschritte gemacht. Der eng- 
lische Landwirth hat alle seine Grundstücke beysainmen, die er mit Gräben oder mit leben- 
digen Zäunen einschliesst , wodurch sie die Vorlheile eines Gartens erhalten. Die Hälfte des 
Guts, auch wohl z^vey Drittel desselben werden zum Anbau der Futterkräuter, oder zur 
Anlegung künstlicher Wiesen bestimmt; das Übrige bleibt Ackerfeld. Brache findet niemals 
Statt. Der Gebrauch besserer, von den Britten selbst erfundener Ackergeräthschaften , die 
Benutzung des Mergels, des Seetangs und der Fische zu Dünger, wo es an animalischem 
Dünger fehlt, und das Wechseln mit Getreide, Rüben und Rlee , tragen nicht minder zur 
Erhöhung des landwirthschaftlichen Ertrages bey. — Die Gründe, warum England dessen 
ungeachtetseitGo Jahren ein Rorn einführendes Land ist, sind folgende: Der Ackerbau hat sich 
zwar seit dieser Zeit \erliältnissmässig zur Volksvermehrung ver\oIlkommnet , aber die Con- 
sumtion ist nicht in diesem Verhältnisse geblieben , sondern aus ihrer vorigen Einfachheit 
mehr in die von Weitzen , von Fleische , von Getränken , die aus Früchten bereitet wer- 
den , übergegangen ; besonders aber hat die Haltung von Pferden sich so ungeheuer (nähin- 
lich bis zu i,5oo,ooo) vermehrt, dass sie einen weit grossem Theil der Ländereyen in An- 



II. ürproductiou. §. 28. Ackerbau. " 67 

sprurli nimmt , als in Rücksicht auf den Getreidebedarf eigentlich dazu verwendet werden 
sollte, wodurch sich ein für die Getreide-Consumenten immer nachtheiligeres Verhällniss 
zwischen Acker- und Wieseriland festsetzt, ohne den Schaden in Anschlag zu bringen, den 
die grosse Anzahl meilenlanger Parks, oder der weitläufigen, durch Kunst \erschönerlen 
Landschaften, dem Ackerbau verursachen. S. Zustand der Landescultur. Ursachen und Fol- 
gen des Getreidemangels in England ; in dem, von Friedr. Genz herausgegebenen histori- 
schen Journal. 1800. S. 476 — 492. 

c) Unter andern bildet in Österreich ob der Enns von Gnmnden bis Kremsnmnster und von hier 
hinab bis 5/f;'f7- und St. Florian]C(lcs einzelne wohlgebaute Bauernhaus mit seinen Wirlhschafts- 
gebäuden und Grundstücken ein herrliches Tableau. Rein Bauer hat mehr, als er gehörig be- 
stellen kann; er ^erliert keine Zeit mit Düngorfahren aufstunden- oder meilenweit entlege- 
ne Acker; seine Pferde und seine Knechte kommen nicht ermüdet mit dem Pfluge auf das 

' Feld; sie haben ja kaum eine viertel Stunde weit. Durch diesen einzigen Umstand wird 
schon eine Übersicht , die Handhabung einer Ordnung möglich, die bey grösseren Gütern 
gar nicht ausführbar ist. Die Äcker sind schön gepflügt, in schmale Beete gcthcilt und ge- 
, gen das Vieh geschützt; die Raine mit Äpfel- und Birnbäumen zum Cider bepflanzt; die 
Wiesen werden geebnet , gewässert und gedüngt. Daher üppige Grasfülle und herrliches Vieh ; 
daher,, als Folge dieser Segen bringenden Cultur, allgemeiner Wohlstand. S. Reise durch 
Oberösterreich \on Schuttes. 1. ThI. S. 23i fT. 

d) Vornehmlich in der Lombardie und im T'iiieiianischeri , in Lucca , Piemonl und Genua. 

e) Nahmentlich in Toscana, von dessen Landwirthschaft Hr. Simonde in seinem Tableau de 
C Agricullure Toscnne ein reitzendes Bild entwirft, durch die Beschreibung des Thaies von 
Niecole ß in der Nähe von Peseta, wo Niederungen, sanfte Höhen tmd Gebirge sich finden, 

. von welchen drey verschiedenen Lagen der Italiener jede auf eine ganz eigene Art behan- 
delt. In den Niederungen sind die Felder gemeiniglich oben und unten mit Gräben verse- 
hen. Durch jene wird das Wasser darauf, und durch diese wieder davon geleitet. Zum 
Wässern hat man selten eigene Gräben, sondern man bedient sich dazu der schmalen We- 
ge zwischen den Beeten und anderer Vorrichtungen , wobey man keinen Boden \ erlicrt. 
Die Gräben sind mit Pappeln besetzt , zsvischen denen Weinstöcke stehen , deren Ranken 
an die Pappeln befestiget werden. Quer durch die Felder geht eine doppelte Reihe \on 
Maulbeerbäumen. Wo es der Boden und die Umstände vertragen , da nutzt man die Fel- 
der zu Gartengewächsen , und düngt dazu hauptsächlich mit Menschenkoth , den man un- 
ter allem andern Dünger für den besten hält , und worauf man den grössten Werlh setzt. 
Das Ackerland, das man grossen Theils , gleich einem Blumengarten, mit der Schaufel be- 
arbeitet, bauet man in drey oder auch in vier Feldern. Das Vieh, die Rinder werden auf 
dem Stalle gefüttert. — Die sanften Höhen sind die Lagen für die Oliven, den Wein und 
das Obst. Der Fruchlbau ist weit unbedeutender. — In den Gebirgen ist die Landwirth- 
schaft auf die zahmen Kastanien und die Schäfereyen gerichtet. 
/ ) Besonders auf dem Fellenberg' sehen Gute zu Hoßij-l im Canton Bern , wo alle Ländereyen 
und Wiesen die Wohn- und Wirthschaftsgebäude in einem Zirkel umgeben, iind wo die 
möglichste Auflockerung und Bearbeitung des Bodens , Fruchtwechsel und Drillwirthschaft 
oder Reihenpflanzung eingeführt ist. Die Sorgfalt in Ansehung der Vermehrung der Dün- 
gungsmittel treibt Hr. Fellenberg so weit,,dass er nicht nur vier Esel mit eben so viel klei- 
nen Wagen und Knaben hält , die den Mist , den die Pferde fallen lassen , a\i/'lesen , ^ son- 
dern auch seinen Arbeitern bewegliche AbtrittCi auf das Feld nachführen lässt. S. H. A. L. 
Z. Nr. 168. 1808. und Nr. 25o. 1810. S. 149 ff. Folgende Ackergeräthschaften und Maschi- 
nen sind daselbst im Gebrauche: 1) der Exstirpator oder die Pferdehacke; 2) der Furchen- 
zieher oder die kleine Pferdehacke : 5) der Schwingpflug ; 4) ein Pflug mit zwey Ohren , 

9* 



68 II. Ürproduction. ^. s8. Hindernisse des Acterbaues. 

auch Häufl-Pflug ; 5) eine Samen-Reinigungsmaschine ; 6) vereinfachte Säemaschinen für allcAr- 

ten von Getreide ; 7) Schneide- und Dreschmaschinen ; endlich 8) Blasbälge gegen Ungeziefer. 
g) Vornehmlich in Angermanland und Helsingland. S. Allg. geogr. Ephem. Bd. 27. S. 297 fF. 

und S. 3o3. 
K) Mit Ausnahme der Provinzen Biscaya , Guipuscoa , Alana und Valencia , wo man sehr viel 

Fleiss auf die Cultur dos Bodens verwendet. 
/) Mit Ausnahme der sehr betriebsamen Zips, 

§. 28. 
Hindernisse des Ackerbaues. 

Dic'Hindernisse j welche der grösseren Aufnahme des Ackerhaues hierund da im 
Wege stehen, sind theils phjsischj theil moralisch j tlieils politisch j theils in ande- 
ren Umständen gegründet. 

Zu den physischen Hindernissen des Ackerhaues gehören das Khma , die Gehirge, 
Sümpfe und Moräste, der wellsandige, salzige und dürre Boden mancher Länder und 
Gegenden, wodurch jede Art ökonomischer Cultur entweder gänzlich unmöglich ge- 
macht, oder wenigstens so erschwert wird, dass sie nur durch grosse Anstrengung, 
durch Ausdauer kann hewcrkstelliget werden. Es ist erstatmi ch, mit welchem Fleisse 
oft raiüic, nackte Felsen, wie z. B. in der Schweiz j in Tyrolnnd andern Alpenlän- 
dern , oder unwirthharer Sumpf- imd Moorhoden, wie in den nördlichen Provinzen 
Aer Niederlande j oder untragharer Flugsand, wie in der Mark Brandenburg ^ ^cich.- 
wohl heurhart und fruchthringcnd gemacht sind. — Wie verderhlich auf Ackerbau 
in Jiiehreren Gegenden Italiens vergiftende Hauche tödtlicher J^uftarten wirken , l)e- 
weiset unter andern die Campagna di Roma j wo durch bösartige LufthaucJte fast 
jährlich die Yolkszahl der niedrigen Volksclassen abnimmt, und es desshalb an gesun- 
den , brauchbaren Landarbeitern fehlt. Einzelne vormals getheilte , mit Fruchtsegen 
bearbeitete Grundbesitzungen werden mit dem anhaltenden Aussterben der Landleute 
in. obgedachter Campagna in immer grössere Herrschaften vereinigt, und mit dieser 
Veränderimg grössten Theils nur zur nomadischen Viehweide im Winter benutzt 
(vergl. §. 24-)- 

Zu den moralischen Hindernissen rechnet man theils die Abneigung, welche ei- 
nige europäische Nationen , nahmenilich die Spanier j l^ortngieseh und die Osnianen 
gegen den Ackerbau haiien , theils die grössere Neigung, andere indifstriöse Beschäf- 
tigungen dem LandJjaue vorzuziehen, und die Hauptbeschäftigung ^.um geringeren Ne- 
bengewerbe zu machen, welche Sitte man nahmentlich bey den Rassen wahrninuut. 
Viele russische Bauern wandern in die Städte, wo sie sich durch verschiedene Ge- 
werbe mehr verdienen, und eben darum auch ihren Herren (die ihre Grundsliicke 
nicht nach der Grösse und Fruchtbarkeil des Bodens , sondern nach der Anzahl der 
Leibeigenen, und dem reinen Geldgewinnsl, den dieselben jälirlich liefern, schätzen) 
mehr an'Aljgaben entrichten können. '"' ' '■' ' c ' ' | 

Yi'ie politischen Wxndermsse zerfallen in: 1) Reste des Miltelalters in Bezug auf 
den Landbau, welche wiederum sich theilen : a) Hiadernisse in Bezug auf die Arbeit 
oder die Personen, die das Land bel)aucn; /3) Hindernisse in Bezug auf das Gut. 2)Neue 
Hindernisse des Ackerbaues , welche erst nach dem Mittelalter eintraten. 



II. Urproduction. ^. 28. Hiiideruisse des Ackerbaue«. 6q 

Die unter a) gehörenden Hindernisse bestehen in Leibeigenschaft und Frohnvci- 
hähnisscn. — Zu den Hindernissen, welche unter y3) angegeben sind, rechnet man 
besonders : die unverhäUnissmässig grossen Güter , wie es deren z. B. in Spa/tlen 
gibt a); das Missverliähniss zwischen der Zahl der Äcker und Wiesen ö) ; die gleiciie 
Theihmg der Güter und also die immer grössere Auflösung des Ganzen in die klein- 
sten Bestandtheile, wie es z. B. in Ungern und in einigen Gegenden der Schweiz cin- 
gefulirt ist c) ; das Zehentrecht, das in keinem Lande so strenge imd ausgedehnt ist, 
wie in England d); die Hut- und Triftgerechtigkeit, besonders die dem Landbaue so 
nachtheilige Mesta in Spanien e); die Gemeinheit des Eigenthums /^ ; der Missbrauch 
des Jagdrechts ^); zu grosse Dörfer und die damit, als eine natürliche Folge, vei'biui- 
dene Zerstreutheit der Feldbesitzungen, wie es z. B. der Fall in Ungern ist //)jdie in 
Italien übliche Meierwirthschaftj vermöge welcher der Bauer Meier ist, der das 
Meiergiit gewöhnlich auf Erbpacht besitzt, wovon er die Pacht theils in natura — 
nähmlich die Hälfte der jährlich gewonnenen Producte — an den Gutsherrn abgil)t, 
theils aber auch für die Benutzimg des von dem Gutsherrn gestellten Viehes die Hälfte 
des jälirlichen Pachtzinses der Wiesen (ä 40 Franken der Morgen) im Gelde bezahlt/). 

Die neuen j erst nach dem Mittelalter entstandenen Hindernisse sind vornehmlich 
folgende : Begünstigung des städtischen Gewerbes auf Kosten des ländlichen; Vcrboth 
und Erscliwerung der Getreideausfuhre als Regel k) ; fehlerhafte Einrichtung des Mt- 
gabensystems (vorzüglich in Ansehung des Landbaues, hohe Grimdsteuer und das 
Steigen derselben mit der Verbesserung der Cultur, wie z. B. in Frankreic/i). 

Von den in anderen Umständen gegründeten Hindernissen des Ackerbaues ver- 
dienen besonders folgende beachtet zu werden: 1) der in einigen Ländern, wie z. B. 
in Russland j Ungern ^ Spanien j Statt findende Mangel an arbeitenden Händen; 
2) der hier und da herrschende Mangel an gehörigem Absätze der landwirlhschaflii- 
chen Producte, theils weil es zu wenig Städte, zu wenig Gonsumenten, wie z. B. in 
Ungern j gibt, theils weil es an guten Strasserf, wie z. B. in Spanien j fehlt; 3) der 
gestiegene Preis der ersten Lebensbedürfnisse und die bessere Art zu leben, an welche 
auch der gemeine Mann, besonders m England _, Frankreich j, Deutschland und üä^ 
neinark sich gewöhnt hat; endlich 4) der Umstand, dass der grösste Theil der Land- 
wirthe gerade zu der gemeinsten Classe der Staatsburger gehört, bcy welcher die Gei- 
stescultur in Rucksicht auf ökononüsche KennlJiisse in der Regel auf einer niediigen 
Stufe steht , und die Anhänglichkeit an das AJte und Hergel)rachte eine fast unüber- 
windliche Neigung ist. 

ä) Wie können Latifundia von i5 — 2o,ooo Morgen Terrain an Feldern, Wiesen und Hutunj; 
orijentlich bewirllischaftet werden? — Aber die Zerreissung der grösseren Güter in kleine 
Parzellen, wie diess in Frankreich in Folge der Re\ülulion geschah, hat auch ihre Nach- 
theile. Eine RIenge nicht völlig befriedigter kleiner Eigeiilhiimer ist an die Stelle d,jr ehe- 
maligen wenigen, aber befriedigten grossen getreten. Da diese Leute das, was sie von ih- 
rem Acker ernten , seihst wieder verzehren : so tragen sie zur weitern Consumtion , und 
folglich zu der Production und dem Handel, und daher zu dem gemeinen Besten damit 
nichts bey ; ja sie haben, um leben zu können, nicht seilen noch einen andern Erwerb nö- 
thig. S. Götting. gelehrte Anzeigen. i8o3. Sttick 29. S. 282 S. Vergl. Hall. AUg. Lit. Zeit. 
181 o. Nr. HO. 



-Q Jl. Uiprodiiclion. ij. 2g. Befürderuni^mitUl des Ackeibaucs. 

6) Wenn dio Wiesen sich in der Regel gegen die Felder wie i : i2 bis 2o, wohl gar zuwei- 
len 'wie 1 : 3o bis 5o — anstatt i : 4 oder 5 — verhalten, oder wohl gar hier und da fehlen 
und auch der Klee- und Futterbau vernachlässiget wird : wie lässt sich da an hinreichendes 
Futter T an einen verhältnissmässigen , gut genährten Viehstand denken? wenig und kraft- 
loser Dünger, magere Äcker und Ernten sind dann eine natürliche Folge davon. 

c) Mancher reiche Gutsbesitzerin [/«g^eni besitzt , wegen der gleichen Theilung der Güter, 
kein einziges Dorf allein, wohl aber Antheiie an 2o Ortschaften. S. Jen. Allg. Lit. Zeit. 
Nr. 25g. 1811. S. 287. — In der Sigrisw'yler Gemeinde im Berner Oberlande ist selten eine 
Juchart zu finden , die nur Einen Eigenthümer hätte ; ja man kann manche Flecken , die 
nicht grösser als ein gewöhnliches Wohnzimmer sind, zeigen, an welchen mehrere Anthei! 
haben. S. Gotting. gel. Anz. 1808. St. 178. S. 1772 ff. 

d) Wo die Grundstücke im Ganzen jährlich 3,5oo,ooo Pf. St. an Zehnten bezahlen. S. AUg. 
geogr. Ephem. Bd. 3o. S. 289 ff. Vergl. Bisingers Vergleichende Darstellung der Staatsver- 
fassung der europäischen Monarchien und Republiken. S. 355^356. 

e) In den Gegenden , durch welche die wandernden oder Merinoschafe zu ziehen berechtiget 
sind, dürfen die Felder nicht eingehäget werden; man muss ihnen eine, 90 spanische El- 
len breite Strasse frey lassen; sie dürfen frey auf allen Triften weiden, und die Weiden in 
Estremadura 3 wo sie überwintern , müssen ihnen um einen festgesetzten geringen Preis 
überlassen werden. S. Neueste Runde von Portugal und Spanien. Weimar, 1806. S. 283. 

/) Auf der Insel Sardinien z. B. herrscht die Gewohnheit, dass die meisten Felder den Ge- 
meinden als Gesammteigenthum gehören , und dass die Benutzung derselben jährlich unter 
den Gemeindegliedern abwechselt, mithin die Äcker aus einer Hand in die andere über- 
gehen , so dass sie von jedem Einzelnen ausgesogen werden , weil jeder seinen Antheil nur 
Ein Jahr lang benutzt. S. Crome's Allgemeine Übersicht der Staatskräfte von den sämmtli- 
chen europ. Reichen und Ländern. Leipzig 1818. S. 670 ff. 
i g) Im ehemaligen Zwejbrückischeti z. B. hatte der grosse (jetzt vernichtete) Wildstand durch 
die angerichteten Verheerungen den Landmann fast zur Verzweiflung gebracht. S. H. A. 
L. Z. 1810. S. 878. 

/i) Wo der Bauer an manchem Orte sein Heu und Getreide mit unglaublicher Mühe und Ar- 
beit, mit Ernährung von 4 — 6 Tagelöimern ausser dem Gesinde, mit Zeitverlust und über- 
mässiger Abmattung des Viehes , von den entlegenen und zerstreuten Feldern und Puszten 
oder Prädien 3,4:5 bis 7 Stunden weit zusammenführen muss. S. Grellmann' s Statistische 
Aufklärungen über wiclitige Thoile und Gegenstände der österr. Monarchie. Bd. 2. S. 277 ff. 

/) Hr. Crome macht in Ansehung der obgedachten Meierwirlhschaft die richtige Bemerkung, 
dass eine solche Landwirthschaft nur in einem Lande bestehen kann , wo die Fruchtbarkeit 
des Bodens so gross und das Klima so herrlich ist , und wo die \ ielen grossen Städte den 
Absatz der Producte so sehr begünstigen, wie in Italien. 

h) Völlig unbedmgte und unter allen Umständen freye Gefreideausfuhre ist jedoch in keinem 
Staate, der nicht etwa, wie Holland, Hamburg u. s. w. ganz oder doch grössten Theils 
Handelsslaal ist, zu rechtfertigen, wenn nicht die Producenten die Consumenten in jedem 
Jahre, worin die gütige Natur nicht mehr als den Bedarf aus ihrem Hörn des Überflusses 
ausgeschüttet hätte, aushungern sollten. S. Gölting. gel. Anz. 1809. S. 1092 — locjö , wo 
eine beherzigungswerthe Ansicht über den freyen Kornhandel vorkommt. 

§• 29. 
Beförderungsmittel des Ackerbaues. 

Yiele und uiannigfakigc Hindernisse stehen demnach den grösseren Fortschrit- 
ten des Ackcriiaucs in den europäischen Ländern im Wegej doch nie war man eifriger 



II. Urpioduction. §. Sp. Befcrderungsiuillel des Ackerbaues. ^i 

Lcmiilit, das Gewerbe des Landmannes zu heben, als in unserm Zciialier. Sowohl 
weise und edle Regierungen, als auch einsichlsvoUe luid patriotische Guishciren ma- 
chen es sich zum Geschäfte inid sludiren darauf, die Überfläche des Erdbodens zu 
verbessern und zu verschönern, oder der Natur durch Kunst zu Hülfe zu kommen 
und fast jedes Land Europa's hat von dergleichen belohnenden Eroberungen, wodurch 
wüste Plätze urbar gemacht, neue Dörfer gebaut, Strassen angelegt, Canälc gegraben 
Moräste abgezapft, überflüssige Wälder ausgchaucn, oder neue Holzungen gesäet wor- 
den sind, seine bestimmten Siegeszeichen aufzuweisen. 

Nächst der unmittelbaren Veränderung des europäischen Bodens selbst, sind 
auch andere glückliche Fortschritte hier gleichfalls noch znit Achtung und Freude zu 
erwähnen. Man hat nähndich mit so rühmhcher Einsicht, als edlem Willen in den 
meisten Ländern die Leibeigenschaft _, als ein, weder der Würde des Menschen, 
noch dem Interesse des Staates , angemessenes Verhältuiss abgestellt ; auch ist der 
Frohndieiist in einigen Ländern gänzlich abgeschaflt, \n anderen in eine stellvertre- 
tende angemessene Abgabe verwandelt, in wieder anderen durch Gesetze bestimmt wor- 
den a). — Man trachtet immer mehr, die Gemeinlieiten zu verlheilen, schränket die 
Brache ein, hat in vielen Ländern mit glücklichem Erfolge die Race dev Pferde _, der 
Rinder j vornehmlich aber der Schafe veredelt, durch vermehrten Anbau der Futter- 
kräuter j durch Errichtung von Thierarznej schulen h) , durch Belohnungspreise 
überhaupt den Stand der J^iehzucht verbessert, und hat auch den liandinann diuch 
zweckmässige Beschränkungen des Jagdregals von der drückenden JJild- und Jagd- 
plage befreyel, die sonst so oft die Früchte seines Schweisses verkümmerle c). 

Man hat in mehreren Ländern mit gutem Erfolge exotische Getreide- luid Holzarten 
die nicht nur meist an sich edler und schöner sind, sondern auch einen viel höheren 
Ertrag geben, angebauet d) , und höret nicht auf, noch mehrere aussereuropäische 
Gewächse zu acclimatisiren. Man sucht die Forlschritte in den Erfindinigen derAcker- 
gerälhe, der Chemie und der Botanik, und die dadurch bewirkten Neuerun"en in der 
Landwirthschaft durch ökonomische Zeitschriften e) zu verbreiten. — Man hat in 
den meisten Ländern Ackerbaugesellschaften f) oder Vereine verständiger Landwir- 
ihe errichtet, deren Geschäft es ist, über die Entfernung der Hindernisse der Land- 
wirthschaft zu berathschlagen , alle niUzliche Entdeckungen in derselben kennen zu 
lernen und dieselben nach vorhergegangener Prüfung und mit Rücksicht auf die örtli- 
chen Abweichungen im I^ande bekannt zu machen; atich durch Abfassung zweckmäs- 
siger Ä'a/e/i^e/' zur Bildiuig der untern \olksclassen beyzutragen. — Man hat ferner 
in inchreren Ländern theorethisch-practische ökonomische Institute j oder Acker- 
bauschulen g) gestiftet, die tlieils als Miitelpuncte lehrreicher Versuche und Ei-fah- 
rungen für eine fortgesetzte Verbesserung der Landwirthschaft, theils als Lehranstal- 
ten für angehende Landwirthe können betrachtet werden. — JNIan hat iiberdiess hier 
luid da eigene Lehrkanzeln der Landwirthschaft errichtet , und das Studium der 
Ökonomie für Hörer der Theologie imd künftige Wirlschaftslicamte als Zwangsstu- 
diiuu erklärt A). — Man hat endlich in einigen Ländern landwirthscliaftliche Feste 
gefeyert i) , imi andere Landwirthe zur Vergleichung, Entdeckung eigener Mängel, 
Zueignung des Guten und Nacheiferuns des Bessern zu bewciren. 



,.g II. Uiproduclion. §. 3o. Getreideaiten. 

a) S. ViTgloichende Darstellung der Staatsverfassung der europaischen Monarchien u. s. w. 
a. a. O. , wo S. 545 — 556 der Rechtszustand der Bauern in den europäischen Staaten näher 
beschrieben ist. Hier ist noch nachzutragen , dass die Leibeigenschaft jetzt auch im Mecklen- 
burgischen aufgehoben ist. 

b) S. Zweyte Abtheilung: Unterrichtsanstalten. 

c) Jetzt kann auch die uralte Klage des w'nrtembergischen Volkes über das Jagdwesen nicht 
mehr gehöret werden. In Folge der königl. VerordnuTig vom 18. Januar 1817 ist den Ge- 
meinden das Recht eingeräumt, Communal - J'VililschTäzen aufzustellen. Das Schwarzwild 
soll ausser den Thiergärlen ganz ausgerottet, der Bestand des Rothwddes mit der Waldllä- 
che in richtiges Verhältniss gesetzt werden. Wildschäden werden von Seite der Staatscasse 
nicht mehr vergütet, wohl aber von den Forstbeamten, wenn sie das zur Abwendung des 
Wildschadens Vorgeschriebene unterlassen. S. Osterr. Beob. ]Nr. 53. 1817. S. 168. 

d) Wie z. B. in Österreich ,Preusseii , Sachsen, und andern Gegenden Deutschlands. S. H. A. 
' L. Z. Nr. 291. 1812. S. 654 ff- 

e) Wie z. B. die vom Hrn. C C. y^/n/re herausgegebenen ökonomischen Neuigkeiten, Thaer's 
Annalen , die landwirthschaftlichen Blätter von Hofii-yl u. s. vv. 

f) S. zweyte Abtbeilung : Anstalten und Hiilfsmittel zur höheren Ausbildung der Wissenschaften. 
s) S. zweyte Abtheilung : Unterrichtsanstalten. 

7i) Wie z. B. an den österreichischen Universitäten , Lycäen und Akademien. 

i) Wie z. B. in England , Baiern und in der Schn-'eiz. Die Feyerlichkeiten , mit denen das 
landwirthschaflliche Fest des Herzogs v. Bedford zn ff^oburn-Asley i8o5 den i5. Juny began- 
gen wurde, dauerten dreyTage, und Besichtigungen der geschornen Schafwolle, der fetten 
Hammel, Widder, neu erfundenen Ackergeräthe , wechselten mit dem Verkaufe des gemä- 
steten Viehes ab. — Zu dem am 3o. Juny 1810 zu Hofii'yl gefeyerten landwirthschaftlichen 
Feste waren über 200 Wagen aller Art gefahren , und fanden sich bey 4000 Personen ein. 
In Baiern wird alljährlich bey Njmphenburg auf der Theresieniviese das Central-Landwirth- 
schaftsfest gefeyert , indem an die um die Veredlung der Viehzucht sich verdient geraach- 
len Laudwirlhe Medaillen und Fahnen vertheilt >verden. 

§. 3o. 

Getreidearten. 

Die Geti'cideai'ten j uclche in Europa, jedoch nicht allein allen Landern ge- 
bauel werden, sind: Roggen (secale ccreale) , T Veitzen (iviucnm) , Spelt oder Dinkel 
(triticum spella zea) fi) , Gerste (hordeum) , Hafer (avena) , Bucliweitzen oder Hei- 
dekorn (polygonitni lagopyruin) h) , Hirse (jMxmcmn), i)/cior/»'/',ye (liolcus dura) c). Reis 
(oryza) d) und Mtds (zea mays) e) , tiirkisch Kukuru_, ungrisch Kukiiritza genannt, und 
von den Deutschen, Italienern, und Franzosen, die diese Pflanze in den lürkischenLän- 
dern fanden, unter dem Nahmen von türkischem TFeitzen in ihr Vaterland verpflanzt. 
— DieLänder, welche Üherfluss an Getreide haben, und vieles ausführen können, sind: 
Russland f) , Polen ^ Galizien g) , Ungern k) , Preussen i) , Dänemark k), Belgien ^ 
Irland T)j das lombardlsch-^'enetianische Kijingreich j, Sicilien m) , mehrere deut- 
sche Länder«), nahmcnllich Böhmen o) , Mähren ^ Baiern y), JVürtemberg j Meck- 
lenburg , Holstein j die preussisch-dcutschen Provinzen ÄvcA.yeWj ISiederrheia j Pom- 
mern, u. s. w. Dagegen hediirfen Holland,, England q), Portugal , Spanien ^ Frank- 
reich ;■), die Schweiz ^ Schweden ,, Norwei^eii ^ Island , mehrere deutsche s) , mid 
italienische Länder /) , die europäische Tiirkey u. .s. w. mehr oder weniger, entweder 



II. Urpro<?uclioi). ^. 5o Getruideartcu. ^3 

für beständig, oder von Zeit zu Zeit, der Znfnlir \on jenen, oder von der nordafri- 
kutnschen Küste, von Jegjpten und Äordamei ika j wenn jene europäisclien Korn- 
kannnein nielit zureichen. Aus Mangel an Nahrung NAandcrn jährhch 5 — 6000 Sa- 
vojorden und jo — 40,000 Tjroler (auf 2 — 6 Monalhe) in's Ausland, so \vie aus dem- 
sell>en Grunde ^ von der Bevölkerung der Pyrenäen jahrlich zu gewissen Zeilen in 
anderen Gegenden des In- und Auslandes seinen Unterhalt sucht. Der Tormann und 
der nördliche Sch^vede nähret sich von Gersten- und Huferbvotj und B.lndenhrot_, wozu 
nicht die Rinde der Fichte (piniis aLics) , wie gemeiniglich gesagt wird, sondern die 
Rinde der Kiefer (pinns sylvestris) gehraucht wird, dienet denselben als Nothbrot. 
Auch nehmen die dürftigen Gebirgshew ohneri\'o7tv'eg'e??^j so wie die Isländer _, in Miss- 
jahren zum isländischen Moose (liehen island.) mid anderen Moosarlcn ihre Zuflucht uj. 
a) Er wird in Frankreich , in der Scfiii-'eiz und in Süddeiilsc/iland j nahmentlicli in Schwaben , 
in der Pfalz und in Franken gebauet. Im Tf^ürlembergischeji ist der Dinkel die allgemeinste 
Fruchtgattung. Er verhält sieh zum Roggen wie i5o : 10. Das aus dieser Gelreideart be- 
reitete Mehl ist zu Mehlspeisen , dessgleichen zu Kuchen und anderem feinen Backwerke 
ganz vorzüglich brauchbar. Die feinste Sorte, welche unter dem JNahmen Frankfurter- oder 
Nürnhergermehl bekannt ist, wird durch ganz Europa versendet, 
i) Es hat seinen Hauptsilz in Russlandj Scliweden , Galizien , in mclireren deutschen Län- 
dern, nahmentlich im Liineburgischen , in der Mark Brandenburg j in Hohleiii, in Unter- 
stej-crmaik, Kärnlhen , Kraiii u. s. w. ; dann im nördlichen Ungern, im Burzeidande in 
Siebenbürgen, in der Türkej , in Jlalien u. s. \v. Es gibt neben guiem Mehle zugleich eine 
\orzügliche Grütze, und die Blüthen davon sind die belieL'.este IVahrung der Bienen. 
«) Diese Getreideart wird in Europa nur in einigen Ländern gesäet, nahmenilich in Spanien, 
Italien, auf den jonischen Inseln und in der Türkej. Das daraus bereitete 3Iehl ist unter 
dem Nahmen. DurafncA/ bekannt. 

d) Er wird in Europa ebenfalls nur in einigen Ländern gebauet, nahmentlich in Por/f/g'a?, Spa- 
nien , Italien, in der Türkey und im ehemaligen Banat , auf königlichen Kammcrgüiern. 
In Deutschland hat man hier und da, wie z. B. zu Josslowilz in Mühren, mit dem Anbaue 
desselben Versuche gemacht, aber ohne glücklichen Erfolg, da er daselbst keinen nassen 
Boden vertragen kann , den er in den südlichen europäischen Ländern und den andern 
Haupitheilen des Erdbodens verlangt, woselbl aber die Gegenden, wo er gebauel wird , unge- 
sund sind. Daher denn seit 1809 sämmtliche Reisfelder in der Lombardie \ on den Städten, festen 
Plätzen und Gemeinden eine gewisse Distanz entfernt seyn müssen , a on Mailand z. B. we- 
nigstens 8000 Meter. S. Allgem. Zeit. Nr. 02. i8og. 

e) Diese Getreideart, deren Mutterland Amerika ist, wird jetzt in Europa am stärksten in 
Jlalien t Croatien, Slai'onien, Ungern , vornehmlich diessseits der Donau, und in Sieben- 
bürgen gebauet; nächstdem in der Bukowina, in Taurien, in der Türkej, Spanien , Portugal, 
Frankreich, in Aar Schweiz und in Süddeutschlaiid j über Frankfurt am Main hört jedoch 
die Mais-Cultur, nach Hrn. Burger, auf f^gland ist derselben, ihm zufolge, fähig, ob 
sie gleich da nicht gewöhnlich ist. Diese Pflanze ist sehr nützlich , nicht nur weil eine Ähre 
3 — 600 Körner enthält, und ein einziger Stengel, wenn er Raum genug hat, dergleichen 
Ähren 3 — 4 treibt, sondern auch, weil sie ein sehr schönes und wohlschmeckendes Mehl 
gibt , und zugleich für alles Hausvieh , sowohl unter den Säugethieren als unter dem Haus- 
geflügel , ein herrliches Futter ist. Der Italiener bereitet aus dem Maismehle die sogenannte 
Polenia, der Walache die Mummali ge xinA Mammelej. Erstere ist eine zu Brey gekochte 
Speise, an die sich selbst der Deutsche leicht gewöhnt; letztere ist ein Backwerk, das aber 
noch an demselben Tage , an welchem es gebacken ist , genossen werden muss. Joh. Bur- 



74 II- Urproduction. ^. 3i. FutUrträuler. 

ger's vollständige Abhandlung über die Naturgeschichte, Cultur und Benutzung des Mais 
oder türkischen Weitzens. Wien , 1809. 8. Vergl. Annalen der Lit. und Kunst in dem öster- 
reicliischen Raiserthume. März und April , 1809. 

/) Russtand hat im Jahre 1817 aus allen seinen Häfen für i25 Mill. Rubel Korn nach dem 
Auslande ausgeführt. S. Polit. Journ. Febr. 1818. S. i2o. 

g) Galizien hat in guten Jahren über 1 Äliil. Motzen Getreide zur Ausfuhre übrig. 

h) Ungern kann selbst in Jahren mittlerer Fruchtbarkeit jährlich 2,200,000 , nach andern über 
3 Mill. Metzcn Getreide aller Art ausführen. 

1) Ostpreussen allein erntet in guten Jahren über 9 Mill. Scheffel Getreide. 

k) Dänemark führt jährlich it 3Iill. Tonnen Getreide nach Norwegen, Holland ani England ans,. 

/) /Wanrf sendet , nach Crome , jährlich 1 Mill. Tonnen Getreide nach England. 

ni) Die jährliche Getreideausfuhre aus SiciUen, welche Insel schon Cicero die Kornkammer 
Italiens und die Amme des römischen Volkes nannte, ist nach Rehfues 4,5oo,ooo Ducaten werth. 

/)) Deutschland kann in guten Jahren für 18 Mill. fl. Getreide ausführen. 

c) Böhmen hat in guten Jahren einen Uberschuss von 6 — 700,000 iMetzen Getreide zur Aus- 
fuhre übrig. 

jt) Der harkreis allein kann nach einem i5jährigen Durchschnitte (1774 — 1786) i63 — 164,000 
3Ietzen Getreide an das Ausland überlassen. Im J. 1816 wurden in dem besagten Kreise, 
dann im Retzal- und Regenkreise , so wie in den bejden Donaukreisen auf den inländischen 
Märkten für mehr als 07,000,000 fl. Früchte verkauft, wovon München allein g- und darüber 
kaufte und consumirte. 

i^) England nebst [Vales bedarf zur Consumtion 8 Mill. 5oo,ooo Quarters Getreide ; aber das 
Land gewinnt im fruchtbaresten Jahre nur 6 Mill. , und es müssen noch 2,5oo,ooo Quar- 
ters eingeführt werden. S. Polit. Journ. Jiily 1809. S. 721 ff. Nach der neuen Kornb.Il 
(i8i5) darf nur erst dann Weitzen eingeführt werden, wenn der Preis llir das Quarter bo 
Schill, und darüber ist. 

r) Frankreich hat zwar, was auffallend ist, im J. 1810, London mit 334,8o6 Quarters Wei- 
tzen und 202,922 Ctr. Mehl versehen (s. Götting. gel. Anz. i8i5. St. 84. S. 467); allein 
damals besass es das getreidereiche Belgien und das gesegnete linke Rheinufer, welche Län- 
der es in den Jahren 1814 und i8i5' abtreten musste , und es hängt jetzt wieder in Anse- 
hung des Getreides vom Auslande ab. 

i) Z. B. das Königreich Sachsen, das Erzherzoglhum Österreich unter der Enns u. s. w. ; jenes 
verlor durch die Theilung im J. i8i5 seine kornreichsten Provinzen Thüringen und die Stif- 
ter; dieses muss besonders dess\vegen fremdes Getreide einführen, >veil es die volkreichste 
Stadt des österr. Raiserlhumes enthält , die allein die Production einer ganzen Pro>inz nö- 
thig hat. Denn nach einem mehrjährigen Durchschnitte werden jährlich nach Wien zur 
Verzehrung gebracht: an weissem Mehl 448>ooo Ctr., an sch\varzem Mehl 3go,ooo Ctr., 
an Weitzen und Roggen 38o,ooo Metzen , an Gerste 170,000 und an Hafei C;3o,ooo Metzen. 

i\ Z. B. Sacoren, Genua, Lucca , der Kirchenstaat u. s. w. 

u) Island hatlc im 18. Jahrhunderte 45 Missjahre: 14 davon hallen eine allgemeine Hungers- 
iioth , und grossen Verlust an Menschen und Ilauslliieren zur Folge. S. Polit. Journ. 1809. 
Sept. i>. 955. 

§. 3l. 
Futterkräuter. 

Die Futterki'äuter Avacliscii in Euiopa llieils ^^ild, tlicils werden sie gesäct und 
im Grossen diircli Kunst gezogen. Der Aid)au derselben ist die Seele der Landvvirth- 
schaft, der Grund , auf -welcJuni der liöhere oder niedere Stand derselben berulu. 



II. Üiproduclioii. ■§ 32. Gai tcii^ewäolise. jS 

Durch iiiii ist es möglich ^ einen grösseren Vichsiappel zu crhakcn und das l^and 
rruchlbringcnder zu machen. Am ausgezeichnetesten ist (heser Zw eig der landwirlh- 
schafihchen Industrie in den Niederlanden luid in England aj ; näclistdcni in der 
Lomhardie b') , in Frankfcich c) , in Deutschland , vornehmhch in dessen südhcher 
Hälfte, und in der Schweiz _, wo unter andern auch der Steinklee (irifbliimi inelilotus) 
häufig gehauet wird^ um dem Käse eine grüne J^arbe imd einen hesojidercn Geruch 
zu gehen; aber auch in anderen eiuopäischen Ländern, z. B. in Galizien^ Ungern d), 
Siebenbiirgen e) , Tiussland f) und Schweden ist der Anhau der Futlerkräuter, be- 
sonders der verschiedenen Kleearten im Gange. Wie wichtig für manchen Ort der 
Handel mit Kleesamen ist, dienet unter andern die Stadt Creutzenach in der preus- 
sischen Provinz Niederrhein zum,?, Beweise 5 die jährlich für 2,600,000 Franken Klee- 
samen , besonders nach Holland imd dem südlichen Frankreich verkauft g). Der Grii- 
tzerkreis in Stcyermark führt in manchem Jahre über 2000 Cti-. Klecsanien aus h) , 
so wie die deutschen Cnlonisten im Sandecerkreise in Galizien jährlich über 1000 Gtr. 
Kleesamen versenden i). 

d) In England ist der oben (s. §. 27. Note b) angeRihrteii Gründe ^vegen die Fiitlererzeugung 
so bedeutend, dass auch andere Länder, wie z. B. jSoruegen , mit englischem //fM versorgt 
werden. S. Monalhl. Correspondenz u. s. w. 1810. July S. 76. — i) Das ganze Land um 
Mailind wird durch Canäle gewässert ,• die überall gezogen sind; man mähet drey-, auch 
wohl viermal im Jahre die Wiesen.. — c) In Frankreich sollen 5,364i8oo Arpents natürli- 
che Wiesen , und was auffallend ist, 6,332, loo Arp. künstliche Wiesen seyn. S. Crome a. a. 
O. S. ig2. — d) In der Zij)s , dann um Szarvas , Eperies u. s. w. — e) Im Lande der 
Sachsen. — f) In den Ostseeprovinzen und dem Gouvernement Nos/iau. — g) S. Hall. A. 
L. Z. 1810. S. 878. — /i) S. Sartori's skizzirte Darstellung der physikalischen Beschaffen- 
heit von dem Herzoglhume Steyermark. S. 219. — i) S. £rcf.'e/«/^'A Reisebemerkungen u. s. w, 
Bd. 1. S. 253 ff. 

§• 32. 
Gartengewächse. 

Die in Europa gangbaren Gartengewächse j welche zum Unterhalte der Men- 
schen, und zum Theil des Yiehes , besonders der melkenden Kühe, 'gebauel werden, 
sind: Kohl- a) , Wurzel- b) , Knoll- c) , Zwiebel- d) und Salatgewüchse e); dann 
Spinat j, Hülsenfrüchte f)j Aepfel- g) und Spargelkräuter h) , Blumen frücl d e ^ 
Beerenkräuter i) und Gewiirzpjlanzen k) , welche letztere nicht sowohl zur Speise, 
als zur Würzimg derselben dienen. — Der Gartenbau ist, so wie die Bev\ohnungen 
eines Landes, fast allgemein der Massstab der hidustrie und Cultur des Landes und 
Volkes. Gärten im schonen Gcschmacke linden sich in den europäischen Ländern häu- 
fig bey Privatpersonen auf dem Lande, selbst in solchen Ländern, wo, wie z. B. in 
Russland j die Gartencultur, so wie die übrigen edleren Zweige der landwirthschaft- 
lichei\ Industrie , noch wenig über das Mittelmässige erhoben ist; aber das Gartenwe- 
sen von Se.ite sein.er höheren Nützlichkeit auf eine vollkommnere Stufe zu hrinüen , ist 
noch kein allgemeines Bestreben der europäischen Nationen. Nur in EnglandlJ ^ Frank- 
reich _, Italien _, DeutscJdand mj _, vornehndich aber in duin JSiedej'lanacn _, wo auch 
die ßlumencultur den höclisten Grad der Vollkommenheit erreicht hat tij _, ist jenes 



7Ö II. Urproductiou, 51 32. Gaiteugewächse. 

Bestreben sichtbar, wahrend in den übiigen Ländern der Sinn für Gartenculttu- nur 
da mit Erfolg sich äussert, wo grosse Städte der Speculation der Unternehmer ent- 
sprcclicn. 

a) Unlor den verschiedenen Roldarten wird der Tf^eiss- oder Kopfkohl (brassica oleracea ca- 
pitata) am allerhäufigsteii gezogen. Die festen Köpfe werden häufig zu iSawerA-rau* verbraucht, 
das in melireren Ländern , z. B. in Ungern , Schlesien , Österreich unter der Enns u. s. w. 
ein fast tägliches Gericht und ein bewährtes Büttel wider den Scorbut — jene fdrchterliche 
Krankheit der Seefahrer — ist. Man hat daher in London grosse Sauerkraul-Manafacluren, 
angelegt, und die dadurch vermehrte Consumtion des Weisskohls macht diesen Nahrungs- 
zweig der Landleute noch blühender. 

b) Unter den Pf^arzelgewächsen wurde die Runkelrübe (beia altissima) , wegen ihrer Eigen- 
schaft zur Zuckerfabricalion , in mehreren Ländern Europa's , nahmentlich in Österreich un- 
ter der Enns, in Böhmen, Sachsen, Preussisch - Schlesien , Frankreich, Russland \i. s. w. 
häufig gezogen; der Anbau derselben hat jedoch sehr nachgelassen, seitdem der ausländi- 
sche Zucker aus Zuckerrohr im Preise gefallen ist. — Vorzüglich schmackhafte Rüben (Steck- 
rüben') werden zu Tehoif in der Mark Brandenburg , zu Lelpheim und PJater in Raiern , zu 
Jettingen in Würtemberg , zu Thurotz in Ungern u. s. w. , gezogen. Nicht minder schmack- 
haft und dabey sehr nützlich zum Genüsse für den Landmann sowohl, als für den Städter, 
frisch und eingesäuert , sind unsere weisse Rüben. 

c) Unter den Knollgewächsen verdienen hier insonderheit die Kartoffeln (solanum tubero- 
sum) bemerket zu werden. Dieses ursprünglich amerikanische Gewächs , welches i585 oder 
i5c)o zuerst in Europa eingeführt wurde, und dessen Anbau in einigen Ländern, wie 
z. B. in f-Vürtemberg , anfangs bey Strafe befohlen, oder, wie den Einwohnern der Boche 
di Caltaro , als Religionspflicht empfohlen werden musste, gewinnt jetzt, wegen seines 
durch die Erfahrung bestätigten Nutzens , in den europäischen Ländern immer mehr und 
allgemeinern Eingang. Der Umstand , dass diese Knollen auch gefroren noch sehr gut be- 
nutzt werden können , erhöhet ihren Werth , s. C. C. Andres Zeitsclirift etc. Januar, 180g. 
Seite 114 ff- Auch ist der Genuss der unreifen, d. i. jungen Kartoffeln, nicht scliädlich. 
S. Von der Unschädlichkeit der unreifen Kartoffeln , in C. C. 4ndre's Zeitschrift etc. St. 5. 
1809. S. 348 — 355. — Am meisten wird der Anbau dieser Frucht im brillischen Reiche 
betrieben, vornehmlich in Irland, wo eine Hungersnoth unvermeidlich ist, wenn sie 
missräth. Es werden in allen drey brittischen Königreichen jährlich für 15,923,626 Pfund 
Sterlinge Kartoffeln gebaut, und von Menschen und Vieh verzehrt. Nächst dem britti- 
schen Reiche ist der Kartoffelbau am stärksten in den Niederlanden , der Schweiz , in 
Schweden , Norivegen und Deutschland. Im erzgebirgischen und »oigtländischi n Kreise des 
Königreichs Sachsen leben mehr als 400,000 Menschen, wenigstens den ganzen Winter hin- 
durch , bloss von Kartoffeln. In Freussisch-Schlesie/i betrug in den Regierung'sbezirken Op- 
peln und Breslau die Aussaat an Kartoffeln im J. 1817 : 447i2oo Scheffel. — In dem öster- 
reichischen Staate ist der Kartoffelbau am ausgebreltetsten in dem Antheile an Schlesien , 
in Böhmen, Mähren, Galizien und in dem Erzherzoglhume Österreich ; in Ungern und Sie- 
benbürgen wird er nicht nur von den deutschen Einwohnern sehr fleissig betrieben , sondern 
selbst ungrische und slacische Dörfer vergessen jetzt schon ihren angebornen Ilass g 'gen die- 
ses Gewächs, und suchen es häufig. Unter den Szeklern wird es durch den Betrieb ihrer 
Ofiiciere schon häufiger angetroffen. Übrigens verhaltcji sich nach neueren B:>obachtungen 
2A oder 2j Berl. Scheffel Kartoffeln In der Nahrhaftigkeit erst i Scheffel Roggen gleich ; al- 
so stehen sie diesem in dieser Hinsicht sehr nach. 

d) Zwiebeln (alliiim cepa) von vorzüglicher Güte gewinnt man in Italien und Spanien ; in 
letzterem Lande haben einen ausnehmend guten Geschmack die grossen, süssen , sehr hau- 



II. Urproduclioa. §. 32. Gartengewächse. 77 

fig zur Speise dienenden Zwiebeln, Palaten genannt; besonders werden die Palalen von 
Malaga geschätzt. Noch zarter und süsser ist die kleine weisse ßorenlinisilie Zwiebel. In 
Deutschland sind ganz vorzüglich die Griesheimer Zwiebeln im Grossherzogthum;- Hessen. 

e) Unter den Salalgeifüchsen wurde die Cichorie (Cichorium intybus) ehedem als Surrogat des 
Kaffehs , oder vielmehr (da keine Pflanze, die in Europa wächst, auch die zu den RnoU- 
gewächsen gehörige Erdniandel (cyperus esculentus) nicht, die man ebenfalls in neueren 
Zeiten als Stellvertreter der arabischen Bohne empfohlen hat, uns diese Bohn<> ersetzen kann) 
nur als Zusatz, häufiger gebauet als jetzt. 

/) Unter den Hülsenfrüchten, ist der Anbau von Erbsen (pisum sativum) und Bohnen (phasco- 
lus), besonders in den Umgebungen grosser Städte, ein sehr einträglicher Nahrungszweig 
für viele Gärtner und Landbauer, nicht sowohl der reifen Früchte, sondern vielmehr der 
grünen Erbsen und der jungen Bohnenschoten wegen, die daselbst als Gemüse sichern und 
starken Absatz fmden. Unter den Gartenerbsen zeichnen sich aus : die grosse holliindisrhe 
Zuckererbse mit zwey Finger breiten , und einen halben Fuss langen Schoten , und die eng- 
lische Zii'ergzuckererbse. — In den österreichischen Staaten werden für die besten Erbsen 
die Toloplasser in Mähren , die J Veit ersf eider in Osterreich unter der Enns und die Leut 
schauer in Ungern gehalten. — In Spanien werden die (iaracanzos , eine Art grosser gelber 
Kichererbsen (eine bey uns nicht geachtete Frucht) sehr geschätzt. Den grössten Überfluss 
an Erbsen und andern Hülsenfrüchten aber hat Sicilien. Es führt davon, nach Rehfues , 
jährlich 80,000 Salmen für 800,000 Ducati aus. 

g) Die ApJ'elkräuter liefern vielleicht die einzigen cssbaren Früchte, welche man nur geniesst, 
so lange sie unreif sind, nach der Reife hingegen nicht mehr aclitet. Die in Europa bekann- 
testen Sorten sind: 1) die Gurken (cucumis sativus) , deren häufiger Genuss den x\nbau im 
Grossen, auf dem Felde, wie z. B. in Thüringen , in der Lausitz, bey Znaj-m in Mäh- 
ren u. s. w. , sehr vortheilhaft macht. 2) Die Zucker- und TF'asserinelonen oder Arbusen 
(cucumis melo und Cucurbita citrullus), die am häufigsten, mannigfaltigsten und besten, 
nicht sowohl in Gärten als auf freyeni Felde, in Italien, Spanien, Ungern, vornehmlich in 
Bekes , in der Türkej- und im Süd- und mittleren Russland zwischen Tula und Kursk gezo- 
gen werden. In letzterem Lande kaufte Marie Guthrie für Einen Kopeken die schönste Me- 
lone. S. Gütting. gel. Anz. i8o4. St. 2i. S. 2o5 ff. Die oft 2o — 00 Pf schweren Arbusen 
sind, wegen ihres ungemein saftigen, röthlichen Fleisches, ein wahres Labsal für den ge- 
meinen Mann in der drückenden Sommerhitze. Die Vermöglicheren (in Ungern) schütten 
in die durchschnittene Hälfte Wein, und fassen das so mit Nectar getränkte Fleisch mit 
Löffeln, als eine kühlende und zugleich stärkende Speise heraus. Die mit aufgeschüttetem 
Wasser im Mörser zerstossenen Kerne geben eine prächtige Mandelmilch , die leeren grünen 
Schalen ein gutes Futter für Gänse , Enten , das Borsten- , ja selbst Hornvieh. 3) Die Kür- 
bisse (cucurblli) , die theils an besonderen Plätzen, theils zwischen dem Rukurutz, theils 
an die Zaunumgebungen gepflanzt werden. Ihr Fleisch ist ein treffliches Futter für Schwei- 
ne und milchende Kühe. Die Kerne lassen sich zu Öhl und Mandelmilch anwenden. Eine 
Art derselben, die Cucurbita pepo , ist in Stücke zerschnitten und im Backofen bey eben so 
grosser Hitze, wie das Brot gebacken , dem U/iger und Slacen eine süsse, beliebte Speise. 
Die so gobackenen Schnitze werden auf Jahr- und Wochcnmärktcn gewöhnlich in dem ste- 
henden Brolpreise , ja als Leckerbissen , \vohl auch noch thcurer , verkauft. 
h) Der iS'/jarge/ (asparagus oflicinalis) wächst in Europa hin und \vied'.'r, wie z. B. in Un- 
gern, Galizien , Russland u. s. w. wild, wird aber in diesen und andern Ländern auch in 
Gärten und auf Feldern gepflanzt. Durch Grösse zeichnet sich besonders der holländische, 
durch Schmackhafligkeit der A/)ü^iSc/i« iSpar^ei, vornehmlich der von Aranjuez, aus; aber 
auch in unduiaf^ien, hcy Ziiaym , Brunn, Nürnberg, Bamberg, Ulm, üarnstadt , Braun.- 



ij, II. Urproductioii. ^. Ö2. Gai tei>ge«ücl;si'. 

schweig , TP'olfenhi'iüel und in anderen Gegenden Deutschlands, so wie um Paris und St. Pe- 
tersburg wild \orzüglich schöner und guter Spargel gezogen. 

i) Die Erdbeere (fragaria vesca) wird als eine der frühesten , gesundesten und angenehinslen 
Früchte überall geschätzt. Sie wird nicht nur in Wäldern und auf Triften wild gefunden , 
sondern auch häufig in Gärten gezogen. 

k) Die europäischen Gärten und Felder liefern eine grosse IMenge Geii-ürze , die aber, seitdem 
die hitzigen und schädlichen os/iV)(/wc/if7i Ge\vürze unsern Gaumen verderbt haben, zum 
Theil sehr herabge\viirdigct worden. Hiehcr gehören vorzüglich der auch wild wachsende 
Kümmel (carum carui) , der Jnies (pimpinella anisum) , der Fenchel (anelhum) , der Corian- 
der (coriandrum sativum) , der Majoran (origanum majorana) , der Saturey (satureja) , der 
Senf {sinstpis}, der spanische PfeJJcr (caspicum annuum) u. s. w. Dieser letztere, in Ungern 
Taprika genannt , ist ein in diesem Lande allgemeines Surrogat des ausländischen PfefTers, 
Es wird ihm , vielleicht nicht mit Unrecht, wegen seiner Magen erwärmenden und stär- 
kenden Kraft, allein die Ursache zugeschrieben, warum bey dem so häufigen Genüsse der 
zu fetten und meistens aus Speck und Fleisch beslohenden Kost, wozu der ärmere Theil 
meistens Wasser trinkt , nicht mehr Krankheiten aus Un\ crdaulichkeit unter der gemeinen 
Volksciasse- entstehen. 

l) In England, wo Aar Dampf m der Mechanik so grosse Dienste leistet, fängt diese Kraft 
auch mit vielem Nutzen an, bey der Gartenkunst gebraucht zu werden. Er wird nähmlich 
zum Heitzen der Treibhäuser angewendet, und eignet sich dazu auf eine besonders vor- 
theilhafte Art. Sogenannte Dampfrohren {slewlng pipes) treten an die Stelle der Feuergänge 
oder Feuorzüge (ßuis) und der in Deutschland gebrauchten Öfen. Ausser der Heitzung 
selbst, hat man auch den Vortheil der Dampfbefeuciitung , wenn man es will, die den Ge- 
wächsen unter gewissen Umständen sehr heikam und zuträglich ist. Man kann nähmlich 
an gewissen Stellen der Rijhren , vermittelst eines Hahnes oder Drehzapfens , dieselben öff- 
nen und Dampf herauslassen. S. Gütting. gel. Anz. iöi8. St. 119. S. 1188. 

m) Vorzüglich zeichnen sich durch Betriebsamkeit und Erzeugung Jeiner Küchengewächse die 
Geg(*nden von If^ien , Znajm , Brunn, Nürnberg, Bamberg, Ulm, Esslingen, Slullgarl , 
Darmstadt , Braunschweig , ff^offenbüttel u. s. w. aus, Gegenden, welche ihre Gartener- 
zeugnisse zum Theil auf >veite Entfernungen versenden. Einen bedeutenden Handel mit Sä- 
tnereyen treiben besonders die Gegend<m von Bamberg , ff^ürzburg und Nürnberg, so \vie 
die Bewohner des Dorfes Gonningen in Würtemberg , welche den Samen in der Gegend 
von Nürnberg und Würzburg erkaufen , auch aus Holland ^•erschreiben , und damit nach 
Ungern , der Tiirkej- , Stockholm , St. Petersbui-g , Moskau, ja bis nach Sibirien hausiren. 

7j) Der Hauptsitz der Blumcncuitur und des Blumenhandels ist zu Huarlem. Die dasigen Lieb- 
haber und Kenner von Blumen legen sich besonders auf die Zucht der Tulpen, Hyac'nthen , 
Narcissen , Fianunkeln , Aurikeln , Nelken und anderer Blumen, wozu sie besonders der Um- 
stand veranlasste, dass die Liebhaberey, mehrere Blumen, insonderheit Hyacinthen , auch 
in Gläsern und Töpfen des Winters im Zimmer zu halten , so allgemein in Gang gekom- 
men ist. Zwischert Alkmaar und Leyden rechnet man über 2o Morgen Landes , die allein 
den Hyacinthen , zur Befriedigung der Käufer gewidmet sind. Die Haarlemer Hyacinthen- 
zwiebeln finden einen ausgebreiteten Absatz , bis nach den entferntesten Gegenden , nach 
der Türker , nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung und nach Amerika. Das meiste aber 
wird debitirt nach Deutschland, England un<l Russland. Im J. 1730 bezahlte man fvir eine 
Hyacinthe i85o Gulden. Die Tulpen kamen früher empor. In den Jahren i63G — 37 bezahlte 
man für eine Tulpe Semper Augustus i3,ooo Gulden, und für drey dergleichen zusammen 
3o,ooo Gulden. Der Schwindel dauerte ein Jahr; aber noch jetzt verkauft man eine rare 
Tulpe für 25 — i5o Gl. S. Merkantilische Annalen für den österreichischen Kaiserstaat. 



II. Urproduction. § 33. Baumfrliclite. ju 

Wien, 1811. Jahrg. 3. S. 5 — 7. Vergl. Allg. geogr. Ephem. Bd. 32. S. 66. — In Frank- 
reich empfängt das einzige Grace aus der Nachbarschaft für Blumen jährlich 5o,ooo Fr. 
S. Allg. geogr. Ephem. Bd. 27. S. 181. — In Schollland hat die Gärtnergesellschaft zu 
Edinburgh im j. i8o5 unter andern für die schönsten Nelken Preise ausgesetzt, und in 
England j wo im J. 1806 eine horticullitral Society zu London errichtet wurde, ist eine 
Wette von 5oo Guineen zwischen den Floristen in London und Ubridge , welche von bei- 
den Parteyen den ersten Nelkenflor produciren würde , von dazu vorher erwählten Rich- 
tern zum Vorlheil jener entschieden worden. — In Wien ist im Februar 1822 eine Blu- 
menhalle eröffnet worden , die in Hinsicht der Menge , Mannigfaltigkeit und Seltenheit der 
Blumen, so wie der Gewächse überhaupt, ihres Gleichen sucht. 

§. 53. 
B a u m f r U c h t e. 

Die gewöhnlichen Baunifrüchte oder Obstarten, als: die Birne (pyrus), dei- Apfei 
(pyrus malus), die PJlaume (prunus) und die Kirsche (piimus cerasus) gehören dem 
mittleren und kalten LandstricLe Europas an; sie kommen bis zum 58° fort 3 oI)sclion 
einzelne Arten, die Kirsche und die PflaimiCj Ley hesonderer Pflege auch noch nojtl- 
liclicr angetroffen werden. Alle diese Obslarten kommen auch in den Ländern des 
wannen Landstriches , z. B. in Italien _, nicht nur trefflich fori aj ^ sondern sind 
auch dort viel schmackhafter und aromatischer als in den Ländern des mittleren und 
kalten Landstriches. Aber auch in mehreren Ländern des juitlleren Erdstiiches , als : 
in Frankreichs bj nördlichen Gegenden, in den Niederlanden j, in England _, der 
Schweiz j in Deutschland cj und Ungern dj gibt es herrliches Obst, mid hier und 
da zugleich in solcher Menge, dass es thcils zu ylepfel- und Birnwein odci Most 
(cidre und poire') ej benutzt, iheils gedörrt fj , nnd nicht nur in diesem Zustande, 
sondern auch ruh ausgeführt wird. In Böhmen und Mähren gj wird von Pflaumen 
vorzüglich viel Mass {'PowidelJ zum \ erkauf bereitet, luid in Ungern j Croatien 
imd SlavonieUj so wie in mehreren deutschen Ländern, z. B. im Erzherzogthume 
Oesterreichj im Grossherzogthume Baden u. s.yi . Branntwein fSlivovitzaJ gebrannt. 
Der berühmteste und geistreichste Slivovitza ist der Sjrmier j, welcher in ganz Ungern 
verführt wird, und auch wohl in die österreichisch-deutschen Erbländer, wenn nicht 
gar in's übrige Deutschland. — ■ Im Knrarlhergischen j, in der Schweiz j, in Jf'ürteni- 
herg und Baden bereiteiman aus Kirsclien ein , dem Branntwein ähnliches, sehr geist- 
reiches, wohlschmeckendes und gesimdcs Getränk unter dem Nahmen Kirschengeist 
oder Kirschenwasser j so wie in Dalmatien aus Maraschen j einer diesem Lande ei- 
gcnthümlichen Weichselart, ein trefflicher Liqueur erzeuget wird. — l^^ie feineren 
Obstarien, als: die JVallnuss C]U'^a.ns regia) lij ^ die Kastanie (fagus caslanea) ij ^ die 
7J/a7j<i?e/ (amygdalus connnunis) kj j die P/T/'iYc/ie (amygdalus persica) , die Jprikose 
(prunus armeniaca) Ij ^ die IMispel (niesplhis) und die Quitte (pyrus cidonia) mj ge- 
deihen nur in den Ländern des nnltleren und warmen Erdstrichs, in diesen sind ic- 
duch die Früchte viel schmackliafler und köstlicher, als in jenen. — Die Obstcultur 
hat in imsern Tagen mehr Liebhaber gewonnen, und es ist angenehm zu sehen, wie 
dieser wichtige Zweig der Landwirlhschafl durch Schriften befördert und durch 
zweckmässige Einrichtungen der Laumschiden nj auf eine höhere Slufe der Ausbil- 



Öo II. ürproduction. ^. 55 Baumfrüchte. 

dung, besonders in Deutschland j Frankreich und den Niederlanden j erhoben ■und. 
In Ungern exislirt seit mehreren Jahren eine pomologische Gesellscliaft oj j inid fin- 
det man viele Gutsbesitzer, die anf ihre Garten und die ^ eriuehrung auserlesener 
Obstgattungen sehr viel verwenden. 

Die edleren Banmfrüchte oder Süd fruchte ^ als die OU\>e (olea) ^J ^ die Ci- 
trone (citrus medica) , die Pomeranze (citrus aiu-aniinni) qj j die Dattel (phoenix 
dactjhfera) rj, die Feige (ficus carica) sj ^ die Pistacie (pistacia) tj und das Johan- 
nisbrot (ceratonia silirjua) gedeihen nur in den Ländern des warmen Erdstriches; die 
droy ersteren Arten der Südfrüchte kommen jedoch auch in den angränzenden Gegen- 
den Deutschlands und der Schweiz j und die Feige ausserdem auch in Ungern fort. 
Der in den Ländern des warmen Erdstriches , so wie in einigen Ländern des mitt- 
leren Erdstriches gedeihende weisse Maulbeerbaum (morus alba) ist nicht sowolü sei- 
ner angenehmen Frucht, als vielmehr seiner Blätter wegen, erheblich^ weil sie die 
beste Nahrung der Seidenwürmer sind. 

a) Nur unsere Zn--elschgen und Borsdorferäpfcl findet man, nach Hrn. Crome , in Italien nicht. 
h) In Frankreich hat vorzüglich die Cultur der Pflaumen, als: der Damascener , der Priinel- 
len, der Mirabellen, der Perdrigons und der Rein -Claudes , einen hohen Grad der Vollkom- 
menheit erreicht. 

c) Besonders in den südlichen, südwestlichen und mittleren Gegenden Deutschlands, wo 
auch der Obstbau ausgebreiteter ist, als in den nördlichen, vorzüglich in f-f^iirlemberg , wo 
nicht nur fast alle Landstrassen mit fruchtbaren Obstbäumen eingefasst sind, sondern es 
auch mehrere Orter und Thäler gibt , wo eigentlich Obstwälder stehen , und öfters Birn- 
bäume , wie die grössten Eichen - Bäume, welche oft loo — i3o Simri (ein Simri hält drey 
• Achtel vom Wiener Hetzen) Obst tragen ; nächstdem in dem Main-, lieizai- und Rhein- 
kreise des Königreichs Daicrn , in den grossherzoglich badenschen und hessischen Landen, 
m Tj-rol, Siejermark, Ka'rnthcn, Österreich ob und unter der Eiins, in Mä/tren, Böhmen u. s. w. 
in welchem letzteren Lande man schon im J. 1786 über 7,649,000 St. Obstbäume gezählt 
liatte; doch hat Norddeutscliland die iJorsc/o/erj die Slettiner, auch Rostociter Apfel, als eigen- 
thümliches Product. 

d) Das schönste und meiste Obst wird in Ungern bey Ödenburg , Rusl , Güns und Pressburg 
erzeugt. In diesen Gegenden reitzt zur fleissigeren Obstcullur der starke und einträgliche 
Absatz nach ff^ien. Allein im Ganzen befleissiget sich der ungrlsehe Bauer , mit Ausnahme 
der deutschen Colonisten , noch viel zu wenig dieses Zweiges der Landwirthschaft. Er über- 
lässl alles bloss der lieben Natur, oder räumt vielmehr nicht einmal dieser freye Wirksam- 
keit ein; denn man sucht nur recht viele Bäume auf den gewöhnlich beschränkten Raum 
zu pflanzen, die dicht auf einander stehen, sich nicht ausbreiten können, und grössten 
Theds verkrüppeln ; daher nur selten etwas Obst tragen. Am stärksten ist durch ganz Un- 
gern der überall leicht gedeihende Pflaumenbaum verbreitet. In Sjrmien allein nehmen die 
Pflaumimgärten einen Raum von 7000 Jochen ein. Auch hat Ungern beträchtliche Kirschen- 
anlagen, welche die trelTlichslen Kirschengattungen liefern. Besonders sind Sterusy , Lanl- 
sar und Koisin in der Neutraer-Gespannschaft ihrer schönen grossen Kirschen wegen berühmt , 
die jedoch von den Heltauer und Kronstädter Kirschen in Siebenbürgen an Grösse noch 
übertroffen werden. 

«) Im Lande ob der Enns z. B. gibt es Bauern, die jährlich 3 — 4000 Eimer Obstmost ver- 
fertigen. Eben so trifft man in dem obstreichen Lafantthale in Kärnthen Bauern an , die in 
mittelmässigen Jahren zu 3 — 5oo Eimer Obstmost erzeugen ; und man kann die Mostpro- 
Hurtion dieses Thaies jährlich über 100,000 Eimer anschlagen. 



II. Urproduclion. ^. 33. bajjutnichle. 81 

J) Besonders vertlienct in dieser Hinsicht Ödenbarg \n Ungern genannt zu werden, wo man 
die allerbesten Sorten zuerst aii( eine ganz eigene Art dürrt, und dann in Schachteln ein- 
macht, und oben mit Figuren aus Obst und Zucker auf das zierlichste belegi. Dieses »soge- 
naiinle gezierte üdenburgerobsL wird weit und breit \ erschickt. 

g) Diese österreichische Provinz hat im Hradischerkreise eine eigenthiindiche . kleine, sriir 
wohlschmeckende Art von Pflaumen , die sogenannte BrYinnerzwelschge. 

h) Der ff-^a/lnussbaum wird am häufigsten in Italien ^ Fi-ßnkreich und der Sc/m-eiz gezogen; 
nächstdem in Ungern und Deutschland, in welchem letzteren Lande unter andern die sieben 
Meilen \a.n^e Bergstrasse im Grossherzogthume Baden ^or den Verwüstungen des Kriegs ganz 
mit wälschen Nussbäumen besetzt war. Der Wallnussbaum liefert \ ortreffliches Holz zu 
Tischlerarbeiten, aus der grünen Schale der Wallnüsse lässl sich eine gute schwarze Farbe 
ziehen, und die Früchte geben das Nussöhl. 

j) In Italien, Frankreich, Spanien, Portugal, in der Schtieiz , in Deulicldand , nahnientlich in 
Tjrol und östlich \on der Bergstrasse ■, so wie in Ungern um Nasj-banva , vorzüglich aber 
im Odenburger und S'ümegher Comitate, sieht man ganze Wälder von Kastanienbäumen. 
In einigen dieser Länder, nahnientlich in Italien , Fratikreicli und der Sc/niriz-, sind die Ka- 
stanien ein wichtiges Surrogat des Brotes, und ein vorzügliches INahrungsmittcl der niede- 
ren \ olksclassen. Von den beyden in Italien üblichen Sorten ist die grossere unter dem 
INahmen Maroni die vorzüglichere. 

k') In den unter i) genannten Ländern werden auch Mandeln gewonnen. Sicilien , wo Öhl 
aus dieser Frucht im Grossen bereitet und an den Speisen \ erbraucht wiid , ^ er&chickt jähr- 
lich 100,000 Cantaras Mandeln für 3oo,ooo Ducati. 

l) Mit eingemachten Aprikosen treibt das südliche Frankreich einen ansehnlichen Handel. 

m) Die Quitte wird in der Schweiz, in Deutschland und Ungern nicht so milde, dass man sie 
roh geniessen könnte. üfiuT die portugiesische Quitte, die grösste und schmackhafteste Art, 
erhält in Südeuropa diesen Grad der Verfeinerung ; wird aber auch ; dort nur mit Zucker 
eingemacht genossen. 

7i) In Ansehung der Mannigfaltigkeit der Sorten behauptet jetzt vielleicht den ersten Rang in 
Europa die Baumschule des berühmten Pomologen Diel zu Dicz an der Lahn. Von Äpfeln 
hat er an 700, \on Birnen 3oo , von Pflaumen über 100, von Kirschen über 60, von Pfn- 
sichen 44» ^on Aprikosen 22 Sorten, und die Versendungen geschehen vorzüglich nach 
Hamburg, St. Petersburg , Moskau und anderen Gegenden des Nordens. S. NeueLeipz. L. Z. 
1810. St. 92. S. 1466. Kächst dieser Baumschule \ erdienen mit Achtung genannt zu werden 
die Pflanzschulen der edelsten Obstsorten zu fJ-"ien , besonders der A-. k. Obslf^arlen in der 
Ungergasse (der für die österr. Monarchie dadurch \vohlthätig wird , indem Pfropfreiser von 
allen Sorten an die Freunde; der Obstzucht unentgeltlich abgegeben werden) und die Rosen- 
thal'sche Baumschule auf der Landstrasse; ferner die Baumschulen zu Schönbruun und Pa- 
ris, die Baumschulen eines Christ (Oberpfarrers zu Kronberg), eines Sicklers (Pfarrers zu 
Kleinfahnern in Thüringen), emes Röslers (Dechants zu Podiebrad in Böhmen) , die fürstlich 
Eszterhazj-schen Gärten um Eisenstadt u. s. w. 

o) S. Vaterl. Blatt, für den österr. Raiscrstaat. Nr. 37. Jan. 1810. S. 299. 

p) Aus den Oliven wird das Baumöhl gepresst. Das reinste und weisseste kommt \on Jia- aus 
der ehemaligen Provence. Nach diesem hat das von Lucca den ersten Rang. Die übrigen 
feinsten italienischen Öhlsorten liefern Genua (Oncgiia, Spezzia, San Remo) , Piemont (Niz- 
za, Monaco) und Toscana ; das beste Jonische ist das von Corfu , das beste türkische das 
von ^then (Atiniah). Die gewöhnlichen Sorten liefern Neapel, Sicilien, der Kirchenstaat, 
Sardinien, das lombardisch-venelianische Königreich, Dalmaticn , Ragusa, Cattaro , Istrien 
u. s. w. , in grosser Menge, an welcher Mittelmässigkcit des Products nicht sowohl die 



8g n. UrproducliüU. §. 54. SUudeulrücIite. 

Gattung der Oliven, oder die physische Beschaffenheit des Landes, als der Mangel der ge- 
höri<»en Sorgfalt bey der Bereitung Schuld ist. Das schlechteste Ohl ist das Sfianisclie ; es 
wird auswärts meistens für die Fabriken gebraucht, und zwar in solcher Menge, dass Spa- 
nien jährlicii für G Mill. 11. ausführt. Nicht viel besser ist das Portugiesische ; die Güterbe- 
sitzer sind in Portugal (nach dasigem Rechte) gezwungen , sich der wenigen gemeinschaft- 
lichen Öhlpressen zu bedienen ; so verderben die Oliven gewöhnlich und das Öiil wird ranzig. 

(/) Der Hauptsitz der Cilvonen- und romeranzengärlen ist Italien; vorzüglich reich an diesen 
Früchten ist Genua, Piemonl , die Lombardie , Toscana , dar Kirchenstaat und heyde Siciliea ; 
nächstdem Portugal, Spanien, wo man auf der Insel Mallorca allein in gewöhnlichen Jah- 
ren 24iOoo,ooo St. Citronen und Pomeranzen gewinnt; endlich der Berg Alhos in der Tur- 
key, und Meuton nebst Cannes , Frejus , Hyeres und Grace in Südfrankreich. Es gibt Eigeu- 
thümer in il7ciUo;i, die in guten Jahren lo — i5,ooo Fr. aus ihren Gärten ziehen, obgleich 
das Tausend jener Früchte höchstens zu 20 Fr. verkauft wird. S. Gottliig. gel. Anz. 1807. 
St. i2o. S. 1198. Die grösstcn und schmackhaftesten Pomeranzen liefert Malta, vortrefflich 
süsse Citronen (limos dolces) Algarcien. — In Tyrol versuchte ein Bolzner Bauer, Nahniens 
Oswald, zwischen 1730—40 der ersle die Pflanzung der Citronen im kalten Grunde, und 
nun trägt jeder Baum in guten Jahren 1000 — 1200 St. Die Ausfuhre geht bis in das tielstc 
.Russland. 

/■) Die Dattelpalme erreicht in Südeuropa, nahmentlich bey dem Dorfe la Bordighiera in Ita- 
lien wohl die Höhe von 5o Fuss , und trägt auch wohl Datteln; doch sind diese nicht ge- 
niessbar. Man cultivirt sie bloss der Palmzweige wegen, welche sowohl von den Katholiken 
als Juden , häufig zu ihren religiösen Festen gekauft werden. Es gehen mehrere Schiffsla- 
dungen derselben jährlich ab. S. Gölting. gel. Anz. i8i3. St. 124. S. 1207 ff. Zu uns kom- 
men die Datteln getrocknet aus Afrika. 

s) In Siuleuropa , wo der Feigenbaum des Jahres z\veymal trägt , werden die Feigeh einge- 
macht und getrocknet , und geben einen ansehnlichen Handelsartikel ab. So führen z. B. die 
Bocheser allein jährlich 5oo,ooo Pfunde dürre Feigen aus. Man unterscheidet im Handel 
Korbfelgen \on Fassfeigen ; jene kommen aus Portugal, Spanien, Frankreich und Italien ; diese 
aus Crpern. Die besten Feigen werden auf Malta, Corfu, im J'enetianischen und in Dalma- 
tien ge\vonnen. In Deutschland und Ungern wird diese Frucht bey aller Pflege doch nicht 
so schön und süss , wie in Südeuropa. Sie wird auch nur roh gegessen. 

t) Pislacien, a.\.ich Pislacienkerne oder Pimpernüsse genannt, exportirt unter andern Sicilien 
jährlich für 3oo,ooo Ducati. 

li) Der Johannisbroibaum oder Sodbrotbaum , dessen essbare Schoten das Sodbrennen dämpfen, 
wird zwischen Nizza wwd Monaco , auf der dalmatinischen Insel Lesina, in Neapel, vor- 
nehmlich aber in Sicilien, Spanien und Portugal sehr häufig gezogen. Sicilien erhält \ora 
Auslande für Johannisbrot jährlich 900,000 Ducati. 

§. 34. 
Slaudenfrüchte. 

y^iidcnStaiideii/rüchterij die thcils zui- Nahrung, theils zur Bereitung vcrscliiede- 
ner Gelränke dienen, und für manche Länder einen nicht unbedeutenden Handelsarti- 
kel ahgeben, gehören : i) die Hciselnüsse (corylus avellana). Diese Frucht wird be- 
sonders in Neapel be}^ yJ\>elli/io j in Sicilien und Spanien in grosser ^lenge gezogen 
und aiisgefiihrt. So gehen z. B. aus Sicilien jährlich 11,000 Sahnen Haselniissc für 
120,000 Ducati in's Ausland. 2) Die Kuppern (capparis spinosa) , oder die unaufgc- 
blühten ßliunenknospeu des iu JXeapel und Süd/'rankreich mit Fleiss gezogenen Kap- 



II. Urproduction. §. 35. Weiustock. 83 

pernstrauchs , welche man abpflückt, etliche Stunden in Schatten legt, damit sie welk 
werden , und sie dann mit Essig imd Salz einmacht. Sie weiden zu manchcrley Spei- 
sen gebraucht und weit verschickt. 3) Die Heidelbeere (vaccinium myrtillus). Diese 
Beere wuchst am häufigsten auf der öden LUneburgerlieide in Norddeutschland. Der 
Nutzen, welchen die Ilaarburger Nachbaren von dieser Beere jjlhrlich ziehen, wird, 
Hrn. JSemnich zufolge , auf 20,000 Thaler geschätzt. In Hamburg werden davon 
grössien Theils rothe Weine fabricirt. -4) Die J V achholderbeere (jimipenis commu- 
nis). jNlit Wachholdern , deren blaue Beeren in der Haushaltung und Mcdicin grossen 
Nutzen gewähren, sieht man in vielen Gegenden Europa's ganze Strecken besetzt. 
Sachsen-TVeimar treibt Handel mit Wachholderbeeren , die einst sogar bis nach 
Ostindien vei-schickt wurden, undin ffollaiidwerden , nach Hrn. Metelerkamp ^ jähr- 
lich z^5o,ooo Anker Wachholderbranntwein getrunken. Das Harz, welches '\n Itcdien 
und Spanien aus dem Wachholdcrstrauche (juniperus oxycedrus) hervoi'schwitzt, wird 
unter dem Nahmen Sandarak weil verschickt, mid dienet theils in der Arznev, voi- 
nehmlich aber zu feinem Firniss. 5) Die Himbeere (rubus ideus), besonders die dun- 
kelrothe nordische Himbeere (rubus articiis) , welche in den Gebirgen und feuchten 
moosigen Gegenden von Schweden j Norwegen j Lappland und Russland wächst, 
und die unsrige an erquickendem Gerüche und Gcschmacke weit übertrifft. Die Bee- 
ren werden in jenen Gegenden eingemacht oder gedörrt, und weit in südliche Län- 
der verschickt. Endlich 6) die Früchte des Erdbeerbaumes (arbulus unedo). Dieser 
strauchartig wachsende Baum kommt nur in Spanien,, Taurieii und Dalmatien vor; 
in letzterem Lande wächst er ungemein häufig, besonders in den unbewohnten Li- 
seln , wo dieser Strauch in weiten Flächen ein beynahe undurchdringliches Gestrippe 
bildet. Die Früchte dieses Erdbeerbaumes gleichen den schönsten Gartenerdbeeren j 
sind jedoch zwey bis dreymal grösser; sie haben einen süssen, wenig säuerlichen, 
daher faden Geschmack. Die migelieure Menge dieser Früchte blieb bisher in Z?rt/;?7r/- 
tien unbenutzt. Erst im J. 1816 bat man die ersten Versuche gemacht, Branntwein 
daraus zu brennen, welche einen solchen Erfolg hatten, dass schon in diesem ersten 
Jahre über 1000 Barillen, und im nächstfolgenden an 2000 Barillen Branntwein von 
16 Graden daraus erzeugt wurden. Dieser Branntwefn war von sehr guter Qualität ; 
er wurde in Triest im Durchschnitte mn 100 Lire (ä 12 kr.) die Barille abgesetzt, 
während seine Erzeugimgskosten nur etwa auf 3o Lire für die Barille zu stehen 
kamen aj. 

a) Über das Vorkommen und die Verwendung des Erdbcerbaiimes in Dalmatien ; im ersten Ban- 
de der Jahrbücher des k. k. polytechnischen Institutes in Wien. S. 292 — 299. 

§. 35. 
W e i n s t o c k (w//* viniferä). 

Dieses edle Gewächs, dessen Frucht uns ein Getränk giht, dem kein anderes an 
PLraft und ^V^irkung gleich kommt, ist ursprünglich ein Product des wärmeren Asiens j 
von da es über Griechenland, nach Italien und dem südlichen Frankreich^ und aus 
diesen Ländern in andere europäisclie Gegenden gekommen ist. Die eigentlichen \Vein- 



rf4 •!• Urpruduclion. §. 3j. Weiustock. 

lauclci- Sind JL'iiseits des 5o. Grades dei- Breite; es geliöreii also daliin Port'igul aj ^ 
Spanien bj , Frankreicli cj j Rallen dj _, die jonische/i Inseln ej ^ die Schweiz fjj 
das siidliclie und weslliciic Deutschland gj _, Ungern hj _, Slav.jnien_, Croatien ^ 
Didtnatien j die Boche dl Cattaro ij ^ Siebenbürgen j die taurische i^a[\nnse\kj und 
die osmanischen Provinzen l). Denn oljj^fjeich diessseits des 5o. Grades der Breite 
Irin und wieder Wein wächst, und insonderheit einige in üeutschLand diessseits des- 
selben gelegene Gegenden noch guten Weinbau haben: so ist doch dieser Wein mit 
demjenigen, welcher in Europa's südlicher Hälfte wächst, weder in Ansehung der 
Güte noch Menge zu vergleichen. Für Fratiki'eicJi j Spanien _, Portugal j Ungern 
und einige deutsche Länder ist der Wein ein überaus wichtiges Product, dessen Aus- 
führe viele Millionen Gulden in's Land zieht; auch kann die Cultur desselben mehr 
Menschen beschäftigen und ernäliren inj j ob sie gleich keine so sichere Grundlage 
des Privat- und Staatswohls ist, wie dieser. Denn gute Weinjahre sind ungleich sel- 
tener als gute Gelreidejahre ; der Weinbauer (Winzer) niuss daher oft borgen, niuss 
selbst eine Zeitlang darben, bis wieder ein seltenes Jahr grössere Einkünfte gewährt» 
Dann muss man Schulden zahlen, dann will man ftir die vielen künuneilich durchleb- 
ten Tage sich nach seiner Art entschädigen ; woher es denn kommt , dass der Wein- 
bauer selten ein guter flauswirth und, wenn er keinen Ackerbau dtd)ey hat, gewöhn- 
lich ärmer als der Kornbauer ist. 

Rosinen _, oder getrocknete Beeren der Weintrauben, werden in Portugal ^ Spa- 
nien, Frankreicli untl Italien j, nahmcntlich im Kirchenstaate , in Calabrien und 
auf den Inseln Sicilien und Lipari in grosser Menge gewonnen und ausgefuiirt. S{)a- 
nien z. B. exportirt davon jährlich 140,000 Glr. Der Kirchenstaat vmd Frankreich er- 
zeugen die vorzüglich gute Sorte von Rosinen, Passarini oAev Passarlllen genannt, 
jener bey Pcriil j, dieses hoy Front Ignan. — Corlntlien _, von einer sehr kleinen Trau- 
benart («^'a passa minima) bereitet, sind das vornehmste Vroducidiv Cephtdonia nnd 
Zante j so wie fiir MoreUj verschiedene Inseln des Archipels und einige Gegenden 
Grlecheidands. Cephalonla , Zante und Morea erzeugen allein an 24,000,000 Pf. , 
wovon 4 ini£ Morea kommt. Der Weinslock, von dem sie gewonnen werden, wurde 
ehemals am häufigsten um Corlnth gepflanzt; dahei- diese kleinen Rosinen den Nahmen 
Corlnthen ftdiren. 

(() Unter ilcii porlagiesixchen Weiiioii sind die gesuclitestcii die rotlioii Porloireine in der Pro- 
\i112 Enlre Duero e Minlio , wovon 70 — 80,000 Pipen (a 600 hi)uieillen) j:ihrlic!i gexvoiuien 
werden. £/jo-/«/ii/ erhalt 40,000 Pipen davon jährlich, 10,000 Pipen bezieht das nördliche 
Europa , der Rest geht nach Brasilien. Ausserdem worden 60,000 Pipen weisse Weine, \ or- 
ziiglich in Esireinadura, erzeugt, wovon etwa _io, 000 in Europa abgesetzt werden. Man 
sehlägt den Werlh der gesammten Wein-Ausfuhre jährlich auf lo-j Mili. Crusaden =: i2y 
Miü. tl. an. S. Crome a. a. O. S. 553. 

b) Unter den spanischen Weinen sind die vorzüglichsten : 1) inGranada: der so bekannte und 
hiAii^hlc MaUigim'ein , der aber in Deutschland selten acht getrunken wird; eine Gattung 
desselben, welche die Engländer besonders lieben, wird von ihnen Beigwein ( Mountain ) 
genannt. Der von Pedro Ximenes wird für den besten weissen Malagawein gehalten; 2) in 
Sei'ilta: der herrliche Xc/-e4K^<;m; die süsse Sorte heisst Pasanele ; die bittere aber magen- 
stärkende rinoSeco oder Secl ; der Tinlo de Rola , ein köstlicher, dicker rother Wein, and 



II. Urpioductiou. § 35. W'eiiistock. y5 

der Mansum'lla ; 5) in Murcia: der treffliche Wein von I illatobus ; n) m Valencia: <lcr lie- 
rulimte koslliche Älicanleweni , \on welchem die beste Sorte Tialo de AUcanle heissl; o) in 
Niii>aira: der sclir geschätzte I'eruUa oder so^enäiinlii spanische Sect , ein starker weisser 
Wein; der \ on Tudela ist etwas leichter und roth ; (i_) a.ni Mallorca : der vortreffliche Mal- 
casienfeiii Lev dem Flecken Follenza oder Pollentina. Das ganze Reich erzeugt jahrlich zwi- 
schen 3 — 4 AIiU. Ohm , und iiihrt jährlich etwa 284,000 Ulim davon aus. 

c) Unter dtin französischen Weinen sind die bemerkens\vertliesten : 1) der Burgunder, beson 
ders der von Chamborlin , Bourgogne , Poinard und Clos-Foageot. Die ersten Herzoge von 
Burgund Hessen sich in ihren Verordnungen : unmillelhare Herren der besten f-f^eine in der 
Christenheit , wegen ihres guten Landes von Burgund , angesehener und berühmter als je 
des andere im Weiiiwuchse , betiteln. S. N. A. D. Bibl. XCV. S. 2i4; 2) dar Champagner, 
wovon der beste bey Epernaj wächst; 3) der ßourdeauxer , von welchem die besten Sorlen 
die Weingebirge von Medac , Grace und das n>eisse ff^eingebirg liefern ; 4) der Hennilage- 
wein, l'ontac und der Cole-Rulie i 5) der Musealwein , vornehmlich der. von Lünel , Fron- 
tignan und Ripesalles. Die sämmtlichen Weingarten sollen 1,734,573 Hectaren (G,6o6,3oo 
Calenb. Morg.) betragen, und davon sollen 3i,oi2,452 Hectolilers (i2,g25,8ii Oxhofte) 
Wein gewonnen werden, wovon man i4,549^o32 auf den inländischen Verbrauch, die 
übrigen 16, 463, 400 Hectoliters aber (i2oMill. Fr. werth) zur Ausfuhre rechnet. S. Gdtting. 
gel. Anz. 1818. St. 23. S. 232. Nach Hrn. Crome werden jährlich im Durchschnitt 24,274,100 
Oxhofte Wein und Branntwein gewonnen, und davon ^ ausgeführt, welches i8i2 20-^ 
Mill. fl. , 1800 über 40 Mill. fl. betrug. — In Paris werden jährlich 80,928,000 ßoutoillea 
Wein und andere starke Getränke getrunken. S. Göttin^, gel. Anz. i8n. St. 41. S. 406. 
In der Baumschule Luxemburg zu Paris sollen sich 1400 (?) verschiedene Sorten Weinstocke 
befinden. S. Gotting. gel. Anz. 1818. St. 23. S. 232. 

rf) Unter den italienischen Weinen sind die vorzüglichsten: i) im Genaesisc/ien : der edle J'er- 
nazerwein ; 2) in Toscana: der treffliche Museal elier bey Chianli, der berühmte Monte- Pul- 
ciano und der Trebiawein bey Sicna; 3) im Kirchenstaate: die weissen, feurigen Weine von 
Orvieto, Perugia Und Fiterbo, so wie die rothen von Munlefiascone, Albano, Praeneste u. s. w. ; 
4) in Neapel : der von Horaz besungene Falernerwein , der angenehme Fino grecco und der 
Lacryma Christi , oder der Lacrjma (wie man ihn schlechthin in Neapel aennt) , ein treff- 
licher Tischwein. Es gibt zvveyerley Sorten davon : asciuHo und dolce. Jener ist herbe, die- 
ser süss. Der erste wird vorgezogen , weil ei- bey weitem angenehmer und reiner ist ; 5) auf 
der Insel Sicilien : die Weine von Lipari , Sjracus , Calanea und der Furowein, der bey 
guter Bereitung, nach 3 — 4 Jahren, dem alten Portoweine völlig gleich, und auch unmäs- 
sig genossen, ^veniger schädlich ist, daher von den Engländern sehr geschätzt wird. Es 
werden davon jährlich an 100,000 Pipen ausgeführt; 6) auf der Insel Sardinien : der edle 
Naskoivein , nebst dem voa CagUari , von Bosa und andern sehr starken und feurigen Wei- 
nen. Im Ganzen ist der Weinbau in Italien bey weitem nicht so beträchtlich, als er es wohl 
seyn könnte, und die Weinausfahre ungemein viel geringer, als sie seyn würde, wenn man 
den Weinslock sowohl , als das Erzeugniss aus seiner Frucht besser behandelte. 

f) Berühmt sind die üesertweine \on Zaale, worunter der aus ui^a passa bereitete und unter 

di'm Nahmen Gennuvides bekannte der beliebteste ist. 
/) In der Schweiz ist der beste weisse Wein der Rj'Jwein {ein de cnud) im Canlon H^aaäl. 
Dann folget der i>in de la cote am Genfersee. Von rothen Weinen zeichnet sich 'aus der 
Neacnburger. Er kommt di^n Burgunder gleich , und trägt dem Lande durcli die Ausführe 
470,000 — 5oo,ooo tl. ein. ImCanton Basel wird auf dem St. Jacobs-Kirchhofe der berühmte 
rothe Wein gewonnen, bekannt unter dem Nahmen ScUweizerblul , zum Andenken der 1444 
daselbst mit den Franzosen gehaltenen Schlacht. Der Ganton Tessin versendet von seinen 
feurigen Weinen ebenfalls eine kleine (^>uantität. 



> 11. Urproduction. §. 35. Weiustock. 

g) In Deutschland sind die vorzügliclisten Weine: x) in Nassau (im Rheingaii) : der Johannis- 
b erger , Horhhe.imer , liiuieJieimer , Markebriinner und Asinannshauser , welche man für die 
besten unter allen Hheinii-rinen , und überhaupt für das edelste Gewächs von allen deut- 
schen Weinen hält; die Perle aller Rheinweine aber ist der Johanidsbrrger. Er wächst nur 
auf einem Areal von etwas über 63 Morgen, welche eine Domaine Sr. Durchlaucht des, 
Fürsten v. Meli ertlich sind., und jährlich 25 Sluck Fass , i3oo Flaschen auf ein Fass ee- 
rcchnet, zu ij fl. , 3 — 4 •> auch bisweilen einzelne Flaschen zu i2 fl. liefern. Im J. 1781 
soll ein Engländer 1000 Louisd'or für ein Fuder i77gger Johanuisberger bezahlt haben. So 
weit die Schlossberge reichen , wird dieser berühmte Wein jährlich zu 23 — 24,000 fl. ge- 
schätzt. S. Neue Leipz. Lit. Z. 1810. St. 92. S. i465. — 2) In dem Grossherzogthume Hes- 
sen, nahmentlich in den Rheinlanden: der Niersleiner,die Liebfrauenmilch , der Laubenkei- 
mer; m der Bergstrasse: der beste bey Auerbach, — 3) In dem Grossherzogthume Baden: 
der Markgräßer , Ajfenthaler , Steitdiacher , TVeHheimer , der Bergsirasser von Laudenbach 
und Hemsbach. — 4) In dem Königreiche Baiern, nahmentlich in den fr-änkischen und über- 
vheinisrhcii Pro\inzen. Berühmt sind besonders der Leisten- und Steiniiein in Würzburg. 
Die eigentliche ileimath des erstcren , des Königs unter allen Frankenweiiien , begreift aber 
nur ungefähr 60 3Iorgen, des letzteren nicht mehr als etwa 400 Morgen Weinberge. Der Stein- 
wein ist feuriger als der Leistenwein , aber nicht so aromatisch und angenehm , als dieser. 
Nächst diesen wächst der beste Frankenwein zu Ti-i^/Jelstein , welcher unter dem Nahmen 
Callmulh berühmt, ohne künstliche Mischung ganz süss ist, und den berühmtesten ungri- 
schen Weinen nahe kommt. — In dem Königreiche f-^f^ilrtemberg,: d\e Neckarweine , beson- 
ders bey Elfingen, Maalbronn , Eslingen und Ileilbronn. Den ganzen Weinertrag dieses Kö- 
nigreichs hat man im J. i8n auf 1 MiU. Eimer geschätzt. S. H. A. L. Z. i8i3. Nr. 172. 
S. 541. — 6) In den kaiserl. ösleireichisch-deulschen Frovinzen , und zwar: aa) im Lande 
unter der Enns : der Nussberger , Tf^eidlinger , Grinzinger , Pfiffstet ter , Gumpoldskirchner , 
Brunn er , Berchtholdsdorfer , Mödlingcr und Bisamberger. Die Weinproduction dieses Lan- 
des wird in guten Jahren auf ungefähr 1,800,000 Eimer angeschlagen. Der Wein ist sehr 
haltbar, nähert sich, wenn er recht alt ist, im Geschmacke dem Rheinweine, verträgt gut 
die Mischung mit Wasser, und gibt daher einen guten Tischwein ab. In IVien werden, 
nach einem sechsjährigen Durchschnitte, jährlich 53i,478 Eimer (österr. , ungr. und Aus- 
länder-) Wein getrunken, bb) In Sleyermarlc .- der starke und angenehme Lutlenberger , aus 
dem man einen kosibaren Ausbruch bereitet; dann der Gonowitzer , Radkersburger , Kirsch- 
bacher, Jerusalemer , Marburger und Pettauer. Der steyrische Wein hat das mit dem öster- 
reichischen gemein , dass er sich ein halbes Jahrhundert und länger wohl erhalten lässt.- 
cc) In Krain: der Tschernicaler, TVippacher nnd Ratschacher, dd) In Istrien: der treCTliche 
Ribolan'cin in der Gegend von Pirano, und der Muscati^ein um Rortgno. ee) In Tjrol: die 
Weine aus der Gegend von Bolzen, Meran und Trienl. Der Tyrolerweer, 
vornehmlich in Polen. 

i) Die dortigen Liqueurweine wetteifern mit den besten spanischen oder französischen. 

k) In der Krim/n erzeugt das Sudak-Thal die basten Trauben und den besten Wein der gan- 
zen taurischen Halbinsel. Einzelne Trauben sind 4 — 5 Pfund schwer, und einzelne Beeren 
erreichen die Grösse und Festigkeit von kleinen Pflaumen. S. Götting. gel. Anz. 1804. St. 21. 
S. 207. Auch die Gegend an dar Mololschna ist sehr gedeihlich für den Weinbau, der 5o 
Meilen ostwärts am Don mit gutem Erfolge getrieben \vird. Der Tschigir , ein Abkömmling 
der vor einigen 3o Jahren nach'der Slallhalterschaft Astrachan verpflanzten Tokayerreben , 
ist jedoch kein würdiger Nebenbuhler des Tokayers. Übrigens verdanket der Weinbau im 
AsLraclianischen seinen Ursprung einem österreichischen Mönche (i6i3), und seine Verbes- 
serung einem ungrischen Major. S. Neue Leipz. Lit. Z. 1809. St. io2. S. 1626. 

/) In diT europäischen Turkey wächst der beste Wein auf Morea (der Malcasierttein) , und auf 
den Inseln Candia, Na.via , Scio und Santorin. Dann folget der Odvbeschler und der Kotita- 



jj8 il. Urproduclion. >^. 51'. Flachs und Haul. 

jer in der Moldau , welriier letztere viel Ciiampagnerarligcs hat. INach Hrn. /-^'o//' liefert 
dieses Land 4,200,000 Eimer Wein. Griechische Kaufleute spediren ihn häufig nach Sie- 
benbürgen , Polen und Rtissland. In der asiatischen Tiirkey ist der Cj'pernwein berühmt. 
ot) Nach dem Discours sur los vignes. Dijon 1756, kann eine französische Meile Ackerland 
nur i3i)0 Menschen in Arbeit setzen und ernähren , eine Meile Weinberge hingegen 2604 
erhalten ; die Subsistenz der letztern ist aber auch weit unsicherer. 

Fabriken- und II a n d e 1 s g e w ä c h s e. 

§. 56. 

a) Flachs und Ha n f. 

Unter den Fabriken- und Handelsgewächsen ^ d. i. Pflanzen und Samen, die 
entweder als rohes Hauplmaterial oder als Hiilfsprodncl in den Gewerben, Fabriken 
undManiifaciuren, oder sonst zu anderen Al)sichten j^el)rauclil werden, daher in Menj,'« 
in den Handel kotninen, und ein wichtiger Zweig der Laiidescnltur nnd Staatswirlh- 
scJiafisind, behaupten, ihres ausgeljreiieten Nutzens wegen , den ersten Platz der Lein 
oder Flachs (limun usitatissiinuni) und der ZTrt/z/" (cannabis-sativa). Das Ilauplland fin- 
den Flachsbau ist Deutschland aj _, wo diese wichtige Pflanze das Material zu einer 
Manufliclur abgibt, die an Ausbreilimg und Grösse des Betrags unter den Kunstge- 
werben in Europa kaum ihres Gleichen hat. Nächst Dentschland bauen den meisten 
Flachs Russland hj _, die Niederlande cj j JVord- und Ostfrankreich dj j Ost- 
preussen e)^ t\chsi Irla?id _, Galizieu fj ^ Ungern gj ^ Siebenbürgen hJ „ Spanien 
imd Ober- und Mittelitalien ij. Der alleri'einsle Flachs in Europa überhaupt wird in 
Brabant, zu Cortrjk in Flandern, um Roeremond in Geldern und in der Gegend 
voia Cambraj in dem französischen Departement des Norden gewonnen, wovon der 
Werth eines Pfundes, zu Spitzen verarbeitet, nicht selten bis zu 6 — 7000 Gulden er- 
höhet wird; ausserdem wird dieses Producl in vorziiglicher Güte in mehreren Gegen- 
den Deutschlands kj , und der Schweiz IJ gebauel. 

Die besagten Lander liaiien zum Theil auch viel Hanf; das Ilauplland fiir diese 
nützliche Pflanze aber ist Russland mj. Die überaus betrachtliche Ausfiihre dieses, den 
Seemächten uuenlbehrlichen Naturproducts ist nach dem. Getreide die wichtigste 
Quelle des russischen Nationalreichthunis. Für den besten Hanf hält man den von Riga 
und ISarwa in Russland, und den von Bologna in Italien. Auf diesen folget der Hanf 
von yipatliin in Ungern, der aus der Gegend von Bischofshelm in Baden u. s. w. 

Aus dem Lein- und Hanfsamen wird auch Oehl gepresst, und sowohl zu Male- 
reyen, als zum Brennen in Lampen, geljraucht. 

a) Die beträchtlichsten deutschen Flachsprovinzen sind: fi^eslphalen , seinen meisten Gegen- 
den nach; Hessen , Nieder- und zum Theil Obersachsen, Schlesien, Böhmen, Mähren ^ das 
Land ob der Enns , Slej'ermark , Krain , Tjrol , Franken, Schwaben und verschiedene Ge- 
biete am Rhei?i. 

b) Vornehmlich in Livflaiui , Curlaitd , Litlhaucn , JVolagda , Pskow , Nowgorod , Mohilew und 
an der mittleren W^o/g^a. In den drey ersteren Provinzen gewinnt man den hcsleti Leinsamen, 
der daher in Menge nach Königsberg und Memel gebracht, und von daher nach andern euro- 
päischen Ländern verschickt wird. Man glaubt, dass der Leinsame jener nordischen Länder 
einen vorzüglichen Flachs gebe, wenn er in vvärmeren Gegenden gesäet wird. Man kann 



II. Urprotluction. §. 3;. TabaX. 89 

aber in Deutschland und vermuthlicli aucli in andern Landern einen eben so guten Samen 
ziehen, wenn man ihn nur zur völligen Reife kommen, und, wie in Liefland, 6 — 7 Jalire 
alt werden lässt , ehe man ihn säet. Auch gehen von dem besten Leinsamen der nordischen 
Länder nur etwa t des Ganzen auf. Im J. i8o2 exportirte Unssland für 2,519,477 Rubel 
Lein- und Hanfsamen, und der Werth des im J. i8o5 ausgeführten Flachses stieg auf mehr 
als 8,000,000 Rubel. 

c) Besonders in Brabanl und Flandern , \v( Iclier Länih'r grösster Reichlhum darin besteht. 

ri) Vorzüglich in den Departements des A'on/f/j, der Sommc, \on Finislene und des Nieileirheins. 

e) Besonders der Braunsbergische und HeilsbergischeKrctSi und der Regierungsbezirk GumifVie/i. 

/) Vornehmlieh im Jasloer- , Rzeszon^er- , Przemysler- und Tarnowerkreise. 

g) Vorzüglich in der Z//Ji ; dann in den Gespanschaflen 5c- 'uro^f/i j, J.iplan, .Iri^i , Thurolz 
und Eisenbnrg. 

/;) Besonders in dem Lande der Szekler und in d^r Gegend von Kronstadt. 

i) Vornehmlich in Safoj-en , in der Lombardie und in Toscana. 

k) Nahmentlich in den n^estphälisc/ien Provinzen Minden, Pultberg, Minister, Paderborn u. s. w. ; 
dann in Schlesien, Böhmen, Mähren, Trrol ^ insonderheit in der Gegend von Fiesing und 
A.inms u. s. w. 

l) Nahmentlich in den Cantonen St. Gallen und Appenzell. 

m) Russland führte im J. i8o3 für mehr als i2,44-'hooo Rubel Hanf aus. England allein erhielt 
sonst 2,000,000 Pud, oder 800,000 Ctr. Hanf aus liussland. Während der Handelssperre 
suchte das srhiffreiche, aber hanfarme England den Anbau dieser Pflanze in Irland zu heben, 
dessen Landleute, ^on der Admiralität begünstiget, sich anheischig machten, jährlich 
400,000 Ctr. Hanf zu liefern. S. Jen. AUg. L. Z. 1811. Nr. 281. S. 444 ff. 



§. 



37. 



b) Tabak. 

Von ausnehmencler Wichtigkeit ist ferner der Tabak (Nicotiana) aj j nrspriing- 
licli ein amerikanisches Procluct, dessen Zauberkraft den Sieg über die strengsten 
obrigkeitlichen Befehle, so wie über die ernsthaftesten Ermahnungen der Prediger 
lind Arzte davon getragen hat bjj und eben desshalb eine der erhcl)Iichsten Quellen 
des Einkommens fiir alle europäischen Staaten geworden ist cjj obgleich Hr. v. Zm- 
inerinciJin sich nicht genug darüber verwundern kann ^ da nach seiner Wahrnehmung 
der Tabak desn Gerüche und Gcschmackc zuwider ist, und selbst den Verstand be- 
ne])elt. Der Anbau dieser Handels- und Finanzpflanze hat sich hauptsächlich wälirend 
und durch Veranlassung des amerikanischen Krieges in den europäischen Ländern 
vermehrt, und eine grosse jVusbreitung gc\vonnen. Die Länder, welche den grössten 
Aniheil an diesem neuen Culturzweige nehmen, sind Uni^ern d ) j Slavonieiij Sie- 
l'e/ibüi-gen j Galizie/i ej j Deutschland /J j Ricsslitnd i^J und die Tüi'key hj.; nächst 
diesen Frankreich i) j die Niederlande kj j Dänemark ^ Schweden,, AiQ Schweiz 
u. s. w. Gleichwolil kommt der meiste Tabak, welcher in Europa verbraucht wird , 
aus Amerika ; dar beste aus J^irginien IJ ; die übrigen besseren Sorten aus Carracas 
und TVestindien , denen die in ßrnsilien nachstehen. Den besteji Tabak in Europa 
bringt U/igern hervor ■, er steht selbst dem Virginischen nicht nach. Besonders wird 
das Pro -biet von Tu'na , Dehro , Szegedin j Fiinfkirchen j, Jänosiiäza , Letting j 
Küspullag j P''e'g j Filzes- Gjarmath mid Hidasch sehr geschätzt5 auch der Slavoui- 



go "• Urprndiictioii. §. 37, Tabak. 

seile von Posega ist ühpi'all bekannt. In Siebenbürgen j das seinen Tabak selbst nach 
der Walachcy ausführt, waclisen die besten Sorten in den Umgebungen von UdvaV' 
Jielj- j FagarascJi j Mavosch-l'asavhelj \x\\^ Batiz. In Galizleii theilt man den Ta- 
bak in sogenannten Zdprater j den man bloss zu Rauchtabak verarbeitet, luid wovon 
der beste an der Bukowinergränze v.ächsl; in den, -welchen die Tabaksplantagen am 
Dniester WcScrn , und ans dem sov\"ohl Rauch- als Schnupftabak, und in Aqw Podoliei\ 
aus welchem bloss Schupftabak bereitet wird. — Für den besten unter allen deut- 
schen Tabakssorlen wird der Pfälzische j JSürnbergische j Hanaiiisclie _, Offenba- 
chische ^ Mannheimische und Uckermärkische gehalten. — In Russland wird der 
beste Tabak in der Ukraine und in der Türkcj in Albanien mid Macedonien gezogen. 

a) Dem französischen Gesandten am portugiesisclien Hofe , Jean Nicol zu Ehren so genannt , 
durch den diese Pflanze nach der Mitte des 16. Jahrh. in Europa bekannter wurde. Tabak 
{labacani) heisst das Kraut von dem Rohre, wodurcli es gerauclit wurde, welcher Nähme 
nachher der Insel, wo es die Spanier zuerst landen, beygelegl ward. Die Spanier nannten 
also die Insel nach dem Kraute, und niclu umgekehrt, wie man sonst glaubte. S. Funke's 
Naturgeschichte etc. Bd. 2. S. 419- 

b) Jacob 1. , König von England, nannte den Tabak im J. 1604 ein schädliches Unkraut, und 
schrieb wider dessen Gebrauch im J. iGic^ seinen Misocapnos (Rauchfeind). Papst t/r6a/; V 111. 
that im J. 1624 die Tabaksliebhaber (jedoch nur jene , welche in der Kirclie schnupften) in 
den Bann. Eben so untersagte die Kaiscrinn Elinabelh von Russland , Tabak in der Kirche 
zu nehmen , und erkannte die hierzu gebrauchte Dose dem Kirchendiener zu. S. N. A. D. 
Bibl. Bd. XCV. S. 86. In SiebenbTirgcn wurde x68g Gülerverlust (arnissio bonorum) auf die 
Pflanzung dieses in der Folge so einträglichen Handelskraules gesetzt, und wurden Geld- 
strafen von 2oo bis zu 3 fl. herab den Consumenlen aufgelegt. S. M. i>. iS'c/u*'ar<^i«r's Statistik 
des Königreichs Ungern. 2. Aufl. S. 329 ff. — Doch fand der Tabak auch seine Vertheidi- 
ger. Unter andern gab um's Jahr 1G28 llaphael Thorius über den Tabak ein Gedicht , unter 
dem Titel: „Hymnus Tubaci" heraus (s. des Frejh. c. Ilormajr Archiv für Geographie, Hi- 
storie, Staats- und Kriegskunst, i8n. 52 — 33. S. 148) j und verfassten die polnischen Je- 
suiten wider den oben erwähnten Misocapnos den Anlimisocapnos ^ den Tabak als eine in 
sich höchst unschädliche Pflanze wider den witzelnden König in Schutz nehmend. S. Po- 
lens Staatsveränderungen und letzte Verfassung, von Fr. J. Jerkel. Till. 4- S. 144. 

c) Bis zum J. 1780, wo der Gebrauch des Tabaks noch nicht so allgemein verbreitet war, 
wie jetzt, betrug die jährliche öfl^entliche Einnahme davon in Osterreich , Frankreich , Portu- 
gal , Spanien, in beyden S.'cillen und in Dänemark die nahmhafte Summe Aon i8,372,g55 
Rlhlr. Das ist weit mehr, als die Königreiche Dänemark , Schweden und Norwegen zusam- 
men gewöhnlich einnehmen. S. Büschings Reise nach Rekalm. S. 4- In Baiern wird der Er- 
trag der, im J. 1811 nach dem Bcyspiele anderer Staaten, eingefiihrten Tabaksregie auf ei- 
nige Millionen Gulden angeschlagen. S. Osterr. Beob. 1811. Nr. 268. S. 1101. 

d) Das k. k. Tabakappalto zu Peslh und seine drey Factoreyen zu Debreczin , Szegedin und 
Tolna kauften im Jahre 1802 aus der ersten Hand des ungrischen Landmanns 170,538 Cir. 
Tohen Tabaks, vorzüglich für die k. k. Tabaksregie 'in den deutschen Erhiändern ; über- 
diess gingen in eben demselben Jahre 17,000 Cir. in's Ausland, ohne das innere Consumo 
von ungefähr 60,000 Cir. Rauch- und über 8000 Cir. Schnupftabak in Anschlag zu bringen. 
S. f. Schwarlner a.. a. O. S. 352. 

e) Nahmentlich in dem ehemaligen Zalesczyker- , nunmehrigen C-orikoirer- , dann Slmiisla- 
wower- und Taruopolerkrcise. Von den Ursachen der Abnahme des Tabaksbaues in Galizien, 
das nach dem Uitheile aller Sachverständigen 3oo,ooo Ctr. Tabak erzeugen könnte, wenn 



11. UrproJuclion. §. 3o. Farbe- und Gäibekräuter. gl 

dieser Industriezweig die gehörige Aufmunterung fände, s. Valerl. Blätter für den österrei- 
chischen Kaiserstaat. 1811. i5. S. 18. ff. 

/) Besonders in den preussisch-deulsclien Provinzen Brandenburg , Pommern, Schlesien und 
Magdchurg; im Kclzat- und Rheinkreise des Königreichs Baiern; in den churhessischcn und 
grossherzoglich baden'schen und hessischen Landen. 

g) INahmcntlich in den kleinrussischen Gouvernements, der Ukraine, an der Wolga und Sa- 
mara. Der Werth des im J. i8o2 ausgeführten Tabaks betrug über 220,000 Rubel. 

h) In Macedonien allein werden jährlich 100,000 Ballen Tabak, 4 Mill. Piaster werth, er- 
zeugt. Davon werden 60,000 Ballen ausgeführt, und 40,000 Ballen in der europäischen Tür- 
key verzehrt. 

1) Im J. 1810 ist der Einkauf des Tabaks in Blättern, so wie dessen Fabrication und der Ver- 
kauf des fabricirtcn Tabaks in allen französischen Departements für Rechnung des Staates 
ausschliesslich der Regie des droits re'unis (Mautli-Amtsregie) übertragen worden. Es sind 
nur gewisse Gemeinden zu dem Tabaksbau autorisirt ; sie müssen Erlaubnissscheine lösen. 
Aller verkäufliche Tabak wird von der Tabaksregic zu 45 Franken der metrische Centner 
(2 gewöhnliche Centner) bezahlt. S. Österr. Bcob. 1816. Nr. i2D. S. 668. 

Ä) Nahmentlich in Ulrechl und Geldern. Es werden in diesen Provinzen jährlich 80,000 Ctr. 
Tabak erzeugt. 

l) In J'irginien. werden jährlich 800,000 Ctr. Tabak gewonnen , wovon der grösste Theil nach 
England geht. In England selbst wird dieses llandelskraut nicht gebauet; die Cultur dessel- 
ben ist verbothen worden, weil man es in Tlrginien und Marjland begünstigen wollte. Un- 
geachtet diese Länder nicht mehr zu England gehüreu : so ist dieses Gesetz doch noch nicht 
widerrufen worden, 

§. 38. 

c) Färbe- und Gä r b ck rä u t e r. 

Die vorziigliclistcn sind: 1) Krapp oder Färhei'i'ijthe (riibia liuctoruni) , aus de- 
ren zcttosseiicn luid gemaldeiien Wurzeln man eine äclite rotlie Farbe auf Wolle 
Leinen- und Baumwollengarn bereitet. Sie wird in einigen Gegenden von Europa 
wild gefunden, und, wegen ihres grossen Nutzens in der Färbcrey, in Deutsch- 
Icind aj j Frankreich j, in den Niederlanden hj _, in Dänemark j England und der 
Türkej Läufig gebauet. In letzterem Lande wird eine vorziiglich gute Sorte, welche 
uian Azala oder Hazala nennet, gcpdanzt. Durch sie erhält das türkische Garn die 
schöne unvcrgängliclie rothe Farbe. Man hält den türkischen Krapp idjerhaupt ftir 
den besten, obgleich einige dem seelündisclien j andere hingegen, wie z. B. Chap- 
talj dem in der Gegend von yJ\>ignon gezogenen cj , den A'orzng geben. — 2) TFaid 
(isalis tinctoria) , dessen getrocknete Blätter als blauer Färljeslolf auf Stanipfinühlen 
gemahlen und zu Ballen oder Kugeln geformt werden. Dieses Färbekraut war, vor der 
Einführung des \\ irklichen, oder Jnil- Indigo djj, fiir Languedoc in Frankreich, 
^/icon« in Italien und Tlniringen in Deutschland, eine überaus wichtige Pflanze , 
der man einen ausgezeichneten Geldgewinn verdankte. Allein durch den Jnil-Indigo 
ward der Absatz und daher auch der Anbau des TFaid-Indigo gar sehr beschränkt, 
weil neben dem Verhältnisse des Preises ihm zugleich die Meinung schadet, dass die- 
ser ^Vaid-Indigo an Schönheit und Dauerhaftigkeit dem wirklichen Indigo doch nach- 
zusetzen scy. Essoll jedoch der neuen Chemie gehingen seyn, die rechte Verfahrungs- 



f)2 ]I. üiproducli.n. ^ 58. Fnibe- und GärbekiäutiT. 

an bcv Auszlcliung des Fnibcslofl'es aus dein Waide entdecket, und es darin so weit 
ge])raclit zu liabcn, dass mau einen Indigo faliricirt, der so schön ist, als der aus Gua- 
timala in Amerika fjj den man, so wie den von der Insel /at'rt in Ostindien, für 
den besten hält, worauf der von St. Domingo folget, dem der nns Brasilien imd Süd- 
carolina nachsieht. Jetzt ist der Waidl>au mu- noch zu ^/bi in Frankreich g-J, in 
England j in einigen österrcicldsch- luul prciissiscli-deutschen Provinzen hj , bey 
Käsmark j Pered u. s. w. in Ungern, und um IForonesch und Moskau in Russland 
von einigem Belange. In Ijeydeu Ictzteieii Landern wird dieses Handelskraut, so wie 
die Färberröthe , auch wild angctroflen. — 3) Safi'an (crocus sativus), an dessen 
Blume die dreyCaserigen Narben des Staubweges von rothgelber Farbe inid starkem 
Gerüche braiichiiar sind. Er wird wegen seines häuligen Gebrauchs in der Färberey , 
der Küche, Bäckerey u. s. av. in mehreren curo|jaischcn Ländern, nalunentlich in 
Portugal j SjHtnien _, Frankreicli _, Italien ^ Deutschland _, England], Irland ^ Un- 
gern und der Tüvkej gezogen. Für den besten hält man den, der nn Lande unter der 
Enns um iho/Aj Meissau „ Krems j Kirchberg und Ravelsbach gewonnen wird ij. 
Er hat nach dem Ausspruche der Kenner, seinem Farljesloffe und seiner medicini- 
schon Kraft nach, den Vorzug vor dem Orientalischen und dem Französlsclien von 
Gatlnals. England hat ihn von vorzüglicher Güte in Essex und. Cambridge ^ Ita- 
lien vornehndich in Neapel imd Slclllen. In England j Frankreich j Italien und im 
Lande unter der Enns häh man besondere Safranmärkte, imd in Ungern durchzie- 
hen viele slavische Bauern, mit Safran und anderen Gewürzen bepackt {Safranicr ^ 
Safrahbauern) , bald zu Fuss, bald zu Pferde, besonders die oberungrischen Städte 
luul Marktflecken. — 4) Sajlor (carthamus tinctorius), dessen Blumen zum Gelb- 
vornehmlich aber zum Rothlärben dienen, wird in verschiedenen Gegenden Frank- 
reichs j, Deutschlands , Ungeiiis luid anderer Länder gel)auet. Derijcstc ist der lYw- 
klschCj welihen luan aus Jegypten iihcv Lh'orno v\\\d. Marseille in Ballen erhält, wor- 
auf der Elsassische und der I7nirl??gische £o]'^et. — 5) Kreuzdorn (rhamnus catharti- 
cus) wächst in mehreren Gegenden Europa's wild. Die Beeren dieses Strauches, aus 
denen man das Saftgrün zum Färben des Leders und Papiers bereitet, sind in Ungern 
und Frankreich (in letztcrem Lande unter dem Nahmen graines d'Avlgiion) ein Ge- 
<rensland des Handels. — 6) Gärbcrbaum (rlius coriaria), zur Bearbeitung des Cor- 
duans, Maro(}uins und Saffian.s ])iauchbar, wiid in Südeuropa nicht nur wild angetrof- 
fen, sondern in Portugal luid Spanien auch cultivirt. — 7) Färbersumach (rhus co- 
linus), im Erzherzugthumc Ö&icvvcxch. Perriickenbaum j im Banal und in Slavonien 
Rujastrauch genannt, fmdet sich beynahe im ganzen mittägigen Eurojia, die süd- 
licheren Thcile Italiens ausgenojnmen; feiner in Ungern _, Slavonien ^ Siebenbür- 
gen ^ bey WleUj, vorzüglich in der Gegend um Baden, Merkenslein u. s.w. wild. 
Das Holz dieses Strauches dienet in Spanien _, Frankreich j, Malland und überall fast, 
wo es vorkonunt, als ein vorzügliches gelbes Pigment zur Färberey; seine Blätter imil 
Jüngern Zweige aber gepulvert als Materiale zur Schwarzfärbercy, Krapprothfärberey 
und zur Gärberey. Aus Ungern werden jährlich mehrere lausend Centner dieses Hol- 
zes, miter dem Nahmen ungrlsches Gelbholz,, oder Fisetliolz , nach ÖslerreicL , 
Böhmen , Mähren und selbst iai's Ausland a erhandelt kj. 



11. Urproduclicin. §. 39. ZucturrLlir. q5 

a) Nahmc'iitlich im Lande unter der Eii/is j in Böhmen j Mähren ^ Prcusslsch-Schlesien, Bran- 
denburg , Sachsen , in derPro\inz Niederrhein und in den Grossherzogthiimern Baden und 
Hessen, 

b) Besonders in der Pro>inz Seeland, wo es Bauern gibt, die alle Jahre 5o bis 100 Morgen 
Landes mit Krapp bepflanzen , und ^vo überhaupt der Krappbau so wichtig ist , dass jähr- 
lich im Durchschnitt gegen 5oo,ooo Ctr. ausgcliilirt werrlen. S. Oslerr. Beob. Nr. 217. 
1811. S. 8g3. 

c) 3- Götting. gel. Änz. 1808. St. 7. S. 67. 

d) So heisst eigentlich die, nur fremden Erdtheilen eigene Pflanze, \roraus der wirkliche In- 
digo bereitet wird. 

e) Die Gegenden \on Erfurt , Gotha, Langensalza , Täiuislädl und T4^eissensee , wie auch ge- 
gen Ji^rimar zu, waren d(^r Sitz des thüringischen Waids. Erfurt aber war darunter der 
Hauptplatz; ein einziges Handlungshaus daselbst zog allein im J. 1621 für verkauften Waid 
eine Bilanz \on i36,ooo Meissnischen Guhien. S. Grellmann s Historisch-slatistisches Hand- 
buch \on Deutschland. Göttingen , 1801. S. 89. 

/) Ein Zweifel bleibt jedoch noch zu lösen übrig, ob der exotische Indigo nicht immer noch 
in Absicht der Menge seiner färbenden Theile vor dem neuerfundenen Waid-Indigo , un- 
geachtet der Verbesserungen , die er vor dem alten erhallen hat, den Vorzug behaupten 
werde? Ein Pfund Indigo, versicherten die alten Färber, färbe mehr, als drey Ctr. Waid. 
Auf diesem Umstände beruhet es \orzüg!ich , dass der fremde Indigo alle europäischen blauen 
Farben so ganz ^ erdrängt hat, nicht auf dem giüsseren Glänze und der längeren Dauer der 
Farbe. 

g) Der Ertrag ^on der Cultur des Waids gibt für Albi einen Uberschuss von i5o,ooo Franken. 
S. Götting. gel. Anz. i8i3. St. ii3. S. 1126 AT. 

/() INahmentlich in Österreich nnler der Enns , in Böhmen , Brandenburg , im Regierungsbezirke 
Erfurt und in der Provinz Niederrhein. 

i) Über den Safianbau in Niederöstcrreicli und Anleltuiii; zu demselben. Von ülr. P — K. ; in 
den vaterl. Blatt, für den österr. Kaiserstaat. 1808. Nr. 32. 

A:) Über den Ruja-Strauch (nach Linn. rhus cotinus) im Banat : in den vaterl. Blatt, etc. 1811. 
20. S. i34 — 137. 

S- 3g. 

d) Z u c k e r r o h r. 
Das Zuckerrohr (sacharum olliciiiaruin) , iir.sprünglicli ein asiatisches Vrodnct , 
cnlhäll vuitcr allen bisher Ijekanulcn Gewächsen den meisten Zucker^ dessen \ er- 
l)i-aiie]i in Europa imgeheuer stieg, seitdem dieses Producl in den Apotheken , Kii- 
chen lind vielen anderen Anstallen so nolhwendig, auch Kaffeh, Thee und Ghocolaie 
fast allircmeine Bedürfnisse "eworden sind. Es ward im 12. Jahrhunderte von Jsien 
her zuerst ins südhche Europa, nach Neapel ^ Sicilien und Spanien verpflanzt; von 
da nach Madera und den canarischen Inseln, und von hier endlich nach Amerika 
und Wesliniiien ^ von wo aus nun Europa den Zucker in so ausserordentlicher iNIenge 
erhalt; doch kommt dieses Product auch aus Ostindien ^^o es ebenfalls sehr stark 
gewonnen wird. In den besagten Ländern des südlichen Europa kommt das Zucker- 
rohr sehr gut fort; man hat aber die rflan/AUig desselben grössten Theils aufge])en 
müssen j weil dieses Product bisher durch die Sclavenhände in den übrigen Erdihoi- 
ien wohlfeiler geliefert werden konnte. Während der Handelssperre suchte man in 
ISeapel den Anbau des Zuckerrohrs durch Pränücn wieder zu heben, und in andern 



q^ II. Urproduction. §. 4o. Baumwolle. 

Landern den Mangel des Rolirzuckers durch Gewinnung der Surrogate aus Runkcl- 
rüLcn, Wcintraidjcn, dem Safte der AhornLäume, aus Maisstengebi u. s. w. einiger 
Massen zu ersetzen. Durch den Zug der Franzosen nach Moskau hahen jedoch nicht 
nnr diese, sondern alle Surrogate üheihaupt so ziemlich ihr Ende erreicht. Noch ge- 
gen Ende des 17. Jahrhunderts war der Zucker in Europa, insonderheit m Deutsch- 
land _, so theuer, das sich die meisten Menschen mit Syrup, oder nach alter Weise 
mit Honig hehalfen bj. — Aus der Mutlcrlaugc des Zuckers, Melasse genannt, erhält 
man durch Dcstillaüon den unter dem Nahmen des Rum hekanntcn Branntwein, wo- 
mit der Jrrak nicht verwechselt werden nuiss, den man in Ostindien durcli Destilla- 
tion aus Pieis, Palmenwein, Zucker und ^Vasser erhält. 

fl) Versuche haben bewiesen , dass das Zuckerrohr auch auf der Insel Sardinien gedeihe. S. 
Kurze Notiz von der Insel Sardinien elc. ; in den Allg. geogr. Ephem. Bd. 27. S. 249 ff- 

b) S. Bechinaiin's Anleitung zur Technologie. 4- Ausg. S. 496- ff- 

§• 40. 
e) Bau in wolle. 

Die Staude aj , auf welcher Baumwolle (gossypium) wächst, wird in einzelnen 
Gegenden Spaniens _, Siciliens _, Neapels und Sardiniens gezogen, und in neuern 
Zeiten hat man mit dem Anbau dieser wichtigen Pflanze auch Ley Fimfkirchen und 
Pantschowa bJ j, so wie in dem französischen Departement der Ostpyrenäen glück- 
liche Versuche gemacht. Häufiger ^ird dieses Product ^uf Malta und Gozzo cj _, auf 
Corfu dj luid auf einigen Inseln des /Archipels j am stärksten aber in dem schönen 
Thale Seres in Macedonien gewonnen. Man erzeugt dasclhst jährlich 120,000 Bullen 
a 80 Piaster im Diuchschnilt an Werth ; davon werden 62,5oo Ballen fiir ^ Mill. Piaster 
ausgeführt. Die allerfeinste Baumwolle ist die Ostindische und Chinesische ; vorzüg- 
hch wird die rüthliche aus Gusnrate ^ Bengalen^ Siani und, China geschätzt ej; sie 
wird grössten Tlieils im Lande verarbeitet und wenig ausgefiihrt. Die Chinesen verfer- 
tigen daraus ihre Nanquins _, welche die bekannle Farhe von Natur haben. Auf die ost- 
indische folget in Ansehung der Feinheit die /Inievikcnische f ) tuid JFeslindische _, 
welcher die Macedonische oder Levanlische nachstellt. Die Fruclil der Baumwollcnstau- 
de kostet Euro]ia jährlich viel Geld, da man vor migefähr 60 Jahren, wo mehr Luxus in 
die mittleren Stände eintrat, es wagte, besonders von Seite des schönen Geschlechts, 
die Schafwolle, welche die Natur dem Bewolmer des nördlich-gemässigtcn Erdstrichs 
zu seiner Bekleidung anwies, mit der Baumwolle zu vertauschen; aber sie hat auch 
miscrer Lidustrie neue Belebung gegeben imd verschafft hmidcrtlausenden Familien 
Beschäftigung und Uni erhalt. 

ß) Es gibt auch Baumwollenbaume, vorzüglirh in Ost- und Weslindlcn und in Ani.'rlka. 

A) S. Baumwollencrzeugung in den k. k. Mililärgränzen ; in den \aleilandischeii Blällcrn u. s. w. 
1810. Nr. ig. S. igoff. 

«) In llalieii zieht die Insel Malta die feinste und weisseste Baunnvolle , meistens von der 
baumartigen Pflanze , jährlich über 5o,ooo Scudi an Werth. 

d) Corfu liefert jahrlich 10,000 Pf. vorlrcfTlidicr Baumwolle , die thcils zu Fabrication verwen- 
det, tlieils roll ausgelührt wird. 



II. Urproductlon. §. 41- öhlgcwäclis». §. ^i. ArzeneykrUuter. g5 

e) Hr. ('. Zimmermann hat die schöne , natürlich gefärbte chinesische Baumwolle auch im Rö- 
nigreiclie Neapel gefunden, und erinnert, dass in Calabricn und Sicilien wohl Versuche im 
Grossen damit gemacht werden könnten. 

/) Die beste kommt Ans Brasilien ; auf diese folget die von Cayenne, Berbice und Surinam, 
dann die von San Domingo und andern westindischen Inseln. 

§• 41' 

i") Ö li 1 g e w ä c h s e. 

Die vorzüglichsten sind: i) Mohn (papavcr somniferum). Er wird in mehreren 
Ländern Enropa's, insonderlieit in Frankreich^ den Niederlanden ^ in Deutschland ^ 
Ungern _, Siebenbi'wgen j im russischen Gouvernement Charkow j in der Tilrkey 
u. s. w. sehr stark gebauet. Das aus dem Mohnsamen gepresste Ühl wird in Frankreich 
nicht sehen mit Provencerölil vermischt. Auch wird dieser Same, mit Butter und Ho- 
nig vermengt, von einigen Nationen , l)esonders von den Slawen,, in den Mehlspeisen 
häufig genossen. Im Orient wird der Mohubau nicht sowohl zur Gewinnung des Sa- 
mens, als vielmehr desjenigen Saftes lietrieben, welcher aus den Köpfen, Stengeln 
und anderen Theilcn erhalten wird , und unter dem Nahmen Opium im Handel be- 
kannt ist. — 2) Rübsamen oder Rübsaat j, Raps (brassica napus) , dessen Anbau be- 
sonders in den Niederlanden , in Deutschland und Dänemark wichtig ist. Der be- 
ste ist der Brabnntische und Flandrische. Er wächst hier bis 4 Fuss hoch, und Avird 
meistens verpflanzt.' Das aus diesem Gewäciise bereitete Ühl ist zinn Speisen gesunder, 
und zum Bt-ennen vortheilhufler als Hanf- und Leinöhl. — 3) Sesam oder Kuntschuk 
(sesamum Orientale). Er wird seit 1801 in Russlands südlichen Provinzen in allen 
den Gouvernements gebauel, wo der Seidenbau etablirt ist. Sein Same ist so öhlreicli, 
dass aus einem Pud desselben bis 20 Pfand wohlschmeckendes und haltbares Ühl ge- 
wonnen werden. Ein kaiserlicher Befehl verordnete bloss dcnGelirauch des Sesamöhls 
bcy Hofe und auf allen kaiserlichen Tafeln cj. — 4) Sonnenblume (helianlhus an- 
nuus). Diese Pflanze wird vorzüglich in Frankreich und Deutschland j nahmentlich 
in der Pfalz^o/m^cn. Das daraus gewonnene Chi wird , so wie das Mohnöld, in jenem 
Lande nicht selten mit Provencerölil vermischt. 

a) Ilr. ('. Pf-'alberg und Hr. Vaimi haben im österreichischen Kaiserstaate gelungene Versuche 
gemacht , aus inländischen MohnpOanzen Opium zu gewinnen ; jener zu Luridenburg in 
Mäiiren , dieser zu Schmölnilz in Ungern. 

6) Nahmentlich in If^'üriemberg, JSassau , Braiinsclni>eig , in den hanöcer sehen Landen, in der 
preussischcn Provinz Sachsen und dein Regierungsbezirke Köln; dann in Osterveich unter der 
Enns j in B.'hmen , Mähren u. s. w. 

f) S. Storch's Russland unter Alexander I. III. Lieferung (Nov. Dec. i8o3). Vergl. c. IVich- 
manns Darstellung der russischen Monarchie. S. 84. 

§• 42. 
g) Arzeneykräuter. 

An ^rzeneykräutern sind die europäischen Gelnrge , insonderheit die Alpen , das 
lUesengebirge und die Karparthen sehr reich. Mit der Anpflanzung der Rhabarber 



q6 II. ürproduction. §. 45. Veiicliiedeue andere Fabriken- uiiJ Haudelskräuter. 

(ilieum midulalum , wie aucli rheum palmatum) hat man in verschiedenen Ländern 
Europa's, naluiicntlieh in Etigland j Deutschland aj j Dänemark hj _, Schweden cj 
und Giilicien dj ghickliche Versuche gemachl. Doch macht man der in Eiu-opa ge- 
zogenen Wurzel gcwöhnhch den Vorwurf, dass sie zum Ai'zeneygehrauche minder kraf- 
tig, als die Russische aus Sil)irien sey, welche letzlere wieder der Rhabarber, die im 
chinesischen Gouvernement Chensi wachst, nachgesetzt wird ej. — Süsshoh (gly- 
zirrhiza glabra et echinata), von dessen Wurzel ein heilsamer Gebrauch in den OflTici- 
nen, unter andern zur Verfertigung des sogenannten Lakritzen- oder Liquii'itzen- 
saftes gemacht wird*, ist in warmen Gegenden von Europa, besonders in Neapel fj_, 
Sicilien gj und Spanien einheimisch; es kommt alier auch im südlichen Russland ^ 
\\\ England _, Deiitscldand lij und Slavoiiien ganz gut fort; insonderheit dringt es 
sich in den AVäldern des letztem Landes mit üppiger Fülle auf-, auch ist das in Sjr- 
niien gewonnene Süssholz von vorzüglicher Güte; es ist besser, als selbst das be- 
rühmte Bambergische j das in Gärten gebauet wird. — Eschen (fraxinus ornus et 
rotundifolia) , deren Saft die eigentliche wahre Manna j eines der besten Purgirmiltel 
gibt, werden nirgends mit so grosser Sorgfalt gezogen, als in Calahrien , Apulien 
und Sicilien. Das Einsammeln müssen die Landlcute für einen sehr geringen Preis 
verrichten, und sie werden hart bestraft, wenn sie daliey einen Baum beschädigen , 
oder etwas von der Manna entwenden. — Speik (Valeriana cellica) findet mau auf den 
Alpen , besonders auf den hohen Alpen Stejermarks vmd Kürnthens. Er wird mit 
der Wurzel ausgegraben, in der Luft getrocknet, in Fässer gepackt, nach Triest ge- 
schickt, und von da weiter in die T'ilrkej j, bis nach Alexandria in Ägypten gebracht, 
von wo er bis nach Suez und noch weiter verschickt wird. ]\lan gebraiiclrt ihn in die- 
sen Ländern in den Bädern, als ein vorzüglich stärkendes Mittel, und als Rauchwerk 
gegen INläuse und Rallen. — Die Kamille (anthemis nobilis), welche in den europäi- 
schen Ländern grössten Theils wild wächst, aber hier und da, wie z. B. im Kirchen- 
Staate ^ in Preussisch-Schlesien und Sachsen auch durch Kunst gezogen wird. 

a) Zu Kefcrnthal in der Pfalz, zu Hanau, bey IVien. und um Soanenberg in Böhmen. 

b) Bey Koppeiihagen. 

c) Bey Slockholm. 

d) Auf der t//i/coi(.er Herrschal't. Die Rhabaiber-Planlarji^ zj jIA/A/ü//« ist eingegangen. S. Vaterl. 
Bläit. etc. 1810. Nr. 6. S. b-j. 

e) S. Neue Leipz. L. Z. 180g. St. io2. S. 1622, wo gesagt wird: Da die schlauen Chinesen 
uns nie den Samen der ächten Rhabarber zukommen iiessen : so kennen wir die wahre Rha- 
barberpflanze nicht. 

/) Neapel führte im J. 1771 für 110,000 Ducati Lakritzen aus. 

^) In Sicilien bereitet man jährlich 4000 Cantara \on diesem Safte, wovon 3ooo Cantara in's 

Ausland gehen. 
h) Nahmentlich um Bamberg und bey Poppilz in Mahren. S. Patriot. TageLI. i8o3. S. i328. 
1804. S. 18. 

§. 43- 

h) Verschiedene andere Fabriken- und Handelskräuter. 

Unter der übrigen Menge von Falniken- und Handelskräutcrn sind noch voii 
nicht geringer Erhcbliclikeit : i) der tlopfcn (luunuhis lupulus), dessen weibliche 



II. Urproductioii. ^. 44. ■Wal<lljäume oder Höh.. gy 

Fruclitzapfen wegen ihrer gewiirzliafien Bilierkcll das Bier angenehmer, dauerhaficr 
und gesunder machen. Er wird fast in allen Ländern des kalten und mittleren Land- 
striches unsers Erdtheils gehauet, hier und da auch wild angetroffen; nirgends aber 
zieht man ihn in grösserer Menge imd von vorzüglicherer Güte, als in England und 
Deutschland, in welchem letzteren Lande der geschätzteste in Böhmen aj_. Baiern bj 
\in(\. Braunscluveig ia\\i. — 2) Die Kardendistel (dipsacus fuUonum), deren Köpfe 
wegen ihrer gckciimmlen Maken zum Aufkratzen der wollenen und l)aumwollcncn 
Zeuge dienen, wird besonders in England , Frankreich j den Niederlanden und 
Deutschland gebauet. — 3) -Die Kali- und Sodäpßanze (sal sola kali et soda), wor- 
aus die zur Verfertigung des Spiegelglases , der berühmten venctianischen Seife und 
zu anderem Gebrauche nöthige Soda oder Soude (Aschensalz) bereitet wird, wächst 
am mittelländischen Meere wild , wird aber auch an mehreren Orten , besonders in 
Spanien j häufig durch Kunst gezogen. Die beste spanische Soda heisst bey denKauf- 
leuten Barille. Die von Alicante j wo jährlich fiir eine halbe Million Thaler verfer- 
tiget wird, geht allen übrigen vor. Sie geht zu vielen lausend Ccnmein in's Ausland. 
Auch in Sicilien werden jäbrllr.h an gojpuü Cauiara (= 225,000 Cenlner) Soda gewon- 
nen und ausgeführt. — 4) Das Sparto- oder I'edergras (stipa tenacissima), eine Art 
Binse , wächst besontiers in Spanien und Portugal auf sandigen Hügeln. Die faden- 
förmigen Blätter dieses Grases werden von den Spaniern nicht nur, wie die Binsen, zu 
Matten, Körben u. s.w. verarbeitet, solidem man spinnt sie auch wie Hanf, luid bereitet 
einige vierzig Arten von Arl)eiten daraus, grolje und feine, dem Nesselluch ähnliche 
Zeuge, und Seile und Taue, die fast nicht zu verwüsten sind. — 5) Das den Färbern 
wichtige Steinmoos (Orseille, orgilla) ist fast auf allen Bergrücken Spaniens und Por~ 
tugals verbreitet. — 6) Kanariengras (jihalaris canariensis) , dessen vornehmste Be- 
nutzung darin besteht, dass es die beste Nahrung für die beliebten Kanarienvögel gibt, 
wird in Deutschland j England _, vornehmlich aber im südlichen Europa häufig ge- 
bauet, und ein nicht unbeträchtlicher Handel damit getrieben. — y) Mit der Cultur 
der Seidenpflanze (asclepias syriaca) endlich, deren seidenartige Wolle mit Baum- 
wolle vermischt, ein sehr brauchbares Garn zu Strümpfen, Handschulien ü. s. av. 
gibt, hat man unter andern bey Liegnitz in Schlesien gelungene Versuche gemacht. 
Ln J. 1802 waren daselbst, nach Hi-n. Stein j 18 Morgen mit dieser Pflanze besetzt. 

a) A'^ornehinlich im Saalzer- und Biinzlauerkreise , dann um Ansehe im Lcutnierilzerkreise und 
in den Egerthälern des Ellnij02;nerkreisps. 

b) Besonders der IIopTcn von Spalt und Langenzenn. 

§• 44- 

W a 1 d b ä u m c oder H o 1 1. 

Die W(ddbäume sind entweder Laubholz „ welche ordentliche Blätter haben, 
die sie im Herbste verlieren, oder Nadelholz (Tangelholz) , welche nadeiförmige Blät- 
ter tragen, die sie etwa nach drey Jahren wechseln, den Lerchenbaum ausgenommen, 
welcher, wie die Laubholzcr, alle Bläiler im Herbste verliert. Auch ist den Nadelhöl- 
zern allein der harzige Saft eigen, wclclicn man auf mannigfaltige Art zu benutzen 
weiss. Zu deu Laubhölzern gehören hauptsächlich in Europa: die Eiche (qucrcii.s) , 



58 11. Urproducüon^ §. 44. Waldbäume oder IIoli. 

die Buche (fagus) , die Bii'ke (bctuJa), die Ei^le (alnus) , die Ulme oder Ru^tCT (ul- 
rm\s) , A\c Esclie (iVaxinus) , die Zwf/e (lilia) , Aev Aliorii (acer), die Pappel (popu- 
lus) und die ff'eide (salix) ; zu den Nadelliölzei-n : die Tanne (pinus picea), die I'^c/tCe 
oder Rothtanne (pinus abies), die Kiefer oder Föhre (pinus sylveslris), der Lei^- 
chenbauin (pinus larix), der Eibenbauin (laxus baccata, vmgriscli Tissa faa, polnisch 
Cis) und die Cjpresse (cupressus). Nordasien und Nordamerika haben eigene mid 
veiwandte , aus welchen die evu'opäischen Waldungen bereichert werden können, 
luid zimi Theil schon bereichert worden sind; die wärmeren Gegenden wieder an- 
dere und sehr kostbare Holzarten , die in den europäischen Färbereyen und andern 
Gewerbsanslallcn gc])raucht werden aj. 

Die Wälder liefern: i) Holz j imdzwar: o) Bi'ennholz zur Feuerung und ztun 
Kochen ;y6) JS'utzJiolz _, für Wagner, Böttcher und Drechsler; y) llschterholz zum 
feinern Hausgerälhe; by Bauholz zum Häuser-, Schiff- und Wasserbau; 2) Kohlen 
durch die \erkohlung in Meilern; 3) Pottasche diuxh's Verbrennen; 4) Harz von 
den Nadelhölzern , aus denen es von selbst oder durch Einschnitte dringt, woraus 
bej" verschiedener Behandlung Pech j Kienruss j Theer j Terpenthin und Colopho- 
niuni bereitet \\ird. jMaicrialien zum Färben und Gärben liefern einige Waldbäume bj 
und wilde Gesträuche. Auch die Nadeln und Blätter selljst, so wie die Eckern (Bu- 
chein und Eicheln cj zu Schweinemast, die ersteren auch zu ühl) und die Tannen- 
zapfen werden benutzt. Der ebenfalls zu den Forstproducten gehörige Fe« e/\yc/nr«/?i/;i 
(Ijoletus igniarius) ist eine Schmarotzerpflanze auf alten , hinfälligen Bäumen. 

Da das Holz nicht nur zu den unentliehrlichen Erhaltungsmitteln misercr pliysl- 
schen ILxislenz gehört, sondern auch fast fiir alle Gewerbe ein dringendes Bediirliiiss 
ist: so ist es für ein Land überaus wichtig, wenn es mit diesem so gemeinnützigen 
Producle hinlänglich versehen ist. Noch sind zwar die ^\ a\d\\n^cn in Europa ^ ]ic- 
sondcrs in dessen nördlichen, östlichen und mittleren Ländern dj sehr beträchllicli, 
uiid liefern für manchen Staat den Fond zu einer jährlichen Holzausführe ^ on aufi'al- 
lender Wichtigkeit ej. Aber e]}en die Grösse dieser Ausfidirc, ingleichen die hier und 
da zu weit getriebene l.Ir])armachung der Waldungen , Avoran mit der Zeit die mei- 
sten Gewerbe alistcrljeii Averden^^, und der durcJi die verschwendeiische Feuciung, 
wo nach den Angaben des Hin. Grafen v. Ruinford noch immer |- der Hiize ungenutzt 
verliiegcn gj , so wie durch Bevölkerung, Luxus imd Fabriken, durch Berg-, Wein-, 
Sciiiif- und Wasserbau gestiegene ^^erbrauch haben die europidscheny^ ■Ad\\i\ü,en bis- 
her immer mehr verdünnet. Auch fehlet es so mancliem Lande, selbst bis auf den 
heutigen Tag, an einer allgemeinen Forslcrdnung hj , die der willkührlichen Abhol- 
zung manches , nur auf zeitigen Gewinn bedachten Eigenthümers zum allgemeinen 
Besten Schranken setzte; oder sie wird in denjenigen Ländern, wo sie wirklich ein- 
geführt ist, nicht immer imd allenlhallien mit der gehörigen Strenge gehandhabet. in 
den meisten Ländern dauern daher die Miss])räuche und ""ierwüstimgen ij fort, wo- 
diu'ch manche Theile der selbst holzreichen I^änder ilucs eheinaliHgen Ubciflusses 
fisi ganz beraubet wurden, imd mit einem schrecldiclien Älangel bedrohet werden ; 
andere Länder diesen schon jetzt empfinden kj. Hierzu kommt noch die nicht scliene 
Unziigänglichkeit zu ülieraus dichten Holzungen in gebirgigen Gegenden , die um 



II. ürproduclion. §. 4/,. Waldl.aumc oder HoU. gg 

ehen dieser Unzugänglichkeit und des liier und da bestehenden Mangels einer leich- 
ten Conimunicalion willen gar niclii benutzt werden können, so, dass die Bäume vor 
Alter umfallen und vermodern. Auf den Hochwaldungen vieler cinzehieu Gebirge der 
Schweiz ruhet sogar ein ewiger Bann, weil sie wegen der zu befürchtenden Lawinen 
und Bergfälle nicht weggehauen werden dürfen. Erwäget man nun alle diese Um- 
stände , Hindernisse und Gebrechen : so lässt es sich wohl erklären , warum der Holz- 
mangel oder die Thcurimg dieses Artikels in sehr vielen Ländern zu einem so driickcn- 
den Verhältnisse habe steigen können, und zwar um so mehr steigen musste, da un- 
ter allen Naturproducten es keines gibt, welches so gemeinnützig imd allgcbrauclu als 
das Holz wäre, und das zugleich so langsam wie dieses, uns in die Hände wüchse. 

Erfretilich ist daher dem beobachtenden Menschenfreunde die Sorgfalt mehrerer 
Regierungen und Vaterlandsfreundc fiir die Cultur imd Erhaltung der Wälder, durch 
Erlassung zweckmässiger Waldordnungen, Errichtung thätiger Waldämter (Inspccto- 
rate) vuid durch Beförderung des Studiums der Forstkunde mittelst eigener Forstin- 
stituie und fursiwissenschaftlicher \orlesnngen an Universitäten und Akademien Ij ; 
für Anpflanzung iiordamerikiinischer _, geschwinder wachsenden Holzarten inj; für 
Feststellung des Flugsandes durch ^Valdplantagen5 für Auffindung uiul allgemeineren 
Gebrauch neuer Ersatzmittel des Holzes; fiir Ausrottung der Borkenkäfer, dieser ^Väl- 
der verwüstenden Inseclen; für das Anlegen lebender Zäime j fiir die Setzung der 
Bäume an den Strassen und Ufern der Flüsse u. s. w. 

fl) Als: (las Brasilien- oder Fernambukholz in Brasilien, Jamaika uni} Carolina, zur Bereitunff 
rother Farbe und Tinte dienlich; das Campecheholz , am häufigsten bey Campeche auf diT 
Halbinsel Yucalan in Neuspanien, mit einem blutrothen Kern, nicht nur zu einem achten 
Purpur, sondern auch zur Verfertigung der feinsten schwarzen und vic'?tWauen Farbe brauch- 
bar, dieser letzten Eigenschaft wegen auch Blauholz genannt; das rothe Sandelholz, auf 
Ceylon und in einigen Gegenden d<'s festen Landes von Ostindien befindlich ; das Mahaqony- 
holz, besonders nu{ Jamaika in Westindien und im südlichen Amerika einheimisch, wegen 
■der vortrefflichen Politur, die es bey seiner braunrothen Farbe, Feinheit und Härte an- 
nimmt, vornehmlich zu Möbeln und mancherley Kunstarbeiten brauchbar; das Ebenholz, 
vorzüglich schön in Afrika, mit einem pechschwarzen Kern; die Tischler brauchen es mei- 
stens zum Fourniercn, d. i. allerlcy Hausgerälh \on schlechterem Holze damit zu belegen 
und auszuschmücken; endlich das für den Schiffbau wichtige Theak- oder Tikholz, welches 
die Brillen von der Küste Malabar hohlen. 
l>) Die Eiche z. li. liefert die Galläpfel-, d. i. Auswüchse, die an den Zweigen und Blalternder 
Eiche durch den Stich der Gallfliege oder Gallivespe (cynips quere, petioli oder cynlps quere, 
folii) entstehen. Sic sind zur Färberey und zur Bereitung der schwarzen Tinte unentbehrlich. 
Die besten erhält man aus Ungern und der Lei>nnle. Die Puischgallüpfel sind von geringerer 
Güte. Man erhält sie aus Frankreich und Deutschland. — Die von der Knoppergalifliegc 
(cynips quere, caücis) an den Eicheln verursachten Auswüchse heissen eigentlich Kaoppera 
• und sind ein xorziigliches GUrhematerial. Die Lecanllschen haben den Vorzug \ot andern ; 
doch schätzt man auch d'te Unqrischen., von denen in gewöhnlichen Jahren über 200,000 Me- 
tzen ausgeführt werden. — Die Rinde der nur im südlichen Europa gedeihenden Korkeiche 
(quercus suber) gibt das Kork- oder Pantnflelholz , womit Spanien allein mehr als einen Erd- 
theil versorgen kann. Bordeaux in Frankreich treibt ebenfalls damit einen beträclitlichen Han- 
del. Es dienet zu Stöpseln , Fischnetzen , Rosenkränzen u. s. w. Dessgleichen bereitet man 
aus dem verbrannten Kork eine sehr feine, schwarze Farbe, Spanischsc.'in^arz gimannt. 



30 II. Urproilucliini. §. ^4. Waldbaiime oücr IIulz. 

c) In Sardinien backt man aus den Eicheln ilcr grünen Eiche (tjuercus ilex) , von den Sarden 
Elighe genannt , Brot , und in Italien und Spanien werden die Früchte der süssen Eiche 
(quercus csculus) , wie Kastanien gegessen. 

dy Das südliche und mittlere Russlatid hat zwar im Ganzen wenig grosse Wälder ; den gröss- 
ten Waldvorrath haben in diesen Strichen das Königreich Polen (wo die Plock'schen Forste 
und die grosse Ostrolenkische Wildniss) , und die Gegenden an der Ocka , je mehr sie sich 
der Wolga nähern. Hier ist der grosse Pf^olchonskischeyVald ■, (\i;r sich \on Pf^jäsma im Gou- 
vernement S/nolensk fast ununterbrochen bis gegen Moskau 35o Werste fortzieht. Hingegen 
der nördliche Landstrich enthält fast •undurchdringliche Wälder. An der obern Pe/ic/io/'a 
und liama gegen das Uralgehirge und gegen die Dwina ist fast alles Wald. Nordsibirien ist 
unermesslich reich an Wäldern. Doch sind gerade diese Gegenden die volksleeresten , und 
so hat der grosse Holzvorrath für Russland selbst wenig Nutzen. Der Flächeninhalt der 
Kronwaldungcn allein betrug im J. 1806 über 108 Mill. Dessjülinen. S. IVichniann a. a. O. 
S. 46 — 5o. — Von den 24 Statthalterschaften des Königreichs Schweden enthalten allein die 
i5 holzreichsten 2400 scliw edische = 4g2o gcogr. QM. , oder 45 Alill. Tonnen Landes 
Waldungen (91417 Tonnen Landes auf 1 geogr. i)M. gerechnet); aber die Natur zerstört die 
Schätze , welche sie in diesen Wildnissen jährlich hervorbringt , grössten Theils wieder 
fruchtlos. S. Crome a. a. O. S. i2o ff. — Norwegens Westseite ist vvenig bewaldet, fast ganz 
entblösst; im Innern des Landes aber finden sich noch weit ausgedehnte dichte Waldstre- 
cken. — In der österreichischen Monarchie nehmen die Waldungen mehr als ein Drittel der 
ganzen nutzbaren Oberiläche, oder über 53, 176, 000 Joche ein. — In Ungern, Slaconien 
und Croalien allein betragen die Waldungen 11,101,208 Joch, wozu noch die banatische , 
slaconische und croatische Militärgränze kommt. In Siebenbürgen wird der Flächeninhalt der 
Waldungen auf 4,482,000 Joch berechnet; in GaA'riVn auf 5,785,208 ; in iJö7i«ie« auf 2,3io,o26 
Joch; im Erzherzoglhume Österreich auf 1,580,999 Joch; in 6"'/ e^'f^rmar/i: auf 1,507,2 14 Joch ; 
in Mähren auf 8g5j422 Joch u. s. w. — In der preussischen Monarchie verhält sich der 
Raum der gesammten Waldfläche zum Ganzen, nach Voigtel, wie 1:6; nach PJ'ell nimmt 
er 18 Mill. Morgen ä 180 Quadratruthen ein; bloss von den abfallenden Kienäpfeln, die in 
den preussischen Waldungen verfaulen, könnten, nach Ebendemselben, 110,000 Menschen 
ihr wirkliches Brennliolzbcdürfniss befriedigen. S. Götting. gel. Anz. 1817. St. i43. S. 1419 ff. 
Die Johannisburgerheide (benannt \ on dem Städtchen Johannisburg im südöstlichen Theile 
von Oslpreussen) , ist ein über i2 Meilen langer Wald, und gränzt nahe an die Wildniss 
von P«/i;;s/c und Ostrolenka. — Von Deutschlands Oberfläche ist, nach Hock, noch jetzt 
beynahe der dritte Theil , und zwar der östliche Theil in der Regel mit Nadelholz, der 
westliche aber mit Laubholz bedeckt. Der mehreren Gebirge vvegen ist das südliche und 
mittlere Deutschland holzreicher als das nördliche. 

e) Russland z. B. schiffte im J. 1793 aus allen seinen Häfen (mit Ausschluss deren am caspi- 
schen Meere) Masten, Balken, Breier und allerley Holz an Werth von i,744i2o8 Rubel 
aus. S. Storch's Statistische Übersicht des russischen Reichs. Riga, 1795. S. 124. Ini Jahre 
i8o3 betrug die Bauholzausfuhre, nach Kajfka , 2,000,000 Rubel. — Die Holzausfuhre 
Schwedens beträgt im Durchschnitte jährlich 57,000 Balken, 23, 000 Sparren, 176,000 Breier 
und Latten, bey der Abladung werlh 900,000 Banko-Thaler. S. Crome a. a. O. S. i2i. — 
Norwegen führte im J. 1799 für i,25o,ooo Rthlr. , 1802 sogar für 5, 000, 000 Rthlr. Balken 
undBrcter, auch Masten, nach Dänemark, den Herzogthüniern Schlcsnig und Holstein, - 
vornehmlich aber nach England aus. S. Niemanns Forststatistik der dänischen Staaten. 
Mit drey sfatistischen Tabellen. Altona, 1809. Durch den Bretcrhandel haben mehrere nor- 
wegische Häuser bedeutende Reichthümer erworben. Unter andern hintcrliess der Kammer- 
herr Berndt Anker, durch diesen Handel in kurzer Zeit bereichert , trotz seines grossen Auf- 
wandes , nach seinem Tode noch ein Vermögen von mehr als anderthalb Millionen däu. 



11. UrproJuctiou. ^. 44, Wüldbäurac oder Hulx. joi 

-Tlialer. S. Monathl. Correspondenz zur Beförderung der Erd- und llimnielskunde. ibio. 
Jul. S. 75. — Auf der £/6e wurde im Sommer 1792 für 5, 400,000 Rlldr. Scluffsbauholz 
nach Hamhurg hinabgeflösst. S. Schlozer's ßrieivv. Heft 5g. S. 327. Und auf dem Rheine er- 
hielten die Hollander im J. 1780, ohne das, was von der Mosel dazu kam, über 6^ Mill. 
Gulden an Schiffs- und Hausbauholz. S. Slaatsanzeigen. Helt 1. S. 19. 
/) An der >vesllichen Seite Norwegens sind desshalb die Salzsiedereyen , Eisen- und andere 
Hüttenwerke unmöglich geworden, so wie auf der Insel Elba die \erarbeitung des Eisens. 
S. Götting. gel. Anz. 1810. St. 101. S. ioo4 u. 1808. St. 189. S. 1884. Eben so steht in der 
Gömörer Gespannschalt in Ungern mancher Eisenhammer aus Mangel an Holz und Kuhlen 
zum Theil stille. S. f. ScIuvaHnev a. a. O. S. 32 1. 
g) S. Grellnaniis Historisch-statistisches Handbuch von Deutschland. Gottingen, 1801. S. gi. 
h) Wie z. B. dem Königreiche Norwegen. S. H. A. L. Z. i8n. Nr. 2o5. S. 6go. — Als mau 
auf dem uiigrisc/ien Reichstage vomJ. 1802 darauf antrug , eine zweckmassige Waldordnung 
einzuführen, um dadurch dem drohenden Holzmangel vorzubeugen, behauptelen viele: ,,es 
wäre diess eine Einschränkung des adelichen Vorrechts; libere Uli et Jrui , und Niemand 
könne den ungrisclien Edelmann hindern , wenn er auch auf einmal den ganzen Wald aus- 
hauen Hesse." S. Magazin für Geschichte , Statistik und Staatsrecht der österr. Monarchie. 
Bd. 1. S. 99. Erst durch den Art. 2i. 1807 wurde dem möglichen Eigensinne, und der 
Verschwendung mancher Wald-Gomposscssoren , und der Vorwüstung der Wälder über- 
haupt, \ orgebeugt. 
i) In Norwegen sind die Eiclien , wegen des willkürlichen Hauens , fast aufgerieben; jetzt sieht 
man sie nur in den Grafschaften Lauerwig und Jarlsberg , und im Stifte Christiansand. S. 
Götting. gel. Anz. 1810. St. 101. S. ioo5. — Von dem verschwenderischen Verfaliren mit 
den Waldungen in Schweden s. ßüsching's Erdbeschreibung. Till. 1. S. 5o8 ff. — Über die 
Forstsünden in Russland s. Slorch's Slatislischcs Gemälilde des russischen Reichs. Bd. 2. S. 
248 ff. Vergl. AUgem. geogr. Ephem. Bd. 28. S. 5oi. — In den Herzogthümern Schleswig 
und Holstein müssen die jetzigen Einwohner die Forstscandale ihrer Vorfahren büssen. S. 
Götting. gel. Anz. i8io. St. 101. S. 1006. ff. — In Islands südlichem Tlieile beschleunigt 
regelloses Kohlenbrennen /den Untergang der Wälder. S. Niemann's Forstslalistik a. a. O. 
Tafel III. — Über das Wüsten in deulsc/ien Waldungen finden sich in dem Journal für das 
Forst- und Jagdwesen (Leipz. 1790. 8.) an verschiedenen Stellen, vornehmlich im zweyten 
Bande, sehr belierzigenswerthe Nachrichten. — Die Geschichte der Forstwissenschaft in 
Frankreich liefert Hr. Perthais in der Einleitung seines Werkes: Tratte de l'anienagenient 
et de la reslauralion de bois et forcts de la France. Während der Revolution hat sie ganz 
aufgehört. — Von dem schlechten Zustande der Wälder in Ungern s. Vaterland. Blatter etc. 
1810. Nr. 12. S. i2o. — In der Bukowina wurden, Hrn. Rohrer zu Folge, binnen 5 Jah- 
ren, \on 1795 — 1800, 1,310,714 Wienerklaiter in Pottasche verwandelt , so, dass die Re- 
gierung dieser Holz\erschvvendung Einhalt zu thun genöthiget war. — Die Staatsaufsicht 
auf die Waldungen und Forste ist unverkennbar nützlich ; es ist daher in der Tnal auflal- 
lend , wie es Hrn. Hazzi in seinem Werke: „Die ächten Ansichten der If^aldun^en und For- 
ste" ciniallcn konnte, das Zweckwidrige und Ungerechte des Forstreyals oder der Forst- 
polizey zu beweisen. S. Götting. gel. Anz. i8o5. St. i56 und 157. 
k) England und ein Theil von Dänemark haben jetzt wenig Holz. Die Westseite dca ilerzog- 
thums Schleswig ist ganz bauinleer, und die Mitte desselben ist meistens entblösst. Die In- 
sel Aniak hat weder Holz noch Torf Die am Meere liegenden Gegenden der Niederlande 
sind ganz ohne Holz, und was dort zu Schiffe eingeführt wird, verkauft man grossen Theils 
nach dem Gewichte. — Eben so emplindeii manche vormals hewahlele Gegenden Deutsch- 
lands jetzt Holzmangel. Die Marschländer an der Nordsee und Elbe sind ganz ohne Holz. 
— Frankreich erzeugt bey einem, mit 8,000,000 Morgen (arpen.-.) Waldungen bewaclisenen 



J02 ir. Urfroduction §. 45. Viehzucht. 

Frachenraiimo im Durcbsclinitte jährlich 5,333,320 Klafter Holz , und vorbraucht im Gan- 
zen ungefähr io,35o,ooo (Patis allein 3oo,ooo) Klafter, woraus, verglichen mit der Erzeu- 
gung, ein Deficit von 5, 016, 680 Kl. sich ergibt. S. Ergänzungsbl. zur H. A. L. Z. 1810, 
Nr. 66. S. 527 ff. — In dem russischen Gouvernement Jekalerinoslaii> gibt es unermessliche 
holzleere Ebenen, und im obern Lilt hauen ist die Holznoth so gross, dass der Bauer, wenn 
er bey dem Hufschmiede et\vas gemacht haben will , die Kohlen dazu mitbringen muss. 
S. Götting. gel. Aiiz. i8i2. St. Sg. S. 386. — In diesen und andern Ländern, wo Holz- 
mangel ist, brennt man ent\veder Torf oder Steinkohlen j oder Stroh und Stoppeln; auf 
Amak braucht man die Kohlstr'änke zur Feuerung; in England und Frankreich ausser Stein- 
kohlen und Torf den slachlichlen Ginster (ulex eiiropaeus), und in Holland die Sumpjheide 
(erica tetralix) , wo auf das Anzünden derselben — welches Privatleute zur Reinigung des 
Bodens, um bessere Producte darauf zu erziehen, wohl thun möchten — die Strafe des 
Staubbesens steht. S. Funke's Naturgeschichte etc. Bd. 2. S. i52. — In der Schtfeiz , und 
zwar im Urselcr Thale und auf dem St. Gotthardsberge brennet man die Alpenrose (rosa al- 
pina) , das rhododendron glabrum et cello^um und andere Pflanzen; im Lande unter der 
Eons, und zwar im Marchfelde , dann in Schlesiens Fürstenthume Breslau Stroh und Di- 
steln , im letzteren Lande auch Kartoffelstauden. Auf Hiddensee bey Rügen braucht man, 
so wie in Bessarabien , zur Feuerung getrockneten Kuhmist; in der Schweiz, und zwar im 
Graubündtnerisclicn Thale Afers , gedörrten Schafdünger ; in der schwedischen Provinz 
Schonen hin und wieder ausser Stroh auch Rasen und getrockneten Kuhdänger ; in Ungern 
ausser Stroh und Rlndvichmist auch Rohr, Hanf- und KukurutT,si enget und körnerlecrc Kol- 
ben. — Auf Island brennet man auch Fischgrälen , und in Apulien am Ufer des Meeres zwi- 
schen Manfredonia und Barletta , braten die Fischer ihre Fische bey dürrem Bi'iffhlkothe. — 
Vom Treibholze (FöhTcn- ., Tannen- und Lerchenstämmen), welches die nordischen Meere 
an die Gestade von Noit^aja-Senilja (Nova Zembla) , Spitzbergen , Grönland u. s. w. werfen, 
und diese unglücklichen Gegenden, wo kein einziger Baum wächst, mit Holz zum Bren- 
nen und Bauen versehen, empfangen auch Irland j Schottland , die Hebriden , die Orkney's 
und schettländi^chen Inseln, so wie Nonuegen, Island und die Färöer ihren reichlichen Antheil. 
l) S. Z\veyte Abtheilung : Unterrichtsanslalten. 

m) Merkwürdig und einzig sind die Plantationen erotischer Holzarten zu Eisgrub , Feldsberg 
und Rabenshurg in der österreichischen Monarchie, vornehmlich das Werk der Befehle des 
im J. i8o5 mit Tode abgegangenen Fürsten Aloys von Liechtenstein. Drevzehn Millionen 
nordamerikanischer Waldhölzer , die die unsrigen an schnellem Wüchse weit übertreffen , 
haben jene Pflanzungen aus Samen gezogen und glücklich naluralisirt. Auch zu Dotis , Ga- 
tendorf. Brück an der Leytha , Urmeny , Koosze und in anderen Gegenden des österreichi- 
schen Kaiserstaates sind reiche Pflanzungen ausländischer Bäume , die sich aus jenen gros- 
sen Gärten immer mehr verbreiten. 

b) N a t u r p r o d u c t c aus dem T h i e r r e i c h e. 

V i c h z u c h ;. 

Im cng.ston Sinne vcr.stcht mau unter fie/i niiv das OcJisengeschlecht ; im weilen 
Sinne übcrliaiipt alle Arten von luttzbarcu zahmen Tliiercn. Die f^iehziicht ist also 
nach der Landesart sehr vcrscltiedcn, und ])cgrcift in Europa eben sowohl Retinthie- 
re , Kamehle luul Hunde j als Pferde ^ Esel nnd Maiilthiere j, Ochsen und BilßeL , 
Schafe^ Ziegen j Schweine und Kiininchen , auch zahmes Fedeivieh aller Ait. Sic 
ist eines der aiisyebreitclstcn Naiirungsj^ewerhe der .Menschon und noch unenlbchrli- 



II. Urproduction. $. 45 Viehzucht. 103 

eher als der Ackerbau. SeUjst in Europa^ sowohl im nördlichsten Thcile desselben, 
als in andern sehr gebirgigen Ländern, leben die Menschen ohne Ackerbau, bloss von 
der Viehzucht, Jagd und Fischereyj der Ackerbau kann dagegen nicht ohne Vieh- 
zucht bestehen. Wenn beyde in einem Staate mit gehöriger Kenntniss und möglich- 
stem Fleisse getrieben werden, und in gehörigem Verhältnisse zu einander stehen: so 
gewähren sie den Einwohnern ein sicheres Auskommen , und sind die eigentliche 
Grundlage der Bevölkerung und Macht eines Staates, so wie die Quelle vieler Manu- 
facturen und mancher einträglicher Handelszweige. Die Staaten, die ihren \Yohlsland 
auf Viebzucht luid Acker])au griuiden, haben immer mehr innere Kraft, als die, wel- 
che denselben vom Handel ,mid Fabriküeiss abhängig machen. Jene haben die Quelle 
ihres Wohlstandes innerhalb ihrer Landesgränzen, diese nicht selten ausser densel- 
ben, und ebendcsshalb ist die Existenz ihrer, vom Kunstfleisse und Handel lebenden 
Einwohner desto prccärer und unsicherer, je leichter hier das Interesse der Nach- 
barn cüllidiri. 

Ackerbau und ^iehzitcht müssen aber im gehörigen N eihiütnissc zu einander ste- 
hen, wenn sie einem T^ande recKt nüizlich -vvoi-de sollen. Ohne die letztere wird jene 
nur künnnerlich betrieben j zweckmässig vereinigt, werden beyde erst recht gewinn- 
reich fiir ein Land. Doch gibt es mehrere Gebirgsstrecken in Europa, nahmentlich in 
der Schweiz j in Savnjen j Tjrol ^ in den Pyrenäen ^ in Lappland u. s. w. , die kei- 
nen Ackerbau gestatten, deren grasreiches Berg- mid Thalgelände nur zur Viehzuchl 
benutzt werden kann, deren Einwohner daher sich auch aus schlics send von den Pro- 
ducten der letzteren nähren aj. Dagegen wird in Ungern^ in der Moldau j TVala- 
chej und in andern , zum Ackerbau geeigneten Ländern die Viehzucht zum Nachtheil 
des Ackerbaues gelrieben; uniibersehbare Heerden weiden dort auf ungeheuren Pusz- 
ten und verzehren die iippige Grasfulle , welche die wohlthälige Natur ohne Zuthun 
des Menschen wachsen lässt. Diese Benutzungsart des Bodens gewährt zwar dem Ei- 
genthümer grosse und zugleich sehr l)erjueme Einkünfte, aber sie ist unstreiti" nicht 
die beste, indem dieselbe Puszte el)cn so gut zum Ackerbau geeignet wäre, und der 
Eigenthüjner des Weideplatzes, anstatt aus dem Anbau desselben und der Viehzucht 
zugleich Vorlheile zu ziehen, bloss das liebe ^ ich das ganze Product des Bodens ver- 
zehren lässt. Eben dassellje ündet Stall in Spanien _, HochscJiottland und Irland _, 
wo die Schafheerden durch grosse Gebiete hin und her getrieben werden, und den 
Ackerbauern so viel Land durch Schaftriflen entzogen wird^ dass in den beyden letztem 
Ländern starke Auswanderimgen nach Nordamerika veranlasst wurden, und selbst am 
Kaukasus sich eine Golonie von Schottländern nicderliess bj. 

Obschon also die Viehzucht die slärkeste Stütze des Ackerbaues ist, so ist doch 
die, auf Kosten des lelzlerenbclriebene Viehzucht ein unverkennbarer Beweis gerin"-er 
Landescultur, so wie im Gegenlheile jenes Land, wo die 'N'iehzucht mii dem Acker- 
baue gleichen Schritt hält, oder wohl gar durch diesen verhältnissmässig eingeschrän- 
ket wird, in der Cultur des Bodens fortgeschritten ist. Ein solches Land macht nicht 
die Vermehrung seiner Haerden zum Hniptzwecke seiner landwirlhschafilichen In- 
dustrie, sondern setzt die grösste Kunst dersell)en in die f^eredelung ^e&Y'ielics , 
wodurch es in den Stand gesetzt wird, den grösstmöghchsicn Niuen davon zu ziehen. 



lO/i II Urprotlnction. §. 46. Pferdcgeschlecht, 

Die Verbesseiimg des Vielistaudes Iiängt aber ab : von sorgfältiger Auswahl des Zucht- 
viehes, von reichlichem und gutem Futter durch künstlichen Fulterbau, d. i. durch 
Anpflanzung allerley nahrhafter Gewächse, welche die Natur nicht von selbst her- 
vorbringt, und von einer der Natur des Viehes gemässcn Behandlungsart, deren 
rwcy wesentliche Stücke : Ordnung und Reinlichkeit sind. Durch flcissige und ge- 
schickte Anwendung dieser Grundsätze zeichnen sich die Holländer _, die Schweizer , 
die Deutschen j vornehuüichaber die Engländer aus, die auf Verbesserung ihres Vieh- 
standes mit anderen Racen ungeheure Kosten verwenden, ihre eigenen Racen bey 
ihren Vorzügen zu erhalten wissen, und insonderheit in der Art das Mastvieh zu be- 
handeln, alle Europäer überirefFen. 

a) Nach Ebel's Angabc befinden sich allein unter den 6 — 7 Mill. Seelen starken Alpenvölkern 
wenigstens 1^ Mill. , welche bloss Hirtenvölker sind, und sich ausschliessend mit der Al- 
penwirthschaCt und Viehzucht beschäftigen. 

b) S. Bredoit-'s Chronik des 19. Jahrb. Bd. 1. S. 43o. 2. Aufl. und Jahrg. 1804. S. 43i. 

i) Säugethiere. 

§.46. 
P f e r d e g c s c h 1 e c h t. 

Zu dem Pferdegeschlechte gehören die eigentlichen Pferde j die Esel j Maul- 
thiere und Maulesel. Das Pferd (equus caballus) emplicbk sich luiter den Säugethic- 
ren nicht nur durch schönen Körperbau, sondern auch durch Stärke, Schnelligkeit 
und kriegerischen Muth, und ist, dieser Eigenschaften wegen, für einen Staat in öko- 
nomischer, commercieller und militärischer Hinsicht von grosser Wichtigkeit. Es ist 
heut zu Tage meist in allen Ländern Europas weit zahlreicher voi'handen, als noch 
vor hundert oder zweyhundert Jahren, da das Verhältniss der Sitten, der Gewerbe, 
und grosse stehende Armeen, den Gebrauch desselljen noch nicht wie in luiscren Zei- 
ten so sehr vervielfältigt aj , auch die eigene Zucht dieser Thierc, zugleich nüt dem 
vermehrten Gebrauche, wo nicht in allen, doch in den meisten Ländern unsers Erd- 
theils einen angemessenen Schritt gehalten hatte. Von sehr vielen europäischen Re- 
giei'ungen, ja selbst von mehreren Privatpersonen, werden übcrdicss, mittelst der 
Gestüte j die sorgfälligsten Veranstaltungen unterhalten, um durch ausgesuchte Be- 
schäler sic,^ einer guten Nachzucht zu versichern. 

Die berühmtesten Pferde in der Welt sind die arabischen j deren Geschlcchts- 
rcister mit grösster Sorgfalt bewahret werden. Durch diese, so wie durch afriktini- 
scliCj oder Pferde aus der sogenannten Berherej _, die den nächsten Rang nach jenen 
haben, sind die europäischen Stutereycn verbessert worden. Die besten europäischen 
Pferde flillen in Spanien bj ^ England cj j in einigen Gegenden Fr^anh'eichs dj imd 
Italiens ej j in Dänemark fj j Deutschland gj j Friesland hj j, Ostpreussen ijj der 
Ukraine oder Kleinrussland ^ Polen j, Galizieiij der Bukowina j Ungern (dem er- 
sten Vatcrlande aller europäischen Husaren), Siebenhihgeuj der Moldau j Wala- 
chey j Tliracien und anderen osmanischen Provinzen kj. Die meisten dieser Länder 
haben zugleich eine so beträchtliche Pferdezucht, dass sie auch andern Ländern viele 



II. Urprodiiction, §. 4(>. PferJegeschlecIit. 106 

Lraiicliljare Pferde üLerlasscn , so wie aucli die Sc/nveiz jalirlicli fiir 5oo,ooo fl. mei- 
stens schwere Pferde ausfuhrt. 

Der Esel (asinus) , dessen hchebte^te Nahrung die Distehi sind, gedeiht in den 
si'idlichen Landern Europas ungleich besser, als in den nördlichen , wird daher in 
jenen weil häufiger, als ein durch Lasttragen sehr nützliches Havislhier gehalten. Die 
spanischen und mailändischen Esel werden für die schönsten gehalten, denen die 
piemontesischen und neapolitanischen folgen. — Aus der Yerniischung des Escl- 
hengstes mit der Pferdestule entsteht das Mnulthier (luulus) , so wie aus der Begat- 
tung des Pferdehengstes mit der Eselinn der Maulesel (hinnus). Beyde sind also Ba- 
starde, werden aber in Italien ^ Portugal ^ Spanien j, so wie in dem nordwestlichen 
imd südlichen FrankreicJi so allgemein gezogen, dass die Pferdezucht darüber ver- 
fallen ist, und zum Ziehen, Tragen, Reiten, Fahren, und überhaupt so allgemein zu 
allen Arbeiten gebraucht , wie bey uns das Pferd. Sie tragen Bürden von 4 — 5 Ctr. , 
gehen in bergigten xuid klippigen Gegenden sicherer, und kommen weit besser fort, 
als das Pferd IJ , können auch 20 — jo Jahre dienen, und sind den Schwachheiten der 
Pferde nicht unterworfen. Es ist daher auflidlend, dass man sich in andern Ländern 
Europa's mit der Zucht dieser nützlichen Thiere so wenig beschäftigt. Nur in der 
Schweiz j vornehmlich in dem Canton Tessin j werden sie noch häuüg gezogen. In 
dem südlichen Tjrol _, in Fiianl und anderen Gegenden Europa's ist die Zucht die- 
ser Thiere von geringem Belange. Die schönsten und stärksten Maulthiere mid INIaul- 
cscl sind die französischen ^ vorzüglich aus dem Departement der hejden Sevres. 
Sie werden in Spanien imd Italien sehr gesucht. Frankreich gewinnt durch seine 
jährliche Ausfuhre von 16,400 Maulthieren und Mauleseln nach jenen Ländern 12 — 
1 3 Milk Franken, an welcher Summe Poitou allein, wo für das Stück im Durchschnit- 
te 1000 Fr. bezahlet werden, mit 7,760,000 Fr. Anthcil nimmt. 

0) Buy den Gefahren des spanischen Krieges i588 konnte England kaum 3ooo Pferde fiir die 
Reiterey hergeben; und jetzt wird behauptet, dass allein in London die Zahl der Reit- und 
fT^agenpJerde auf 80,000 sich belaufe. So zählte man auch in der ersten Regierungszeit Lud- 
wige XIV. um's Jahr i658 in Paris mehr nicht, als ungefähr 3oo Rutschen; und beym Ab- 
gange Ludn>lgs Xy . 1774, stieg ihre Anzahl auf mehr als 14,000. Sich eines Pferdes zum 
Reiten zu bedienen, ist iiberdiess heut zu Tage allen Ständen gemein; in älteren Zeiten aber 
* gab es ganze Volksclassen , die man nie auf einem Pferde sah. Wenigstens merkt es c. Kö- 
nigshofen in seiner slrassburgisclieii Clironik ausdrücklich als etwas auffallend Neues an , dass 
die Handivericsleute um's Jahr i34o angefangen hätten , zu reiten , wenn e n erreist wären. 
— Schwede7i hat im Ganzen bey 410,970, Prcussen 1,332,276, das brät isc/ie 'Reich 1,800,000 
(wovon aui^ England allein i,5oo,ooo kommen), Österreich 1,800,000 und Deutschland 
2,000,000 Pferde und Füllen, wovon auf die österreichisch- und preussisch-deutschen Pro\ inzen 
i,3io,098komnien. Die Zahl der Pferde in Frankreich gab derMmister Monlalii^eL in den Jah- 
ren 1811 und i3i2 auf 3,5oo,ooo (?) an. 

b) Vorzüglich in Andalusien , Esiremadura und Asturien. Die Ausführe eines Hengstes wird 
mit dem Tode bestraft , und selbst diese Strafe hemmt den Schleichhandel nicht. Doch sind 
die Stutereyen, seitdem die Maulthierzucht so allgemein geworden, lief gesunken. 

c) Die e/ig7(>c/ie/i Pferde , vorzüglich die schlanken, lebhaften Reitpferde, sind ein beträchtli- 
cher Gegenstand der Ausfuhre. Sic sind zur Parforcejagd und zum Laufen ganz vortrefflich. 
Es gibt in England Pferde, die beym Wettrennen in einer Secunde 46, 64 — 82- Pariser 

14 



io6 !!• Uipioductioii. §. 47- Riiidvicli. 

Fuss, und in einer Minute beynahe eine englische Meile zurücklegen. Ausgezeichnete Wettren- 
ner werden für i2oo Guineen und darüber verkauft. Auch an starken Zugpferden fehlt es nicht. 
f/) Nahmeutlich in dem Departement der Oiiie , wo mau die schönste Rage \on normandischen 

Pferden findet. 
e) Nahmentlich in dem Königreiche Neapel, in der Marcmna di Siena , in Piemont und auf 
Sardinien ; besonders werden die neapolilanischen aus Apulicn und Calabrien geschätzt; sie 
geben slolze Kufsc/ipjerde ab, und werden zum Tlieil auch ausgeführt. Auf der berühmten 
Sandwüste Pisa's wegen der stellweise erscheinenden Vegetation, Manhie genannt, weiden 
wilde Pferde. 
f) Es zieht Pferde von zwey verschiedenen Arten: kleine, aber rasche, lebhafte und dauer_ 
hafte Pferde, die sogenannten Klepper, auf den Inseln, hauptsächlich auf Seeland; dann 
grosse , starke , fleischige Pferde , sehr tauglich zum Ziehen und für die schwere Reiterey 
in J'ülland , wovon jährlich 6 — 7000 St. für mi'hr als eine halbe Million Species ausgefülut 
werden. In der neuern Zeit hat auch der Genuss des Pferdefleisches ^iele Lii'bhaber'in Ko- 
penhagen gefunden. 
ii) Einen grossen und schweren, aber doch gut gebauten Schlag von Pferden liefern die nörd- 
lichen Provinzen, nahmeutlich Hulstein , Mecklenburg, Oldenburg , Lüneburg und Oslßies- 
land , in welcher letzteren Provinz man die schönsten Kulschpferde findet. Doch noch grös- 
sere und stärkere Pferde, die grössten und stärksten vielleicht in ganz Europa, gewöhnlich 
ig Fäuste hoch, kommen, nach Hrn. Sebald , in Süddentscliland , nahmeutlich im Pinzgnu 
in Salzburg vor. Ehedem sollen diese Pferde noch grösser gewesen seyn , so dass ein Pferd 
von 7 Fuss 4 Zoll , oder 22 Fäuste , so gar selten nicht war. Ausserdem sieht man grosse 
und starke Zugpferde in Obersleyermark , im Lande ob der Enns , in Bri/tmcii, in dem gebir- 
gigen Oberlande i3aier/is, besonders um jUuivirtu ,• ferner in dem ehemaligen Fürstenlhume 
Anspach und in anderen Gegenden Deutschtands. Sogenannte Saumrosse (Bergsteiger, Pack- 
pferde) werden vorzüglich in Krain auf dem Karst gezogen. Die Fuhrleute, welche sich 
dieser Pferde bedienen, nennet man Saumer. Wenn übrigens viele polnische, moldauische 
und ungrische Pferde nach Deutschland eingeführt werden : so werden doch weit mehrere 
aus />e«/4c/i/a«c/ nach Ungern , Frankreich, Italien und Holland exportirt. 
h) Es liefert die sogenannten Harllrüber , wo\on zu KutsctipJ'erden ]ahrllch einige 2o,ooo Stück 

ausgeführt werden, 
i) Es zieht gute Dragoner- und Husarenpferde. 

k) Die wilden Gestüte dieser Länder gehören zu den ältesten und natürlichsten aller Pferde- 
zuchten. Die Pferde weiden hier ohne gepflegt zu werden, und sind ganz ihrer WIlikiihr 
und ihrem Instincte überlassen. Diese Lebensart aber macht sie zu guten Rennern, und 
gibt ihnen, bey geringem und schlechten Futter, eine Ausdauer, die sie vor allen übrigen 
Pferderacen voraus haben. In dieser Hinsicht sind sie auch besonders zu dem Felddicnste 
der leichten Reiterey sehr passend. Die schönsten Pferde vom Reilschlage fallen in diesen 
Ländern in Siebenbürgen ; ein stolzer Gang, Kraft und Feuer, sind die Vorzüge der dasigen 
Pferde. Die siebenbürgischen Pferde der grossen Art sind auch gute Kutschpferde, 
l) Die nordischen Pferde ausgenommen , die selbst im vollen Trabe auf steilen und gefährli- 
chen Wegen gleiche Sicherheit gewähren , Vvie in andern Ländern die Maulthiere und 
Maulesel. S. Allg. geogr. Ephem. Bd. 38. S. 548. 
m) S. Polit. Journ. i8o5. Aug. S. 763. 

§. 47- 

.Rindvieh. 
Das Rindvieh (Los t.turus) ist das niilzlichsle uiid unentbelirliclistc /Atiii Acker- 
bau durch seine Arbeit uud seinen Dünger j es gibt auch Milch a) , Butter ö) und 



II. Uiproduction. ij,. 47. Rindvicli. lg. 

Käse c) ; man gcnicsst sein Fleisch d) und benutzt sein Ilorn e) , seine Ilniit /") , so wie 
seine Därme g) und das Häutclien seines Älastdarms /i), sein Talg i) und seine Kno- 
chen. Den schönsten Schlag von Ilindvieh findet man in der Schweiz _, England und 
Holland j in Italien k) j Ungern j der Ukraine und Podolien _, in Dänemark imd 
Deutschland l). Die fettesten Ochsen zieht man in England m) j das reinlichste Vieh 
in Holland n). Ungern o) ^ Galizien _, Polen p) j die Ukraine und Podolien q) lö- 
sen jährlich bedeutende Geldsummen aus ihren Ochsen; die Schweiz >'), Dänemark s), 
die Moldau j die U^alacher und verschiedene Länder Deulsclilands ^) lreil)en auch 
viele aus. Zur Yergleichiuifi; des Standes der Ochsen , Kiihe und des Jungviehes in 
den verschiedenen Ländern und Staaten Europa's mögen folgende Angaben dienen : 

Deutschland zählt ungefähr . . . . , i2jOOO,ooo Siiick. 

Grossbritannien imd Irland 10,000,000 — 

Die 'österreichische Monarchie 7,5oo,ooo — «) 

Frankreich im J. 1806 6,084,060 — 

nach des -Älinisicrs MonlaVn'et Angabc in den Jahren 

1811 und 1812 l2,üOO,ooo(?) — 

Deutschland _, ohne die österreichisch- und preussisch-deut- 

scheu Provinzen ' 5,622, g8l — 

Die preussische Monarchie nach Hojfinänn 4,275,700 — 

nach Cannabich über 7,ooo,ooo(?) — 

Schweden j nach Molbeck l, 490,759 — 

Dänemark _, nach Olajsen 1,484,000 — 

nach Ehrmann nur 800,000 — 

Holland j nach Crome 1,000,000 — 

Der Werlli des Vielistandes in der ganzen Schweiz wird auf 160 Mill. Schweizer 
Franken geschätzt. 

Zu den merkwürdigsten Varietäten des Rindviehes gehört z. B. die halbwilde 
weisse Rac.e mit braunen oder schwarzen Ohren hin und wieder in Grnssbritannien ; 
die mit den ausnehmend grossen Hörnern in Sidlien; die gänzlich ungehörnten in 
einigen Provinzen von England und Spanien. In der Maremna di Siena findet man 
auch eine Heerde von ganz wilden Kiihen , 1800 an der Zahl, die in der grössten Wild- 
niss leben. Sie lassen sich so wenig melken als füttern, sondern werden im siebenten 
bis achten Jahre als RothwU'dprel geschossen. Von den Kälbern fängt man jedoch 
viele, und erzieht sie zu zahmen Kidien im y^/720-Thale. — Das aus Europa nach 
]Sord-'\x\n\ Südamerika verpllanzte Rindvieh hat sich dort so ausserordentlich ver- 
mehrt, vorzüglich in Brasilien ^ Buenos- Ayres j Peru und Potosi ^ dass jährlich eine 
Menge Häute von daher nach Europa gebracJil werden. Das beste Hurnvieh ist da- 
selbst so wohlfeil, dass es nicht mehr als den Werth der Haut kostet. 

Der Auerochs (urus), von dem das Rindvieh stammt, gehört in Europa jetzt zu 
den Seltenheiten ; nur in den litthauischen Wildnissen soll man noch dann und wann 
einige antreffen. — Häufiger ist der Biiffel (liuflelus) zu finden, und zwar in Italien,, 
besonders 'xwApulipUj Toscana und der Campagna di Roma; dann in der Tiirkey 
luid in den russischen Gouvernements Jckaterinoslaw _, Cherson und Taurien ; auch 

.4* 



io8 II- Urproductioii. §. 47. Rindvieh. 

in Ungern j, Siebetibiirgen nnd einigen andern Gegenden. Er istwild , lässt sich aber 
leiclit zähmen , hak sich in niorasligen Gegenden auf, und wird als ein slarkes Thier 
in der Ihuishahung imgemcin niitzhch, soll eben so viel als zwey starke Pferde ziehen 
können , und wird daher sowohl vor dem Pfluge als grossen Lastwagen gebraucht. Die 
sehr harte luid feste Haut wird vorzüglich zu Schläuchen, stajkem Lederwerk für die 
Reiterey u. s. w. gebraucht. 

Als nützliches Lastthier verdient liier noch genannt zu werden, das Kamelil (ca- 
melus) , das nicht nur in Bessarabien und Tanrien _, sondern auch in der steppen- 
artigen Gegend, welche an die Maremna di Siena^rÄw/X, angetroffen wird. Die Zahl 
der in der besagten Gegend gehaltenen Kamehlc besieht aus mehr als 200 Stück. Man 
bedient sich dersell)cn als Lastthicre zu den Grundarbeiten der dortigen Tonaincn, 
und, jedoch nicht häufig, zum Transporte der Waaren über die Gel)irge; auch dienet 
diese Kamehlfaniilie den in Europa herumziehenden Kainehlfuhrern und Charlalanen 
zum allgemeinen ^lagazin, woraus sie ihre Kamehle für 6 — 7 Louisd'or das Stück zu 
kaufen pflegen, imi sie in Deutschland und Nordeuropa für Geld zu zeigen. 

o) Eine gute Srhwei-eikuh gibt täglich im Sommer 10 — i5 Mass Milch; eine grosse holstei- 
nische Ruh in dem Marstlilande i2, i5 bis 18 Mass (Rannen), und von den grossen ro- 
then Ruhen bey Eyäerslädl soll eine in derselben Jahrszeit deren 2o, ja sogar 25 täglich 
geben ; hingegen eine Ruh in den nördlichen und einigen andern Ländern gibt höchstens 
ein Paar Mass. — Um London und die umliegende Gegend mit Milch zu versehen, %verden 
7200 Rühe in Middlesc.v und i3oo in Kenl un A Surrrj- gehalten. Sie sind ^ on der Hohle ine^s- 
Rage. Jede Ruh gibt täglirh im Durchschnitte 9 Quart (etwa 11 hanöverische Quartiers), 
folglich alle zusammen jährlich 28,007 5oo Quart Milch. S. Götting. gel. Anz. 1801. S. 32 5 ff. 

— Um ff^ien mit Milch zu versorgen, werden in und um T-f^ien i255 Rühe gehalten, die, 
das Stück täglich zu 4 Mass gerechnet, jährlich i,832,3oo IMass IMilcli geben. S. vaterländ. 
Blält. für den österr. Raiserstaat. Nr. 3i. 1808. S. 202. Brunn gibt die tägliche Milthcon- 
sumtion in fielen auf 3öo Eimer an. Diess macht jährlich 109,500 Emer oder 4,38o,ooo M. 

— In der Schweiz wird Milchzucker (saccharum lactis) von frischer Milch mit Eyern abge- 
kocht, geschieden und krystallisirt , sodann als ein Bliltelsalz zu Arzene^cn häufig ausgeführt. 

b) Nicht allein der innere , sondern auch der äussere Handel mit Buller ist von grosser Er- 
heblichkeit. Inner den Linien Helens z. B. wurden \om 1. Nov. i8o2 bis letzten Oct. i8o3 
aus Böhmen, Mähren, Schlesien, Ungern u. s. w. eingeführt: 232,575 Pi. süsse und 335,5oo 
Pf gesalzene Butter, nebst 6845600 Pf Rindschmalz. — Paris verzehrte im Jahre 1819 
6,333,000 Pfund Butter. — Die einzige holländische. Pro\ inz Friesland löste im J. i8o2 , 
nach Met elerkamp , für Butter 2,800,000 fl. Wie gross ist die Menge der Butler, welche aus 
andern niederländischen Pro\inzen , aus Holstein, Oslfrie'sland , Oldenburg und andern deut- 
schen Ländern , aus Irland und einigen andern europäischen Ländern ausgeführt wird ! In 
Italien und Spanien fühlt man das Bediirfniss der Butter nicht sosehr, wie in andern Ländern, 
wegen des häufigen Gebrauchs des Baumöhls statt der Butter. 

c) Von den berühmtesten Rasen wird bey den Fabrlcaten aus Stoffen des Thierreirlis die 
Rede seyn. 

d) Es wird nicht nur frisch gegessen, sondern auch eingesalzen und geräuchert, und mit den 
letztern beyden Arten von verschiedenen Ländern und Seestädten ein starker auswärtiger 
Handel getrieben. Unter andern führt die Stadt Cork in Irland, nebst 28 Mill. Pf Butter, 
jährlich eingesalzenes und geräuchertes Rindfleisch von 100,000 Ochsen aus. S. Ergänzungs- 
biatt zur Allg. L. Z. 1818. Nr. 56. S. 61. — Geräucherte Ochsenzungen gingen im J. 1790 
aus St. Petersburg, Archangel und Riga 53,802 Stück. — Die Bocheser salzen das Fleisch 



II. Urprodiiclion. §. 47- Rindvieh. log 

<les von ihren Nachbarn (den Montenegrinern und Herzegovinern) erkauften Viehes ein , ' 
räuchern es, und verführen es unter dem Nahmen Caslradina weit und breit. — Das saf- 
tigste und schmackhafteste Fleisch liefert das englische und ungrisahe Schlachtvieh. Das 
Fleisch des ungrischen Ochsen würde noch köstlicher seyn , wenn er auf dem Triebe nach 
Wien, Mähren u. s. vv. bosser gefüttert würde. S. den Wanderer vom 22. Dec. 1820. — 
Die Grösse der Fieischconsumtron in den Hauptstädten London, Paris und If-^ic/i erhellet 
aus nachstehenden Angaben : 

LonJo« verzehrte im J. 1798, nach Middlelon, 110,000 Stück Hornvieh und 770,000 
St. Schafvieh; im J. 1816: 117,406 Ochsen, 884,324 Schafe und Lämmer, i6,5oo fette 
Kälber (ohne die Säuglinge) , i5,2oo fette Schweine. Man schlachtet das Vieh jetzl mehr 
als nocli einmal so schwer aus, als vor 100 Jahren. 

Paris consumirte im J. 1819: IVien verzehrte im J. 1810: 

Ochsen 71,000 Stück. Ochsen üo,23G Stück. 

Rühe 8,5oo — Kühe 3,625 — 

Kälber 85, 000 — Grosse Kälber 3o4 — 

Hammeln 339,900 — Duttenkälber 61,828 — 

Schweine 7,400 — Schale 80,280 — 

Lämmer 95,291 — 

Grosse Schweine 29,128 — 

Frischlinge 22,007 — 

Spanferkel 5,69.6 — 

Fleisch 2,3i4 Ctr. 

e) An Kopf und Füssen. Man verfertiget daraus Kämme, Büchsen, Taschen-Tintenfässer, 
und andere kleine Sachen. 

/) Man bereitet daraus mancherley Leder , als Juften , Pergament u. s. w. 

g) 3Iit eingesalzenen Rinderdärmen (Schindärmen) werden seit einigen Jahren in Wien nicht 
ganz unbedeutende Geschäfte gemacht. Sie werden nach Italien verschickt, wo solche dann 
zur Fabrication der so beliebten Salamiwürste , zumal in f erona und I enedig , benutzt wer- 
den. S. Hesperus. i8i5. Nr. 45. S. Söy. 

/j) In England bereitet man aus dem , von dem Mastdarme der Ochsen abgezogenen Häut- 
chen eine Art Pergament oder Folien , wozwischen Gold und Silber zu dünnen Blätlchen 
geschlagen wird. 

i) Den meisten Talg , insonderheit zu Lichtern , führt Russland aus. Ln J. i8o3 betrug der 
Werlh des exporlirtcn Talges über 10,400,000 Rubel. 

k) Vornehmlich um J'iccnza im Venetianischen ; der dasige Ochs ist noch hochstämmiger und 
leibiger als der iingrische. 

l) Besonders in Holstein, Oslfriesland , Mecklerdnirg und Oldenburg , so wie überhaupt in al- 
len Marschländern an der Nordsee; dann in y^iirternberg , Baiern, 'Vjrol , Slej-erniark , Salz- 
burg und Osterreich ob und unter der Enns. \ornehmIich werden die Springstiere undKühe 
aus Tjrol , dem Ziller- und Brixentltale , und aus dem Mürzthale in Steyermark weit und 
breit verschrieben , um sie zur Zucht zu benutzen. Das forarlberger Hornvieh wird selbst 
von den Schweizern gesucht, weil seine Vermischung mit dem Schweizervieh den dauer- 
haftesten und nützlichsten Schlag hervorbringt. 

m) Ein im J. 1692 in Lincolnslure geschlachteter Ochs wog 3577 Pf S. Jf'agner's Naturwun- 
der und Ländermerkwürdigkeiten. Berlin 1806. Tbl. 5. S. 225. In Northumberland hat man 
einen Ochsen bis zum Gewicht von 2632 Pf gebracht. S. Allgem. geogr. Ephem. Bd. 24. 
S. 290. In Yorkshire ist 2000 Pf das gewöhnliche Gewicht eines grossen und fetten Och- 
sen. In London fahren Tausende und laufen Tausende , ist ein grosser Oihs zu sehen , und 
Mahler und Kupferstecher arbeiten für die Verewigung des angestaunten Thieres. 



HO II- L'rproductiou. §. 48. Schafe. 

n) NadiahmungswUrdig sind die dortigen hellen und reinlichen Rühställe. Die Wartung des 
Viehes und die dabey übliche Reinlichkeil , besonders in NordhoUand , ist ohne Gleichen. 
So bedeckt man z. B. die weidenden Rühe in kalten Frühlings- und Herbsttagen mit ei- 
ner Decke, 
o) Im J. 1802 wurden aus Ungern im Ganzen i58,6oo St. Ochsen, Kühe und Kälber für 

5,736,887 fl. nach Steyermark, Osterreich, Mähren und Böhmen ausgetrieben. 
p) Was di'U Viehliandel in Polen betrifft: so wird in einem, in den schlesischen Provinzial- 
blättern (Aug. 1807) enthaltenen Aufsatze behauptet, die Polen seyen dabey nur die Zwi- 
schenhändler, das Vieh selbst komme aus der Ukraine, aus der Moldau und Tf'^alacker , 
und bis vom Don her. S. Allg. geogr. Ephem. Bd. 24. S. 36i ff. 
q) Russland nahm nach einem vierjährigen Durchschnitte (i8o2 — i8o5) für an das Ausland 

verkauftes Rind\ieh 1,231,701 Rubel ein. 
r) Aus der Schii-'eiz gehen jährlich grosse Heerden nach Frankreich , Italien und Deutschland , 

und von dem Schweizer wird svicder deutsches Hornvieh gesucht. 
s) Von den j'ül ländischen Ochsen , die aber erst in Schleswig und Holstein auf den dortigen 
Marschweiden gemästet werden, gehen jährlich über 40iOOO St. nach Hamburg, Lübeck, 
Lüneburg und andern benachbarten Gegenden , auch mehrere nach Holland. 
l) Aus If^'ärlcmberg allein gehen, nach Abzug aller Einführe, jährlich für 3 Mill. fl. Ochsen, 

Kühe , Stiere und Kälber über die Gränze. 
m) Das Rindvieh reicht in Österreich nicht zu ; es müssen noch Ochsen aus fremden Ländern , 
nahmentlicli aus Baiern, der Schweiz, besonders aber aus der Moldau, Polen, Podolien 
und der Ukraine eingetrieben werden. 

§. 48. 
Schafe. 

Das Schaf [capra ovis), das dümmste und gedtikligste, so wie das furclilsamste 
und hülfloseste unter allen vierfiissigcn Tliieren, ist doch emes dei- nützlichsten, und 
unseren Haushallun^^en durch alle Theile seines Körpers , Milch und die daraus ver- 
fertigten Käse , Fleisch rtj , i'alg und Gedärme Z»J, Fell cj , Knochen und Dünger ^J, 
vorzüglich alter durch seine fFülle ej unenthehilich. Die feinste \VGlle in der Well, 
trafen die Schafe von Thibet in Asien. Von den asiatischen und afrikanischen Scha- 
fen stammen die europäischen ab. Unter diesen liefern die feinste Wolle die spani- 
schen fj, insonderheit die Heerden von Segovia_, Leon und Soria. Nach der spani- 
schen ist die englische ^S olle die beste, besonders die aus den Grafschaften Glonce- 
ster j Lincoln und Leicester , zwar länger als jene , aber nicht so seidenartig ; daher 
die Einfidire der spanischen für die feinen englischen Tücher und Wollenwaaren sehr 
beträchtlich ist. iNäc.hsl der spanischen und englischen W^ollc gehört die Wolle aus 
mehreren deutschen Ländern, nahmentlich Böhmen j, Mähren gj j, Schlesien ^ Bran- 
denburg j Sachsen lijj Sachsen-Weimar j Sachsen-Gotha_,Jnhalt-VessaUj, Hulsteinj 
TViirtemberg und andern deutschen Ländern zu der besten in Europa. Aber auch die 
portugiesischen Schafe, deren Wolle nicht selten fiir spanische verkauft wird , so wie 
die niederländischen j paduaiüschen und abruzzischen ^ inglcichen die griechiscJten 
und macedunischen geben eine feine Wolle, und so wie in England , Deutschland ^ 
Frankreich mul II allen ^ trifft man auch in Ungern,, Dänemark ^ Schweden und 
Russland Staats- und Privalschäfcreyen mit acht spanischen, ganz und halbvercdclten 



II. Urprodiiction. § 48. Sciiafo. m 

Schafen an ij. Überhaupt haben seil beynahe einem Jahrhundert und spätoi- fast alle 
europäische Regierungen, so wieviele Gutsbesitzer, durch Einführung j'/^a/u.yc/ie/' 
Widder ihre Schäfereyen zu veredeln gesucht kj; im J. 1810 sind zu gleichem Behufo 
gegen i5,ooo ächte Merinos sogaJ'nach PhUadelpIna verpflanzt worden IJ. Durch die 
vom Hrn. Lasteyrie angestellten gründlichen ünlcrsuchiuigen und Beobachtungen ist 
es fast zur mathematischen Gewissheit gebracht, dass an allen Orten, wohin man 
spanische j, feinwollige Schafe gebracht, sie gehörig bohandell , und ilire Race rein 
vmd unvermischt erhalten hat, diese Race in ihrer ursprünglichen Schönheil unver- 
ändert gelilieben ist, imd dass da, wo man bey dem Veredlungsgeschäfte richtig zu 
Werke gegangen ist, und richtige Grundsätze befolgt, d. i. wo man bis zur Erzeugung 
der vierten veredehen Generation keine andere , als acht spanische oder vollkommen 
veredelte Böcke ge])raucht hat, die vierte Generation vollkommen veredelt ist, und 
sich bey anhaltender Sorgfalt ihre Nachkommen unverändert erhallen haben, und den 
acht spanischen Merinos in Ansehiuig der Schönheit und N ollkommenhcit der W^oilc 
gar nicht nachstehen. 

In Ansehung der Stärke der Schafzucht zeichnen sich aus das brittische und russi- 
sche Reich, in welchem letzteren selbst gemeine Tataren bis 1000, reichere bis 00,000 
Schafe besitzen. Nächst diesem weiden die meisten Schafe in Frankreich j Deutsch- 
land und der Tilrkey j in Spanien j Oesterreich _, Preussen u. s. w. tnj. Nur ist die 
Scliafzucht in einigen Ländern , seil den letzten zwey Jahrzehnten fi) , in andern schon 
früher u) , zum Nachtlieil der Rindviehzuclil, des xVckerbaues und der Bevölkerung 
vermehret worden, während sie in andern Ländern vernachlässigt wird/;). — Ebnn 
so findet in Hinsicht auf den \Vollenertrag q) und das Lammen /■) eine grosse Ver- 
schiedenheit in den einzelnen Ländern Stall, 

Zu den merkwürdigsten Varietäten des Schafviehes gcliört das isIäntiiscJie Sciiaf 
mit 4, 6 bis 8 Uörnein, dass ostfriesische Marschschaf ohne Hörner; das sogenaunte 
Zackclvieh '\i\ Ungern und auf einigen Inseln des Archipclagus, mit hingen gewunde- 
nen Hörnein, und einer groben, haaiigen Wolle, die lang und zottig herunter hängt: 
das Schaf nnl dem 6 Zoll langen und 4 Zoll breiten Fettschweife im Sorokergebiete 
in der Moldau, so wie das Schaf mit dem breiten Fettschwanze, alsHausthicr der Hor- 
den am schwarzen vmd caspischen Meere; die grosse /io/.j^efni,ycAe Mai-schraee mit 
• kurzen Schwänzen, und die kleine, durch schlechte Nahrung verkümmerte Race, die 
unter dem Nahmen der Schnuken oder Heidesclinuken , haupisäcldich im Lilnebur- 
gischen und in den magern Sandgegenden der Mark Brandenburg ijefmdlich ist. 

Der Mufflon (ammon), der Stammvater des Schafes, lebt jetzt nur auf den Ge- 
birgen der gemässigten Zone der alten imd neuen Well. In Europa wird dieses Thier 
auf Corsika j Sardinien und in Griechenland angetroffen. Jung gefangen lässt es sich 
leicht zähmen, und gewöhnt sich sehr an die Menschen. 

a) Eingesalzenes Schaffleisch wird von den Inseln Färöer , Island, Orlaiej's und Irland in 
grosser Menge ausgeführt. 

b) Man bereitet daraus Saiten. 

c) Es wird entweder als ein Pelz gebraucht , oder zu Leder und Pergament bereitet. 

d) Er wird in Norwegen auch als ein Heilungsniiltel gebraucht. S. Ponloppidans Versuch ei- 
ner natürlichen Historie von Norwegen. Thl. 2. S. 24. 



112 11. ürproducliou. §. 48. Schafe. 

(?) Sie gibl nicht nur das Materiale zu äusserst wichtigen Manufacturzweigon ab , sondern ist 
auch für manches Land ein sehr bedeutender Ausfuhrartikel. 

f) Die Feinheit der spa/if'st'/if/i Wolle hallt;! , Lasleyrie's Beobarlitungen zu Folge, lediglich 
und allein von der Rage, und nicht vom Rlima un* der Fiilterung ab. Die Qualität der 
(spanischen) Wolle ist eine unveränderliche Eigenschaft der Schafrage , ohne Mitwirkung 
des Rlima's, des Bodens, der Nahrung und der Wanderung; die Quantität derselben aber, 
sowohl in der Dichtigkeit als der T>änge, hängt von dem guten oder schlechten, reichlichen 
oder sparsamen Futter ab. 

g) Zur Verbesserung der Schafzucht bildete sich in der mährisch-schlesischen Geselhcha/l für 
Ackerbau, Natur- und Landeskunde ein eigener Verein, unter dem Nahmen des Sc/taf- 
züch ihr- J^ereiiis. 

h) In dem Königreiche Sachsen ist die Veredlung der Schafe so allgemein verbreitet , dass die 
grobe Wolle gänzlich verschwunden ist ; daher findet sich dieser Staat in der Lage , den 
preussischen , weslphälischen und andern deulsrhen Fabricanten ihre ordinären Tuch- und 
Wollenwaaren zu eigenem Gebrauche abzukaufen. S. H. Allgem. Jjit. Zi'if. i8i3. Nr. 18g. 
S. 674 ff. 

i) Zu den vornehmsten Schäfereyen der Art gehören: 1) in England: die königl. Merinoschä- 
ferey zu Kew ; 2) in Frankreich : die königl. Schäferey zu Rambouillet , mit einer Schule für 
gemeine Schäfer; 5) in Österreich: a) die Schäferey auf der k. k. Familienherrschaft //oZ;7scA 
in Ungern, wo jährlich 2 — 3ooo , theils höchst veredelte Widder und IMutterschafe , theils 
acht spanische Widder an die Meistbielhcnden überlassen werden. Im Jahre 1810 wur- 
den viele Widder um den Preis von 2 — 7000 fl. B. Z. verkauft; ein dreyjähriger acht spa- 
nischer Widder aber um die ungeheure Summe von i6,2oo fl. B. Z. erstan.len. S. Vaterl. 
Blatt, für den österr. Kaiserstaat. 1810. Nr. 41 u. 42. ; b) die Schäferey auf der k. k. Fa- 
milienherrschaft Man nersdorf im Lande unter der Enns , welche selbst jener zu HoHtsch 
den Vorzug streitig macht , obgleich die Franzosen im J, 1809 i4oo Merinos aus derselben 
entführten. Diese schöne Ileerde ward nach Rambouillet gebricht. S. Allg. Zeit. 1809. Nr. 25o. 
Unter den österreichischen Privatschäfereyen hat keine zur Veredlung des inländischen , be- 
sonders des ungrischen Scliafviehes , so viel beygelragen , als die Sch.tferey des Freyherrn 
von Geisslera zu Hoschtitz in Mähren. S. Inlelligenzbl. der neuen Annalen der Literatur etc. 
1808. S. 42. Vergl. Andres Zeitschr. 1810. St. 8. S. 25o. Im westlichen und südlichen Un- 
tern hat die Veredlung der Schafe so zugenommen , dass mancher Grosse des Reichs bis 
i5oo Ctr. feine Wolle gewinnt ; 4) in Saclisen : die königl. Stammschäfereyen auf den Ram- 
mergülern Ren nersdorf und Slolpen, Hohenstein und Lahme, am rechten Elbeufer im meiss- 
nisclien Itreise. — In England existirt auch eine Merino-Sociely , die im J. i8i2 170 Pf. St. 
Preise für Vervollkommnung der spanisch-englischen Schafrage ausgegeben hatte. Die Schaf- 
schurfeste sind in Grnssljritannien allgemeine Mode geworden. 

k) Geschichte der Einführung der feinwolligen spanischen Schafe in die verschiedenen euro- 
päischen Länder u. s. \v. Von C. P. Laslejrie. Aus dem Franz. übersetzt und mit Anmer- 
kungen begleitet von Friedrich, Herzog zu Schlesn-'ig-Holslein-Beck-. Leipzig, 1804. 8. Vergl. 
N. A. D. Bibl. des XCIII. Bandes St. 1. S. 193—213. 

1) Jetzt ist die Ausfuhre der Merinos aufs strengsta verbothen, da während der letzten zwan- 
zig Jahre zu viele ausgeführt wurden. Der Nähme Merinos ^vi^d daher geleitet, weil unter 
Alphons XI. die spanische Schafzucht durch eine aus England (also über's Meer, daher me- 
rinas) gekommene Zucht \erbesscrt wurde. S. Leipz. L. Z. 1814. 224. S. 1791. Vergl. Er- 
gänzungsbl. z. A. L. Z. Nr. 43- 1818. S. 339. 

m) Die Anzahl der Schafe nach den verschiedenen Ländern und Staaten ist , und zwar in ; 

Russlaul 60,000,000 Stück. 

Grossbritannien unJ Irland 42,000,000 — 



II. Urjjroductiuu. 5. 40. Schafe. Il3 

Das Lrittische Reich hält demnach in Verhältniss seines Aroais mehr 
Schafe alsRussland und irgend ein anderer europäischer Staat ; gleich- 
wohl führte OS von i8i8 — 1821 über 106,177 Ctr. Schafwolle ein. 

Frankreich . . . .• 25, 000, 000 Stück. 

Deulsc/dand 20,000,000 — 

Spanien 1 4,000, 000 — 

Worunter 5 Mill. wandernde oder IMerinoschafo (oi'ejas tnerinns) , 
9 Mill. nicht wandernde oder Slallscliafe (eslantes). 

Öslerreich i3,3oo,ooo — 

Davon auf die ungrischen Erhilinder 8 Millionen. 
Deulschland, ohne die österreichisch- und preussisch-deutschen Provinzen 12,437,620 — 

Preussen , nach Hoffhxann 0,06.5,720 — 

nach Cannabich gar über i5, 000,000 — (?) 

jSeapel 2,5oo,ooo — 

Sclw-eden i,254,3oo — 

Dänemark 1, 200, 000 — 

Holland ....'. 600,000 — 

Die Moldau zählet über 3, 000, 000 — 

Die J-f-'ulachey 4i00o,ooo — 

steuerbarer Schafe ; die den Geistlichen und den Armeniern geboren, etwa 200,000 — 
sind Steuerfrey. Der arme Bauer muss seine Schafe den Türken zu einem Preise, den der 
Fürst, um sich denselben gefällig zu machen, sehr niedrig ansetzt, verkaufen. Ungeachtet 
des grossen Schafstandes in der Moldau und ff^alachej- , überwintert der grösste Theil des 
siebenbürgischen Schafviches auf den ungeheuren , grasreichen Ebenen dieser Lander. Ein 
eigener grossherrlicher Ferman von 1786 in BetrefT der österreichischen Schafhirten in der 
Moldau setzt die Freyheiten , Begünstigungen und Abgaben derselben fest. S. des Freyherrn 
('. Ilormajr Archiv a. a. O. 28 — 2g. 1811. S. i22. 
n) Wie z. B. in Ungern, Irland und Hechschollland. In dem erstem Lande verdrängt das 
Schaf den Ochsen (einige einzelne Güterbesitzer haben 200,000 St. Schafe, worunter 10 — 
3o,ooo St. veredelte) ; in den beyden letztern zwingt das neue Weidesystem den Landbauer 
zum Auswandern. S. Götting. gel. Anz. 1807. St. i5. S. J47. Vergl. §. 45. 
o) Wie r. B. in Spanien, ^vo , nach Bourgoin^ , die Vermehrung der Schafe und das Wandern 
eines grossen Theils derselben , nur den Verfall des Ackerbaues und die Eiit\ölkerung des 
Landes befördern. 
p) Wie z. B. in der Schweiz, in Baiern, a\.i[ SiciUen. 

9) Ein englisches Schaf von der grossen Art gibt jährlich 5 — 8, ja bis 9 Pfund Wolle; unter 
den thüringischen und grossen hols'.einischen Schafen ein Widder gewöhnlich 6 — 7 Pfund, 
ein Mutterschaf 4 — 5 Pf.; hingegen ein Widder unter den Heidesrhnucken nicht leicht über 
2 , und ein Mutterschaf über i-)- Pfund Wolle. 
r) Die Mutterschafe der s,Tossiin flandrischen Ra^e werfen jährlich 2—3 Lämmer; die Mutter- 
schafe auf dem Marschlande um Hamburg jährlich 2,3, auch 4 Lämmer; von der Schäfe- 
rey des Hrn. Ellniann (eines berühmten Landwirths in England), die am 16. July 1801 aus 
621 Mutlerschafen bestand, halten 600 St. bis zum i3. Juny i8o2 816 Lämmer, worunter 
also 2i6 Paar Zwillinge waren. S. Götting. gel. Anz. 1806. St. 175. S. 1737; dagegen wer- 
den die Mutterschafe ami Sardinien aus Mangel an Pflege nur alle zwey Jahre einmal trächtig. 

i5 



Il4 II. ürproduction. i. 4g- Ziegeu. 

§• 49- 

Ziegen. 

Die gemeine oder Hausziege (capra hircus) ist kein so gemcinniiiziges Thier, wie 
das Schaf, wird aber doch, vornehmhch in hergigen Gegenden, mit Vorlheil gezogen a), 
luid entweder den Kuh- und Schaflicerden zugescüt, oder in eigenen Hecrdeu gehaUen. 
Am stärksten ist die Ziegenzucht in Spanien j Italien ^ der Schweiz ^ Siebenbürgen. 
und der Türkej j in ISorwegen _, Schweden und Russland. — Die angorische j ge- 
meinighch Kärnetziege _, in der Gegend von ^//^o/'rt in Kleinasien einheimisch, em- 
piielik sich vorziighch durcli ihr weisses, seidenartiges, weiches Haar, welches ein 
feines und starkes Gespinnsl gibt. ^Vegcn dieser irclFlichen Eigenschaft hat man diese 
Ziegenart in einigen Gegenden von Englands Frankreich^ Deutscliland wwdi Schwe- 
den mit gutem Erfolge eingeführt. — Im J. 1818 hat die französische Regierung auch 
eine Colonic von Kascheniirziegen mit dem zarten Flaume aus Asien kommen, und 
in Perpignan mid Saint- Qnen hey Paris veriheilen lassen, um den Stoff zu den kost- 
baren Shawls im Lande selbst zu gewinnen b). — Der Steinbock (capra ibex) wird 
nur mehr in SavojeUj Piemont und der Schweiz j auf fast unzugänglichen Gebirgen, 
aber immer seltener, angetroffen, da, nach Versicherung der Alpenjäger, mehrere 
Gegenden der hohen Alpen, die ehemals schöne Weiden waren , jetzt unter Schnee 
und Eis erstarret liegen, und man jälirlich mehrere. Von Schneelawinen und her- 
abstürzenden Felscnstücken erschlagene Steinböcke finde. Um der gänzlichen Ausrot- 
tung dieser seltenen Thiere vorzubeugen, ist im J. 1821 die Steinbocksjagd in dem 
ganzen Umfange der königl. sardinischen Staaten verbothen worden. — Häufiger sind 
die auf den Jlpeii ^ Pj i'enäen und KarpaÜien, zwischen fast unzugänglichen Klip- 
pen, wohnenden Gemsen (antilope rupicapra) , nicht nur wegen des Fleisches, son- 
dern auch der schönen Häute, die ein vortreffliches Leder geben, sehr geschätzt; doch 
vermindern sich auch diese Thiere , vornehmlich in der Schweiz j für deren Bewoh- 
ner die gelährvolle Geniscnjagd ein Erwerbszweig ist c) , gar sehr. Statt dass sie sonst 
in Heerden von 20 — 60 Stück lebten, sieht man sie jetzt nur in kleinen Gesellschaften 
von 5— 10 Siück. 

a) Da ilire Milch und iln- Fleisch, Haar und Fell vielen Nutzen gewähren, das letztere in- 
sonderheit zu Corduan , Saffian und Pergament verarbeitet wird. In Spanien, wo Ziegen- 
heerden zu Tausenden gehalten werden , gebraucht man ihre Milch statt der Ruhmilch , 
und in der Sciuveiz , so wie in Italien j Norwegen , Schweden und liiissland , wird aus Zie- 
genmilch, zum Theil mit anderer vermischt , Kiisc bereitet. Aus Norwegen und Rmsland 
werden jährlich eine grosse Menge Ziegen- und Bocksfelle ausgeführt ; aus Bergen allein 70 
bis 80,000 rohe , und einige Tausend bereitete. 

b) S. Österr. Beob. 1821. Nov. 237. S. 1091 ff. 

c) Der berühmte, aber verunglückte Gemsenjäger, Darid Zwikki , hat bis in sein 57. Lebens- 
jahr i3oo Gemsen erlegt, und sich durch die Jagd ein Vermögen ^■on mehr als 6000 fl. 
erworben. S. Allg. geogr. Ephem. Bd. 22. S. 364. Über die Gemsenjagd in der Schweiz, von 
Ffr. Sleinniüller , im 2. Bande der Schrift: Alpina. 



II. Urproduction. §. 5o. Schweine. »l5 

§. 5o. 

Schweine. 

J)afi Ildussc/nvein (siis scrofa), fast über die ganze Erde verbreitet, gibt unter al- 
len Yieharleii das grösste Product an Nahrungsmittebi für den Mensclicn a). In Euro- 
pa ist die Schweinezucht am erhel)hchsten ^in Servien , Bosnien, Ungern und Slavo- 
nien b) , England und Irland _, Frankreich imd Spanien jVorzu'^Vich. in den Gegen- 
den der Pyrenäen, in Riisslandj Dänemark \\\\A Deutschland , besonders in ^öA- 
men j, Mähren j Stejermark j Baiern ^ Westphalen , Pommern, Holstein, Ostfries- 
land, Oldenburg und Mecklenburg , überhaupt in denjenigen Landern , wo entweder 
giUe Eiehen- und Buchenniast, oder starke Btanutweinbrenncrcyen und Brauereyen 
sie begünstigen. Meister in der Schweinemästung, so wie in der Ochsenmästung, sind 
die Engländer. Man wird weniger darüber erstaunen, dass ein englischer fetter Ochs 
über 3.5oo Pf- (s- §• 47. Note m), als dass ein englisches Mastschwein im Leben 1260, 
geschlachtet und aufgehauen, 1086 Pf. wog c). Die nächsten Rivalen der Engländer 
in der Kunst, Schweine fetl zu maclien , sind die Ungern und Deutschen , besonders 
die fFestplialen und Mecklenburger , deren Schweine nicht sehen ein Gewicht von 
4 — 5oo Pfund haben. — Von vorzüglich schmackliafiem Fleische sind A\e spanischen 
Schweine, die nicht nur zur Eichelmast in die Wälder getrieben, sondern auch mit 
Kastanien gemästet werden. — Mit Pbckelßeisch und Schinken treiben einen erheb- 
Hchen Handel Irland , Frankreich j nahmentlich Bayonne , dann Dänemark und 
Deutschland , wo TVestphalen , Pommern, Hamburg , Braunschweig und Göttin- 
gen die Haiiptprovinzen und Orte des Räucherns sind, wo man, ausser demEigenthüm- 
lichen \\ev Mctliode, zugleich besondere Anlagen der altern Häuser ausdrücklich darauf 
eingerichtet findet. Besonders berühmt sind A\c westpJiälisclien Scliinken , die braun- 
schweigischen Wiirste und die göttingi sehen Wettwiirste , welche letztere Frie- 
drich n. leidenschaftlich lieljte. — Der grössie Speckmarkt , vielleicht in ganz Euro- 
pa , wird zu Debreczin in Ungern , gleich nach dem neuen Jahre gehallen. — Mit 
Schweineborsten wird der grösste Theil Europa's aus Rusdand versehen. Im J. i8ü5 
betrug die Ausführe dieses Artikels an Werth 737,424 Rubel. Durch sehr feine, wei- 
che , krause luid seidenartige Borsten zeichnen sich die spaiüsehen Schweine aus. 
— Dass die chinesischen Schweine vorzüglich nützlich seyen, beweiset die Allgemein- 
heit, in der sie in England gehalten werden, und nun schon manche dü/iische , 
deutsche und scJiweizerische Eifahrvmg. 

aj Das Weibchen wirft nicht selten zweymal im Jahre, und wohl bis 2o Junge auf einmal. 
Eine Sau \on der bekannten kleinen chinesischen Ra^e hat einem englischen Landwirthc von 
der ersten Woche im März bis zur ersten Woche im Dec. i8o2 52 Pf. St. 3 Seh. 5 Pen. 
eingebracht, und was noch auffallender ist, die zvvey in dieser kurzen Zeit \on der Sau ge- 
fallenen Zuchten halten ein Gewicht von 118 Stein 5 Pf. , oder 1657 Pf, den Stein zu 
14 Pf. gerechnet. S. Götting. gel. Anz. 1806. St. 175. S. 1739. 
.'') Aus Ser-ciens und Bosniens grossen Eichelwäldern werden in manchem Jahre wohl auch 
200,000 Schweine (Mongulilza mit krausen Haaren) über den Saufluss auf den fruchtbaren 
ivukurutzacker iS/acortie«.s herübergeschwemmt. Diese kraushaarigen Schweine veranlassen . 
in Gesellschaft der glatthaarigen ungrischcn , jenen statistisch wichtigen Siuihanilel , der aus 



Il6 II. UrproäucÜoii. §. 5i. Rennt hicre. ^. 52. Hunde. 

Posega über Canisa , durch den 5öA-07yer Wald , und aus 57-rmi>n über Essek , an' dem rech- 
ten Ufer der Donau, über Raab und Ödenburg , den eigentlichen Stapelplatz des nieder- 
ungrisclien Schweinverkehrs , nach ff-^ien und Österreich, und durch die österreichischen 
Sauhändler auch noch weiter getrieben wird , ohne jene Heerden in Anschlag zu bringen 
die aus Ungern nach Auspitz in Mähren sich wälzen. Im J. i8o2 wurden 2^8,415 St., ge- 
schätzt auf 1,723,224 fl. ) in's Ausland getrieben. S. <>. Srhiuarlner a. a. O. S. 227 ff. 
c) Üb<'r die Aus\vahl und Veredlung der vorzüglichsten Hausthiere , aus dem Englischen in's 
Deutsche übersetzt von Franz Daun. Berlin , 1804. Vergl. N. A. D. Bibl. Bd. CH. S. 82. 

§. 5i. 

Rennt lii ere. 

Das Renntliier oder Renar (cervtis larandu.s) ist das einzige Haiistliicr der Be- 
wohner des äusserslen Nordens, nahnienllich der Lappen in Norwegen nj , Schwe- 
den und Rnssland, so wie der Sumojede?i_, OstjUkeiij Tungusen und anderer russi- 
schen Völkerschaften. Es Ijedarf unter allen zahmen Thieren der wenigsten Wartung, 
luid gewährt den mannigfaltigsten Nutzen. Es versorget sich seihst, indem es im Win- 
ter sein Moos luiter dem Schnee hervorscharrl, und zugleich seinen Herrn, dessen 
Acker und Wiese, Pferd inid Kidi es ist. Das Fleisch, Fett und Blut, nehst der fei- 
len und wohlschmeckenden Milch, woraus ein guter Käse liercitol wird, dienet den 
besagten \ölkerst;hal'ten zur Nahrung, alle übrigen Theilc des Körpers zur Kleidung, 
zum Haus- vmd Arbeitsgcrälhe. Im ^Vinter wird es in den Schlitten gespannt , und 
läuft vogelschnell. Soli eine Lappenfamilie in einem gewissen ^Vohlstande leben, so 
sind dazu wenigstens 3oo llennthiere erforderlich. Mancher Nomade besitzt Heerden 
von 1000 — 5ooo, auch bis lo und mehrere tausend. 

fl) Vor wenigen Jahren sind von ISorwegen aus Rennlliiere nach Island versetzt worden , wo 
sie sich in einigen Gegenden so sehr vermehrt haben, dass man Heerden von mehreren Hun- 
derten antrifft. Sie werden zu den jagdbaren Thieren gerechnet, und sind nicht, wie bey 
den Lapplandern , Hausthiere. 

§• 02. 
Hunde. 

Der Hund (canis faniiliaris) , dieser treue Gefährte des Menschen, ist längst mit 
ihm über alle fünf Erdlheile verbreitet , und cmpliehlt sich besonders durch die aus- 
nehmende Schärfe seiner Sinne a) , verbmiden mit seiner grossen vielartigen Gelehrig- 
keit, aber auch durch mancherley andere Brauchbarkeit. Er dienet nicht nur zur Jagd, 
zur Bewachung der Häuser und der Viehheerden und zur Bezwingung anderer Thicre, 
sondern auch zum Ziehen imd Tragen b) , zur Aufsuchung der unter dem Schnee 
verunglückten Wanderer c) , zur Reilung der in's ^Vasser Gefallenen d) , zin- Aufsjni- 
rung der Schafdiebe e) , und in Grönland und Australien ist er sogar Schlachtvieh. 
Aber die Hunde, zumal die entbelwliclien ^ schaden auch auf sehr viele Weise , so- 
wohl der Moralitäl, als der Gesundheit und denrLeben der Menschen, und entziehen 
den Dürftigen das Brot, ein besonders indem Falle zu beherzigender Umstand, wenn 
Hungersnoth einer Provinz droht. Wirklich ist die Anzahl der Hunde hier und da, 
besonders in Hauptstädten, viel zu grossy). Zu den in Europa bekanntesten Racen 



II. üiproductiou. §. 53. Jagdtliicre etc. iij 

geliörcn: der Mops,, der ßiälenOeisser (Engl, the buU-dog) , der Metzgerhiindj der 
grosse und der kleine dünische Hund (der letztere auch wegen seines gelleckleu Fells 
Harlekin genannt), der ungrische Schäferhund ^ der Haushund,, der Jagdhund g), 
der Pudel j das f Findspiel ^ das ßologneserhiindchen ^ der Dachshund j der Spitz 
oder Poinmer. 

a) Die Fähigkeilen des Hundes, Metalle und andere Gegenstände zu entdecken, \o\) Korhlin ; 
im 3. Hefte des 3. Bandes des Bulletins von Hermbslädl. 

b) Wie in den Niederlanden , in Frankreich und Bussland. 

c) Wie auf dem grossen St. Bernhardsberge in derSchweiz (s. §. i2.Nole c). Dieser Gebrauch, 
den die Schweizer \on dem Hunde machen, ist unstreitig edler, als derjenige es war, den 
einst die Spanier \ on demselben gegen die Wilden in Amerika machten. S. Funke's Naturge- 
schichte und Technologie. 4. Aufl. S. 74. Vergl. Polit. Journ. 1811. Febr. S. n2 fl'. 

d) Wie z. B. in Paris. 

e) Wie in Nord-Hamptonshire in England, wo eine eigene Gesellschaft existirl , die Schweiss 
hunde abriciiten lässt , um Schafdiebe aufzuspüren. S. Gölling. gel. Anz. 1806. St. 75.8.741. 

/) In friert zählet man an 3o,ooo Hunde. S. Götting. gel. Anz. 1811. St. 127. S. 1260. Als 
herrenlos wurden daselbst im J. 1810 3o8o erschlagen. S. Vaterl. Blatt, a. a. O. i8ii. 11. 
S. 67. — In Lissabon sollen gar 80,000 lierrenlose Hunde herumlaufen. S. I'enlurinis Ge- 
schichte unserer Zeit. Jahrg. 180g. Bd. 1. S. 81. — Grosse Liebhaberey der Franzosen für 
Hunde, die Frauenzimmer, wen'n sie'ausgehen , an einem seidenen Bande führen, Mäu 
ner aber zur grossen Beschwerde der Mitfahrenden, l)ey sich auf dem Wagen haben. 

g) In England gibt man für gute Jagdliunde i5o — 2oo Pf. St. und darüber. Die Stalle für die 
Jagdhunde des Herzogs von Bichinond kosteten iCj,ooo PI. Sterl. S. Götting. gel. \nz. 1807 
St. i3g. S. 137g. 

S- 53. 

J a g d l h i e r e , und T h i e r e , deren Bälge \ o r /. ü g 1 i c h genutzt weiden. 

Unter den Thieren, deren Bälge vorziiglicli genutzt werden, geljcn der iurcht- 
same f/ase (Icpus tiinidiis) a) und das frucliihare Kaninchen (lepus cunicidiis) Z») das 
Materialc zu niancherley Zeugen, hauptsächlich aber zu Hiiten ah: auch sind sie we- 
isen ihres Fleisches nützlich. — Das angorische Kaninchen oder der Seidenhase j 
der sich besonders durch seine seidenartigen Haare auszeichnet, whd in England 
schon häufig gezogen ; auch in Deutschland c) und Ungern d) hat man mit der Zucht 
desselben angefangen. — Das in ganz Europa befindlicue Eicldiöruchen (sciuiiis vul- 
garis) liefen ein gutes Pelzwerk. Die nordischen weiden iiu Winter grau, und gel>en 
das sehr liekannte Grnuwerk (petit-gris). In Russlatid sind sie ungemein häufig. Die 
schwarzen und silberfarbigen werden am meisten geschätzt. — Noch köstlichere Pelz- 
thiere sind der Baum- und Hnusmarder (inuslela uiartes et foina) e) und der Iltis 
(muslelaputorins), das grosse JViesel oder das Hermelin (mustela erniinea) y") , der Zo- 
Äe/(mustelazibellina) g), der Fischotter (]iilra\n\t^aris h) und der BiOe/' (castor iibei) /), 
die aber ihrer Schädlichkeit wegen furtdaucrnd überall vcrl'olget werden 5 daher denn 
Europa im Ganzen jMangcl daran hat, und oligleich Paissland deren noch eine Menge. 
besitzt, so wird doch viel und kostbares Pelzwerk aus Amerika und Asien eingeführt. 
— Weniger geschätzt sind die Felle des sehr fruchtbaren und schädlicben Hamsters 
oder Kontferkels (nius cricetus) k) , des durch seine Kunstfertigkeit und Geselligkeit 



ii8 II. Urproduction. §. 53. Jagdthiere etc. 

bekannicn Miirinelthiers (mus marmota) l), und des den Wiesen und Gärten schädli- 
clicn Maulwurfs (lalpa europaea) m). 

^'ou den grossen reissigen Tlnereiij deren Bälge und Felle zum Tlieil treflliclies 
Pelzwerk geben, sind in Europa vorhanden: der heisshungrige PFolf (cAn'is lupus) ii), 
der schlaue Fuchs (canis vulpes) o) , der blutgierige , ligerarlige Luchs (felis lynx) p), 
die tigerarlige Katze (catus...) ^),der brummende Äir (ursus arctos) /■) , der A7e/- 
fruss (ursus gulo) s") und der in Höhlen lebende Dachs (ursus taxus) t), die aber im- 
mer mehr und mehr vertilget werden. In Grossbritannien und Irland ist der WoU' 
oänzlich ausgerottet u) , und in Sardinien gibt es weder Wölfe, noch andere reis- 
sende Tliiere w)-. 

Von essbarem vicrfüssigem Wilde , das zum Theil noch auf eine andere Art nütz- 
lich ist, kommen in Europa, ausserdem schon erwähnten Hasen vor: der Hirscli (cer- 
\ US elaphus) .rj , der Damhirsch (cervus dama) j^), das jReA (cervus capreolus) , das 
Elentliier (cervus alce.s) z) und das TVildscIiwein (aper), die aber nirgends so geliägl 
werden, dass sie den Feld- und Gai-tenfrüchien beträchiliclien Schaden zufügen könn- 
ten. Überhaupt wird in Europa das Gebieth und die Anzahl der wilden Thicre , wegen 
der zuneluncndcn Cullur des Bodens, immer mehr verminder l, folglich auch die Jagd 
verhältnissmässig immer mehr eingeschränkt. Indessen beschäftigt diese Lebensart hier 
und da noch immer viele Menschen , und mehrere Staaten verdanken ihr einen nicht 
unbedeutenden Theil ihres jährlichen Einkommens, insonderheit das ausgedehnte, 
mitgro.sscn Waldungen und Einöden, zumal in seinem asiatischen Antheile, verse- 
hene Russland _, wo es noch ganze Völkerschaften gibt, die aus der Jagd ein Haupt- 
geschäft machen, imd ihre Abgäben mit lauter Pelzwerk entrichten, ohne die Scharen 
von Verl)rechern in Anschlag zu bringen, die der Jagd gezwungen sich widmen. Man 
schätzt den ganzen Wcrlh aller in einem Jahr aufgebrachten Thierfclle auf 5 Mill. Ru- 
bel. Was die Jagd der Pclzthiere beiiifft: so vermeidet man gern das Feuergewehr, 
und bedient sich lieber der gelegicn Fallen, worunter die meisten ungemein sinn- 
reich sind. 

d) In den nördlichen und Alpengegcnden befindet sich eine besondere Spielart, der eigent- 
lich sogenannte Berghase (lepus variabilis) , mit breiten und tief gespaltenen Hinterpfoten , 
die ihm bey seinen Wanderungen in den beschneyten Alpert sehr zu Statten kommen. In 
manchen Gegenden, wie z. B. in Grönland , ist er Jahr aus Jahr ein, in andern aber, wie 
in der Schweiz, nur im Winter weiss, in welche Farbe er vom October an übergeht. Die 
Sommerfarbe ist aschgrau , nach dem Kopf und Rücken zu olivenbrauii. Die Haare kann der 
llutniacher nicht so gut, als ^ oni gemeinen Hasen brauchen; von diesem wird besonders 
der Balg des böhmischen und t/uuingischen Hasen, wegen der Feinheit seiner Haare, geschätzt. 

b) Die Raninclienzuchl in's Grosse getrieben, soll in England über 3oo Procent abwerfen. 
S. Götting. gel. Anz. i8o2. St. 44- S. 434- Von den dortigen Ilutmachern werden Kanin- 
chenhaare jährlich an Worlh vOn 25o,ooo Pf St. verarbeitet. 

c) INahmcnllich In Franken , Schwaben und Th'üringtii. 

ri) Unter andern zählte man zu Tolna im J. i8oo einige Hundert dieser Träger seidenartiger 
Haare. 

e) Der l5alg d^s Baummarders ist schätzbarer als der vom Haus- oder Steinmarder. Sein schö- 
nes Fell kommt dem Zobel am nächsten. 

J") Die weisse Farbe der norwegischen Hernxelihe isi daiierhafiev , als der russischen. 



II. ürproiluction. §. 53. Jagdlliiete elc. Ilg 

g) Ehe die Seeotler in Europa, besonders aber bey den Chinesen bekannt wurde, hatte der 
Zobel unter allen Thieren , die ihrer Felle wegen gesucht werden , den höchsten und all- 
gemeinsten Werth , jetzt nicht so häufig mehr, ungeachtet er sich zugleich auch sehr ver- 
mindert hat. Die schönsten kommen aus Jakutzk , Udinsli und Nerlscliinsh , die grösstcn aus 
Kamtschatka. Den höchsten Werth gibt diesem Pelzwerke seine Scln^ärze und das lange 
dicke Haar. Die grössten Liebhaber desselben sind die Chinesen, Perser und Türken. 

h) Es gibt Fluss- , Sumpf- und See- oder Meerottern; der letztern Felle sind kostbarer, als 
die der erstem; sie sind weich, schwarzglänzend und silbergrau, kommen aus Kamiacliat- 
ka , den Inseln des östlichen Oceans , besonders den Aleutea , und von der JNordwestkiisle 
von Amerika, und sind für die Chinesen das kostbarste aller Pelz^verke. Die besten der 
kaffehbraunen Flussotterf'elle kommen aus Nordamerika , und werden wegen ihres grossen 
Glanzes Spiegelotlern genannt. 

i) Der Biber ist nicht nur durch sein Fell und seine Haare, sondern auch durch das Canloreum 
oder Bibergeil, ein ätherisches OhI , welches in vier Säckchen, die hinter den Geschlechts- 
theilen , nach dem Alter zu liegen, abgesondert wird, ungemein schälzbar; auch ist er ein 
beriihmrer Baumeister. Am häufigsten sind die Biber in Nordamerika , besonders im Innern 
von Canada und in Sibirien, da sie nur in grossen Wildnissen und wenig bewohnten Län- 
dern ein geselliges Leben fuhren ; in Europa sind sie selten und gewöiinlich nur einzeln 
nur in Preussen und Galizien , so wie in den hier und da befindlichen Biberteichen leben sie 
in grösserer Anzahl. Aus Nordamerika kommt jährlich eine grosse Menge von Biberfellen 
nach England. Im Jahre 1763 wurden von der Iludsonsbay-Compagnie in London in einer 
einzigen Versteigerung 541670 Biberfelle verkauft. Auch nach Russland ist die Einführe ca- 
nadischer BihcvMlc von Bedeutung. In den Jahren 1790, 1794 und 1796 erhielt es deren 
55,726 St. , ob es gleich selbst jährlich einige hundert Biberfelle und einige Pud Bibergi>il 
(i7g3 iir Pud für i4:8io Rubel) ausführt. Die Haare des Bibers werden zu Hüten ,^ Zeu- 
gen , Handschuhen und Strümpfen gebraucht. 

Ar) Hin und wieder in Deutschland , Ungern, Polen und Russland. Er lebt vorzüglich \on Erb- 
sen , Gerste, Hafer, Weitzen , Roggen, Leinknoten u. s. w. , wovon er grossen V^orralh 
in den Backentaschen zu seiner unterirdischen, wohl 7 Fuss tiefen Rammer schleppt. Auch 
die grüne Saat zehret er ab. Man berechne daraus den Schaden , wenn in einem kleinen 
Bezirke um Gotha herum zuweilen in Einem Herbste 3o,ooo Hamster von eigens dazu be- 
stellten Hamstergräbern sind ausgegraben und getödtet worden. In Ungern, wo sich dieser 
Rorndieb ebenfalls so sehr vermehrt , dass man oft auf einem einzigen Quadratschuh neun 
Hamsterlöcher zählet, werden sie theils durch eigens dazu abgerichtete Hunde, thells durch 
das Austränken vertilget. 

/) Es findet sich in den Hochgebirgen der Schweiz ^ Saooyens , Steyermarks , Kävnlheni , Salz- 
burgs, auf den Rarpathen in Ungern u. s. w. Mit dem Unterrichte dieser possierlichen Thie- 
re geben sich besonders die armen Sacoj'arden ab, und ziehen dann, \vie die Bärenführer , 
mit denselben umher. 

m) Fast in allen Ländern Europa's. Ein aninial subterraneum , wozu ihm besonders die Schau- 
felpfoten zu Statten kommen. 

n) Selten in der Schiueiz , in Italien und Deutschland; häufiger in Siebenbürgen und Ungern (in 
deren Wäldern und Rohrgebüschen Hunderte von denselben jährlich erlegt werden) , so 
wie in Frankreich , wo die Anstalt der königl. f^ol/sjagd (louveterie) besteht , die zum Zwe- 
cke hat, durch eigene kön. Wolfsjäger, den Landmann gegen diese Verwüster der Heer- 
den zu schützen; am zahlreichsten in Galizien, Polen, Russland, ScliH'eden und Nonvegen. 
In den Jahren i8i2 , i8i3 u. 1814 wurden allein in Galizien 4953 Wölfe, nel)sl 40 Bären, 
bloss von Unterthauen erlegt , die dafür Prämien erhielten. Sie geben einen, guten, dauer- 
haften , warmen Pelz , die sogenannte IVihhchur. 



!o Tl. UriModuciiou. §. 54- Hühiierarlige , zaliine und wilde Vögel. 

o) Ausser den lotlicn oder gemeinen Füchsen, gibt es auch weisse, graublaue und schwarze; 
die letztern mit glänzendem Haare und silberfarbiger Schwanzspitze , in Sibirien , auf den 
Meuleti und au( Labrador , sind die seltensten und theuersten ; ihr Fell ist noch kostbarer, 
als das Zobel- und Seeotterfell ; wenn ihre Haare gleichsam silberweissc Spitzen haben , 
werden sie Silberfüchse genannt; auch diejenigen, welche auf dem Rücken mit einem Kreu- 
ze gezeichnet sind, die sogenannten Äreuz/ä(,'A.se, haben einen grossen Werlli, und kom- 
men nur aus den nördlichsten Ländern. In Russland gilt ein schöner schwarzer Fuchsbalg 
5o — loo, auch wohl 2,3, 400 Rubel und darüber. Die völlig schwarzen müssen alle der 
Krone geliefert werden. Ein schönes Fell eines labradorischen Silberfuchses ist wohl eher 
In London mit 5oo Thlr. und darüber bezahlt worden. — Nach England werden Füchse 
aus Frankreich , der Jagd wegen geholt , und auf der Südseite ausgesetzt. 

j,") In den dichten und grossen Waldungen der nördlichen Länder, so wie in den hohen Al- 
penwäldern und Felsenklüften der Schu-eizer Hochgebirge, und in den Alpenwäldern von 
der sogenannten I4^and längs der Alpengränze zwischen Österreich und Slejermark bis Aus- 
see hinauf; doch auch nicht seilen im Neapolitanischen. 

q) Im Königreiche lYar^arra ; sie sind i5 Zoll hoch und 5o lang und die grösste Plage der 
Schafheerdcn. 

;) Der gemeine Bär findet sich vorzüglich in Russland, Polen, Galizien, Ost- und IVeslpreus- 
ien _, Schweden und Norwegen ; allein er verträgt auch das inlldere Klima Europa's, wo man 
ihn hin und wieder, z. B. in Ungern, Siebenbürgen, der Moldau, so wie in den Pyrenäen, 
in den Hochgebirgen der Schweiz, Savoyens , Steyerniarks , Salzburgs u. s. w. findet. Der 
Eisbär (ursus maritimus) lebt in den Gegenden des Polarzirkels , an den Rüsten des Eis- 
meeres, auf JVon^a Semlja und den übrigen Inseln des Eismeeres bis zum Jenisei. Die Bä- 
renhaut wird zu Decken , Matratzen , Muffen , Mützen u. s. w. gebraucht. Die Polen richten 
die Bären zum Tanze und zu anderen Kunstfertigkeiten ab , und verdienen sich Geld damit. 

s) Vorzüglich im asiatischen Russland , in Lappland , Schireden und Norwegen. Sein schwar- 
zes , mit braunen und gelblichen Flammen untermischtes Fell hat weiches Haar und glänzt 
■wie Damast. Es \vlrd zu Muffen , Mützen und Bebrämungen gebraucht. 

t) Sein Balg ist so dicht, dass kein Regen durchdringt, und dienet daher sehr gut zum Be- 
schlagen der Reisekoffer , zu Ranzen , Jagertaschen n. s. w. 

u) In England hat sich schon seit 2oo Jahren kein Wolf mehr sehen lassen, von dessen Ge- 
schlecht der letzte in Irland im J. 1710 erschossen worden ist. 

iv) S. Allg. geogr. Ephem. Bd. 27. S. 24g ff. 

x) Der Hirsch und das Reh sind in den meisten europäischen Ländern, jedoch in einigen häu- 
figer als in andern , in einigen selten und in andern gar nicht vorhanden. 
r) Der Dam- oder Tannhirsch ist nicht so ausgebreitet wie der Hirsch. £«g/a«(i hägt die meisten. 
z) In Schweden , Norwegen, Russland, Polen und Preiissen , aber selten. 

2) Vögel, 
a) Ij a n d v ö g e 1. 

aa) Hühnerartige, zahme und wilde. 

Die Fogel sind nicht nur für die Haushaltung der Natur im Grossen ungemein wich- 
tige Geschöpfe, sondern nutzen aucli dem Menschen mit ihrem Fleisch und Fett, mit 
ihren Eyern, Federn und Federspulen, ohgleich von ihnen verhällnissmässig weniger 
Producle in den grossen Handel kommen, als von den Säugclhicreu. Vorzüglich wich- 



II. UrproJuctiou. §. 54. Hühucrartige , zalimc und wilde Vogel. i2l 

lig lind nützlich in ökonomischer Riicksiclit sind unlor den Land\'bg''ln _, di(3 hilhnev- 
artigen (gallinae)^ die das meiste Hausgeflügel geben, mit dem die .Meierhölc d;r 
Reichen, und Haus und Hof der Bauern l)e\'ölkcrt sind. Unter denselljcn zeichnen sich 
vornehmlich aus: i) der Ifaiis/ialin (phasianus gallus) und das HiiJiti (gallina), wel- 
ches lelztei'e bey der Menge der Eyer^ die es legt, imd seinem oftmaligen Brüten eines 
der allernutzbarsten Thiere der ganzen Classe ist. Beyde sind fast idier die ganze Erde 
verbreitet; doch sind sie erst durch Europäer, nahmcntlich kS)t7rt«ie/"j nach Amei-ika 
verpflanzt worden. Verschnittene Hühner nennet man Poularden ; verschnittene Hiili- 
nc hingegen werden Kapaunen genannt. Wegen ihrer seltenen Güte und Grösse 
sind hier einer nahmentlichen Auszeichnung werlh ilic mit ^laisinehl gcnüistelen, 7 — g 
Pfund schweren i-^e/emc/ic/z Kapaunen aus dem Sulmthale ^ die zu Tausenden nach 
TVien _, Böhmen j in die Rlieingegenden und nach /^<^///e/z verschickt werden. Streit- 
bare oder Kainpfhäline werden in England von eigenen Wärtern gezogen. — 2) Der 
Truthahn oder Kalekuter^wülscfie Ha}in_, Indianer j yomVciUev Midi aelisAuch Con- 
sistori ahogel •^enannl (mclcagris gallopavo), aus Neuspanien nach Europa vepflanzt, 
wird jetzt in mehreren Ländern^ dieses Erdlhcils, vornehmlich in Spanie?i_, Fi'ankreichj 
Italien j Ungern j Slai'o?den _, Cr'oatien _, in den k. k. Militärgränzldndern a) , in 
Dalmatien und Deutschland, als Meiergcflügel in grosser Menge gehallen. In Steyer- 
mark erreicht er bisweilen ein Gewicht von 18 — 20 Pf- — 5) Di« fruchtbare Haus- 
taube (cohunba oenas) , die in einem Jahre g — 10 Mal brütet, so dass man von einem 
einzigen Paare binnen 4 Jahren 14,762 Tauben ziehen kann. In keinem Lande werden 
sie in so unverhältnissmässiger Menge gehalten, als in England _, wo allein in der klei- 
nen Sladt Tuxford an einem einzigen Markttage 700 Dutzend verkauft worden Ä). — 
4) Der Fasan (phasianus colchicus), so benannt von dem Flusse Phasis in Mingrelieu 
(in Asien, welches sein eigentliches Vaterland ist), von da ihn die Argonauten nach 
Europa gebracht hal)en sollen. Sie w erden in eigentlich dazu angelegten Gärten oder 
Gehägen , Fasanerien genannt, gezogen. Man findet aber in vci'schiedenen Ländern 
Europa's, z.B. in Böhmen _,\\o sie ül)erliaupt zaliireich und sehr schmackhaft sind , 
auch wilde Fasanen. — Zu den übrigen Aviklen nutzbaren, in Europa vorhandenen 
Vögeln dieser Oidnung gehören : 5) der yJuerhahn (tetrao urogallus), in der Schweiz,, 
in Ungern j vornehndich aber im nördlichen Europa ; 6) das Birkhuhn (tetrao tetris) , 
vorzüglich in England ,, Schottland j, Schweden ^ Norwegen ^ Russland und der 
Scliweiz; 7) das HaselhuJin (tetrao bonasia), am zahlreichsten in Norwegen j Schwe- 
den j Lappland \xnd Russland; ausserdem in der Scliweiz und in anderen Gegenden 
Europa's; 8) das Schneehuhn (tetrao lagopus), hauptsächlich in den nördlichen und 
Alpengegendcn unsers Erdthcils ; in Stockholm verkauft man sie zu Tausenden auf 
dem Markte imd versendet sie in Fässern; g) das Reb- oder Feldhuhn (tetrao perdix), 
in -gemässigten Ländern, z. B. in Deutschland und Frankreich _, sehr häufig; 10) die 
JFachtel (tetrao coturni.v), ein Zugvogel, der sich hin und wiedei-, z.B. inder Bay von 
Coron in Morea , und auf der Insel Caprian der neapolitanischen Küste in ungeheurer 
Monge sehen lässt. Das Haunloinkommen des Bischofs dieser Insel besteht in Wach- 
telfang; endlich 11) der Trappe (olis tarda) dem flachen Lande angehörig. In Slavo- 
iiien und Ungern j besonders in Jazygiens und Camaniens YXienew , findet er sich, 

i6 



IJJ II. Urpraduction. §. 55. Sangvögcl. ^. 56. Raubvügel. 

vornehmlich zur Erntezeit, in vollen Heerden ein. Anhalt- Käthen ^ auf dessen Fel- 
dern mau die Trappen cbenfoUs in grosser Anzahl llndet, treibt einen nicht unbe- 
trächtlichen Handel damit. Ihr Fleisch wird als Delicatesse gegessen, wenn es nicht zu 
alt ist. Die alten bekommen ein Gewicht von 40 Pf. Ihi" Fleisch schmeckt dann , wenn 
Cb vorher etwa 8 Tage im Weinlager gebcit zt worden ist , wie Rehfleisch. 

<z) Jn den k. k. Mililärgränzländern ist der Trulhahn überall der eigentliche Gränzvogel. Er 
wird in diesen Provinzen zu Hunderttausenden gezählt , und weidet in ansehnlichen Heer- 
den unter besondern Hütern. Auch in Shifouien ist es nichts Seltenes , in einem einzigen 
Bauernhause oft 100 — 2oo Stück Indianer anzutreffen. 
b) S. Güituig. gel. Anz. 1806. St. -jb. S. 741 ff. 

§. 55. 
bb) Sangvögel. 

Unter den sogenannten Sangi'ögeln (passeres) , die sich durch ein zartes und 
scluuackhaftes Fleisch auszeichnen, sind die vorzüglichsten: 1^ die Lerche (alauda). 
l)er Fang derselben macht im Kirchenstaate und in Deutschland j, nahmentlich im 
Anhalt-Köthensc/ten j um Halle j Leipzig j Merseburg und. Gerbrun (liey Wiirzburg) 
einen einträglichen Zweig der Jagd aus; 2) der Krammets^ogel (lurdus pilaris) im 
nördlichen Europa , streicht aber in's südliche. Die römischen Kranimelsvögel , so wie 
die Slavoniens und von Kaivaria in Galizien sind Leckerbissen; 3) der OitolaUj 
Kornjink j diii Fettammer (cmberiza horlnlana) in den wärmeren Gcj^end'ui von Euro- 
pa, besonders häufig in Gärten und Weinbergen; 4) die Beccajige (niolacilla iicedula) 
ebenfalls im wärmeren Europa. 

Der Canarienvogel (fringiüa canaria) ist zu Anfang des 16. Jahrhunderts aus den 
canarischen Inseln nach Europa gebracht worden. Die Zucht dieser beliel)ten Thier- 
chcn wird in mehreren Gegenden Deutschtands als ein Gewerbe getrieben. Vorzüg- 
lich gibt man sich in Tji'olj im ZillertJiale j, in Schwaben und Franken damit .ib , 
vmd versendet jährlich eine grosse Menge durch eigene Träger nach England ^ Russ- 
land mid in die Türkey. Für Nilrnberg allein rechnete man noch in den neuesten 
Zeiten eine jährliche Erzeviguug und Versendung von 8000 Stück. 

Einen noch grösseren Beytrag zum Genuss der edleren Freuden des Menschen 
gibt, wegen ihres unübertroffenen Gesanges, ^\& Nachtigall (motacilla luscinia); daher 
der obrigkeitliche Schutz, den man ihrem Leben luid ihrer Freyheit in vielen Län- 
dern Europa's angcdeihen lässl. In Holland z. B. wird der llaid) einer Nachtigall oder 
die Zerstörung ihrer Brut mit 100 fl- bestraft, und in Bremen ist auf die Haltung ei- 
ner Nachtigall eiuLouisd'or gesetzt worden, mn dem häufigen Wegfangen dieser Sang- 
vögel entgegen zu arbeiten, und dieselben wohlwollend zu begünstigen. 

S- 56. 
cc) Raubvögel. 

Von den Bauln'ögeln (accipiircs) sind hier einer nahmentlichen Erwähnung 
werlh: 1) der Länimergejer j Bartgeyer j, Goldgeyer (vultur barbatus), in den AI- 



II. Urnroduction. §. 67. ScIiwimmTögel. 123 

penländern , insonderheit in der Schweiz,, in Tyro/ , Stejermark ^ im Jjandc ob der 
Enns und anderen Alpengegenden, der grösste ein-opäisclie Vogel , dessen ausgchrei- 
tete Flügel bey lo Fnss breit sind. Er stiehlt Ziegen, Lämmer, Kälber und wohl 
auch Kinder ; 2) der Fischadler (falco albicilla) in Nordeuropa ; 3) der Seeadler 
(Beinbrecher j falco ossifragus) in Deutschland an Seeküsten, thcils auf dem flachen 
Lande; 4) der gemeine, sogenannte Steinadler {^ä\co aquila) in den gemässigten Ge- 
genden von Europa ; 5) der Edelfalke (falco gcntilis) im nördlichen Europa , vor- 
nehndich auf Island j wo es auch weisse Falken gibt, die ganz besonders geschätzt 
werden. Von Kopenhagen aus geht jährlich ein Schiff dahin , um Falken zu hohlen. 
Der Edelfalke wird aber auch in den gemässigten vmd südlichen Europa angetroffen. 
Aus der Moldau müssen jährlich 24 Siück Falken an die osmanische Pforte geliefert 
werden. 

Der Strnuss (struthio camelus), der grÖsste unter allen bisher bekannten Vögeln, 
8 Fnss hoch und darüber , ist zwar ein ausländischer Voge^,, und ausser Afrika nur 
in Arabien zvL Hause; allein mit seinen Schwanz- und Flügelfedern, die man von dort- 
her über England j Holland , Frankreicli und Italien erhält, wird in Europa weit 
und breit ein nicht geringer Handel getrieben. Der Hauplplatz für diesen Handel ist 
Livorno. Die besten dieser Federn sind eine halbe Elle lang, und zieren die Turbans 
der Türken , die Frauenzimmerhüte u. s. w. 

b) W asservögel. 

aa) Schwimmvögel. 

Unter den Schwimmvögeln (anseres) sind statistisch wichtig: 1) der Eidervogel 
oder die Eiderga?is (anas molissima), an den Küsten , Inseln und Klippen der nörd- 
lichen europäischen Gewässer, insonderheit Schottlands ^ der arkadischen und Fä- 
roerinseln j Islands _, Noi^v e g ens wnd Russlands j am häufigsten um Kola j längs dem 
Gestade des Meeres, auf A'ofrt Semlja und Spitzberge/i. Sein Fleisch und seine Eyer 
sind sehr schmackhaft; noch wichtiger aber ist sein Fell, womit man Kleider füttert, 
und die weichen leichten Flaumfedern , die unter dem Nahmen der Eiderdunen be- 
kannt, und in ganz Europa eine belieble Waare sind. Mit Lebensgefahr lassen sich 
die Sammler an Stricken herab , um die an steilen Felsen sitzenden, mit Eiderdunen 
ausgefütterten Nester zu plündern; 2) die Hausgans oder zahme Qans (Ans.s anser), 
vorzüglich zahlreich in Ungern aj „ Polen j Russland bj ^ Preussen und Deutsch- 
land^ nahmenllich in Oesterreich unter der Enns c)„ Mähren j, Pommern d) und 
Meckleidnirg ej ; dagegen sehr geringe Gänsezucht im südlichen Europa, insonder- 
heit in Spanien fj j wo man keine Gänsefedern zu den Betten braucht; 3) der Schwan 
(anas cygnus), dessen Federn kostbarer als die Gänsefedern sind. Aus Polen j Lit- 
thauen und Preussen konnnen viele Ctr. auf die Messen; auch bereitet man die Haut 
mit den Flaumenfedern wie Pelzwerk zu, und benutzt sie unter andern zu den Puder- 
quasten ; 4) die Ente (anas boschas) , fast in jedem Bauern- und Meierhofe befindlich. 
Wilde Enten in unzähliger Menge, unter andern in den Gewässern und Sümpfen JJii- 

16 *^ 



124 II- ürproJucUun. §. 53. Snmpf\ogel. 

gerns und Slawoniens. In lelzlereni Lande werden fast alle Jahre eine Million mittelst 
Netzen gefangen. Man pflegt ganze Fässer voll einzusalzen , und alsdann zu einem län- 
geren Gebrauche zu räuchern; 5) die Seemöve (larus marinus), von der Grösse einer 
mittelmässigen Gans , deren Eyer in Holland auf einer Sandinsel (Eycrland) zwi- 
schen dem Texei und Vilet in grosser Menge gesammelt werden , welche Einsanun- 
lung jährlich fiir 20,ooo H. verpachtet wird. Eben so sind die kleinen flachen Inseln 
(Vär) in Finnmarken in der Nähe yon Risöe gegen iVort/ca/J durcli die Eyer der unge- 
heuren Menge von Seevögeln, die dort brüten, einträglich, so, dass eine yde^ge-f^är 
(Eycr-Yär) mit zu den Vorzügen einer Besitzung gerechnet wird. 

a) Der grösste Theil der Gänsefedern , mit welchen die Prager Juden einen so beträchtlichen 
Handel treiben , kommt aus Ungern. Die Ausführe an Bettfedern betrug im J. i8o2 358, Ö8i 
Pfund , und an Flaumfedern 445 Pfund. 

6) Russland führte im J. i8o3 Eiderdunen und Gänsefedern für 137,681 Rubel aus. 

c) Besonders zu Eipeldau (Leopoldau). Wenn die daselbst äusserst zahlreichen Gänse gerupft 
werden: so verlinstern die herumfliegenden Flaumen schneeähnlich die Luft. 

d) Es ist nicht nur durch seinen Rciclithuni an Gänsen, sondern auch durch Mästung dieser 
Vögel berühmt. Eine pommer'sche Gans wiegt nicht selten 18 — 2o Pfund, .ohne Blut und 
Federn. Die Brust da\on wird gemeiniglich geräuchert, und unter dem Nahmen Speckgänse 
versendet. 

e) Die meisten und besten Posen oder Federspulen kommen aus Mecklenburg, Pommern , Preus- 
sen und Polen. 

f) Nach Dillon sollen die Sp.inler einen religiösen Abscheu vor d.'n Gänsen haben , weil die 
ihnen so verhassten Juden so viele Gänse ässen , wodurch sie eine so schmutzige Haut und 
einen widrigen Geruch erhielten. S. Neueste Länder- und Völkerkunde; von Ehrmann. 
Weimar, 1Ö06. Bd. 1. S. 240. 

§. 58. 

bb) Sumpfvögel. 

Von den Sumpf\'ügeln (grallae) sind benierkenswerth: 1) die Schnepfe (scolo- 
pax) , davon an 5o Gattungen in Europa gezählet werden. Das Eingeweide mit dein 
Kolh hält man bekanntlich für einen Leckerbissen ; 2) das IFasserJmlin (fuhca) , des- 
sen Fleisch gegessen wird, nachdem man ihm vor der Zubereitung die Haut abgezogen 
hat. Es hält sich auf Teichen auf; 3) der Kiebitz (tringa vanellus) , ausserordentlich häu- 
fi," in Holland j wo dessen Eyer als eine Leckerspeise für die wohlhabende Classe die- 
nen, und davon die zuerst gefundenen mit 1 bis 5 Ducaten das Stück Ijezahlct werden. 

Übrigens ist die Consumiiou an verschiedenem Geflügel verhäknissmässig am 
stärksten in "rossen Städten; daher denn auch die Federviehzucht in den Umgebungen 
der Hauptstädte emsig betrieben wird. Nach London z. B. w erden Gänse zu 2 — 3ooo, 
ja bis QOOO auf einmal in Heerden getrieben. Nach frien kommen aus Ungarn jähr- 
lich über i5o drey bis vierspännige, jnit Hausgeflügel jeder Art beladene Wagen, und 
aus Steyermark 6 — 10,000 Kapaunen, ohne die vielen Gänse, Enten und Hidiner in 
Anschlag zubringen, die das Dod Leopoldau und andere benachbarte Dörfer dalün 
liefern. Im J. i8o3 veizehrtcn die vier Stadtviertel JFiens allein, ohne die 33 Vor- 
städte: 371,523 jnnge und 33,622 alte Hühner, 7g,5g8 Kapaunen, 49,018 Poularden, 
95,463 Gänse, 37,g6o Enten u. s. w. ; dann 20,906,780 Eyer. In Paris werden jähr- 



II. Urproduction. ^. 5g. Amphibien. ^. 6o. Fischerey. itä 

lieh 559,000 wülscLe Hahne, 200,000 Poularden und Kapaunen , 2,3oo,ooo junge IIüli- 
ner, g3o,ooo Tauigen, i34,ooo Reldmhner und 74,000,000 Eyer verzelirt. — Ber- 
lin erhielt unler Friedrich 11. aus Sachsen jährlicli fiu- 12,000 Thlr. Eyer. — Nacli 
Stockholm ginj^en aus Norland j wo die Vogeljagd so wichtig ist, im J. 1762: 36,072 
Auerhähne, 88,525 Birkliühncr , 1 7g,g43 Haselhühner, g8g8 Schneehühner und 27,20g 
Krammeisvögel. 

§• 5g. 

3) Amphibien. 

Die Benutzung <\.cv j4mphibieti fiir's Menschengeschlecht ist ziendich geringe ahcr 
für manche Gegenden dennoch nicht unheträchllich. Besonders wicluig ist das Ge- 
schlecht der Schildkröten (lesludo) , deren die meisten mit einer knochigen sehr fe- 
sten Schale bedeckt sind, deren Oberllicil mit dem Rückgratli und den Hin^jen des 
Thieres verwachsen, und mit den breiten hornälinlichen Schuppen (Padden) belct 
ist, die das eigentliche ScJiddpad geben, das in den Handel kommt, und zu feinen 
Kunstsaclicn verarbeitet wird. Ausserdem nützen die Schildkröten durch ihre Eyer 
und ihr Fleisch, welches besonders für Seefahrende eine gesunde und erquickende 
Speise ist. Von den bekannten Gattungen des ganzen Geschlechts sind hier folgende 
bcmcrkenswerth : 1) die gemeine Flussschildkröte (testudo orbicidaris), die im mil- 
dern Europa angeiroffen wird, in einigen Landern, wie z, B. in Ungern \u\A Slavo- 
nienj wird sie in ausgemauerten oder mit Holz ausgefütterten Gruben gehägtj 2) die 
Schuppen- oder Karetschildkröte (test. imbricata) , die in beyden Indien zu Hause 
ist, und das beste Schildpad gibtj 3) die Riesen- oder grüne Schildkröte (Mydas, 
test. mydas), im ^Vcltmeere zwischen den beyden Wendezirkeln, bisweilen wird sie 
aber auch an die europäischen Küsteji verschlagen. Sie ist die grösste unter allen er- 
reicht eine Länge von 8 — g Fuss, und halt zuweilen über 8 Ctr. an Gewicht. 

Von dem Gcschicchte der Scldiingen (serpenles) werden die in Itidien j vor- 
nehmlich im Kirchenstaate in grosser Älenge vorkonunenden Flpern (vipera berus) 
häufig zu den Viperneuren gehascht und zu Theriak gebraucht. 

4) Fische. 
§. 60. 
F i s c h e r e y. 
Man theilt sie m Land- und Seefischerey. Jene wird in süssem Wasser, theüs 
wild j in Seen und Flüssen, theüs zahm ^ in künstlich angelegten Teichen getrieben; 
diese im Meere. Die Seefischerey zerfällt wieder in die grosse und kleine oder Kü- 
stenfischer ey. Die grosse Fischerey, welche nur in gewissen Gegenden des Äleeres 
weit vom Hause in ganzen Flotten getrieben wird, ist auch nur auf bestimmte Gattun- 
gen von Fischen gerichtet, nähndich auf Häringe^ Kaheljnne und f Fallfische. Unter 
dem WaMschfang wird zugleich der Seehundsfang oder Robbenschlag mit begriffen. 
Besondere Arten der Fischerey beziehen sich auf die Austern j die Musclieln , worim- 
ter insonderheit die Perleninuscheln von grosser Erheblichkeit sind , und endlich 
die Korallen. 



SSS II. Urproduction. §. 6i. Knorpelfische. 

Die Landfischerey ist für manchen europäischen Staat von grosser Wichtigkeit; 
iingleLch erlicbhcher und einträglicher aber ist die Seefischerey , insonderheit die 
grosse Fischerey, da sie niclit nur eine grössere Quantität von Nahrungsmitlehi in den 
Handel bringt , und an sich schon eine grössere Menschenzahl beschäftigt , sondern 
auch Nahrungsquelle für Millionen ist, die nie ein Netz berührten aj , und dadurch 
den Nationalwohlstand in einem weit höhern Grade befördert, als die Landiischerey ; 
ohne des für Seemächte so bedeutenden Vortheils zu erwähnen , dass die grosse Fi- 
scherey zur Pflanzschule guter Matrosen für die SchiflTahrt wird , da sich dadurch eine 
grosse Menge von Menschen an die Gefahren und Beschwerden des Seelcbens ge- 
wölmt, hinlänglich gewandt und abgehärtet dazu wird. 

Übrigens ist es sehr schwer, den ganzen Ertrag der Fischerey einer Nation zu 
bestimmen. Schon der Werth der Landfischerey ist selten bekannt, und doch muss 
sie mehreren Ländern bj misers Erdtheils sehr viel eintragen; noch seltener aber sind 
zuverlässige und vollständige Nachrichten über den Ertrag der Seefischerey. Es fehlt 
nicht nur an solchen Angaben von der Zahl der Hände , die sie beschäftigt, und von der 
Zeit während welcher diese Hände beschäftigt sind, sondern auch an Daten von der 
Grösse der Summen, welche der Bau und die Ausrüstung der Schiffe, welche Netze 
Salz Tonnen und der Lohn der Maunscliaft erfordern, ohne andere Angaben der 
Art an denen es ebenfalls mangelt, zu erwähnen. — Die grössten Vortheile aus der 
Seefischerey ziehen jetzt England und die vereinigten nordiimerikanischen Stuaten; 
einst war sie eine der ergiebigsten Quellen der Wohlfahrt der Holländer cj. 

a) Wie z. B. der Seiler utid der Salzsieder, der SchlfTer und der Landmann, der Schmied 

und der Zimmermann, der Fisclibeinspalter und der Tliranfarenner , der Raufmann und 

der Fassbinder, 
i) Besonders den an Seen so reiclien Alpenländern; dann Ungern, Deutschland und Russland, 

als vvelcfie Länder die fiscfireichsten Flüsse besitzen , und liusslanä überdiess die meisten 

Landseen zählt , so wie in Deutschland, nahmentlich in Böhmen, Mähren, Sachsen, der 

Mark Brandenburg , der Niederlausitz und Schlesien, dann in Galizien die meisten feiche 

vorhanden sind. 
c) Der Häringsfang, so auch der Stockfisch- und Wallfischfang, welche im 17. .Tahrh. mehr 

als 400,000 Personen beschäftigten, erforderten in manchem neuern Jahre kaum 1000 Menschen. 

§• 61. 
a) Knorpelfische. 

Unter den Knorpelfischen (pisces cartilaginei) , oder Fischen, die keine wahren 
Gräten haben, veranlasst eine sehr wichtige, ausgebreitete und in mehreren Rück- 
sichten nützliche Fischerey das Gesclilecht der Störe (acipenscr), vornehmlich in 
Riisslandj Ungern und Preussen. Dahin gehören: 1) der gemeine Stör (acipenser 
sturio), welcher im schwarzen vmd caspischen Meere, in der Ost- und Nordsee, zu- 
mal in beyden ersteren, überaus häufig ist, und sich im Sommer aus diesen in die gros- 
sen Flüsse und Seebusen zieht. Er wird gegen aooo Pfund schwer. 2) Der Sterlet 
(acipenser ruthenus), am häufigsten im caspischen Meere mid dessen Flüssen, beson- 
ders in der Wolga. Sein Fleisch ist schmackhafter, als das vom Stör, so wie auch 
sein Rogen feiner ist; er wird aber sehen über 3o Pf- schwer; 3) Der Sternstör j rus- 



II. Urprüduütion. §. 6j. Mit Giätcn yerschene Fische, igj 

sisch Sewruge (acipenser stellatus), ebenfalls im caspisclicn Meere imd dessen Flüs- 
sen. Er hat unlcr allen Slörgatlungen den besten Rogen j 4) der Hausen j russisch Be- 
luga (acipenscr hiiso) im caspischen, schwarzen und asowschen Meere, woraus er 
zur Laichzeit in die Wolga, Donau u. s. w. steigt, in welchem letzleren Strome er bis 
Pressburg ]ierauf\onimt aj. Er ist der grösste unter allen Störgatlimgen, und erreicht 
oft ein Gewiclit von 1700 Pf. Von allen diesen Störgattungen wird das Fleisch sowohl 
frisch, als auch eingesalzen mid marinirt gegessen; in Russand erhält man sie sehr 
lang durch den Frost, imd versendet sie so über mehrere himdert und zum Theil 
tausend \V erste. Aus dem liogen bereitet man den KtH'iar _, Acr ungeachtet des tlira- 
nigten GescJimackes von einigen Nationen als eine l)esondere Delicalesse genossen 
wird. Die Russen kennen bey der Zubereitung gewisse Vortheile, die ihrem Kaviar 
den Vorzug vor andern verschaffen. Den besten giJjt der Sewruge. Aus der Schwinun- 
blase \vird der, unter dem Nahmen der Hausenblase bekannte Fischleim bereitet. 
Einer wahrsclieiiilichen Schäiziuig zufolge wird der Betrag des Geldumsatzes der Fi- 
scherey in dem caspischen Meere und dessen Flüssen , als der stärksten vmd vortheil- 
hafleslen unter allen russisflien Fischereyen , auf 8,8g8,5go RtJiel angeschlagen, iu 
welcher Suuuue 4,2l6,3oo Rubel als Auslage mid 4,682,290 Rubel als Einnahme er- 
scheinen. Ausgeführt wird von diesen Fischen sehest wenig, da sie der strengen und 
lange dauernden Fasten grössten Theils im Lande selbst verzehrt werden ; Kaviar geht 
dagegen sein- viel bj , und Hausenblase in noch grösserer Menge aus cj , als im Laude 
verbraucht wird. 

Von dem Geschieclite der ISeunaugen (Steinsauger, petromyzon), die ebenfalls 
zu den Knorpelfischen gehören, werden vorzüglich geschätzt: die köstliche Lamprete 
(petromyzon marinus), die hauptsächlich in der Nordsee lebt, und die Pricke (iVew/i- 
az/g-Cj petromyzon fluviatilis), die in mehreren europäischen Flüssen häufig angetrof- 
fen, hierund da stark gefangen, und marinirt in grosser Menge versendet wird. Beson- 
ders sind die Bremer- und Lüneburgerpricken beliebt. 

d) Den stärksten Hausenfang in Ungern haben Tolna , Foldfur ^ Komorn und Hedlcar. 

b) Im J. 1793: 37,g5o Pud fiir 188,397 Rubel. 

c) In eben demselben Jalire: Ü22i Pud, 45i,ä3o Rubel vvcrth. S. Slorch's Statistische Über- 
sicht des russischen Reichs. S. 124. 

§• 62. 
b) Mit Gräten versehene Fische. 

Unter den mit Gräten versehenen, oder eigentlich sogenannten Fischen (pisces 
splnosi) veranlassen die erliel)liclistcn luid ausgedehntesten Fischeieyen das Gescldecht 
der Häriuge (clupea) und das Geschlecht der Kabeljaue (gadus) j nächst diesen das 
Geschlecht der Makrelen (scomljcr) und das der Lachse (salmo). 

Zum Häringsgeschlechte gehören als die vorzüglichsten der gemeine Häring 
(clupea harengus), die Sprotte (clup. sprotta) und die Sardelle (chip. encrasicolus), 
— Die Sprotten oder Breitlinge , in der Gestalt den Häringcn ähnlich, werden an 
den Küsten des nnttelliüidiscuen Meeres, der Nord- vmd Ostsee in grosser Menge ge- 
fangen, und theils eingesalzen, liieÜs geräuchert versendet. Die iSa/'i/e//e/j (Anjovis) 



128 II. Uipioduction. ij. 62. Mit Gräten verselifne Fisclie. 

finden sioli in ansserordcntliclier Menge in der Nordsee und im ntlnnlisclien Meere, 
Avo sie an allen Kü.slcn, vorziiglicli ati den norwegisc/ien und fi-anzösLSchen j, liaiiiig 
gefangen werden. Im FniLijahre konunen sie millionenweise durch die Strasse von 
Giljialiar in's nÜLielländiscJie und adriaüsclie ^leer, und veranlassen auch hier an 
nichrcren Kiisten eine erlie])liche Fischerey. An den südlichen Küsten Dulinatie/is 
allein, besonders um Lisscij werden oft atif einer einzigen Fischerbarke, liauplsächlicli 
in einer dunkeln Nacht, 60 — l5o,ooo Stück Sardellen gefangen. — Noch wichtiger aber 
ist der Häringsfnng j sowohl an den Küsten von Schottlund ^ EngUmd _, Irland , 
Frankreich j Holland j Dänemark j, Schweden und Norwegen ^ als auch vorzüglich 
auf freyein Meere in der Nordsee , wo er jährlich in der Gegend der schettländischen 
Inseln und Scliottlands mit grösseren Schiffen in kleinen Flotten, jetzt am stärksten 
von den Engländern, ehemals von den Holländern aj , ausserdem von Frankreich aus, 
ferner durch die Scliilfe einer hanöverischen Häringscompagnie von Emden aus, und 
eine.' dänischen von Jltona^ und seit 1806 auch von Bremen aus getrieben wird. Die 
besten Häringe sind die holländischen _, weil keine Nation die Kunst, die Häringe 
einzusalzen, so gut versteht, als die Hollander; dann folgen die jiitis dien oder däni- 
schen ^ hanöverischen (ostfricsländischen), e/iglischen_, schwedisc/ien und norwegi- 
schen j welche letztere gewöhnlich Berger imd Drontheimer genannt werden. An 
den norwegischen und schwedischen Küsten wird aus dem Ausschüsse und A])falle 
der Härhige der Häringstliran ^^esollen , wovon Gotlienburg iinJ. i8o3, nebst 107,290 
Tonnen Harlnge , 1143 Tonnen ausfüluie. 

Zti dem Gesclilechte der Kabeljaue gehören: der s^emexnc Kabeljau (gadnsmor- 
rhua), der Dorsch (gad. callarias), der Leng (Lengling, gad. -molua) und dev Schell- 
fisch (gad. aeglefjuus), die wegen der unsäglichen Menge, der mannigfaltigen Zube- 
reitung bj und langen Conservation von der äussersten Wichtigkeit sind. Sie finden 
sich vorzüglich in nördlichen Gewässern, v,o sie um Kola am Eis- und weissen Mee- 
re, tun A'orwegen cj _, Island dj und an den Nordküsten von Grossbritannien ej j 
besonders aber an den Küsten des brittischen Nordamerikaj uu\ Neu foundlajid oder 
Terre neuve j Labradoi- _, Neuscliottland und Cap-Breton j die wichtigste Fischerey 
veranlassen yj; die Britten müssen jedoch den reichen Kabeljaufang in den nordame- 
rikanischen Gewässern mit den vereinigten Nordamerikanern gj imd den Franzoseia/zJ 
theilen. 

Zu dem Gesclilechte der Makrelen gehören die gemeine Makrele (scomljcr) und 
der Thunnfisch oder die spanische Makrele (scomber thynnus). Jene gehlals-Zugfisch 
aus der Nordsee in die Ostsee, dann durch den Canal um Spanien herum in's nüttel- 
ländische Meer, und veranlasst besonders an den grossbritannischen j norwegischen^ 
dänischen j deutsclien und französischen Küsten eine beträchtliche Fischerey. Sie 
hat ein sehr schmackhaftes Fleisch. Besonders sind die scliottischen Makrelen dess- 
halb beliebt. — Der Thuniißscli findet sich nicht nur im allantischen und mittellän- 
dischen ISIeere, sondern auch in der Nordsee luul in den ost- und westindischen Ge- 
wässern; doch macht er nur im atlantischen, mittelländischen und adriatischcn Meere 
eine wichtige Fischerey aus, da er in den meisten angränzenden europäischen Län- 
dern eingesalzcn und mariniit, wegen seines derben und nahrhaften Fleisches, ein 



II. Urprodiiction. §. 62. Jlit Griitcn versehene Fisclie. 12g 

sehr allgenioinos und beliebtes Nahrnngsrriiltel ist. Am sliirkstcn wird dieser Fis<-hrang 
an den port/igies/'sc/ien j franzosisclien , neapolitdiiischen j, sicilidnischen ^ savdini- 
schen und dalmatinisclien Küsten getrieben. Spanien j, an dessen Küste der Tliunn- 
lisch sich in grosser Menge zeigt, treibt den Fang desselben sehr massig,, weil die Fi- 
scherey gegen t^ie Barbci7'eskennic\it gesichert ist. Die an denKüstenznni Thunnfisch- 
fang befmdhcben ^inlagen mit den dazu gehörigen Einrichtungen werden Tonnarn 
genannt. 

Die vorzüghchslen Gnltiingcn des Geschlechts der Lachse sind: i) der gemeine 
Lachs (Salm, salmo salar) , dessen Fang in Norwegen _, Schweden und Rnssland , 
so wie in England _, Schottland und Irland ^ auch einigen deutschen ij und antlern 
Fbissen sehr wichtig ist. Älit cingesalzencn Lachsen treiben hanptsächlicli Norwegen 
und Schweden j mit marinirten und geräucherten Hamburg j Bremen , Pommernww\ 
Sachsen einen vortheilhaften Handel. Bloss Schweden liefert jahrlicli an 20 — ^25, 000 
Tonnen eingesalzcnen Lachs. — 2) Das Blaufellchen kj (salmo \Varlmanni) , am liiiu- 
figstcn im Bodensec, für dessen Nachbarn dieser Fiscli das ist, Mns der lläring fiir die 
nordischen Völker. ^ om May l)is zum Herbste werden viele ^liliionen gefangen. jNFa- 
rinirt versendet man sie nach ^Vien , Leipzig, Paris 11. s. w. — 3) Der StdhUng (Sal- 
velin, Schwarzreuterl, salni. salvelinus), die fesche (Asche, salm. thymnllus) , die Ma- 
rä/ze (sahn, maraena) , der Rheinanken (salm. ilanca), die gemeine Forelle (Teich- 
forellcj Bachforelle, salm. fario), die ydlpforelle (Bergforelle, Rothfisch, sahn, alpi- 
nus), d\c Lachsforelle (sabn. irulla) u. s. w. , die sämmtlich für die schmackhaftcslen 
Fische gehaken werden, und l)esonders in den Alpcnländern zu Hause sind. 

Der II eis (Schaidlisch, silunis glaris) , zu dessen Geschlecht einige zwanzig Gat- 
tungen gehören, ist, nebst dem Hausen, der grössle Süsswasscrfisch, der wohl drey 
Ctr. an Gewicht hält. Er wird vorzüglich in der Donau j Elbe imd Weichsel gefan- 
gen, und sein Fleisch wie Lachs zugerichtet. — Von dem Geschleclite der Aide sind 
die vorzüglichsten die Muräne (mnraena hclcna) und der gemeine Aal (mur. anguil- 
la). Jene hält sich haupisächhch in der Gegend von Sardinien auf. Sie wurde ihres 
schtnackhaften Fleisches wegen schon in alten Zeiten hochgescliätzt. — Anstalten 
zum Aalfange oder sogenannte Aidfänge findet man im Rlieiiij in der Oder ^ Spree 
und in Jiltland _, wo die Stadt Aalborg von dem Handel nnt geräucherten und mari- 
nirten Aalpn ihren Nahmen soll bekommen haben. Sehr grosse Aale enihäh der fisch- 
reiclic See Albufera bey Valencia in Spanien. 

Von den zahmeji Eischen endlich , d. i. von denen, die des Nutzens wegen in 
Teichen gehalten werden, sind, ausser der gemeinen Forelle, von der schon die Rede 
war, die vorzrigüchstcn : der Hecht (esox lucius) und der Karpfen (cvprinus carpio). 
— Mit den Scl\ii()])cn der TVei s sjisch e {\]Wey ,ey^r\nn'& alburnus), die zum Geschlecli- 
te der Karpfen geliöicn, treiben die Einwohner von Heidelberg starken Handel nach 
den schweizerlichen und französischen Glasperlcnschleifereycn. 

<() JSach de tViil gewannen dio Holländer durch den Häringsfang jährlich 8 Mill. , nach Ja- 

nicon gar dj Mill. (1. Allein hcreits vor 179^ und noch früher befand sich dieses wichtige? 

Gewerbe durch die Concurrenz anderer Völker im Verfall. Im J. 1620 liefen 2ooo Burscii 

(Haringsschiffe) aus; im J. 1779 nur eiuzehu; wenige; jetzt, durch ausgesetzte Prämien von 

2 — 5oo fl. ermuntert, mehrere. 



>3o • II. ürprocliiclion. §. 63. Wallfisclie. 

b) Die an der Luft grtrocknoton Fische dieses Geschlechts werden überhaupt Stackfische oder 
Kloppfische ü,iinAnnl\ insonderheit ist der auf diese Art zubereitete Kabeljau unter dem be- 
sagten Nalimen bekannt ; Laberdan oder Sahfisch heisst der bloss eingesalzene Kabeljau ; 
Klippfisch aber der eingesalzene und hernach auf Klippen an der Sonne getrocknete. 

c) L'crge« allein führt jährlich an 100,000 Ctr. Lenge aus. Zu fang, dem Mitfelpuncte und 
Hauptorte aller norwegischen Fischereyen , versammeln sich im Winter jahrlich 4ooo Boo- 
te , jedes mit 4 — 5 Mann besetzt, die nahe an 16 Mill. Dorsche und Kabeljaue fangen, 
■wovon die jährliche Ausfuhre sowohl nach der Ostsee, als nach Dculsc/ilaiul , Frankreich, 
Spanien^ Portugal u. s. w. über 1,200,000 Thaler beträgt. 

d) Der beträchtliche Kabeijaufang an den Küsten von Island wird theils von Isländern und 
Norwegern,, theils von Holländern getrieben. 

e) Bey den schellländisehca Inseln treiben die Engländer einen starken Kabeljaufang. 

/) Der englische Kabeijaufang \n Nordamerika beschäftigt jährlich über 5oo Schiffe, eine grosse 
Menge von Booten, über 21,000 Menschen beym Fangen, Einsalzen und Einpacken der 
Fische, nebst einer grossen Anzahl von Matrosen, und gibt oft über 900,000 Ctr. Fische, 
deren Absatz nach ff^esltndien , Porlugal , Spanien, Italien und andern Ländern sehr be- 
trächtlich ist. 

g) Die Ausfuhre von getrockneten und eingesalzenen Fischen aus den vereinigten Staaten von 
Nordamerika (wovon der Stockfisch immer das Meiste ausmacht) nach Europa und ITesl- 
indlen, betrug im J. i8o2 weit über 400,000 Ctr. 

/() In Folge des Pariser Friedenstractates von 1814, ist das Recht der Fischerey auf der gros- 
sen Bank von Terre neiwe , an den Rüsten der Insel dieses Nahnicns und der umliegenden 
Inseln, so wie im Meerbusen von St. Laurent , für die Franzosen auf eben den Fuss , auf 
welchen es im J. 1792 bestand, wiederhergestellt. 

j) Vorzüglich im FJiein , in der£/6e, lf''eser und nnMayn. Am boriil;mtcsten sind die Ti/ifin- 
lachse, die bey ff^esel , St. Goar , Engers und an andern Orten in M>'nge gefangen werden, 

A:) So heisst der Fisch im siebenten Jahre; im ersten Jahre wird er Heuerling} im dritten 
Gangfiscli u. s. w. genannt. 

§• 63. 

VV a I 1 f i s c h e. 

Von den TFal/ßscIigattiiiigen (cctacea), als denjenigen warmldüligen Thieren , 
die mit den kaltljliiligen Fi.sclien nur die äussere Gcslait und den Nalinien gemein lia- 
ben, veranlassen den einlriiglichslen Fang: i) der geineine odcv grönländische IVall- 
Jisch (lialacna nijslicelus), das grösstc aller liekannien Tliiere, 60 — 120 Fnss und dar- 
üher lang, 40 — 5o Fuss dick und iihcr 100,000 Pfund schwer. Er ist llieils um den 
Nordpol j zumal um Grönland _, Spitzbergen und iA'Oiva Semlja herum, aber auch in 
siidlichen Gegenden, im atlantischen Ocean, an den südafrikanischen und südameri- 
kanischen östlichen und westlichen Küsten untl im stillen Meere zu Hause, wo die 
Europäer aj luid Nordamerikaner ihn ül)erall aid'suchcn bj. Den Nordländern gibt 
dieses Seeungeheuer Nahrung und Kleidimg; die Europäer hingegen fangen den Wall- 
fisch des Specks (zum Thransieden), besonders aber der Barden wegen, deren er 700 
in der ol)ern Kinnlade hat, die Aa^s Fischbein geben, tmd von denen die mittelsten als 
die längsten wohl 10 — 20 Fuss lang sind. — 2) Der Pottfisch oder Kaschelot (pliy- 
seter macrocephalus) , bis 60 Fuss lang und 3o Fuss dick, im nördlichen Ocean, vor- 
züglich aber im südlichen Weltmeere, ztunal an den Küsten von Brasilien j Neusiid- 



II. UrproJuclion. §. 64. Rc.bben. l3l 

Wales und i\easpanteji. Er wird liauptsiichiicli des iliciircn cj fValli-tiths (sporma- 
celi) wegen aufi^csuclil, das in Gostall eines niilcliwcissen Ollis llicils iin Körper des 
Thiers, tlieils ahcr und zwar in grosser Menge in gewissen Behältern am Kopfe des- 
selben gcl'iinden , und tlieils in der Medicin, tlieils zum Brennen und zu Lichtern ge- 
braucht wird. In den Gedärmen dieses merkwiu'digen Tliieres findet sich zuweilen 
die köstliche wohlriechende graue Ambi'a. 

d) Nahmentlich die Engländer, die jelzt den Wallfischfang stärker, als irgend ein Volk trei- 
ben; dann die Holländer , einst die stärksten Wallfischlänger ; ferner die Russen, Dänen, 
Hamburger , Bremer und Portugiesen. Noch im J. i-ySo sendeten die Ilüllander 2oo , und im 
J. 1766 186 Grönlandsfahrer, d. i. , Schiffe nach Grönland und derDavisslrasse zum Wal 1- 
fischfang; allein in den letzleren 10 Jahren vor I7q5 betrug die mittlere Zahl derselben, 
nach Mclelerkamp, nicht über 60, die während dieses Zeitraums 2295 Wallfische und 55,722 
Tonnen Speck, jährlich demnach 22g-j Fische und 5572 Tonnen Speck brachten. 
h) Das Werkzeug, dessen man sich bedient, um Wallfische zu fangen und zu tödten , ist die 
Harpune , eine Art von Pfeil oder Spiess. Sie ist zweyerley : die Wurf- oder Handhnrpune , 
und die Harpunbüchse oder Gescliiäzharpune. Jene ist ein Pfeil , der zwey starke Widerha- 
ken hat , und an einem hölzernen Stiele befestigt ist. Sie ist die gewöhnliche , womit man 
das Thier nur in geringer Entfernung treffen kann , wovon die weiteste 40 — 45 Fuss be- 
trägt. Die Geschiitzharpune ist flintenartig gebaut, und wird mittelst der angebrachten Flinte 
abgeschossen. Diese Büchse trifft sogar 100 Fuss weit, und die mittelst derselben abgeschos- 
sene Harpune dringt 8, 10, i2 und mehrere Fuss tief in den Riesenkörper des Wallfisches 
ein, so dass er in einigen Minuten getödtet ist. Auf das Treffen in grösserer Entfernung 
kommt darum etwas an, weil die Wallfische, durch die Verfolgungen der Menschen schüch- 
tern gemacht, ihnen nicht mehr so nahe kommen, wie ehemals. Eben desshalb gebrauchen 
die Engländer seit einiger Zeit , statt der Harpunbüchse, die Congreve'sche Branarackele , 
welche die Wallfische in noch grösserer Entfernung trifft und tödlet. 
c) Ein Raschelot gibt i25 englische Barils (jedes zu 32-|- Gallons) Wallrath , und ein Fass ^ on 
8 Barils wird in London für gS — 100 Pf St. verkauft. S. Allg. geogr. Ephem. Bd. 38. S. oaS- 

§. 64- 
Robben. 

Unter den Robben (phoca), die ihrer zusammengewachsenen Ilinterfiissc wegen, 
als eine Millelgatlung zwischen den vierlVissigen Thicrcn und den Fischen angesehen 
werden können, alier doch warmblütige , lebendige Junge gebärende Tliiere, folglich 
Säugethiere sind , wird von den Europäern vorzüglich aufgesucht das sogenannte See- 
kalb j oder der gemeine Robbe j gemeine Seehund (phoca vitiüina) , der in grosser 
Menge nicht nur in Meeren , nahmentlich im nördlichen und südlichen Eismeere mid 
dessen benachbarten Gegendcm, in dem schwarzen Meere, in der Nord- und Ostsee 
u. s. w. , sondern auch in Landseen, wie im Ladoga _, Onega und Baiked _, vorkommt, 
und dm-ch Schiessen erlegt, oder mit schweren, mit Eisen beschlagenen Keulen er- 
schlagen wird. Man beiiulzt die Haut zu R^ieinwcrk, zum Überziige von Kasten, Kof- 
fern, auch zu Tornistern u. dgl. , den Speck zum Tiansieden. Vorzüglich empfiehlt 
sich der grönländische Seehund imi Grönland , Spitzhergen _, Nowa Semlja u. s. w. , 
wegen der dicken Haut und des gulon reichlichen Specks. Einigen Insulanern, wie 
z. B. den Alculen, ist der Seehiuid das, was den Lappliindern das Reimlhier, 



i3» 11. Urpruilucliün. §. 65. Nüuliclie luscctcu. 

5) I a s e c t e n. 

§. 65. 

a) Nützliche. 

Aus der weillaulijj'cn Classe der Iiisecteii sind, ihrer uumitteUjarea Nutzliarkeit 
Avegen , folgende sialislisch wichlig : 

Die Honigbiene (Imme, apis mellifica) , eben so beridmil durch ihre liewuiide- 
rungswürdigen Kunsltriebe , als nützlich durch ihre Arbeilen. Sowohl die zahme, 
-welche in Korben und Stöcken gehäget wird, als auch die wilde oder Waldbiene, 
vvelclie in hohlen Biiunien, Sleinhaulen oder Höhlen unter der Erde nistet, gibt mit 
dem Honig und dem daraus bereiteten Metli j vornehmlich aber mit f Fachs ein wich- 
tiges llandelsprodnct, wovon das letztere \n Dentscliland aj ^ Ungern bj , Sieben- 
burgen _, der Moldau cj j in GalizLen ^ Preussen , J'olen und Russltuid dj in Menge 
gewonnen, und theils roh, theils gebleicht und in Lichtern nach dem südlichen und 
westlichen Europa versendet wird. Dagegen zeichnen sich die südüchen und westli- 
citen Länder Europa's, wegen des Reiciillnims an wohlriechenden Kraulern, deren 
Saft die Bienen saugen, durch vortrcfTiichen liunig aus. Derbeste, beständig flüssige, 
rosenrothe Honig kommt aus Midta. 

Der Seidenwiuin (phalaena bonibj-x niori) liefert durcli sein Gospinnst eines der 
vornehmsten Materialien zu den Manufacturen , und für njanciies Land eiuju erheJjli- 
chcn Handelsartikel ej ; als Puppe dienet er den Chinesen zur Speise. Seine beste 
INahrung sind die Blätter des weissen Maidbecrbaumes (s. §. 33.). Die Ciillur dieses 
hochwichtigen Inscctes, das in Indien und China ursprünglich einheimiscli ist, ward 
in dei' Mitte des 6. Jahrhunderts durcli Mönche nach Gi'ieclienldiid verpflanzt, von 
da um ii5o durch den König Roger I. in Sicilien eingeführt, und von hier aus all- 
juälilich hl Italien und andere Länder verljreitet. Sicilie/i_, Neapel, Genua j Mailand j 
Venedig und andere Länder vmd Ürter in Italien fahren viele Seide aus, insonderheit 
aber Pietnont j dessen Organsin-Scide /^ einen schönen Glanz hat, imd für die Ijeste 
in Italien gehalten wird. Nach der piemontesischcn folget in Ansehiuig der Güte die; 
lonibai'dische _, toscanische und sicilianische. Sicilien hat in manchen Gegenden eine 
doppelte, JSeapel gar eine dreyfache Seidenernte; doch liefert die erste Zucht die 
beste Seide; desshalb ist in Toscana nur eine Seidenernte zu machen erlau1)i, da die 
Maul])cerbäume durch das Berauben der Blätter zum zweyten mid dritten INIalc in ei- 
neni Jahre zu sehr geschwächt werden , auch die damit gefutterten Seidenwürmer 
nur eine schlechte Seide geben. — Spanien und die Tiirkej haben ebenfalls einen 
Überfluss an Seide, und versenden davon jährlich eine ]>eträchtliche Menge. — Frank- 
reich hat in seinen südlichen Deparlements einen starken Seidenbau; er ist yl)er nicht 
hinreichend zu seinen zahlreichen iManufactnren gj. — Geringer ist die Seidencullur 
in Dentscldand ; doch weit stärker als in Portugal. Das siidliche TyroL dlein hj 
erzeugt mehr als fiüifmal so viel Seide als Portugal (s. unten Note k) ; auch Ist die 
Tjrolerseide so vortreffUch, dass sie der piemontesischen unti lombardisclien im 
Ganzen nicht nachsteht. Noch geringer ist der Ertrag der Seidenwürmerzncht in Un- 
gern vuid dessen Conliiiicn ij , aber doch grösser als in Südrussland. — \Vas indcss 



II. Urproduclion. j. 65. Nutiliclic luseclen. 135 

überhaupt in Eurojia au Seide gewonnen wird (im Ganzen ungefälu- i3 — 14 Mill. 
Pfimd) kj , ist für die vielen Manufacluren und den allgemein licrrschendea Luxus , 
bcy so mancherley Bestandtheilcn des männlichen sowohl, als des weihlichen Anzuges, 
Seide zu gehrauchen IJ , hey Mcilem nicht hinlänglich, und die Einführe dieses Arti- 
kels aus Asien von grosser Wichtigkeit. 

A^on dem Geschlechte der Schildläuse sind hier hemerkcnswerth : 1) der Ker- 
//ie.y (coccus ilicis), ein Insect, welches in Südeuropa, vornehmlich \a. Laiiguedoc 
mid der Provence ^ in Spanien und Portugal an der Stech- oder Kermeseiche ge- 
fiuiden wird. Die heerenlormigen, gallapfelarligen Evcruester dieser Thiere werden 
gesammelt, mit Essig besprengt, und das Carmoisinrotli daraus bereitet. — 2) Die 
deutsche of^er polnische focAe/i/Z/e (Johaunisblut, cuccus polonicus) , die ehculalls 
kermesartige Eyernestei\ an den Wiuzehi verschiedener Pflanzen bildet. Sie iindel 
sich in verschiedenen Gebenden Deutschla/ids j am häufigsten aber in Gulizicn _, Po- 
len und am Don. Ehemals wurde sie in Deutschland häufig gesammelt, noch juehr 
aber in Galizien j Polen imd liussland, wo es zuniTlieil noch heul zu Tagegeschiehl. 
Die Einfuhrimg der amerikanischen Cochenille (Scharlachwurm , coccus cacti), die 
ursprunglich in Mexico zu Hause ist, verdrängte iudess diese schlechtere Sorte, in- 
dem jene nicht nur schöner , sondern auch stärker iärijt. 

A^on dem Gesciilechte der Krebse (canccr), den einzigen Insccten, die uns Eu- 
ropäern zviT Speise dienen, sind fiir uns besonders die langgeschwänzten oder eigent- 
lich sogenannten Krebse (macromi) merkwürdig. Zu dieser Familie gehören unter 
andern: der Flusskrebs oder Edelkrebs (cancer astacus), dessen Aufenthalt nicht nur 
m Flüssen und Bächen, sondern auch in Landseen und Teichen ist, und der Seekrebs 
oder Hummer (cancer gammarus) , der zuweilen zu einer Länge von anderlhall) Ellen 
anwächst, und ein Gewicht von 10 — 12 Pfund erreicht. Sie werden häufig in der 
Nordsee gefangen, und in eigenen Schiften, welche Hummer schiffe genannt \^ erden, 
und deren eines oft \\ohl 12,000 Stück führt, i\a.c\i Hamburg _, Amsterdam u. s. w. 
gebraclil. 

Endlich ist noch der spanischen Fliegen (uicloe vesicatorius , cantliaris olUcinalis) 
zu gedenken, die nicht nur in Spanien j sondern auch in Sicilien _, Deutschland _, 
Ungern und andern europäischen Ländern gesammelt, ausgeführt und zum J31ascn- 
ziehen, auch zmn Färben gewisser Tücher, gebraucht werden. 

a) Nach Spanien gehen jährlich inelir als 1 Mill. Pfund gebleichtes Wachs aus \ ürschie<Ien('n 
Gegenden Deatscldands über Hamburg aus. 

b) Ungern überlässt dem Auslande jährlich für 3oo,ooo fl. Wachs und Iloiiij;. 

c) Aus der Moldau, wird Wachs durch Griechen nach /'enedig versendet. Der Bieiuii.celieut 
trägt der fürstlichen Kammer jahrlich wenigstens 60,000 Piaster ein. 

d) Kusslaiid verkauft an das Ausland jährlich für 176,282 Rubel Honig, und Wachs iür 240.419 
Rubel. 

e) Pienionl z. B. \ersendi't jährlich 6000 Ballen, oder i,52o, 000 Pf. Seide (jeder Ballen zu 22o 
piemontes. Pf), die nach der Sc/iu^eiz , nach dem Norden, vorzüglich aber nach England 
gehen. — Neapel exportirt jährlich für 376 960 Ducati rohe, und für 39,750 Durati \ erar- 
beitete Seide. — Aus Spanien gehen jährlich 1,000,000 Pf. , und aus der Türker iür5oo,ooo 
Piaster Seide in's Ausland. 



i54 U- Uiproduction. §. 66. Scliädliche Insccien, 

^) Eine Art gesponnener, gewundener und gezwirnter Seide, die man besonders beym 

Weben zur Kette gebraucht. 
g) Der älteste Maulbeerbaum Frankreichs, dessen Abkömmlinge dem Staate jetzt über loo 
Mill. Fr. für die rohe Seide, und über 400 Mill. Fr. für die verarbeitete jährlich verschaf- 
fen , und der zu Endo der Rreuzzüge unweit Montelimart gepflanzt wurde , wird aus Dank- 
barkeit sorgfältig noch erhalten. S. Allgera, geogr. Ephem. i8o5. Sept. S. 101 ff. 
li) Ausserdem ist der Seidenbau im österreichischen Friaul , besonders um Gürz und Gradiska, 
von einigem Belange. Das übrige Deutschland ist dem zärtlichen Maulbeerbaume zu kalt , 
und man hat daher die in mehreren Ländern gemachten Versuche , solchen auch dem käl- 
teren Boden zu acclimatisiren (svelche allein dem preussUchen Staate über 1 Mill. Thaler ge- 
kostet liüben) , wieder aufgegeben. Einzelne Versuche des Seidenbaues im Kleinen , finden 
noch hier und da , wie z. B. zu Sl. Feil bey Wien , Statt, 
i) Interessante Beantwortung der Frage: Warum macht die Scidencultur in Ungern keine 

Fortschritte? in den ökonomischen Neuigkeiten. 1816. Nr. 42. 
k) An dieser Gesammtsumme nehmen Antheil ; 

Spanien mit 3,ooo,ooo Pfund. 

Frankreich mit 2,5oo,ooo — 

Das lombardisch-venclianische Königreich mit 2,000,000 — 

Avovon der bey weitem grössere Theil auf die Lombardie kommt. 

Viemont 1 ,65o,ooo — 

Sicilien 1 ,000,000 — 

Neapel 800,000 — 

Modena und Parma 700,000 — 

Südlyrol 32o,ooo — 

Toscana ' 200,000 — 

Nizza 200,000 — 

Portugal , nach Cronie 61 ,700 — 

Ungern mit den Miiitardistricten in Slawonien, Croalien und im ßarea^e mit 20,000 — 

Südrusdand (als: Kaukasien , Astrachan, Taurien , Jekaterinoslaw , Cher- 

son , die slobodische Ukraine , Saratow , Kiew und Podolien) mit .... g,32o — 

Den Rest liefern die übrigen ilalieaischen Länder, die Türkey, Dalmaliea , Catlaro , Ragu- 
sa , Isirien und das österreichische Friaul. 
l) Wie selten und kostbar ihr Gebrauch noch in der zweyten Hälfte des sechzehnten Jahrhun- 
derts , wenigstens in Deutschland, war, lässt sich aus einer auffallenden Ermahnung bey 
Gelegenheit der seidenen Strümpfe abnehmen , mit welchen ein brandenburgischer Geheimer 
Rath , Berthold fon Mandelsloh , einst (löGg) an einem Wochentage bey Hofe erschien. 
,,Berlholde! — rief da Markgraf Jo/ja;i« zu Cüstrin seinem Geheimen Rathe entgegen, der 
Gesandter an verschiedenen fürstlichen Höfen gewesen war , und seidene Strümpfe mit aus 
Italien gebracht hatte — ich habe auch seidene Strümpfe , aber ich trage sie nur an Sonn- und 
Festtagen. S. Grellmann' s Historisch-statistisches Handbuch von Deutschland a. a. O. S. 128 0". 

§. 66. 

b) S c h ä d 1 i c h c. 

So gross die iinmitlclbare Braiiclibarkeil der Iiisecten, imd so mannigfaltig der 
Anllicil ist, den diese kleinen Thiere an der Hatishalliing der Natur haben: so nahin- 
liaft ist auch anderer Seits der Sehade, den viele Gattungen derselben anrichten. Hier- 
her gehören vorzuj^lich: i) die iT/c^j/.-ayer (scarabaetis melolonlha) , die für manches 



II. Urproduction. §. Gj. Würmer. x35 

Land fast jpdcn Frühling eine grosse Plage sind, -weil sie in erslaiinliclicr Menge er- 
scheinen, und die BliiUer vnid Ehilhen, besonders an Ohslbäiinicn abfressen. Im J. 
1811 wurden in der neapohianischen Provinz Cupitiuiata allein nicht weniger als 
3oO:,ooo Tomoli (Melzen) Maykäfer eingesammelt und vernichtet a). — 2) Der Bor- 
kcnkiijer (Fichtenkäfer, Holzwurm, dei'mestes lypograplius) , ein fiir die Fichten, in 
deren Splint sie oft in ungeheurer Menge hausen, furchtbares Insect. Unter andern 
richtete dieses, Wälder verwüstende Insect neiierlich auf dem Harze und in anderen 
Gegenden Deutschlands unsäglichen Schaden an. 3) Die Kornmotte oder der soge- 
nannte weisse Koiviwunn (phalaena linea granella), und der schwarze Koi'iiwunn 
(curculio frumenlarius) , welche sich unsern Kornböden so furchtbar machen. Sie sau- 
gen das Mehl aus dem Korn und lassen die Hülse liegen. — 4) Die ZuglieuscJirecke 
(Heerheuschrecke, gryllus migratorius), ein berüchtigtes Insect, das urprüiiglich in 
der asiatischen Talarcy zu Hause ist, aber oft in zahllosen Heeren auch Europa heim- 
sucht, und allgemeinen Missswachs und Hungcrsnoth verursacht. Eine Invasion die- 
ser Unholden eifuhr unter andern Ungeni _, nahmentlich das tcmesclier Banat und 
Syrmien in den Jahren 1780, 1781, 1782 und zum letzten Male 1799 ^-^ ■> Siebenbür- 
gen im J. 1780, in der Gegend von Bonzldda , Valasz-Ut \niA Kendi-Lüna _, \'jo 
sie den ganzen Seplendier und October hindurch blieben, ob sie gleich täglich von 
1000 — l5oo Personen verfolget winden cj. Auch in der Muldan\n\A. in Spanien rich- 
ten sie zuweilen schreckliche Verwüstimgcn an. Einzeln finden sie sich auch in Deutscli~ 

landj das doch seit 1760 unt grossen Invasionen derselben verschont geblieben ist. 

5) Die RIoskilen (culex pipiens, Span, mosquitos) , eine Varietät der gemeinen Mü- 
cken. Sie ziehen unter andern in Spanien in ganzen Schwärmen , und plagen durch 
ihr Sunmien und empfindliches Stechen, besonders im Sonuner bey Nacht, den Schla- 
fenden unbeschreiblich. — 6) Die iiew^yZ^V^e (columbatsclier Mücke , cniex replans), 
in Lappland j vorzüglich aber in Serbien und im Banat_, wo sie zweyMal im Jahre,, im 
Frühjahre und Sommer, in unermesslicben , dicken Rauchwolken ähnlichen Scharen 
erscheint, und den Pferden, Ochsen und andern Mehgatlungcn zu allen Öfrnun"cn 
des Körpers cinkriecht, dass das verfolgte Thier unter jämmerlichem Brüllen, Blöcken 
und Grunzen, Wiehern und Heiden, oft in wenigen Minuten sterben mnss. Auch dem 

Menschen wird sie dann wenigstens äusserst lästig, wenn auch nicht gefährlich dj. 

Endlich 7) die Tarantel (aranea taranlula), eine Gattung Spinne in ^pulien nn(}L Spa- 
nien. Sie hält sich auf dem Felde in kleinen Erdhöhlen auf, und wird den Schnittern 
zm- Erntezeit durch ihren Biss lästig, auch zuweileii gefährlich. 

ä) S. Österr. Beob. 1811. Nr. 245. S. 1008. 

6) S. R. R. prlv. W. Z. 179g. Nr. 70. 

c) S. Sarlori's Naturw-undor d«s österrcichischon Raisortliums. Tbl. 1. S. 3o — 40. 

d) Schönbiiiier's Geschichte der Columbatscherinückeii im Baiiat. Wien, 1795. 4. Vergl. Sar- 
iori a. a. O. Tbl. 2. S. 148 — 155. 

§• 67. 
6) Würmer. 

Aus der zaldreichen Classe der TFüriner gehören , ihrer unmittelbaren Nutzbar- 
keit wegen, ia das Gebicht der Statistik :*i) die Austern (ostrea edulis), welche an 



j36 II. ürproduction. §. 67. Würmer. PflanientLiere. 

den Küsten des nordwestlichen und südlichen Europa sehr hänfig sind ^ auch auf an- 
geleglcn Aastevhänken gchägel werden. Man nimmt nähmlich junge Austern von den 
Stellen weg, die ihnen der Zufall angewiesen hat, und hringt sie an einen Ort, wo 
sie hesser gedeihen vmd schmackhafter werden. England und Frankreich liefern die 
meisten und besten ; vorzüglich werden die kleinen englischen Austern von Colclie- 
jfe/' geschätzt. Die Schalen gehen heym Brennen den sogenannten Musdielkalk _, der 
an den liollätuHschen aj und anderen Küsten der Nordsee häufig bereitet wird. — 
2) Die Perleninnsc/icl (Klathnuschel , mya margaritifera) und die Perleninuttermu- 
svhel (mytilus luargariiifer) Z/J , welche heyde Muschelgaltungen Perlen erfuhren. Jene 
— in Deutschla/id j Slavonien und andern europäischen Ländern Ijefmdlich — lie- 
fert die europäischen Perlen 3 diese — die asiatischen^ amerikanischen uod austra- 
lischen. Die allerschönslen und kostbarsten werden bekanntlicli auf Cejlon und im 
jiersischen Meerbusen gefischt. Die westindischen _, californi sehen und otaheiti- 
schen sind schon weniger schön ; vollends die aus deutschen und andern europäi- 
schen Flüssen, einige seltene Stücke der fVattawa beyStrakonitz in Böhmen und der 
Elster im Voigtlande vielleicht ausgenonuncn. — 5) Die Steckmuschel (Seidcnmu- 
schel, Schinkc, pinna) , die besonders im mittelländischen Meere gefunden wird. Sic 
sind wegen ihres Barts oder ihrer Fäden bekannt, womit sie sich gegen die Gewalt 
der Wellen an den Felsen befestigen köinicn , und die eine röthlich-bravme Seide ge- 
ben, welche in Messina _, Palerinu _, Tarent und andern Orten zu Strümjifen, Hand- 
schuhen U.S. w. verarbeitet wird. — 4) Die TVeinbergsschnecke (Gaitcnschnecke, 
helix pomatia) , welche unter den essbaren Schnecken am meisten geschätzt wird. 
Li manchen Ländern , zumal in der Schweiz und 'u\ Würtemberg j, \\A\\\\VA\\}i\^\\\w 
der Gegend von Ulm _, danu in f^urarlberg , in und um J Findischgarsten in Sieyer- 
mark u. s. w. legt man zu' dem Ende besondere Sclmeckengärten oder Schneckenberge 
an, worin sie zu Tausenden geuiästet werden, und treibt damit gegen die Faslzeit 
einen erheblichen Handel. 

Unter den PJlanzenthieren verdienet hier einen Platz die Familie der Corallen 
(corallia) , mid luiter diesen ist die vornelimstcund nützlichste Gattung die rotJie Stau- 
dencurulle (isis nobilis) , welche in Ansehung der Figur einem entblätterten Bäum- 
chen mit seinen Ästen gleicht, und vorzüglich an den Küsten des mittelländischen 
Meeres gefischt wird. Sic wird in manchen Gegenden, zmnal in Marseille _, Livorno 
und Genua zu allcrley Kunstsachen verarbeitet, die nach Ostindien verführt, und 
besonders in Japan und China j fast den Edelsteinen gleich geachtet werden. — Der 
im Handel vorkonnnende gelbliche ßadescluvanim (spongia ollicinalis) endlic-h w ird 
cijcufidls von einigen Naturforschern zu den PUanzenthieren gerechnet, wie^vohl die 
llüerische Natur des Geschlechts der Saugeschwämme noch immer zweifelhaft ist. 
Diese Schwäimne wachsen an Felsen im Meere, und werden grössten Theils aus dem 
iniitciländischen iMeere erhalten. 

<;) An der Küste von Egmondopzee bis \orhcy Schei'eni 11 gen wertleii jälirllcli zu dicseiii IJoluife 
für mehr als 100,000 II. Coiicliylieu (Schelpen) gesammelt; dabey lebi.u lut'lir als i3ü Fa- 
milien von der Fracht. S. Göltliii;. «;ei. Anz. 1807. St. 84- S. 835. 
i) Sie finden sich am häufigsten im BTeere. Da sie in der Tiefe des Meeres liegen , so können 
sie nur niitlclbl Taucher heraiifgeLracht werdi'n ; ein sehr b'jschw criiches und zum Tliell gc- 



II. Urprodiiclion. f. 68. Bcigbau. i3j 

falirvollcs Gcscluift. Jeder TaiicluT bringt in ciiicni , um den Hals gebundenen gestrickten 
Sacke auf einmal hundert Muscheln herauf, und steigt in einem Tage wohl fünfzig Mal her- 
ab, wenn nicht ein Unfall das Geschäft stört. Sind die Taucher thdtig gewesen, so kann 
die Ladiuig einer Schaluppe 3o,ooo Bluscheln betragen. S. Beschreibung der Pcrlenfischerey 
im Meerbusen von Manar an der Rüste von Ceylon, auch an der Küste von Persien, Süd- 
amerika u. s. vv. , von //. /. Ic Beck ß in Archenholz Minerva. i8o2. Bd. 3. S. 291 — 307. 
Vergl. üiV/jg-'i Pcrlenfischerey ; im 6. Stücke des 5. Bandes des 2. Jahrg. (1811) der Zeit- 
schrift : Hesperus. 
c) Sie sitzen meistens im Thiere selbst, zu\veilen doch auch inwendig an der Schale lest. Koch 
ist ihre wahre Eutstehungsart nicht aufgeklärt. 

c) Naturproducte aus dem Mineralreiche. 

§. 68. 

Bergbau. 

Der Bergbau bci^rcift im weiten Sinne alle niiizbare Mineralien, die auf jedem 
möglichen, folglich aiiclikimsllosem ^Vcge gewonnen werden, wie z. B. derLclini, der 
Thon u. s.. w. ; im engen oder eigentlichen Sinne aber nur jene Mineralien, die grosse 
und kostbare Anstalten erfordern , wenn man sie ans ihrer Geburtsstätte hervorziehen 
Avill. Unter den letzteren sind die Metalle die vornehmsten. Der Bergbau ist fiir meh- 
rere Länder Europa's eines der wichtigsten Nationalgewerbe. Er befördert zunächst 
die Cultur des Bodens, indem durch ihn öde Waldgebirge in bevölkerte und indu- 
striösc Landstriche umgeschafTen werden, die tun so sori^faltiger bearbeitet werden, 
je höher der Werth der Nahrungsmittel ist, den das Bediirfniss der Bergarbeiter her- 
vorbringt, welches voi-nehmlich der Fall in der Nähe reicher Bergwerke ist. Ausser- 
dem liefert der Bergbavr höchst unentbehrliche Erzeugnisse, deren Geldwcrth, so wie 
sie zuerst als Waarc in den Handel kommen, ohne Riicksicht auf die zum Theil höchst 
beträchtliche Werthserhöhung derselben durch weitere Verarbeitung und Verfeinerung, 
die Masse des Nationalvermögens vennehrt. Sind die Bergwerksproducte Gold und 
Silber, so wird durch ihre Gewinnung auch die gesammte Masse der vorhandenen 
Tauschmittcl vermehrt. Der Bergbau erhalt oder unterstützt ferner fast alle übrigen 
. Fabriken und Gewerbszweige, indem er ihnen theils die nöthigen 3Iaterialien und 
unentbehrlichen Werkzeuge darreicht , theils die erforderlichen Arbeiten um den 
möglichst geringen Lohn verschafft, weil Berg- und Hüttenleute mit ihren Angehöri- 
gen sie als Nebenbeschäftigung treiben , nicht einmal zu gedenken , dass in manchen 
Gegenden der Betrieb der Bergwerke allein einigen Nutzen aus dem vorhandenen 
Holze oder sonstigen Brennmaterial ziehen lässt. Überdiess ernährt der Bcr'^iuiu viele 
tausend Arbeiter aj mit ihren zahlreichen Familien, und trägt dabcy zum Unterhalle 
so vieler andern bey, welche mit ihm in näherer oder entfernterer Verbindung ste- 
hen. Endlich gewährt der Bergbau verschiedenen europäischen Staaten eine jährliche 
Einnahme von mehreren Millionen Gulden Oj, die noch bedeutender seyn würde, 
wäre hier und da der Holzmangel nicht so gross, die Kohlen, das Schiesspulver und 
die Lichter nicht so theuer, und der Einlösungspreis mit dem Markt- und Ausmim- 
zungsprcise nicht im Missverhällnisse. 



i38 II. Urproduclioii. §. 69. Edle Metalle. 

Die an mineralischen Produclen, voinclimlich an Metallen, reichsten und den 
stärksten Bergbau treiijenden Länder in Europa cj sind : Deutschland j Ungern und 
Siebenbürgen j dann Grossbritannien j Frankreich, j Schweden j Norwegen und 
Russland j letzteres besonders in seinem asiatischen Anihcile. Spaniens und Portu- 
gals Gehirne sind nicht minder reich an iMctallon; aber der Bergbau, besonders auf 
edle Metalle, wird daselbst vernachlässigt, da die amerikanischen Colonien sie bisher 
in jMenge lieferten. In Italien und der Schweiz werden die Mineralien, aus Mangel 
all Unternehmungsgeist, nicht so häufig zu Tage gefördert, als man erwarten dürfte, 
und in der 2Yu-kej werden die Schätze des Mineralreichs , von dem man auch die 
allerwenigsten Nachrichten hat, aus Unkunde und Trägheit wenig benutzt. Dagegen 
sind Dänemark und Holland so arm an Mineralien, dass jenes nur Bausteine , Marmor 
und dergleichen als inländische Producte des Mineralreichs, dieses aber kaum Steine 
zum Bauen aufzuweisen hat. 

Die geschicktesten mid fleissigslen Bergarlieiter sind die Deutschen j vornehmlich 
die SachseUj die man überall sucht, besonders wenn neue Bergwerke in Gang gebracht 
W'erden sollen. Auch dienen die Deutschen in der Geognosie und Mineralogie allen 
übrigen Nationen zu Lehrern. 

fl) So arbeiten z. B. in den russischen Berg- und Hüttenwerken, nach c. TVichmann , 120,424 
Beamte und Meislerleute, und 228,735 zugeschriebene Bauern , nach den Götting. gel. Anz. 
(i8o2. St. ß2. S. 814) im Ganzen über 400,000 Menschen , worunter mehr als 3oo,ooo 
Bauern. — Im brillisckeii Reiche beschältiget bloss der Sleinkohlenbau , nach Fillejcsse ^ 
über 100,000, in Frankreich — nach eben demselben — 70,000 Menschen. — In Ungern, 
steigt die Zahl der sämmtlichen Bergleute , nach f. Schwarlner , auf 3o,ooo , nach Rohrer, 
auf 70,000, grössten Theils Deutsche, auch Slaven und Walach en , aber keine Ungern, die 
die Grubenluft scheuen, und wenig Lust zum Bergbau zeigen. S. des Frejh. c. Hormajr 
Archiv a. a. O. 1811. Nr. 94 u. 95. S. 4o3. 
b) So beträgt z. B. die jährliche reine Einnahme der russischen Krone bloss ■\on der Metail- 
production , nach Brunn (S. N. A. D. Bibl. Bd. io3. S. 160), 3,o25,995 , nach Herrmann, 
6,463,535 Rubel (S. Götting. gel. Anz. 1812. S. i25), nach t«. ^''«c/una/z« gar 77 Miil. Rubel. 
f) Der jahrlich zu Tage geförderte Mineralreichlhum der europäischen Länder, mit Inbegriff 
der Ausbeule der i/jarti.sc/te/i und /)or(!ig-i"es(.sc/i8« Colonien in Amerika, beträgt, nach J'ille- 
Josse , 952,i5o,ooo Frauken, wü^on auf Europa üoi,25o,ooo Fr. kommen. 

a) Metalle. 

§• 69. 
aa) Edle. 

Zu den edlen oder feuerbeständigen Metallen gehören: i) das Gold (aurum). 
Man findet es theils gediegen, theils vererztj im erstem Zustande auch, oljwohl nur 
in sehr Ideiiien Körnern, im Flusssande, da es dann Waschgold genannt ^^'ird, weil 
es von den fremden Theilen durch blosses Waschen oder Seifen gereiniget wird. Die 
vornelmisien goldführenden Flüsse in Europa sind: die Aranfosch „ die Koros j die 
Marosch,, die Sainosch _, die Temes :, die Bistriza d^oro , die Drau ^ die Muhr _, der 
Fiheiuj die JEdcr_, die JFatlawa n.s.vi.aj. Bey weitem reicher an Goldsand aber 
ist Amerika^ voinchmhch Peru und Brasilien, so wie Afrika^ wo vorzüglich der 



]I. Urproduclion. §. Gg. Edle Metalle. l3g 

ö.stliche Tlieil von Guinea goldreich ist, und dcs.sliall) ancli die Goldkiisfe genannt 
^N\vAbJ. Übeilianpt hat Europa j m. Vcrgleicliniig mil andern EiiUlicilen, insonder- 
heit mit Ameriku j, wenig Gold, o])sehon man es in unserni Erdllieile liaiiligcr, als es 
wirklich gefunden wird, zu Tage fördern könnte, wollte man auf dessen Aufsucjiung 
luid Scheidung mehr Fleiss und Kosten wenden. Nach Ilrn. v. Humboldt lieferten die 
sdmmllichcn spanisch- imd portugiesisch- ameri/canischcji Bergwerke (in Neuspa- 
nien ^ PerUj Chili j Buenos-Ajres :, Neugranada und Brasilien) zu Anfange des ig. 
Jahrhunderts jährlich 8o,000 Mark Gold, an welchem herrlichen Ganzen Brasilien 
allein, das goldreichste Land in der Welt, mit 32,ooo TNIark Antheil nahm cj. Dage- 
gegen beträgt die gesamnue Goldausbeute in Siebenbürgen dj (dem europäischen 
Brasilien) nur 3ooo Mark, und in Unger-n ej , deni nächst Siebenbürgen goldreich- 
sten Lande in Europa , 1464 Mark. Noch geringer ist der Goldcrlragin DeutschlandfJ 
und Schweden gj; in Portugal ^ Spanien _, Neapel wnA Sicilien ^ihi es Gold, aber 
es wird nicht darauf gebauet, und in Frankreicli j Irland und Sardinien findet man 
nur unbedctitende Goldspuren. Russland gewinnt zwar, nach l\ri\. Herrmann j, im. 
Durchschnitte jährlich 41 Pud (a 40 Phmd) Gold, a])er nicht in seinem europäischen, 
sondern in seinem asiatischen jlnthcile hj. Hr. T^ill fasse schlägt die Totalmasse des 
in Europa jährlich gewonnenen Goldes auf 53oo mid in Nordasien auf 2200 Mark au. 
Nach Hrn. Hassel aber beträgt das jährliche Erzeugungs-Quantum an Gold in Europa 
imd Sibirien im Ganzen 81 ig Markj davon rechnet er au[ Oest erreich 4780, au( Russ- 
land mit Sibirien 33oo, auf Pr^eussen 12, auf Schweden 10, auf Hanouet' g tuitl auf 
Baden 8 iMark,, — 2) Das Silber (argentum) findet sich ebenfalls theils gediegen, 
theils vereizt; im ersten Znstande zuweilen in Centner schweren Blöcken ij. An die- 
sem edlen Metalle ist Europa zwar reicher als an Gold, doch bey weitem jiicht so 
reich, wie Amerika j insonderheit Neuspunien oder Mejcico _, wo jetzt (seit den vier 
letzten Decennien) Guanaocuato ^ Z,acatecas und Catorce die allerreichsteu Silber- 
Lergwerke in der Weh sind. Ein einziger Gang von Guan a. ruatn hcSevt n\ehv , als 
^ alles amerikanischen Silbers , dessen zu Anfange des ig. Jahrhunderts jährlich 
3,840,000 Mark zu Tage gefördert wurden, wozu Mexico allein jährlich im Duich- 
schnitt 2^ Mill. lieferte kj. Nächst den "besagten mexicaniscJien Silbergruben isl am 
ergiebigsten das reiche Bergwerk von Potosi IJ. In Eu?'opa sind die reichsten Sill>er- 
mlncn die deutschen mj imd utigrischen JiJ , jene mit i.'iOjOOO, diese mit 8g — g2,58o 
Mk, Ertr,".';; nächst diesen die siebe?ibürgischen _, mit 5700 Mk. Ausl)cule. Die .libii- 
gen bekannten europäischen, aber nicht beträchtlichen Silberhergwerke sind in Frank- 
reich oj j Schweden pj j Norwegen qj _, Savoyen rj und Sardinien sj. In Portu- 
gal j Spanien j Treupel mid Sicilien gibt es Silber (in Spanien auch Piatina haltige.s) ; 
es wird aber nicht aufgesucht und ans Licht gezogen. Russlands .Silberproduction tj 
ist bedeutend; nach Herrmann i25o, nach v. l f 'ichinann i3ooV^id stark; es. gilt 
aher hier dieselbe Bemerkung, die oben in Ansehung der russischen Goldei-zengung 
gemacht wurde, f^'illefosse schätzt die Tolalmasse des jährlich in Europa erzeugten 
Silbers auf 2i5,ooo , und in Russisch-Asien auf 88,700 Mk. Nach Hassel aber be- 
trägt das jälirlichc Erzeugungsquantum an Silber in Europa und Sibirien 355,982 
Mk. Davon koimnen : 

iS* 



140 II. UqM-oductioa. §. 69. Edle Mclalie. 

auf Russland m'ii Sihh'ien . ioo,o3o Mk. auf Sardinien 2,35o Mk. 

— OesterreicJi .... 96,687 — — Anhalt-Bernburg . . 1,212 — 
< — Sachsen 02,488 — — BraunscJiweig . . . 1,000 — 

— Ilanover 5o,238 — — Baden 5go — 

— Prenssen 22,322 — — Nassau 110 — 

— Frankreich .... 4,3oo — — CJnirJiessen .... 2.5 — 

— SchwedenmxtlSor^vegen 2,73o — 

3) Piatina (VVeissgold, ])Iatinum), ein nicikwürdiges, in Europa erst seit 1748 be- 
kannt f^ewordenes Metall. Es wird jetzt nicht bloss boy Quito und Santa Fe va. Peru, 
und vornehndich in den Gruben von Clioco und Barbados in j^eiigranada, sondern 
auch in Brasilien imd St. Domingo gefunden. Seine Farbe ist dunkel zinnweiss , und 
hält das Mittel zwischen der Farlje des polirlcn Eisens und des Silbers. Wird es von 
seinem Eisengehalte gereiniget , so ist es der schwerste Körper in der Natur. Es kommt 
in Gestalt kleiner, mehren theils flacher Körner nach Europa mid ist selten. Spanien 
hat zwar Piatina hakiges Silber; es wird aber nicht benulzt. 

ü) Die Goldwäscheroyen in Siebenbürgen , im Banal, in der Moldau und J-Valacl^ey beschäfti- 
gen einige tausend Walachen und Zigeuner beyderley Geschlechts. Am ansehnlichsten loh- 
nen die siebenb'urgischen Flüsse. Acht, bisweilen auch zehn CenUier beträgt der Schatz des 
Goldes, das aus ihrem Sande jährlich gesichtet, und -nach Szalathna zur Einlösung ge- 
bracht wird. S. Sarlori's Länder- und Völkermerkwürdigkeiten des österreichischen Kaiser- 
thumes. Tbl. i. S. 20g — 2i3. — Uie Gold\väscliereyen in Croalien liefern jährlicli i55o^— 
1860 Ducaten nach Ff^arasdin, Prelok und Canisa zur Einlösung. S. iSar/oWs Naturwun- 
der 3. a. O. Tbl. 2. S. 232 fl". — Aus der Bistriza d'oro in der Eukowin wurden im Jahre 
i8o3 7 Pisets Gold gewaschen und eingelöset. — Aus dem Sande des Rheins wird von Chur 
bis Dorlrechl hinab , schon seit Jahrhunderten Gold gewaschen. Vornehmlich wird dieser 
Industriezweig in dem Grossherzogthume Baden betrieben. Von 1790 — i8o2 wurden da- 
selbst 2o36 Kronen und 46 Gran Goldes gewonnen, welche in Geldwcrth gi65 fl. 4i kr- 
ausmachten, und nach Abrechnung von ti.55g(l. Unkosten einen reinen Gewinn von 2606 fl. 
41 kr. gaben. S. Correspondent v. u. f. Deutschland. i8i2. JNr. 54- 
i) Den daselbst gesammelten Goldstaub tauschen die Europäer gegen allerley Waaren von 
den Landesbewohnern ein , und führen ihn nach Europa. Bekanntlich erhielten die engli- 
schen Guiiieen \ on diesem guineeischen Golde ihre Benennung. 

c) S. H. A. L. Z. 1812. Nr. 61. S. 484. 

d) Vierzig, nach andern mehr als hundert. Gruben stehen in den Goldgebirgen zwischen der 
Avanjnsch und Marosch im Bau auf Gold , und sind zugleich silberhaltig. Die grössle Aus- 
beute geben die Goldminen zu. Szekerembe bey Nagj'-Ag (wo das Erz aus zwey Theifen Gold 
und einem Theil Silber bestchl) , zu J öröschpalak , Szalathna , Fazebay und Köresbanja. 

e) Auf Golderze wird zu Böcza , Majurka , Tajou-n und Budfalca gebauet, und die goKheich- 
sten Silbererze enthalten die Bergw^ke zu Krenmitz , Schemnitz , Nagr-Banja und Kapnik. 

f) Salzbu7-g erzeugt noch das meiste Gold , am hohen Goldberge in der Rauris , am Hierzba- 
che in der Fusch und zu Böckstein bey Gastein; doch lange nicht mehr so \iel (jährlich, 
nach einem zehnjährigen Durchschnitte, i65 Mark) als ehedem. S. Schalles Heise auf den 
Glöckner. Thl. 3. S. 96. Die übrigen deutschen Bergwerke sind in Ansehung der Golder- 
zeugung unbeträchtlich. Auf dem Harz, nahmcntlich uni^ dem RamineLbergc , scheidet man 
aus den daselbst gewonnenen Silbererzen jährlich nicht über i2 Mark, und das Gold, wel- 
ches aus den Beichenberg' sehen Arsenikerzen gewonnen wird , beträgt noch nicht 5oo Rthlr. 
S. FoigteVs Versuch einer Statistik des preussisclien Suates. S. 86. — In Böhmen wird zu 



n. Urproduction. §. 69. Edle Metalle. 141 

Berg-Reichensiein uiiil Libaiui etwas Gold gewonnen ; auch bauet man zu Sc/iwarzthal und 
bey Eule seit einigen Jahren von neuem auf Gold. Letzteres Bergwerk war einst so reich , 
dass es ein Jahr gab, da aus der einzigen Fundgrube Tobalka 100,000 Mark Goldes zu Ta- 
ge gefördert wurden. Ziska Hess aber 1421 die reichsten Gruben des von ihm eroberten L'u/e 
verschütten; seitdem blieb der Bergbau hier unbedeutend , und wurde zeitweise auch wohl 
ganz aufgelassen. 
g) Nur bey Adeljors im smäliindischen Kirchspiele /Ihheda. Aus 1 Ctr. rein gewaschenem 
Schlick ^ Loth Gold , aus 53 Ctrn. io2 Ducalen. 

h) Nahmentlich in den Goldniinen zu Kalhari/ienöurg und in den Silberbergwerken zu Kolj- 
(i^an , Nerlschinsk und Beresow. 

i) Vorzüglich in den Bergwerken zu /fo«g^s6crg in Norwegen , Schneebe'rg in Sachsen und 5c^/an- 
geiibcrg in Sibirien. Im 17. Jahrh. kamen zu Korigsberg zuweilen Silberklumpen von 70 — 
5oo Pf. vor. Das grösste gefundene Stück gediegenen Silbers, welches noch jetzt in der 
königl. Kunstkammer zu Kopenhagen aufbewahret wird , wiegt 56o Pf, und hat ÖoooRthlr. 
an innerm Werth. S. Allg. geogr. Ephem. Bd. 3U. S. 342 ff. 

/r) S. H. A. L. Z. 1811. Nr. 60. S. 477- 

l) Nach der neuen Ijandes-Eintheilung gehört dieses Bergwerk nicht mehr zu Peru, ,»ond<iii 
zu dem Vicekünigreich Buenos-Ajres. — Nach Hrn. f. Humboldl's Berechnung beträgt die 
ganze Masse des in Amerika, seit dessen Entdeckung 1492 bis zum J. i8o3 gewonneneu 
Goldes und Silbers 6706 Millionen Piaster. Da\on sind aus den spanischen Besitzungen ge- 
kommen 485i Mill. , aus den portugiesischen 855 Mill. , und darunter \varen an Gold i348 
Mill. , an Silber 4358 Mill. Von jener Totalsumme (5706 Mill.), mit Dazurechnung des 
Goldes und Silbers, was die Europäer in den ersten Zeiten nach der Entdeckung, vor an- 
gefangenem Bergbau, den amerikanischen Eingebornen gewaltsam abgenommen haben, wa- 
ren 5445 Mill. Piaster, während des bemerkten Zeitraumes, wirklich nach Europa gekom- 
men. Seitdem ist der Werth der edlen Metalle in Europa gesunken , dagegen der Preis des 
Getreides um das Dreyfache gestiegen, und das ganze Finanzwesen anders gestaltet worden. 
Allein mehr als die Hälfte des aus Amerika nach Europa gebrachten Goldes und Silbers 
fliesst auf drey Wegen wieder aus diesem Erdtheilo ab: 1) nach der Levante, Ägypten und 
der Nordküste von Afrika; 2) auf dem grossen Seewege, um das Vorgeb'rge der guten Hofl- 
nung, nach Ostindien und China; 3) auf dem Landwege durch Russland nacli Asien. 

Hl) Wozu die sächsischen Bergwerke allein an 52 — 53, 000 , der Harz an 5o,ooo Mark, und 
nächst diesem die österreichisch- und preussisch-denisclwn Provinzen den stärksten Antheil 
liefern. 

n) Wozu Schemnilz und Krcmnilz in dem niederungrischen Bergdistrictc 66,38o, und dieNa^y- 
banj-er j Schniölnitzer und JJdnater BergiUMeve in dem oberungrischen Bergdistrictc zwischen 
23,000 bis 26,000 Mark be)tragen. 

o) Nalmientlich in den Departements der Nordküsle , Orne und Jsere. 

]t) Zu S-ilbe.rg bey Säla in Westmannland, nur mit einem jährlichen Erlrage von 2ooo M. S. 
Allg. geogr. Ephem. Bd. 24. S. 2i3. 

(/) In der Gegend von Gumerud. Das Silberbergvverk zu Jarlsberg ist eingegangen (s. Allgem 
geogr. Ephem. Bd. 38. S. 349)5 und zu Kougsberg ist im J. 1806 der Bergbau bis auf drey 
schwach betriebene Gruben gänzlicli eingestellt worden. Über dem Eingange der Schmelz- 
hütte steht die ominöse Inschrift: Eigennutz und Undank ist der Bcrgti^trk' Untergang. S. 
Allg. geogr. Ephem. Bd. 38. S. 344 ff- 

;■) Es liefert, jährlich ungefähr 40 Myriagranimen Silber, im Werthe von 100,704 Fr. S. Allg. 
geogr. Ephem. Bd. 26. S. 428. 

4) Zu Villaiglesias. 

t) Zu Kolj-n-'aiLj Schlangenberg , Nerlschinsk und Beresow. 



l4« II. Urproduclion. §. 70. Unedle Melalle ; Kupfer. 

bb) Unedle. 

§• 70- 
1) R u p f e r. 

Mit unedlen und iinenibehrliclicn Metallen ist Europa reiclilicli versehen. Das 
meiste Kupfer (cuprum) liefert Grossbvltannlen aj ; nächst diesem besitzen die 
reichsten Kugfergruhen Ungern bj ^ Deutschland c) und Sclnveden dj. Russland j 
fiir welches Reich dieses Erz, als Münze und Metall, besonders wichtig ist, erzeugt 
zwar tun die Hälfte mehr Kupfer ej , als Ungern ; zu dieser Production aber trägt das 
asiatische Russland bey weitem mehrbey, als das europäische. Ausserdem wird Ku- 
pfer in Portugal fj j Spanien gj _, Fraiih-eich lij j den südlichen Provinzen der 
Niederlande ij j in Italien kj ^ Siebenbürgen Ijj der Bukowina inj ^ Polen nj und 
Norwegen oj gewonnen. Die Toialmasse des jährlich in Europa und Sibirien erzeug- 
ten Kupfers schlägt Hr. Hassel auf 408,847 Gtr. an. Zu diesejn Erzeugungsquantum 
liefern den stärksten Anlheil folgende Staaten, und zwar: 

GrossbrHtannien .... 190,000 Gtr, Schweden 33,355 Gtr. 

nach Fillefusse gar. . . 200,000 — Hessen-Darmstadt . . . 5,700 — 

Russland mit Sibirien . . 8i,o53 — Hanover 2,144 — 

Oesterreich 54,757 — Frankreich 2,000 — 

Preussen 34,235 — nach Galletti gegen . . 6,000 — 

nach P^oigtel nnr etwa 11 — 12,000 — 
Für das allerbeste Kupfer hält man das japanische ; auf dieses folget das i/Ä;V't^c//e. 
In Europa ist von vorzüglicher Güte das englische j schwedische und ungriscJie _, 
besonders das zu JVeumoldawa gewonnene j es soll weicherund besser, als irgend ein 
andres europäisches seyn pj. — Ce/ne7^</l7//?/(?^ <7j wird hin und wieder in Deutsch- 
land , Schweden und Norwegen, vornehmlich aber in Ungern rj gewonnen. — Na- 
türliche Farben von verwitterten Kupfererzen sind Aas Berggrün und Bergblau j wel- 
che Farben fast in allen Kupferbergwerken vorkommen. 

a) Nalimcntlich Anglesea , Cuniberland , vornehmlich aber CornwaUls , wo man über 100 Ku- 
pfergruben zählt, und wo auch gediegenes Kupfer von vorzüglicher Schönheit angetrof- 
fen wird. 
Z)) Es liefert jährlich 4O5160 Ctr. Kupfer, wozu der uiederangrische Bergdistrict 4200, das 
schmölnilzer Bergveiner 25, 000 , das iiagj'-Lan^er 3ooo , das banaler 7000 und das croalische 
060 Ctr. liefern. 
c) Vornehmlich in der Grafschaft Manns fehl, in Tj-rol, Stejermark, Haiioi^er, Hessen-Darmsladt 
und ff^aUleck , welches letztere Fdrstentiiuni , nach Hock , jährlich über 8000 Ctr. Kupfer 
gewinnt, 
ri) Besonders bey Fahirt in Dalekarlien ; doch ist diese Kupfergrube nicht mehr so ergiebig, 
wie in vorigen Zeiten. Unter CarllX. lieferte sie jährlich i2 — i5,ooo Schiffspfund, und i65o 
über 20,000; jetzt ist der Ertrag selten 5ooo Seh. Pf. oder 14,000 Ctr. S. Allg. geogr. Ephem. 
Bd. 35. S. 202. 
«) Im Durchschnitt jährlich 202,637 Pud oder 81, 062^ Ctr. S. Götting. gel. Anz. i8i2. S. 124. 
Es \vird am meisten im uralischcii , allaischen und olonezischen Gebirge zu Tage gefördert. 
Die Krone hat den Zehnten von allem Garkupfer der Pri\ algewerke , sodann noch den Vor- 
iheil , dass letztere die Hälfte der Kupferausbeute an die Krone abliefern müssen , und zwar 



II. ürproduction. §. 71, Unedle Metalle: Eisen. i43 

das Pud Garkupfer für 7 Rubel, ob es gleich auf dem Markte 2o — 25 Rubel gilt. S. i>.fVich- 

mann a. a. O. S. i2o. 
/) Zu Anduros. 
g) Vorzüglich zu Niebla und hey Plalina unweit Molina, auch in Andalusien , Aragonien , Na- 

i>arra und bcy Canigo in Gatalonien. Das Rupfererz , das aufgelöst das Spanischgrün gibt , 

wird bey Cordova gegraben. Im Durchschnitt gewinnt Spanien jährlich 3oo Ctr. Kupfer. 
h) Nahmentlich in den Departements der Ober- und Niederpjrenäen, der Oberalpcn, des Rhone 

und Ai'tv'ron. Die wichtigsten Kupferwerke sind die von Sainl-Belle und Chessj- muvdlhyon. 
i) Nahmentlich in Narnur und Lattich. 

h) Nahmentlich in Sacoyen , zu Agorda im Veuctianischen , in IScapel u. s. w. 
l) Zu Dei^a und Szendomokos. Das Kupferbergwerk zu Deva liefert allein jährlich über 32oo Ctr. 

Kupfer, 
m) Zu Jakoben^, 
n) Zu Miedziana Göra. 
o) Bey Lükkens oder Meldal , Selboc j \ornehnilich aber bey Köraas, dessen Bergwerke seit 

Jahrhunderten jährlich 2ooo und einige hundert Schiffspf. Kupfer liefern. S. Monatl. Cor- 

respondenz u. s. w. a. a. O. 1810. July. S. 83. 
/)) S. Hesperus. i8i5. Nr. 25. S. ig5. 
7) Es entsteht durch Ceinent- oder Kupferwasser , welches mittelst der Vitriolsäure aufgelöstes 

Kupfer mit sich führt, und in den Bergwerken von den Wänden der Gruben herabtröpfelt, 

oder aus der Erde hervorquillt. In dasselbe legt man Eisen, dessen Theile es auflöst, und 

dafür Kupfcrtheile ansetzt. . 
r") Nahmentlich zu Herrengrund und Schmölnitz , wo das Cement- oder Kupferwasser durch 

Maschinen aus den Berghöhlen heraufgepumpt, und in Rinnen mehrere looo Klafter weit 

geleitet wird. Man schlägt die Quantität des hier jährlich erzeugten Cementküpfers auf i2 

- — i5oo Ctr. an. 

§• 71- 

2) Eisen. 

Das gemeinste, al)cr aiicli nützlicliste aller INIetallc, Aas, Eisen (ferruni), kuninit fast 
allentlialben in Europa, und in mehreren Landern dieses Erdtlieils in so reichem .Maas.se 
vor, dass sie nicht nur ihren hinlänglichen Bedarf an diesem Metalle haben, sondern 
auch viel davon noch ausfuhren können. Das meiste Eisen ^ aber nicht von besonderer 
Güte, liefert jetzt Grossbritannien a) ; nächstdem haben den grössten Reichthmn an 
diesem Metalle Frankreich h)j Deutschland c)j Russland d)_, Schweden e) imd Nor- 
wegen/) ; sonst aber gibt es auch in Ungern g) _, Siehenbürgeti h) j Galizien /) und 
der Bukowina k) _, so wie in Italien l) j Spanien ni) luid den südlichen Provinzen der 
Niederlande n) sehr ergiebige Eisenbergwerke. Das Totalquantmn des jährlich in Eu- 
ropa zu Tage geförderten Eisens gibt Hr. Hassel zu 15,627,098 Ctr. an. Zu dieser 
Ausbeute liefern den stärksten iintheil folgende Staaten : 
Grossbritannien . . . 3,654,ooo Ctr. Preussen 465,723 Ctr. 

nach Villefosse gar . 5,üoo,ooo — Baiern 56o^ooo — 

Fi-ankreicli 2,gig,86g — Spanien 180,000 — 

Russland 2,35.5,583 — nach andern iiljer . . 3oO;000 — 

Scluveden mit Norwegen i,65o,ooo — Sitrdinien i5o,ooo — 

Oesterreich i,ä8o,ooo — Sachsen 80,000 — 



l44 II. Urproduction. §. ■ji. Unedle Metalle: Eisen. 

Braunschweig .... 62-,25o — Hanover .:.... 4i,356 — 
TVüvteinberg .... 60,000 — nach Hock .... 121,828 — 

nach Hock nur . . 3o,ooo — Die jSlederlande . . . 27,042 — 

Churliesseri 58,ioo — Nassau ...... i5,ooo — 

nach fföck .... 96,000 — 
Die Eisenpro dnction würde indessen in mehreren der besagten Länder noch grösser 
seyn, könnte man überall die Hüttenwerke mit dem nöthigcn Brennmateriale verse- 
hen , mid müssten nicht aus Mangel an Holz und Kohlen hier imd da die Schmelzhüt- 
len oft durch lange Zeit feyern. 

Das beste Eisen liefern Schweden _, Stejermark und Kärnthen ; ausserdem wird 
es von vorzüglicher Güte im Siegenscheu j in der Grafschaft Mark oj , auf der Insel 
Elba und in Namur und Lüttich gewonnen. — Eigeniliclie Stahlgruben gibt es 
wenige pj ; der meiste Stahl wird aus Eisen durch Kunst bereitet. Der feine englische 
Stahl wird aus schwedischem oder steyermärkischem, schon von den Röjnern geschiitz- 
Icu Eisen (noricus chalybs) ccmentirt. 

Das so seltene, erst in den neuern Zeiten entdeckte Eisenchromerz oder Farben- 
metall besitzen Frankreich und Oesterreich _, nahmentHch ÄYe^ermrt/Vi: in der Gul- 
sen bey Kraubath, wo es bergmännisch gewonnen wird. Entdecker der, für Künste 
und Industrie unschätzbaren CA7'o;7i;7i/7je« in diesemLande, ist des Erzherzogs Johann 
kaiserliche Hoheit^ der die verborgenen Schätze der Natur so glücklich zu enthüllen 
strebet. Dieses rohe Materiale sowohl als die daraus bereiteten Farben sind für Oester- 
reich ein llandclsartikel selbst in's Ausland geworden. Vor der Auffindung dieses Far- 
benmelalls im Inlande wurde es mit grossen Kosten aus Frankreich bezogen. 

Ausserdem verdient hier der, flist in allen reichhakigen Eiscngiubcn vorkommen- 
de, magnetische Eisenstein qj eine besondere Erwähnung. Dieses Erz, Ijekannf un- 
ter dem einfachen Nahmen Magnet ^ unterscheidet sich von andern Erzen durch die 
höchst merkwürdige Eigenschaft, Eisen und eisenhaltige Körper an sich zu ziehen, 
und sich, wenn es frey schwebet, mit gewissen Puncten allzeit nach einerley Welt- 
Gegend zu kehren. Diese letztere magnetische Eigenschaft gab zu der so wichtigen 
Erfindung des Compasses Anlass, der, als treuer Wegweiser der auf dem weilen 
Wellmeere runherirrenden Seefahrer, auf die Beförderung der Schifffahrt, des Han- 
dels und der Erd- luid Völkerkimde einen migemein grossen Eiafluss hat. 

a) Es gewinnt bereits so viel Eisen, dass es das nordische Eisen fast ganz enlbeJiren kann. 
Die Erfindung des Gebraucfis der Steinkohlen zur Verfertigung des Eisens, die hohen Prei- 
se des russischen und schwedisciien Eisens , in Verbindung der mannigfaltigen , immer all- 
gemeiner werdenden , in keinem andern europäischen Lande so weit getriebenen Verwen- 
dung dieses Metalls zu Gegenständen, wozu man sonst andere Materialien benutzte (s. §. ii2.), 
haben die Eisenproduclion in England ausserordentlich befördert. Die vorzüglichsten Eisen- 
bergwerke in ganz England sind in der Nähe \on Ulcerston in Lancashire. 
b) Vornehmlich in den Departements .-ir/iVge, Mosel, Meurlke, Ardennen , Jura und Obev- 
mariie, in welchem letzteren allein jährlich 24o,i3o Ctr. Stabeisen gewonnen werden, wo- 
zu 320,000 Ctr. Roheisen erforderlich sind. S. Ergänzungsbl. z. Allg. L. Z. i8n. Nr. 43. 
S. 341 fr. Bey ?:Ionnaj^ einem kleinen Dorfe im Departement Jura, findet man gediegenes 



II. Urproductiou. §. yx. ÜQcdle Melalle : Eisen. ijjS 

Eisen in ungeheuren Massen. Der sogenannte Montagne de fer ist ein walirer Eisenfels. S. 
Goiiiiig. gel. Aiiz. i8oi. S. ioi3 ff. 

c) Es erzeugt im Ganzen jährlich ungefähr , wie vorhandene Schätzungen besagen, 2,5oo,ooo 
Ctr. , wozu, nebst ilena Harz, folgende Lränder den stärksten Antheil liefern : Baiern 36o,ooo, 
Slej-ermark 3i5,ooo, der Harz 220,000, Schlesien 219,070, Böhmen 193,400, Kärnlhen 
180,000 und Krain 100,000 Cir. 

d) Die sänuntlichen Krön- und Pri^ atbergwerke des russischen Reichs liefern , nach Herr- 
nxann, im Durchschnitte jährlich 9,722,776 Pud oder 3,889, iio^l^Ctr. Roheisen, und 5,338,957 
Pud oder 2,335,582i Ctr. Stabeisen. S. Gölting. gel. Anz. i8i2. St. i3. S. 124. Das russi- 
sche Eisen kommt nur zum Theil aus dem europäischen Russland, grijssten Theils aber aus 
Sibirien , und folglich aus Asien. 

e) Das seine bedeulendsten Eisengrub;:n bey Daneniora in Upland hat, die jährlich 4O5OOO 
Scliiffspfund oder 112,000 Ctr. liefern, und deren Erze von i5 — 70 Procent halten. D.e 
jährliche Ausbeute aller schwedischen Eisenminen aber schlägt man zu 1,293,489 Ctr. an 
(s. Gölting. gel. Anz. i8i2. St. i3. S. 124), vvo\on über zwey Driuheile ausgeführt wer- 
den. In den neuesten Zeiten erlitten jedoch die schwedischen Eisenhandlhierungen , die ih- 
re blühendste Periode in den J. 1780— 1800 hatten, durch die bedeutende Erweiterung der 
Stabeisenfabrication in England, und durch andere Umstände einen empfindlichen Sloss. 
S. Gölting. gel. Anz. 1811. St. 180. S. 1795. 

/) Es erzeugt jährlich 60,000 Schiffspfund oder 168,000 Ctr. Eisen , wozu das Eisenwerk bey 
Laurt'ig, das reichste in Norwegen, allein 6 — 7000 Schiffspfund nebst 2ooo Schiffsplund 
Gusswaaren liefert. S. AUg. geogr. Ephem. Bd. 38. S. 35o. 

g) Vornehmlich in der Gömörer Gespanschaft, wo die Eisenerze so häufig sind, das.s das 
ganze Königreich damit versehen >verden könnte; ferner in der Zipser , Liplauer, Suhler, 
Abauji'arer , Borschvder und Biharer Gespanschaft und im Banal. 

h) Wo die wichtigsten Eisenbergwerke zu Hunjad , bey Toroczk,) Sz. Gjövgy , zu J'alza und 
Danjalt^a sind. 

i) Wo das meiste Eisen im Sirjerkreise erzeugt wird ; dann wird auf Eisen gebaut im Zloi:zo~ 
wer- und Zolkiewerkreise , dessgleichen im Samborer- und Sundecerkreine. 

A) Wo das Eisenwerk zu Jakobeny bekannt ist. 

V) Nahmentlich in Saooyen , Piemonl und auf der Insel Sardinien; dann in dem lombardisch- 
venetianischen Königreiclie (nahmentlich in den Delegationen Brnsda und Bergamo), in 
Neapel (besonders zu Stilo) und auf der Insel Elba, wo die Eisengruben in der Nähe des 
Dorfes Rio schon im Alterthuine berühmt waren. Ein Berg , 5oo Fuss hoch und eine italie- 
nische Meile lang, findet sich hier, der fast ganz aus Eisen besteht. Hundert Pfund Eisen- 
stein enthalten 75 Pfund reines Eisen. Eine dieser Insel besonders eigenthumliche Erschei- 
nung ist das krjstallisirle Eisen in verschiedenen Formen. 

Hl) Dessen Eisengruben zu Mondragou und Sommorosiro in Biscaya, die ersten im Reiche, 
allein jährlich über 3oo,ooo Clr. produciren , und mit den übrigen spanischen Eisenminen 
in Asturien , Nafurra und Arngoaien so \ iel Eisen gewinnen, dass davon eine belrächlliche 
Menge noch dem Auslande zugeführt wird. 

/i) Nahmentlich in Luxemburg , Xainur , Lütlich und Hennegau. 

o) Wo so starkes und zähes Eisen gewonnen wird , dass ein vierkantiger Stab desselben , von 
der Dicke -'- Zolles, 1702 Pfunde trägt, ohne zu brechen; daher es besonders zu Draht 
verarbeitet wird. S. Handbuch einer Statistik der deutschen Bundesstaaten von D. J. D. A. 
Hock elc Leipzig, 1821. S. 11g. 

/;) Nahmentlich in der Schweiz, in Piemont , im ehemaligen Elsass und in Biscara. 

(;)"Die meisten Magnelberge finden sich in Sibirien,, wo der Magnetberg Kalschkanar am Iss 
jelzt die kräftigsten Magnete liefert. 

19 



i4^ U. Urproducliou. 5. 72. Unedle Motaile : Bley. . 

§• 72- 

3) B 1 e y. 

Das ^/e;- (plumbiim), näcLst dem Eisen das nützlichste Metall, dessen wenige 
Handwerker entbehren können, ist in Europa ebenfalls hiiulig anzutreffen. Die ergie- 
higslen Bleygruhen finden sich in Grossbritannien j besonders in DurhamjJSorthum- 
berland uwACumberland; nächstdem in Deutschland ^ vornehmlich auf dem Äa/'s a), 
in Kävntlien b)j Böhmen c) _, Sachsen d)j Pi^eussisch-Schlesien e) luid der Provinz 
Niederrhein f) ; seist aber kommen :mc\\'n\ Spanien g) _, ungern h) und Frank- 
reicht) erhebliche Bleyminen vor. Siebenbürgen k) ^ die Bukowina l) und andere 
europäische Länder stehen den besagten in Ansehung der Bleyproduction weit nach. 
Knclx Russland cvzevi'^ wenig Bleyj im Durchschnitt jährlich nur 18,181 Ctr. m) , 
und selbst dieses verhältnissmässig ^ringe Resultat ist die Ausbeute des zu JVertschinsk 
in Sibirien befindlichen Bergwerkes ; daher jährlich für mehr als 269,000 Rubel Bley 
cingelührt wird. Das ganze Quantiun des jährlich in den europäischen Staaten erzeug- 
ten Bleyes berechnet Hr. Hassel zu 554, 7g5 Ctr. Dazu tragen bey: 

Grossbritannien .... 25o,ooo Ctr. Frankreich l4,3oo Ctr, 

Manöver 99/^45 — w^xcXx Villejossevi.Galletti Go,ooo — 

Oesterreich 76,306 — Sardinien 4,100 — 

Preussen 32,353 — Nassau 3,5oo — 

Spanien 3o,ooo — nach Hock 12,000 — 

nach Crome 32,ooo — Braunschweig 3,142 — 

Sachsen . . 20,000 — Baden 700 — 

nach Villefosse .... 10,000 — nach Hock 2,000 — 

Russland ...... . . 20,000 — Baiern 600 — 

Schweden 049 — 

Das reinste Bley aber wird bey Fillach in Kärnthen gewonnen j es wird seiner Rei- 
nigkeit wegen scDjst dem englischen vorgezogen. 

a) Im J. 1810 licferle der elirwürdige i/ar; 58,536 Ctr. Bley, mit Ausschluss ^on 04,072 Ctr. 
Rauü^läite. S. Götting. gel. Anz, i8i2. St. i3. S. i23. 

b) Wo das Bleybergvverk zu U/ej-öerg bey Villach , das reichste in IvärnthRii, allem jährlich 
28 — 29,000 Ctr. Bley liefert. Die Bleygruhen zu Raibl geben jährlich 8 — 10,000 Ctr. , und 
die übrigen kleineren Bleybergwerke \ on TVindischblejberg , am Obir , an der AJiss und bey 
Meiselding zusammen ungefähr 4ooo Ctr. Bley. Das Totale der Bleyerzeugung in Kärnthen 
beträgt demnach 40 — 45,ooo Ctr. , wovon 5 — 6000 Ctr. auf Glätte \ erarbeitet werden. 

c) Es erzeugt jährlich zwischen 6 — 8000 Ctr. Bley. 
ti) Im Erzgebirge. 

«) Wo um Tarnoivilz und Beulhen so beträclitliche und silberhaltige Lager von Bleyerz vor- 
kommen, dass sie eine Gegend von 4 Quadratmeilen einnehmen, und einen Vorrath von 
etwa 55,253,552 Ctr. Bleyerz vermuthcn lassen. S. Hück a. a. O. S. 116. Es werden daselbst 
jährlich über 7000 Ctr. Bley gewonnen. 
J") Wo man auf dem Blej-berge jährlich gegen 8000 Ctr. Bley und 2o,ooo Ctr. Bleyglasur ge- 
winnt. 

g) Wo in mehreren Landschaften, besonders in Calalonien, die Bleyminen zu Tage ausstehen; 
d. i. sie Kcigen sich sogar auf de» Oberfläche der Erde, und bilden gleichsam blaue Tapeten. 



II. Urproduclion. §. 75- Unedle Metalle : Zinn. §. -j^. Quecksilber. 147 

/j) Die Bleyerzeugung , besonders aus dem niederungrhchen und nagfbanyer Bergdistrlcte be- 
trägt jährlich 2o — 24,000 Ctr. ; an Blcyglätte , als Kaufmannsgut, liefert der banaler Berg- 
dislrict 2 — 3ooo Clr. 

i) Vornehmlich in den Departements Ille-Villaine , Loire, Isere und Oberrhcia; dann in den 
Depart. ff^asgau, Ardeche , Nordk'üsten und Pp-renäen. 

k) Es erzeugt jährlich 1000— noo Ctr. Bley. 

l) Wo zu Kirlibaba ein silberhaltiges Bleybergwerk sich findet, das im J. i8i5 4^1 Ctr. Bley, 
471 Ctr. Glätte und 692 Mark Silber geliefert hat. 

m) S. Götting. gel. Anz. i8i2. St. i3. S. i25. 

§• 73« 
4) Zinn. 

Dagegen ist das Zinn (stannum) selten, nnd nur wenigen Liindern der Erde von 
der Natur geschenkt. Es wird am häufigsten in Ostindien _, Mexico und England a) 
gewonnen; nächsldem in Deutschland und Spanien ; dort in Böhmen und Sachsenb), 
hier in Galicia und Catalonien. In Portugal hat man die Zinnbergwerke verladen. 
In den ü])rigen Ländern Europa's, sellist das an Schätzen von Mineralien so reiche 
Ungern nicht ausgenommen, ist dieses Metall Lislicr nicht angctrollcn worden. Nur 
in Frankreich j wo bis jetzt kein Zinnbergwerk bclindlich war, soll man, nach öfFeat- 
lichen Nachrichten, im J. i3i3 imweit Limoges eine Zinnader entdeckt haben. Es 
gibt übrigens sechs Zinnsorten, die in Handel kommen: i) das Zinn aus Malaccn in 
Ostindien, das reinste unter allen, besonders die tmter dem Nahmen Kaiin bekannte 
Galtung; 2) das Zinn aus Banca ebendaher; .5) das Zinn aus Mexico; 4) das Zinn 
aus England ; 5) das Zinn aus Böhmen; endlich 6) das Zijin aus Sachsen. 

a) Es war wegen seines Reichthums an Zinn schon den Phöniciern bekannt, und leitet seinen 
Nahmen Brilannien von Brit , Insel, und Tain , Zinn, ab. Besonders ist der Zinnbergbau in 
Cor/ii+'a^/ix "wichtig, obgleich in neuerer Zeit nicht mehr so beträchtlich als ehedem. Rlan 
fordert jährlich , nach Fillefosse , i4,5oo Blocks (ein Gewicht zu 36o Pf.) gemeines Zinn» 
und 35oo Blocks feines Zinn, zusammen, nach Ctrn. berechnet, 64,800 Ctr. 

b) Die Gruben des böhmisnhen Erzgebirges pflegen jährlich gegen 55oq , die des süchsischen 
Erzgebirges gegen 25oo Ctr. zu liefern. 

§. 74. 
5) Quecksilber. 

Das Quecksilber aj (hydrargyrum, mercurius, argentum vivum) , nach dem Pia- 
tina und dem Golde der schwerste Körper unter den Metallen, ist noch seltener als 
das Zinn. Es koniini nur in wenigen Ländern vor. In Europa findet es sich am liäufig- 
sten in Deutschland bj ; näclistdem in Spat den cj; sonst kommt es noch in Portu- 
gal dj „ Ungern ej und Siebenbürgen fj vor. Ausser Europa ist es anzutreffen in 
China, Japan und Jmerika ; im letzteren Erdlheile jedoch nur in Mexico und Peruj 
und zu dem Bediirlnisse des L.indes nicht hinreichend gj ; daher Spanien I)ishcr zum 
Behiifo seiner amerikanischen Gold- und Silberiuinen noch europäisches Quecksilber , 
na Limentlich von Almada und Idria einhihren musste. Bekanntlich werden die Gold- 
und Silbererze <larch Vereinigung mit Qiiecksilber (ainalgaiua, Anrpiicken) von dan 

19* 



i48 II. Urproduction. §. 75. UaeJle Jletalle : Kobalt, Arsenik., Zink, Spiessglas. 

frenidarllgen Tlicilcn i^escliieJen , und zwar auf eine wohlfeilere, der Gesundheil der 
Arheiter minder naohllieiliye Art, als durcla SchmelzAing mit Bley. 

ß) Es findot sich entweder gediegen (Jungft rnijuerksilber) , oder ^ crerzt , und im letzten Falle 
oft mit Schwefel, da es dann Bergzinnober , Zinnobererz heisst. 

h) Nahmentlich \xn Kheinkveise des Königreichs Baiern, und zwar bey Rockenhausen , Lauter- 
ecken, ff^olfstein und Kirchheini; daim hey Kappet in Kärnthen , 'wo seit 1810 ein reiches 
Zinnoberbergwerk eröffnet ist, dessen Erz 10 — 12 Pfund (>ue(ksilber im Cemner hält; aber 
mehr als irgendwo , bey Idiia in Rrain , obgleich jetzt weniger als in vergangenen Zeilen. 
Es werden jährlich gegen 5, 000 Ctr. erzeugt , da sonst, besonders aus Veranlassung der 
Bornischen Amalgan\alions - Erfindung oder Verbesserung, ausser i8oo Ctr. Zinnober, i2 — 
16,000 Ctr. Quecksilber erbeutet wurden. S. J. J. Ferhers. Nachricht vom Anquicken der 
gold- und silberhaltigen Erze u. s. w. Berlin, 1787. 8. Ein im J. i8o3 zu Idria ausgebro- 
rhener unterirdischer Brand setzte den Ertrag der Quecksilbererzeugung (doch nur auf kurze 
Zeit) auf 36oo Ctr. herab. S. Allg. geogr. Ephem. i8o5. May. S. 140. 

c) Nahmentlich zu Ähnada und bey Valencia. 

d) Nahmentlich bey Coinca , wo es einige Zeit ohne Kosten-Erfolg gewonnen ward; jetzt ist 
das Bergwerk verlassen. 

«;) Bey Nieder-Szlana , Älsö-Sajo und Rosenau in der Gömörer Gespanschaft. 

/) Bey Szalathaa, 

g) Mexico allein verbraucht, nach Hrn. i>. Humboldt , jährlich iG,ooo Ctr. Quecksilber, und 
alle Bergwerke in den spanischen Colonien in Amerika zusammengenommen 25, 000 Ctr. Es 
ist also für den spanischen Berghau äusserst wichtig. Wenn durch Krieg oder andere Um- 
stünde die Zufuhr aus Europa für ein oder mehrere Jahre gehemmt, oder der Preis des 
Quecksilbers gar zu hoch gesteigert wird : so ist sogleich der Ertrag der Bergwerke in Stockung. 

§• l'o- 

Fortsetzung. 

Von den nützlichsten der libjigen luiedlcn Melalle wird 6) der Kobalt (cohaXlnm) 
am hünfigsten in Deutschland, vornehmlich in Sucitsen und Bolivien gewonnen, dort 
jährlich liegen 8200, hier 8000 Ctr. aj ; nüchstdem in Ungern^ besonders bey Top- 
schau in der Göniöreri^cspanschaft; sonst aber auch in Schweden^ England _, Fntnk- 
reich xmd Spanien _, in welchem letzteren Lande er, so wie in Sachsen , von vorziig- 
licher Güte ist. Man benutzt ihn hauptsächlich zur Bereitung der Sinalte j oder blauen 
Glasfarbe, die znr Porcellanglasur, zur Glas- und Eniailnialerey , zum Seifen der fei- 
nen Wäsche, wo sie insbesondere blaue Stärke heisst, u. s. w. dienet. 

•j^Tier yirsenik (arsenicum) ist meistens mil^'chwefel mineralisirl, und erhält dann 
entweder eine gelbe oder eine rölhliche Farbe 5 im erstem Falle gibt er dasOperment oder 
Auripigment, im letzteriMi das Ransc/igelb oder Realgai: Das reine Metall hat eine bläu- 
lich weisseFarbe. Man])flegl in den Bergwerken nicht sowohl absichtlich auf Arsenik zu 
bauen , als vielmehr dessen Gewinnitng gelegentlich bey dem Rösten der Kobalt- luid 
Zinnerze zu betreiben, wo er als ein dicker Dampf davon geht, den man nur auffangen 
darf, wenn man Arsenik haben will. Sachsen und Preussisch-ScJdesien liefern ihn 
in grosser Menge; sonst wird er auch in Böhmen ^ Salx-bnrg j Baier/i und einigen an- 
dern deutschen Ländern; dann in Ungern j Siebenbürgen _, GrossbrUannien, Frank- 
j-eich und Spanien gewonnen. Er wird bey chemischen Arbeiten, in verschiedenen 



II. Urptoduction. ^. y6. Bergöhl , Schwefel und Bergpech. l4g 

Fal)riken , in den Fäiljercyen u. s. w. gebrauclilj auch als Arzencynüllcl zur Vertrei- 
bung des Wcclisclfic])ers, wider Krebsschaden u. s. w. empfohlen, ob er gleich das 
stärkste mineralische Gift, die verdächtigste, gcfahrvoUcste Substanz ist, die Europa's 
Ärzte in medicinisclien Gebrauch ziehen können. 

8) Der Zitik (zincuni) wird nicht bloss vererzt, als Blende j sondern aucli in Ge- 
stalt des Gaimej's gewonnen , welche beyde Zinkerze zur Bereitung des Messings gc- 
])rauclit werden. Sie werden erzeugt in Ungern, Siebenbürgen j Crossbriliinnien 
wnil Fiankreich j aber mehr als irgendwo \n Deutscltland b) und in den südlichen 
Provinzen des Königreichs der JSiederlande c). Im Handel kommt der Zink auch un- 
ter dem Nahmen Spiaater und Tiitenago oder Tutanego vor; besonders hat der ost- 
indische diesen Nahmen. 

Endlich g) Spiessglus (antimonium) , welcher hauptsächlich zur Erzeugung weis- 
ser Compositionswaaren dient, gewinnt man in Grossbritannien j Siebenbürgen ^ 
Böhmen^ der preussisclien Provinz Saclisen und anderen deutschen Ländern, be- 
sonders häufig aber in Ungern j nächsldciu in Frankreich ; dort jähriich gegen 35uü 
— 4000 Ctr. , hier 120,000 Kilogramme (a 2 Pf. 5 Quentchen 4g Gran). Übeniaupt aber 
gibt es in dem ganzen Inbegriffe der etlichen zwanzig bisher m der Natur gezählten 
Metalle (worunter jedoch manches bloss eine mineralogische Seltenheit ist) keines, 
das nicht im Schoosse der europäischen Erde mit gefunden würde , selbst Platina 
nicht ausgenommen, das in Spaniens Gebirgen vorhanden ist, ohne-dass man es bis- 
her daselbst aufgesucht hatte. — Russland besitzt wohl die in diesem Paragraphc 
unter 6) bis q) aufgezählten Metalle, auch Quecksilber; aber bloss in den nertscldns- 
kischen imd altaischen Minen; auch hat man sie, wo sie sich bisher fanden, entweder 
noch gar nicht oder doch so sparsam benutzt, dass die meisten dieser Productc jähr- 
lich noch auswärts zugekauft worden sind. 

a) Ausserdem in Slejennark , Salzburg , Baiern, Baden, Churhessen , Preussisch-Schlesien und 
andern deutschen Ländern; im Ganzen dürfte Deulscliland 18 — 19,000 Ctr. Kobalt erzeugen. 
6) Vornehmlich bey Aachen in der Provinz Niederrhein und bey Brilon in der Pro\inz West- 
phalen , dann am Königsberg und zu Blejherg in Rärntlien ; zu Rochlilz , bey Kommothau , 
Raliborschilz und J-Vildschilz in Böhmen; ausserdem aber auch am Harz-, bey Tarnoit-itz in 
Preussisch-Schlesien , in Slejermarlc , Tyrol , Salzburg, Baiern und andern deutschen Ländern. 
Überhaupt schlägt man die jährliche Galmeyproduction der deutschen Bundesstaaten auf 
82,800 Ctr. an, >vovon Schweden aliein mehrere Schiffsladungen über Sleuin erhält, 
c) Wo jährlich gegen i5,ooo Ctr. Galmey ge>vonnen werden. 

b) Erdharze oder brennbare 31 i n e r a 1 i e n.. 

S- 76- 

1) Bergöhl, Schwefel und Bergpech. 

Das Berg- oder Steinohl (petroleum) quillt gewöhnlich zugleich mit Wasser aus 
den Klüften der Berge und zwischen Steinritzen hervor. Es findet sich in Spanien _, 
FrankreicJij Deutschland j Ungern ^ Siebenbürgen ^ GalizieUj Russland und Schwe- 
den. Das reinste mid kostbarste ist die kaukasische AaphtUj die auf dem Kaukasus 



i5o II. ürproduclion. §. 77. Torf, Stein-, Canael- und Braunkohlen. 

in zwey Grotten gesammelt und mit Silber aufgewogen wird. Die in Frankreich j Ita- 
lien und Deutschland vorkommende Naphta ist von geringerer Sorte. 

Der Schwefel (sulphur) findet sich ilicils gediegen, tlieils vcrerzt. Der gediegene 
(Jungfernschwefel) wird häufig in der Nachbarschaft der Vulcane und in wannen Bä- 
dern ei'zeugt; indessen wird er doch nicht in der Menge angetroffen, dass er zn den 
nöthigen Bedürfnissen hinreichte; vielmehr wird der meiste verkäufliche Schwefel 
aus der Menge schwefelhaltiger Erze mid Kiese geschieden. In der dänischen Mo- 
narchie ist dieses Erdharz das Hautproduct des Mineralreichs; vornehmlich gibt es auf 
Jsliind ganze Schwefelbergc, d. i. grosse, machtige Lager von Tlion , der von Schwe- 
fel durchdrungen und mit einer gelben Schwefelkruste überzogen ist. Ausserdem sind 
an diesem brennbaren Mineral besonders reich: Neapel j wo die Solfatara an Scliwe- 
lel unerschöpflich ist; Sicilien , wo es sogar Salzseen gibt; Ungern und Croatien j 
wo bloss das Schwefelbergwerk zu Radoboi in der Warasdinergespanschaft so viel 
Scliwefel erzeugt, dass fast ganz Osterreich damit versehen werden könnte; Galizien^ 
wo besonders bey Skia der Schwefel in solcher Menge vorhanden ist, dass man jähr- 
lich an 10,000 Clr. erzeugen könnte; Deutschland j vornehmlich Stejerniarkj Salz- 
burgs Böhmen j, Mähren j, Schlesien j Sachsen j, Hanover und andere deutsche Län- 
der; endUch Russland und Spanien ^ besonders Arngonien ^ Sevilla luid Murcia. 

Bergpech (bitunien) wird in F?'ankreich _, Deutschland _, Galizien _, Ungern j, 
Dalinatienj auf der Lisel Zante\x\\A in anderen Gegenden Europa's gewonnen, und 
zu mancherley Zwecken imd Gewerben, im Grossen aber vorzüglich zum Kalfatern 
der Schiffe benutzt. 

§• 77- 
2) Torf, Stein-, C a n n e 1- un d B r a un k o h 1 e n. 

Der Zbr'/' (turfa) ist nicht nur als Feucrimgsmitlel in holzarmen Ländern ein wich- 
tiges und schätzbares Naturproduct, sondern auch als Baumaterial , als welches er hier 
und da sowohl bey dem Land- als Wasserbaue benutzt wird aj. Er findet sich in den 
meisten Ländern Europa's , und mehrere derselben sind reichlich damit versehen ; den 
grössten Reichthum an Torflagern aber haben die nördlichen Provinzen der Nieder- 
lande, vornehnilicli Groningen , Friesland und Holland bj; nächstdem Deutsch- 
land _, insonderheit in seiner nördlichen Hälfte cj; dann Ost- und W estpreussen j 
Dänemark j Grossbritannien und Irland ^ Russland ^ Galizien und Ungern ^ vor- 
züglich das fette Banat. Aber nur in wenigen Ländern wird dieses Erzharz durch An- 
legung regelmässiger Torfgräberey gewonnen; in den meisten stehen der Torfculltir 
noch Vorurlheile entgegen , und man benutzt dieses Holzsurrogal noch nicht in dem 
Grade, als man könnte und sollte. 

Noch wichtiger sind ^\c Steinkohlen (lithanirax, carbo fossilis). Sie sind von ver- 
schiedener Güte, überhaupt aber sind sie einem Lande, welches keinen Liberlkiss, 
oder gar Mangel an Holze hat, eine grosse Wohlthat. Sie werden in den meisten Län- 
dern Europa's angetroffen, aber noch nicht allenthalben bergmännisch gewonnen, ob 
sie gleich, wie der Torf, verdienten, allgemeiner und sorgfälliger aufgesucht und be- 
uutzt zu werden, und zwar um so mehr, tla hierdiu'ch in manchen Ländern die Mög- 



II. Ürproduction. §. 77. Torf, Stein-, Caancl- uuJ Braunkolilea, l5l 

lichkcit könnte begiiindet werden, Gewerbsanstaltcn ohne Holzvcrhiaufli anzulegen, 
an denen es in denselben noch sehr gebricht d). Unter allen euro|>äischen Landern 
hat keines einen grösseren Überfluss an diesem Brennstoffe, als Gvossbrltaiinlen j in- 
sonderheit England ^ das die Steinkohlen mit Recht als die Hauptquellc seines Na- 
lionalreiidithumes betrachten kann ej. Ausserdem werden sie besonders häufig in 
Frankreich fj und Deutschlund gj gewonnen; sonst aber gibt es auch in Ungern IiJ 
und in den sudlichen Provinzen der Niederlande ij reiche Steinkohlenbergwerke. 

Die Cannelkolde oder der Gagat (gagates) findet sich oll in der Nachbarschaft 
dei' Steinkohlen, besonders der englischen. Kr lasst sich polircn vuid zu allerley Kunst- 
sachen verarbeiten. Auch dienet er zu Firnissen, und das bey der Destillation desselben 
gich entbindende, inflammable Gas zur Erleuchtung, mid zwar bey weitem besser kj, 
als das inflannnable Gas , welches durch die Destillation der Steinkohlen gewon- 
nen wird. 

Jirauiikohlen werden in Deutschland, nahmenilich in Böhmen j Brandenburg ^ 
PreussischSac/isen j Churhessen und andern deutschen Landern gewonnen und theils 
zur Vprbesserung der Felder IJ, theils ziu- Feuerung mj Itenutzt. 

a) Als: in Holland, Groningen , Jälland , Sc/iollland , in dem Herzogthume Bremen u. s. w. 
S. Betrachtungen und Aufsclilüsse über den Torf als Dauniaterial , und geschichllicher Nach- 
>vcis über dessen bisherige Anwendung bey dem Land- und Wasserbau. \ onJ . Chr. Eiselcn c\c. 
Berlin, 1816. 8. Vergl. Gölting. gel. Anz. 1816. St. igi. S. 1898. 

b) Man gewinnt daselbst jährlich Ö Mill. Tonnen Schlamm-Torf , und 4 Mill. Tonnen tro- 
ckenen oder grauen Torf ; gleichwohl ist diese Torferzeugung , deren Werth man auf 
5,1)00, 000 fl. anschlägt, für das ßedürfniss des Landes nicht hinreichend, und man muss 
noch Steinkohlen und Brennholz in grosser Menge vom Ausländer h(>lilen. 

c) Nahmentlich in Holstein, Lauenburg, Oldenburg, MeckUnburg , Hanoi'cr, und in den preus- 
sischen Provinzen l-P estphalea , Pommern, Saclisen und Brandenburg , wo zu Linum die wich- 
tigste Torfgräbcrey in der ganzen preussischen Monarrhie ist; aber auch Sclilesien , Öster- 
reich unter der Enns j Sl^jermarlc , Kärnl/ien , Satzburg und andere Gegenden Deutschlands 
haben viel Torf. 

d) Wie z. B. in Dalniaiien }i.a\köü'n , Ziegel- und Töpferiifen u, s. w. , so, dass alle derglei- 
chen Waaren , wie Ziegel , Töpfe u. s. w. aus Italien gebracht werden müssen. S. Vatcrl. 
Blatt, für den österr. Kaiscrstaat. 1818. JNr. 27. S. 107. 

e) Die reichsten Sleinkohlengruben sind in INorthumberland bey Neiicastle und in Gumberland 
bey Pf^hitehai'en. Die Gralschaiten Durhani, Yorlc , Lancasler , SluJJord , Slirop , Derbj- , 
Rollingham , Leicester, Somnierset und G loucester h&hen ebenfalls beträchtliche Steinkohlen- 
bergwerke , und noch immer entdeckt man mehr von diesem unterirdischen Schatze. Im 
Ganzen beträgt das Resultat der Steinkohlen-Produclion in England, Schottland und Irland, 
nach T'illejosse , i5o,ooo,ooo Cir. London allein \erbrauchte imJ. 1814 1,207,744 Chaklrons 
oder 43,478,892 Scheffel (1 Chaldron zu 36 Scheffel) Steinkohlen. Daraus lässt sich auf die 
ungeheure Goiisumtion dieses Brennstoffes im ganzen Reiche schlicssen. Der häusliche Be- 
darf davon ist schon gross genug; aber er steht in keinem Verhältnisse mit den Rohlenlasli 11, 
welche jährlich von den Fabriken, Wasserkünsten und allenden vielen Anstalten verschhui- 
gcn werden, in denen Dampfmaschinen errichtet sind. Dazu kommen nun noch zwey neue 
Schlünde: die Gaserleuditung und die durch Wasserdampf fortgetriebenen ReiseschiJJe , wel- 
che allem Ansehen nach den jährlichen Rohlcnbedarf bald ^ erdoppeln dürften. Schon im 
J. 1772 waren über 4goo Schiffe allein mit dem Verführen der Kohlen in England beschäf- 



J2 II. UriiroJuction. §. n-j. Torf, Sieiu-, Caunel- uud Braunkolileu. 

tigt , 3585 trieben den Rüstenliandel , und 363 brachten Kohlen nach dem Auslände. Durch 
Erleichterung des Transportes auf den zahlreichen Canälen und Flüssen, von einer der in- 
neren Gegendon des Landes nach der andern, ist der Gebrauch der Steinkohlen in Gross- 
brilannien allgemein , und nur der vollständigen Benutzung derselben verdanken die Britten 
die Möglichkeit des Betriebes ihrer Bergwerke und Fabriken , und mit denselben die Aus- 
dehnung ihres Handels und ihren Reichthum. 

y ; Es erzeugte im J. 1810 in den, an Steinkohlen reichsten Departements, deren in den Er- 
ganzungsblättern z. H. A. L. Z. 1810. Nr. 65. S. 5i6 ff. 18 aufgezählt sind, 81,700,000 Ctr. 
Gegenwärtig ist diese Produclion natürlich geringer, da in der Folge die mit Steinkohlen 
reichlich \ ersehenen Departements du Mont Tonerre, de Jemappe und de TOurthe an 
Deutschland und die Niederlande sind abgetreten worden. Gleichwohl besilzt Frankreich 
noch jetzt 260 Steinkohlenminen , die über i2,ooo Werkleute beschäftigen; doch wurden 
im J. 1817 noch für 9 Mill. Fr. Steinkohlen eingeführt. 

^') Der ganze jährliche Ertrag der deutschen Steinkohlengruben wird auf 20,000,000 Ctr. ange- 
schlagen , an welcher Gesammtausbeute Sleyerinark , Oslerreicli ob und unter der Eniis , Bnh- 
tnen , Mähren, Schlesien, I-f^esiphalen , Niederrhein , Clci'c-Berg , Preussisch-Sachsen und das 
Königreich Sachsen den stärksten Antheil nehmen. — In der österreichischen Monarchie be- 
nutzt man die Steinkohlen am meisten in Böhmen. Man sucht in diesem industriösen Lande 
mit Fleiss und Aufwand Steinkohlendölze auf, und wo diese bereits entdeckt worden sind , 
werden überall Steingut- und Porcollanlabriken, Vitriol- und selbst Glashütten errichtet, 
deren einziger Feuerungssloff die Steinkohlen und ganz allein darauf berechnet ist. Ein Bey- 
spiel liefert der Ellntogner- und Pilsnerkreis. — Die Steinkohlen ^on liossiiz in Mähren wur- 
den von dem k. k. polytechnischen Institute in Wien in der Wiener Zeitung, als die zur 
Gasbeleuchtung (welche neue Beleuchtungsart in der österreichischen Monarchie zuerst in 
fJ^ien , dann in Brunn zu Stande kam) vorzüglichsten anempfohlen. Im Frühjahre 1818 ward 
auch der zu Salfore , auf der Küste Istriens , neu erbaute Leuchtthurm mit einem Stein- 
kohlen-Gasbeleuchtungs-Apparate versehen , dessen helles Licht den Schiffern in dunkeln 
Nächten zum Wegweiser dienet. S. PrechtVs Anleitung zur zweckmässlgsten Einrichtung der 
Apparate zur Beleuchtung mit Steinkohlengas. Mit zwey Kupfert. Wien, 1817. — Über- 
sicht der Steinkohlenbildungen in der österr. Monarchie und der gegenwärtigen Benutzung 
derselben ; von Fr. Riepl etc. ; im 2. Bande der Jahrbücher des k. k. polytechnischen Insti- 
tutes in Wien. S. 1 — 106. 

//) Wo das reichste Steinkolilenwerk (im J. 1806 mit einem Ertrage \ on ungefähr .5oo, 000 Ctr.) 
zu TVandorf bey Ödenburg vorkonmit. 

i'} Nahmenilich in den Pro\inzen Lütiich , Hennegau und Namur, nach Crome , mit einem 
jährlichen Ertrage von einigen 5o,ooo Ctrn. Nach Galletli aber liefert LüUich allein täglich 
1 Mill. Pf. Steinkohlen. 

A) S. Götting. gel. Anz. 1812. S. 68. 

t) So werden z. B. im Saatzerkreise in Böhmen jährlich an g5,2oo Ctr. Braunkohlen im Freyen 
zu Asche gebraiHit, und so an die Landleute zur Verbesserung der Felder verkauft. 

iti) So ijt in Preussisch-Sachsen zu und um Merseburg die Braunkohle bey allen Heitzungen 
bis auf die Backöfen die bey weitem gemeinste Feuerung geworden , selbst auf dem Ileerde 
zum Kochen der Speisen , den Brauereyen und Branntweinbrennereyen. Auch in Halle an 
der Saale heitzcn die Bäcker ihre Backofen mit Braunkohle , wodurch an Kosten jährlich 
über 9000 Rlhlr. gegen die Holzfeuerung erspart \vird. S. Jen. A. L. Z. i8ii. Nr. i85. Bey 
J^re^-enKa/f/ü in Brandenburg wird ein Braunkohlenbergwerk bearijcilet, und die daselbst 
gewonnenen Braunkohlen als l^renjiniateriai zur Alaunbereilung benutzt. 



II. ürproduction. §. 78 Bernstoiu u. Graphit. §. 79. Edelsteine u. Halbedelsteine. l53 

§. 78. 
3) Bernstein und Graphit. 

Bernstein oder Jgtste'in (succiniim, s. ])luiincn clcctriim), ein f;;ell)lichtcs Erd- 
harz, das politiirfäliig ist und diirclt Reiben clectrisch wird, findet sich an »der gan- 
zen Ostseeküstc aj , von Holstein bis Iiigerinaniilandj, am häufigsten und schönsten 
aber an dcv pretissisclien}s.u.sXe , besonders in Ostpreussen und zwar, vor allen andern 
Gegenden, von PiiUiti bis Dirsclikein j auch zuweilen in Gruben auf dem festen 
Lande, wie z. B. in Deutschland. Er wird zu Kunstsachen, Firnissen, zum Austäfeln 
vmd Räuchern bj benutzt. Das stärkste GeWerbe damit ist zu Königsberg ^ Stolpe^ 
Danzig j Nürnberg und TFieUj wo sich die meisten Benistcindreher und Bernslein- 
händlcr befinden. 

Graphit oder Rei^sblej (plunil>ago) , welches das Material zu unsern Bleystiften 
abgibt, findet sich am feinsten und reinsten in England cj (daher der Vorzug der 
englischen Bleystifte)^ ausserdem, jedoch von gröberer Art, in Deutschland dj _, Ita- 
lien ej und andern Ländern Europa's. Es macht auch den Häupthestandtheil der be- 
rühmten, sogenannten Passauer Schmelzticgel aus. 

a) Wo er schon seit 2 — 3ooo Jahren mit Netzen gefischt wird. Bekanntlich hohhen ihn die 
Phniiicier und Sidonier aus Europa , und verführten ihn in alle Gegenden der Erde. 

b) Besonders in der T'nrkey , in Persien, Japan und China, wohin er aus Europa gebracht wird. 

c) Zu Kesivig in der Grafschaft Cumberland. Auf die Ausfuhre des unverarbeiteten Reissbleyes 
ist die Todesstrafe gesetzt. Neuerlich wurden zwoy Graphllmincn auch in Schollland, (bcy 
Arr und lni>erness) entdeckt. 

d) Nahmenliich um Oberzell oder Hafnerzell im Passauischen , bey Schärding im Innviertel , 
bev Hanna und Schönbürhel in der Gegend von 3Iölk ; dann in Mähren und auf der fürst- 
lich Schwarzenberg'schen Herrschaft Krumnu in Böhmen , wo er von vorzüglicher Güte ist ; 
er gibt dem Hafnerzeller Graphit wenig nach, und wird vornehmlich in der Harthmul/i- 
schen Bleystiftfabrik zu Wien benutzt. 

e) S. Ergänzungsbl. z. H. A. L. Z. 1811. Nr. 44. S. 347. 

c) S t c i n e. 
aa) Kieselsteine. 

§• 79- 
1) Edelsteine und Halbedelsteine. 

Die europäischen Edelsteine (gemmac) müssen zwar grössten Theils den orien- 
talischen und brasilianisdien nachstehen, sind aber doch aucli schätzbar. Man findet 
mit Ausnahme des Dianiaiites aJ (genmia adamas), der mir ein Product des Orients 
und Brasiliens bJ ist, alle Arten derselben, nähmlich: 
den Rubin (silex gemma rubinus), Avelcher hochroih ist; 

— Topas (sil, gem. topasius) , welcher citronengelh , auch weissgelb oder hräunhch 

(Raiichtopass) ist; 

— Saphir (sil. gem. saphyrus) , welcher hmnnclblau ist; 



«54 II. Urproduction. §. 7g. Edelsteine und Halbedelsteine. 

den Edelopal (sll. gem. opalus) , welcher milcliblau ist, aber nach Verschiedenheit 
der Laf,'e yegen das Licht in's Gelbe, Grüne, Rothe und Blaue spielt j 

— ClujsoUth {9,'i\. gem. chtysolithus) , welcher zeisiggrün oder goldgrün ist; 

— i>inaragd (sil. gem. smaragdus) , welcher von grasgrüner dunkler Farbe ist; 

— Aquamarin oder Beryll (sil. gem. bcryllus) von meergrüner Farbe, welche in's 

Wasserblaue spielt ; 

— Granat (sil. gem. granatus) , welcher dunkclroth ist; 

— ijj acinth (sil. gem. hyacinthus) , welcher rothgelb ist; 

— Ametitjst (sil. quarzum amcthystns), welcher violet ist. 

Lntor den Haibedehtt4ne.il (lapides pretiosi) sind die vorzüglichsten: 
der Aclial [sW. achates), von verschiedöner Farbe undDiichsichtigkeit, nach Verhält- 
niss der Steinarten, woraus er znsamniongosctzt ist ; 

— gemeine Opal (sil, opalus), von verschiedenen Farben, die er nach Verschieden- 

heit der Lage gegen das Licht verändert; 
— - Chalcedon (sil. cbalcedonius), von weissgrauer Farbe; 

. — Carneol (Saidcr, sil. carneolus), welcher halb durchsichtig, weiss, gelb vmd 
ganz roih ist; 

— Onyx (sil. onyx), welcher hornartig, von weissgrauer Farbe ist; 

— Jaspis (sil. Jaspis), von verschiedener Farbe; 

— Piaser (sil. prasius) , v. elcher von lauchgriaier Farbe ist; 

— Chi'jsnpras {Go/dpraser ; s\l. chrysoprasins), dessen Glanz in'sGoldnc spielt; 

— Berg/if} st{dl (sil. quarzum crystallus), weblier glasartig imd durchsicblig ist. 
Ungern j Siebenbürgen imd Deutschland j insonderheit Bidimen und Sacliseii _, sind 
diejenigen l^ander in Eiu-opa, welche die meisten und schönsten Edel- luid Halbedel- 
steine aufzuweisen haben. Ausserdem ist Schottland j so wie Ihiss/and j vornehmlich 
in seinem, asiatischen Anlheilc, reichlich damit versehen, liij^nglandj Irltind _, Por- 
tugal j Spanien j Frankreich j Italien und der Schweiz ^ so \»ic in Schweden ^ Aüi-- 
wegen und Island trifl't man ebenfalls einige Arten an. Bendimte Edelopale liefert 
Ungern cj , die schönsten Aniethyste Ungern und Sicbcnbiirgen , die härtesten und 
glänzendsten Granaten Böhmen dj , ausgezeichnet harte Topase das sächsische Voigt- 
land ej , besonders geschätzte Chrysoprase Schlesien/^, gemeine Opale voii-vorzüg- 
liclier Grösse und Schönheit Mähren , berühmte Carneole Schottland , besonders 
schöne Achate Island, sehr schöne grüne und rothe Jaspise das lombardisch-veneiia- 
nische Königreich, kostbare Berylle Sibirien , endhch voi-treffiiche Bergkrystalle Sie- 
benbürgen, Irland, Island und die Schweiz, in welclicm letzteren Lande sie zugleich 
von vorzüglicher Grösse sind gj. 

a) Obgli'icli die ncuern Chemiker den Diamant für ganz reinen KoliIenslofT halten, und daher 
zu den brennbaren Mineralien rechnen: haben wir ihn doch, als den härtesten, durchsich- 
tigsten und daher kostbarsten unter allen Edelsteinen, hier seinen gewolmliclKn ersten Platz 
in der Reihe der Edelsteine einnehmen lassen. 

b) Die schönsten sind die oslindisrhen , vorzüglich die aus Vizapour, Golconrla , Bengalen, Bun- 
delknnd und Bonieo ; nächst diesen die birisilidntsc/ten. Diejenigen, ^velche in Siebenbürgen, 
Irland und andern europäischen Ländern mit dem INabmen Diamant prangen , sind eigent- 
lich bescheidene Bergkrjslalle. Der grösste bisher bekannte Diamant ist aus Brasilien, dem 



II. Urprodaction. §. yc). Edelsteiue uud Halbedelsteine. l55 

Könige von Portugal und Brasilien gehörig; er soll 1680 Karat, oilor 23^ Loth Cöllnisch 
(72 Karat = 1 Lutli) \viegen und 1.556 Mül. Thaler vverth seyn. S. Allg. googr. Jipheiu. 
Bd. 24- x8i3. S. io2 ff. Im Durchsrhnilt beträgt das, ^vas der Hof von Lissabon jährlich 
an Diamanten geuinnt, 60,000 Karat zu 25 Livrcs, also zusammen i,5oo,ooo Liv. S. Poüt. 
Journ. 1811. Nüv. S. g8i. Der grössere Theil wird aus dem Sande der Flüsse geseift. Die 
Gewinnung der Diamanten ist vom Hofe verpachtet. Einige tausend Negersclaven , die 
ganz nackt gehen müssen , damit sie keinen Diamant auf die Seite schaffen und verbergen 
können , sind damit beschäftigt. Aber ungeachtet dieser Vorsicht und Wachsamkeit zahlrei- 
cher Aufselier, wissen die Sclaven dennoch Mittel zu finden, Diamanten zu verstecken, 
und verkaufen sie nachher um sehr geringe Preise an Schleichhändler gegen Rum und Ta- 
bak. Findet einer derselben einen Diamant von 8 — 10 Karat Gewicht, so erhält er eine 
prächtige Bekleidung oder sonst eine Vergeltung. Wiegt aber der Diamant 17 Karat oder 
darüber, so wird der Finder mit Pomp nach Hause geführt und mit 'der Freyheit belohnt. 
Derjenige Theil von Brasilien, der als fruchtbares Diamantenland so sehr bekannt ist, liegt 
im Innern dieses Ungeheuern Landes , und erstreckt sich vom 22-7 bis zum 16. Grad südli- 
cher Breite. Sein Umkreis beträgt bey 33o deutsche Meilen. Ausser Diamanten findet man 
daselbst auch Amelhyslc , Saphire, Topase und andere Edelsteine, die einen jährlichen Er- 
trag von i5o,ooo Thaler geben. Aber gerade in den Gegenden Brasiliens, in denen die Na- 
tur so reiche Schätze darbietet , befinden sich die ärmsten Bewohner. Keiner darl sich den 
Diamantengegenden bey Todesstrafe nähern. Über die Diamantengruben in Brasilien: in den 
Allg. geogr. Ephem. Bd. 09. S. 28g — 296. — Die Kunst, Diamanten zu brillantircn , <1. h. 
Facetten auf ihnen zu schleifen , hat man vornehmlich in Ämslerdam und London bis zu 
einer Vollkommeaheit getrieben , von der man sich eine Vorstellung machen kann, wenn 
man weiss, dass man Schleifmühlen hat, auf denen Diamanten von so geringer Grösse , 
dass 2000 auf ein Karat gehen, i5 Facetten erhalten können. Bey der Bestimmung des Wer- 
thes der Diamanten kommt seine Klarheit (sein Wasser) und Grösse in Betracht, und da 
das noch so geringe Zunehmen der letzteren, den Stein sehr bedeutend im W^erthe erhöht, 
so hat man eine Proportion gefunden , um diesen zu beslinimen , indem man seinGewicht 
mit sich selbst quadrirt , und diess Quadrat mit dem Werthe von einem Karat (72 Karat 
Diamantgewicht gehen auf ein Loth) multiplicirt. Wenn also ein Diamant von einerii K.11 at 
8 Louisd"ors kostet : so gilt ein Diamant von 2 Karat schon 32 Louisd'ors. Die merkwürdigste 
Eigenschaft der Diamanten ist ihre Härte. Man kann mit Compositionen von Glas die meisten 
Edelsteine nachbilden, und diesen Kuns.tproducten selbst einen Glanz geben, welchen nur 
ein geübtes Ange von den ächten unterscheidet, aber die Härte lässt sich nicht nachbilden. 

c) Wo die reichsten Opalgruben bey dem, zur k. KammeralherrschaftPeA/m gehörigen Dorfe 
Czerwenicza sind. 

d) Tier Pj-rop ist ein , Böhmen allein eigenthümlicher Granat. S. Andre's Zeitschrift etc. i8og. 
St. 2. S. 228. 

e) Die Menge derselben hat aber ihren Werth sehr verringert, iO , dass sie auch bey den nie- 
drigsten Personen fast gar keinen Absatz finden. Man verkauft sie nach dem Gewichte , das 
Pfund von 4 Groschen bis zu i3 Thaler. S. Neue A. D. Bibl. Bd. 100. S. i45. 

/) Nahmentlich zu Glüscndorf. Der daselbst gewonnene Chrysopras wird von Juwelirern vor 
allen Chrysoprasen sehr geschätzt. S. N. A. D. Bibl. Bd. 102. S. 180 — 183. 

g) Man trifft unter den schweizerischen Krystalien centnerschvvere Stücke an , die so klar und 
durchsichtig sind , dass man eine dahinter gehaltene gewöhnliche Druckschrift lesen kann. 
Unter andern enthielt der Grimselherg ein Krystallgewölbe, worin 1000 Ctr. des schönsten Kry- 
stalls, nach P/cot mehr als 5o, 000 Livres an Werth, gefunden wurden. In neuern Zeiten sind je- 
doch die Kryslalle in der Schweiz weit seltener, als im vorigen Jahrhunderle, gefunden worden. 



iS6 II. ürproiUictiou. §. 80. Unedle Steine. §. 81. Kallsteiae. 

§. 80. 
2) U n e d 1 e. 

Die vorzügliclislen sind: 1) der Kiesel (silex), den man fast allenlhalben, znm 
Thcil in mossei' iMcnije, auf dem Felde und an und in den Flüssen iindel. Er dienet 
milor andern zum Glasmaclien, zu Cliaussccn und zum Belegen der Landstrassen. Die 
feinen durcLsichtigen werden von Sieinsclmeidern gcschlifTen, und zu allerley Galan- 
leriewaaren benutzt. — 2) Der Feuerstein (silex pyromachus) , der schon vor Allers 
als ein nützliches Werkzeug in der Haushaltung bekannt \\a.r; aber noch allgemeiner 
ward sein Gebrauch nach Erfindung der Schiessgewehre und Einfühlung des Tabak- 
rauchcus. Er findet sich am häufigsten in Frankreich aj „ Grossbritannien bj ^ in 
dem Loiiibardisch-venetianischen Königreiche cj und in Galizien ^J j in webhem 
letzteren Lande er zugleich, so wie in Frankreich von vorzüglicher Güte ist; sonst aber 
■\\iid er auch in Furtiigal ej j Spanien fj j Deutschland g)j Liitticli und ungern Ji) 
angetroffen. 

d) Besonders in dem Departement Loire und Chere , wo zu Meusncs ein wichtiger Flinten- 
steinhandel getrieben wird; dami in den Departements Jrulre und Seine-Marne. Im Ganzen 
Uefert Frankreicfi jährlich zwischen 2o — 3o Mill. St. Flintonsteine. 

b) Es hat in den Jahren 1808 — i8i3 nach dem festen Lande, und zwar für Russland, Preus- 
sen , Schweden , Spanien, Portugal und das nördliche Deutschland 12,4775740 Stück Feuer- 
steine geliefert. S. Osterr. Beob. 1816. Nr. i83. 

c) Nahmentlich am Monle-Baldo , wo sehr viele Feuersteine gewonnen, und damit ganz Ita- 
lien und die Levante versorget werden. 

d) Besonders bey Podgorze und Mariampol. Die daselbst gewonnenen Feuersteine übertreffen 
selbst die französischen, da sie härter sind, viel mehr Feuer geben, und mehr aushalten. 
Man versieht die ganze österreichische Armee damit. 

e) Bey Azinkeyra. 

/■) Bey Epila m Aragonien. Man gebraucht hier die Feuersteine häufig zum Bauen. 

e) Bey Acio in Tvrol und bey Burglengenfeld in Baiern. 

h) In dem karpathischen Gebirgszuge von Eperies bis Tokay. 

§. 81. 
bb) Kalksteine. 

Neben dem gemeinen, fast nirgends gänzlich vermissten Kalksteine (calx vidga- 
ris) a) , der gebrannt im Wasser sich auflöst, und in diesem Zustande mit Sand ver- 
mischt den Mörtel oder A'ic Mauerspeise gibt, sind die meisten Länder Europa's auch 
mit Marmor (marnior, s. calcarens marmor) , und mehrere derselben, vornelindich 
Spciwen h) j Italien c) _, Deutschland d) und Ungern j sehr reichlich damit verse- 
hen; dabey sind die m Europa varkommenden Marmorarten sehr mannigfaltig e). Man 
findet einfarbigen ■weissen und schwarzen, den man am meisten schätzt; daim einfar- 
bigen grünen, blauen, rollicn, gelben und grauen; auch opalisirenden Muschehuar- 
iri'jr und bimte Marmorarten; letztere am häufigsten y"). Man benutzt den jMarmor 
zn allerley Bildhauerarbeiten und Kinistsachcn , zu Gebäuden und Spielkügelchen 
fSckosscr), welche auf eigenen Mühlen (Marmormuhlen) in Salzburg ^ Tjrol j, im 



II. ürproduction. §. ßi. Kalksteine. i5"r 

Badeii sehen j Scicliseii-Coburg-SaalfeLd'schen und Sachsen-Meinungen scJien vcr- 
fertigel, und Fuderweise nach den Seestädten verführt werden, wo man sie als Bal- 
last nach Indien mitnimmt und dascU'St iheuer verkauft. Doch ist der Handel damit 
heuliges Tages nicht mehr so hctiäihtlich , wie in früheren Zeiten. — Die zum 
Schreiben, Zeichnen und zu anderm Behufe dienliche Kreide (creta) hat ihren Nah- 
men von der Insel Creta (jetzt Candia) , wo sie in grosser Menge und von vorztigli- 
cherGiitc gewonnen wird. Sie konmU aber auch in vielen andern liändern vor, beson- 
ders in der Nachliarschaft des Meeres, wo sie ganze Vorgebirge bildet, z. B. an den 
englischen Küsten, daher der J^ahme ^Ihion (von albus, weiss), welchen England 
vor Alters führte. Eben so ist fast der ganze nördliche Theil von Frankreich mit 
KreidLegebirgen bedeckt. Auch in Dänemark gibt es lange Ketten von Kreidegebirgen, 
so wie in Russland an einigen Orten sich Hiigel erheben, die ganz aus Kreide beste- 
hen. Die beste schwarze Kreide kommt aus Italien. — Kalkerde mit Schwefel oder 
Vitriolsiiiire verbunden gibt den Cj7'.$'(gYpsiim), der in Europa, besonders m Deutsch- 
land g) häufig gefunden , und zu Slucaturarbeiten , zu Abgüssen von Statuen und zur 
Verbesserung eines festen thoniglen Bodens benutzt wird. — AVeini der Gyps hart 
>md fest ist, und eine Politur annimnu, nennet man ihn Jlabaster (gypsum alabastriun), 
dessen Farben eben so mannigfaltig sind , wie die des Marmors. Der weisse wird am 
meisten geschätzt. Der oricnialische ist der schönste und kostbarste ; sonst werden auch 
in Europa, nahmenilich in Spanien j Frankreich :, Italien j Deutschland und andern 
Ländern gute Arten gebrochen. Der russische Alabaster hat jedoch selten die gehöri- 
ge Härte für die Bildhauer. 

a) RalksteinbriicliL", so wie Steinbrüche überhaupt, sind jedoch ihren EigentliUmern nur dann 
nutzbar, wenn sie Geltung haben, oder eine Rente geben; diess ist \orzüglich der Fall in 
der Nachbarschaft grosser Städte. So sind z. B. die, in den Bergen hinter Mauer, Kalkiparg 
und Radatin in Osterreich unter der Enns befindlichen , mächtigen Kalksteinbrüche für die 
vielen da herum wohnenden Kalkbauern, die das baulustige H^ien und die umliegende Ge- 
gend mit Kalk versehen, sehr einträglich. 

b) Wo man in den verschiedenen Gebirgsgegenden sogar Dörfer antrifft , die ganz aus Mar- 
mor gebauel sind. 

c) Wo es in dem einzigen Kreise \ on Bcllunn in der Lombardie neun Marniorbrüche gibt. 

rf) Bt-^sonders sind Steyetmark , Kärnllien, das Erzherzogthuni Österreich , Sahburg, Tjrol 
und Baierii das eigentliche Vaterland des Marmors in Deutschland. Man findet hier nicht 
nur alle Nuancen von Farben, sondern auch sehr seltene Sorten. 

e) So gibt es z. B. in Baierii, im östlichen Theile des Obermainkreises, an 3oo , und a.ni Si- 
cilien gar 4oo Marmorarten. 

/) Den schönsten ^veissen Marmor liefern die weitberühmten IMarmorbrüche bey Cavrara in 
Italien ; der jährliche Absatz an rohem und verarbeiteten Marmor wird noch jetzt auf 
3oo,ooo fl. angeschlagen, obgleich das goldene Zeitaller des Handels mit demselben für Car- 
rara verloren ist, theils weil der Reiclithum seit den Re\olutionskriegcn in Italien sich ver- 
mindert und der Baugeist der Italiener desshalb abgenommen hat, theils weil man fast in 
allen Ländern Europa's Marniorbrüche angelegt hat. S. Allg. geogr. Ephem. Bd. 3o. S. i5i. 
Die IiiseLVfo-/'uroiin Dalmatien, dann Kärnthen und Steiermark besitzen ebenfalls so schö- 
nen weissen Marmor, dass er oft den italienischen Bianca di Carrara noch übertrifft. In den 
neuesten Zeiten ist auch in der Schweiz auf dem Splü^en und in Tyrol unweit Hieran Mar- 



lyS H- Urproductiou. §. 82. Talksteiue. §. 83. Tufstein u. auLre vulkanisclie Prodiicte. 

mor entdeckt worden, der nicht nur eben so weiss, wie der carrarische, sondern auch 
noch härter ist; ingleichen bricht bey Florenz, auf der Insel Faros im Archipel und auf Ä- 
cilien ein vorzüglich berühmter Marmor, so wie der schwarze Marmor bey Lilienfeld un- 
weit Wien, in Lüllich und Hennegau, und der opalisirende Muschelmarmor zu Blejberg in 
Rärnthen, zu den merkwürdigeren Marmorarten in Europa gehören, 
g) Bloss bey Heilbronn in Würtemberg mahlen 4 Gypsmühlcn jährlich 100,000 Ctr. 

§. 82. 

cc) T a 1 k s t e i n e. 

Die vorzüglichsten sind: i) der 7'a/A- (lalciim propriivm), der zum Weglningen 
der Flecken aus den Kleidern, zur \ erf ertigung der Schminke u. s. w. dienet. Der 
meiste und beste kommt aus Fenedig und Russland. — 2) Der Serpentin (Schlan- 
genstein, lal. serpenlinus) , der in Europa, nahmen t.lich h\ Schottland , Italien j'iix 
der Schweiz j, in Deutschland ^ Ungern und Russland häufig gcfimden, aber im Gan- 
zen noch wenig benutzt wird. In Italien wird er zu Werken der schönen Baukunst, 
in Deutschlafid aber, wo er am reinsten bey Zöblitz im sachsischen Erzgebirge vor- 
kommt, zu Reibschalcn, Mörsern und andern dergleichen Gcfassen und kleinen Waa- 
ren verarbeitet. — 3) Der Meerscliaum (tal. lithomarga), ehi weisses oder weissgelb- 
hches, fettes und zähes Mineral, welches sich schneiden lässt, und im Fetter und an 
der Luft erhärtet. Er wird nicht nur bey Kiltschikor in Katolien _, sondern auch in 
Europa , nahmen tlich in Livadien^ nahe bey Thiwa (dem alten Theben) auf dem 
Wege nach Negropont, und am Mar di il/«rmo/'rt gegraben ; auch findet er sich in 
Mähren und in der Krimm. Er wird in der Tiirkey zu Pfeifeiiköpfcn verarbeitet, die 
entweder nach Triest j oder nach Siebenbürgen und Ungern ^ imd von hier weiter 
nach Deutschland j vornehmlich nach Wien j versendet werden, wo sie in verschie- 
denen Fabriken anders geschnitten und mehr nach der Mode gebildet wexden. Nicht 
weit von Constantinopel wird eine Art Thon gewonnen , welchen die Türken Ä7//- 
KiJJi j d.i. Schaumthon nennen j undworatis ebenfalls Pfeifenköpfc verfertiget werden. 

§. 83. 
dd) Tufstein und andere vulcanische Producte. 

Unter den vulcanischen Producten ist besonders die Pazzuolanerde statistisch 
wichtig. Sic wird in Italien j, bey LugoscJi im Banat und in Deutschland:, vornehm- 
lich in der Vroy'im. Niederrliein , gewonnen und benutzt. Mit Wasser vermischt er- 
härtet sie allmählich zu einem dicht ])orösen Steine, welcher Tujfa oder Tuff heisst. 
Der durch Mahlen davon erhaltene Trass oder Cement j thut, seiner bindenden Ei- 
genschaft Avcgen , bey dem ^Vasserliau so vortreffliche Dienste, luid wird daher aus 
der Gegend von Andernach imd Tillenborn in der Provinz Niederrhein sehr häufig 
auf dem Rheine nach Hollands wo bekannthch kein wasserdichtes Mauervs'erk ge- 
macht wird , wozu nicht dieser Cement genonnnen würde, verfiihrl. Der banatische 
Trass wurde in den Jahren 1818 und l8ig von der Direction derk. ungrischen pnvi- 
legirten Canal- imd Schifffahrtsgescllschaft ziu- Wiederheistellung der verlällenen fünf 
i^rossen Schleusen des Franzenscanals mit ürossetn Yortheile verwendet. — iSlit derhar- 



II. Urproducticu. §. 84. Sandsleine. §. 85. Granit. §. 66. Thon- und Erdarteu. lag 

teil Lm>a wcrdcii in Italien Gassen f^epflaslert; die leichtere Lava oder der oben auf 
fliessende Schaum wird, wenn er geronnen ist, zu Gewölben und Dächern gebraucht, 
die sich dann eben so sehr dvuch ihre Starke, wie durch ihre Leichtigkeit , auszeich- 
nen j man schleift die Lava wie den schönsten Marmor zu Tischen; man macht Dosen 
und Schachteln daraus und benutzt sie noch auf verschiedene andere Arten, licy JSie- 
dermennig und Majeii in der Provinz Niederrhein wird eine löcherige (poröse) Lava 
gebrochen, die vortreffliche INIiihl- und Bausteine liefert. Ein grosserund guter Midil- 
stein wird auf der Stelle mit 5o Thaler bezahlt. Man versendet sie zu Land und zu^Vas- 
Ser weit und breit. — Die vidcanische Asche, befruchtet den Boden; die schönsten 
Früchte wachsen rund um den l^esuv und am Fusse desselben. 



ee) Sandsteine. 

Nach ihrer verschiedenen Besiinnnung und Bearbeitung, fuhren sie den Nahmen 
Mühlsteine j Bausteine ^ Sclileif steine _, Fdtrirsteine u. s. w. Die drey ersteren, zum 
ge;ncinen Gelirauche so nöthigen Steinarten liefert fast jedes europäische Land, und 
manches erzeugt sie von vorzüglicher Güte. Der Flitrirstein (1. lilirum, lapis mexica- 
nus), ein gröberer Sandstein, durch den man Wasser und andere Flüssigkeiten sei- 
hen (fihrircji) und sie auf diese Art von ihren Ünreinigkeiten befreyen kann, ist zu- 
erst auf den nicjcicanischen Küsten in der See gefunden worden. In Europa ist die- 
ser Steiij selten, und nur erst in Deutschland , nahmentlich bey Erfurt in Preussisch- 
Saclisen y entdeckt worden. In Holland j wo die reinen Wasserrpiellen mangeln, der- 
gestalt, dass man sogar in /inistei-dnin das Kegenw asser auffangen und in Cisternen 
aufbehalten muss, bedient man sich dieser Flitrirsteine häulig, um vernüttelsi dersel- 
ben, das aufgelängene Wasser von den iusectcn luid anderen ünreinigkeiten zu bcl'rcyen. 

§. 85. 

ff) Granit. 

Di^se Steinart, 'die älteste luiter allen Sicinarlen, ist ein Bestandtheil der höch- 
sten Gebirge Europa's ; sie streicht aber auch häufig luiter den Ebenen hin, und lic- 
hauptet unter allen Steinarten das unterste Slratmn. Oft lindet man, wie z. B. m Russ- 
land j lose Granitstücke in ungeheiuen Klumpen aj , weit von Bergen. Von dieser 
schönen und festen Gebirgsart macht man besonders in den grossen Städten, nirgends 
aber häufigeren Gebrauch als in St. Petersburg. Er kleidet die Ufer der ]\ewa und 
der Canäle, ist ein gang])ares Baumaterial, wird in ungcheiu-er Menge zum Ileerstras- 
senbau angewendet, und zu alierlcy öffentlichen Denkmälern benutzt. 

a) Das Fussgesiclle des D.nkmals Peters des Grossen besteht aus einer Granitmasse, deren 
Lange zur Sielle (In dem Dorfc fuclila, 6 Werste von St. Petersburg) 44 i fl'*" Breite 22, 
und die Hohe 27 Fuss betrug, und deren Gewicht auf mehr als 4 Mill. Pfund berechnet ward. 

§. 86. 

d) Thon- und E r d a r f e n. 
Aus den Tlionarten (argilia) werden tlieils vi'elerlev Arten von gemeinen und 
schonen Gefässen bereitet, ihcils werden sie zu anderem nützlichen Gebrauche ange- 



■ö" II. Urproduction. §. 86. Thou- und Erdarten. 

wondcl. Der Lehm (argilla Jimus) wird gebraucht zum Bauen und zu Backsteinen oder 
Ziegeln 5 der l^y/erihoii oder Leiten (arg. lessularis s. vulgaris) zu TöpJenvaarenaJ ; 
der Pfeif entlion (arg, apyra s. fistularis) nicht nur zu Tahakspfeiien, sondern auch 
zu Schmelzliegeln, Fayence und Steingut ;, und der Porcellaiithon (arg. porcellana) , als 
die reinste und feinste Thonarl, zu Porcellan. Alle diese vier Thonarten werden in 
Europa gewonnen j die beyden.ersteren jedoch in weit grösserer Menge, als die zwey 
letzleren. Der beste Pfeifenthon wird in Colin und Lüttich gegraben, woher die 
Hoüänder ihn konnnen lassen. Die feinste Porcellanerde ist die sächsische von Jiie 
im Erzgebirge, auf deren Ausfidire die Todesstrafe gesetzt ist; sonst al)er wird gute 
Porcellanerde auch in der Gegend von Passau bj , bcy i)'(7/i,'- im Baden'schen , bey 
Brenditz in Mähren c) , an mehreren Puncten in Böhmen dj und in anderen deut- 
schen Gegenden , so wie zu Prinzdorf in der Grosshontergespanschaft in Ungern, 
zu Limoges in Frankreich und in andern Ländern gewonnen. — Die Walkererde 
(Seifenerde, arg. fullonimi) wird zum Walk.-n der Tücher gebraucht, um die Wolle 
von ihrer Fettigkeit zu befreycn. Die Englische hält man für die beste. Man gräbt sie 
in den Grafschaften Surrej _, Kent ^ Sussex ^ Bedford und Stafford , auch auf der 
schollländischen Insel Skj. Die VortrefTlichkeit der englischen Tücher beruhet mit 
auf derselben, daher auch ihre Ausfuhre bey Todesstrafe verbothen ist. In Oester- 
reich unter der Enns j, Stejermark „ Böhmen ^ Sachsen und andern deutschen Län- 
dern hat man, so wie in Ungern^, Russland und andern Ländern ebenfalls gute ^Vai- 
kererde. — Der Bolus (arg. bolus) , von den Siegeln oder Zeichen , die man im Han- 
del zuweilen aufdruckt, auch Siegelerde (terra sigillata) genannt, wird theils als 
Farbe tmter dcmlSuhnicn Englischroth oder Berlinerroth gebraucht, theils zur feinen 
Töpferarbeit und in der Türkey zu Tabakspfeifen, die dort beliebter als die Meer- 
schaumpfeifenköpfe sind, benutzt. Er findet sich in verschiedenen deutschen und an- 
deren J^ändern; am beridimtesten aber ist diejenige Siegelerde , welche von allen 
Zeilen her im Jrchipel j auf der Insel Stalimene j dem alten Lemnos j unter gottes- 
dienstlichen Gebräuchen ausgegr.;ben wird. — Der Schiefer (arg. schistus) wird als 
TafelscJiiefer am häufigsten zu Tis'chblättern und Rechentafeln, als Dachschiefer zum 
Decken der Dächer, insbesondere der Thürnie und Kirchen gebraucht. Er findet sich 
\\\ Sachsen und anderen deutschen Ländern, in Ungern j, Ltalien , England j Irlandj 
Russland und Schweden ^ vornehmlich aber in der Schweiz,, wo im Plattcnberg bey 
Matt im Canton Glarus ein unerschöpflicher Schieferbruch ist j woraus eine Menge 
Tischblätter und Schreibtafeln geschnitten werden, die wieder vielen Tischlern, we- 
gen A'erfertigung der Rahmen und Kisten zur Versendung, Arbeit geben. Ein Schie- 
fergriffelbruch findet sich an der Rötha in dem Herzogthume Sachsen-Meinungen ^ 
der einzige bekannte Bruch dieser Art, aus welchem alle Griffel zum Schreiben auf 
die Schiefertafeln gebrochen, und in alle Gegenden verschickt werden ej. 

Aon wichtigen Erdarten für Fabriken und zu anderm Behufc , hat Europa nieh- 
rerley Farbenerden. Besonders verdient das Berggrün genannt zu werden , welches 
bey JSeusohl in Ungern, bey Schwatz in Tyrol und bey p^erona im lonibardisch-ve- 
netianischen Königreiche gewonnen wird. Das letztere ist unter dem Nahmei> Verone- 
sergriin allgemein bekannt. — Die unter dem Nahmen cölUdsche Erde bekannte 



II. Urproduclion. i^, ^7. Koclisn!?.. 161 

Erde, von einer danklon Olivenfarbe, wird in der (iegcnd von Frechen , zvvcy Stun- 
den von Colin j gcj^niben, und in grosser Menge nach Holland versendet, wo sie als 
eine Zuthat zum Rape' kommen soll, so wie die sehrye?t«e rothe j zu Almagro oder 
Almazarron bey Carthagena in Spanien gegrabene, Erde zur Mischung unter den 
spanischen Schnupftabak (Spaniol), und zum Poliren der Spiegelglaser gebraucht wird. 
a) Bey Aiidujar in der spanischen Landschaft Jaen. , wird eine, unter dorn Nahmen Barro be- 
kannte, weisse Tlionart gegraben, aus welcher man , mit Salz vermischt, die sehr dünnen 
Töpfe Bucaros verfertigt, welche die besondere Eigenschaft haben, dass sie das Wasser ab- 
kühlen und sehr frisch erhalten, wenn man sie in denheissesten Sommertagen in den Schat- 
ten oder in die Zugluft stellt oder hangt. 
b} Mit der Passauer Porcellanerde werden, nebst den Porcellanfabriken in TVlen und Nym- 
phe nb ur g , auch jene von Höchst, Ludwigsburg und Bruck'jerg im Anspachlschen versehen. 
Es seilen von dieser Erde jährlich 800 bis 1000 Truhen (Ladung auf zwey Pferde, beyläu- 
lig 14 Ctr.) gegraben werden. Der Wiener Porcellanfabrik kommt das Fass von 3 Ctr. , mit 
Mauth und Fracht bis Wien, auf 6 fl. C. M. zu stehen. Seit 1800 wendet diese Fabrik die, 
durch die Fayancefabrik in Holiisck , unter dem Nahmen der Rötzererde bekarmt gewordene 
Porcellanerde von Brenditz in Mähren, als Zusatz zu ihrer Masse, mit so gutem Erfolge an, 
dass sie im Falle der Nolh die Passauererde ganz entbehren könnte. S. Jahrbücher des k. k. 
polytechnischen Instituts in Wien. Bd. 1. S. 292. 

c) Die Brenditzer Porcellanerde zeichnet sich durch ihre vorzügliche Reinheit und weisse 
Farbe aus. 

d) Der gelehrte Geognost Mohs hat während seiner, auf Veranlassung der österreichischen Re- 
gierung im J. 1810 ^orgenom^lenen Bereisung von Böhmen , das Vorkommen von Porcel- 
lanerde an 2i Puncten des Ellnbogner- und Saatzerkreises beobachtet, von denen die Porcel- 
lanerde von Zedlilz im Ellnbognerkreise, und die \on Kaadea im Saatzerkreise wegen ihrer 
Güte besonders genannt zu werden verdienen. Überdiess kommt Porcellanerde im £a«sZaaer-j 
Kaurziiner- und Klaltauerkreise vor, 

e)S. H. A. L. Z. i8i3. 173. S. 545. 

e) Salze. 

§• 87. 
1) Roch salz. 

Das rmter allen Salzen unentbehrlichste, und daher durch die Weisheit und Güte 
des Schöpfers auch am weitesten in der Natur verbreitete, ist das Koch- oder Ku- 
chensalz (sal commune s. cibarium). 

Es findet sich entweder im Meer- und Landscewasscr aufgelöst (Meer-, Boy- 
oder Baysalz und Landseesalz), oder fest in grossen iNLissen unter der Erde und in 
grossen Bergen oder Salzstöcken (Berg- oder Steinsalz), oder auch aufgelöst in Quellen 
(Quell- , Brunnen- oder Soolensalz). Das erste gewinnt man an den Ufern des Meeres, 
durch flache im Boden gemachte Behälter, worein man das Meerwasser leitet, und 
wo dieses durch Luft und Sonne verdunstet , das Salz aber zurückbleibt. Auf diese 
Art wird es gewonnen in Grossbritannienj Portugal a) , Spanien b)j Frankreich c), 
Italien d) j auf den jonisclten Inseln e) , in Istrien f) und Dalmatien g). Li Hol- 
land h) , Frankj-eich i) , Schweden k) luid JSorwegen /) wird auch Salz aus dem 
Seewasser durch Sieden erzeugt. Das auf die erste Art gewonnene Meersalz ist gc- 

2l 



i62 I!. UiiiroiUictioii. §. 88. Kochsali, Fortsetzung, 

wölinlk-li f^raii fsel grisj und sehr scharf; daher es am l)estcii zum Einpöckehi, vor- 
nehmlich der Seefische dienet. In den holländischen Soesalzraffinerien zu riaaiienij 
Lejdeiij Alkmaav und Haavlingen wird französisches und spauisclies iMeersalz von 
den, ihm anklehenden erdigen Theilen gereiniget, wodurch das Salz in der Eigen- 
schaft, das Fleisch zu erhalten, das gewöhnliche Salz üheririiri. — In den Salzseen, 
wovon es besonders im südlichen Russland mehrere giht iii) , setzt sich das, wiewohl 
niclit ganz reine Salz, auf der Oberfläche derselben von selbst an, so, dass es nur 
weggenommen werden darf. 

a) Vornelimlich bey Seliwal oder St. Ubcs in der Provinz Eslremadura. 

6) Hauptsäclilicli zu Torra de las Salinas diia Mala in der Landschaft Valencia , und bey 
Puerto Real nahe bey Cadix in der Landschaft Sevilla. 

c) Theils an der mittägigen Küste, hauptsächlich bey Fecais , tbeils und zwar am meisten an 
der nördlichen Küste: sei gvis bey Brouage , Mdran , hie de Re , in der J3ay von Bourneiij , 
Guerande und Croisil ; sei blatte hin und wieder auf der Küste von der Normandie. 

d) Als im l'enelianiscliea zu Sl. Maura und Chioggia , im Genuesischen , in Toscana , bey Ca- 
stigUone und auf der Insel Elba , im Kirchenstaate bey Rimini und Cerria , und an den Kü- 
sten von Apulien , Sicilien und Sardinien. An Siciliens Küsten tritt das Meer an einigen Stel- 
len aus und bildet salzveiche Seen, in welchen sich das Salz in solcher Menge zu Boden 
setzt, dass die Ladung Salz eines Maulesels dort nur 5 kr. kostet. 

e) Wo die Insel Sl. Maura jährlich j2o,ooo Ctr. Seesalz ausführt. 

/) Hauptsächlich bcj Pirano , wo jährlich an 5o,ooo Metzen Seesalz erzeugt werden. 

g) Als zu Arbe , vornehmlich aber zu Pago j wo die Salinen jährlich 6q,ooo Metzen geben. Zu 
J egUa , Sebeniko , Nona , Ribnik und an andern Orten findet man nur noch Spuren ehema- 
liger Salinen , welche die Venelianer eingehen Hessen. Es sind indess , öffenllichen Nach- 
richten zu Folge, bereits die nöthigen Anstalten getroUen worden, um diese unterdrückten 
Salzwerke wieder zu erheben. 

K) Als zu Edam , Enkhuysen und Dockum. 

i) Nahmentlich auf der Küste der Normandie. 

k) Nach Meusel: in Smäland und Boltus-Lehn ; nach Fabri : auf der Insel NorgoU ; nach der 
H. A. L. Z. z8i3. 76. S. 6oti aber gibt es in Schweden gar kein Salzwerk , da jenes auf der 
Halbinsel f alloe oder ff^allöe in Norwegen das einzige in Skandinavien seyn soll. 

l) Nahmentlich bey Tonsberg auf der eben besagten Halbinsel If'allöe , wo aus Seewasser, mit 
Zusatz von englischem Steinsalze (jährlich 25, 000 Tonnen) Salz gesotten wird. 

m) Der reichhaltigste Salzsee ist der Jelton-See in der Statthalterschaft i^rt/rtfo«^; nächst diesem 
der Krirnmische in Taurien. Jener lieferte von 1782 — 1787 im Durchschnitte jährlich über 
5:^^ Mill. Pud, und sein höchstes Product seitdem (1806) war ii,45ü,ig6, das niedrigste 
(1789) 3,334 649 Pud. Jetzt \vird die Salzerzeugung durch vermehrte Anzahl der Arbeiter 
(gegen i2,ooo) auf 10 Mill. Pud gebracht. Der Är/mm/ic/i« Salzsee gab im J. iöo3 4)i79ii2o, 
im J. 1804 3,890:172 Pud. S. u. IViclunann a. a. O. S. 109 ff. 



Fortsetzung. 

An Quell- oder Soolensalz j welches aus der Soole der Salzrjucilen gesotten 
wird, und in der Regel das reinste und beste zum Gebrauch in der Küche ist, h.it 
den grössten Pieichtltuni Z^e^^^'c/z/rtw^/j vornchndich das uördliclie DeiLtschUind ci) _, 
das lauter Quellsalz hat; ausserdem kommen zum Theil reichhaltige Salzquellen in 



II. Urproüuctiout ^. Go. Koctisali. Furlsetiuiig. i63 

England h)j Portugal c)_, Spanien d)^ Frankreicli e) _, Italien /") j \in\.cr Schweiz g)^ 
in Ungern Ji) j Siebenbürgen i) ^ Gulizien Ä) j der Bukowina i) j m Russland m) und 
in der Tiirkej vor. 

a) Nalimentlich dio preussisch-deutsclien Provinzen Sachsen , M'^estphnleri und Pommern ; dann 
Hanot'er , Churli essen , Brautiscluveig , Sachsen-Tf^eimar , Saclisen-Golha j, Sacltsen-Meiriun- 
gen , Sac/isen-IIildburgliausen u. s. \v. Die reichhalligslen Soolen nicht nur in Deutschland, 
sondern unter allen bekannten Soolen des Erdbodens , sind die Lüneburgische und Halli- 
sche ; jene, im hanö\ er'schen Fürstenthume Lü^eöurg-, ist 28, diese, in Preussisch-5nt7i- 
sen , ao^Iöthig. Ein Theil des, in der letzteren Provinz gewonnenen Salzes besteht aus 
Sonnensalz, welches bekanntlich ohne Feuer, bloss durch die Sonnenhitze bereitet wird. 
— In S'üddeutschland kommen die bemerkenswerthen Salzquellen bey Reichenliall in Baiera 
vor, woraus die Soole nicht nur an diesem Orte versotten, sondern (seit 1616) auch nach 
dem holzreichen Traunslein (3-i- Ml. Wegs), und (seit 1809) auch nach Rosenheim (7 Ml. 
Wegs) geleitet und daselbst versotten wird. Die Salzquellen bey Schwäbiscli-Hall und Sulz 
in Würlemberg sind schwach ; reichhaltiger ist die bey Kocliendorf neuentdeckle Salzquelle. 
Im gegenwärtigen Jahre ist es auch dem Grossherzogthiime Baden gelungen , zu Dier/ieim 
bey Villingen eine ergiebige Salzquelle aufzufinden, und daher einem dringenden Bedürf- 
nisse durch ein Erzeugniss des vaterländischen Bodens, das bis jetzt dem besagten Lande 
nur das Ausland gab, zu geniigen. Die zwey Salinen mit 8 Brunnen hey Creutzenach, in der 
preussischen Provinz Nieder- Rtiein, gehören, unter preussischer Landeshoheit, dem Gross- 
herzoge zu Hessen. 
b~) INahmcntlich in der Ebene von ChesJtire , \vo jährlich über i5G,ooo Tonnen Salz gewonnen 
werden, über 16,000 Tonnen für den inländischen Verbrauch, und wenigstens 140,000 
Tonnen zum ausländischen Debite. S. Götling. gel. Anz. i8i5. St. 8. S. 68. 
c) Bey Bio Major in der Provinz Estremadura. 

ri) Hauptsächlich bey dem Castillo de las Boqnelas und bey la JSIala in Granada ; dann zu 
Agnana in der baskischen Pro^inz Alava. 

e) Vornehmlich zu Chdleau-Salias und Dieuze im Departement Mnirihe ; dann zu Salins und 
Lons-le-Saulnier im Depart. Jura, und zu Salies im Depart. der Nieder-Pyreitnen. 

f) Als bey Mouiiers in Savoyen , zu Salsa in Parma, bey f olterra in Toscana, auf der Insel 
Sardinien und in anderen Gegenden Italiens. 

g) Zu Bex im Canton If^aadl , mit jährlichem Salzertrage \on i5,ooo Ctr. , und bey B'ülz im 
Canton Aargau ^ mit jährlicher Salzproduction von 5ooo Ctr. 

h) IVahmentlich zu Sovär im Scharoscher Com\\t^le ., mit jährlichem Salzertrage von 80,000 — 
i2o,ooo Ctr. Dieses Quellsalz danket seinen Ursprung dem Steinsalze. Denn Sowär hat nicht 
sowohl eine Salzquelle (im Sinne der Salinen Norddeutschlands), sondern eine ersäufte 
Steinsalzgrube, aus der Kunst und Noth eine Salzsiederey machten. 

i) Wo sich i2o Salzquellen finden, die durch eigens hierzu bestimmte Wächter bewachet wer- 
den, damit kein unerlaubter Gebrauch davon gemacht werde; denn nur die Gemeinden, 
auf deren Grund und Boden sich die Brunnen befinden, haben die Freyheit, sich dersel- 
ben zu bedienen , und auch diese können bloss ihr Vieh dabey tränken , und sich jede Wo- 
che einmal so viel Salzwasser schöpfen , als sie zu ihrer Nolhdurft brauchen ; auskochen 
aber und in den Handel bringen, dürfen sie es bey schwerer Strafe nicht; denn das Salz ist 
hier eben so, wie in andern Ländern, ein Regale. Übrigens bestehen in Siebenbürgen keine 
Salzsiedereyen , und sind auch bey dem unerschöpflichen Vorrathe an Steinsalz ganz unnöthlg. 

k) Wo im Slanislatfower- , Slryer- , Samborer- und Sanokerkreise 25, nach andern gar36Salz- 
cocturen oder Salinen, an den daselbst befindlichen Salzquellen, deren Soole lediglich ein 

21* 



l54 ii- ürproduclion. ^. 89. K-Ocljsalx. Foitseliung. 

in süssem Wasspr aufgoliistes Steinsalz ist, angelegt sind. Die jährliche Erzeugung in dem 

letzten Decennio des \ erfiossenen Jahrhunderts betrug 600,000 Salzfässer zu 140 — 145 W.Pfund. 
Z) Wo zvvey Salzsudwerke , zu Pkisrha und Kaczyka im Suczawer Bezirke, im Gange sind. 

Das Salzvverk zu Kaczrlia liefert sowolil Stein- als Sudsalz; an jenem jährlich 5ooo Ctr. , 

an diesem über 8400 Ctr. 
m) Wo die zahlreichsten Salzquellen an der Kama , dem Lowat , am Donez und an der Pf^ol- 

ga , die ergiebigsten aber in der Gegend von Solikamslc inj Gouvernement Perm oder Per- 

mien in Sibirien angetroffen werden. Diese liefern allein jährlich 5,o4i,6G5 Pud Salz. S. 

AUg. geogr. Ephem. iöo5. Aug. S. 463. 

§• 89. 
Forlsetzung. 

An Steinsalz sind die Yorriilhe unerscliöpflich in Galizien a) j Ungern b) j Sie- 
benbürgen c) j der IValachey d) und Moldau e); ansehnlich in Süddeutschland _, 
nahinenthch in Oesterreich ob der Ennx f) _, Stejermark g) , Tjrol li) , Salzburg i) 
lind ßerchtesgaden k) ; ferner in Spanien l) j Frankreich m) _, Cnlab/'ieu_, Sicilienj 
Jüigland Ji) und Russland o). Das Steinsalz wird ausgehauen, wenn es unrein ist, 
nach dem Vorgange der Natur, in süssem Wasser erst aufgelöst, und dann, gleich 
einer andern Soole, vcrsotlen. In einigen Landern, wie z. B. in Galizien _, Ungern ^ 
Siebenbürgen u. s. w. , wird der feste Salzstein, weil er rein, mit keinen fremdarti- 
gen Thcilen (Thon und Gyps) gemengt ist, so verkauft, wie er gewonnen wird. 

In Dänemark und Schottland wird Salz gemacht aucli aus Salzpflanzen ; in eini- 
gen Theilen \on Jiitland auch von dem, vom Meere zunickgclassenen Moder, wohey 
die Erde ausgelaugi , und die hiermit erlangte Soole gesotten wird. 

Die Totalmasse des in den europäischen Staaten aus dem Schoosse der Erde, 
den Salzcpiellen und dem Meer- und L;mdscewasser gewonnenen Kochsalzes schlägt 
Hr. 7/</A,ve/ auf 55,422,523 Clr. an, woriuiicr jecioch die Salzproduction in Parma j 
Tascana j dem Kirchenstaate j in beyden Sicilienj auf den jonischen Inseln, der 
Schu'eizj in Holland ^ einigen deutschen Staaten _, der Moldau und Walachey mchx. 
)nit Ijegrilfen ist. Zu jener Gesammtmasse liefern den Stärkesten Antheil folgende Staaten : 

Russland 7,868,057 Clr. Sardinien 860,000 Ctr. 

nach Crome mehr als . 8,000,000 — Baiern 662,000 — 

Oesterreich 6,543,91g — Schweden mit Nonvegen 5oo,ooo — 

Frankreich ..... 5,ooo,ooo — llanover 275,647 — 

Spanien 4,000,000 — nach Hock 329,o55 — 

Grossbritannien . . , 5,25o,ooo — JJ'iirtemberg 85,ooo — 

Portugal 2,700,000 — nach Hock ll5,ooo — 

Prcussen 1,684,94^ — Braunschweig .... 53,ii3 — 

Dieses so grossen Reichthums an Salz imgeaclitet , ist der Preis desselben mit den 
Erzeugungskosten in manchem europäischen Lande in keineni giuistigon Verhältnis- 
se /^) , welches um so mehr zu beherzigen ist, da das Salz nicht nur zur Wtirzc der 
S])eisen und z.iu' ^Vrwahrimg des Fleisches imd der Fische vor der Fäuhiiss ilienl , 
sondern auch dem Vieh sehr heilsam ist, und die geringere ^ crwendiuig des theuren 



II. ürproduclion. §. 89. Koclisal?.. Foi t.seliuBg. i65 

Salzes auf das Futter des Viehes die Sterblichkeit desselben befördert q). Zu den Län- 
dern und Staaten , die mit Salz nicht hinlänglich versehen sind , oder denen es gänz- 
lich nianycli , gehören: die Schweiz ^ Irland^ ScholtLand j die JMedeiiande _, Dä- 
nemark ^ Schweden^ Norwegen ^ Polen ^ Baiern ?•) ^ Sachsen s) ^ If'ürlemberg und 
einige andere ^ea^.yc/ie Länder. Es gibt aber au<h Staaten, die im Ganzen mit Salz 
reichlich versehen sind, und dennoch, wegen der Beschwerhchkeit des Tiansports 
aus den sulzreichen Provinzen in die salzarmen Gegenden, zum Tlicil mit fremdem 
Salze versorget werden. Li diesem Falle befmden sich Russland t) j Oesterreich ii) 
luul 1^-eussen w). 

d) Wo die Steinsalzbergwerke zu Jfleliczka und Boclinia beriihml sind. Das erste ist eines 
der grössten Salzwerke in Europa. Es beschäftigt täglich über looo Menschen, und liefert 
jährlich 800,000 bis 1 Mill. (nach andern gar i,5oo,ooo Ctr. Steinsalz), wo\ on 3oo,ooo Ctr. 
im Lande selbst abgesetzt, 45o,ooo Ctr. nach Schlesien, Mähren und Böhmen Iransportirt , 
und viele tausend Ctr. nach Ungern ,, Kraliaa und Warschau verführt werden. Die unge- 
heure Salzniasse besteht aus drey über einander befindlichen Stockwerken von Steinsalz , 
von welchen das tiefste und reinste, in einer Tiefe von 70 Toisen , eine Länge von j4oo 
Toisen ^'on O. gegen W. , und eine Breite von 800 Toisen besitzt , und bis auf eine Tiefe 
von 116 Toisen niedersteigt. Man findet hier, wie in Dochnia, drey verschiedene Arten Salz, 
die vorzüglich in den Handel kommen, nähmlich das grüne Salz, das Szybiker- oder Tiefsalz, 
welches reiner und dichter ist, und das krystallisirte. In den Gruben trifft man auch 16 
kleine Seen mit Salzwasser, deren 10 — 12 unzugänglich, vier aber kann man mit einem 
Floss befahren. S. Journal für die Chemie, Physik und Mineralogie. 1808. Bd. 5. S. 248 
— 264. Das Salz ^ on fVieliczIta war schon \ on unendlichen Zeiten her bekannt , und halte 
in den ältesten Pri^^legien den Nahmen : magnuin sal. — Das Steinsalzbergwerk in Bochnia 
hat ebenfalls einen seltenen Überfluss an Steinsalz. Es liefert jährlich i5o — 3oo,ooo Ctr., 
und könnte leicht noch einmal so viel liefern. Die Zahl der Arbeiter steigt beyläulig auf 400 
Köpfe. Die innere Einrichtung dieser beyden Salzwerke ist eben so bewunderungswürdig, 
als sie Jedermann in Erstaunen setzt. Man hat in dem dasigen Salzstein wohl Catacomben 
ausgehauen, in die man den Frankfurter Dom bequem einpacken könnte. S. Notizen über das 
Bergwerk in Bochnia; in dem Journal für die Chemie etc. 1806. Bd. 2. Hell 1. S. 164 — 171. 

b) Wo in den Salzgrubcn zu Rhonas-eic , Szhitina, Sugalok und Kereghegj- in der Marmaro- 
scher Gespanschalt jährlich, nach t>. Schi'arlner, 600,000 Ctr., nach den Annalen der Li- 
teratur und Kunst u. s. w. i8o5. April. S. 234 aber i,o2i>?io Ctr. Steinsalz, das Bruch- 
oder Minutiensalz mit begriffen , ge\vonnen werden. Da diese Salzwerke an den äussersten 
nordöstlichen Gränzen des Königreichs Ungern liegen , so hat das zu weit da\on entfernte 
Croalien seit i548 das Recht , Meersalz einzuführen. 

c) Der siebenbiirgisrhe Salzstock erstreckt sich, nach f. Fichlel , auf i2o Meilen in die Länge, 
stehet mit den Salzgruben in Galizien , Ungern, der Moldau und IFalnchey in Verbiniliiiig, 
und ist so unerschöpflich reich, dass Siebenbürgen keinen Salzmangel leiden würde, miissie 
es auch ganz Europa viele tausend Jahre lang allein mit Salz .versehen. Es hat sechs Salz- 
werke (bey Thorda , Kolosch , Dreschakna , Salzburg, Paraid und Marosch-Ujrai) , tleren 
man noch mehrere neue anfangen könnte; es wird aber nicht für nölliig befunden , weil 
das Salzbedürfniss \on Siebenbürgen und Ungern durch das Erzeugniss der jetzt bestehen- 
den Gruben hinlänglich gedeckt ist. Der jährliche Ertrag belauft sich ungefähr auf 1 Mill. 
2 — 400,000 Ctr. , wo\on mehr als die Hälfte an Ungern überlassen wird. S. Sarlori's Na- 
turwunder a. a. O. Tbl. 2. S. 23 — 3i. 

d) Bey Oknamare ; die dasigen Salzwerke bringen dem Hospodar jährlich 5oo,ooo fl. ein. 



6S II. Uiprocluction. §. 89. Kochsalz. FortseUung. 

e) Boy Okna ; die dasigen Salinen verschaffen dem Hospodar ein jährliches Einkommen von 
3oo,ooo Piaster. 

f) In dem merkwürdigen k. k. Sahkammerguie. Es bat zwey reiche Salzberge bcy Isc/il und 
Ilallslaül , und drey Sud- oder Pfannenbäuser mit fünf Pfannen, deren eine zu Hallsladl , 
zwey zu Ebensee und zwey zu hehl sind. Die jährliche Salzerzeugung belauft sich jetzt auf 
800,000 Ctr. , ehemals auf 65o,ooo Ctr. Der Holzbedarf betrug im J. i8o2 zum Salzsude 
41,997 Wienerklaficr , zur Fasselerzcugung 7680 Kl. , zur Kufenerzeugung 1740 Kl., zu- 
sammen 5i, 417 Kl. In Gmanden , wo das Salzoberamt ist, geschieht die sogenannte Ein- 
barkirung des Salzes , um dasselbe auf dem Traunflusse nach Enghagen zu bringen. Von 
hier wird ein Theil auf der Donau nach fJ^'ien , ein Theil mittelst der Naufahrt nach biriz , 
und ein Theil nach Mauihhausen eingeschifft, von welchem Orte der weitere Transport 
durch Budweis nach Böhmen geschiehl. 

g) Wo das Ausseer Salzbergwerk merkwürdig ist. Der dortige Salzstein wird durch Wasser- 
einlassung zu einer Sulze aufgelöset , diese dann in eigene Sulzstuben durch Streunen (Röh- 
ren) unter der Erde geleitet und zu den Sudpfimnen geführt, deren eine ^u Aussee und eine 
unweit da\on in der Kautsch erbauet ist. Der jährliche Salzcrtrag beläuft sich auf 160 bis 
200,000 Clr. 

/)) Wo der 3 Stunden nördlich von Hall liegende Salzberg merkwürdig ist. Die Salzsoole wird 
in Röhren nach Hall geleitet, und daselbst in g Pfannen versüllen. Es vverden jährlich zwi- 
schen 2G0 — 280,000 Ctr. Salz erzeugt. Auch gewinnt man in Hall jährlich an 5o Ctr. reine 
Magnesia. 

i) Wo die Salzwerke zu Hallein, oder eigentlich der Salberg am D'nrrenherge bemcrkenswerth 
ist, mit einer jährlichen Salzproduction von mehr als 3oo,ooo Ctr. 

A) Wo zwey Salinen sind, 1 zu Schellenberg , 1 zu Frauenneih , wohin die Salzsoole von Gol- 
lenbach , wo die Einfahrt in den Salzberg ist, geleitet wnd. Seit 1817 ist eine neue merk- 
würdige Soolenleifung von Berchtesgaden über Jllsang , Ramsau u. s. w. über einen hohen 
Gebirgszug mit einer Röhrenfahrt von 101,796 Fuss Länge gefuhrt, um den reichen Berch- 
tesgadner Salzbergbau und seine gesättigte Salzsoole mit den Salinen zu Reichenhall, Traun- 
slein imd RosenJieim zu vereinigen. Es werden jährlich über 1.^12,400 Ctr. Salz geliefert. 

l) Vornehmlich bey Cnrdoiia in Calalonien j wo man einen Salzfelsen von beynahe 5oo Fuss 
Hübe , und eine Meile im Umfange sieht. Ausserdem besitzt Spanien Steinsalzgruben zu Al- 
mcngrai'illa in la Mancha, zu Posa in Castilien und zu Valdierra in Navarra. 

m) Wo zu f'ic im Departement Meurthe neuerlich ein reicher Salzstock entdeckt worden ist. 

7() Wo in der Pfalzgrafschaft Chesler , nahmenllich in der JNäho des (feai're und der zu sei- 
nem Gebiete gehörenden Flüsse auf Steinsalz gebauet wird. S. Götting. gel. Anz. i8i5. 
St. 8. S. 68. 

c>) Wo die ergiebigsten Steinsalzgrubcn am Jlck , im Gou\ernement Orenburg in Russisch- 
Asien, sich befinden, mit einem jährlichen Salzertrage von 5oo,ooo Pud. 

p) So ist z. B. der ursprüngliche Werth des in GrossbrlLsinnien jährlich consumiiten Salzes 

100,000 Pf St. Von dieser Quantität, die ursprünglich 100,000 Pf. St. kostet, zieht die 

Regierung an Accise darauf i,5oo,ooo Pf. St., also fünfzehnmal mehr, als es kostet. S. 

Staats- und gelehrte Zeitung des Ilamburgischen unparteyischenCorrespondenten. 1821. Nr. 175. 

q) S. Götting. gel. Anz. 1814. St. 90. S. 89:1. 

r) Nach dem Tractate vom 14. April 1816 erhält Baiern von Öslerreich alle Jahre eine Quan- 
tität von 264,000 Ctr. Halleiner Salz für den currenlen Preis. 

s) S'AmmÜiche y'ier sächsische SaWnen (DüiTenberg, Kosen, Tcuditz und Ariern) gehören, seit i8i5^ 
Freusscn , das durch den Frieden zu Tilsit (1807) alle die seinen Ncrlor, und nun seinen 
Yeilust xiilt Wache-.- ersetzt sieht; indessen erhält Sachsen \on Preussen unter billigen Be- 



II. Urproductiou. §. go. Salpeter, Sod», Glaubersalz und andere Saharten. 167 

dingungen (ä 5o Rthlr. die Last) jährlich wenigstens i5o,ooo Ctr. Salz, welche Quantität 
bis 25o,ooo Ctr. erhöhet werden kann. Dem preuss. Unterthan kostot die Last i5o Rlhlr. 
(S. V. Jacühs Staatsfinanzwissenschaft. 2. ßd. 1822.) 

/) Es führt, nach einem vierjährigen Durchschnitte (1802 — i8o5) , jährlich fiir i,553,i77 Ru- 
bel Salz ein ; die Salzausfuhre beträgt dagegen nur etwa So, 000 Rubel jährlich. 

u) So wurde bishernach Croatien Seesalz aus Neapel eingeführt, welches jetzt durch das isiri- 
sehe und dalmatinische Meersalz ersetzt werden dürfte. 

»f) So werden die Pro\ inzen an der Ostsee zum Theil mit fremdem Salze versehen , welches 
durch die Schifffahrt wohlfeiler herbeygeschafft werden kann. 

§• 90. 
2) Salpeter, Soda, Glaubersalz und andere Salzartcn. 

Der natürliche Salpeter (nitriim) findet sich ahsonderhch häufig in Ungern , nah- 
mentUch auf den Puszten um den Neusiedlersee j um Stuhlweissenburg _, besonders 
al)er in Osten des Landes aj ; auch ui manchen Gegenden Spaniens und Italiens 
ist der Boden reich daran; in Deutschland und andern euroj)äisc]ien Ländern aijcr 
konnnt er nur selten und äusserst sparsam vor. Der meiste europäische Salpeter wird 
aus den mit Salpetersäure angef'iillten Erden, zu deren Gewiiiniuig in mehreren Län- 
dern das Grabungssj'Stem bj eingefiihrt ist, künstlich bereitet. — Das mineralische 
Laugensalz j oder die sogenannte Soda (nalriun) konnnt ausser Europa am häufigsten 
in jiegypten vor ; in Europa wird dieses Product in unerschöpflicher Menge in Un- 
gern gefunden. In einigen Gespanschaften sind Strecken von halben luid ganzen Tag- 
reisen damit wie besäet, in andern sind der damit geschwängerten Seen (üngrisch 
i^e'/ze/VÖj weisse Seen genannt) so viele vorhanden, dass nur allein die Biltarerge- 
spanscliaft schon oft in einem Jahre über 10,000 Ctr. der feinsten Soda in den Han- 
del geln-acht hat. Älit Hülfe dieses Laugensalzes (Lngrisch ÄerAw), welches als Sur- 
rogat der theuern Holzasche, beym Leinwandbleichen und andern Pabrikarbeiten em- 
pfohlen wird, bereitet man vorzüglich m flebreczin au 7000 Ctr. Seife imd darüber, 
die unter dem Nahmen der Debreczinerseife im Li- und Auslande berühmt ist. — 
Das Glauberische If'undersalz (sal mirabile Glaviberi) ward Anfangs nur durch die 
Kunst bereitet ; allein in der Folge fand man , dass auch die JNalur derglci chen Salz 
erzeuge. Li Ungern entdeckte Dr. Planes Oesterreicher in einem nahe bcy Ofen ge- 
legenen Sumpfe, ein von der Natur erzeugtes reines Glauberisches Wundersalz. Li der 
Folge fand man dergleichen Sümpfe auch im Stuhlweissenburger- j Oedenburger- 
und Wieselhargercomitate. Li Deutschland zeichnet sich die Friedrichshaller Salz- 
quelle im Hildburghausischen durch den starken Gehalt dieses Salzes aus; trocken 
trifft man es unter andern in den Salzburgischen Salinen an; auch verschiedene Mi- 
neralwasser, wie z. B. die Carlsbader _, Sedlitzer und andere Böhmische ^lineralwas- 
ser liefern es. Es ist eines der besten gelinde abführenden, auflösenden luid zugleich 
kühlenden Mittel. Auch wird es seit einigen Jahren, statt der immer theurer werden- 
den Pottasche , in verschiedenen österreichischen Glasfabriken mit selir gutem Erfolge 
angewendet. — Dct^ Alaun (alumen), dessen Gebrauch hauptsächlich in der Färbe- 
kunst sehr ausgebreitet ist, wird am häufigsten aus Alaunschiefer, scliwefelhalligem 
verhärtcleu Tliouc und vervullerlca Laven gewonnen. Gediegen kommt er nur spar- 



l68 II. Ui|irücluclion. ^. gi. Mineralwasser. 

sam vor. Der römische Alaun ^ der ia dem, eine italienische Meile weit j^Cii;en Nord- 
west von Tolfa gelegenen Alaunweikc bereitet wird, imd der im Handel bisher fiir 
den besten gegolten hat cj , wiid ans einejn schwefelhaltigen verhärteten Thone, wel- 
cher sich- besonders in dem Gebiete von Clvita Vecchia findet, gewonnen. — Die 
metallischen Salze oder Vitriole (vitriolum) , deren Gebrauch ebenfalls besonders in 
der Färberey sehr ausgebreitet ist, findet man auch zuweilen von der Natur gebildet; 
aber grösstcn Theils werden sie aus gewissen Mineralien durch die Kunst bereitet. — 
Gediegenes Bittersalz von vorzüglicher Güte, so wie zugleich in grosser Menge, 
liefeit Epsom in England; durch die Kunst wird es aus den Wassern von Sedlitz und 
Saidschütz in Böhmen bereitet, obgleich in diesem Lande auch gediegenes Bittersalz 
zu Billenz bey Kommotau und hey Witschitz im Saatzerkreise sich findet. 

a) Es können ans dem daselbst gewonnenen Salpeter nicht nur die ganze Scliiesspulvererzeu- 
gung im Reiche und alle sonstige Salpeterconsumtion reichlich gedeckt, sondern noch jähr- 
lich über 3ooo Ctr. dem Auslande überlassen werden. 
6) Es werden nähmlich zu dem Ende die Fussböden der Wohnzimmer, Stallungen, Keller 
und Scheuern der Unterthanen, gegen einen geringen Ersatz der neuen Füllungskosten, nach 
gewissen Jahren ausgehöhlt. 
c) über die Verschicdenlielt des römischen Alauns von andern Alaunsorten , und die Ursachen 
dieser Verschiedenheit ; aus mehreren neuern Verhandlungen gezogen , von Gehlen ; im 
zweyten Bande des Journals für die Chemie imd Physik. Vergl. Erg'änzungsbl. z. A. L. Z. 
1809. Nr. 106. S. 846 fr. 

§• 91- 
Mineralwasser. 

Endlich ist auch Europa noch versehen mit einer vmgezählten Menge minerali- 
scher Bäder und Gesundbrunnen. Fast jedes europäische Land hat deren aufzvnvei- 
sen, und viele sind noch in den Eingeweiden der Erde verborgen. In Ansehung der 
Menge und Gtite derselben behauptet Deutschland den ersten Rang. Bloss der in 
Ruf stehenden werden an i3o gezählt. Die merkwürdigsten darunter sind: Carlsbad,, 
Töplitz j Eger (seit lygj Franzensbrunnen genannt), Marienbad j, Giesshiibl ^ Lieb- 
werduj Silin j, Sedlitz luid Saidschütz in Böhmen; Sternberg ^ Luchatschowitz und 
Aapagedl in Mähren ; Carlsbrunn unweit Freudenthal in ÜsteiTeichisch-Schlesien ; 
Baden in Österreich unter der Enns; Rohitsch in Steyermark; Gastein in Salzburg; 
Rabbi in Tyrol; Pjrmont in dem Fürstenthume Waldeck; Aachen in der preussi- 
schen Provinz Niederrhein ; Baden im Grossherzogthume dieses Nahmens ; TViesba- 
den j Nieder-Selters j Langen- Schwalb ach ^ Ems j Fachingen imd Geilnau im Nas- 
sauischen; Brückenau j Ab ach ^ Sichersreuth (Alexandersbad)^ Adelholz j Kondrau^ 
IViesau und Hardeck in Baiern, die sämmtlich theils durch den jährlichen Zusam- 
menfluss reicher Fremden , die dort Gesimdheit oder Vergnügen suchen , theils durch 
Versendung der Wasser selbst, ihrem Lande sehr einträglich werden a). Die geschätz- 
testen mid besuchtesten Bäder und Gesundbrunnen in den übrigen emopäischen Län- 
dern sind , luid zwar : in der niederländischen Provinz Lüttich : Spaa ; in England : 
Bathj Thunbrigde-TFells imd die an der südlichen Küste, wo die Wasser des wär- 
meren atlantischen Meeres anspülen, angelegten Seebäder; in Portugal: Caldas und 



II Urprotliiclioii. §. gi. MititTüIwiissi-'r. l(^q 

Lcii'ia in Eslrcmadura; in Spanien: Cnldns de Monlmy , 5 Morien von Barcelona, 
und JUmnia nnd Tvillo am Tajo, 17 Meilen von. Madrid ; In Frankreich: Lagtieres 
de ßigorre und St. Sau\>euv im Depail. der Oberpyrenäen; Bagncres de Luc/ion im 
Depnrl. der OJjcrgaronne; Bowbonne les Bcdns im ]Jeparl. der Oherniarnc ; Luaucil 
im Depart. der Obersaone; Ploivbiers im Dcpart. Wasgaii und Mont do'r les ßains 
im Depart. Pny de Dome, deren AV'asscr unter alleji Mineralquellen in Europa die 
meiste lise laifl enthalten sollen ; in Italien : Abano j BatagUa und Ilecoaro im Lom- 
I)ardisch-Vcnetianischcn ; Aioc in Savoyen ; Aqui'm Monlferrat; Pisa in Toscana ; die 
Schwitz- und Dampfljäder (siidatori) hey Btija j, St. Germano j Solfatava , Puzzucio 
Tl. s. w. in Neapel, nebst den vielen heissen Quellen in Sicilien luid Sardinien; in der 
Schweiz: Baden und Schinznach im Canton Aargau : Pfeßevsbcid im Canlon St. Gallen ; 
Quis im Canton Appenzell; Lenek im Canton Wallis, mit Schwefelbad und warmen 
Bädern, obgleich 5ooo Fuss id)Cr dem Meere sehr kalt gelegen; in Ungern: Bis- 
tjaiij Tventschin _, Leibitz _, Littschka ^ Glashütten, Grosswardein, Ofen, Me- 
hadia {\\Qrkv\c.&häiAex), Bartfeld j Füred, Neidublau, Szalatnja , WicJinje, 
Rank und Scldagendojf; in Siebenbürgen: Borszeg , Rudna und Kowossna; in Ga- 
lizien : Krjniga und Sklo; in Schweden: bcy Medewi in Oslgolhland und /.oAy/ in 
Ncrike ; in Norwegen : bey Egcr imd Sundniör, Russland hat verhältnissmässig zu 
seiner Grösse keine sehr grosse Menge mineralischer Bäder und Gesundbrunnen, vnid 
nur wenige der bekannt gewordenen Quellen w erden stark bcsncht. Am berühmiesien 
ist gegenwärtig der Brunnen bey Zarizin, zu Sarepta,'\u der saralowischcn Staallhal- 
terschaft. Der Russe beschränkt sich grössten Theils auf seine Schwilzbädcr. In Dä- 
nemark an sich ist gar überall Mangel an mineralischen Wassern; dagegen ist kein 
Land so reich an siedenden Quellen, als die dazu gehörige Insel Island, wo es in 
einem Bezirke von einer halben deutschen Meile über 100 kochende heisse Quellen 
gibt, die ihurmhoch mit donnerarligem Schalle Fluthen emporheben. 

Übrigens fmdet man nicht in allen der besagten Bäder und Gesundbrunnen die 
Einrichtungen für die Gäste ganz bequem; in mclireren müssen sich diese elend be- 
hclfcn. Es fehlet oft an Wohnungen für sie, an Träiteurs, an guten Badegefdssen, an 
prompter Bedienung u. dgl. , und doch sind Bequemlichkeit der Wohnung, haupt- 
sächlich aber gute Tafel, prompte Bedienung, neue Anlagen, schöne Umgebungen, 
Ungezwungcidieit des Tones, JMannigfalligkeit der Unterhaltungen, viel Geräusch u. s.w. 
— die Magnete, welche mehr anziehen, als Kraft des Wassers und Geschicklichkeit 
des Brunnenarztes. 

a) So versendet z. B. Fachingen jälirlicli 2oo,ooo , Pjrmonl 000,000, Langen- Srhutalbarh 
55o-,ooo, Bohitsch 400,000 Krüge Sauerbrunnen. Keines der zahlreichen europäischen Mi- 
neralwasser aber wird stärker \erfiilirt, als der Sälzer- , oder nach seinem eigentlichen Nah- 
men Sffli erser SäurihTunnen : Niedersellers versendet jährlich- nie^r als 1,600000 Krüge, wo- 
von eine grosse IMenge als Ballast nach Ost- und Weslindien zu gehen pHegt (S. WIen(!r 
A. L. Z. i8i3. ]Nr. 66. ) , obgleich die grossen Versendungen dieses berühmten Sauer- 
brunnens in neuern Zeiten durch die gehemmte SchifTrahrl ^iel \erloren hah n. Im J.ilii' 
1781 wurden an ganzen und halben Krügen zusammen 2,2o8,ooo St. gellillt , und i7<j;- 
stieg die Zahl der gefüllten Krüge gar auf 2,811,095 Sl. S. ürctlr.-iarui a. a. O. S. 120 Ü. 



17» Jlf Iiidur.lrielle Produclion. $. 92. Voa Handwerken, Man ;fac(jreii clc. 

III. Industrielle Production. 

S- 92. 

Ton Handwerken, Manufacturen und Fabrllcen überhaupt. 

Keiu Naturpro duct kann, nur wenige ausgenommen, in seiner rohen Gestall ver- 
braucht und eben so wenig mit mögUchstem Geldvovtheil bcnaclibarten Staaten über-' 
lassen werden, sondern es erwartet diebearbeitende Hand des Menschen. Dieser Um- 
stand macht fiir jeden Staat, der seinen Boden auf das vortheilhafiestc benutzen will, 
Handwerke _, Manufacturen und Fabriken nölhig. Die Bearbeitung der Naturpro- 
ductc zu beslinunten Zwecken ist eine Kunst _, d. h. ein Geschäft, welches nach ge- 
wissen Vorschriften oder Regeln mit einer durch Übuns crlanj'len Fertigkeit venich- 
let wird. Beruht diese Kunst vorzüglich auf geschickten Handarbeiten, so heisst sie 
cm Handwerk j wobey die Arbeiten, welche zur Verarbeitung eines Naturproducts 
oder Stoffes zu einem bestimmten Zwecke erforderlich sind, gewöhnlich von cinei- 
Person geschehen. Vereinigen sich mehrere solcher Arbeiter unter einer gemeinschaft- 
lichen Leitimg auf die Art, dass jeder nur eine oder einige der zu einem bestimmten 
Zwecke erforderlichen Arbeiten übernimmt, so entsteht eine Manufactur oder Fa- 
brik j wo jede Arbeit vollkommener und in kurzer Zeit vollendet wird. Manufacturen 
und Fabriken imterscheidet man wieder dadurch, dass in jenen die ArJieiten haupt- 
sächlich durch Hände oder Maschinen geschehen, in diesen aber vorzüglich Feuer 
und Hammer gebraucht werden a}. Doch enthält der Wortverstand von Manufactur" 
einen allgemeinem Begriff, wovon Fabrik eine untere Gattung ist. In gemeinen Reden 
werden indessen diese ^Vörter als gleichbedeutend gebraucht. 

Zur Erspai'img der Zeil und Kosten und zur Vervollkommnung der Arbeit, wel- 
che durch ^täAerc , als menschliche Kräfte bewirket Averden muss , gebraucht man 
einfachere luid zusammengesetztere Maschinen, und zugleich Vorrichtungen, wodurch 
die Kräfte mit Ersjiarung der Kosten vermehret oder verstärket werden, nähmlich 
durch Wasser, Wasserdämpfe und Luft, AUö diese nennet man todte Kräfte^ im 
Gegensatze der lebenden j nähmlich derjenigen , die von Menschen und Thieren ange- 
wendet werden. 

Übrigens sind die nützlichsten Manufacturen und Fabiiken im Allgemeinen die- 
jenigen, wclchemit andern Erwerbszweigen in einer vortheilliaften Verbindung stehen, 
die sichersten aber, welche allgemein brauchltare, keiner ^'eränderung unterworfene 
und unentbehrliche Bedürfnisse liefern. Schädlich werden Manufacturen und Fabri- 
ken, wenn sie: i) andere nützliche Erwerbszweige, oder den Verdienst einzelner ge- 
werbtreibender Ciassen von Staatsbürgern beschränken oder ganz verdrängen, und 2) 
allen übrigen Volksclasseu drückende Lasten aiiflcgon. 

Das erste geschieht, wenn durch das Verboth der Ausfidire inländischer Natur- 
prodmne die Erzeugung derselben ganz oder zum Theil gestört oder vernichtet wirdj 
weim durch neu zu errichtende Faljrikcn andere schon vorhandene nützlichere oder 
früher bestehende verdränget werden; wenn diu-ch eine besondere Begiinstigung der 



III. IncIustriflU' Pruducliuu. §. yS. Ziisland des eaiu|). Kuutldcisscs im Allgt-ineinoii. 171 

Fabriken der Ackerbau leidet, und diesem die nöiliii^cn Arljciter entzogea werden; 
und wenn ilu-e Erlialliin^ nur dadurch kann bewirket werden, dass andere Erwerbs- 
zweige niederj>edriickt oder bebistet werden; das zweyle unter andern dadurch, wcnu 
sie eine slärkeie, als den Kräften des Staates angemessene, Gonsimition gewisser un- 
entbehrlicher Naturproductc veranlassen ; wenn sie so grosse Vorschüsse und Prämien 
bedürfen, dass dieselben die Kräfte des Staates übersteigen, und andern Classen von 
Staatsbürgern und Zweigen der Industrie die nölhigc Unterstützung entziehen; wenn 
sie ül>erhau]it nur auf Kosten der Nation fortdauernd erhallen werden können; wenn 
die Siaatseinkünfte dadurch beträchtlich vermindeit werden, luid doch keine sichere 
Aussicht vorhanden ist, dass dieser Verlust bald ersetzt werden könnte ; tuid wenn sie 
so zahlreich werden, dass sie einer grössern Anzahl IMenschen bedürfen, als sie na« h 
dem Verhältnisse der Volksmenge im Staate beschäftigen sollten, und sich dabey nicht 
auf Gegenstände der Nothwendigkcit, oder solche, die stets unentbehrlich bleiben, 
beschränken, sondern ihre Erh;ütung von der Mode, dem Zufalle und von täuschen- 
den Ilütfnungcn eines anhaltend günstigen Handels in das Ausland abhängen lassen. 
a) S. Beckmann s Anloitung zur Technologie. Dritte Ausgp.be. Einleitung. §. 2 und §. 8. Vergl. 

Büsdii'ng's Vorbereitung zur uuropäischcn Länder- und Slaalcnkunde. 6. Aufl. herausgegeben 

von Norrinann. S. 197 iL 

§■ 93- 

Zustand des europäischen Kunst fleisses im Allgemeinen. 

Dqr Kunsfßeiss in Handwerken , Älanitfactvrren und Fabriken ist in Europa nach 
Verschiedeidieit des Klima's , der Naturproductc, der Einwohuci-, der ^ crfassiuigen 
und Regiermigen sehr verschieden. Im Ganzen weit ausgebreiteter und lebhafter aJs 
vor 100 oder i5o Jahren. Es werden in den europäischen ^Verkstätten und Gewerbs- 
anstalten im Grossen alle Mateiialien, die einer Veredlung zum Nutzeu, zur Bequem- 
lichkeit und zum Luxus fähig sind, verarbeitet, und zwar nicht allein die europäi- 
schen, sondern auch ausländische in Menge. Dabey ist der Europäer miablässig be- 
müht, seine Kunstproducte durch neue Erfindungen, durch Verbesservmgen in Zeich- 
nung, mechanischer Behandlung, innerer Brauchbarkeit und äusserer Form der höch- 
sten Volkommenhoit immer näher zu bringen, so wie er rastlos in Entdeckung neuer 
Stoffe und neuer oder anderer Gegenstände des Bedürfnisses oder Wohllebens ist, 
während die fabricirenden Völker anderer Erdlheile sich mit der Ausübuni; der her- 
gebrachten r niechanischen Kunstgriffe und der Fabrication allmodischer Erzeug.nisse 
begnügen, Europa's jüngere Kinder in Nordamerika ausgenoimnen, die auch, jenen 
Sinn des Kunsifleissos mit in ihr neues Vaterland hinüber getragen hatten. Besonders 
sind es Cji-ossbi'itctnnicnajj Frankreich b) j Aic Niederlande cj _, Deutschland djj 
die ScJnveiz ej imd einige Theile von Italien fj _, wo die Handwerke, Manuläcturen 
und Faluikcn am Tticislcn blühen — aber wie verschieden ist ihr Ffor auch da! — der 
durch den Druck der Zeitumstände noch tiefer herabgcb rächt ward. Dagegen sind Spa- 
nien gj und Portugal hj j Dalwaiien ij _, die Inseln Sardinien kj und Sicilicn IJ j. 
Gulizien und Polen ^ dann die jiördliclieu mj und östlichen nj Länder imsers Erd- 
ihxjils, mit Ausnahme des osmanischcn Reichs oj , in Ansehung des Kunssücissci 

22* 



ly2 HI. Industrielle Pioduction. §. g3. Zuslaod des tiirop KiKistfli-issps im Allgcuiemtn. 

noch weit zurücL In mehreren Gegenden dieser Länder fehlt es nicht sehen sogar 
an den nothwendigsten imd einfachsten Handwerken, und verfertigen Bauern und Bür- 
ger heydcrley Geschlechts viele Bedürfnisse ziu- Wohnung , Kleidung und Haus- 
Avirthschafl, ohne zunftmässigen Unterricht, wenn auch gleich mit vielen Slolfver- 
schwendungen. 

Ührigens würde der europäische Kunstfleiss nie den Umfang und die Lehhaftig- 
keit gewonnen haben, hätten nicht die Europäer in andern Erdtheilen Colonien ge- 
stiftet, und das System eingeführt, durch dieselben dem Mntterlande theils recht viele 
rohe Stoffe zur Verarbeitung, oder zum Handel mit andern TSationen, theils einen si- 
chern jMarkt für den Absatz ihrer kiuisllichen, auf eigenen Schiffen verführten Pro- 
ducta zu verschaffen. 

a) Es hat in technischer Gewerbsainkeit vor andern Ländern ein bedeutendes Übergewicht, 
welches das Resultat von mehreren Ursachen ist. Die vornehmsten derselben sind: i) der 
durch die Staatsverfassung kräftig genährte Nationalsinn , in Verbindung der seltenen Ach- 
tung und Ehre , die der Handwerksstand in England geniesst ; 2) die vielen klugen Einrich- 
tungen und Staatsmaximen, wodurch die Thäligkeit der Nation belebt wird; 3) der grosse 
Wirkungskreis, ■\ermoge dessen die brittische Nation ungehindert über alle fiinf Erdtheile 
ihren Handel treibt , und durch ihr Maschinenwesen und ihre Theilung der Arbeit auch alle 
fiinf Erdtheile mit Waaren versorgen kann, manches Land, wie z. B. Deulschland , auch 
wohl mit ihren Waaren so überschwemmt, dass der inländische Fabricant dagegen gar 
nicht aufkommen kann ; 4) die vielen und grossen Prämien , die jährlich nicht nur das Par- 
lament, sondern auch patriotische Societäten , und sogar reiche Pri\atleute für neue Erfin- 
dungen und Verbesserungen im Fache der technischen Künste und der damit verwandten 
Gewerbe bezahlen ; endlich 5) die Güte der in ihren Werkstätten yerarbcjteten Materialien, 
und die Wohlfeilheit der rohen Stoffe, die sie, ohne Zwischenhandlung, aus der ersten 
Hand erhalten, in Verbindung des Reichthums und des Crcdits grosser Fabricantcn , die ih- 
nen den Ankauf der besten IMalerialien im Grossen um einen billigen Preis noch erleich- 
tern. Kunsitalent ist jedoch den Britten weder vorzugsweise noch weniger ausschliesscnd 
eigen. Diess Leweisen nicht nur die vielen geschicklen Deutschen in England, die in diesem 
Lande so grosses Ansehen genlessen , sondern auch die vielen und wichtigen Erfindungen , 
welche von Deutschen , \ ornehmlich in den früheren Jahrhunderten , gemacht wurden. 
Z)) Es behauptet in Ansehung des Kunstfleisses einen der ersten Plätze. Mit einem vorzügli- 
chen Talente in Sachen des Luxus und der Mode begabt^ wissen die Franzosen den Luxus- 
und Modowaaren , z. B. Bijouterie, Putz- und Zierwaaren , eine hübsche Form und ganz 
eigene Feinheit und Eleganz zu geben ; der innere Gehalt liegt iluien viel weniger am Her- 
2en. Die blühendste, obgleich auf Kosten des Ackerbaues lierbeygerührte Periode der fran- 
zösischen Manufacturen und Fabriken war in der letzten Hälfte des 17. Jahrhunderts , wo 
fast ganz Europa ihnen zinsbar war. Durch die Vertreibung der betriebsamen llugenoiien 
aber, und die Näclieü'erung anderer Nationen, besonders der Engländer, kamen sie In's 
Sinken, und die Revolution versetzte \\\mn beynahe den Todesstoss. Die gegen\värtige Re- 
gierung ist jedoch eifrig bemüht, alle durch die Staatsuinwälzung veranlassten Störungen zu 
vernichten, und durch zweckmässige Millel die Manufacturen und Fabriken wieder In Auf- 
nahme zu bringen. 
c) Belgien ist, so wie durcli seine Cultur und seinen Handel, also auch durch den Kunst- 
fleiss seiner Einwohner , immer eines der interessantesten Länder gewesen. Lange zuvor, 
ehe England und Frankreich die Kunst verstanden, srliönc wollene Zeuge, feine Leinwand 
und Spitzen zu verfertigen, zeichneten sich die Städte in Flandern j Brabant und andern 



ni. Iiuiustrielle I'roducüou. § g^. Zustand des europ. Kuiistflcisscs im Afguim-incii. 173 

Provinzen Belgiens durch eine seltene Betriebsamkeit und einen grossen IIanJ','1 aus. Dit! 
Thätigkeit der Holländer erhielt durch die Noth eine ^■orthei!hafte Richtung. Da die; Laiidcs- 
producte zu den Bedürfnissen derselben nicht hinreichten, so machten sie die rohen Producte 
anderer Nationen zum Gegenstande ihres Runstfleisses, und fanden in der Veredlung der- 
selben eine bedeutende Quelle ihres Wohlstandes. Dazu kam, nach der Gründung der Re- 
publik, auch noch der hohe Grad der freyen Religionsübung, die eine Menge der geschick- 
testen Künstler und Handwerker aus andern Ländern dahin gezogen halte. Durch die Zeil- 
umstände nalimeii aber die Manufacturen und Fabriken im Ganzen beträchtlich ab; doch 
befinden sich nicht alle Gewerbsanstalten in gleicher liage ; denn so wie viele mehr oder 
weniger in Verfall geriethen , blühten andere \vieder auf. 

d) Wo nicht leicht eine Gegend in den Handwerken, Manufacturen und Fabriken ganz zu- 
rück ist, im Gegcntheil viele sich hierin sehr auszeichnen. Dahin gehören z. B. die öster- 
reichisch- und preussisch-deutschen Staaten , das Königreich Sachsen , Sachsen-Weimar und 
Gotha, ein Theil des Königreichs Hano\er und der herzogl. Braunschweigischen Lande, 
Hessen-Gassel und Darmstadt, Baiern, besonders Ncu-Baiern, Baden u. a. ni. Porcellan , 
Glaswaaren und Schmelztiegel werden in Deutschland besser, als in irgend einem europäi- 
schen Lande ■n erfertigt. Schöne Waarcn und Kunsfarbeiten für alle Formen des Lebens lie- 
fern einige deutsche Städte, z. B. fixiert, Berlin, Augsburg, Nürnberg, Fürth, München, Leip- 
zig u. a. m. , eben so gut, als London und Paris, nur mit dem Unterschiede, dass deut- 
sche Kunstwaaren gewöhnlich wohlfeiler, dabey nicht seilen gehaltvoller sind, als manche aus- 
ländische Producte. In neuern Zeiten sind jedoch die Deutschen durch die Concurrenz der Eng- 
länder, durch die Lossagung der spanisch-amerikanischen Provinzen \on dem Mutlerlande, 
durch die m Russland und Amerika entstandenen und sich immer noch vermehrenden Fa- 
briken und Manufacturen, so wie durch andere Umstände, in ihrem Runslfleisse sehr zu- 
rückgekommen. Zur Zeit der Hansa ^var Deutschland für manche Bedürfnisse, vornehmlich 
des europäischen Nordens, fast die einzige Werkstatt. , 

f) Durch die Betriebsamkeit der Schueizer nahmen im \ origen Jahrhunderte die Manufacturen 
in einigen Cantonen so ungemem zu, dass, Herrn Crome zu Folge, die Volksmenge sich in 
manchen Gegenden \ erdoppelt, und am Zürichersee sogar vervierfacht hatte; diess hat aber 
im Laufe dieses Jahrhunderts durch die Handelseinschränkungen der benachbarten Staaten 
so sehr abgenommen, dass viele Fabriken in der Schweiz thcils sich einschränken, tlieils 
ganz eingehen , und desswegen viele tausend Schweizer auswandern mussten. Gleichwohl 
findet man noch jetzt in einzelnen Thälern mehr Werkstätte der Künstler, als in manchem 
enropäischen Rc'iche. 

/) Nahmenilich das /ü-,iiiarrfi'.S(:/!-c'eHe<i"a/j/»-c/!e Königreich , Genua, Lucca und Tcscana. Doch 
sind die Fabriken in diesen Gegenden nicht mehr so im Flor, als sie es im 14. und i5 
Jahrhundert, zur Zeit ihres blühenden Handels nach der Levante, \varen , wo sie mit ih- 
ren Seidenwaaren meist ausschliesslich fast ganz Europa versahen, und auch ihre Ti-icher , 
besonders die lombardischen und ßurentiiiischen , bis zum Ausgange des 16. Jahrhunderts, 
neben den belgischen und deutschen , die beliebtesten in diesem Erdtheile waren. 

.s) Spaniens Kunstfleiss ist bey weitem nicht das, was er soyn könnte; die inländischen Fabri- 
ken und Manufacturen, zwar von allerley Art, sind lange nicht hinreichend, das Bedürf- 
niss des Reichs zu befriedigen; auch sind, da überliaiipt Anstrengung in diesem Lande, 
mit einigen Ausnahmen , keine Nationaltugend ist , die meisten Arbeiter und Aufseher Aus- 
länder, welche, nachdem sie sich etwas ersparet haben, das Land wieder verlassen. In- 
dessen hatt-en Spaniens ManufacUiren und Fabriken sich unläugbar im Laufe des 18. Jahr- 
hunderts, zumal in der andern Hälfte desselben, wieder gehoben. Alle aber haben durch 
,ien neuesten Krieg unendiich viel gelitten , und leiden noch durch die im J. it52o ausge- 
• brociieiie und noch immer wüthende Revolution. Zu Cari's I. Zeaea vcrsorgtün Spaniens 



jji HI. luJiisliicUe Productioii. ^. gö. Znsland des curnp. Kuuslflcissts iin All^jnifincii. 

Blanufacliircn und Fabriken einen Thcil Enropa's mit ihren Erzeugnissen; aber durch Ver- 
treibung der betriebsiimcn Mauren unter Phiti/'p III. gingen sie fast ganz ein. 
i) Wo es in Ansehung des Kunstfleisses beynahe noch trauriger aussieht, als in Spanien. Die 
meisten Producte, selbst die aus den Nebenländern , gehen roh in die Hände der Auslan- 
der, und was im Lande selbst verfertiget wird, ist gewöhnlich schlecht und ohne Ge- 
schmack, und das Vorzügliche , dessen so wenig geliefert wird, ist meistens \on Auslän- 
dern , Deutschen und Franzosen , die in portugiesischen Fabriken angestellt sind. In die- 
ser schimpflichen Uuthätigkeit werden die Portugies<'n von den Britten immer noch mehr 
bestärkt, die ihnen, seit dem bekannten Mclkuen-Tiaclat (genannt \ on dem englischen Ge- 
sandten am portugiesischen Hofe), welchen England unter ^n/ia'i Regierung mit Portugal 
abschloss , alle Fabricate zufuhren. Vergebens strebte Marquis i>. Pombal, das Land der brit- 
tischen Zinsbarkeit zu entrcissen ; das jedoch gegenwärtig die Cortcs in's Werk zu setzen 
suchen, indem sie seit Kurzem die Einführe englischer Manufacturwaaren einzuschränken 
anfangen. 
i) S. Statistische Bemerkungen über Dalmatien ; in den erneuerten vaterländ. Blättern u. s. w. 
26.27.28. 1818. Diese Bemerkungen betreft'en nicht das dalmatinische Gouvernement in sei- 
nem gegenwärtigen, sehr erweiterten Umfange, sondern das sogenannte All-Dalmalien , 
d. i. die drey Kreise von Zara , Spulatro und Macarsca , nebst den dazu gehörigen Inseln, 
und mit Einschluss der , nun freylich zu Illyrien geschlagenen Inseln Feglia , Cherso und 
Osero. Vergl. den Aufsatz : Über den Zustand der Industrie und des Handels im Königreiche 
Dalmatien ; aus amtlichen Quellen bearbeitet \on fl/. //urteZ; im zweyten Bande der Jalir- 
biicher des k. k. polytechnischen Institutes. S. 106 — i3o. 
k) S. Polit. Journ. 1818, März. S 284. 

Z) S. Crome a. a. O. S. 724. Vergl. Mensel a. a. U. S. 713. 

ui) JN^ahmentlich üänemark , Sc/iifedcn und Nont'egfu , welche Länder sich durch Manufactu- 
ren nie zu einem besondern Glänze erheben werden , da die meisten ihrer Fabricate \vegen 
des hohen Preises die Concurrenz mit ausländischen Kuriolproducten nicht aushalten kön- 
nen. In den langen Winternächten dieser Länder muss vieles beym Lichte gearbeitet wer- 
den ; die Rauhigkeit des Klinia's fordert eine kräftigere Kaluung der Arbeiter; diese erhöbt 
den Arbeitslohn, und dieser die Preise der Waaren. Zudem müssen die meisten rohen Ma- 
terialien vom A'.islande eingeführt werden. Endlich sind diese Länder nicht ^oIkreich ge- 
nug, um so viele Hände für Fabriken entbehren zu können, wie z. B. in England und den 
Isiederlandi-n geschehen kann. 
u) Nahnieullich Russland und Ungern. Was Russhml betriflTl , so ist die Zaiil d<;r in dJesrm 
Ungeheuern Reiche etablirlen Manufacturen und Fabriken verhältnlssmässig viel zu. geringe, 
ob sie gleich von 1779 — i8i5 von 5oi — 3253 gestiegen sind, folglich in einem Zeiträume 
von 36 Jahren sich mehr als versechsfachet haben. Zählte doch das o4ömal kleinere Öster- 
reich unter der Eniis, mit Einschluss der Stadt (Fien , im J. 1811 3226 Fabriken und Ma- 
; nufacluren (S. Hesperus. i8i3. Nr. 67. S. 532). Dann steht dasjenige, was in Russland 
wirklich fabricirt wird , einige Ai tikel ausgenommen , den Kunstproducten des Auslandes 
meist nach. Dazu kommt noch dei hohe Preis der russischen Kunstproducte , da der Sitz, 
vieler Manufacturen und Fabriken z\x St. Petersburg , zu Moskau und in andern der volk- 
reichsten Städte ist, wo, bey einer beträchtlichen Theuerung aller Lebensbedürfnisse, ein ver- 
liältnissmässig hoher Arbeilslohn aui h hohe Preise der Fabricate unumgängliih noth^vendig 
macht; wesshalb die russischen Fabrikwaaren die Concurrenz mit d. n ausländischen nicht 
aushälfen können. Diejenigen Gegenstände dea Kunstfleisses , worin üii» Russen sich beson- 
ders au.'jzclchnen, sind unstreiiig die Lederbereitung, die Seif lisied'. reyen und Lichterzie- 
hereycn, und die Verfertigung der Segeltücher, des Tauwerks iind der Bastmatten. Um den 
iuuiru Kunslfleiss. nocli mehr zu wecken und zu beleben , hat d.e russische Staatsverwal- 



in luJ-iUiiollo P,j laolioii. §. gl. Mjaufjctiiren , \v,'Iclic Flaclis und ILmf vcraibjitoi. j-5 

tung, nach dem Bcyspielc anderer Rpgicrungoii , das Prohibitivs) stein eingeführt, dem zu 
Folge die Einführe von boynahe 2oo Artikeln, grössten Theüs Fabricateii , verboten, an- 
dere aber gegen Entrichtung bedeutender Zollabgaben zur Einführe erlaubt sind. — Eben 
so ist auch in Ungern nicht nur der IManufacturen- und Fabriken-Etat unbedeutend, son- 
dern auch die Güte der Fabricale , mit Ausnahme einiger Artikel, z. B. des Leders, der 
Debreczinerseife , des Tabaks u. s. w. , niittelmässig. Die vorzüglichsten Ursachen, warum 
der Kunstdeiss in diesem, von der Natur so begünstigten Lande nicht gedeihen kann, sind : 
i) die entschiedene Vorliebe der Nation für Ackerbau und Viehzucht, und die daraus ent- 
springende Abneigung gegen jede Art städtischen Kunstfleisses ; 2) die schwache Bevölke- 
rung , in Verbindung der geringen Anzahl der Städte und der Grösse des Arbeitslohnes; 
besonders aber 3) die dem Kunstfleisse und der Handlung , wodurch er belebet wird , nicht 
günstige Verfassung (s. Siebenbürgische Quartalschrift. 6. Jahrg. S. 555) , und das desshalb 
herbeygefdhrle Verhältniss, vermöge dessen Ungern seine rohen Naturproducte fast nur 
an die österreichisch-deutschen Erbstaaten zu \erkaufen, dagegen aber nur von diesen Ma- 
iiufactur- und Fabrikwaaren zu kaufen angewiesen wird (s. i>. Schwarlnev a. a. O. S. 358), 
ohne dos geringen Grades der bürgerlichen Ehre und Achtung zu erwähnen , dessen der 
dritte Stand {ticrs e'lal) daselbst geniesst (s. Götting. gel. Anz. i8i5. St. 86. S. 854 ff)- 
o) Wo zwar die Manufacturen und Fabriken zu den Bedürfnissen der Einwohner bev weitem 
nicht hinreichen: aber in Ansehung der Güte mehrerer Kunstproducte kann es keine Nation 
in Europa den Osmanen gleich thun , viel weniger sie übertrefTen. Ihr Garn , das theils aus 
Baumwolle, theils aus den Haaren angorischer Ziegen an verschiedenen Orten verfertiget 
wird, ihre Shawls und Teppiche fanden \cn jeher ßeyfall und grossen Absatz. In der Fär- 
bcrey haben sie es zu einem hohen Grade der Vollkommenheit gebracht. Leder von vor- 
züglicher Güte kommt gleichfalls aus ihren Manufacturen,. und ihre Schusterarboit ist fester, 
kernhafter und feiner, als in andern europäischen Ländern. Die A erfahrungsart bey Verfer- 
tigung der vortrefflichen damascirten Klingen ist ein den Türken eigenes Geheinmiss. Über- 
haupt ziehen die Osmanen die städtischen Gewerbe der Landwirthschaft und den übrigen 
Zweigen der Urproductlun ^■or ; doch ist der Fabrik- und IManufacturfleiss in der asiatischen 
Türkey bedeutender, als in der europäischen. 

a) Ü b c r s i c li t der n a h m li a f t e s t e n Zweige des c u r o p ä i s c h e ti Kunstfleisses, 
und z w a r . d e r j c u i g e a Manufacturen, welche iM a t e r i a 1 i e n veredeln aus 

dem Pflanzenreiche. 

§• 94- 

Manufacturen, welche Flachs und Hanf \ erarbeiten. 

Unter den europäischen Manutacluron, welche Materialieti ans dem Pflanzc'nrci- 
che veredeln, sind diejenigen die wichligslen und grössten, welche Flachs und Hanf 
Terarheiten. Sie veredchi inländische TJrstoffe , beschäftigen durch Spinnen, Weben, 
Zwirnen, Bleichen, Färben und Drucken eine ungemein grosse Menschenzahl, und 
liefern die mannigfaltigsten Kunstproducte, deren Absatz um so sicherer und stärker 
ist, da sie Gegenstände der allgemeinsten Bedürfnisse sind. 

Die Garnspimierey ist theils als eine Vorarbeit fiir Leinwand- und andere Ma- 
nufltcturen, theils als ein Nebengewerbe fiir Landleute und Städter überaus wichtig. 
Sie wird am stärksten in Deutscliland betrieben, nicht nur für die eigenen Manufac- 
luKui, sondern auch für die Leinwand- imd Zeugmanufacturen aller Art in ticr Scliwelz^ 



j,g III Ii:(ltislri,lle Prodiicliou ^. g4. Mniuij'.-.ctnrcr) , \\cli Iir Find s uiic! H.iif rrmilii itrii. 

in HoUaiid j Frankrciili nml Englmul ^ -wohin jahrJirh eine Menge Garn aus Sclile- 
sicn, Dühnicn, Mähren, Westphalen, Hanover, 01den])urg, und andern deutschen 
Gegenden versendet wird, oligleich gegenwärtig hey weitem weniger, als vor dem 
J. l8l5j weil zu jener Zeit die Brilten angefangen halten, Stoffe (der Leinwand ähn- 
lich) aus Baumwolle 7m verfertigen, und jene dadurch enthehriich zu machen n). 
Wenn vorzügliche Güte des Flachses und Geschicklichkeil der Spinner oder Spinne- 
rinnen zusanmien treffen : so nmss man üher das feine Gespinnste erstaunen, welclies 
Menschenhände liervorhringen können. Ecyspiele davon liefern unter andern TFest- 
plialen b) ^ das lUesengehirge c) ^ die ScJnveiz d) und Schweden e). 

Zivirn liefern hauplsäclilich die Niederlande ^ wo zu Haarlem zugleich der fein- 
ste Zwirn in Europa (his zu 3oo H- das Pfund) verfertiget wird; dann Schottland f) j 
Frankreich, das lomhardisch- venelianische Königreich g) , Schleswig inid mehrere 
deutsche I^änder, vornehmlich Schlesienj Böhmen h) _, Ans Land ob derE?inSj Sach- 
sen und TFestphalen j obgleich in den neuesten Zeiten hey diesem Artikel in einigen 
der besagten Länder Missln-äuche, Unordnungen vuid Betriegereyen entstanden, in- 
dem Län"Q Fädenzahl und Güte beträchtlich abgenommen haben, zum grösstcuNach- 
iheilc des Publicums und des redlichen Fabricanten. Der Zwirn wird entweder auf 
der Spindel, oder dem Spinnrade, oder auf der Zwirnmülde bereitet, und auf man- 
cherlcy Art, als zum Nälien und Slricken, zur Bandwel)erey, vornelnnlieh aber zu 
Spitzen gebraucht, die theils geklöppelt, theils genähet, tlieils gewebet werden. 

Die feinsten vmd kostbarsten geklöppelten Spitzen j die Europa kennt, liefern die 
JSiederlaude _, vornehndich die Städte Brüssel (von 84 — 5oo fl. die Elle), Antwer- 
pen j Mechelii j Turulioul j, Brügge , Cortrjk ^ Meniti und Gent; die feinsten nächst 
diesen Talenciennes j Dieppc j, IJa\'i-e de Graccj Honjleur und Jlengon in Frank- 
reich Tondern i) in Schleswig, die Dörfer Zoc/e und Cliaux de fand und das Thal 
Valtravers '\n\Y\\YsVc\\\.h\\me INeufchalel Ä) , das sächsische Erzgeliirg gegen Jnmi- 
^er"- und Schneeberg hin, das böhmische Erzgeltirge, \\A\\\\c\\\\\.y:\\ i^ct Ellnbogner- 
und der Saatzerkreis i) _, nebst IVien im Lande rniier der Enns, wo in einer privi- 
Ic'irten Manufaclur Brüsslerspitzen und von mehreren Faliricanten Seiden- mid Zw irn- 
\Virihsehari>spitzen verfertiget werden; die besten gewebten Spitzen aber Haarlem 
in Holland, und die schönsten genäliten Spitzen Italien, Frankreich, Brabant und 
En"land. Hall) genähte und halb gekl.ippclte Spitzen werden zu Brüssel verfertiget. 
Wie ungemein die Kunst den Werlh eines Naliuprodiicts erhöhen kann, sieht man 
unter andern an dem Ertrage dieser Arjteit. Aus einer kleinen Portion Flachs, von dem 
Werlhe eines Groschen, spinnt der Schlesier fiir 2 Kthlr. Garn, der Holländer ideicht 
und veredelt es zu feinem Zwirn, den der Brabanlcr und Sachse mit 24 Rtülr, kauft j 
und diese endlich machen daraus für 200 Pithlr. Spitzen. 

Leinene Bänder ^a\n\c\Tei\ \n\ Grossen hauplsäcldich Ilanrlem in Holland, Schle- 
sien, Böhmen und Österreich unter der Enns , in welcliem letzteren Lande die Lei- 
ncnb'änderfabrication besonders zwischen Grosssieghards und U'iddln.fen an der 
Thaya betrieben wird, welche Gegend unter dem Nahmen des Bünderkrümer- 
Ländchens bekannt ist, wo sich über 1000 Personen von der ^ erferligung leinener 
Bänder ernähren. 



III. Iiidusiriellc Protliiclion. §. g5. Manufacfiiren , welche Fl.ichs ii. Ilaiif vcrarb, Fortsetiimy^. i-j-j 

fl) So hat z, B. Pieimsiscfi-Sj/ilts'ten an Leinengarn noch 

im J. i8i4 nach EnglanJ veisoiidct . . . . 4^^5926 Ctr. 

— — i8i5 4J5196 — 

— — - 1816 aber nur noch 6,6gi — 

Eben so sclialzie man tl.'n Garnhandel von HlUlesheiin bis auf die neuesten Zeiten aul 
800,000 fi. ; jetzt aber ist er sehr herabgekommen. S. Hock a. a. O. S. 146 u. i5o. 

6) Um BieteJ'ekl, Cüllerslo/te und Rillberg spinnen Bauern, die in Holzschuhen gehen, mit 

den groben Händen , die den Pflug regieren , so feines Garn , dass aus einem Pfund Flachs 

( ein Faden wird, der 25 Meilen, jede von 20,000 Fuss, lang ist, und dass 16 Stücke Garn, 

oder 19,200 Fäden, jeder von 6 Fuss, wenn sie etwas zusammengedrückt werden, durch 

einen Fingerring können gezogen werden. S. Grellinann a. a. O. S. 107. 

c) Wo , Hrn. Hoser zu Folge , volljährige Männer den Flachs so sehr verfeinern , dass ein 
Sliick Garn (zu 4 Strähnen, oder i2 Zaspeln, oder 240 Gebinden, jedes zu 20 Fäden, de- 
ren jeder 3^ böhmische Ellen lang ist), oder ein 16,800 böhm. Ellen langer Faden nur 6 Quin- 
tel wiegt. In der Umgegend xon SlarkenbacJi wird jetzt ein Leinengarn gesponnen und verar- 
beitet, das feiner als das feinste Menschenhaar ist, und dahey eine unglaubliche Festigkeit besitzt. 

cl) Im Canton Appenzell ^ nahmentlich in dem Thcile Ausser-Rhoden , spinnt man aus einem 
Pfunde Flachs einen 400,000 Fuss langen Faden. S. Crome a. a. O. S. 643. 

e) Die Spinnerinnen im Kirchspiele J\älra spinnen aus einem Lothe Flachs 4000 Ellen Garn. 

S. AUg. gcogr. Ephem. Bd. 27. S. 297. 
/) Wo zu Paislej allein i3o Zwirnmühlen für 1,980,000 fl. Zwirn jährlich liefern. 

g) Wo die Fabrication des leinenen Zwirns besonders in der Provinz Brescia von solchem Be- 
lange ist, dass davon jährlich für eine Million Lire ausgeführt wird. 

Ii) Wo die Verfertigung des Zwirns vornehmlich im Leulmerilzerkreise an 2480 Personen be- 
schäftiget, welche jährlich bey 5,5o,ooo St. Zwirn liefern. 

i) In und um Tondern , dessgleichen in der nördlichen Hälfte des Herzoglhums Schleswig, 
und in einzelnen benachbarten Inseln, sind gegen i2,ooo Mädchen beschäftigt, mit Verfer- 
tigung von Spitzen, die Hamburger Elle von 4 Kreuzern bis 2 holländischen Ducaten ; jähr- 
lich (J. 1804) für 1 Mdl. fast i| Mdl. fl. 

k) Wo das Spitzenklöppeln gegen 5072 Personen (Kinder, Mädchen, Weiber, Greise; im 
Winter selbst Männer) beschäftiget, wodurch i,5oo,oOo Livr. jährlich in's Land kommen. 

/) In beyden Kreisen beschäftiget das Spitzenklöppeln über 17,000 Personen. Es werden hier 
Spitzen die Elle ^on 5 Kreuzern bis 4 fl. verfertiget, im Ganzen für 640,000 fl. jährlich. 

§• 95. 
Fortsetzung. 

Von dem Flachsgarnc , welches niclit gezwiint wird, viehelm^n Leinwand. Es 
gibt grobe j mittelmässige , feine und sehr feine Leinwandsorten (Battisi). Man macht 
auch bunte und gestreifte Leinwand, gebildete oder gckiepertc, dahin insonderheit 
der leinene Damast oder die Damastleinwand, der ZwiUig und der Drcll gehört, ge- 
färbte xmd gedruckte, gewichsete (Wachstuch, WicJisleinwand) und geleimte (Schei- 
ter oder Steifleinwand, wovon die ganz grobe Starrleinwand, die feinere Glanzleiu- 
wand heisst). Das Hauptland fiir die Leuiwandmanufactur ist noch immer Deutsch- 
land ^ obgleich der Flor derselben durch den Druck der Zeiten, besonders aber durch 
die Handelspolitik der Engländer, und die immer grössere Verbreitung und Wohlfeil- 
heil der batunwollcnen Zeuge und der Halbleinwand (s. unten) ungemein verhindert 

23 



178 III. Industrielle Production. §. g5. Mannfacturen, •welche Flaclis u. Hanf verarb. Fortsetzung. 

■wird; näclisldem wird die meiste Leinwand in den Niederlanden _, in Irland ^ Süd- 
schottland _, im nördlichen Frankreich _, in der Schweiz _, in Russland ^ Polen j Ga- 
lizien und ungern verfertiget; die feinsten Gattungen aber werden gewebt in den 
Niederlanden j in Nordfrankreich j in der Schweiz imd in Deutschland , vornehm- 
lich in Ostfriesland _, Westphalen^, Schlesien ^ Böhmen,, Mähreji_, in der I^ausiiz , 
FrajikeUj, Schwaben , in verschiedenen Rhein- und andern deiitschen Gegenden. — 
Verschieden von der ächten Leinwand ist die Halbleinwand , die seit einigen Jahren 
einen eigenen Handelsartikel ausmacht, indem nur die Kette Leingarn, der Eintrag hin- 
gegen Baumwollengarn ist. Diese Quasileinwand wird stark im britlischen Reiche, be- 
sonders in Irland verfertiget, und in alle Länder verfuhrt. Sie ist es eigentlich, die 
die deutsche Leinwand immer mehr und mehr von ausländischen Märkten verdrängt c?). 
Die Einfuhrung der jMaschinenspinnerey , durch welche nach und nach die Preise der 
Flachsgarne in demselben Verhältnisse, wie bey den Baumwollengarnen, herabge- 
bracht werden können, ist daher von grosser Wichiigkcit, weil nur durch diese Ma- 
schinerie dieser alte, unserm Vaterlande natürliche Lidustriczweig wieder gehoben, 
und zu einer grössern Ausdehnung als jemals gebracht werden kann. Es ist daher merk- 
würdig, dass gerade Deutschland ^ nahmentlich Oesterreich unter der Enns ^ im 
Besitze dessen ist, was den Engländern nicht gelingen wollte, im Besitze einer sehr 
vollkommenen Flachsspinnmaschitie-Fabiik zu Hirtenberg (einige Stunden von Wien). 
Diese Fabrik arbeitet gegenwärtig init 20 Feinspinomaschinen. Das Garn zeichnet sich 
durch Gleichförmigkeit und Festigkeit aus, so, dass die Leinwandfabricanten es vor- 
zugsweise zur Anwendung für die Kette kaufen b'). 

Die Ijerühmtesten Bleichanstalten sind in den Niederlanden , vornehmlich zu 
Haarlem und Cortryk; die besten und grössleu nächst diesen aber zw Perth in Schott- 
land, in Irland j Nord f rankreich, i\x Bielefeld in Westphalen , in ScJdesien und Böh- 
men j in welchem letzteren Lande die Lcinwandmanufacturen ungefähr 355 Bleichen 
beschäftigen, worunter die Bleiche zu Landskron gewiss eine der grösten Unteineh- 
mungen dieser Art in der Welt ist. Es können darin zu gleicher Zeit 6000 — -jboo 
Schock , rmd in einem Jahre füglich 20,000 Schock Leinwand abgebleicht werden. 

Die abgetragene Leinwand, oder die Lumpen weiden verbrannt als Zunder , ge- 
zupft als Charpie und sonst auch noch zu andern Zwecken, voi-nchmlich aber zur Ver- 
fertigung des Papiers j in eigenen dazu eingerichteten Mühlen, benutzt. Es wird von 
vorzüglicher Güte und Schönheit in Holland , England j, Frankreich , Italien imd 
der Schweiz erzeugt. Frankreich und besonders Holland, das fridier als Frankreich 
Vehnpapier lieferte, hatten lange den stärksten Papierhandel in Europa, und ver- 
sorgten <len grösslen Theil desselben. Selbst England erhielt bis in die neueren Zeiten 
das bessere Papier aus der Fremde, hat aber sehr schnelle Fortschritte in der Ver- 
fertigung desselben gemacht und jetzt eine sehr starke Ausfuhre. Auch wird in Eng- 
land die Methode, mittelst der oxydirtcn Salzsäiu-c, nicht bloss Linnen, sondern auch 
Lumpen und Papierteig zu bleichen, und alten Kuferstichen und gedruckten Büchern 
die vorige Weisse wieder zu geben, von verscliiedenen Künstlein mit giilem Erfolge 
in Ausübung gebracht. Das erste Leinenpapier ward in Deutschh/nd gemacht ; schott 
im J. i3go waren daselbst Papiermühlen im Gange , Vt'ilirend in-Russland die erste 



III. faJuslricIle Production. ^. g5. Manufacturen, «eiche Flacbo ii. Hanf verarb. I'oitsetiunj; i^g 

Papiermühle im J. 1712 i^ebauet wurde. Im J. i8l5 waren deren dasell)st 67 vorhan- 
den, während Dculscldand deren gegenwärlij^ an 5 — 600 zählt, die jährhch etwa ge- 
gen 140,000 — iSojOOO Ballen Papier liefern, wozu die in dem Kreise Unier-Wicner- 
vald im Lande miler dcrEunshefindliclien 11 Papiermidilon allein jährlich 20,5oo Bal- 
len oder 2o5,ooo Riesse heylragcn. TJhcrlianpl erzeugt Deutschland dieses Fahricat in 
hinreichender Menge, obgleich dorPapicrverhrauch, den thcils die ühcrlri«hcne Schrift- 
sleUercy, ihcils die grosse Menge besonderer Regierungen und Kanzleyen daselbst er- 
fordert, imgeheuer ist. Aber 'in Umsicht der Feinheit und Güte steht es im Ganzen dem 
holländischen, englischen, französischen, italienischen und schweizerischen nach. 
Indessen machen seit einigen Jahren mehrere P'aljriken im Lande unter der Enns , in 
Böhmen, Mähren und andern deutschen Ländern in der Papierl"al>rication nicht un- 
bedeutende Fortschrille. Unter andern erzeugen die Papierfabrikeji zu Frunzentlial 
nächis Ebergctssingj, zu Untei-ivaltersdorif und Guntramsdovf un Lande unter der 
Enns (letztere mit chemischer ßleiclie) Post- und Velinpapier, das dem ausländisclien 
wenig nachgibt. Nur so schönes und grosses Zeichen- und Kupferdruck|»pier liefern 
die deutschen Papicrmülilen nicht, wie das Ausland. Indessen ahmt die oben erwähn- 
te Fratizenthaler Papierfabrik das französische Cylinderpapier mit Gliick nach. 

Unlcr den aus schlechten Lumpen, alter Maculatur und dergleichen verfertigten 
Pappen sind besonders die Pressspäne merkuiirdig, die bekanntlich in WolJcnmanu- 
faciuren oder von Tuchbereitern beym Pressen der Tiicher und Zeuge gebraucht 
werden. Die Erfinder derselben sind die Engländer, die ihren Tüchern mid Zeugen 
damit den vortrefflichen Glanz geben, der sie so sehr zu ihrem Vorthcile auszeichnet. 
Die englischen Pressspäne sind sehr dünn, sehr fest und so hart wie Hörn, sie haben eine 
so glatte Oberfläche, dass sie wie lackirt aussehen. Man verfertiget sie bloss auf zwcy 
Papiermiihlen in Yorkshii-e imd StaJfordsJiii e. Indessen hat man es seit einigen Jah- 
ren in der Fabrication dieses Artikels auch in andern Ländern Europa's , nahmcnüich 
in Frankreich _, den Niederlanden , im Venetiainsclien (zu Pordcnone) , in Oester- 
reich unter der Enns (zu Rannersdorf) , Mähren (zuLiitau), Böhmen (zu Hohenelbe, 
Kronau, Altstadt, Trautenau u. s. w.), der Provinz JSiederrliein (zu Malmedy) und 
in Ostpreussen (zu Trutenau bey Königsberg) zu einem, hohen Grade der Vollkom- 
menheit gebracht. 

Der //ii7if wird eben so, wie der Flachs, nur nicht zu so feinen Geweben, ver- 
arbeitet (obwohl auch ein sehr feines Gespinnst daraus gemacht werden kann) j ausser- 
dem aber zu Bindfaden, Stricken, Seilen, Strängen, Gurten, Lunten, Netzen, Schiffs- 
tauen , Pack- luid Segeltuch , auch das Werg zum Dichten der Fugen an den Schiffen 
und dergleichen in Menge benutzt; daJier insonderheit in Seestädten die Seilerejen 
ein wichtiges Gewerbe sind. Den stärksten Handel mit Tauwerk und Segelluch treibt 
Russland. Im. Jahre i8l2 führte es von diesen .litikcln für 2,658,020 Piubel aus. ^'or- 
ziiglich weisses und solides Segelluch liefert Holland j und selbst das Ungeblcichle 
von NordhoUaad ist vortreff^lich. 

d) In welchem Flore die Leinwandmanufacturen in Deutschland noch vor dem Jahre i8i5 
und früher waren, beweiset die ungemein grosse Ausfulire ihrer Leinwaarenerzeugni.'.sc 
nach fast allen europäischen Ländern, und entweder unmittelbar, oder durcli ^iele der lelz- 

20* 



i8o III- luduslrielle Pioduction. §. g5. BaumwolleumanufacUiieii. 

terii , nach fVeslindien und Amerika, wodurch der deutschen Industrie mehr als 3o Mill. 
Tlialer zugeflossen sind, an welchem ausgezeichneten Geldgewinne Böhmen, Schlesien und 
die Lausitz den grössten Antheil nahmen. Eben dessiialb war dieser Zweig des deutschen 
Ivunslfleisses , wie die Zeitschrift Hesperus (1818, Nr. 33. S. 258) bemerket, schon seit 5o 
Jahren den Britten ein Dorn im Auge , und ein wichtiger Gegenstand ihrer anhallenden 
Eifersucht; sie suchten denselben auf eine künstliche Weise zu untergraben, den Zug der 
deutschen I.<einenwaaren in jenen Welttheil und in Spanien, Portugal und Italien zu ver- 
sperren, und das Bediirfniss der Leinenwaaren der Bewolmer jenes Weltlheils und euro- 
päischer Länder durch Erfindung einer Art baumwollener Leinwand (chamhrigl genannt) 
entbehrlich zu machen ; daher sie auch in den letzten Friedenstractaten mit den südlichen 
Continentalmächten sich sehr klug und ^orsichtig zu bedingen suchten, dass Deutschland 
keinen mittelbaren Handel weder mit Leinen- noch Glaswaaren nach Malta unternehmen 
dürfe. — Aus Belfast in Irland wurden ^•om 1. Jan. i8o2 bis dahin i8o3 16,070,200 Yards 
(engl. Ellen) für mehr als 1,807,000 Pf St. exportirt. — Russland führte im J. 180/1- Wr 
1,278,193 Rubel Leinwand und Serviettenzeug aus. — Aus Polen wurden im Jahre i8o2 
40,260 Stück ordinäre und Packleinwand (wo\on | in Galizien gemacht waren) über Danzig 
zur See nach England , Holland , Portugal und Spanien versendet ; die meiste feine Lein- 
wand aber holen Polen und Galizien aus Schlesien und Böhmen. — Die in der Zips , Un- 
gerns Hauptlein>vandmanufactur , erzeugte Leinwand nimmt über Debreczin und Pesfh ih- 
ren Zug nach dem Banat , der Bukowina, nach Siebenbürgen, in die Moldau, Walachey 
und Türkey überhaupt, und wirft jährlich einen Gcwiim von 5oo,ooo fl. ab. Dagegen be- 
zahlte Ungern im J. i8o2 für fremde, meistens feine Leinenwaaren, die bedeutende Sum- 
me von 2,692,265 (1. 
b) S. Beyträge zur Geschichte der Fortschritte der Gewerbs-Induslrie und des Handels in der 
österreichischen Monarchie in den drey letzten (1816 — 1819) Jahren; im ersten Bande der 
Jahrbücher des polytechnischen Institutes in Wien. S. 355 — 401. 

§. 96. 
Baumwollen m a n u f a c t u r e n. 

Überaus erheblich und ausgebreitet sind ferner auch die Baiunwollenmaniifac- 
titrerij ob sie gleich nicht so nützlich sind, als die LeinWandinanufacttircn , weil sie 
ausländischen Stoff verarbeiten, wofür ungeheure Summen nach Amerika, Asien imd 
in's südöstliche Europa gehen. Es wird dieser Zweig des Kimstfleisses fast in allen Län- 
dern Europa's, am stärksten aber in Grossbritannien aj j imd nächstdem in Deutsch- 
land b) j, Frankreicli c) j, der Schweiz d) und im osinanischen Reiche e) betrieben. 
In Ansehung der Neuiieit, Mannigfaltigkeit und Annehmlichkeit der Muster, so wie 
in Hinsicht auf die Leldiaftigkcit der Farben, nuissten jedoch die in den neuesten Zei- 
ten (1814 — 1817) in grossen Massen auf die deutschen Messen gebrachten englischen 
BaumwoUenwaaren, dien deutschen jyovne\ai\\ic\i den bölimischen f) und säc/isischenj 
dann den franzijsischen und schweizerischen überall nachstehen. Denn bekanntlich 
machten die Baumwollenmanufacturen der Deutsclien j Franzosen und Schweizer j 
während des Napoleoiiischen Continentalsjstems ^ das die englischen Waaren vom 
festen Lande ausscliloss, in ihrer Kunst sehr bedeutende Fortschritte, während die 
Bi^itten j keine Concurrenz mehr fürchtend, und auf ihren Lorbecrn als Manufacluri- 
Äten ausruhend , mehr die Schnelle als die Güte und den Geschmack der Verferti- 



in. Iticiustrielle Prodticlion. <J. g6. Bauniwollemiiauiifacluieii. l8i 

gung gesucht haben ^ und als sie wieder anfingen, Deutschland mit ihren W^aaren zu 
überschwemmen, verschleuderten sie dieselben, so, dass sie aul' der Messe zu Ffiuik- 
furt an der Odei- im J. 1814 ganze Kisten mit Gatlunen, die Elle für 5 Groschen Cuu- 
rant, verkauft hatten. 

Übrigens sind von den verschiedenen Baumwollengeweben die bekanntesten: Cat~ 
tu/ij ZitZj Nesseltuch oder Moiisselin j Perkai j Nanqiduj Manchester j Simnoise ^ 
Barchent j Kannefas u. s. w. Den besten Manchester liefert die Stadt gleiches Nah- 
mens in England, vortreflfliche Caltune und Zitze Böhmen und Sachsen, und die 
schönsten gestickten INIousseline die Schweiz, für deren Mousselin-lManufacturen die 
SchwarzwalderM'iidclien sticken, und die P^orarlberger Mädchen, die sich eben- 
falls durch schöne Stickerey auszeichnen , spinnen ; allein durch die französische Re- 
volution und durch die neueren Einfuhr-Verbothc in Frankreich sind, mit den Schwei- 
zer-Moussclin-Fabriken , diese Stickereyen und Spinnereyen sehr in Abnahme gera- 
then. — Der Kunst der Türken, die achte rothe Farbe oder Türkisch - Pioth auf 
Baumwollengarn zu färben, ist man in England j Frankreich und Deutschland sehr 
nahe gekommen; aber noch hat man sie nicht erreicht. Daher treiben die Türken mit 
diesem Garne, vorzugsweise das türkische Garn genannt, einen beträchtlichen Han- 
del. Es wird zm. Amhelakia j einem beriÜimten Dorfe bey Larissa in Thessalien, in 
einer Menge von 25oo Ballen jährlich gefärbt, so wie auch an vielen andern Orten , 
so, dass im Ganzen 10,000 Ballen davon ausgeführt werden. 

a) Wo die BaumwolJenmanufacturen durch die Spinnmascliinen ungemein vervielfältiget und 
verbessert wurden. Dahin gehören tlieils die zahlreichen Handmaschinen , theils und zwar 
vornehmlich die grossen Spinnmühlen, welche durch Richard Arkwright ^ einen armen Bar- 
bier, der 1773 ein Patent darauf erhielt , in Gang gebracht wurden, und eine Hauptepoche 
für die zahlreichen englischen Baumwollenmanufacturen machen, besonders seit der Zeit, 
als man die Dampfmaschine damit vereiniget hatte. Das auf Maschinen gesponnene Garn 
fällt \iel gleichförmiger , schöner und wohlfeiler als das mit Menschenhänden gesponnene ; 
und so auch das aus dem Garn gebildete Gewebe , z. B. Cattun , Mousselin u. s. w. Im 
J. 1799 ward bey einer Wette in Manchester aus einem Pfunde Baumwolle ein Faden von 
16g englischen Meilen gesponnen. Eine einzige Maschine spinnt 60, 100 und mehrere Fä- 
den auf einmal. Schon im J. 1788 hatte sich das Baumwollengewerbe in Grossbritannien so 
ausgebreitet, dass man i43 Wasser- und 600 andere Spinnmühlen oder Maschinen, nebst 
20,000 Handmaschinen zählte, bey denen im Ganzen 160,000 Männer, qo,ooo Weiber und 
100,000 Rinder nur zur Aufsicht und zur Nebenhülfe angestellt waren. Seitdem hat dieses 
Gewerbe noch sehr zugenommen. Im J. 1787 wurden 22,600,000 Pf Baumwolle verarbei- 
tet; im J. 1799 ^^^ wurden 46 Mill. , und i8o2 gar über 65 Mill. Pf. Baumwolle einge- 
führt, mit deren Verarbeitung 800,000 Menschen beschäftiget waren (s. Allg. geogr. Ephem. 
Bd. 24. S. 290). Aber einige Millionen Menschen würden dazu erfordert, wenn alles Garn, 
welches in Grossbritannien die JMaschinen spinnen , mit den Händen gesponnen werden 
sollte. Bey gut eingerichteten Spinnmaschinen kann ein Kind 40 — 5o Fäden besorgen. Allein 
eben desshalb , weil die Spinnmaschinen eine Menge von Menschen entbehrlich machen, 
hatle sich in den Manufactur-Gegenden Englands im J. i8i2 eine Bande missvergnügter 
Fabrikarbeiter (die sogenannten Lnddilen) erhoben, die, weil es an Beschäftigung fehlte, 
überall , wo sie hingelangen konnten , die zur Fabrication bestimmten Maschinen zerstörten, 
wodurch der Fleiss von Generationen oft in einer Nacht zn Grunde ging. Der 3Iittelpunct 
und Hauptort der iii England blühenden Baumwollenmanufacturen ist die Stadt Maiiciieslerj 



l8a III. liiihislrielie ProiIuctioD. ^. gfj. Baumwolleuniamifuctnrin. 

deren Volksmenge im J. i65o nur 27,000 Seelen betrug, aber, bey den grossen Fortschrit- 
ten des Kiinsifleisses , im J. 1781 auf 5o, 000, 1811 auf f)8-.570, i8i5 gar auf 110,000 Indi- 
viduen sieb belief, worunter mehr als 2oo Raufleute waren , welche Manufacturen unter- 
hielten, besonders in Manchester , Plüschen^ CallciUs , J^fousseliiieii , dessgleichen in Ver- 
fertigung baumwollener iSähscide , und in andern Baumwollenwaaron , dessgleirhen in Cat- 
tunitiuckerej'en , mll ansehnlichen ü/ficÄe« und trefTlirhen Färbercren und Appretur- Anstallen. 
An Baumwolle verarbeitete man in hiesigen Werkstätten im J. i8i5 an i,5no,ooo Pf. , mit 
Beyhiilfe von zahlreichen, durch Steinkohlenfcuer im Gange erhaltenen Dampfmaschinen, 
auch mit Benutzung der neuen Gaserleuchtungen und zugleich Erwärmung grosser Werk- 
stätten mit Steinkohlen. — Die englischen BaumwoUen-Spinnmasehiiien blieben nicht ohne 
Kachabmung. Nach dem Muster derselben v\urden auch in andern europäischen Staaten, 
wie z. B. in Österreich , Preussen , Sac/tsen , Frankreich , grosse Baumwollen-Spinnmaschinen 
angelegt, wodurch die in denselben befindlichen Manufacturen mit den ihnen nöthigen Gar- 
nen , besonders von den niedern Nummern vollständig versehen werden , so , dass der Ein- 
gang der englischen Garne, wofür ehedem aus Österreich allein jährlich i2 Mill. fl. nach 
Eiii^land gingen (s. Arclienholz Miner\a. 1806. Bd. 3. S. 538), wo nicht ganz entbehrlich 
gemacht, doch wenigstens sehr veniiindert wird; ja, Frankreich soll in Ansehung der Men- 
ge und Feinheit der Baumwollenspinnerey schon so weil gekommen seyn , dass es, statt 
Baumwollengarn einzuführen, vielmehr das Ausland damit versieht. S. Allg. geogr. Epliem. 
1810. Juny. S. 25i. Wie weit man es in der Feinheit der Baumwollenspinnerey in Deutsch- 
land gebracht hat, beweiset unter andern die Garngespinnst-Manufactur zu Sch{vaadorf \n 
Österreich unter der Enns, wo auf den Mules oder Feinspinnmaschinen bey Nr. Go (eine 
höhere Nummer wird selten verlangt) ein Pfund westindischer Baumwolle bis zu einem Fa- 
den von 8q,22o Ellen , oder über g deutsche Meilen ausgedehnt >vird. Bey Nr. 2oo würde 
das Pfund Baumwolle bis zu einem Faden von 3o deutschen ]Meilen Länge ausgedehnt wer- 
den. Die maccdonische Baumwolle kann in der Regel nur bis Nr. 25 gut gesponnen werden. 
/)) Wo der Hauptsilz der Baumwollenmanufacturen im Erzherzogthume Österreich, insonder- 
heit im Lande unter der Enns , dann in Böhmen , Mähren , Sachsen , Brandenburg, Cleve- 
Borg , in einzelnen baierischcn und würtembergischen Städten und in der freyen Stadt Ham- 
burg ist. 

c) Wo jährlich 32 Mill. Pfund Baumwolle eingeführt werden, die von 700,000 Arbeitern [auf 
den Werlh von i5o Mill. fl. \crarbeilet wird. 

d) Wo jedoch die Baumwollenmanufacturen, aus Mangel an Absatz im Auslande, nicht mehr 
so blühend sind, wie in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Am bedeutendsten 
Avaren sie im Canton St. Gallen , wo in und ausserhalb Landes über 80,000 Menschen sich 
mit Spinnen , Weben und Sticken von Baumwolle und Mousselinen beschäftigten , indem 
die Fabricanten in der Stadt St. Gallen ihre Factoren in Schwaben sowohl als in derSchweiz 
selbst hatten , welche die fertigen Mousseline an Stickerinnen vertlieillen. Man schlug die 
Menge der jährlich fabricirten Zeuge auf 200,000 Stücke an. 

e) Wo bloss in der Stadt Saloniki jährfich 2000 Ballen , und in ganz Griechenland über 
20,000 Ballen Baumwolle verarbeitet werden. In der Levante bestehen selbst die Segel ans 
Baumwolle. 

/) An baumwollenen Meubelstoffen und gefärbten Tüchern von Zitz waren Erzeugnisse von 
ähnlicher Vollendung nicht gesehen worden, als die Fr. Leitenberger'sdie Fabrik zu Co.idm- 
nosi im Bunzlauerkreise sie in der Leipziger Herbstmesse 1816 aufstellte. Die linglinJer 
selbst kauften, wie der Correspondent v. und f Deulscbland, Nr. 170. 1817 borichtel, viele 
Si-ücke davon, um nur die Musler nachzuahmen.. 



Hl. Industrielle Pioduclion. §. 97. Manufacturen , -welche Getreidesameix Tsrarbeiteii. igj 

§• 97- 

Manufacturen, welche Getrel desam en verarbeiten, 

Durch die nicclianische Bchandlimg der Samenkörner der Getrcidearlcn in eige- 
nen dazu eingerichteten Mühlen erhidt man Graupen _, Grütze j Gries und Mtlilj 
welche Kunsiproducte für Russland und einige deutsche Länder wicJitigc Handels- 
artikel sind. — Das meiste TVeitzenbrot wird in England _, Frankreich und Italien 
gehacken. Auch der Unger hält viel auf ein weisses, schönes Brot, und die ungri- 
schen Hausmütter sind luistreitig Meisterinnen im Brothacken. Man hedient sicli aher^ 
um den Brolteig in Gährung zuhringen, dahey nicht des gewöhnlichen Sauerteigs, 
wie hey den Deutschen üblich ist , sondern eines eigenen dazu bereiteten süssen Fer- 
ments oder Gährimgsmittels aus Kleyen. Das weisseste, schönste, grösste (zehn- bis 
zwölfpfündige Laib), höchste und wohlschmeckendste Brot wird in Debreczin ^ im 
Ä/i«rer Gomitaie und in Komorn gebacken, nicht von zünftigen Bäckern, sondern 
von Hauswirthinnen , die sich damit, als mit einem einträglichen Nebengewerbe zum 
öffentlichen Verkaufe auf dem INLirktplatze beschäftigen. Man zieht ein solches Brot 
mit Recht allen Senuneln vor, vmd braucht es an deren Statt in allen Speisen, und 
das ist die Ursache, warum auch in den volkieichsten Ortschaften der Weissbäcker 
mit seinem säuern Gebäcke nicht aufltommen kann. Dagegen ist in Westplialen der 
sogenannte /'M?77/;er///c/ieZ beliebt, ein grobes Brot, wozu das Mehl nicht gemahlen, 
sondern nur geschroten wird, und im TValliserlande in der Schweiz findet man Thä- 
1er mit Einwohnern ohne Brotbäckereykunde. Li Engadin backt mau jährlich nur 
zweymal Brot, jedes Mahl zum Bedarf eines halben Jahres. — Die Verfertigung der 
Nudeln und Macuroni ist ein Gegenstand des Gewerbes in Italien und Deutschland ; 
in jenem Lande vornehmlich in Neapel j Rom und Bologna _, in diesem zu Triest _, 
Nürnberg und Erfurt. Neapel allein fiihrt jährlich für 176,000 Ducati JNudcIn aus. 
— Die meisten Biscuits- und Pastetenfabriken sind in Frankreich, vornehmlich zu 
Paris j wo man 1000 Pastetenbäcker gegen einen Verfertiger mathematischer Listru- 
mente zählt, obgleich diese Hauptstadt mit kleinen Biscuits und Stör- und Aalpaslelen 
auch von Albeville aus stark verschen wird. Berühmt sind auch die zu p'erviers fa- 
hi-icirten Pasteten. — Zu den kiinsllichcn Bereitungen aus Mehl gehören auch die 
Oblaten j die unter andern für England ein Handelsartikel sind. Dänemark erhielt von 
1797 — l8o3 für gi6 Rthlr. Oblaten aus England. 

Der Getreidesanien enthält einen klebrichten, stärkeartigen und schleimichlzucker- 
arrigen Theil. Durch Absonderung der übrigen Theile von dem stärkearligen erhält 
man die Stärke oder den Jmidom_, das Kraftmehl ^ am besten aus dem Weitzen. 
Vorzüglich gut ist die //Y?«zöür/5c.7/e Stärke ; man zieht sie der böhmischen j sächsi- 
schen und preussischen vor, weil man in diesen Ländern die wahre Kunst des Trock- 
nens der Stärke nicht zu verstehen scheint. Li Ungern wird dieses in der Hauswirtli- 
schaft so nolhwendige Kunstproduct von den Hauswirthinnen selbst erzeugt, wobey 
sie ohne chemische oder technologische Kenntnisse zu liaben, auf eine sehr einfache 
Art verfahren, und sich damit gewöhnlich auf ein ganzes Jahr versorgen. — Die auf 
kleinen Handmühlen oder mit Walzen zerriebene und mit Weingeist eingefeuchtete 



l84 IH. InJustrielle Proiluctioa. §. 57. Manuf.iclcireD , wclclic Getrcidesamen verArliciteu. 

Stärke gil>t den bekannten Hnarpuder j, ein in unseren Ta^en nicht mehr so gangbarer 
Artikel , wie vor der Craiizösischen llevohilion. Zuerst bedienten sich des Haarpuders 
nur Hofnarren und Schauspieler. 

Der schleimig-zuckerartiye Theil des Gelreidesamciis gibt, mittelst der süssen 
Gährung, das Biev ^ am meisteia aus der Gerste und dem Weilzenj durch die saiue 
Gahrung aber, wobcy auch kein Hopfen hinzugesetzt wird, Essig. Die nicislca uiul 
besten Bierbraiierejeii findet man in Grnssbj'Uniuiien _, wo zugleich die erlieldich- 
slen Gewerbsanstahcn dieser Art sind d); niichstdeiu in den Niederlanden (zu Lb\ven_, 
Antwerpen j Meclieltij JSiinwegen und ff'eesp) und in Deutschland, vornchinlich in 
Baiern b) _, Böliinen c)j der Mark Brandenburg j \\\ Pommern j in der Provinz Sac/i- 
sen und im Ilalberstüiltischen j in Braunschweig , llanover j in den anltaltisclien j 
schwaizbiirgischen j reussischen und lippe'schen Liindern, so wie in den freyen 
Siiidien Uli III bin g und Liibeck. In Mäliren _, Schlesien d) _, und selbst im Erzherzog- 
tliume OesterreicJi e) haben die Ijierl)rauereyen bedeutende Forlschritte gemacht, 
mid erzeugt man, wenn anders dieEigenthiimer oder Pächter der Brauhäuser das nü- 
thige Ma'.eriale nicht sparen, und sicli bey der Arbeit nicht übereilen, auch gutes 
Bier; doch fehlt es bey den mannigfaltigen Gattungen Bier, noch an jenen stärkeren 
Sorten , welche in Norddeutschland und England gebraut werden. Auch in Russland 
ist die Bierbrauerey ein wichtiges städtisches Gewerbe ; im Gouvernement Moskau al- 
lein bestehen 118 Bierbrauereyen. Das englische Bier wird, so wie das baierische 
und Ze/'^i'<<?A'j weit und breit verführt; A\c braanscliweigische Mninme geht selbst 
bis nach Ostindien. In England sind zwey Manufacturen im Grossen angelegt, wo aus 
Stärkzucker j d. i. aus dem mittelst Schwefelsäure in Zucker verwandelten Stärkmehle, 
Bier ])ereilet wird, welclics hell, geistig, kraftvoll und von angenehmen Geschmack 
ist. Übrigens sind die Bierbrauereyen in Europa, insonderheit in den Niederlanden 
und in Deutschland _, nicht mehr so beträchtlich, als sie vor der Einfiidirung des Kaf- 
feli und Thce , und dem stärkern Gebrauche des Weins und Branntweins waren. — 
^ on Essig j dessen Nutzen und Gebrauch in der Havishallung, in der Arzneykunst und 
in verschiedenen Gewerben sehr ausgebreitet ist, gibt es hauptsächlich dreyerley Sor- 
ten: Bier- oder Fruchtessig _, aus Geti-cidekörnern, TVeinessigj aus sauer gewordenen 
Weinen und Weinhefen, und Cider- oder Obstessig. In unsern Tagen hat man in 
einigen Ländern, nahmentlich in Mähren , Österreich unter der Enns und in Frank- 
reich, gelungene Versuche gemacht, auch aus Holz Essigsäure zu erzeugen. 

Mittelst der Destillation durch Hülfe der Wärme in verschlossenen Gefässen zieht 
man den brennbaren Geist, den sogenannten Branntwein. Die Materialien, woraus 
man Branntwein erhallen kann, sind Wein, Weintrcsiern und Weinbefen, Gelreidc- 
körncr, Obst,- Kartoffeln u. s. w. , kurz alle diejenigen Püanzensäfle, welche in eine 
geistige Gährnng geralhen. Man machte eher Branntwein von Wein als von Roggen 
vmd \Veitzen. Selbst der Nähme: gebrannter TVeiUj wie er anfangs hicss, zeigt die- 
sen Ursprung an. Jetzt nennt man den ans Wein bereiteten Branntwein gewöhnlich 
Franzbranntwein (coignac), und verfertiget ilm nirgends häufiger imd besser als im 
sü Uichcn Frankreich; sonst wird dieses Kunstproduct auch in Ungern und andern 
Weinländern in grosser Blende erzeugt. Zu den ])ckanniestcn BrannUveinsorien von 



in. Industriello Productioa. § 97. Manufactitrcn , wciclie Getrcidcsimen verarhcilc«. itiO 

Obst gehören der Pßanmhibranntwein (Slh'Oi'itze) und das Kirschenwasser (s. oben 
Baumfrüchte). Kiirtoff\'ln werden unter andern in Öslerreirliiscli-Schlesicn, in den 
Rheingegondcn und in Schweden zum Brannlwcinbrcnncn benutzt, und in Dalmaticu 
Avird auch aus den Früchten des Erdbeerbaumes Branntwein gebrannt. Am gewöhii- 
hchsten aber wird in Eiu'opa der Branntwein aus Getreide gewonnen. Diese Branni- 
wcinsorte ward zuerst bey den Arabern bekannt 5 Anfangs als Arzeney gebraucht^ im 
l5. Jahrhundert in Italien bekannter, und von da aus bald allgemein verbreitet, da 
besonders der gemeine Mann sich so an den Gebrauch dieses Getränkes gewöhnt hat, 
dass es ihm zum Bedi'irfnisse geworden ist. Wie stark die Consunilion dieses Getränkes 
in Europa, insonderheit in dessen Nord-, Ost- inid Mitlelländern, imd wie einträglich 
zugleich das Brennen und Ausschenken desselben für Privatpersonen, hier und da ftir 
den Staat selbst ist, erhellet aus nachstehenden Daten : Russland zählte, nach v. TVich- 
manii j im J. i8i3 17 grosse Kronbrennereyen tmd 23;3i5 Privatbrennereyen j in je- 
nen wurden 1,116,01g, in diesen i-,5g4j2g4 Wedros Branntwein gebrannt, mit einem 
Kdrnbedarf von 33,678j563 Pud, auf 5 Wedros Branntwein g Pud Korn gerechnet. 
In den grossrussischen imd sibirischen Provinzen hat sich die Krone den ausschiessli- 
chen Verkauf des Branntweins vorbehalten. Das Branntweinschenken (Kabaken) ist da- 
her in diesen Provinzen verpachtet. Sie liefert den, in ihren Magazinen bewahrten 
Branntwein in bestimmten Terminen und Quantitäten an die Gelränkepächlcr (Ol- 
kuptschiken) , die den Verkauf dann im Kleinen besorgen. Es gibt Pachter, die 5o, 
60 und mehrere Tausende von Rubeln für die Erlaubniss dieses Ausschenkens an die 
Krone bezahlen JJ. In dem ersten Decennium dieses Jahrhunderts ward die jäbrliche 
Pachtsumme von 22^ Mill. auf 3o Mill. R. erhöhet gj. — Ein polniscJics Dorf, für 
das man in Deutschland nicht 1000 fl. geben würde, trägt 2 — 3ooo fl. bloss an Brannt- 
weintaxe ein, und die grossen Herren beziehen 3o— ^5o,ooo A- und mehr von dieser 
Branntweinlaxe hj. Coz czjni ^4renda7 Wie viel trägt die Propination (der Aus- 
schank)? ist gewöhnlich die erste Frage bey dem Verkaufe eines Guts in Galizien _, 
und der Voitheil, den der Grundherr aus der Propination auf Kosten der Gesundheit 
seiner armen Unterthanen gewinnt, spricht der TVodga zu sehr das Wort, als dass 
die traurigen Folgen der Stupidität imd Indolenz, deren Anbhck den Menschenfreund 
nicht selten mit W ehmuth und Entsetzen erfüllt, gehörig beherziget würden. — In 
der preussischen Monarchie belief sich die Fabrication des Branntweins im J. 1816 r 
Hrn. J^oigtel zufolge, auf mehr als 70 Mill. Berliner Quart, wovon auf Berlin allein 
über 5 Älill. kommen. — In Schwede?! sieht man in den grössten Häusern, vvie in 
den niedrigsten Bauernhütten, Branntweinfläschchen auf einem Tischchen neben der 
Mittagstafel aufgepflanzt stehen. Der unmässige, die Nation, wie es in der Darstellung 
der Lage des schwedischen Reichs von 1812 heisst, demoralisirende Genuss des Brannt- 
weins ij, ist um so beherzigungswerther, da Schweden seinen Branntwein grössten 
Theils aus fremdem Getreide bereitet. Ln Ganzen verbrauchen die schwedischen 
ßranntweinbrennereven jährlich 700,000 Tonnen Getreide. — In Kopenhagen hat 
sich die Zalil der Branntweinschenken seit wenig Jahren von 5oo bis 2000 vermehrt, 
so , dass jetzt der fünfzigste Mann daselbst ein Branntweinschenkerist kj. Branntwein- 
brennereyen sind daselbst 5oo und in der ganzen dänisclieu Monarchie 3ooo. — Die 

24 



»86 Iir. luJustrielle l'rodactiön. $. 97. Minufücluren , vielclie GelrriJeiamen vamrbeiten. 

ISledevlande zählen nher 400 Branntweinbrenucieyen, wovon die meisten und be- 
trächtlichsten zu Deljt j Schiednm_, Rotterdam _, Amsterdam \n\<ji fFeesp cxisüica , 
wo der Branntwein über Wachholderbecren abgezogen, mit dem Nahmen Genever 
belegt, und in ungeheurer Menge ver])raucht imd ausgeführt wird. — In der Gegend 
von Edinburgh in Scliotlland ist die Fabrication des, unter dem Nahmen JVhiskj be- 
kannten Kornbranntweins so gross, dass eine Brennerey 80,000, eine andere 60,000 
eine dritte 40,000 Pf- St. jährlich an Blasenzins bezahlt. Dieser liohe Zins hat die Bren- 
ner nach imd nach auf die Mittel geleitet, die Blase in einem Tage recht viele Mal zu 
benutzen. Das Füllen , Brennen und Ausleeren einer Blase dauert nie länger als t 
Minuten, die Arbeit kann aber schon, wenn man es recht ernstlich darauf anlegt, in 
3 Minuten vollbraclit werden Ij. 

Wenn man den Branntwein über allerley gewürzhaftc Gewächse, z. B. Kümmel, 
Anis, Zimmt, Pomeranzen und dergleichen abzieht, und nachher mit Zuckerwasser 
vermischt, so heisst er Liqueur oder RosoglL Dieses Kunstproduct wird am häufig- 
sten und besten in Frankreich, vornehmlich zu Cognac _, Motitpellier ^ Beziercs und 
P^erdun erzeug't (es führt jährlich für 2l,5l4)000 Fr. Licjiieurs aus); nächstdcm zu 
Zairij Spalatro j CattarOj Faune,, Carlstadt ^ Venedig, Triest ^ Wien ^ Prag , 7t»- 
scheHj Lemberg _, Jaroslaw ^ Ujiack j PUis-Csaka j Breslau ^ Danzig ^ St. Peters- 
burgs Moskau u. s. w. 

a) Die ig ersten Porter- und Ale-Braaer ia London brauten vom 5. July i8i5 bis zum 5. 
July 1816: i,4i5,7o6 Barrels Porter 
99.404 — Ale 

zusammen i,5i5,iio Barrels Bier. 
Ein Barrel Porter hält 56 Gallons oder 72 Pottlos, ein Barrel Ale ist = 32 Gallons oder 
64 Pottles, folglich brauten die besagten Brauer in einem Jahre 108,292,688 Pottles. S. 
Osterr. Boob. 1816. Nr. 2i6. Bey BarkLey werden allein jährlich 25o,ooo Barrels Bier ge- 
braut. In dieser Brauerey wird alles durch eine Dampfmaschine, welche die Gewalt von 
3o Pferden hat, in Bewegung gesetzt. Denn obgleich an 200 Menschen und eine grosse 
Menge Pferde darin arbeiten, werden sie doch alle fast ausschliesseiid zu dem äussern Dien- 
ste gelwaucht; innerhalb dieser ungeheuren Manufactur sieht man Niemand ; alles wird durch 
eine unsichtbare Kraft be\virkt. Für die Forlbringung des Biers in die Stadt sind täglich 
100 Pferde beschäftigt. Dieses Bräuhaus bezahlt an Abgaben jährlich die ungeheure Summe 
von 400,000 Pf. St. Die jährliche Gonsumtion des Biers in Grossbritannien und Irland wird 
auf4'Mill. Pf St. geschätzt. Das gewöhnliche Getränk auch gemeiner Leute in England 
ist Porter, eine Art Bier, die man ehemals SlarkbUr (strong beer) nannte; Me wird un- 
gleich weniger getrunken. Der eigentliche Unterschied z\vischen diesen beyden Flüssigkei- 
ten kommt von dem Malze, von welchem sie bereitet werden. Das Alemalz wird bcy nie- 
driger Hitze gedarrt, und ist daher von blasser Farbe; das Bier- oder Porlermalz hingegen 
wird bev einer höhern Temperatur gedarrt , und erhält dalier eine braune Farbe. Diese an- 
fangende Verkohlung entwickelt einen eigcnthümlichen , angenehmen, bittern Geschmack, 
welcher dem Bier mitgotheilt wird, so wie auch die dunkle Farbe. Dieser bittere Geschmack 
macht das Bier für den Gaumen angenehmer, und der Gesundheit zuträglicher, als Ale, 
welches von lichter Farbe, geistig und süsslich, oder wenigstens nicht bitter ist. S.Darstellung 
des gegenwärtigen Zustandes der Bierbrauerey in England. Ans dem Engl, ^•on Carl Siahl- 
Lerger etc. , im zweyten Bande der Jahrbücher des polytcchn. Instit. in Wien. S. h56 — oig. 



III. Industrielle Produclion. ij. 98. Tabaksfabrikca. 187 

i) Wo im J. i8og 4745 Brauercycn waren , die mit einem Gersten- und Wcitzcnbedarf von 
njelir als 83q,i70 Scheffeln, über 6,7i3,3oo Eimer Bier erzeugten, welche Fabriration, 
den Eimer nur zu 3 fl. angeschlagen, über 20,139,900 fl. werth war. S. Milbillers Handbuch 
der Statistik der europäischen Staaten. 2. Abtheilung. S. i4i- Das an Gehalt stärkste und 
beste Bier wird auf einigen herrschaftlichen und ehemaligen Rlostergütern gebraut. 

t) Warum sind die Biere gegenwärtig nicht mehr so kräftig, als sie sonst, besonders in Böh- 
men, in dem Ruf waren? in dem Hesperus. 1817. Nr. i3. S. io3 ff. 

iV) Vergleichung der gewöhnlichen Manipulation des Bierbrauens auf der Pfanne mit der (in 
Tesehe/i) eingiiführten Dampfn:aschine in Bezug auf Ersparung an Brennstoff, Zeit und 
Men.ichenhände , dann die Beschaffenheit des Biers, gegründet auf die seit einem Jahre 
(i8i5 — 1816) bey 67 Gebräuen gemachte Erfahrung; in dem Hesperus. 1817. Nr. 8. S. 63. 

e) Die in und um f'f'^ieu befindlichen 3o Bierbrauereyen , welche die Hauptstadt des österrei- 
chischen Kaiserthums jährlich mit mehr als 600,000 Eimern Bier versorgen, gewähren dem 
Staate, seit 1. May 1820, ein jährliches reines Einkommen von i Mill. fl. C. M. , welche sie 
als Pachtschilling zum Tranksleuergefälle entrichten. Im J. 1808 bezahlten sie 680,000 il. 
in B. Z. S. Vaterl. Blatt, für den österr. Raiserstaat. 1808. Nr. 3i. S. 202. 

/) S. Allg. geogr. Ephem. Bd. 29. S. 282 ff. 

g) S. Bredün^'s Chronik a. a. O. 1806. S, 4i6- 

h) S. Intelligenzblatt der Annalen der Literatur etc. Wien , 1807. S. joÄ. 

i) S. Österr. Beob. i8i2. Nr. 4i. 

k) S. H. A. L. Z. i8ii. Nr. 222. S. 38i. 

l) S. H. A. L. Z. iOii. Nr. 3o6, S. 642. 

Tabaksfabriken. 

Die Tabaksfabriken vcrfertif,'cn aus den Blättern, zum Tlieil aiirli aus den 
Blaltstenficin und Ribhcn der Blätter der Tabakspflanze, die niannigfalligcn Arien 
des Raucli- und ScJumpJtabaks j mit Hülfe mancherley Beilzen (Saucen), um durcli 
diese den bittern und scJiarfcn Bestandtlieil in dem Safte der Pflanze zu mildern, den 
geistigen zu erhöben, und auf diese Art ein auch von feinem Kennern begehrtes Pro- 
ducl zu liefern. Die grösste Tabaksfaltrik in der Welt dürfte wohl die Fabrik von Ci- 
l^njTOS seyn, die Spanien in seinen amerikanischen Besitzungen zu Queretaro ange- 
legt hat. Sie beschäftigte bisher 3ooo ArJieiter, darunter igoo weibliche. Die grösstc 
Anlage der Art in Europa ist die königliche Tahaksfabrik zu Sevilla in Sjianicn, die 
gleich einer Fcstinig mit INIaucrn und Gräben versehen ist, und zwcy Zugbrücken hat, 
wovon nur eine zum gewöhnlichen Eingange dienet. Hier arbeiten 1400 — 1700 Men- 
schen, und treiben an 200 Pferde tuid Maulesel 40 Mühlen. Das jährliche Prodiun 
.steigt auf 2l^Iilh Pf- llauchtabak in Ci^arros und 2 Mill. Pf. Schimpftabak (ßspagnol). 
— In England ist vorzüglich wichtig die Tahaksfabrik zu Leverpool. Das Schnei- 
den , Platten u. s. w. wird hier durch Maschinen bewirkt. Es werden damit täglich 
von 6 Uhr Morgens bis 8 Uhr Abends 1000 Pf Rauchtabak geschnitten, zwischen 
.6 — 600 Pf Stengel geglättet inid 3 — 400 Pf Schnupftabak fein wie Mehl gemahlen. 
In Schnttland wird die Tabnksfaluication am meisten z'u Ajr j Dundcr und Baiiff, 
und in Irland zu Dublin betrieben. — In den Niederlanden j deren Tabaksfabriken 
in der Beieitung des Tabaks grosse Vorzüge vor denen anderer Länder haben, lebeiA; 



i88 Jll. Iinluslncile Prodnctiou. §. gS. Tabaksfabriken. 

von der Fabrlcation des Raiiclitabaks allein 24,000 Menschen. Besonders erheblich 
sind die Tabaksfabriken zu Amsterdam _, Rotterdam _, Dortrecht j Nimwegeiij Mast- 
richt und Lattich. — In Frankreich j das ebenfalls feine Sorten liefert, ist die Yn- 
bricalion des Tabaks seit 1811 auf 12 grosse Städte^ wo man sich mit dieser Industrie 
bisher vorzüglich beschäftigte, beschränkt. Im Ganzen zählet Frankreich an 3oo Ta- 
baksfabriken, die im Durchschnitt jährhch 12 Mill. Kilogramme, oder über 24,375,000 
Pf. Tabak fabriciren, wozu 3 Mill. Kilogramme Tabaksblätter eingeführt weiden, aj. 
Die beträchtlichsten Anlagen sind zu Paris _, St. Omer und Sirassburg. — In Italien 
wird die Tabaksfabrication am stärksten zu Mailand betrieben; nächstdem zu Turin_, 
Genua und Parma; weniger zu Cagliarij Sassari und an andern Orten. Die Tabaks- 
fabrik in Mailand erzeugte im J. 1812 üljer i,oi3,ooo Pf., wozu aus Ungern 400,000 
Pf. Szegediner mid 200,000 Pf. Fünfkirchner Tabaksblättcr eingeführt wurden. — In 
Deutsclüatid j wo es der Tabaksfabriken an 260 gibt, und oft einzehie Städte deren 
über 20, mehr als ganz Russland (s. luiten) zählen Z»^, behauptet an Grösse des Be- 
trags den ersten Platz die kaiserliche Tabaksfabrik zu Haimburg in Österreich unter 
der Enns, welche über 5oo Menschen beschäftigt, und die Hauptstadt sowolil, als die 
Provinzen Osterreich ob- und unter der Enns mit ihrem Bedarf versieht; auch ist man 
daselbst, so wie in den übrigen Acrarial-Taliaksfabriken der österreichischen Monar- 
chie, seit mehreren Jahren ernstlich mit der Verbesserung der Tabaksfabrication be- 
beschäftigt cj. Die beträchtlichsten unter den übrigen Tabaksfabriken in Dcutscliland, 
die zugleich gute Sorten liefern, befinden sich zu Oßcnbaclt dj ^ Frankfurt a. 'bil. , 
Nürnberg _, Augsburgs Hamburg ^ Bremen j Berlin j Breslau ^ Leipzig _, Hanau j 
und Manheim. Gleichwohl kauft Deutschland aus Holland und Frankreich Rauch- 
und Sclmu[)ftabak, der doch zum Theil von deutschen Blättern fabricirt wird, welche 
den Rhein herab dahin geschickt werden. — In Ungern wird in mehreren Privatfa- 
briken zu Pressburg j Oedcnhurg , Steinamanger ^ PestJi , Kaschau , Miskolzj Sze- 
gedin und an andern Orten viel Rauch- imd Schnupftabak, gelber und sc/twarzer ^ 
und wie Kenner versichern, von vorzüglicher Güte bereitet. — Die Tab?ksfabrik zu 
Fiume erzeugte vor dem Wiener Frieden jährlich i5 — 20,000 Ctr. Rauch- und Scluiupf- 
tnbak, besonders Rnpe'j aus Szegediner- und Fünfkirchnerblältern. — In Galizien 
zeichnet sich vornehmlich die grosse kaiserliche Tabaksfabrik zu fViniki bey Lemberg 
aus, welche bey 85o Personen beschäftigt, und jährlich gegen 70,000 Ctr. theil» gali- 
zische , ihcils russische Tabaksblätter verarbeitet ; auch den Tabak so trefllicli zu be- 
reiten weiss, dass Kenner dem G alizier SMch. vor den ungrischcn bessern Tabakssor- 
tenden Vorzug geben. \'on geringerem Belange sind die zwey Aerarial-Tabaksfabriken 
zu Zboi'ow und Czorikow. — In Dänemark wird Tabak zur eigenen Consumiion fa- 
hriclvt zu Kyjenhagen j Husumund an andern Orten mehr, im Ganzen jähtl. 2,800,000 
Pf. — Schweden besitzt 87 Tabaksfabriken; sie sind aber so unbedeutend, dass sie 
zusammen nicht mciir als 6go Personen beschäftigen, und also im Dcrciiscbnitte auf 
eine Fabrik kaum 8 Arbeiter konmien ej. — Noch unl>edeutendcr v.arru sie bisher in 
Russland , wo im J. 1804, nach v. l FicJim.ann j in 7 Tabaksf.ibriken nur ig Personen 
gearbeitet hatten. — Übrigens ist die TabAsfabrication in Europa theils ein freyes 
(ievveibc, wie z. B. Ungern j Siebenbürgen und in den meisten deutschen Bundes- 



III. luJustritUe ProdactioQ. §. gg. Zuckersiedcrcreo. ilja 

Staaten, mit Einscbluss des Köiiigroiclis Preussen ^ tlicils ein Monopol der Regierung, 
wie z. B. in Oesterrelchs deutscheu, galizischcn und italienischen ErLIimdern, in 
Frankreich _, Spanien j Baiern ^ fVürtemberg u. s. \\. 

a) S. Österr. Beob. 1811. Kr. 61. S. 25i , und 1819. Nr. 111. S. 546. 

b) So iiat z. B. Colin, nach Galletti , 25, Emden, nach Hock , 26 Tabaksfabriken. 

e) Zur Fabrication des geschnittenen Tabaks besteht zu Uaimbwg eine Schneidemaschine im 
Grossen, weiche zugleich auf 8 Schneideladen wirkt, d.'ren jede 80 — 90 PI. hält. Auch 
ist hier eine eigene JMagazinsverwahung , welche die Versendung der Blätter an die übrigen 
inländischen Fabriken besorgt. Die Tabaksblälter , welche hier verarbeitet Nverden, kommen 
meistens aus Ungern , in geringerer Menge vom Aaslande , als russische , türkische und vir- 
ginische Blätter. 

d) Jüe Bernar-d'sche Fabrik zu Offenbach , die den ächten Marocco bereitet, liefert mit i2o 
Arbeitern täglich 60 — 80 Clr. Schnupftabak, und jährlich 3ooo Ctr. Carotten; die Rauch- 
tabaksfabrik , die grössten Theils amerikanische Blätter verarbeitet, lieferte in den Jahren 
1796—1800 jährlich 6—800,000 Pf. Tabak. S. H. A. L. Z. 1809. Nr. 227. S. 846. 

e) S. Polit. Jüurn. 1818. März. S. 284. 

§• 99- 
Zuckersied ereyen. 

Die Zuckersidcrejen oder Zacker r affiner ien gewinnen das wesentliche süsse 
Salz oder den Zucker aus dem ausgcpresstcn Safte des Zuckerrohrs , durch öfteres 
Einkoclicn oder Sieden, Reinigen, Abschäumen vuid Läutern, wobcy man Kalkwas- 
ser , Ochsenblut mid Eyerweiss zu Hülfe nimmt. Die meisten und besten dieser Siede- 
rcyen findet man in Deutschland j vornehndich zu Hamburg aj j in Holland bj und 
England cj ^ obgleich dieser Industriozweig, insonderheit m.ts Holland und Ham- 
burg betrifft, durch R.ivahtät anderer Nationen, durch die ehemaligou unglücklichen 
jjolitischen Verhältnisse und die Handelssperre einen mächtigen Stoss erlitten hat. 
Nächst den besagten Ländern bestehen die meisten Zuckersiedereyen in Spanien , 
Frankreich dj ^ Dänemark ej j Schweden fj ^ Preussen gj und Russland hj ■ sonst 
aber kommen dergleichen Industrieanlagen auch vor zu F^enedigj Ancona und an 
anderen Orten in Italien, zu Fiunie in Illyrien und zu Oedenburg in Ungern, welche 
letztere durch das Continenlalsystcm eingegangen, jetzt aber wieder im Betriebe ist. 

Während der Handelssperre sahen sich mehrere europäische Regierungen veran- 
lasst , zur AufEndung europäischer Ersatzmittel (Surrogate) des durch den widrigen 
Emfluss der politischen Verhältiiissse auf den Sechandel, immer theurer imd seltener 
gewordenen indischen Rohrzuckers, durch Aufmtmterimgen, Belohnmigen und Unter-- 
Stützungen anzueifern. Man fabricirte Zucker in Brandenburg, Scldesien, Böhmen, 
OsJerrcich imter der Enns und andern deutschen Ländern, dann in Frankreich , Russ- 
land, Warschau u. s. w. aus Runkelrüben ; in Spanien, Frankreich, Ungern und Öster- 
reich luiter der Enns aus TVeintrauben ; in der österreichischen Monarchie auch ans 
Maisstengeln und Aliortisaft ij , und hier und da vertrat auch der aus Birnen und 
Zwei seligen bereitete Svrup für tausend zufriedene Gaumen die Stelle des indischen 
Rohrzuckers. Bey dein mm wieder eingetretenen freycu Handel aber scheint, nach 
Hennbstädt s Behauptung, bloss der Runkelrübenzucke/' mit dem Rohi'zuckcr ijeslc- 



igo III- Industrielle l'roiliirlioD. §. loo Ölilfabn'caliou. 

hcn zu köiiiicn, so lan^e von diesem das Pfund nicht unter drej Groschen fäJlt j, 
und jener einheimische Zucker bloss auf dem Lande fabricirt wird. Die grössien 
Fortschritte macht die Bcreltmig des Runkelrüljenzuckers in Frankreich. Gegenwär^ 
ti<' sind daselljst zwanzii: Runkelrüben-Zui^kerfahriken im Betriebe k). 

a) Wo im Jahre 1740- 700, 1806: 433 Zuckersiedercyen ^varen ; jetzt bestehen daselbst, 
nach Galletti , 52i , nach Hock, 3oo , nach Fabii aber, nachdem viele Zuckersieder Ham- 
burg veriiessen und nach Pieussen, Rasslaiid u. s. vv. wanderton, oder andere Nahrungs- 
zweige ergriffen, kaum 4° — 5o. Ausserdem gibt es in Deutschland Zuckersicdereyen : zu 
fielen j T'f^icnerisch-Neusladt und Triesl ; zu Dresden; zu Berlin, Colin, Breslau und Hirsch- 
Berg; zu Cassel ; zu Oldenburg ; zu Uanocer , Haarburg und Buxtehude ; zu Rostock; zu 
Altana; zu Lübeck und Bremen. Über den gegenwärtigen Zustand der Zuckerfabrication in 
Deutschland, vorzüglich in Beziehung derRunkel- oder Zuckerrübe; von J. H. F. Lohmann. 
Magdeburg 1818. Vergl. J. A. L. Z. 1819. JSV. ii2. S 414 ff. 
i) Wo zu Dorlrecht i2 , zu Rolterdam ebenfalls 12 und zu Amsterdam 70 (vormals i2o) Zu- 
ckersiedereyen sind. Ausserdem gibt es deren zu Zw oll , Utrecht, und in den südliclicu 
Provin>,en zu Antwerpen, Gent, Brügge und Ostende. 
e) Wo bloss in London 60 — 70 Zuckersicdereyen sind ; sonst gibt es deren auch zu Lecerpool, 
ff^arrington und Newcasil ; dann zu Lcith , Glasgot^- , Grennk und Burnlisland in Schotlland, 
und zu Dublin in Irland. Im J. i8o5 wurden e.xportirt: 323'.453 Gtr. roher und 56o,45i Ctr, 
raffinirter Zucker. S. H. A. L. Z. 1811. Nr, 3o5. S. 534. Wälirend dfr Handelssperre ver- 
kaufte Grossbrilannien weniger Zucker, es kaufte aber dagegen auch weniger Getreide, da 
i jener zu Rum destillirt und sogar zum Mästen der Ochsen benutzt ward. S. Allg. Z. i8o9_ 
Nr. 254- Die Consumtion der Flotte au Rum, statt der französischen und Kornbranntweine , 
stieg seit der Blokade von 25o,ooo auf i,56o,ooo Gallons. 
d') Nahmentlicli zu Rouan , Harne de Gracc , Orleans ^ !Sanics , Angers, Rochelle, Bowdenux, 
Marseille u. a. a. O. 

e) Als zu Helsingoer , Aalborg, vornehndich aber zu Kopenhagen , wo es ;8 grosse Zucker- 
siedereyen mit 68 Pfannen gibt, die 52o Personen beschäftigen. 

f) Nahmentlicli zu Stockholm, Noirköping, Gotkenbnrg , Malmöeund Rünnebj- ; d.inn zu Dronl- 
heim in Norwegen. Im Ganzen zählt Schweden allein 33 Zuckersicdereyen mit 25o Arbei- 
tern. Bloss in den Stockholmer Zuckerraffinerien wird jährlich für mehr als 033, 000 Rthlr. 
Zucker, und in Gothenburg für mehr als 5o8,ooo Rthlr. erzeugt. 

g) Besonders zu Königsberg , Danzig und Elbing. In der ganzen preussischen Monarchie gab 
es im J. 1816 33 Zuckersiedercyen. 

K) Wo es jetzt an 48 Zuckersiedereyen (1804 nur 7) gibt , und wo man damit so weit gekom- 
men ist, dass die Einführe des raffmirten Zuckers verbothen ist. S. Allg. Z. i8i5. Nr. 278. 
S. ri2o. Vergl. Österr. priv. W. Z. i8j4- 240. S. 963. 

i) Im J. 1811 betrug die Erzeugung des Ahoruzuckcrs i2oo Ctr. , und Runkelrüben-Zucker- 
fabriken gab es in Böhmen allein 8. 

k) S. Beyl. z. A. Z. 1820. S. 36a 

§. lOO. 
O li 1 f a b r i c a t i o n. 

Es gibt überhaupt zwcyerJey Oehl: ätherisches oder ßüchtiges und Jettes. Jenes 
gewinnt man durch Destillation aus stark riechenden Pflanzen und Samen, z. B. Rosen, 
Nelken, Zimint, Rosmarin, Thymian, Jasmin, Lavendel, Pomeranzen- und Citronen- 
schalen,, Anis u. s. w.; da^ feile ühl hingegen gewinnt maii durch Auspressea^ aus 



ni. Indaslrielle Produclion. §. lOi. Arbcitrn in Holt. inj 

dem Lein-, Hanf-, Rüb-, Älohn- und andern Pflanzcnsamen. Man bedient sich dazu 
gewöhnlich der Oehlmülüen , die mit Hämmern oder Stampfen versehen sind, imd de- 
ren es insonderheit in den Niederlanden j Spanien _, Frankreich j Italien j DeutscJi- 
land j Ungern _, Galizien und Russland eine grosse Menge gibt. — Die flüchtigen 
Öhle, mit deren Bereiimig sich vorzügUch die Franzosen j Italiener und Osmanen 
beschäftigen, ])raucht man besonders zum Parfiimiren^ Mit Weingeist vermischt, ge- 
ben sie die wohlriechenden TVasser j die alisonderlich häufig, gut und mannigfakig 
in den Parfümofficinen zu Paris j Grace j Avignon und Montpelier aj in Frankreich, 
imd zu Nizza j Florenz und Born in Itahen bereitet werden , und durch ihre häufige 
und weite Versendung einen sehr cinträghchen Artikel für die besagten Städte aus- 
maclien. Ausserdem werden auch in Wien mannigfahige und gute Parfiimeriewaaren 
erzeugt; nur die d.Tzu nöthigen Bestaadlbeile, besonders die verschiedenen Aromata 
müssen meist vom Auslande bezogen werden. In Colin beschäftigen sich mit Präpari- 
rung des unter dem Nahmen feau de Cologne bekannten Iliechwassei-s, über 40 Fa- 
bricantcn, die jährlich mehrere Millionen Flaschen davon fabriciren und versenden, 
ü) Wo eine Oflicin im J. 1806 an 116 verschiedenen Artikeln von wohlriechenden Wassern, 
Essenzen , Salben , Pomaden u. s. w. lieferte. 

g. 101. 
Arbeiten in Holz. 
Aus den verschiedenen Holzarten werden SchifTc imd andere Fahrzeuge, Ge- 
räthschaftcn unzähliger Art, musikalische Instrumente, Spielzeuge und andere Waa- 
rcn gemacht. — Die grösste der Künste, welche den menschlichen Geist und des 
Menschen Hand je beschäftigte, und die getrennten Theile der Erde wieder zu ei- 
nem Ganzen vereinigte — die Schiß haukunst — hat die grössten Forlschritte in Frank- 
reich aJ und Dänemark bj _, näclistdem in Grossbritannien und Holland cj ge- 
macht j am stärksten aber wird der Schiffbau nicht nur in den gedachten Ländern , 
sondern auch in Schweden _, Russland j Deutschland j F eue di g wnA Dnlmatien be- 
trieben. — Für Wagner- und Tischlerarbeiten zugleich, oder wenigstens für einen 
dieser Zweige des Kunstflcisses, findet die Industrie vornehndich Stall 7a\ London dj j 
Paris ej j Wien fj , Berlin j Neuwied , Offenbach gj j Mailand^ Brüssels St. Pe- 
tersburg und Stockholm. — >'ortn^n'iiclie Fortepiano s verfertigen die Clavicrmacher 
in TFierij deren Arbeiten an Solidität, Schönheit der P\)rm und Wohlfeilheit die be- 
sten Pariser,, Londoner imd Kopenhagner ülierlrcflen, und nach einem grossen Theil 
Europa's verführt werden ; besonders sind sie auf den Leipzigermessen ein sehr ge- 
suchler Artikel ; daher auch in dieser Handelsstadt mehrere Verschlcissmagazine von 
allen Galtungen Wiener-Fortepiano's angelegt sind. Nicht minder beliebt und gesucht 
sind die in Wien in sehr grosser Anzahl verfertigten Guitaren. Im J. 1812 wurden 
mcbrcre hundert Dutzend nach Deutschland, besonders Frankfurt am Main ver- 
sendet. Musikalische Instrumente anderer Art liefert ebenfalls Wien in Menge und zu 
billigen Preisen, so wie Prag j Graslitz und Tachau in Böhmen, Mittenwalde in 
Baiern, Klingenthal und Neukirchen in Sachsen, Creniona in Italien u. s. w. — Die 
meisten Schnitz- und Di'cchslerarbeiten j die weil und breit verkauft werden, erzeugt 



jg, Iir, ladustrielle ProcJiicIion. § loi Arhaldi in Höh. 

Berchtesgade.n hj ; näcLsldom TVien ^ Eiunlnirg , Niiriiherg, Geislingen ^ das Crod- 
nerthal in Tyrol , die FicJitaii bey Gnmndi?n in Östeneich ob der Enns und andcro 
Gcgeudeu Deutschlands , so wie Neufchatel und das Haslithal in der Schweiz , und 
Tunbridge- Wells in England. — In der Verfertigung hölzerner UJiren haben es am 
weilcstcn gebracht die Uhrmaoher im Schwarzwalde zwischen Triherg, Neustatt und 
Wuldkirch. Im J. i683 ward auf diesem rauhen Gebirgslande die erste hölzerne Uhr 
verfertiget, woraus in der Folge ein höchst wichtiger Erwerbs- imd Handelszweig ent- 
standen ist. Es befinden sich daselbst 688 eigentliche Ulirmacher, yS Vorarbeiter, 
als Gestell-, Ziffer- und Instrumentmacher, 127 Nebenarbeiler, als Schildmacher 
11. dgl. , und endlich 582 Händler. Jährlich werden mehr als 107,300 Stück Holzuhrcn 
(im Werlh von mehr als 321,000 fl.) gemacht, Avelche in und ausser Europa Absatz 
finden. Die einfachen kosten nur 5o Kr., etwa 12 Gr. — TonnenwwA Ftisser im\.lii\&x 
Maschinen werden gemacht in Grossbrilannien und neuerlich auch in Frankreich. Zu 
Port-Dundas in Schottland besteht eine solche Fabrik, in der 12 — 15 Arbeiter täglich 
mehr als 600 Tonnen und Fässer von verschiedenen Dimensionen verfertigen, die je- 
doch nicht sehr genau sind, und also vorzüglich nur da gebraucht werden können, 
wo diese Genauigkeit eben nicht nothwendig ist, als z. B. zur Versendung des Zuckers, 
des Kaffehs, der Gewürze und anderer Materiahvaaren , bey denen kein Visiren der 
Fässer Statt findet , sondern wo man bloss auf das Gewicht Rücksicht ninunt. Diese 
Tonnen und Fässer werden zum Theil nach Nordamerika verschickt, wo sie aber erst 
zusammengesetzt und mit Reifen versehen werden. — Die meisten Holzscltuhe wer- 
den in Frankreich {Sabots hier genannt) ij , in Jütland k) , Westphalen und Böhmen, 
die meisten Flaschen ("TschutterJ von Ahornholz zu Kronstadt in Siebenbürgen, und 
die meisten hölzernen Häuser in Russland und im Vorarlbergischen gemacht. In 
jenem Lande findet man solche Häuser auf den Märkten ganz fertig zum Verkauf; 
in diesem werden die hölzernen Häuser, Alphülten u.dgl. im Winter auf Schlitten 
nach Bregenz geschafft. Von da gehen aie im FriÜiling zu Schillo über Stein, Schaff- 
hausen u. s. w. nach der Schweiz. 

a) Die BriUen freuen sich der Eroberung eines französischen Sthifl'es, insonderheit aus dem 
Grunde, weil sie fast gewiss sind, ein besseres Schiff zu bekommen, als sie selbst es zu 
bauen im Stande sind. S. Norrmann a. a. O. S. 55i ff. 

b) S. Österr. Beobachter. i8i5. Nr. 6g, wo die Nachricht vorkommt: die Schiffbauart werde 
in England noch nicht mit so viel wissenschaftlichen Kenntnissen und praktischen Erfah- 
rungen ausgeübt, als in Frankreich und t)äneinark. 

c) Holland, wo zu Zaandani oder Zaardam Peter der Grosse die SchiflFbaukunst lernte, hat 
davon ein Beyspicl gegeben , dass der Bau der Schiffe zum Verkauf , zum Gegenstände ei- 
nes Gewerbes für ein Land werden kann, dessen eigener Boden nicht Ein Materiale für 
den Schiffbau in einigem Vorrathe liefert. 

d) EnifHsche Wagen rollen in Ostindien , auf St. Domingo und auf den Strassen der mexica- 
nischen Städte in einer Höhe von 2700 Meters über dem Meere, obgleich Neuspanien selbst 
schöne Wagenfabriken besitzt. Vor dem Kriege trug dieser Zweig der Industrie jährlich 
über 1 Mill. Pf St. ein. 

e) Im J. i8i2 sind die Holzmöbelarbeiten für Frankreich ein Gegenstand von ig Mill. Fn 
gewesen; jene von Kutschen und Wagen allein 11 Mill. Fr. S. Allgem. geograph. Ephem. 
jBiS. S. 233. 



III. luduslrielle Producliou. ^ lOI. PoUascliesicdtrf_T(.'D ; Bcreiluag Jir Soda etc. igS 

/■) Es führt jährlich für 5 — 600,000 fl. Kutschen uiicl Wagen , und für 180 — 200,000 fl. Tisch- 
Icrwaaren aus. Ganze SchiffL' \oll Mobelarbciten worden nach Un^^ern transporlirt , soge- 
nannte Secretar-Schreibtisclie werden selbst nach Polen versendet, und ChalouUen finden 
einen ganz vorzügllclien Absatz in der Tüihey. Im J. 1811 waren in H^ien niit Einschluss 
der Vorstädte 270 Tischlermeister, mit 719 Gesclk'n und 4o5 Lehrjungen, dann 460 be- 
fugte Tischler. 
g) Die dasige WagenHibrik unterhält 45 Schmiede und Schlosser, 14 Kastenschreiner, 14 Gc- 
stellmacll^r^ 14 Lackirer und Anstreicher, i2 Sattler, 4 Riemer, 6 Gürtler und Plattirer. 
^ S. H". A. L. Z. i8i3. 173. S. 546 ff. 

h) jVIan erstaunt über den ausserordentlich geringen Preis , für den die Berchlesgadncr Ilolz- 
waaren au d'ui Erzeugungsorte \ erkauft werden. Dem von Hrn. Schuhes in seiner Reise 
auf den Glöckner Bd. 4 S. 76 gelieferten, 8 Seiten starken Berchtesgadner Holzwaarcn- 
Prciscourant zu Folge, erhält man in diesem betriebsamen Ländchen z. B. 

10 Dutzend Tanzdocken für 1 fl. 

20 — Nadelbüchsen Kr, j für 1 — 

2o — Grillenhäiischen für 1 — 

20 — gemalle Tischchen für 'i . — 

20 — Wiegen mit Kindlein für ....iv.-;-»! — 

2o Guckguck für 1 — 

60 Posthörnchen für 1 — 

i) Der Sabols bedient man sich in Fra/ikrtich a\if dem flachen Lande sowohl, als anderwärts, 
häufiger als je. Hr. Hei;ner ist der Meinung, eine so schwere Bekleidung mache den Fuss 
gelcnksamer und leichter , den Schritt selbst gleichförmiger und sicherer; wie denn einer 
der ersten Pariser Operntänzor ihn versicherte, dass er den ganzen Tag in solchen Holz- 
schuhen herumgehe, wenn er Abends eine wichtige Rolle im Ballet zu tanzen habe, und 
seinen Fuss alsdann noch cinmahl so leicht fühle. 
l) Wo sich, nach Hrn. Niemann, von Verfertigung von Hülzschuhen (/fo/jr/ie« hier genannt) 
4400 Personen nähren, und damit jährlich wenigstens i2o,ooo Tlilr. verdienen. 

§. 102. 
Pottasche siedereyen; Bereitung der Soda und des sogenannten Kel'p. 

Die goineine Pottasche gewinnt man durch Auslangen der Holzasche, Einkochen 
der Lauge oder des salzigen Wassers, und Ausglühen des aus der Lauge gewonnenen 
rohen Products, aiu meisten in Deutschland j Ungern j Galizien und der Buko%vina, 
Ost- uwA Westpreussen j, Polen j Russland ^ Schweden und Norwegen ; daher viele 
Oslsceslädte einen sehr heträchthclien Handel mit Pottasche nach England j Holland 
Franki-eicJi treihen. Man braucht dieses vcgctahilischc Laugensalz vorzüglich zur Be- 
Ircihung der Glashi'itten , der Blaufarhcnwerke, der Seifensiedcrcyen, Bleichen, Fär- 
hereyen u. s. w. — Die ^SoJ« oder das mineralische Laugensalz ist ursprünglich in aus- 
geirocknelen Morasten und verschiedenen Seen befindlich (s. oben§. gi.) ; allein es wird 
auch ans verschiedenen Salzkräutern, die am mittelländischen Meere, theils wild wach- 
sen, thcils absichtlich gesäet werden, bereitet. DiePflanzen werden ausgezogen, getrock- 
net, auf eiaen Rost gelegt und verbrannt, wobey die Asche, wie geschmolzenes Glas, in 
die darunter i)cfindlichcn Gruben fliesst luid erhärtet. Mit Gewinnung dieser Soda be- 
schäfligt^iah sich in Spanien und Sicilien. Die spanische ist besser als die siciliani- 
sche, und die beste spanische Soda ist unter dem Nahmen BariUe bekannt. ALicante 

25 



igi Ilt liilii-tiiiUi; Piodiicliüu §. lOJ. VerscliicJeut; anJeie Manufaclurcn , clc. 

und Carthagena fiiiuca davon jährlich i5o,ooo Clr., Sicilien go,ooo Canlara (= 225,ooo 
Ctr.) aus. — Die Bereitung des sogenannlen Kelp ^ eines trefflichen Surrogats der 
Pottasche , welche in England zu dem ^ erLraucli in seinen Älanufacturcn nicht hin- 
reichend fabricirt werden kann, ist eine für das schottische Hochland j so wie auch 
für die Insel Mull und die übrigen Hebriden und Orkaden j wichtige Fabrication. Sie 
geschieht an allen Seeküsten, wo dviS Seemoos (fucus Lin.) , woraus der Kein durch 
das Verbrennen im Ofen gewonnen wird, wäclisl. Diese Fabrication beschäftigt viele 
Menschen aus den ärmsten Classen , und verschafft da , wo 3oo Tonnen Kelp verferti- 
get werden, 200 Menschen ihren Unterhalt, 

§. io3. 

Verschiedene andere Manufacturen, die ihren Stoff aus dem Pflanzen- 
reiche nehmen. 

Unter den übrigen Manufacturen, die Stoffe aus dem Pflanzenreiche verarbeiten, 
sind noch einer Erwähnung werth : 1) die TVaidindigofahvikemw TuulousexwYvAvik- 
reich, zu Turin und Florenz in Italien, zu Plan in Böhmen, zu JSeudietendorf zwi- 
schen Gotha und Erfurt, und zu Käsmark in Ungern ; 2) die Krappfabriken j vor- 
nehmlich in der Türkey imd in Holland, wo bloss Rotterdam Insonderheit nach Russ- 
land, Deutschland und der Schweiz jährlich 7 — 10,000 Fass (a 1000 Pf.) Krapp für 
2-5 Mill. fl. versendet; 3) die Bereitung des Cudhear ^ eines Farbmaterials aus F'Iecht- 
arten zu Leverpool m England und zu Glasgow in Schottland, an welchem letztern 
Orte die Fabrication dieses Farbmatcrials so bedeutend ist, dass der Verb rauch des 
dazu nölhigcn Urins täglich auf mehr als 2000 Gallons steigt, und jährlich über 800 
Pf. St. kostet. Da man das Moos von den inländischen Felsen schon verbraucht hat: so 
lässt man nvui schwedisches Moos in grossen Schiffsladungen nach Glasgow kommen a). 
— 4) Die Stroldiutmanufacturen j die ein Material in Tonnen Goldes verwandeln^ 
das sonst auf dem Düngerhaufen verfault. Dieser Industriezweig wird am stärksten in 
Italien b) _, in der Schweiz c)j in Frankreich und Deutschland d) j vornehndich in 
Oesterreich unter der Enns e) _, in Böhmen J) tuid Sachsen g) betrieben. — 5) Die 
Bereitung der C/tokolate j eines sehr nahrhaften und stärkenden Getränkes, das die 
Spanier zuerst bey den Mexicanern kennen lernten. Es wird nicht nur in Spanien ^ 
sondern auch in Italien^ Deutscldand und andern Ländern verfertigt. Berühmte Cho- 
kolalciiibriken hat Mailand und IVien; in letzterer Stadt zählt man bey 40 Choko- 
latemachcr, deren Erzeugniss, so wie die Mayländcr Ghokolate, weit und breit ver- 
fidirl wird. — 6) Endlich die Cichorien-Kaffehfabriken ^ vorzüglich zu Hanover ^ 
Braunschweig j Magdeburg j, Berlin j Potsdam, Prag j TVien j, und in andern deut- 
schen Gegenden. Der Cichorienkaffeh hat imter allen Kaffehsurrogaten den allermei- 
sten ßeyfall gefunden , und solchen seinen Arzeneykräften und der Empfeldung einer 
Dame zu danken, dalicr er auch Damenkaffeh genannt wird. Indessen fehlt es auch 
dem Cichorienkaffeh .in dem aromatischen Ohle, das den Bohnen des indischen Kaf- 
fehs vor der Brühe von etlichen 40 bis 5o Kaffehsurrogaten, mit deren Ber(^ung man 
sich während der Seespcrre beschäftigte^ einen so wesentlichen Vorzug gibt. Der äch- 



III. Indusliiclle Productlun. §. 104. WulleniiMiiut'.icturiu. q5j 

te KafTeh ist ein freylicli enlbehrlichcs, luid dem europäischen Continent viele IMillio- 
nen Gulden kostendes, aber von ganzen, grossen Nationen, Menschenalter hindurch, 
ohne deutlich sich ergehenden Nachtheil, genossenes Ermiintcrungs- und Stärkungs- 
mittel, ob ihn gleich so mancher Arzt gerade für Gift erklärt. Das KafTehtrinken ist 
jetzt selbst in England häufiger, und hat auch seit der Rückkehr der Armeen in al- 
len Pro\inzen lliisslcinds sc\iv zugenommen. Es darf also um so weniger befremden, 
wenn der Kaffch wenig in seinem Preise weicht, da in den letzten Jahren so viele 
Kaffehpflanzungen zerstört worden oder eingegangen sind. Gleichwohl ist die Fabri- 
calion des Cichorienkafl'ehs und anderer Kaffehsiu'rogate , seitdem das Meer für die 
J2in führe des ädiien Kaffehs wieder offen ist, nicht mehr so bedcuLend , als sie es 
während der Handelssperre war. 

a) S. H. A. L. Z. 1811. Nr. 3o6. S. 642 ff. 

6) Vornehmlich zu Florenz, Bassano , Mailand 11. a. a. O. Aus Toscana allein werden jährlich 
für 1 800,000 Fr. Strolihüte ausgefdlnt. 

c) Wo die Strohflecliterey im Canton Frrjburg so einträglich ist, dass sie \\e\c tausend Fran- 
ken in's Land zieht. 

d) Unter den von 1794 — 1804 in England eingeführten 65,i33r Dutzend Strohhüten waren 
32,g86^ Dutzend aus flew/ic/i/flnrf gekommen. Dieser Industriozweig fehlt also dem übrigens 
indastriereichen England. S. Götting. gel. Anz. i8i5. St. 38. S. 371. 

«) Wo in und um IVien dieser Industrieartikel 22 Fabriken beschäftigt. Das Stroh (zu Ver- 
fertigung der Hüte nach Florentinerart) zu diesen Geflechten , welches die Italiener aus ei- 
ner besondern Gattung Weitzen (^Marzzolo) erhalten , war man bis jetzt aus Italien zu be- 
ziehen genölhigt. Vielfältige Versuche haben endlich gezeigt, dass man auch aus dem go- 
^vöhnlichen einheimischen Roggenstroh feine Geflechte erzeugen , und Strohhüte hieraus 
verfertigen kann , welche den ächten Florentinerhüten nicht weit nachstehen. Am meisten 
werden aber hier noch immer die aus Schireizergeflechlen zusammengenähten Hüte ^ erfer- 
tigt, weil diese im Preise viel wohlfeiler geliefert werden können. Seit einigen Jahren ver- 
fertiget man in It^ien auch sehr geschmack\olle Bouquete von Stroh. 

J) \ornehmlich zu Prag, Leulmeritz und Lobendau unweit Rumhurg. 

g) Hauptsächlich in den Dörfern um Dresden und am Fusse des Erzgebirges. Erwachsene und 
Kinder fabriciren da, sobald die Feldarbeiten gethan sind, aus Stroh nicht bloss die ge- 
wöhnliche Strohwaare, sondern aucli Vasen , Kästchen, Tafelaufsätze, Blumen und Blu- 
menkörbe , die nichts zu wünschen übrig lassen. Man sieht Blumen von ihnen mit einem 
Glänze und einer Richtigkeit der Farben, welche den besten künstlichen italienischen Blu- 
men (von Seide) den Rang abgewinnen. 

b) IManufacturen zur Verarbeitung der rohen Stoffe aus demThierreiche. 

§• 104. 
W ollenmanufacturen. 

Unter den Manufacturen, welche Materialien aus dem Thierreiche veredeln, sind 
die wichtigsten die yirbeiten m TVolle. Der Gebrauch dieses x'lriikels ist zwar heuti- 
ges Tages in Europa nicht mehr so ausgedehnt, als er es im sechzehnten, und noch 
mehr im fünfzehnten Jahrhunderte war, wo selbst die Hemden der meisten Menschen 
aus Wolle bestanden. Denn Leinwand war fiir den gemeinen Gebrauch noch so kost- 
bar und selten in manchen Landern, dass z. B. die (jcmahlinn Carls VIL von Fraiik- 

25* 



jg6 III. luJiistric'le Prodiiclinn. §. 104. Wull' nnnmufarturcn. 

reich damals die einzige Person in Frankreich gewesen seyn seil, die zwcy Hemden 
von Leinwand gehabt habe aj. Der Gebrauch der Wolle ward beschränkt durch die 
Verbreitung der Seide (s, oben §. 65), vornehmlich al)er durch die starke Einführung 
der Baumwolle j und ihre Verarbeitung zu fast unzahligen Artikeln. Indessen sind die 
WoUennianuflicturen in Europa auch noch gegenwärtig von ausgezeichneter Wichtig- 
keit. Die meisten und besten sind unstreitig in England hj ^ Frankreich cj , den 
Niederlanden und Deutschland. Zwar werden einzelne Arten derselben, zum Theil 
mit trefflichem Erfolge, in verschiedenen andern Ländern betrieben; allein sie sind 
bey weitem nicht hinlänglich zur Versorgung ilires eigenen Landes, oder stehen jenen 
auch in manchen Arbeiten nach. 

Die feinsten Tilcher und Casimire werden, theilsmanufacturmässig, theilshand- 
werksmässig , verfertigt: in England, vornehmlich in den Provinzen Sommersetj TVdt^ 
Gloucester und Dorset; in Frankreich , besonders zu Paris (draps des Gobelins und 
Julienne), Sedan j Louviers j Abbeville _, Chateauroux ., Elbeuf und Cahors ; in den 
Niederlanden , und zwar in den südlichen Provinzen : zu Löwen ^ Lattich _, F^ervierSt 
Hodimont wnA Limburg ; in den nörAYiclxen: zw LejdeUj Tilburg und Utrecht- in 
Deutschland, vornehmlich in Oesterreiclis deutschen Provinzen, nahmenllich in AL'ih- 
ren djj Böhmen ejj Schlesien f) und Kärnthen gj ; dann in Preussens deutschen Pro- 
vinzen, nahmenllich in der l?io\hiz Niederrhein hjj in Scidesienijj BrandciihurgkJ 
und Sachsen Ij ; ferner im Königreiche Sachsen mj und in verschiedenen Districtcn 
von Schwaben mid Franken. Die schöne schwarze Farbe, die sonst dem französi- 
schen Tuche von Sedan vor allein übrigen den Vorzug gab, hat man nun avich in 
Cloucestershire in England, zu Lejden und Liittich in den Niederlanden und in 
einigen deutschen Fabriken , z. B. zu Brunn in Mähren, Victring in Kärnthen u. s. w. 
bereiten gelernt tmd zu solcher Vollkonmienheit gebracht, dass die schwarzen Tücher 
dieser Länder von den französischen nicht zu unterscheiden sind. Das Scharlach der 
französischen Gobelinstücher hat man indess noch nicht völlig nachmachen können, 
obgleich Lejden und Gloucester ebenfalls geschätztes, scharlachrolhes Tuch liefern, 
und zwar der letztere 0;t in solcher Menge, dass jährlich für mehr als i Mill. Pf. St. 
davon ausgefülirt wird. Vorzüglich schöne weisse Tücher werden zu Namiest in Mäh- 
ren und in Glouceslersliire verfertigt. 

fl) S. GreUmanns Historisch-stalistischcs Handliuch a. a. O. S. i3q ff. 

b) Der Werlh der sämmtlichon briuischon Wollenfabrication botragt 16 — 18 Mill. Pf. St., 

und die Zalil der Arbeiter in Wolle steigt auf 440)000 bis 5oo-,ooo Personen. Indessen sind 

die Engländer in der Wollenfabrication zu abhängig vom ersten Product, das sie in bester 

Qualität und grosser Quantitataus der Fremde, und nahinentlich auch aus Österreich, beziehen. 

e) Es verarbeitet an roher Schafwolle jährlicii für 36 JMill. il. und erzeugt daraus für beynahe 

go Mill. 11. Waare; an Veredlung fremder Wolle gewiimt es q Mill. fl. 
d) Mähren, ßühinea und Schlesien sind der Hauptsitz der österreichischen Wollenmanufacfu- 
ren. Erstere Pro^ inz aber liefert die meiste feine Waare in 5o Tuch- und Casimirfabriken , 
wovon auf Brunn allein i6 kommen. Feintücher aus Mähren treten in unmittelbare Con- 
currenz mit den niederländischen und sächsischen, welche das englische Feintuch schon 
grössten Theils von der Leipziger JMesse verdrängt haben. Auch gehen feine mährische Tü- 
cher unter dem Nahmen und mit der Stickerey ürap de Louciers nach Italien. Doch liefert 
Mähren noch weit mehr gröbere Waare durch die zahlreiclien Tuchmacher seiner Land- 



III. ludii-frielle Production. §. io5- Wullenmannfaclnrcn. Forlscizun«. in« 

slädle, im Ganzen 1 10,000 St. zu 47 Mill. fl. , walirend die Production an foincn Tiiclirrn 
auf 20,000 St. zu 3 — 4 Mill. fl. , und an Casimiren auf 2o, 000 St. zu i,2oo,ooo fl. ge- 
schätzt wird. 

f) Es liefert durch seine zahlreichen Tuchmachermeister und in 25 förmlichen Tuchfabriken 
mehr mittelfeine Waare. Am stärksten wird die Tuchmacherey zu Reichenberg betrieben. 
Es sind daselbst zwey Fabriken und 900 Tuchmarhermeister, deren jeder zugleich Färber 
ist, mit 600 Gesellen und 200 Lelirjungcn. Man kann annehmen, dass in den 10 Jahren 
vor 1810 im Durchschnitte jährlich 40— 5o,ooo Stück Tücher verfertiget wurden, deren Ab- 
sätze , ausser den österreichischen Provinzen, noch die Tüikej , Jlalie/ij Dculschland , die 
Schweiz , Dänemark , Polen und Russland geöffnet \varen. Aber seit 1810 verloren die hie- 
sigen Tuchmanufacturen durch die Einfuhrverbothe mehrerer der genannten Länder, bis 
endlich beym eingelrelcnen Frieden einige dieser Absatzörter wieder geöffnet wurden. — 
Die zu AU-Habendorf , nahe bey der Stadt Reichenberg , befindliche Berger sehe Tuchfabrik 
liefert so gute und schöne Waaren , dass sie in jeder Hinsicht die Concurrcnz mit den nie- 
derländischen Tüchern aushalten. 

/) Es hat drey Feintuch- und Casimirfabrikeft , nahmenllirh zu Troppau , Teschen und Biclilz; 
ausserdem noch sehr viele Tuchmacher. Im J. löog halle BieliLz deren goo , Schwarzwas- 
ser 5oo , Teschen 200, Troppau i4o u. s. w. 

g) Es besitzt zwey, durch ihre vorzügliche Einrichtung und Führung ausgezeichnete Fein- 
luchfabriken, nahmentlich zu Viclring und Klagenfurl , deren Fabricate an die besten eng- 
lischen und französischen Tücher sich reihen, und grossen Absatz in das Aualand haben. 

Ä) Wo zu Aachen t Burt scheid ^ Slollberg, l\Ionljoie , Iingenbruch , Eupen , Malmedj , Düren 
und Heinsberg die feinsten Tücher und Casimire in der preussischen Monarchie \erfertiget 
werden. Zwey dieser Fabrikorte, nahmentlich Mo/iljoie und Eupen, haben jeder 5o Tuch- 
fabriken, davon zu Monljoie 8 — 10, zu Eupen 20 grosse. An dem letzteren Orte wurden im 
J. 1810 fabricirt: 7000 Stück feine Tücher, 48,000 St. sogenannte Serailtücher, i2,5oo St. 
Casimire und 1800 St. Halbtücher. 

1) Besonders zu Breslau , Goldberg, Grünberg , Göriilz und Laub an , welche beyde letztere Fa- 
brikstädte eigentlich in dem preussischen Theile der Überlausitz liegen, der jetzt ein Be- 
standtheil der Provinz Schlesien ist. 

A) Vornehmlich zu Berlin, Brandenburg , Luckeni^-alde , ZülUchau , Crossen, Schwlehus und 
Coltbiii. 

l) Zu Magdeburg , Burg, Barby , Langensalze , Naumburg und Zeitz. 

iri) Vornehmlich zu Krimmilschau , Penig, Rochlitz , Bautzen , Zittau u. 5, w. 

§. io5- 

Fortsetzung. 

Wollene Tapeten oder Teppiclie mit Figuren von natürlicher Grösse nnd F;iiJ)e, 
Gruppen aller Art, Landschaften u.di;!., die höchste Stufe der Weberkunsl, liefen i^a/Vj: 
nocli innner von unvergleichbarer Schönheit unter dem Nahmen der Tapeten der Go~ 
belins aj ; nächst diesen werden die schönsten Tapeten zu Beanvaix in Frankreich, 
zu Antwerpen j Oudenarde und Doür?iik in den Niederlanden, zu IFilton und Kid- 
derminster in England und in der kaiserlichen Wollenzeugfahrik zu Linz in Öster- 
reich oh der Enns verfertiget. Ausserdem verdienen hier eine nahmentliche Auszeich- 
nung die tiirkiscJien Teppiche, und die von Peter dem Grossen 171g in St. Peters- 
burg j nach dem Musler der Gobelins von französischen Meislern, angelegte Tapclea- 



iq8 III. lüdustriflle Produclion. §. jo5. Wolleumanufacturcn. Foilsctzung. 

nianufactur^ welche jetzt nur geborne Russen zu Arbeitern hat, aus deren Händen in 
der vollkommensten aller Webereyen treiriiche Stücke hervorgehen. Gemeine Wollen- 
tcppichc werden in Tjrol in Menge verfertigt, und fast in allen Hauptstädten unsers 
Erdiheils von hausirenden Tyrolern angebothen; sonst aber wird dieser Wollenarli- 
kcl auch zw Auerbach und Nördlingen in Baiern, in Russland luid in andern Län- 
dern gewebt. 

In der Fabrication der Sliawls ^ deren Gebrauch in Europa erst seit der franzö- 
sisch-ägyptischen Expedition, also ungefähr seit dem Ende des letzten Jahrhunderts, 
allgemeiner geworden, sind unerreichbar die Hindus \n Kaschemir und die Osmanen. 
Von den türkischen kostet manches Stück über 400 Piaster; jene hingegen, die aus 
Kaschemir konmien , und aus Haaren einer thihetanischen oder kaschemir selten 
Ziegenart, nach andern aus tJiihetanischer Schafwolle, bereitet werden, sind für 10 
— 12,000 Piaster kaum zu liaben. Sie übertreffen an Zartheit des Gewebes undAnmuth 
der Farben alle iibrigcn, selbst die türkischen, obgleich auch diese zwey bis drey 
Mal so gross, als die bey uns gewöhnlichen, und so fein sind, dass mau sie zwi- 
schen zwey hohle Hände bringen kann. Indessen macht man sie seit mehreren Jahren 
zu JSorwich in England, zu Rheims in Frankreich und zu Wien in Österreich, und 
zwar an dem letzteren Orte so täuschend nach, dass die daselbst aus feiner inländi- 
scher Wolle ver'i. .igten Shawls auf der Leipziger Michaclismesse 1818, wegen ihrer 
grössern Ähnlichkeit mit den tiii-kischen _, den J^ranzösischeti und eng/ische?i \orgc- 
zogen wurden. 

Die meisten wollenen Zeuge von grosser Mannigfiiliigkeit werden in England ge- 
webt, besonders in der Gegend von Haüifax in Yorkshire, zu Norwich in Norfolk- 
shire, in einigen Gegenden von Lancashire und zix Kendal in Westmoreland, des- 
gleichen in Frankreich , nahmeuilich in den eh eniahliiren Provinzen i^/rtf«r/e/vz_, Cliam- 
pagne j, Dauphine _, Languedoc und AormandiCj in den Niederlanden, besonders 
zu Brüssel und Doornik _, in Deutschland, vornehmlich in den Königreichen Sac/isen_, 
Baiern j, JVürtemberg und Hanover _, im Mecklenburgischen _, in den prcussischen 
Provinzen Sachsen j Schlesien und Brandenburg _, und in den österreichischen Pro- 
vinzen Böhmen j Mähren _, Schlesien j Krain und Oesterreich ob der Enns j in wel- 
cher letzteren Provinz die k. k. ^Vollenzeugflilirik zu Linz die grössie Anlage der Art 
in Deutschland ist. Sie verarbeitet jährlich id)er 5ooo Ctr. ^\^olle, und beschäftigt im 
Ganzen mehr als 22,000 Menschen, davon bloss in Linz und der Umgegend über 7000. 
Auch hat diese Fabrik nicht nur hohe Vorzüge in der Farbe und Appretur, sondern 
auch der feine Geschmack, die sorgsame Sortirimg der \Volle haben ihre Erzeugnisse 
sogar auf der Leipziger Messe berühmt gemacht. 

Die Strumpfwirkerey j und zwar häufig zugleich mit Anwendung auch auf an- 
dere Kleidungsartikel, als Mützen _, 1 Festen, Handschuhe und Beinkleiderzeuge j 
ist ein wichtiges Gewerbe in England, besonders zu Leicester _, Aottiiigham , Hinklcjj 
Norwich nnd Kendal ^ dessgleichenzu^Z>e/Y/een in Schottland und zn fltri in Frank- 
reich , so wie in mehreren deutschen Ländern , obgleich gegen ehemals sehr vermin* 
den, doch noch ziemlich bedeutend in den Königreichen Sachsen j Bniern imd W ür- 
temberg j, in den österreichischen Provinzen Böhmen, Mähren^ Oesterreich ob der 



III. ludusliiclle l'roduction. § 106. Wolleaiiianufacturcn Foitseiiiiny. in,. 

Enns und KraiHj in den preussisclien Provinzen Cleve-Befg _, Sclilesieii und Sachsen^ 
endlich in dem Grosshcrzogiluiine IFeimaVj wo die Stadt Jpokla bisher die grössle 
Strunipfmaiiufaclur in Dctifschland , ja wohl in ganz Europa hatte, aus weleher noch 
im Anlange dieses Jaliihunderts jahrlich, mit Inbegriff dessen, was von benachbarten 
Dorfschaiten, als Product des \Vinters bey ruhender Feldarbeit, dazu geliefert ward, 
gegen 53,000 Dutzend Paar Strümpfe versendet wurden. Allein im J. i8l2 halle die- 
ser Industriezweig so abgenommen, dass von 273 Meislern mit 71 Gesellen nur noch 
25,000 Dutzend wollene, halbwollene und l)aumwollene Strümpfe geliefert wurden. 
— Vor dem letzten Viertel des iß. Jahrhunderts trug der grössere Theil von IMen- 
schcn in Europa niu- Strümpfe, die aus geschnittenem Xew^e zusainiiieiigenäliet ^ und 
bloss vornehmere Volksclassen mochten solche haben, die gestrickt waren, bis TVil- 
liamLeCj Magister in Cambrigde ^ l58g die bewunderungswürdige, aus mehr als 
driuhalb tausend Theilen zusammengesetzte, Maschine und Kunsl erfand, Strümpfe 
zu wirken. 

a) Eines PallastPS zu Paris, den Colbert unter Ludtvig XIV. im J. 1667 den Künsten crhaute, 

und nach den Gebrüdern Giles und Jean Gobelin benannte. S. Beckmanns Anleitung zur 

Technologie. 3. Aufl. S. 77. 

§. 106. 
Fortsetzung. 

iS/^a/i/e«^ Wollenmanufacturen sind, wegen der vorlreflflichen Inlandischen WoUe 
von vorzüglicher Güte 5 alleinlange nicht so ausgebreitet, als sie in Hinsicht der Men^e 
imd Güte des Materials scyn sollten. Die Manufacturen zu Segovia und Guadala.xara 
sind in ganz Spanien die einzigen, welche sehr feine Tücher und Casimire liefern. 
Die königliche Wollenfabrik zu Guadalaxara webt kostbare, carmoisinroth gefärbte 
Tücher, imter andern auch von f^igognewolle j die Elle zu 34 fl. Auch unterhält 
man zu Mafif/vVieine Tapetenmanuftictur, deren Waaren denjenigen der Gobellinsma- 
nufactur zu Paris an die Seite gesetzt zu werden verdienen. Die übrigen WoUenma- 
nufacturen zu P'al/ddoädj Ponte^'edra j Alcantara_, Cordova und Sevilla _, so wie 
in Catalonien j Jragonien u. s. w. verfertigen nur gewöhnliche Tücher und Zeu"c, 
aber im Ganzen bey weitem nicht in hinreichender Menge fiir den innern Eedarl^ In 
derselben Lage befinden sich auch Portugal j Italien j die Schweiz j Dänemark _, 
Schweden j Norwegen ^ Russland aj ^ Polen ^ Galizienj Ungern j Siebenbürgen 
und die osmaniscJien Provinzen, deren Wollenmanufactureu das inländische Bcdiui- 
niss lange nicht befriedigen, obgleich die Landlcuie in den meisten dieser Lander 
grossen Theils ihre unentbehrlichen Tücher und Zeuge selbst verfertigen ■ in llussJanU 
faliriciren die Bäuerinnen im Dorfe Issa sogar geschmackvolle Teppiclie ^ in Kantens- 
koje i^wj'.yr/ecAe« auf persische Art, und um Tjume die wollenen und seidenen, all- 
gemein beliebten Leibbinden (kushoks). 

Um die Wollenmanufacturen auf einen höheren Grad der ^ ollkommenhcit zu 
bringen, hat man in England JFollenspinn- und J Hebemaschinen j welche das 
Spinnen und Weben bloss durch leblose Kräfte (Wasser oder Dämpfe) verrichten, 
luchscherinaschine/ij welche ohne menschliche Bejhülfe das Tuch scheren, und 



200 III. IiiJiistiii-lle Producliun. §. 107. Ilutfabricalion. 

noch so raanclie andere Maschine errichtcl, und zwar in solcher Menge, dass man das 
Caniial, welches auf das Maschinwesen fiir Wolle allein verwendet isl, über 5 Mill. 
Pf. Sl. rechnet. Nach dem Vorgani;;e Englands hat man solche Maschinen auch in an- 
dern europäischen Staaten, nahmenllich inOesterrelchj Preussen j Fi-a/ikreic/iu. s.w. 
niit gutem Erfolge eingeführt. 

a) Wo die WoUcnmanufacturon sich, nach Hrn. r'. H^ichmann , ia drey Zweige theilen: in die 
Ivronverpflichtcten und freycn Etablissements. Die crsteren zu Jekalerinoslaw und Irkutzk 
erzeugen sehr feines Tuch ; die andern , 24 an der Zahl, lieferten im J. 1804 zusammen: 
g3i,3i7 Arschin Tuch und Rirsey; sie haben die Verbindlichkeit, jährlich >on jedem an- 
sässigen Arbeiter 80 , und von jedem ohne Land 4" Arschin Tuch und 40 Arschin Kirsey 
zu liefern; die letztern oder freyen sind unbeschränkt, und nur durch häufige Tuchliefc- 
rungscontracte mit der Regierung in Berührung. Seit 1810 iKsst sich die russische Regierung 
sehr angelegen seyn , diesen Industriezweig empor zu bringen. Diejenigen Fabrikinhaber, 
welche über 100,000 Arschin Tuch liefern, erhalten Verdienstmedaillen, und die, Avelchc 
besondere Forlschrilte in dieser Fabrication zeigen, erhalten den Charakter von Manufactur- 
Rälhen mit allen Prärogativen der Commerz-Rätlie. Endlich ist das Ministerium beauftragt, 
für die Einführung besserer Maschinen und die Vervollkommnung derselben zu sorgen. S. 
Merkanlilisclie Annalen. Jahrg. 1811. S. 8. Gleichwohl ward noch im J. 1817 eine Ordre 
an die Tuchnianufacluren in lorkshirK erlassen, Tuch für die gesammtc russische Armee zu 
liefern. S. Polil. Journ. 1817. Sept. S. 658. 

§. loG. 

II u t f a"b r i c a t i f> 11. 

mite werden sowohl aus Schaf- und Vigognewolle, als auch aus Hasen-, Kamn- 
»■lien-, Ziegen-, Kamehl-, Biber- und Fischotterhaaren gelllzt. Dieser Artikel wird fast 
in allen eniopäischen Ländern fabricirtj im Grossen, als Stappelwaare aber nur in 
England j Eraidaeichj in den JSiederlanden uiul in Deiitsahland. Die englischen 
Filzhiite zeichnen sich vor andern hauptsächlich durch Feinheit, genaue Bearbeitung 
vtnd Dauerhaftigkeit aus. Es werden jährlich im Ganzen gegen 4 Älill. Stück verfertiget, 
wovon ein beträchtlicher Theil ausgelVihrt wird. — In FrankreicJi war die Ilatma- 
clierey iiu i6. Jahrhunderle ein selir bedeutendes Gewerbe; auch verbreitete sich die- 
ser Iiidnstriezweig von da aus diach die aiisge<vanderten Hugenotten in andere euro- 
päische Länder. Allein eben diese Auswanderung, so wie die Nacheiferimg der Eng- 
länder und anderer Nationen und die Revolution wirkten sichtbar auf den Verfall des- 
selben aj. Indessen hob er sich seit dem Anfange dieses Jahrhunderts, besonders 
in Paris j Lyon , Orleans und Marseille j wieder so sehr, dass er im J. 1812 ig,ooo 
Arbeiter beschäftigte, und für 23 Mill. Fr. Fabricate schaffte. LjonaWem verfertiget 
jährlich 1,400,000 Stück Hiite. In den Niederlanden befindet sich der HanjUsiiz der 
lluiftbricaiion zu Eind]w\-'en ^ Brüssel luid Mechehij wo Hüte bis zur feinsten Sorte 
und in grosser Menge gemacht und ausgeführt werden. — Noch ausgebreiteter ist die 
Hutmacherey in Dentscfdand ; dabey liefern mehrere deutsche Siädte Hiite von sol- 
cher Gute, als nur innner aus den besten Werkstätten der besagten Länder kommen 
mögen. Vorzüglich blühet dieser Industriezweig in IVien bj und Prag; in Zittau 
■und Bautzen i Lcv'.in und fFi>iperfurtJi; Casselj Hanau, und Fulda; Erlangen j 



III. Iniliislriellc Produclion. ^. 108. Seidunmanufactuicn. 201 

TVilrzhurg , Ehingen w. s. w. Die IViener Hiile finden ilirer Güte und Scliönlieit we- 
gen grossen Absatz, iiicLt nur nacli Ungern und Siebenbürgen j%o\\Aq\:\\ auch nach 
Italien j, Polen und Russhind; die zu Jf'ipperfurth in ungemein grosser Menge ver- 
fertigten Malroscnlmte AVcrden seihst nacli England ^ Frankreich und Holland ver- 
sendet. — Die rotliea Cardinalshüte wurden bisher in England gemacht, weil man 
in Franki-eich dem Biherhaar keine so glänzende Farbe gehen konnte, als man ver- 
langte. — Rothe Filzniützen zu den Turbanen der Türken werden in Frankreich 
häufig, insonderheit zu Orleans j Marseille und a. a. O. verfertiget, und in Menge 
nicht nur nach den levantischen Häfen, sondern auch nach der Nordkiiste von Afrika 
versendet. — Fabriken zur Verfertigung urientalischer Kappen gibt es in Österreich, 
nahmenthch zu IVien j, Linz j Brunn vmd Venedig. Die zu^Vien verfertigten Rappen 
kommen in Hinsicht des Stoffes sowohl, als der schönen rothon Scliarlachfarl)e den 
tunesischen sehr nahe, luid gehen sännntlich, wie die aus der Linzer, Briinner >uid 
venetianischen Fabrik, nach der Tiirkcy. 

a) Vergluichung des Zustandes der Hutmanufacturen, der G'arbereyen und SchwefelfaLrikoii 
in Frankreich im J. 1789 und im J. i8o3; in dem Bulleiin de la Societe d'Encouragemetit 
de l'iiidustrie etc. Erster Jahrg. Nr. IV. u. V. 
i) Wo im J. i8i3 4 Hutfabricanten , 42 befugte Ilutmacher und 80 Hutinachermeister waren, 
die mit ihren 5o4 Gesellen in 126 Werkstätten 3o2,4oo Stück Hüte (ganz Russland lieferte 
im J. 1804, nach Hrn. c. IVichmann , in 74 Hutfabriken mit 678 Arbeitern nur 176,008 
Stück Hüie) verfertigten, wozu g46)2oo St. Hasenbälge aus Böhmen j Mähren und an<lern 
inländischen Provinzen, sehr\iele auch aus der Moldau und Walachey , verbraucht wur- 
den , wo\on 100 St. 145 — i5o fl. WW. kosteten, ein sehr hoher Preis, da n^ch. Beckmann s 
Angabe im J. 1787 hundert Hasenbälge in Böhmen nur 20 — 24 fl- gekostet hatten. Seit ei- 
nigen Jahren befintlet sich in Wien eine Fabrik zur Verfertigung wasserdichter Männer-Filz- 
hiiie. Diese Hüte , welche sich durch Feinheit und Leichtigkeit auszeichnen , sind dem 
Wasser undurchdringlich, behalten, irfdem sie nicht durch Leim gesteift sind, lange Zeit 
ihre Form , und das Abputzen mit einem nassen Schwämme , wodurch sie einen neuen, 
Glanz erhalten , vertritt bcy ihnen die Stelle des Abbürstens. 

§. 108. 
S e i d e n m a n u f a c t u r e n. 
Die Seidenmanufacturen wurden von Asien her zuerst nach Griechenland , von 
da um die Mitte des 12. Jahrhunderts durch den V>.ön\i^ Roger üAch. Sicilien verpflanzt, 
und bald weiter in Italien verbreitet. Sie waren in Messina ^ Palermo ^ Catania ^ 
JSeapelj CatanzarOj Florenz j Lucca ^ Bologna j Genua ^ f^enedigj Mailand ^ Tu- 
rin und a. a. O. lange ungemein blühend, und versorgten das iU^rige Europa mit ihren 
Erzeugnissen , bis die französischen über alle andern das Übergewicht erhielten. Seit- 
dem sind die italienischen Seidenfabricate grössten Thefls von geringerem Belange, 
ausgenommen die schönen Sammete von Genua (die noch immer die besten in Eu- 
ropa sind), Mailand:, Vicenza^ Bologna, Florenz j, JS'eapel und Catanzaro ; die 
berühmten seidenen Strümpfe von Tiuin , denen die von Brescia nicht viel nach- 
geben; die schönen seidenen Halstücher von ^lailand und Vigevano; die aus Gold, 
Silber und vielfarbiger Seide verfertigten, sehr gcsacluen Stojfc von Venedig; die 
bunten seidenen TFaaren von Lucca ; die seidenen Bä/idci' von Padua und Brescia; 

26 



202 in. ludustrielle Produclioa. §. xo8. Seidenmanufacluieö. 

der seidene Nähzwirn von Verona und Monleleone und die J einen Seidenwaaren 
von Messina. — Spaniens SeidcnnianuracUiren, zur Zeit der Maaren so blühend, 
kamen vom 16. Jahrliunderte an sehr in Vcrfal] , und hoben sich ei'st wieder seit der 
Mitte des 18. Jahrhunderts. Sic sind jetzt der wichtigste Zweij,' des spanischen Kunst- 
flcisses, zahh-eich in mehreren Städten, z. B. in Barcelona ^ Rens ^ Matal o „ Talii- 
vera de In Reina_, Madrid j Toledo j Guadalaocara ^ Sevilla j Antecjuera j vorzüg- 
licli aber in Videncia ^ wo allein gegen 4000 W^erkstidde im Gange sind, welche 
20,000 Menschen beschäftigen. Im Ganzen gibt es in Spanien i8>000 Seidenweber- 
stühle, welche dauerhafte, wenn gleich nicht immer geschmackvolle Arbeiten liefern. 
— Eben so betreibt man in Portugal vonManufacturcn die Seidenfabriken am besten, 
wozu wohl am meisten der Umstand beytragen mag, dass alle Einführe von Seiden- 
waaren in der portugiesischen ^Monarchie verbothen ist. Es sind zu Lissabon j, Porto j, 
Braganza luid Beja über 27,000 Älenschen mit der Verarbeitung der Seide beschäf- 
tigt. — In Frankreich entstanden die Seidenmanuiacturen unter Heinrich IV., und 
kamen unter Ludwig XIV. vorzüglich durch Colbert sehr in Flor, litten aber durch 
die Vertreibung der Hugenotten ungemein, bis sie sich seit dem Utrechter Frieden 
wieder so hoben, dass sie allen andern die Palme entrissen, und durch ihre Moden 
ganz Europa von sich abhängig machten. Ihr Hauptsitz ist in Ljon j, Paris _, Tours j 
Orleans und Nimes ; sonst blühen sie auch noch in Montpellier _, Marseille _, Toulon ^ 
yjmboise _, Toulouse j Nancj und a. a. O. Die Anzahl aller Werkstühle für Zeuge, 
Bänder, Strümpfe, Taffet, Atlas, Sammet mid Stotle aller Art, belief sich im J. 1780 
auf 68,000 niit 5oo,ooo Aibeitern. Während der Revolution gerieth auch dieser Indu- 
striezweig so sehr in \erfall, dass unter andern in Lyon von 16,000 Werkstühlen kaum 
4000 erhalten weiden koniiten; diese haben sich aber doch im J. 1812 schon wieder 
auf ii,5oo, 1818 auf i3,000, 1820 auf mehr als 18,000 und 1821 gar auf 26,000 ver- 
mehrt, die für 80 Mill. Fr. rohe Seide aus dem Auslantle zu einciu V\ erthe von i3o 
INliU. Fr. verarbeiten. Lberhaupt nahm die Seidenfabricaton bereits unter der vorigen 
llegierimg so beträchtlich zu, dass im J. 1812 für 70 Mill. Fr. Seidenwaaren aller Art 
ausgeführt wurden. — In Grossbritannien j, in den Niederlanden _, in Deutschland 
und der iS'c/nve/z sind die Seidenmanufacturen, gegen das Ende des 17. Jahrhunderts, 
durch die Aufnahme französischer Fremdlinge (^Hejugie's) , theils neu entstanden, theils 
mehr verbreitet und vervollkommnet wuiden. In Grossbritannien gewannen sie in 
der Folge manche Verbesserungen, vornehmlich durch Errichtung mehrerer Seiden- 
miuden nach italienischer Art, wovon die grösste zu Derby ist. In dieser Seidcimüdde 
setzt ein Wasserrad viele tausend Haspel in Bewegung, so dass mit jedem Umdrehen 
des Rades an g4,ooo Ellen Seide aligehaspelt und gezwirnt werden können, welches 
in 24 Stunden 3l3 Mill. Ellen gibt. Der Hauptsitz der Seidenfabriken selbst ist in 
England: zu Spittlcßelds bey London, zu Canterburj j Coventrj und Nottingham ; 
in Schottland: zu JEdinburgh ^ Glasgow und Paislj. Im J. 1806 stieg die Anzahl der 
Seidenarl)eiter in Grossbritannien auf 65, 000 Personen, und der Werlh der von ih- 
nen gelieferten Fabricate betrug 2,700,000 Pf. St. Die Juiitischen Seidenwaaren sind 
schwer und trelTüch gearbeitet, aber doch nicht so vollkomuien und mannigfaltig, als 
die französischen, dabey sehr thcuer, weil Grossbiiltaiinien die Seide ganz jlUs der 



III. Iiiduslrielle Proil icHon. §. 103. Seii'lenmanufactiiren. jo3 

Fremde beziphon muss, nnct der Arboiislohn hoch ist. Viele cnghschc und die meisten 
schottischen, einst Muhenden M.uuifaciuren vertauschten in den ncucrn Zeiten die 
Seide mit der Baumwolle. — In den Niederlanden ist der Hanptsitz der Scidenma- 
nufacturen zu HiKirlem , ü!j sie gleich sehr hcrabgekommen sind. Sie liefern unter 
andern schöne Striunnfc, geschätzte schwarze Bänder und vortreßliches seidenes Bcu- 
teltuch, gleich dem besten englischen. Ausserdem gibt es Seidenfabriken in Utrecht 
und Brügg. — In Deutschland wird die Fabrication der seidenen Waaren ani stärk- 
sten in den österreichisc':cn ajj preussischen hj und sächsischen cj Staaten betrie- 
ben; sonst beschäftiget man sich mit der Verarbeitung der Seide auch noch zu Augs- 
burg j, Tuttlingen _. Hanaus Olfcnbach^ Lübeck , Hamburg und a. a. O. TFien^ Ber- 
lin , Eberfeld und Leipzig liefern seidene Zeuge und andere Seidenwaaren von so 
schönem Desseins , dass sie den fianzösischcn an die Seite gesetzt zu werden verdie- 
nen. Manche der deutschen Seidenmanufiicturcn haben theils durch die Messen, theils 
ausser demselben einen ziemlich starken Absatz nach dem nördlichen und östlichen 
Europa dj ; allein dieser scheint der Einführe der französischen Seidenwaaren noch 
immer nicht das Gleichgewicht zu halten. — In der Schweiz blühet dieser Industrie- 
zweig in den Cantonen Bern ^ Schaßhausen _, Appenzell ^ Thurgau _, Luzern j Genf_, 
vorzüglich aber in den dinloncn Basel \m(\ Zürich. Ihre Seidenwaaren, hauptsäch- 
lich im glatten und gekreppten Seidenflor, in Seiden-, Floret- vmd Ilalbscidenbän- 
dcrn bestehend , haben einen starken auswärtigen Absatz. Die Stadt Basel allein 
führte im Jahre i8l2 fnr 3 Millionen Gulden seidene Bänder aus. Fast alle Land- 
leute in dem Canton Basel haben ihren Bandweberstuhl , und arbeiten in Zwi- 
schenzeiten für die Kaufleute der Stadt, Avie der Landmann anderer Länder in Ne- 
benstunden Leinwand oder anderes Gewebe liefert. Dem Bauer wird die Seide von 
dem Baseler Kanfuianne und Fabricanten zugewogen, und diesem müssen die Bän- 
der nach dem Gewichte wieder abgeliefert werden, deren Feinheit so hoch steigt, 
dass i3o Ellen oft nur i Loth an Gewicht enthalten. In neueren Zeiten hat je- 
doch der Absatz, vmd folglich auch die Fabrication dieser Waare abgenommen. — 
Im osnianischen Reiche sind die wichtigsten Seidenmanufacturen zu Constantino- 
pelj Salonichi _. Adrianopel _, Bursa j Aleppo und a. a, O. ej. Ihre Krepps und Ga- 
zes, ihr Atlas, ihr Sammet Und ihre reichen seidenen Stoffe fanden von jeher Bey- 
fall und grossen Absatz. Auch haben sie es im Färben der Seide sehr weit gebracht. 
— Russland hatte, Hrn. v. Wichmana zufolge, bereits im J. 1804 328 Manufacluren 
in Seide, wovon die meisten (248 ;in der Zahl) im Gouvernement iMoskau eriichtet 
waren. Sie vei-arl)eiteten auf/i-joi Stühlen chinesische, persische, bucharische und 
italienische Seide. Die Anzahl dci Arbeiter belief sich auf 8g53 Personen^ imd das 
von ihnen gelieferte Product an Sammet, Chalons, seidenen Zeugen, Bändern und 
Spitzen betrug 2,321,462 Arschin. Weim auch Russland fremder Seidenwaaren nicht 
ganz entbehrt: so ist es doch schon in der Lage, solche im geringern Masse dem Aus- 
lände abzimehmen. — Was endlich die Seidenmanufacturen in DalinatieUj Ungern _, 
Galizien _, Dänemark und Schwellen betrifft: so ist der flauptslfz derselben zu Rfi- 
gusUj Pesth ^ Lemberg j Kopenhagen und Slockhohn. In Schweden bei'.ahlteii im 
J. 181J 664,000 Frauenzimmer eine Abgabe, weil sie seidene Zeuge trugen /^. 

26" 



204 ^'I- Industrielle ProJuctioD. §. log. Ledergarbereyen. 

Aus den Coconslüiuteii macht mau künstliche Blumen zum Damcnpulz, welche 
in Italien j, nahmenihch zu Genua _, Florenz ^ Rom und in anderen Städten in Menj^e 
imd von voi'ziighchcr Schönheit verfertiget werden. 

a) Wo der Hauptsitz der Verfertigung der Seidenzeuge, Taffete, Sammete , Hals- und Sack- 
tücher, Flore, Bänder, Tapeten u. s. w.-, im Lande unier der Enns ist, nahnientiich zu 
IVien , Penzing, Mödling , Gumpoldskirchen , Traiskirchen und Tf''icnevisch - JS'eusladl. Im J. 
1811 beschäftigten die Seidenmanufacturen in ganz Osterreich unter der Enns 7435 Weber- 
stiihle und 9866 Arbeiter. Nach dieser Provinz wird die Seidenueborey in den österreichisch- 
deutschen Staaten am stärksten im südlichen Üjto^ betrieben , nahmentlich zu yila^ Trient , 
besonders aber zu und um Roceredo , wo man die grössten und meisten Seiden-Filatorien 
und Seidenzeugfabriken findet. Ausserdem gibt es Seidenmanufacturcn zu Gürz, Laibach j 
Klagenfurl j Grätz, Brunn, Prng u. s. w. 

h) Im J. 1816 waren in der ganzen preussischen Monarchie, nach Hrn. Voigtel , über 6800 
Seidenweberstühle im Gange. Davon kamen auf den Düsseldorfer Regierungsbezirk allein 
4goo und aui Berlin 800. Die erheblichsten Soidenfabriken sind zu Barmen, Elberfeld , Cre- 
feld , Colin und Mühlheini am Rheine in Gleve-Berg , zu Berlin und Polsdain in Brandi.'n- 
burg, und zu Iserlohn und Schwelm in Westphalen. 

c) Wo die vorzüglichsten Seidenmanufacturcn zu Leipzig und Chemnitz sind. In der erstem 
Stadt allein waren im J. 1809 für seidene Strümpfe i2o Stühle, für Sammet und seidene 
Zeuge igo Stühle in Bewegung. 

ri) Die Elberfelder gedruckten seidenen Foulardsiücher sind auch ausser Europa berühmt, und 
werden selbst den ostindischen vorgezogen. S. B. z. A. Z. 1822. S. 107. 

e) Srio , das Paradies der Griechen, wo ebenfalls noch vor Kurzem die Scidcnmanufacluren 
blühten , ist im Laufe dieses Jahres von den Türken gänzlich verwüstet worden. 

f) S. Polit. Journ. 1818. März. S. 284. 

§• log- 

L e d c r g ä r b e r e y e n. 

Die Kunst, die rohen Thicrhäule und Felle zu enthaaren und dergestalt zube- 
reiten, dass sie zu verschiedenen Ahsichten weiter dauerhaft verarheilet werden kön- 
nen, hcissst die Ledergärbet^ej. Dieses Geweihe ist ein Hauptzweig der Industrie in 
Grossbritannien aj , Spanien _, Frankreich _, den Niederlanden j 6.ev Scliwciz ^ '\\\ 
Deutscliland j Ungern ^ Siebenbürgen ^ GallzleUj Russland und der Türkej. 

■ In Bereitung der SaJJiam ans Ziegcnfellen sind unübertrefflich die Osnianen. 
Ihre vorzü^'lichsten Fabriken in dieser Ledcrarl sind zu Constaniinopel , Salonlchl j 
Larissa und Janina in der europäischen, und zu \ikosia aui'Cypern, zu Dlarbekir 
und Orfa in der asiatischen Türkey bj. h.m'h. iix Marokko wird diese Lederart sehr 
gut verfertiget , inid wahrscheinlich daher Maroquin genannt. — Eben so liefern 
Constantinnpelj jSikosia^ Tokat j Diarbekir _, Sinjrna _, Aleppo „ Marokko, Tunis 
und Tripolis den besten Corduan oder Cordovan aus Bockshäuten, eine dem Saf- 
fian ähnliche Lederart, welcher letztere, auch häuilg unter jenem Nahmen im Handel, 
vorzüglich im Levantischen vorkonmu. Indessen wird der Saffian und Corduan auch 
in Spanien, Frankreich, England j Deutschlundj Ungern, Siebenbürgen , Galizlen, 
der Bukowina und in Russland sehr gut gemacht. Gleichv^old wird zu den ungri- 
hchcn Zlschmen (leichten Stiefehi) , bey dem Bauer ausgenommen, fast durchgängig der 



III. ludustricUc l'iocluction. §. lOg. LccKrgarbereyen. 2o5 

levantische Corduan yebrauclit, — Schagrin j Chagrin (cliagraiii) , ein sehr steifes , 
festes Leder, mit kleinen Erhelurngen, wie Körner, auf der Narhenseile, wird am 
besten in der Tiivkcj und in Persien j weniger gut in Russland j meistens ans dem 
Rücken der Pferdehäute, verfertiget. Es wird zu Scheiden, Futteralen, Uhrgehäusen 
u. s. w. gehrauclit. In Frankreicli bereitet man Schagrin axis Zicgenfellen , denen man 
anit heissen KupfcrpJatlen , die überall kleine Erhebiuigou haben, unler einer Presse 
die körnigle Oberlläche gibt; man nennet es desshalb das nnäclite Scliagrin. — Die 
berühmten russischen Jujten fJucJitenJ werden meistens von Rindviehhäuten ge- 
tnacht und sind eine dem russischen Reiche eigenlhiindiche Lederart cj\ denn ausser 
Russland hat die Juftengärberey beynahe nirgends festen Fuss gefasst. Die schönsten 
Juften liefern Jctroslaw _, AvsamaSj Kostruma _, TFjiUka _, Kasan , Astrachan , Mos- 
kau j TFologda j jSisIiegorod j Pskow mid IFladhnir. Das Iiauptingrcdicnz dabcy ist 
das Biikcntheer (Doggut), wodurch die Geschmeidigkeit und der eigenthümlichc Ge- 
ruch des Juftenlcders bewirket wird. Ausserdem lieiert Russland die meisten übrigen 
Ledergattungen in grosser Menge und von vorzüglicher Güte, überiiaupt ist die Ge- 
schicklichkeit und Lust zu Ailjciten dieser Art daselbst so sehr ausgebreitet, dass 
sogar die Bauern in mehreren Dörfern sich mit Bereitimg des Saflians und anderer 
Lederarten beschäftigen dj. — Das festeste und dauerhafteste Pfund- oder SoJd- 
leder wird in England gemacht; nächst dem englischen behauptet da.^ Lattiche r- oder 
sogenannte Lujker Sohllcdcr von Lüttich ^ Stablo „ Mastricht ej mid Malinedj ei- 
nen vorzüglichen Rang; dann folget das von Bautzen j, Kaizenellenhogen „ IVien , 
GrütZj Brümij Pressburg^ Fünfkirchen^ UdinCj Busk (in Galizien), Moskau u. s. w. 
— Das geschmeidigste und weichste Kalb le der j, als Oberleder zu Schuhen und Stie- 
feln, -wird ebenfalls in England bereitet. Vorzüglich berühmt ist das SoutJiwai-ker 
und Bristoler Kalbledei-. ]\Lan weiss daselbst das Leder zu den Schäften fshaftsj der 
Stiefeln dllrch*^Valken so elastisch zu machen, dass es sich wie ein Strumpf nach dem 
Fussc zieht. Doch ist diese Kunst der Engländer jetzt auch in Deutschland, nahment- 
lich zu TFien^ Berlin und a. a. O. mit Glück nachgemacht worden. — VortrefFiiches 
Gemsenleder liefert die Schweiz ^ nahmentlich das Haslithal im Canton Bern. — Das 
geschätzteste Leder zu //««i/i-c/iwAe« wird in Schweden fj ^ Dänemark gj ^ Eng- 
land hj _, Spanien, Frankreich _, Ltalien mid Deutschland _, nahmentlich in Tjrolijj 
zu TFien und Erlangen verfertiget. Li Ltalien , Frankreich und Spanien bereitet 
man auch parfümirtes Leder zu Handschuhen. — Der Verbrauch des Pergaments 
ist in Europa nicht mehr sehr stark, daher auch die Pergämentniacher nicht zahlreich 
zu seyn jjflcgen ; zu den vortheilhafieslen Arbeiten derselben gehört noch die Zube- 
reitung der Trommelfelle aus Kalbfellen, und der Paukenfelle aus Ziegenfcllcn, be- 
sonders in Frankreich , England _, den Niederlanden und Deutschland. 

Die besten und schönsten Schuhe kommen von Paj'is j London j JFieii und TFar- 
.3'c/jfl?t; vorzüglich gepriesene Sättel von Londonn. IFien; schöne mid geschmackvolle 
Brieftaschen von London, fFien und Constantinopel ; letztere Stadt liefert auch sehr 
künstlich vollendete Gürtel , Gewehrgehänge und Schabraken von Saflian mit den 
gefälligsten Stickereyen von Goldfäden. Lederne Dosen endlich von bewunderungs- 
würdiger Festigkeit, Feinheit und Durchsichtigkeit werden in England veifcrtiget. 



So6 "" 'ITl. lujustriellc Produclinn. §. iio. Verschiodone andere Fabricale etc. 

ä) Dor Werth (li;s im briltischcn Reiche verfertigton Leders ward im J. 1806 zu io,5oo,ooO 
Pf. St. , lind die Zahl der dadurcli beschäftigten Arbeiter zu 24I181Ö Personen berechnet. 

b) Die Osmanen erhalten von den D Mitsclien allein für Sadian jährlich 60,000 Piaster. 

c) Der Nahms Jajl , oder in der vielfachen Z.ihl , Jiijli ^ bedeutet ein Paar, weil bey (h'r Zu- 
richtung allemal zwey Häute zusammen genäht werden. 

d) Puixsland zählte im J. 1814 i348 Lederfabriken, und erhielt schon im J. 1793 für Juflen 
und andere Lederg*ltung-en 2,249,701 , für Stiefeln, PantofTeln und Pelzschuhe 10,626 Ru- 
bel vom Auslande. 

e) Das niederländische Lff/cr behauptet seine Ehre vor dem deutschen hauptsächlich durch die 
Vorzüge der Borke, deren Lieferung für die Gärbereyen ein Gegenstand eines besondern 
forstmässigen Betriebes in den Niederlanden ist. S. B. z. A. Z. 1816. Nr. n8. 

/) Nahmentlich zu Landskrona , Malinö und Lund. 

g) Die vorzügliche Weichheit und der angenehme Geruch, wodurch die dänischen , soge- 
nannten Tianders sehen Handschuhe im In- und Auslande so sehr beliebt sind , erhalfen die- 
se Handschuhe von der zur Zurichtung des Leders gebräuchlichen Lohe, woz.u allein die 
Rinde der wilden Weide (salix caprea) angewendet wird. 

A) Besonders zu fVorr.htster , wo sich an 10,000 Personen mit Verfertigung lederner Hand- 
schuhe beschäftigen. 

i) Die Trrolcr Handschuhe empfehlen sich durch ihre vorzügliche Weichheit und schone Gla- 
sur. Die Tejeregger Bauern kaufen sie auf, und vertragen sie weit und breit. 

§. 110. 
Verschiedene andere Fabrica te aus Stoffen des Thierreichs. 

Das Gewerbe der Seifensieder wird am stärksten in Russland j vorzüglich von 
den Talaren in Kasan und Astrachan, getrieben. Es wird jähilich eine t^rossc Menge 
Seife ans diesem Keichu nach mehreren europäischen Ländern ausgeflilirt. Aus St. 
Petersburg gingen \iC)() Idoss nach England über 25,ooo Fässer. Die feinsten und 
wohh-iechendsten Seifenarten aber werden in Italien^ Spanien ^ Frankreich ^ Eng- 
land _, Amsterdam j, Triest und TVien verfertiget. Vorzüghcli Ijcrühnil ist die P'cne- 
tianische j Alicuntische , Pariser imd Marseiller Seife. Sehr schöne und gute Seife 
wird auch zu Debreczin in Ungern, jährhch über 7000 Ctr., mit Hülfe des minerali^ 
sehen Laugensalzcs, bereitet. — Das Gewerbe der Talglichterzieherey wird im Gros- 
sen und für den allgemeinen Handel besonders in /?«.s5'Zr;«^/ und OeA^erretc/ij vornehm- 
lich zu Triest j Cattaro imdPe/Wi-^o getrielicn. Russland führte imJ. i8o5für 396,413 
Rubel Talglichter aus. Cattaro und Perasto versenden jährlicli 52o,ooo Pf. Talglich- 
ter, und die Priester Unschlittkerzen gehen besonders nach Italien in grosser Menge. 
— Die TFachshleichen , nebst der damit verbimdenen Verfertigung der IVachslicIi- 
tcr sind heutiges Tages in Europa nicht mehr von dem Umflinge , den sie vor der 
Reforniation hallen. Diese liat den Verbrauch der Wachslichler, so wie die Bicnen- 
zvicht, welche ehemals die Klöster und Geisllichkeil Jjetreiben halfen, sehr vermin- 
dert. Der in neuern Zeiten gestiegene Luxus ersetzt diesen A])gang bey weitem nicht. 
Indessen sind die Wachsbleichen in Russland ^ Gcdizien ^ ungern^ vurnehmlich aber 
in Holland, Fenedig , Triest ^ Wien , Hamburg, Celle, Cassel , Fulda, Offen- 
bncli luid andern deutschen Gegenden, so wie die Versendung an ^Vachs luid Wachs- 
liclilern, besonders aus Deutschland imd Holland , nach Süd- und Westeuropa noch 



ni. luduslriuUe Ptoduclioa. §. ilü- Verschieilcne andere Fabiicule etc. SO7 

immer sehr wichtig . — Die Bereitung des MethSj aus Honig und Wasser, ist besonders iu 
Polen _, llusslondj Littliaueii j Preiissen ^ üiigeni ^ Scftweclen _, Norwegen und Dä- 
nemai'k sehr gebrauchlich. — Die besten Pfeffer- oder Lebkuchen ^ aus einem Tei- 
ge von Honig, Mehl und Gewürz, liefern IViorn j Dtinzigj Ni'wnberg , Erlangen ^ 
Rheims j Metz und Verdun. — Die hellesten, reinsten und zäheslen Darmsaiten j, 
aus Schaf-, Ziegen- und Katzengedännen , zu Bcziehimg der Violinen, Harfen und 
anderer musikalischer Instrumente, werden in Italien j besonders zu Rom j Florenz 
und Neapel verfertigt. Ljon tuid Paris liefern sie gleichfalls vorzüglich gut. In 
Deutschland werden die besten zu München, Nürnberg _, Augsburg und Neukir- 
chen im Voigllande gemacht. — Die Bereilimg der GoldschlägerJ'ormen _, aus einem 
Häutchen des Mastdarms der Ochsen, war sonst ein Geheimniss der Englander; jetzt 
werden sie auch in ff^ien j Nürnberg j Hamburgs Breslau u. a. a. O. gemacht. Es 
\\ ird in demselben das Gold und Silber zu dünnen Blättern geschlagen. Eine Form 
besteht gewöhnlich aus 600 Blättern. — Viele und treffliche Federspulen werden in 
Holland und Deutschland ^ nahmentlich zu Hamburg j Düsseldorf mid Neuss ap- 
jirotirt; letztere Stadt bereitet allein wöchentlich 180,000, jährlich also g,36o,ooo 
Schreibfedern, die roh aus Polen vmd andern Gegenden kommen. Auch in Tillen ist 
mau in der Zurichtimg der Schreibfedern seit kurzer Zeil weiter gerückt, und man 
kann sich allerdings mit den bessern inländischen Qualitäten zufiieden stellen. — 
Vorzüglich gepriesene Mahlerpinsel liefern Münclien _, Lyon imd Amsterdam. — 
Sehr geschätzter brauner oder Sepia-Tusch _, aus dem Safte des Kutlel- oder Tinlen- 
iisches aj , wird in Italien,, FranJa-eich und England^ treffliches Indianischgelb ^ 
aus dem Urin der Kühe bj , in Italien und England bereitet. — TItran ^ ein flüssi- 
ges Fett, wird entweder aus Walliischen imd Robben, wie z. B. in Holland \n\d Eng- 
land ^ oder aus Häringcn, wie z. B. in Schweden und Norwegen ^ gesotten. — Mit 
Verfertigung des Korullenschmuckes bescliäfliget man sich besonders in Genua , Li- 
vornoj Neapel nnd Marseiile. Diese Städte versenden die meisten nach dem Orient 
zur Zierde der Königskronen imd der Turbane der Türken , haben aber auch in Eu- 
ropa einen beträchtlichen Absatz. — Die bcriihmtesten Käse endlich sind der soge- 
nannte Edamer und der TcxeVsche aus HoUand , der sogenannte Limbarger von 
Herve in Belgien, die englischen Käse von Cfiester und Cliedder ^ die Marschkäse 
aus Holstein und Schleswig, der sogenannte PanneSankäse von Lodi und der Stra-^ 
chi/io hu Mailand ischen ; ferner die Schweizerkäse ^ wovon die vornehmsten Gattim- 
gen siiid : der Enimenthaler- imd Saanenthalerkäse im Canton Bern, der Grüjers- 
und der Futscherein- oder Kaschereinkäse ini Freyburgischen ; der Urserenkäse in 
Uli, und der grüjie Schweizerkäse oder Schabzieger ^ der vorzüglich in den Canto- 
nen Glarus and Appenzell ^ auch auf dem Juragehirge gemacht, und mit Salz, so 
v.ie mit pulvcrisirlem Steinklee stark vermischt wird; endlich die fetten Gi-ojerkäse „ 
die auf den Alpen Forarlbergs erzeugt, und nicht selten für Schweizerkäse aus 
Griijers gehalten werden, nfbst dem herrlichen Kräuterkäse ^ der im Riesengebir- 
ge aus fetter, unabgerahmter Kuhmilch und verschiedenen aromatischen Bergkräu- 
tern bereitet, und niclit nur in dem benachbarten tiefern Lande von Böhmen und 
Picussisch-Schlesicn sehr gesucht, sondern selbst nach Polen und Russland ausge- 



2o8 III. ludusUielle Productiou. §. iii. Eisen-, Stahl- und andeie Metaüfnbrikcn. 

führt wird. Eine besonders ergiebige Quelle des Gewinnstes aber ist die Kaseaus- 
fulire fiir die Holländer und die Schweizer. Jene lösen für ausgefubrle Käse (i33 
Mdl. Pfunde) jährlich an 2 Mill. Pf. St., diese gegen 2 Mill. Franken. Bloss von dem 
Griijerskäse gehen jährlich einige 3o,ooo Pfunde aus, und der Canton Bern bedarf 
jährlich 100,000 Ctr. Salz zu der Bereitmag der Käse in seinem Gebiete. Die Schwei- 
zerkäsc sind nicht nur sehr geschätzt wegen ihres gewürzhaften Geschmacks, sondern 
auch sehr gesucht wegen ihrer lialtljarkeil gegen Fäiüniss. Man behauptet, dass der 
gut gemachte feile Schweizerkäse sich an die 100 Jahre lang aufbewahren lasse. 

a) Der Ruttel- oder Tintenfisch spritzt bekanntlich, um sich bey einem feindlichen Angriffe 
unsichtbar zu machen , einen Saft aus, der seinen Umkreis verdunkelt. Die Italiener wissen 
den Fisch zu fangen, bevor er sich seines Saftes entledigt. Alsdann gewinnen sie den Saft, 
dörren ihn upd verhandeln ihn als Kaufmannswaare. Der Sepia-Tusch ist das beste Braun , 
was man kennt, und die Itali.2ner machen die besten braunen Handzeiclinungen damit. S. 
H. A. L. Z. 1811. Nr. 3o6. S. 537. 
i) Das Indianisch-Gelb wird in Italien aus dem Urin der Rühe gezogen, in der Jahreszeit, 
wenn sie von einer gewissen Pflanze, Piaiirry von den Eingebornen genannt, fressen kön- 
nen. Man kocht nähmlich den Urin, bis das Flüssige verflogen ist, und die Farbe sich in 
einen Teig verdickt. Alsdann wird sie getrocknet, und in runden Ballen ausgeführt. Acker- 
mann , ein Kunsthändler in London, weiss das Urinsalz herauszubringen, und producirt 
dann die prächtigste Goldfarbe. S. II. A. L. Z. 1811. Nr. 3o6. S. 537. 

c) Fabriken, welche Materialien aus dem Mineralreiche \ c r a r b e i t e n. 

§. 111. 
Eisen-, Stahl- und andere Me t a 1 1 f ab r i k e n. 

Eisen- j Stalil- mid andere ISIetallfabriken ^ wie schon der grosse Reichthum 
an Bergwerken und Äletallen in Europa überhaupt erwarten lässt, machen gleichfalls 
einen höchst wichligen Zweig der europäischen Kunstgewerbe aus , dessen jälii lieber 
Betrag in manchem Lande nach Millionen Gulden zu berechnen ist. Unter die Haupl- 
sitze dieses Industriezweiges gehören Grosshritannien , Deutschland j Frankreich 
und SchwedenmW. Norwegen ; im Range folgen Belgien j Spanien j Italien und liuss- 
land; aber auch Holland j die Schweiz und die Tärkey zeichnen sich in einzelnen 
Artikeln dieses Industriezweiges ans. 

Die stärkste Eisenfabrication findet Statt iu Grossbritannien ; nächstdcm in 
Frankreich j Deutscldand ^ Russlandj Schweden und Norwegen ; sonst aber gibt 
es auch in Ungern ^ Siebenbürgen _, Galizien mid der Bukowina _, so wie in Spanien j 
Italien und Belgien mehr oder weniger Eisenhammerwerke (vergl. §. 71.). Der soge- 
nannte Oseiniind j d. h. ein durch besondere Bearbeitung zähe und stahlartig gemach- 
tes Eisen , ist eine Erfindung der Schweden. Jetzt wird diese Eisengattung auch in 
Deutschland j nahmenllich in der Grafschaft Mark j besonders zu Liidenscheid j Al- 
tena und Kirspe fabricirt. 

Die grösste Eisengieserej in Europa kommt zu Cnrron in Schottland vor. Diese 
Fabrik beschäftigt an i5oo Menschen, und verzehrt im Durchschnitt wöcJicntlich ge- 
gen 800 Tonnen Slemkohlen und 400 Tonnen Eisenstein und Erz. Man gicsst daselbs 



lli. Iiidustrifllc ProJuclioii §. lil. Eisen- , Stahl- iiiiJ aütlere Metallfabrikeu. Ioq 

Eisenwaaren von jeder Art, von den kleinsten, Artikeln bis auf Kanonen, deren in 
manchem ncnein Jahre an 5ooo geliefert wnrden. Vornehmlich wird in dieser Werk- 
stätte eine Art Kationen j^Tgosscn, die nach dem Eisenwerke den Nahmen Cdvronn- 
deit l'idnen, mul jetzt auf Kriegsschiffen allgemein im Gehranche sind. Schön geformle 
Eisenwaaren aber, und selbst bewnndernngswilrdig zarte Sachen von Eisen z. ß. Bü- 
sten ^ Urnen _, Medaillons j KreutzcheUj Ulu'ketten. n. s. w. , giesst man in Preus- 
slsch -Schlesien (zu deiwitz und Malnpane). Ausserdem werden Eisengusswaaren 
vorzüglich verfertigt: in Brandenburg (besonders zu Br-rlin) , in Böhmen (l)csonders 
zu Hnrzowitz) und Steyerinark (zu MitJ-ia Zell), in Schweden (zu Car/idal und Co- 
thenburg) , in Hassland , Namitr j Frankreich nnA jEngland _, wo awcli Dawpfma- 
sc/iinen für Mulden, Pumpen u. s. w. von 6 ')is zu 5o Pferdestärken, nahmenllich zu 
Soho bey Biruiingbnm, zum \^erkauf gemaclit werden. ■ 

Die besten J^iscnbleche werden in England verfertigt. Sie sind ein Hauptausfuhr- 
artikel, für ;vhoses Lan/J, worin andere Staaten , wegen VortreiTliehkeit der englischen 
Walzwerke, nicht,, CQnQ\irriren können.. Doch liefern auch die Niederländen (^Lattich), 
Schweden :,, 1* rankreich und manche dentsche Plätze , besonders in Kärnthen , Sach^ 
sen untl der Grafschaft Mark j, sehr geschätztes Eisenblech. 

Der feinste /^rrt/if j sowohl aus Eisen als Stahl, wird fabricirt iw England j Erank- 
reich und Deutschland j nahmenllich in der Provinz ff^estphalen (zu Altena ^ Lii- 
densch.eid und Iserlohn) , in Baiern (zn J>iirnherg und. Schwabach) , und in Oester- 
reicli unter der Enns (zu IVaidhofen an der Ips) , wo aus demselben die bekannten 
Fischangeln yow einer solclien Feinheit verfertiget werdeji, dass 63l0 Stück nur \ 
Loth wiegen, das Loth alier fiir 26 'd. verkauft, und so der Ctr. Eisen bis zu 83,ooo 
imd einige hundert Gulden verarbeitet werden soll. — In Schweden erfand man die 
Kunst, das Eisen zu Laiin zu ziehen, imd in allerley Stoffe, wie Gold- und Silbcrlahn, 
einzuwirken. — Auch werden aus Eisen- mid Stahldraht JVäh- j Steck-_, Spick- ^ Strick- 
und Netznadeln in erstaunücher Menge und ^Vohlfeilheit gemacht, so dass der Han- 
del mit denselben, und den von Messiugdrathe gemachten Nadeln, in manchem Fa- 
brikorte allein nach mehreren hunderttauscriid GiUden zu berechnen ist. Am meisten 
ist ihr geringer Preis zu bewundern, da doch eine jede Stecknadel 25nial, eine jede 
Nälinadel 72mal durch die Hände verschiedener Arbeiter gehen muss, ehe sie in jene 
des Handelsmannes gelanget. Am häufigsten und besten werden die Nadeln in Eng- 
land _, FrtmkreicJi ^ Holland und Vcutsc/dand Q>csondevs zu. Aachen j, BurtscJieid 
und Altena j Schwabach und JMirnbeigj Carlsbad und Ärtt/e/Zi///'^ nächst ^Viene- 
risch-Neusladi) geaia^ht. Die berühmte Stecknadelfabrik des lim. Migeon zu Aachen 
verfertiget allein täglich 3 MlU. Stecknadeln, deren Köpfe nicht auf die gewöhnliche 
Art an den Schäften befestiget, sondern an dieselben angegossen sind. Dieses ge- 
schieht mit eigenen Formen, in deren jeder sechszig Köpfe zugleich verfertiget wer- 
den. Diese Operation, welche von acht- bis zwöKjährigen Mädchen verrichtet wird, 
geht so schiaell, dass 180 Nadelnin einer Minute mit Köpfen versehen sind aj. 

L'brigens hat die ^'eiwcndung des Eisens zu Gegenständen, wozu man sonst an- 
derere Materialien l)enntzl, in keinem Lande eine solche Ausdehnung erreicht, wie 
in England. Alan verfertiget nicht nur eiserne Fahrgleise und Dächer und ganze Häu- 

27 



210 III. ludustriulle PruJuction. §. il2. Eisen-, Stahl- u. andere lUetallfalir. Forlsctzimg. 

ser von Eisen , sondern ancli eiserne Mühlen, Brücken, ScliifTe inid Masten. In Lon- 
don hat man auch \ ersuche gemacht, die Strassen mit Gusseisen zu pflastern. Eiserne 
Brücken gibt es jetzt auch in Faris.ln Deutschland werden eiserne Brücken in Preus- 
§isch-Schlesien (zu Gleiwitz und Malapane) gegossen bj. 

a) Über die Fabricalion der Stecknadeln mit angegossenen Köpfen zu Aachen. Von C. Kar- 
marsch etc. ; im 2. Bde. der Jahrbücher des k. k. pol)t. Insl. S. 35i fl. 

b) S. VoigteL a. a. O. S. 108. 

§. 112. 
Fortsetzung^. 

Neben dem gewöhnhchen Stahle j sey es Gerbstahl oder Brennstahl, der nie in 
allen seinen Theilen vollkommen gleichartig ist , wird in Europa auch Gussstahl be- 
reitet , d. h. Stahl, welcher bey hinreichend hoher Temperatur mit Ausschluss der 
Lull umgeschmolzen, und dann in eine Form ausgegossen worden ist, wodurch o.v eine 
viel leinere Beschaffenheit erhält aj. Diese Stahlart, die vollkommenste unter allen 
Stahlarten, ist eine Erfindung der Engländer, Der entschiedene Vorzug, den die 
en"iischen Messe)schmieclarl)eiten und alle Stahlvvaaren überhaupt,, bey welchen Fein- 
heit und Politur erfordert wird , seil einer Reihe von Jahren in und ausser Europa be- 
haitplet hallen , rühit vorzüglich von dem Materiale , dem englisclien Gusstahle her. 
Diese Ertindung der Engländer reitzte mehrere Deutsche j Franzosen ^ JSiederlän- 
c?er und 6cAH'ei;:e/' zu Versuchen über die Stahlveretllung, um ähnliclien Gussstahl 
hervorzubringen. Vorzüglich bestehen in Deutschland ^ nahmentlich in Clei'e-ßerg 
(zu IVald) , Baiern (zu Schieissheim bey München) und Kärnthen (an der obern 
Fellach bey Villach) Stahlwerke, wo Gussstahl erzeugt wird, der vom gewöhnlichen 
Englischen nicht zu miterscheiden ist. In dem Gusssiaiilvverke an der obern Fellach 
nächst Villach wird gegeuwäriig jede Menge von Gusssiahl und nach verschiedenen 
Abstufungen von Härte und Schweissliarkeit verfertiget; und zu den im Handel ge- 
bräuchlichen Stangen ausgereckt, zu Stahlblech ausgewalzt und zu Stahldrahl ausge- 
zogen. Dieses Gusssiahlwerk erzeugt vier Sorten; sehr harten, harten, weichen und 
sehr weichen Stahl. Diese gesanunten Stahlgattungen sind von guter Qualität, mid 
geben dem englischen Gussstahle nichts nach , ja sie übertreffen ihn in gewisser Hin- 
sicht. Die weicheren Arten des daselbst verfertigten Gussstahls nähmlich, als Nr. HL 
und Nr. IV., sind vollkonunen schweissbnr. Durch difse Schweissbarl)eit erlangt der 
-Gussstahl noch ein bedeutend erweitertes Feld seiner Anwendung. Der englische 
■Gusssuihl lässt sich nicht, ohne zu viel Verlust inid Schwierigkeiten, mit Eisen zti- 
sammcnschweissen. Ausserdem wird auch in IFien schweissliarer und unschweissba- 
rer Gusssiahl verfertigt. 

Diebesten Feilen werden in England^ besonders zu Prescottj Sheffield und 
Birmingham j gemachl. Sie haben vor allen lilirigen grosse Vorzüge, sowohl iri An- 
sehung ihres Hielies, als auch ihrer sonstigen Gestalt und ihrer Härte. Mit den eng- 
lischen Feilen lässl sich selbst federharter Stahl gut feilen, wie dicss bey \ erfertigung 
und Schärfung der Sägen erforderlich ist. Indessen werden auch in den Niederlan- 
den (zu LütlicJi) , mid in einigen i^cü^cnAen Frankreichs tmd Deutsch/auds (z. B. zu 



III. Inlustrielle Productiou, §. Ii2. Eisen-, SUliI- ii. andere Metallfabr. Foitsctzung. 211 

'Steyer und JVdidhofai an der Ips im Erzlicrzogiliume Österreich), feine Feilen von 
sehr "iiter QuaUüit verfertigt. Um mehrere geschickte Feilen-Fahricanten zu erhahcn, 
' hat che österreichische V>.(i\giQr\\\\'^ im J. 1817 dem Fein-Fcilenfahrieanten, Wilhelm 
Bock j zu Waidliofen an der Tps eine Unterstützung von 5ooo fl. WW. unter der Be- 
dingung hewilhgl, dass er seclis ihm zuzuweisende eingeliorne Lehrlinge in der 
Kunst der feinen Feilen-Fahrication vollständig und so wie er sie hesitzt^ zu unterrich- 
ten hahe. 

In Acr Messer- imd .S'c/ier^T/i-Fahricaiion, so wie in der Fahriration anderer stäh- 
lerner Waaren, sind die Engländer el)enfälls sehr weit gekommen, hesonders zu Shef- 
Jield (der grössten Messerfahrik in Europa), Soho und Birmingham _, wo einzelne Stü- 
cke, an ^Vertli von 2^ Pcnce bis 8 Guineen, in 5oo verschiedenen Sorten, geliefert 
werden. Ein Messer, das in dem GriOe 3o verschiedene Instrumente hat, ist nichts 
Seltenes. Auch weiss keine Nation ihren Stahl waaren, besonders ihren Messern und 
chirurgischen Instrumenten , ihren Grabsticheln und Stämpeln ^ einen so vorzi'igli- 
chen Härtegrad zu geben , als die Engländer. Indessen werden auch in andern Län- 
dern Europa's sehr gute JMesser, Scheren und andere stählerne Waaren verfertiget, 
nahmentlich in Spanien (zu St. Ildefonso j Barcelona »ind Plasencia) , Frankreich 
(zu Munlins j St. Flour j Tiders j, Langres, Nogent le Roy und St. Elienne) , Italien 
(zu Brescia) , der Schweiz (zu Jarau) , in Deutschland (zu Solingen _, nach Sheffield 
die grösste Messerfabrik in Europa, dann zu Tuttlingen, zu und um Stejer ^ zu 
JVien j, zu Baden hey Wien und zu Carlsbad), den Niederlanden (zu Nnmur _, Her- 
zogenbusch und Zwo II) , in Schweden (zu TFelwäg) und Russland (zu TidoL). In An- 
sehung Adv J einem Stahlwaaren mnss zwar die Kunst der eben erwähnten Länder 
im Allgemeinen der englischen Nctthcit noch meistens den Vorzug lassen; indessen 
darf sich wenigstens die Arbeit aus einzelnen Französischen , Narnurer , Liitticher j 
fViener j Böhmischen fJSixdorJer _, Prager luid Carhbader ) , Sächsischen , Bran- 
denhurgischen imd andern deutschen Werkstätten mit jeder Englischen messen. 

Die nKnsten Sichel ^ Sensen imd Strohmesser werden in England (besonders zu 
und um Slieffield) und Deutschland (vornehmlich in Stejermark anA Cleve-Berg) 
fabricirt. In und um Sheffield befinden sich an 26 Fabricanten für Sensen und Siroh- 
messer, nebst 2.5 Fabricanten für Sicheln. Steiermark hat 3j Sensenfabriken, welche 
jährlich bev einer Million Sensen, 3on,ooo Sicheln und 24,000 Strohmesser erzeugen, wo- 
von ein bcträchilicher Tlicil in das Ausland geht. Das zu der preussischen Provinz Cleve- 
Berg gehörige Dorf oder Städtchen Remscheid verfertigt jährlich an 400,000 Sensen, 
und versendet davon jährlich an zwanzigerley Sorten nach Frankreich. Dagegen liefer- 
te ganz Russland im J. 1804, Hrn. k'. Wich mann zu Folge, nur 11,820 Sensen. 

Die Nägel fabrication wird unter andein vorzüglich in Norwegen j Krain und 
Lüttich betrieben. In Noi-ivegen werden jährlich l^\ Mill. Stücke von der grossen xVrt 
lind viele Lasten kleinere, in A'/'rt//i jährlich über 12,000 Clr. geliefert, und in Lüt- 
tich Ijeschälugcl diese Fabrication an 12 — 14,000 Arbeiter, welche die verschieden- 
sten Sorten (das Tausend Nägel von | bis 5o — 68 Pf. Gewicht) verfertigen. 

a) Über die Verfertigung des Giissstahls ; von 7. Prechll ; im 1. Bde. der Jahrbücher des k. k. 
polytechnischen Institutes. S. 17g S. 



tu !II. Industrielle Produclion f ii3. Eisen-, Slalrl- u. andere M(t«llfaiir. Fnrtsctznng. 

§. 11.3. 

Fortsetzung. 

Die \orzügl\chslen Gewehry^abrikeii s\nd , und zwar in England: zn Birmingham, 
Londo?i j Sheffield imd Bi'idgeiiorth ; in Spanien: zw. Ejbas , Plasencia _, 0\>iedo 
inid Barcelona; in Frankreich: zu Versailles j Tüll ^ Maubeuge ^ Charleville , 
St. Etienne j Strassburg und Metz ; in Italien: zu Turin ^ Brescia und Gurdone; 
in der Schweiz: zu Aarau; in Deutschland, luid zwar in den österreicliisdi-deut- 
^cAe« Provinzen : zu TV ien ^ Lilien feld , TVilhelmsburg _, Stejer ^ Ferlach bey Kla- 
genfnrt und Carlsbad; in den preussiscli-deutschen Provinzen: zu Burg, Suhl j 
Spandau und Potsdam; in Baiern : zu Amberg und Fortschan; in Würtemberg : zu 
OberndorJ ; in Sachsen: zu Olbernhau; in Hanover : zu Herzberg ; in Chmhessen : 
zu Sclimalkalden ; in Sachsen-Gotha : zu Blasien-Zella u. s. w. j in Ungern : zu Hra- 
deck; in den Niederlanden: zu Lilttich und Utrecht; in Dänemark: zu Helsing'6r\. 
Hellebeck j Friedrichswerk imd Aalborg; in Schweden: zu Söderham j Stockholm, 
Oerebro j Norköping , J'önköping , Rönneby und Helsingborg ; in Rus.sland: zu Tu^ 
la , Sestrabek hey St. Petersburg und Twer ; in der Tiirkcy: zu Constantinopel , 
Sarajevo , Foiniza u. s. w. Berühmt sind besonders die Birminghamer , Versailler , 
Lütticher j Brescianer , Carlsbader und tiirkischen Gewehre. Sehr kostbare Ge- 
wehre liefert Liittich ; einzelne Stücke fiir 3oo — 5oo Louisd'or. Durch eine treffliche 
Einrichtung der Pistolen- und Flintenschlösser, unter andern solcher, deren Pfanne 
stets wassersicher ist, haben sich die Englander verdient gemacht. Noch ausgezeich- 
neter sind indessen ihre Sichei'heitsschliJsser , die das leider sonst so häufige Uughickj 
welches durch die unwillkiirliche Sjiannung des Hahns erfolgt, ganz und gar verhin- 
dern. Im J. i8l3 versah England den europäiscjien Coniineni mit 6,242,000 Flinten. 

Die berühmtesten Degen~ und Säbelklingen sind die türkischen von üamask , 
imd die persischen von Kasbin , Nischabur luid Chorosan.' Sie sind sehr hart und 
dennoch nicht spröde; denn man kann damit ohne Schaden Eisen zerhauen. Sie sind 
meisten Tlieils flammig gearbeitet und mit goldenen Figuren ausgelegt. Es werden 
dort Säbel gemacht, welche mit ihrer Montirung tausend Thaler und dariiber kosten. 
In Europa haben die Solinger Degen- und Säbelklingen, besonders in Rücksicht ihrer 
Dauer und Härtung , den Vorzug vor allen andern Fabricaten der Art. Das Vergolden 
der Klingen ist dort ziun höchsten Gi-ad der Vollkommenheit gestiegen; die Fabrican- 
ten bedienen sich einer Lackirung, womit sich in grössler Geschwindigkeit alle nur 
erdenkliche Figuren und Züge auf den Klingen anbringen lassen. Es werden dort Sä- 
bel gemacht, welche mit ihrer Montirung 100 — i5o fl. und darüber kosten. An cniem 
völlig montirten Säbel arbeiten durchgehends g Personen von verschiedenem Fache. 
Nach dieser Fabrik folgen die zu Suhl, Namur , Klingenthal (in- Frankreich), zu Fo~ 
ledo , Lumazza und St, Bartolomeo bey Brescia und zu Tala, deren Klingen den So- 
lingischen niclit viel nachgeben. — Nicht minder berühmt sind die Solingischen Hap- 
piere. Es werden, England ausgenommen, nicht leicht in irgend einem Theile Europa's 
ein Paar Fechter gefunden, auf deren Rappieren nicht dci' Nähme Solingen elw^e- 
graben stünde. 



Iir. luduslrielle Production. §. 114. Elsen-, Stall!- u. andere Metallfabr. Fortsetz-iing. jij 

K(inone?igiesserejeii sind, und zwar in England; zu TVollwich und jSew-Willey- 
Furnagehcy ßrosley; in Schottland: -zu Carroii; in Portugal: zu ; in Spa- 
nien: zu. Se^'iLla und Barcelona ; in Frankreich: zu. Paris ^ Doudj „ Sedarij Liege _, 
St. Dizier an der IMarne, Toulotij Perpignan ^ Rochefort ^ Brest luid Metz; in Ita- 
lien: zu Turin j f'enedign.s. w. ; in der Schweiz: zu Aarau; in Deutschland: zu 
JVien j, Maria Zell j Berlin , Breslau, Dresden , Frejberg , Bamberg , LudwigS" 
bürg j Mannheim , Cassel u. s. w. ; in den Niederlanden: zu Lattich j im Haag j zu 
Amsterdam j ffoorn und Enkhuysen; in Dänemark: zu Friedrichs werk ; in Schwe- 
den: zu Stockholm _. Finspang vuid Carlsdal; in Norwegen: zu Mons , nordwestlich 
von Friedrichsstadt j in Fvussland: zu St. Petersburg _, Reval _, Petrosawodsk , Lipezk 
und Cherson; m der Türkey: in der Vorstadt von Gonstantinopel, Fophana genannt. 
Die meisten Kanonen zur Ausfuhre werden in Grossbritannien gegossen. Es hat in 
den Jahren 1808 — l8i3 für Russland j Preussen _, Schweden j Spanien j Portugal 
und das nördliche Deiitsculand 834 Kanonen geliefert. 

Eine Harnisch fabrik , vielleicht die einzige in Eiu-opa , besteht zu Arboga in 
Schweden. 

§• 114- 

Fortsetzung. 

Kupferhämmer hes,ii7.en England _, Deutschland , Schweden , Russland und 
Ungern vorzüglich viele; die vier ersteren Länder haben auch sehr viele Messingfa- 
briken ; die stärkste Älessingfaljrication aber ist in England j besonders zu Birming~ 
A«/«j wo inani^her Fabricant lebt, welcher seinen Leuten an Arbeitslohn allein wö- 
chentlich 1000 Pfund Sterling bezahlt, und zu Bristol ^ wo sich ein ungemein gros- 
ses Messingwerk beiindct , dessen Messingdraht und geschlagenes Messing allein einen 
sehr ausgebreiteten Handelszweig ausmacht; nächstdem in Deutschland , vornehmlich 
zu Stolberg in der Gegend von Aachen, zu ISiirnberg j zu Acheiirain in Tyrol , zu 
Nadelburg bcy ^Vieneriscb-Neustadt imd zu Rodewisch im voigtläiidischen Kreise in 
Sachsen. Stolberg allein zählt 24 Messmgfabriken mit 800 Arbeitern , welche an 
20,000 Ctr. Älessingwaaren aller Art erzeugen, und darunter an 40,000 Bund Mes- 
singdraht, welcher zu dem feinsten in Europa gehört. 

Kupferne Münzplatten jhis auf das Gepräge, werden unter andern in den Ku- 
pferhännuern l)ey Olpe in dem preussischen Regierungsbezirke Arensberg verfertigt, 
und sind schon in manchem Jahre 20 — 3o,ooo Pfunde derselben an ausländische 
Münzstätten verkauft worden. Auch in Österreich unter der Enns und Ungern gibt 
es einige Kupferhämmer, welche sich mit der Verfertigung der Münzschienen zu der 
österreichischen Scheidemünze beschäftigen, besonders in dem letzteren Lande, wo 
im J. 1802 zu Schmölnitz »nonatlich 4 — 5oo,ooo fl. Kupfermünze geprägt worden ist, 
wozu monatlich bey 3ooo Ctr. Kupfer verwendet wurden. 

l^ic silberplat/irte/i IFaa/e/i \\u\i\ei\ iu England zuerst verfertigt und in Eng- 
land auch zu dem höchsten Grade d.-r Vollkommenheit geljracht. Noch immer ist 
SheJJicld für diese vortreiriiche Waare der Haiiptort in ganz Europa, wo sie m 1000 
verschiedenen Artikeln geliefert wird. Vom Jahre 1790 — 1798 , also in g Jahren, wur- 



4l.i TU. luJustiieLle ProJuctioa. .§. 114. Eisen-, Stahl- u. andere Metalffabr. Fortsetzung.' 

den iil)cr]ianpi aus ^/«g'Zrt/i^/ bloss an INIessing und plattirtcn Waaren 1,211,467 Ctr. 
für mehr als 6 Mill. Pf. St. ausgeführt. An einigen Orten Frankreichs luid Deutsch- 
lands , ])esonders zu TVleii , hat man jedoch die Kunst des Plattircns auf eine so aus- 
gezeichnete Weise sich zu eigen gemacht, dass die deutschen und /ra?izösis(he/i 
platt irten Waaren dreist mit den besten englischen wetteifern können. 

Eben so war England das erste Land in Europa, wo die Verfertigung der Zrt- 
cldvten m\A jnpanii'ten Blechwaaren in grösster Vollendung getrieben wurde. Indes- 
sen hat man an einigen Orten Deutschlands , z. B. zu IVlen ^ Carlsbad , Dresden j 
BrcLiinschweig j TJ'olfenbüttel ^ Coblenz u. s. w. , auch diesen Industriezweig mit 
sehr viel Glück nachgeahmt. Lackirt werden diejenigen Blechwaaren genannt, bey 
welchen bloss transparente oder zuglcicli gef;irl)te Firnisse auf das Metall gelegt sind, 
um den Schein einer andern Farbe auf demselben hervorzubringen, oder auch nur, 
um es vor Rost zu bewaliren; japanirt aber heissen diejenigen, deren Matcriale , sey 
es Blech oder Pa])ier, mit dunklen Farben und Firnissen gegründet wird, und die 
zuweilen auch noch mit Mahlereyen geziert werden. 

Sehr geschmackvolle vuid trefflich vergoldete Bronzewaaren j, als: Uhrkästchen, 
Leuchter, Figuren u. s. w. , liefern JVien luid Paris. Die Wiener Bronzewaaren gehen 
meistens nach Polen und der Türkey. Li Russlaud befindet sich eine grosse Bronze- 
fabrik zu St. Petersburg j die ebenfalls treffliche Arbeiten liefert. 

Die besten Drahtsaiten j zu Beziehung der Claviere , Forte Piano's und anderer 
Instrumente, werden in Deutschlandj nahmcntlich zu Nürnberg _, verfertigt. In Eng- 
land und Frankreich \\2iX. vann dieses Fabricat, ungeachtet aller angestellten Versu- 
che, bis jetzt noch nicht zur erforderlichen Härte und Elasticität ziehen können. 

Leonische Draht- und Borden fabriketi j in welchen vergoldete oder versilberte 
Kupferstangen zum feinsten Draht und Lahn gezogen, und daraus Tressen j Frnnzeii, 
Borden j Futtern n. dgl. gemacht werden, gibt es vorzüglich viele in Frankreich ^ 
besonders zu Lyon (woher das sogenannte Leoner Gold wahrscheinlich seinen Nah- 
men hat), und in Deutschland j vornehmlich zu und tun fVien j zu Prag ^ Nürn- 
berg , Sclnvabach j Rotli ^ Leipzig ^ Frejberg an der Mulde j, Berlin j Magdeburg , 
Breslau j Colin und Hamburg j, welche ihre Fabricalc ihcils nach der Türkey, theils 
nach Spanien, Portugal, Italien, Schweden u. s. w. versenden. 

Die Verfertigung mathematischer j physikalischer untl optischer Instrumente 
hat ihren llauptsilz in England, besonders zu London. Die dasigen Instrumenlenma- 
chcr erzeugen Waaren , die in ganz Europa geschätzt werden. Indessen werden auch 
in Deutschland (l)esonders zu München aj luid fFien), in Frankreich (besonders zu 
Paris) und in der Schweiz (besonders zu Genf und Neufchatel) mathematische und 
physikalische Instrumente verfertiget, die den besten englischen an die Seite gesetzt 
zu werden verdienen, und zu München werden zugleich (in dem Frauenhofer und 
Utzschneider sehen optischen Institute , das früher zu Benedictbeuern bestand) so 
vortreffliche optische Instrumente aller Art verfertiget, dass sie die englischen weit 
hinter sich lassen. Doch sind auch die zu Paris j Turin j TVien ^ Prag j Raitz (in 
^lählcn) u. s. w. , verfertigten optischen Instrumente von grosser Vollkommenheit. 

Ziuiiivaaren werden vorzüglich in England (zu Miuichester) und in Böhme/t 



111. InJustiielle Productiou. §. ii5. Eisen-, StaM- u. aiiikr« Metullfabr. Furlsfl7niig. 2iü 

(zti Carlsbad undi Schlackenwald) verfertigt. Sie sind scliön, äusserst gesclimackvoU 
und in ihrer Neuheit dem Silherzeuge ganz ähnhch. Man erzeugt hier alle Gattungen 
von Tafci- und Kaireh-Seiviccn, Tassen, Leuchter, Waschbecken u. s. w. 

Sehr schöne Lettern für die Euchdruckcreyeu werden in Englajidj Frankreich,, 
Italien j, Spanien y der Schweiz und Deutschland gegossen. In England ward tlie 
Form der Buchstaben ungemein verbessert durch John ßaskerville ^ in Frankreich 
■durch Fr. Amb. Didot und Charpelet ^ in Italien durch Bodonij in Spanien durch 
Ibarva j in der Schweiz durch Haase und in Deutschland durch Breitkopf ^ Unger ^ 
Barth j Göschen j Degen und Strauss. In Holland haben die Schrifigicssereyen seit 
ßo Jahren grosse Ruckschritte gemacht. Die vorziiglichsten derselben befinden sich zu 
Haarlcm. Die Erlindung der Stereotjpen (stehende , unbewegliche Typen) schreibt 
man gewöhnlich dem lurmin Didot zu, oluic der viel friihcren Versuche des ,/. van 
der Mej in Holland bj zu erwälinen. 

a) Wo das berühmte tneckaiiische JnslitiU von Rcichenbach zur Vorfertigung geometrischer und 
astronomischer Instrumente nunmehr unter der Firma: Reichenbach und Eitel besteht. Rit- 
ter von Reichenbach iiherliess im J. 1820 dem k. k. polytechnischen Institute in ff^ien eine 
für dasselbe eigens ^on ihm \ erfertigte grosse Thcilscheibe , so wie alle seine zur Verferti- 
gung geometrischer und astronomischer Instrumente erforderlichen Vorbereitungsmascliinen 
und Phine , so, dass nunmehr die Reichenbucli scheu Kreise in Wien in derselben Vollkom- 
meidieit verfertiget werden , als in München. 

b) S. Gölting. gel. Anz. i8o3. St. 63. S. 629. In dem österreichischen Kaiserstaate, nahment- 
iich zu Qjen in Ungern , befindet sicli ein Etablissement von Slereoljpen und SLcreolyp- 
Ausgahen , die sich in Hinsicht der Reinheit und Schärfe der Lettern, dann der Schwärze 
des Druckes ungemein auszeichnen. Die Art zu Stereotypiren, die daselbst angewendet wird, 
ist in Gussmanier , deren Erfinder Jo/i/i Walls ist, der zu Ende des J. 181g aus New- York 
in Nordamerika nach Wien kam, und hier ein Patent für seine Erfindungen von Stereotyp- 
Platten in Gussraanier, der hierzu gehörigen Stereotyp-Plalten-Druckercy (Cylinder-Prcs- 
scn) und zur Fabricalion einer verbesserten Druckfarbe nachsuchte, welches er auch für 
sämmtliche k. k. Staaten erhielt. Die Didot'sche Art zu Stereotypiren, ist in Pressmanier 
und in Frakreich noch üblich. S. Die Stereotypie im österreichischen Kaiserstaate etc. Von 
A. RiUig V. Flainmenslern. Wien, 1822. 

§. ii5. 

F o r t s (• t z u n g. 

Unter die Haupisitze der Gold- j Silber- und Galanterieai'beiten gehören vor- 
nehmlich London j Paris j Ljon^ IVien^ ylugshurgj, Fenedig und Antwerpen; näclist 
diesen Städten befinden sich die nioisten und geschicktesten Arbeiter in Gold und Sil- 
ber zu Prag j Dresden j Berlin j, Pforzheim ^ Brüssel ^ Amsterdam,, Madrid ^ F'al- 
ladolid j Genfj St. Pctersbaig j Moskau und Constantinopel. Li keiner der besa^- 
Xen europäischen Städte aber diirl'te so viel Gold tuid Silber verarbeitet werden, als 
zu jMejcico j der Hauptstadt von dem bisherigen spanischen Nordamerika. Li 5 Jahren 
(1798 — 1802) wurden daselbst 1926 Mark Gold und i34,ooo Mark Silber verarbeitet. 
Uljerhaupt ist der Luxus in Mexico so übertrieben, dass das Silber selbst zum Be- 
schlagen der Pferde und Kiuschenräder verwendet wird aj. In i^anz P'ra/ikreich wcr- 
<len jälirlich für g Mül. £1. BijoulcricNNaaren geliefert. 



2l6 lir. Iiiilustuellc I'roHuclioD. §. ij5. Eisch- , btal.l- u. andere Bi'elallfabi. Fortstl/uag. 

Die moislcn Uhren zur Ausfulirc werden vei fertigt: in England j ])eson(lcrs zu 
London j Le^ej'/wol und Covcntry ;'\n Fninkreicli j, besonders zu Paris_, Cex wwd 
Besnngon j avo sieh aucli eine Uln-maoheischulc Air 200 /.öylinge belindet; in der 
^Schweiz zn Genf nnA im Neuenhufgisc/ie/i _, nahnienlüch zu Neitfcliatelj Locle j 
Chan jede Fonds und im Tliale P^(d l'nivers; in Denlscldand , besonders zu Wien 
und Berlin. Aus England i. 13. i,'('lien j.duJieli i3 — 14,000, aus Cenf3o — 40,000 Uli- 
Yen in's Ausland. Im Jalirc 1787 wurden aus Genf \[-)o,ooo Uhren verschiekl. Nichts 
gleicht aber an Umfang der Uhrmacherkiinst im NeiienhurgiscJien. Es fuhrt j dulich 
an i3o,ooo Uhren, 1000 Stocknhrcn , 80^000 Kellen fiir dasGclrielie und fiir 5.öo,ooo 
Livres Uhrenfournilurcn vmd Weikzeuge aus. In Hinsicht der äussern gefalligen Form^ 
Farben, Email u. dgl., haben die /rnnzöiisc/ien und schweizerischen Uhren, in An- 
sehung der inneren Gi'ite die englischen und deutschen j besonders die Wieneriih- 
ren j den Vorzug. Diese werden selbst von Franzosen und Engländern gesuchl. In der 
Verfertigung künstlicher Uhren, Pendeln u. s. w. mit nmsikalischem Spiele, Bewegung 
der Figuren und äusserst bewiuiderungswiirdigen Aufomalen haben es verschiedene 
ungemein weit, keiner aljer weiter als die grossen mechanischen Kiinstler Jean und 
Jacques Droz (Valerund Sohn) im JSenenbnrgisclien a,c]n'dic\\\, welche sich in neucin 
Zeilen durch ihre Aulomale den grössten Ruf erwarben. 

Die meisten Miinzstätten endlich ])efinden sich in Frankreich bj , Deutsch- 
land cj und Rnssland dj ^ die grösste und reichste Münze aber in der Welt besteht 
zu Mexico j mit so zahlreichen Maschinen, dass man, ohne ausserordentliche An- 
strengung, binnen Einem Jahre 3o Mill. Piaster prägen kann. Noch im J. 1806 wur- 
den daselbst für mehr als 24 IMill. Piaster gcmünztj seit dem iß. Jahrhunderle aber 
üljcr 65oo iNIilk Gulden an Gold und Silber. Auf die höchste Stufe der Vollkommen- 
heit wurde jedoch die Münzkunst durch Boulton hi England gebracht, in der von 
ihm im J. 1788 zu So/10 j in der Nähe von Birmingham _, errichteten Miinzmühle ^ 
die mittelst einer Dampfmaschine 8 Pressen treibt, wovon jede in einer Minute 65 
Pencestücke oder 97 Farthingsstücke prägen kann, so dass alle 8zusanmien jede Stun- 
de entweder 3l,200 Pence, oder 46,560 Farlhings zu liefern im Stande sind. Zur Auf- 
sicht dabey sind niu- Knaben von 12 — 14 Jahren nöthig. Da die Boulton Sehen Mün- 
zen , die ganz vollkommen rund sind, inid allenthalben einen gleichen Durclimesser 
haben, sich von allen übrigen gleich beym ersten Anblicke unterscheiden, imd die 
Boulton' sehe Münzmühle äusserst kostbar ist: so sichert die Anwendung derselben 
am besten gegen das Falschmünzen ej, so bisher in England sehr üblich war, imd > 
zum Theil noch ist' fj. Birmingham halle mehrere Privalmünzstälten , wo Münzen 
fremder Staaten mit geringerem Gehalte ausgeprägt und iiber Meer gesandt wurden j 
aber jetzt ist dieser Erwerbszweig zum \ erbrechen erklärt, sobald der beeinirächligie 
Staat klagt. Nach dem Gesetze darf nur im Tower j als der einzigen Münzstätte des 
ganzen brittischcn Reiches , gemünzt werden. 

a) S. Polit. Joiirn. 1811. May. S. 418. Vcrgl. H. A. L. Z. i8i2. Nr. C2. S. 491. 

b) Zu Baronne , Bordeaux, Lille, LiihOfies , In Hoc/ielle , Ljon , Marseille, Nantes, Paris, 
l'er/'igiuin , lioueii , Slrrtssbtirg und Tauloiise. 

c) Zu JVie.n , Prag, Dresden, München, SluUgavl , Berlin, Breslau, Saaifeld , AUona , Neu- 
iladl-ScImerin , Rostock u. s. w. 



III. ludiistrlelJe Proclticlion. §. ii6. Faibcfabrilcn. 217 

d) Zu St. Petersburg , Moskau, Kalharinenburg , Susun , Theodosia , am Flusse lael in der Nä- 
he von Ratharincnburg und am Bache Dabka an der Kama. In den sechs letzteren Münz- 
höfen werden bloss kupferne PilLinzen geprägt. S. jMeusel's Lehrbuch der Statistik a. a. O. 
S. 371. — Die übrigen in Europa befindlichen Münzstätten sind, und z^var in Portugal: 
zu Lissabon; in Spanien: zu Madrid , Secilla und Segoi'ia ; in Italien: zu Turin , Mailand, 
Venedig u. s. w. : in Ungern: zu Kreinnitz , Nagybanya und Scliniölnitz , in welcher letz- 
teren die kupfernen Münzen geprägt werden ; in Siebenbürgen : zu Carlsburg : in der Schweiz : 
zu Genf \i. s. w. ; in den Niederlanden: zu Brüssel, Dortrecht und Hardertij-k; in Däne- 
mark: zu Kopenhagen ; in Schweden: zu Stockholm ; in Norwegen: zu Kongsbcrg ; im os- 
manischen Reiche: zu Conslantinnpel , Adrianopel und Kahira. 

e) S. Poppe's Geist der cnglisclien Manufacturen. S. i3 — 14. 

/) S. Archiv für Geographie u. s. w. von PVeyh. f. Hormayr. 1811. 76 — 77. S. 332. 

§• 116. 
Farbefabriken. 

Der beste Grünspan wird in Frankreich j, besonders zu Montpellier j vorfeiiigi, 
wegen der vorzüglich guten Eigenschaften der französischen TraiJjentrestern ; sonst 
wird aber auch zu Fenedig j Wien j Triest u. s. w. guter Griinspan erzeugt; beson- 
ders wird der krvstaihsirle Grünspan von Fenedig sehr geschützt. — Schmälte oder 
Blaufarbe wird am meisten in Deutschland bereitet, nahmentlich in Sachsen j Böh- 
men _, Oesterreich unter der Enns _, Chiirhessen _, Baden ^ im Halberstädtischeii und 
einigen andern deutschen Liindern. Für die beste luid feinste wird die sächsische ge- 
halten; nach dieser wird vorzüglich gepriesen die höhmische , die von Schlögelmiihl 
im Lande unter der Einis, und die von Fossiim im südlichen Norwegen, wo das ein- 
zige Blavi^flirbenwerk in ganz Skandinavien ist. Die Holländer j welche dieses Blau in 
grosser Menge aus Deutschland beziehen , verfeinern es tmd vervielfältigen die Sor- 
ten, verbrauchen selbst sehr viel davon aitf ihren Leinwandbleichen, führen aber auch 
noch viel wieder aus, besonders nach China luad Japan. — So wie die Schmalleraf- 
finericn der Hollander den ersten Rang in Europa haben, eben so sind ihre Zinnober- 
fabriken die vorzüglichsten in unscrm Erdlheile. Auch in Idria wird guter Zinnol^er 
verfertigt. — Schöne und dauerhafte grüne Emailjarbe aus Eisenchromerz wird in 
Frankreich und Oesterreich j weit mehr als der inländische Bedarf erfordert, berei- 
tet; sie ist für diese beyden Staaten ein nicht unbeträchtlicher Handelsartikel. — Das 
ho.'AlQ Bley weiss YxQ^Qxxi. Fenedig va\(\. Klagenfurt , Aunn Nottingham (ui England), 
Dortrecht und Jmsterdam, In den englischen Blcyweissfabriken sind Bleyweissinüh- 
len eingefühi't, welche du''chaus das so gefäliilirhc Verstäuben dos Bleywcisscs ver- 
hindern. — Mennig verfertigt man im Grossen in England j, Holland und Deutsch- 
land _, nahmentlich zu Klagenfurt in Kärnthcn, zu Topschau in Sachsen und zu 
Piollhofen in der Pfalz. — Endlich mit der Bereitung des künstlichen Berggrüns 
beschäftigen sich mehrere Fabriken in luid tun TFien. Auch liefern sie eine vorzügli- 
che Waare, welche in ganz Europa, besonders im Norden, in der Schweiz imd in 
Italien starken Absatz findet. Inglcichen hat das in den chemischen Fabriken von Wien 
imd dessen Uingebiuig verferligic Berlinerülau j Mineralgelb u. s. w. viele Vorzüge. 

28 



2i3 111. luJustrielle Productiou. §. 117. Glas- und SpiegelfabricatioD. 

§. 117. 
Glas- und Spiegel fabrication. 

Glas j einst in Europa so selten, dass noch iim's Jaln- 1458 Aeneas Sylvias es 
zvir grössten Pracht rechnete , die er in TVien fand , dass die meisten Häuser Glas- 
fenster hatten aj , wird jetzt in unsenn Erdtheile in solcher Menge verfertigt, dass es 
zu den gemeinsten Waaren gehört, ohgleich die Fenster der Iliittcn der Walachen 
und anderer uncultivirten Nationen noch heutiges Tages anstatt des Glases , meistens 
nur mit Blasenhäuten oder mit in 0hl getränktem Papier üherzogcn sind. Das meiste 
Glas zur Ausführe wird in England^ Scliweden_, Novwei^en und im f^enetianiscIieHj 
vornehmlich aher in Deutschland fabricirt, dessen Glas, insonderheit das böhmi- 
sche _, zugleich an Güte, Weisse und Reinheit alles Glas in der Welt ühertrilTl, und 
desshalb in und ausser Europa vorzi'iglich geschätzt wird. In den Jahren i8o3 und 
1804, wo der böhmische Glashandel in seinem höchsten Flor, und weder durch 
Kriege noch Verhoihe gehennnt war, gewann Böhmen durch diesen Industriezweig 
eine Summe von 11,880,000 H. , nähmlich i,g8o,ooo fl. durch Fabrication des rohen 
Glases, und g,noo,ooo durch Raflinirung, Handels- und Frachtgewinn bj. Bey den 
widrigen Einflüssen unserer Zeiten hat dieser Verkehr zwar sehr gelitten, aber die 
höhmischen Glasfal)riken (jetzt 66 an der Zahl mit 3540 Arbeitern) werden bestehen 
und sich immerfort erhalten, theils durch eine eigene Art besonders dazu passenden 
Kiessleines, theils durch den Rufeines besondern Gebeiumisses und der Geschick- 
lichkeit der Arbeiter , theils durch die mächtigen Sleiiikohh-nniedcrlagen und die im- 
mer allgemeiner werdende Benutzung dieses Brennmaterials , seitdem auch in Böli- 
men der Ilolzmangel zum Theil eingerissen ist cj. In den neuesten Zeiten machte 
Hr. Fv. V. Baader in der österreichischen Monarchie, als dem vorzüglichsten, Glas 
producirenden Slaale , nahmentlich zu JSeuhaus im Lande-unlcr dei' Enns, Versu- 
che, Glas mit Glauljersalz, statt der immer theurer werdenden Poltasche zu erzeugen, 
und es gelang ihm durch ein chemisches Verfiihren, in welchem zwey Dritllheile der 
Pottasche durch Glaubersalz ersetzt sind, mit Abkürzung der Schmelzzeit, also mit 
Ersparung an Brennmaterial, ein schönes j dauerhaftes j, leiclitjlussiges j sehr har- 
tes j besonders glänzendes _, aber leicht aquamaringefdrbtes Glas zu erzeugen, für 
welche Erlindung Se. Majestät der Kaiser demselben, nach Überreichmig einer eige- 
nen, seine Verfahrungsmethode beschreibenden Abhandhmg eine Belohnung von 12,000 
Gulden WW. bewilligte dj. — Das Flintglas j eine durch vorzügliche Reinheil und 
Helligkeit vor allen üljrigen sich auszeichnende Glasarl, wescnllich nothwendig zu 
den achromatischen Fernröhren , ward sonst am besten in jEV/^/(^/«^ gemacht; jetzt 
•w'ivdi es 'n\ Deutschland j nä\\n\cn\\\c\i zw München (vergl. §. ii5-)> ^'^^^ ^'^ grossen 
Dimensionen und so vortrefllich verferligt , als es in England und Frankreich noch 
nicht hervorgebracht worden. Indessen liefert auch Frankreich Objective von gros- 
sen Durchmessern und von vorzüglicher BesclialTenheit. 

Hieher gehören auch die Spiegel fahriken. Die vorzüglichsien in Europa sind; 
bey St. Ildefonso in Spanien, zu Paris und St. Gobin in Frankreich, zu Leverpool j 
Bristol luid London in England; zu Osei'ki bey Sl. Pelersbiug in Russland, zu ISeu- 



III. lacJustrielle Production §. 118. TlionwsarenfaI)ricati m. 2in 

/«««i- im Lande unter der Eiins, zu Burgstein in Böhmen und zu ISeustadt an dci- 
Dossc in Brandenburg. Man kann an diesen Orten Spiegelgläser giessen , die -o , loo 
und noch mehrere Zolle hoch sind. Der grösstc in der Spiegclfabrik hey St, Ilde- 
fonso gegossene Spiegel mass 162 ' Höhe, g3' Breite und 1" Dicke ej. Die Pariser 
Spiegelfahrik rühmt sich zwar 17' oder 204" lange Spiegel liefern zu können; sie hat aber 
bisher nur Spiegel von 108" Höhe, 60" Breite und i" Dicke geliefert y^h Die Kronglas- 
fabrik und Spicgclhütie zu Oserki bey St. Petersburg hat Spiegel von i58 — 168" Län- 
ge und 87 — 8g" Breite gegossen. In der k. k. Spiegelfabrik zu JXeuluius werden in 
einem Vierteljahre ])cy 45o,ooo Qiiadratzolle verfertiget, und darunter Spiegel von 
120" Höhe und 60' Breite. Eben so liefert die Spiegelfabrik zu Neustadt an derDosse 
Spiegel von 10 — 120" Höhe und von 8 — 60" Breite. In der Spiegclfabrik zu Bürgs teilt 
■werden alle Gattungen Spiegel vom feiasten Glase von 18,* bis 70, "' Länge verfer- 
tiget. Die Spiegelfabrik zu Murano bey Venedig liefert sein- reine Spiegelgläser, aber 
grosse Spiegel macht man daselbst nicht mehr. 

o) S. Berkmanns Anleitung zur Technologie. 3. Ausgabe. S. 324. 

b) Der Glashandel in und um Hejde ; im Hesperus. i8i5. 5i. 64. Die böhmischen Glashänd- 
ler errichteten in den vornehmslen Städten und Häfen Spaniens, Portugals, Frankreichs, 
Italiens, Russlands und der Türkcy Depots, von denen die Glas\ crsendungen weiter nach 
Amerika, Ost- und fVestindien und der /^.ei.'rt/ife .betrieben wurden. 

c) S. Verbrauch der Steinkohlen in Bölimen ; im 2. Bde. der Jahrb. des k. k. polytechnischen 
Institutes. S. 49 ff- 

li) Über das Glasuesen und seine Vervollkommnung in den neuesten Zeiten, vorzüglich in 

der österreichisclien Monarchie. Von Benjamin Scholz etc. ; im 2. Bde. der Jahrb. des k. k. 

polytechnischen Institutes. S. i3o. 
e) S. Funke's Naturgeschichte und Technologie. Bd. 3. Aufl. 4. S. 548. 
/) Sarlori's Länder- und VölkernierkwUrdigkeiten des österreichischen Kaiserthumes. Thi. 1. 

6. jo2. Vergl. Vaterländische Blätter für den österreichischen Kaiserstaat. 1810. Nr. 02, 

und Funlie a. a. O. 

§. 118. 
T h o II w a a r c n f a b r i c a t i o n. 

Porcellan j, das grösste Meisterstück der Töpferkunst, erfunden in Deutschland, 
nahmenllich in Sachsen j von Freyherrn v. Bottger^ zu Anfange des achtzehnten Jahr- 
hunderts, da noch keine europäische Nation anderes, als cAmei'/.ycÄe.y Porcellan kann- 
te , wird jetzt nicht nur in Sachsen tmd andern deutschen Ländern, sondern auch 
in Italien j Frankreich , Spanien , England j, Dänemark ^ Schweden und Russland 
fiibricirt, so geheim man auch in Sachsen diese Kunst hielt (ein Oflicicr war Böttgers 
beständiger Gesellschafter, der nie von seiner Seile gehen durfte) aj. Die meisten 
Industrieanstalten der Art befinden sich. \n Frankreich j wo es deren nach Chaptal 
60, und davon 21, nach andern gar 27 in Paris geben soll; nächsldem in Deutsch- 
land ^ wo in etlichen zwanzig Fabriken Porcellan verfertiget wird. Durch die Schön- 
heit der Masse imd die Feinheit der Bearbeitung zeichnet sicli noch immer vor allem 
europäischen das chinesisclie Porcellan aus. Die Formen der Gefässc und die Mahle- 
rey können aber unmöglich dem europäischen Gesclimacke entsprechen. In Europa 
hat die älteste, im J. 1710 errichtete Fabrik, die Meissner j in Hinsicht der > ullkom- 

28* 



T,,, III. Induätrielle Production. §■ 118. Thonwaarenfabricatiou. 

menlicit der Masse vor allen übrigen noch immer den Vorzug. Das Prodiict der TVie- 
nerPorcellanfabrik, der zwcylcn in Europa nach dem Jahre ihrer Errichiung (i 718) ^J, 
zeichnet sich, so wie das Berliner Porccllan, durch seine Dauerhaftigkeit imd durch 
die Fähigkeil, Temperalurahwechsehmgcn zu ertragen, vor allem übrigen aus; daher 
sieht man auch von keinem andern so viel Tafelgeschirr als von dem fFiener und Ber- 
liner Porcellan. Das JranzösiscJie Porcellan empfiehlt sich dem Auge durch eine be- 
sonders weisse Farbe und durch eine angenehme Durchscheiiibarkcil; allein es ist 
dem Springen durch Temperaturwechsel sehr ausgesetzt, und daher mehr zu Vasen, 
Prunkgefässen und andern Verzierungen, als zu Gefässen, die für den täglichen Ge- 
brauch bestimmt sind, geeignet. Auch kann das französische Porcellan, nach Herrn 
Beckniium j in einer Berliner Kciffehlasse zu grünem Glase geschmolzen werden. In 
Hinsicht der geschmackvollen Form, so wie in Rücksicht der schönen Mahlerey, wird 
die Porcellanfabrik in il/m.ye« von den, in der Hinsicht mit einander welleifernden 
Fa]»riken in TVien j, Berlin., Severs mid Paris weit üb er troffen; in Ansehung der Ver- 
goldung aber hat die TViener vor allen übrigen deii Vorzug. In England ^ wo das 
schönste Steingut gemacht wird, verfertiget man nur sehr mittelmässiges Porccllan. 
Eben so liefern Italien,, Spanien j, Dänemark j Schweden und Russland keine dem 
deutschen nnd französischen Porcellan gleichkommende Waarc. 

Noch grösser ist die IMengc der Majolica- oder Fayence- und Steingutfabriken 
in Europa. Diecrsteren, besonders zahlreich in Italien _, Frankreichj Spanien^ En.g- 
land j, in den JSiederlanden j in Deutschland j, Ungern und Russlaiid _, liefern aus 
weisser feiner Erde verfertigte, und auf der Glasur kmistmässig bemahlte Gefdsse. 
"S^orzüglich gute Töpferwaare dieser Art wird erzeugt zu Faenza und Mailand in Ita- 
lien, obgleich jetzt weniger, als in der ersten Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts; 
ferner zu Delft und Lüttich in den Niederlanden, zu Etrurien in England, zu Alco- 
ra in Spanien, zu P^al sur Meudon unweit Paris, zu Hotitsch in Ungern, zu Prag ^ 
TeinitZj, Proskau^ Offenbach und an andern deutschen Orten. — Das Steingut 
wird aus kleingeslossenen und mit Pfeifcnthon vermischten Feuersteinen vcrferli- 
"Ct. Das beste in der YV^eli ist das englischej bekannt unter dem Nahmen TFedgwoodj 
der es erfunden, und durch Studium seines Handwerks (er war ein armer Töpfer aus 
der CiTnhc\\:ih Sta ff ord) , der Chemie und antiker Modelle, hauptsächlich etruski- 
scher Vasen luid anderer etruskischcr Gefässe cj , es in seiner Fabricalion zu einem 
bewtniderungswiirdigen Grade der Vollkommenheit gebracht hatte. Es zeichnet sich 
vor allen nachgemachten durch eine ausserordentliche Härte luid Festigkeit, durch 
Feinheit, durch eine gescbmackvolle Form und durch Schönheit überhaupt aus. Die 
ganze Gegend von den südöstlichen Glänzen der Pfalzgrafschaft Chester bis Lands- 
End nennet man wegen ihrer vielen Steingulfabrikcn die Potlerie. Ihr Hauptsitz ist 
zu Newcastlcj Etruria ^ Burslem ^ Derbj und Wörchester. Indessen hat man an 
einigen Orten des Coniinents das englische Steingut mit sehr viel Glück nachgeahmt, 
liesonders zu Severs in 'Frankreich, zu Delft in den Niederlanden, zu Ilolitsch in Un- 
gern und zu TVien j Prag j Teinitz _, Frain ^ Colin j Berlin ^ PJieinsberg _, Bi'eslait 
und an einigen andern Orten Deutschlands j wo auch nächst England die meisten 
Steineutfahriken vorkojnmen. 



III. Industrielle Producliou. §. Ii8. Tliouwaarcnfabrication. ' 221 

InAjiseliung der \ eifertigung feinex- Töpferwaare_, nahm entlich yeme/' brauner 
Gefässe _, zeichnet sich besonders die erhebhchc Töpferey zu Bunzlau in Preus- 
sisch-Sclilesien aus, deren Arbeiten von Reisenden, die deutsche und ausscrdeutsche 
Länder besucht Laben, als die ersten ihrer Art gepriesen werden. In Dänemark wer- 
den zu Ripe sehr viele schwarze Gelasse verfertiget, die unter dem Nahmen Jiiter- 
töpfe bekannt sind und ausgeführt werden. — Die Fabrication des steinernen Ge- 
schirrs ist unter andern ein beträchtlicher Zweig der deutschen Töpferey, besonders 
zu Bilin in Böhmen , in dem preussischen Regierungsbezirke von Coblenz imd im Her- 
zogthume JSnssau in dem Disiricte, welcher das Kannenbäckerland heisst. Auch in 
Ungern, nahmentlich zu Tiir im Hevescher Comitat werden sehr viele und dauerhafte 
^Vasscrkrüge (Korsok) verfertiget, womit die ganze Gegend lun Debreczin, auf 17 
Meilen im Umfange, verschen wird. — In Spanien und Frankreicli wird eine beson- 
dere Art von irdenen Gefässen gemacht, welche, die Eigenschaft haben, dass sie das 
Wasser erfrischen mid kühl erhalten, wenn man sie in den heissen Sominerlagen in 
den Schatten oder in die Zugluft stellt oder hängt. In Spanien nennet man diese Ge- 
fässe Bucaros j in Frankreich Hydroce'rames dj. 

Schinehtiegel _, die zu den feuerfesten Töpferwaaren gehören, für Scheidekünst- 
1er und Apotheker, werden in keinem europäischen Lande von so haltbarem AV'erthe 
verfertiget, als in Deutschland j nahznentlich zu Hajnerzeli bey Passau, bisweilen 
von der Grösse, dass sie 2000 Mark Silber fassen. Sie werden in grossen Ladmigen 
nicht nur durch ^anz Europa ej , sondern auch nach Chinaj MejcicOj Peru und Chili 
versendet. Ausserdem wird diese Töpfcrwaare auch zu Grossalmerode in Churhcs- 
sen luid zu Ratuia mid Schönbiihel im Erzherzoglhume Österreich, jedoch nicht von 
der Grösse, wie zu Hafnerzeil bey Passau, geliefert. 

Irdene Tabakspfeifen von vorzüglicher Güte werden zu Gouda in Holland ge- 
macJit aus einem Tliüne,,den man aus Colin und aus dem Lattich' sehen j, nachdem 
ci vorher abgetrocknet ist, in Tonnen von 460 P- kommen lässt ; doch ist diese Fa- 
biicalion gegenwärtig nicht mehr so beträchtlich, wie vor 5o — 60 Jahren, wo sie täg- 
lich an 10,000, nach andern gar 16,000 Menschen, beschäftiget hatte. Die hiesigen 
Pfeifen empfehlen sich besonders durch Stäike und Glätte. Ausserdeju werden auch 
zu Zboroivskj in Preussisch-Schlesien , z\x Dresden _, Grimma und Leissnig in Sach- 
sen, zu Grossalme/'ode in Churhessen , zu Hanover ^ Hameln und in andern deut- 
schen Gegenden ungemein viele und zum Theil sehr gute irdene Tabakspfeifen fabri- 
cirt. Die Grimmaer und Leissniger Pfeifenfaljriken lieferten allein im Jahre 1708 
20^328,000 Stück ; zu Grossalmerode werden jährlich 1 Million Pfeifen verfertiget. 
JNicht nünder verdient hier genannt zu w^erden die grosse Pfeifenbäckerey zu Debre- 
czin in Ungern, wo aus einem rothen Tlione jährlich an 11 Millionen Pfeil'cnköpfe oder 
Debrecziner Pipak gebrannt werden. 

Zu den gemeinsten, aber keineswegs unwichtigsten Thonfabriken gehören end- 
lich noch die Ziegelbrennerejen _, wo der Thon in die zum Bauen gebräuchliche 
Form, unter dem Nahmen Ziegel,, Backstein oder Brandstein ^ gebacken wird. Die 
besten sind die holländischen , die ausserhalb Europa bis nach Amerika verführt wer- 
den. Besonders zeichnen sich die unter dem Nahmen Klinker bekannten, zum AVas- 



„21 III. ludustrielle Production. §. iig. Fabricatiou der Salze. 

seibau so vortrefflichen Backsteine aus, die zu HaarUngen in Friesland gemacht wer- 
den. ^Icrk-wiirdig ist auch die ausserordenthche Geschwindigkeit, mit der man iu 
Holland den zuvor in Haufen geschlagenen imd getrocknelcn Schlamm in hölzerne For- 
men formt. Man schlägt das tägliche Quantum eines in dem, wegen seiner Zicgelcyen 
Lerühmlen Dorfe Gouwvackhcy Gouda arbeitenden Menschen auf io,000 mid meh- 
rere Stinke an. 

a) S. Historische Nachrichten iiher die königliche Porcellan-Manufactur zu Meissen , Tind de- 
ren Stifter J. Fr. Freyherrn o. Böttger. Gesammelt von M. C. B. Kenzehnann etc. Meissen , 
1810. 8. Vergl. H. A. L. Z. 1810. Nr. 270. S. 254 ff- Vergl. Geschichte der ersten Einfüh- 
rung und Nachahmung des chinesischen Porcellans in Europa; im i. Bde. der Jahrbücher 
des k. k. polytechnischen Institutes. S. 2 18 ff. 

b) Zur Säcularfeyer der k. k. Porcellan-Manufactur in Wien. Wien, 1818. Vergl. Geschichte 
der Wiener Porcellan-Manufactur; im 1. Bde. der Jahrb. des k. k. polyt. Instit. S. 232 ff. 

c) Dessvvegen nannte er seine Fabrik in der Grafschaft Stafford Etruria. Nach und nach brei- 
tete sich seine Fabrik so sehr aus , dass die dazu gehörigen Gebäude einer kleinen Stadt 
ähnlich sahen. Er selbst gelangle zu grossen Reichthümern. Jährlich lieferte er im Durch- 
schnitt wenigstens für eine Million Pfund Sterliiige irdene Waaren. S. Poppe's Geist der eng- 
lischen Manufacturen. S. 18 — 2o. 

ri) S. H. A. L. Z. 1812. Nr. 261. S. Oiß. 

e) Das Hauptmünzanit in IVien schmilzt seine Metallbeschirkuiigen oder sogenannte Münz- 
güsse von g — 10 Ctr. Gewicht in Tiegeln von gegossenem Eisen in einem hierzu besonders 
eingerichteten Schmelzofen; die kleineren Beträge werden jedoch ebenfalls in dn^Vi sogenann- 
ten Passauer Tiegeln geschmolzen. 

S- 119- 

F a b r i r a t i o n der Salze. 

Vom Koclisalzt s. oben §§. Ö" — 8q- In den Salzsiedcrejcn werden die miend- 
lich kleinen, in dem Salzwasser oliv der Soole aufgelösten Salziheilchen g/vu/irtj 
d. h. einander näher gebracht oder concenlrirt , und sie von einem Theile ihres über- 
flüssigen Wassers beh-eyet. Dieses geschieht: hauptsächlich auf eine dreyfache Art: 
1) dass man den Gehalt oder Grad der Soole durch Beymischung mehrerer Salzthei- 
Ic verstärkt, wie z. B. auf dem norwegischen Salzwerke zu TFallöe ; 2) dass man die 
in der Soole bcfindiichen Salzlheilchcn mittelst der Kälte (^Eisgradlritng) nöthigt, 
näher zusammen zu treten, wie z.B. in den russischen Salzseen 3 5) dass man die wäs- 
serigen Theile der Soole verflüchtigt, die Salztheilchen aber zurückhält. Dieses letz- 
tere Verfahren ist die allgemeinste luid wichtigste Gradirungsart , luid man betreibt 
sie hauptsächlich auf dreyfache Weise : a) dass man die Soole in grossen Behältern 
ganz ruhig, niu- der Sonnenwärme ausgesetzt, stehen lässt (Sommergrad innig); ist 
niu- für's südliche Europa geeignet; b) dass man die Soole einige IMale diuch Reiser 
oder Dornen von der Höhe der dazu bestimmten Leckwerke oder Gradirhäuser her- 
ab in Pfannen tröpfeln lässt {Tropf elgradiriing) oder die sogenannten Leckwerke); 
die beste und gemeinste imter allen : c) dass man endlich die Soole in Pfannen der 
Hitze des Feuers aussetzt; die kostspieligste und unanwendbarsie unter allen, wenn 
die Süole nicht wenigstens neuugradig, luid das Fcuermaleriale noch obendrein wohl- 



ill. ludustrielle ProJucliuu. ^. iig. Fjbrioatiou der Solze. jj3 

feil ist. — Der Salpeter wird in Europa , Ungern _, Spunien und Italien ausgenom- 
men (s. oben §. go) nur selten und sparsam gediegen oder natürlich gefimden, son- 
dern der allermeiste wird durch besondere Vorrichtimgen aus einem Gemenge von 
Erden und faulbaren Theilen gewonnen, wodurch das Salpetersauer erzeugt wird, 
welches mau in den Salpetersiederejen durch Auslaugen erhält, mit feuerbeständi- 
gem Laugensalz sättigt, und so durch Einsieden den Salpeter bereitet. Die meisten 
Anstalicn tlcr Art befinden sich in Frankreich _, Oesterreichj Spanien j Grossbritan- 
jueuj in den Niederlanden j der Schweiz j in Italien _, Schweden und Russland. In 
Prenssen aj und einigen andern europäischen Staaten wird dieses Mitlelsalz nicht 
genug zum Bedarf gesotten. Überhaupt ist die Salpotererzeugung in Europa, wegen 
des Ungeheuern Verbrauchs zur Beieitimg des Schiesspulvers , des Scheidewassers 
u. s. w. , bey weitem nicht hinreichend. Daher denn der ostindische natürliche Sal- 
peter als Ballast von den Engländern in grosser xVlenge eingeführt wird. — Mit Holz- 
kohlen mid Schwefel vermischt gibt der Salpeter das Scliiesspidver ^ auch vorzugs- 
\\ eise Pulver genannt, welches in den bekannten Pulvermiilden bereitet wird bj , 
und ein wesentliches Element der Kraft des Staates ist. Die Sichcrsielhuig des nö- 
thigon Bedarfs an diesem Kunslpioducte ist für Kriegsfidle ungemein wichtig. — Der 
Alaun wild aus alaunhaltigen Mineialicn gewonnen, indem man diese in den ^/a/^zwer- 
A'f/i auslaugt und die Piohlauge abdunstei und siedet. Der beste, unter dem Nahmen 
des i-'6mischen bekannte Alaua kommt von Civita f^ecchia aus Italien, wo auch im J. 
1408 die ersten Alaunsicdercyen in Euiopa entstanden. Nach dem römischen Alaun 
folget in Ansehung der Güte der spanische luid ungrische j besonders der zu Mun- 
katscJi erzeugte, der dem römischen nicht viel nachgibt. England j Deutschland ^ 
Schweden vnid Aorwegen liefern dieses Fabricat ebenfalls gut und häufig. — Der 77- 
triol ist ein Salz, welches aus Schwefelsäure besteht, verbunden mit einem Me- 
talle. Mit Kupfer gibt die Schwefelsäure den blauen oder cj prischen ^ mit Zink den 
weissen j mit Kobalt den blassrosenrotherij und mit Eisen den grünen P^itriolj womit 
alle schwarzen Faiben hervorgebracht werden. Alle diese Arten werden in eigenen 
v\.nstalten, Vitriolsiederejen ^ aus verschiedenen Mineralien gewoimen. — Der Sal- 
nüak ward ehemals IjIoss aus Aegjpten j wo er durch Sublimation aus Russ vom Ka- 
mehlniist gewonnen wird, nach Deutschland imd andern europäischen Ländern ge- 
])racht. Jetzt sind aber auch in Europa, nahmcntlich \n Deutschland^ Italien j Frank- 
reich j Grossbritannien ^ Schweden und Paissland Salmiakfabriken. Er wird von vie- 
len Künstlern, Färbern, Tabaksfabricanten, Metallarbeitern, auch in den A])Olheken, 
in Menge gebraucht. — Endlich der Borax' kommt roh, oder vnircin imler dem Nah- 
men Tmkal nws, Ostindien, wird am meisten in London _, Amsterdam mid P'encdig 
raifuiirt, und häufig zum Zusamuicnschmclzen und Löthcn der Metalle, zu Eniail- 
aii)eiien u. s. w. gebraucht. 

o) S. rolgteVs Versucli emer Statistik des preussischen Staates. S. 117. 

6) Traite de l'art de fabriquer la poudre ä canon , precede d'uii espose historique sur i'etablis- 
senient du service des poudres et salpetres en France, acconipagne d'un recueil de quarante 
plancfies aux trait. Par MM. Bottee et Fiijruidl etc. Paris, 1811. 4- Vergl. Göttiiig. gel.Anz. 
St. 44 u. 45. i8x3. 



2J4 III- Industrielle Production. §, 120. Beförderungsmittel des Kunstlleisses ete. 

§. 120. 
Beförderungsmittel des Kunstfleisses in den europäischen Staaten. 

Die vorzüglichsten Mittel, welche zur Belebung und VervoUkoitimiiung des Kunst- 
fleisses in deia europäischen Staaten iheils wirklich angewendet werden , iheils hie 
und da in Anwendung zu bringen wären, sind: 

1) Das Yerbolh der Einführe fremder Manufaclur- und Fabrikwaaren , wie es ur- 
sprünglich in England geschah, iind nach dessen Vorgange auch in Frankreich ^ 
Oesterreich _, Russland und andern Staaten eingeführt wurde. Denn wenn das in sei- 
nem Innern so liberale England mit einer Strenge gegen den Handel des Auslandes 
vorgeht, welche nirgend ein Gegenstück findet: so fordert es vVohl das Interesse, ja 
die Pflicht der übr)^;cn Staaten in einem hohen Grade , die inländischen Fabriken zu 
schützen , und zu verhindern , dass mit ihnen nicht ein grosser Theil der National- 
capitalien zu Grunde gehe. In demselben Verhältnisse, als das Prohibitivsystem an- 
derwärts an Ausdehnung gewinnt und vervollkonunnet wird, bringt der Staat, der 
das entgegengesetzte System befolgt, ausschliesslicher und beträchtlicher Opfer. 

2) Da nun die Grundsätze dei- neuem Theorie mittelst der Herstellung einer all- 
gemehien Handelsfreyheit sich in der wirklichen Welt, wie sie ist, nur als fromme 
Wünsche darstellen: so ist der Enlschluss , aus Voruribell, Leichtsinn, Modesucht, 
Anglo-Manie, nicht fremde Staatsbürger zu ernähren , und die eigenen darben zu las- 
sen, tun so patriotischer und dringender. Daher verdient das Beyspicl der Berliner 
SUidti>erord/ietenj die im J. 1817 einen patriotischen \erein zur Aufnahme der in- 
ländischen Fabriken schlössen, auf dem festen Lande, vornehmlich in Deutschland j 
überall Nachahnnmg. Sie verpflichteten sich kraft dieser Urkunde , gegenseitig ein Je- 
der in seinem Kreise-dahin zu sehen , dass weder von ihm , noch von seinen Angehö- 
rigen oder Bekannten und Freunden, irgend ein ausländisches Fabricat, möge es 
zur Bekleidimg oder zum Ameublenient dienen, gebraucht, sondern das anzuschaffen- 
de Bedürfnis» ledigliclt von inländischen Fabricanten genommen werde. Herrlich wä- 
re es , w cnn hier die Grossen seihst mit gutem Beyspiele vorangingen ! 

3) Häufigere, ausgedehntere und gei'ibtere Anvv'endung vortrefflicher Maschinen, 
womit man Zeit und Arbeit erspart, in Ländern, wo es an Menschenarmen fehlt. Nir- 
gends sind so viele künstliche iMaschincu für Manufacturen erfunden und in Anwen- 
dung gebracht worden, als in Grossbritaniden j Avohin ganz vorzüglich die Dampf- 
maschinen gehören. Man hat berechnet , dass sie den Britten täglich 75,ooo Pf- Ster- 
linge ersparen. Bloss durch so viele treffliche Maschinen sind die Engländer im Stan- 
de , ihre Waaren, mit Ausnahme der Seidenwaaren , zu so ausserordentlich wohlfeilen 
Preisen zu liefern. Indessen fängt man an in Grossbritannieji einzusehen, dass die 
Anzahl der Kunstgelriebe zu sehr angewachsen , und man in der Entbehrung der 
Menschenhände zu weit gegangen ist, welches selbst auf mehrere Gegenden des Gon- 
tinents einen sehr nachtheiligen Einfluss hat. Die Schweiz ^ Schlesiens Gebirge, das 
Erzgebirge,, Aev HarZj, beweisen durch die Himgergestalten ihrer Hütten, dass die Ma- 
schinen der Engländer nicht allein in ihren eigenen Fabrikstädlen Elend verbreiten aj. 
In Ländern, in denen die Bevölkerung so bedeutend ist, dass, sobald die Fabriken 



III. Industrielle ProJuction. §. I20- Bifofd, riiD^siiiilUl ilcS Run- liUisSts ile. i2j 

darniedcrliegcn , taitscud Iländc feycrn müssen, und die tmisieu grossen Besiiziingcn 
nur einen gcjingcn üiufani' haben , sind Maschinen der lluiu der niensclihchcn Gc- 
sellschafl. Sie hereiehern den Einzchien und stürzen Tansende ins Elend. 

4) [I/ipartejische Schtiu- luid Slämpelgerüchte j oder stre?igc Gexverbspolizej j 
wehdie dicFahricate mit Kenntniss und Gewissenhaftigkeit |)riiftc. Dadurch würden viele 
Pftischereyen und Betriegereyen , die leider! nur gar zu oft in den grösseren europäi- 
schen Fabrikslädlcn begangen werden, verhütet. Insonderheit würde einer Art, dicFa- 
liriken zu ruiniren , vorgeheugt, welche die Juden in Ausübung bringen , wenn sie eine 
Geldverlegenheit oder Mangel an Absatz der Fabrikwaarcn wahrnehmen, und den Fa- 
bricantcn dahin bewegen, den Gehalt seiner Waare zu verringern. Etwas geringer au 
Güte, ein wenig kürzer und schmäler und hiermit auch wohheiler, wird, wie sie ver- 
sichern, den Absatz vermehren j denn sie beiheuein es aus Erfahrung zu wissen, dass 
die meisten Käufer nicht sowohl daraufsehen, ob die Waare geringhaltiger, kürzer 
imd schmäler, sondern ob sie wohlfeiler scy, als jede andere ihr ähnliche. Nach- 
ahmungswürdig daher sind die in mehreren deutschen Ländern angeordneten Legge- 
imd Schauanstalten j an die die Flachs- und WoUenw aaren , zur Sicherung des Cre- 
diis, zur Vermessung gebracht werden müssen. In Genf besteht ein eigenes Gewähr- 
leistungs-Bilveaa j, wodurch der gute Ruf der dortigen Uhren- und Juwclenfabriken- 
erhalten wird, so wie der Stänipcl, womit jeder schwedische Eisenfabricant jede von 
ihm verfertigte Waare bezeichnen muss , und die obrigkeitliche Beschau eines jeden 
Stücks vor seiner Ausfulire die schwedischen Eisenwaaren in ihrem Credit erhalten. 

5) Das in mehreren Staaten, z. B. in Grossbritannien j Oesterreich j Frankreich ^ 
lieslehende Sj Stern der Erfuidiingsprivilegien j dem zufolge demjenigen , welcher 
eine, durch die vorläufige Untersuchung als neu und nützlich erkannte Erfindung 
oder Verbesscrimg in irgend einem Zweige der technischen Künste macht, ein Pa- 
tent oder Privilegium ertheilt wird, wodurcli ihm auf eine bestimmte Anzahl von Jah- 
ren der ausschliessliche Genuss seiner Erfindimg oder Verbesserung gegen dem zuge- 
sichert w ird , dass die Nation nach dieser Zeit vollständig in den Besitz dieser Erfin- 
dung gesetzt werde. Dieses System ist ein mächtiger Sporn des Erfindimgsgeistes und 
dadurch ein wirksames Beförderungsmittel des Aufschwungs der Nationalindusiric. 
\ iele Erfindungen, die ausserdem theils gar nicht gemacht worden, theils nicht in 
das praclische Leben übergegangen wären , sind durch das System der Erfindungs- 
privilegien hervorgerufen oder erhalten worden. In Grossbritannien winden seit dem 
J. 1676 — 181 5 38 10 Erfindungspatentc erlhedt, und davon 3266 einzig unter 
Georgs III. Regierung; unter seinen sechs Vorgängern aber nur 544 ^J- ^^ Frank- 
reich wurden im J. 1818 l52 und im J. i8ig i36 Patente auf neue Erfindungen oder 
Verbesserungen ertheilt. In der (österreichischen Älonarchie, nahmentlich im lom- 
bardisch-venetianiscJienls.öm<^vG\c\\e , werden ausserdem für die im Laufe jedes Jah- 
res gemachten neuen und nützlichen Erfindungen im Gebiete des Gewcrbsfleisses Ki-- 
munterungspreise (goldene imd silberne) vertheilt. 

6) Privatvereine j von reichen patriotischen Männern gestiftet, um Erfinder und 
Verbessercr neuer nützlicher, wirklich anwendbar gefundener Maschinen und anderer 
Einrichtungen, zu belohnen, und die Uixvermögenden nöthigenfalls durch Vorschüsse 

29 



220 in. ludustiiclle Production. §. 120. Bel'orderung^miltcl des Kunstfleisscs elc. 

ZU unterstützen. Die Unterstützung des Erfinders muss jedoch, wenn die Aussichten 
gut sind , und wenn man von dem Fleisse imd der Rechtschaffenheit des Erfinders 
überzeugt ist, mit Nachdruck geschehen, ohne sogleich von den ersten misslun"enen 
oder nicht ganz nacli Wunsch gehmgenen Versuchen abgeschreckt zu werden. Denn 
auch das unzweifelhafteste und aufs Beste angefangene Unternehmen kann durch ir- 
gend einen unglücklichen Zufall missrathcn. Solche patriotische Privatvereine gibt es 
in England cj , Frankreich dj und Dänemark. 

7) Zweckmässige Unterrichtsanstalten für die Künste des Gewerbsfleisses , als : 
Industrieschulen _, Realschulen und technologische Institute _, wovon in der zwevten 
Abthcihmg die Rede se^n wird. 

8) Oejffentliche Austeilungen der im Lande verfertigten Fabrik- und Manufac- 
lurwaaren, als Proben des inländischen Kunslfleisses, zu gewissen Zeiten des Jahres, 
in der Hauptstadt oder in einem anderen Haujitorte des Landes. So geschieht es in 
Wien j Paris j Kopenhagen und an einigen andern eurojiäischen Orten. Natürlich 
muss diess ein kräftiger Sporn zur Vervollkommnimg aller Arbeiten seyn, weil jeder 
Mann von Ehre der Waare, die er öffentlich ausstellen will, gewiss die möglichste 
Vollendung geben wird. 

g) Sorgfalt der Gewerbspolizey, dass der Fabricant, besonders der arme, wegen 
Anschaffung der Materialien nie geängstiget sey, auch nie wegen des Absatzes der Fa- 
bricaie in ^'^erlcgenheii komnie. In Dänemark schiessl das Institut des Manufactur- 
waarenhandels den Fabricanten die nöihigen Summen vor, liefert ihnen die rohen 
Materialien für billige Preise und erleichtert den Absatz an die Kaufleute. In England 
werden die dürftigen Arbeiter von den Handlungscompagnien mit baren Vorschüssen 
oder nüt rohen Materialien unterstützt j tmd zu Leeds ist stets offener Markt, wo in 
der kürzesten Zeit sicherer Aljsalz der Waaren und eine Auswahl neuer Materialien 
zu finden ist. Auch die oben erwähnten öffentlichen Ausstellungen der Fabricate tra- 
gen viel zu dem j\Lsatzc bey. 

10) Endlich Verbesserung des Zunftwesens in denjenigen Staaten, wo es noch 
besteht, besonders durch Abschaffung der vielfältigen Handwerksmissbräuche. 

a) S. Ergänzungsbl. z. J. A. L. Z. 1818. Nr. 56. S. 60. Vergl. Englands Industrie und die 
meclianischon Erfindungen sind das Verderben des festen Landes. Dargestellt zur Beherzi- 
gung für die Mäcliligoa und Reichen wegen der Aerdiensllosen Armen. St. Gallen, 1817. 8. 
Veigl. Ergänzungsbl. z. A. L. Z. 1819. Nr. 1. S. 6 ff. 

b) S. Darstellung der englischen Gesetzgebung über die Erfindungspri>ilegien (patenls of in- 
fentio:i); von J. J. Prechil elc. ■, in dem 1. Bde. der Jahrbücher des k. k. polytechnischen 
Institutes. S. 73 ff. 

c) Wo unter andern zu London die Sociciy inslilufesd for ihe encouragement of aris , manw 
fdclures and commerce schon seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts besteht, und im J. 

i8o6 an Mitgliedern zählte: »270, die 2 Guiiieen , 23, die 3, und 11, die 5 jährlich bei- 
trugen , was die bedeutende Summe ^ on 2564 Guineen ausmacht. Der Zweck , zu dem die* 
se Beyträgc bestimmt sind, ist die Beförderung der Künste , der Manufacturcn und des Han- 
dels ; jedoch nimmt die Gesellschaft diese Rubriken nicht nach einer ängstliclien Definition, 
sondern sie befördert alles , was innerhalb des Umfangs der menschlichen Thätigkeit schön 
und nützlich ist; auch auf Ackerbau , Forstwesen u. s. w. sind daher eine Menge Preise 
ausgesetzt. Um von dem Erfolge ihrer Bemühungen auch die in den Grafschaften befindli- 



IV. Conimcrc. Product. od Handel. § I2i. Witlitigk. d, Handels. §. I22. Unifang d. furop. Hjindels. »27 

chcn Mitglieder zu unierrichten , gibt sie Transaciions heraus , in welchen von ihren Arbei- 
ten Rechenschaft gegeben wird. 
d) Wo zu Paris die Sociele d'encoutagement de i'induslrie seit i8o2 besteht, und 1804 bereits 
1000 iMltglicder zählte. Der Zweck dieser Gesellschaft geht dahin, auf alle Wege zur Ver- 
vollkoinmniing der Künste und Gewerbe wirksam zu soyn ; die Handgriffe und Verfahrungs- 
arlen zu vereinfachen^, Kenntnisse und Gebrauch der besten ]Maschinen zu \ erbreiten , und 
lilerdurch den Wachstlium des jNationalrcichthums zu befördern. In dieser Absicht gibt sie 
Preisaufgaben, prüft neue Erfindungen, und belohnt solche nach Massgabe ihrer Gemein- 
nützigkeit, lässt Älodelle von den besten Maschinen anfertigen, und stellt solche, so wie 
die vorzüglichsten Kunsiproducte zur Nachahmung auf Nicht minder befördert sie den Un- 
terricht durch Vorlesungen und durch eine zum Gebrauche sämmtliclier Mitglieder ofFen 
stehende Büclursammlung. Um von dem Erfolge ihrer Bemühungen auch die in den Pro- 
vinzen befindlichen Mitglieder zu unterrichten, l'asst sie Bulletins drucken, in welchen von 
ihren Arbeiten genaue Rechenschaft gegeben wird. 



IV. Commercielle Production oder Handel. 

§. 121. 

Wichtigkeit des Handels. 

Nicht jedes Land bringt jedes Eizeugniss hervor, und nicht jedes Volk ist durch 
Bedürfniss , Sitte oder Beschäftigung gleich aufgelegt zur Verarbeitung der Naturijro- 
ducle. Hieraus entsteht ein gegenseitiger Mangel oder Überfluss, davon die Ausglei- 
chung das Geschäft des Handels ausniacht. Dieses Gewerbe ist nicht nur die letzte 
Quelle des Nationahvohlslandes, als Belebungsmiltel der Ur- und industriellen Pro- 
duction, welche die Genusssmiltcl oder Güter gibt, sondern auch das einzige Mittel, 
alle Theile der Erde mit einander in Verkehr und Verbindung zu bringen, und da- 
her selbst fiir die Landes- und Geislescultur von äusserster Wichtigkeit. 

§• 122. 
Umfang des europäischen Handels. 

Wenn die Europäer es scl^on in ihren Manufacturen und Fabriken , in der Man- 
nigfaltigkeit, Vollkommenheit imd Schönheit ihrer Kunstproducte, allen übrigen Völ- 
kern zuvorthun: so erhält diese ihre Überlegenheit durch ihren ausgebreiteten Handel 
eine noch weit höhere Bedeutung. Sic handeln thcils unter sich, ilieils nach allen an- 
dern Erdtheilen aj. Mit Hülfe des Compasses bj _, einer Erfindung der Italiener, 
können sie sich in das weite offene Meer, ohne sich zu verirren, wagen und den Ort 
ihrer Bestimmung sicher finden cj. Seit der eben bemerkten Vervollkommnung der 
Schifffahrt können sie Reisen über die ganze Erde anstellen, und unternehmen sie 
wirklich bis in die entferntesten Gegenden der Erde, bis dahin, wo die Natur sclljst 
den Weg versperrt, theils aus Neugierde, mehrenthcils aber aus Handelsabsichlcn. 
Keine einzige Nation in einem andern Erdtheile hat noch je eine Reise um die Welt 
gemacht. Die Europäer sind es also, die durch ihre grosse Seefahrt und ihren Welt- 

29- 



2j8 IV. Comtnercidlo Produclion oder Handel. § 122. ümfsng des enrop. Ilaudrls. 

liandel iiichl nur sich mit den Schätzen fremder Gegenden hcreichern^ und diesen 
ihren Üherfluss zuführen , sondern auch diese Gegenden seihst durch Zwischenhan- 
del aus der einen in die andere einander näher hringcn und mit einander hekannt ma- 
chen. Sie haben sich nicht einmal mit dem blossen Handel begnügt, sondern, um 
diese Schätze ganz zu besitzen und jene reichen Länder nach Gefallen zu benutzen , 
das Besitznehmungssj Stern erfunden, und einen Theil der übrigen Erde, der die 
Grösse ihres Vaterlandes weit übersteigt, sich nüt Gewalt unterwürfig gemacht ; und 
diess haben nicht nur Staaten, sondern sogar blosse Gesellschaften von Kaufleu- 
ten gethan. 

Den ausgcbreitetesten Handel in und ausser Europa treibt gegenwärtig Grossbri- 
tannien ; der grösste Theil des gesammten Wellhandels ist in Aen brittischen Wan- 
den; vor den Britten waren die Holländer ^ vor diesen die Spanier vmd Portugiesen _, 
und vor diesen die T^enetiatier im Besitze des Welihandt?ls. Die S]>anicr entdeckten 
1^92 durch Cliristoph Columbus die neue Welt dj , und die Portugiesen 1407 durch 
J^asco de Gama einen neuen Weg nach Ostindien. Dadurch änderte sich der ganze 
Gang, wie die ganze Einrichtung des europäischen Welthandels, weil er aus Land- 
handel, was er bis dahin, seinem wesentlichen Charakter nach, stets hatte bleiben 
miissen, in Seehandel umgeschaffen ward. Eben daher aber bestimmte die geogra- 
phische Lage der Länder ihre Wichtigkeit oder Unwichtigkeil für den Handel nach 
einem ganz andern Maassstalie , da es in der Natur dieser Veränderung lag, dass in 
Europa jetzt die westlichen Länder, statt deren am mittelländischen Meere, die Sitze 
lies ^Vellhandels wurden ej. 

Seit der Entdeckung von Amerika , wo der grosse europäische Seehandel aufzu- 
blühen anfing, war keine einzige Epoche, in welcher derselbe so eingeschränkt gewe- 
sen wäre, als er es seit 1806 bis i8l3 durch das sogenannte Continentalsjstenifjj 
welches Napoleon Avm. britlischen Handelsmonopol entgegensetzte, geworden ist. 
Nur noch ein unbedeutender Küstenhandel mittelst Licenzen gj war übrig; desto leb- 
hafter war aber der Landhandel. Die Leipziger Schlacht waif das ganze Continental- 
systcni umj aber auch der Dreyzack der mono])olisirendcn Engländer wurde seitdem 
nur noch mehr befestigt, imd mannigfaltige Verhältnisse, welche auf jenem Systeme 
beruhten und seine W irkungen waren , umssten imtergehen. Die ersten Fabriken 
mussten still stehen. Der Fabricant verlor die Früchte seiner Anstrengung, der Kauf- 
mann sein Capital und viele hundert Familien büsstcn ihr tägliches Brot ein. 

fl) Mit Ausnahme der NordamprikaniM- und derBerberen schifft keine einzige aussereuro[)aisthfc 
Nation nach Europa. 

/)) Das wesentliche Stück dieses Instrumentes ist die auf einem Stifte schwebende M;ii,'iieliia- 
del. Diese besitzt die Eigenschaft des Magnets, womit sie bestrichen ist, sich allezeit nach 
einerley VVellgegend zu wenden. 

c) Die Alten, die keinen andern Wegweiser hatten, als die Sonne und die Gestirne, welche 
der Wechsel der Witterung so oft ihrem Auge entzog, durften sich nicht weit von den Kü- 
sten entfernen. 

d) Die jetzt nur durch einen MissgrifT des Neides den Nahmen eines Andern trägt, nähmlich 
den des tmerico Vespucci. — Chrii.'opli Colonibo, über seinen Geburlsort und seine Fatnilie; 
111 den Allgem. geogr. Ephem. Bd. 5i. S. ii2 iT. Vergl. Noch etwas über Columbus ; in der- 



IV Cnmrnerci.^lle Pi i.luclion oder fl,ind<:l. §. 123. HentJel der Knrnpaer viac.ii der Osl.-,f-t , etr. 2^0 

seihen Zritsrhrift. Bd. 02. S. 101 — io5. Der Nähme Colon in der bekannlen Giabsclirift die- 
ses grossen Maanes : 

A Castilia y a Leon 
Nucfo Mundo Dio Colon 

(d. h. den Königreichen Castilien und Leon scheiikle Colon die neue Welt) ist Llos^ 

eine poetische Liccriz, \on dem Reime erzwungen. 
) S. Cromc's Abhandlung ühcr die Schicksale des Welthandels und der auswärtigen Colonien 
der europäischen Staaten, von 1492 — 1810; in dem 4 i 5- und 7. Hefte des i>. Fahnenberg'- 
schen Magazins fiir Handlung etc. 1811. Heidelberg. 

/") Das Continentalsystem. Leipzig, l8i2. Es hatte zwey Tendenzen. Die erste ging dahin, 
den Coloiiialhandel durch hohe Besteuerung aller Colonialproducte zu hemmen ; die zvveyte 
hatte zum Gegenstande, den briltischen Alleinhandel zu bekämpfen und die englischen Fa- 
bricate zu vernichten. Der König von Preussen war , ausser den Fürsten des (ehemaligen) 
Rheinbundes, der erste Souverain , der den T &r\S. \on Trianon annahm, und Untersuchun- 
gen gegen die Einführung englischer Fabricate \ erordnete. S. Polit. Journ. 1811. Jan. S. 2o. 

•) Versuch einer Darstellung der Llcenzcn-Geschichte. Eine Bittschrift an die zum Wohl 
Europa's verbündeten Monarchen, um Abstellung der Scekaperey. Von Georgias (ohne An- 
gabe eines Verlegers und Druckortes) i8i4- Vergl. Leipz. L. Z. i8i5. 65. Nachdem man 
sich durch willkührliche und widernatürliche Gebote und Verbote allen direclon und indi- 
rectcn Verkehr abgeschnitten, und sich gleichsam aqua et igne im wörtlichen Sinne inter- 
dicirt hatte: fühlte man bald, dass ein so arges, gewaltsames Zerreissen des natürlichen 
Bandes, das Nationen an Nationen, und selbst den Feind an den Feind kettet, für jeden 
Theil gleich verderblich sey, dass man durch strenge Aufrechthaltung der Interdiction, nicht 
bloss nur den Feind zu Grunde richte, sondern auch sich selbst dem Unterg.inge aussetze; 
daher gcrieth man auf den neuen Abweg der Licenzon. 

A. Auswärtiger Handel der Europäer, 
a) Seehandel derselben. 

§• 125. 

1) Handel der Europäer nach der Ostsee, dem m i t ! e 1 i ä n d i s cli e u ]M e c r e 
u il e ] der L e \' a n t e und dem schwarzen 31 e e r e. 

Unter den ciiro|i;iischpn Scehandelswegen ist der wichligsle aiit'der Ostsee j wo jähr- 
lich, zur Friedenszeit, hiiüuiclischnilt 10,000 S«"lii Ob durch doiiiSw/zr/ hin tmd licr se- 
geln, von denen die dänische Regierung den i1>'m/u/:;o/Z crhehl, ohne die 700 Schiffe, die 
jahrlich durch den kleinen Bell gehen, und die g37 Schiffe^ die im J. lygo durch den 
scjilcswig-holsteinischen Canal l'nhren, in Anschlag zu hringen aj. An diesem Handel 
nehmen fast alle europäischen s(.'cfahrendcn Nationen Anlhcil , hesonders di(; Eiv^län- 
der j Russen j Schweden und Dänen ^ dann die Holländer ^ Preussen und d'iefi-eyen 
Hansestädte. Auch die Franzosen halben in der neuern Zeit einige Häfen an der Ost- 
see zu besuchen angefangen, so wie jetzt mnnchinal auch die portugiesischen und 
spanischen Schiffe nach der Ostsee segeln. 

Nächst dem. Handel nach der Ostsee ist der Verkehr der Eitropäer am lebhafte'- 
Sien nach dem mltlelländischen B'Ieere. In diesem geht ilite Schiffahrt nicht allein 
nach den spanischen, fiunzösisclu-n imd italienischen Häfen , sondern auch nach der 



23o IV. Commeicicllf Producliou oder HüikIcJ. ^ ii3. Haiidfl der Euoiiiäer iiacli der Levante, etc. 

iiördÜclicu Küste yon y/frika _, nac]i dem Jrchipelagus und der Tui-kej jxmlcr dem 
Nahmen des Handels nach der Levante. Dieses Wort zeigt üherhanpt gegen Osten 
oder Älorgen gelegene Länder an, und die Europäer kommen darin iiberein, dass 
.sie Länder, die am mittelländischen Meere liegen, darunter verstehen, deren Umfang 
sie aher auf verschiedene Art Lcstinmacn. Die Italiener verstehen unter der Levante 
alles Land, welches ihnen gegen Morgen am adriatischen Meere, Archipelagus und 
mittelländischen Meere, von Dalmatien an, his zum Euj)hrat in Asien, und bis zitm 
Nil in Afrika oder Ägypten liegt, die in diesem Striche gelegenen Inseln mit einge- 
schlossen. Die Franzosen rechnen noch ausserdem Italien , imd die ganze nördliche 
Küste von Afrika dazu; und die Holländer und Engländer \i^e^cn alle europäische, 
asiatische und afrikanische Länder, welche das mittellänische Meer umgeben, die Le- 
vante zu nennen. Ini engsten Sinne verstellt man unter der Levante das am Archipela- 
gus und östlichen Theile des mittelländischen Meeres gelegene Land, ConstantinopeL 
auf der einen und Alexandria in Ägypten auf der anderen Seile mit eingeschlossen, 
ausser welchen Städten noch Smjrna ^ Aleppo und Saloniki fThessalonichJ voi- 
nehmlich unter den Handelsstädten in der Levante berühmt sind. 

Der levantische Handel ist für die meisten em-opäischen Länder sehr wichtig, 
theils wegen des Absatzes ihrer Manufactur- und anderer Waaren in der Tiirkey, 
tlieils wegen des Ankaufs vieler, zum Theil sehr kostbarer orientalischer Naturerzeug- 
nisse. An diesem Handel nehmen den vorzüglichsten Antheil Oesterreich , Frank- 
reichj Italien j England und die jonischen Inseln; nächstdem Schweden und Däne- 
mark. Selbst zu Lande oder auf der^ixc und auf der Donau ist dieser Handel erheblich 
für Oesterreich und Russland ^ so wie mlilcllliarer Weise durch Österreich für 
Deutschlar.d und die Schweiz ^ obgleicli die Einführe aus der Türkey nach Öster- 
reich, und durch Österreich nach Deutschland und der Schweiz (vorzüglich wegen 
der vielen Baumwolle imd Seide, und wegen der grossen Menge von Tafelöhl, Katfeh 
und einigen anderen levantischen Spezcreywaaren und Südfrüchten) die Ausfuhre da- 
hin bey weitem übersteigt bj. Diese Handelseinlnisse wird durch die in Österreich 
geprägten und in der Türkey beliebten Kaiserlhaler ausgeglichen, wodurch grosse 
Wechsclgeschäfte in Wien veranlasst werden, die sich fast über ganz Europa ver- 
breiten, indem die deutschen Zahlungen oft durch Abrechnung mit Engländern, Hol- 
ländern, Franzosen und Italienern, die Forderungen in Deutschland und Zuhlimgen 
nach der Türkey haben, getilget werden. 

Nicht minder erheblich ist der russische Handel nach der Türkey, und zwar zu 
Lande und zu Wasser auf dem schwarzen Meere. In altern Zeiten war dieses Meer 
allen seefahrenden Nationen verschlossen. Erst im vorigen Jahrhundert ward den 
österreichischen und russischen Kaufleulen durch Friedensschlüsse luid Handels- 
tractate die frcyc Fahrt in's schwarze Meer, imd zwar auf ihren eigenen Schilfen be- 
willigl cj , und dadurch ein neuer Zweig des levanlischcn Handels begründet. In dem 
am 20. Jnn. i8o2 zwischen Frankreich und der Pforte geschlossenen Frieden ward 
auch den Franzosen freye Schifffalu t auf dem besagten Meere zugestanden. Bald dar- 
auf räumte die Pforte auch den Engländern diese Befugniss ein, und gegen Ende 
des J. 1802 criheilte. Russland den Holländern^ Spaniern und Neapolitanern die 



IV. Cüiamcre. Product. od. Handel. §. 123. Handel der EuropSer iincli dem srliwaricn Meere, etc. j3» 

Erlaubniss, die russischen Hafen am schwarzen Meere zu hesuchca d). — Im J. i8o5 
segckcn 900 Schiffe nach dem schwarzen Meere, davon 5oo nach Odessa ^ 200 nach 
T'agativok und die übrigen nach Feodosia _, Eupatoria und Sewastopol; 8i5 gingen 
in el)eu -dem Jahre l)cLadcn nach verschiedenen Plätzen zurück ej. Die vornehmsten 
Ausfuhrartikel sind: Getreide, Mehl, Pelzwerk, Kaviar u. a. ni. ; die nahmhaftestcil 
Einfuhrartikel: Wein, Südfrüchte, Syrup , Butter, Weihrauch u. a. m. Im J. 1816 
gingen von Odessa über 2000 Kornschiffe nach dem schwarzen und minolländischca 
Meere ah. — Da kraft des ersten Artikels der Präliminarien des russisch-türkisclicn 
Friedens von Buhuresclit vom i6- (28-) May 1812 festgesetzt ^Morden ist, dass der 
Pruthfluss von da, %vo er in die Moldau eintritt, bis zu seiner Einnuindung in die 
Donau , von da aber das linke Ufer des letzlgedachten Stromes bis Kilia und dessen 
Einmündung in das schwarze Meer die Gränze zwischen beydcn Mächten bilden soll : 
so liat die Pforte dem ausschliesscnden Besitze der Donau und ihrer Mündung ent- 
sagt, und dadurch aufgehört, alleinige Beherrschcrinn der Schifffahrt aus dersoll)eii 
in das schwarze Meer zu seyn. 

Übrigens ist der levantische Handel m^\\v passiv als activ, d. h. er wird mehr von 
fremden Nationen als von den Türken selbst getrieben. Gleichwohl ha])on die Osma- 
nen durch den Absatz der vielen kostbaren Naturerzeugnisse die Handelsbilanz für 
sich. Auch fordert die osmanischc Regierung , um die ausw artigen Nationen sich zu 
Freunden zu erhallen , von fremden Kaufleutcn nur 3 pr. C. Zoll, während sie sich 
von ihren eigenen Unterthanen 8 — lO pi'- C. an Zöllen und Handelsabgaben entridi- 
len lässt. 

Aber sehr gefährlich für die Handlung der Europäer im Mittelmeere sind die 
nordafrikanischen Staaten der Berijcrey, Ijcy denen Seeräulierey ein Haupigewerbe 
ausmacht. Am 'gefährlichsten und frechsten sind die algierischen Corsareu j die iu) 
J. 1817 selbst im Canal und in den nördlichezi Gewässern schwärmten, Handel und 
Schifffahrt in Schrecken setzten, imd die Küsten mit der Verptlanzung der am Bord 
ihrer Raubschiffe herrschenden Pest bedrohten. England, dessen natürliche Pflicht 
es wäre, wie der Morning Chronicle sich ausdrückty^, die See von Seeräubern lein 
zu erhalten, da es den Ocean von Gott zu Lehen empfangen hat! lässt die Sccräu- 
lierey der Berberen bestehen, weil sie ihm, während es scllist von ihr unberührt 
bleibt, zu Niedcrhaltung anderer Seemächte, besonders der italienischen, zweckdien- 
lich scheint. Indessen hat Grossbritannien seinen Einfluss auf die Berberen neuerlich 
in so fern geltend gemacht, dass der Dej von Algier am 3o. Aug. 1816 die Erkläruu" 
von sich gegeben, dass im Falle eines künftigen Krieges mit irgend einer europäi- 
schen Macht die Gefangenen auf keine Weise mehr zu Sclaven gemacht , sondern als 
: Kriegsgefangene behandelt werden sollen, bis sie ausgewechselt werden können, wel- 
^ eher Erklärung im October desselben Jahres säimntliche Staaten der Berberey bevgc- 
treien sind gj. 

a) Tableau de la mer baltique , considerce sous les rapports pliysiques et commerciaux avec 
une carte , et de notices detaillees sur le mouvement general du commerce , sur los porls les 
plus importants, sur les monnayes, poids et mesurcs ; par J. P. Calleau-Callei'illc. T. II. 8. 
Paris , 1812. Vergl. Götting. gel. Anz. 1818. St. 34. 



»32 IV. Corumerci.Üu Production oder HuiuIl], §. i2/| Fl^uidel u. AVesl- u. Osl-Afiika. 

b) Am Endo tk's vorigen JahrhunJerls schälzte man die Ausfuhre der Runstproductc , Loson- 
ders aus den deulschen Erbsiaaten des Hauses Osterreich in die Türkey im Durchsrhnillo 
jährlich auf 6 Mill. Gulden: die Ausfuhre aus den türkischen Ländern in jene berechnete 
man auf g Mill. Ü. S. F. Nicolai von der Handlung , den Manufacturen und Fabriken , und 
überhaupt von der Nahrung und Industrie in Wien; in dessen Reisebeschreibüng. Bd. 4- 
S. 097. Vergl. Patriot. Wochenblatt für Ungern. Januar 1804. S. 108— ii5. 

c) S. Koch's Gem'ählde der Revolutionen in Europa. Bd. III. S. 27 , gS und i52. Bis zu Jo- 
ieph'sll. Regierung durften die öslerreichischen Schiffe nur his H^idciin und Rusdschuck (ahren. 
Hier mussten die Waaren auf türkische Schiffe geladen werden , die dann sofort in's schwarze 
Meer gingen. Allein dieses Monopol >vard in Folge des 6. und 7. Artikels des, unter dem Nah- 
men iSc/ifrf im J. 1784 zwischen dem k. k. Hofe und der osmanischen Pforte zum Vorlheile der 
österreichischen Handlung geschlossenen Handlungs-Ein\ erständnisscs , dem der Passarowi- 
t-er Friede vom J. 1718 zum Grunde liegt, aufgehoben, und steht nun den Österreichern 
frcy , ilire Waaren auf eigenen oder fremden Schiffen, die nur nicht das Maass der russi- 
schen Rauffahrtevschiffe überschreiten dürfen, in's schwarze Meer, und von da zurück zu 
frachten. Merkwürdig für unsere Zeit ist insbesondere der XIX. Artikel des Passarouiizer 
Vertrages , wornach die persischen Raufleule , n-elche durch die osmanisclien Gränzeii in 
das k. k. Gebiet zu reisen verlangen , oder aus dem k. k. Reiche auf der Donau in die os- 
manischen Granzen zu schiffen gedenken , nach einmal bezahlter Auflage (Refftie) von fünf 
\on Hundert, zu keiner ^veitern Bezahlung angehalten werden sollen. S. Jahrbücher des 
k. k. polytechn. Instit. Bd. 1. S. 574 ff- Vergl. B. f. Horinayrs Archi\ a. a. O. 28 u. 29. 1811. 

(/) S. B'i'isc/iiiig's Vorbereitung etc. herausgegeben von Norrmann. Hamburg , i8o3. S. 107 ff. 

e) S. Essai historique sur la commerce de la na\igation de la mer noire , ou voyages et entre- 
prises pour etablir des rapporls commerciaux et maritimes entre les ports de la mer noire 
et ceux de la mediterranee. Paris an XIII. i8o5. 8. Vergl. Götting. gel. Anz. i8o5. St. 164. 
S. i633 ff. 

/) S. Öslerr. Beob. i8i6. G. October. 

g) S. Östi-rr. Beob. 1816. Nr. 129 u. 2go. Aber welche Bürgschaft haben die Seeräuber ge- 
leistet, dass man sicher sey , die kriegsgefangenen Europäer nicht als Sclaven behandelt zu 
sehen? — Über die Seeräuberey im Mitteimeere und ihre Vertilgung. Ein Völkerwunsch an 
den erlauchten Congress zu Wien. Mit den nöthigen historischen und statistischen Erläute- 
rungen. Von Fricdi; Uctrmanu. Lübeck, i8i5. Vergl. Österr. Beob. 1816. Nr. 148. 

§• 124. 
2) Ilanili'l der Europäer mit und nach den Rüsten von West- und Osl- 

Afrika. 

Ausser der nördliclicu Kiisle von Afrika, die der Icvaiuisclic Handel nmfasst, 1)C- 
luchen die Europäer auch die Küsten von West- und Osiajvika. Der vorneliuiste 
Artikel der Ausführe, besonders von der AVestkiiste, bestand bisher in Negersclaven. 
Dieses schmähliche, die Menschheit entehrende Gewerbe ist zwar in Afrika , lieson- 
dcrs im Innern des Landes, wo die kleinen und grossen Machthaber alle Arten von 
Gewaltthätigkeiten imd Betrug gegen ihre eigenen Unlerthanen ausüben, tun sie zu 
Sclaven niaclicn und verkaufen zu können, uralt; es gewann aber eine grössere Aus- 
dehnung , seitdem die Europäer an den afrikanischen Küsten so viele tausend Ncge 
einkauften, um das Bedürfniss an arbeilenden Handelt in ihren amerikanischen imd 
westindischen Colonicn 7ai befriedigen. Die Portiuriescn brachten zuerst um die Mittei 



JV. Cüiamerciclle Production oder Handel. §. iS/j. Haudel uach West- u. Ost-Aliika. ^53 

tlcs i5.J'ili''liiindeils Neger nach Europa. Bald luachicn sie auch Vcrsuclie mit dem Ge- 
hrauche dei'sclhon zum Anhau auf der Lisel St. 21ioinas und auf andern Inseln. Innner 
süirkcr und cinträghcher ward dieser Ilandil, als auch die Spanier anfingen, Neger 
ziun Anhau ihrer weit ausgedehnten amerikanischen Besitzungen zu hrauchcn, deren 
Urhewühner sie grösstcn Theil ausgerottet halten. Den Spaniern folgten die ührigen 
Europäer hey den Anlagen ihrer amerikanischen und westindischen Colonien. Bis auf 
200 Medcn weit landeinwärts hrachten die Sldlihs oder Sclavenhändler die Neger 
aus dem Innern von Afrika, an dessen West- und Ostküste zum Verkaufe an die Por- 
tugiesen j Engländer j, Holländer ^ Franzosen tmd Dänen. Die Spanier triehen zwar 
diesen Handel nie seihst 5 aher ihre Regierung schloss einen Pachtcoulract zur Ehi- 
fiihrung einer hcsliinmten i\jiza]il von Sclaven mit Fremden, welclie der Gewinn da- 
zu reilzle. Im hilligsten Anschlage wurden jährlich hloss von der Westküste nach 
Westindien üher 104,000 Sclaven ausgeführt (von denen aher eigentlich nur ungefähr 
•j'ö am Orte ihrer Bestimmung lehend ankamen , da sie in dem untersten Schiffsräume 
wiefläringe zusammengepacktnothwendig verschmachten nmssten), ohne noch die un- 
geheure Menge von Sclaven zu hegreifen, welche in den südamerikanischen und afri- 
kanischen Colonien und durch ganz Asien verkauft wurden. 

Die Stimme der Menschlichkeit, geweckt durch die fortschreitende Cultur der 
Europäer, erhöh sich endlich gegen die Gräuel dieses Handels. Der <//i/i/^c7ie/i Regie- 
rung gehührt der Ruhm , das erste ßeyspiel von Aljschaffung des Negerhandcls gege- 
ben zu liahcn. Sie verordnete am 16. May 1792, dass er mit Ende des J. 1802 in den 
dänischen Besitzungen aufliören sollte, und bestätigte 1804 dieses Verbolh. Aher auch 
in Grossbritanniea ruhte man nicht, und seit dem 12- May 1788 fand die Saclie der 
Neger an dem edlen Jfilberforce einen so hartnäckigen Verthcidiger im Parlamente, 
dass er nach achtzehnjährigem, fast jährlich erneuerten Kampfe, lange von Fox und 
selbst von Pitt j \ind zuletzt noch mehr durch den Einfluss der Umstände unterslüizt, 
endlich den lo- Juny 1806 durchdrang. Um den aufgehobenen Sclavenhandel gegen 
die Schleiclihändler noch wirksamer zu handhaben, ward durch ein Gesetz vom 14. 
May 1811 jeder von brittischen Unterthancn getriebene Sclavenhandel für HocJwer- 
rath gegen den Staat erklärt. Die Strafe besieht in Landesverweisung für höchstens 
14 Jahre, oder in 3 bis 5jähriger öffentlicher Arbeit. Die brittische Regierung ging 
noch weiter: sie bemühte sich auch andere Regierungen, wo nicht zur gänzlichen Ab- 
schalfung , doch wenigstens zur Beschränkiuig des Sclaveiihandels ihrer Ünterthanen 
zu bewegen. So erhielt sie unter andern durch den Bundesvertrag, den sie am ig. Febr. 
1810 mit Portugal schloss, von dem damaligen Prinz-Regenten , nunmehrigen Könige 
von Portugal, die Zusage, dass keinem Portugiesen erlaubt seyn sollte, den Negerhan- 
del in irgend einem Theile von Afrika , welcher nicht zu den Staaten dos II uises 
ßragatiza gehört, luid in welchem dieser Handel durch die Mächte Europas, die 
sonst diesen Handel trieben, aufgegeben, worden ist ^ zu treiben bj. Ja! Grossbrilan- 
nicn machte sich mit Frankreich durch einen besonderen Artikel des Pariser Friedens- 
Tractates vom So- May 1814 sogar anheischig, auf dem Congresse zu Wien alles auf- 
zubielhcn, alle christlichen Mächte zu allf,'emeiner Abschaffung des Sclavenhandels zu 
vermögen cj. Don zufolge erklärten die bevoUniächligten iMinister der auf dem be- 

3o 



234 J^"^- Coiameroielle Pr. üLiiiion oiltr HainIiJ. §. ;25. Haudcl uauli Ostindien, Cfi na , e(d. 

sagten Congressc vcrsaiiimelleii Mächte am 8- Feljr. i8l5> dass sie die allgcnioine Ab- 
scliaffung des Sciavenhandels, einer Geisscl, welche so lange Zeit Afrika Ijctiiibte, 
Europa erniedrigte und die Menschheit kränkte, als eine ihrer Aufmerksamkcil be- 
sonders würdige, dem Geiste des Zeitalters und den edelmüthigen Grundsätzen 
ihrer erlauchten Souveraine gemässe JNIaassregel betrachtend , von dem aufrichtigen 
Verlangen beseelt sind, zur schleimigsten Ausführung dieser Maassrcgel durch alle ih- 
nen zu Gebolhe stehenden Mittel beyzutragen. 

c) S. Mi&cellen für die neueste Weltkuude. löii. Nr. 27 u. 28. S, 107 ff. und 111. 

b) S. des Freyherni c. Horinayr Archi\ a. a. O. 1811. i4 u. i5. S. 68. 

c) Lettre ä son Excellencc Monseigneur le Prince de Tallefrand Perigord , niinistre et secre- 
taire d'etat de S. M. F. G. au departemcnt des affaires etrangeres , et son plenipotentiaire au 
congres de Vieniie au Siijel de la traile des Negres , par M. Pf''ilberforce Ecuyer, membre 
du Parlament britannique. Traduite de l'anglais. Oct. i8i4- 8. Vergl. Götting. gel. Anz. 
i8i5. St. 160. S. 1587. 

§• 125. 

5) Handel der Europa er mit und nach Ostindien, China, Japan und 

P e r s i e n. 

Erheblich ist ferner der europäische Seehandel nach JUndostan , oder nach dem 
sogenannten Ostindien aj. In altern Zeilen brachten die Araber und Saracenen die 
indischen Waaren durch das rothe Meer nach Aegjpten bj j von da sie nach den 
grossen Handelsstädten am tuitlclländischen Meere, Cairo u\\^ Alexandria _, versen- 
det wurden. Hier bohlten sie die Venetinner j Genueser und andere italienische 
Völker ab, und verhandelten sie in Italien und durch das übrige Europa mit grossem 
Gewinne. Erst seit den grossen Entdeckungen der Europäer (s. §. i22-) wurde der 
leichtere Weg durch den Ocean um das Vorgebirge der guten Hoffnung eingcfilhrt. 
Der kunstreiche Fleiss der Einwohner, so wie der uuermessliche Productenreichlhuni 
Ostindiens , hat dieses Land von jeher zum vornehmsten Sitze der Welthandlung ge- 
macht. Daher sind alle seefahrenden Nationen auf den ostindischen Handel eifersiicjuig. 
Von den Europäern sind gegenwärtig besonders die Engländer — vorzüglicli ihre 
ostindische Handelsgesellschaft — im Besitze dieses Handels ; nach ihnen folgen die 
Niederländer j auf diese die Fratizosen ^ imd alsdann die Vortugiesen j Spanier und 
Dänen; selbst die Schweden schiffen dahui, ob sie gleich daselbst keine Colonieu 
haben, so wie diic vereinigten Nordamerikaner j die kraft des Handelstractates vom 
3. Jul. 1810 befugt sind, nach den vornehmsten Niederlassimgcn der brittischen Besi- 
tzungen in Ostindien, nähmlich nacli Calcutta j Madras j Bombay und Prinz- Wal- 
lesinsel zu schiffen, und mit denselben Handel zu treiben dj. 

Der Secliandel der Europäer mit und nach China j das im weiten Verstände auch un- 
ter Ostindien mit begriffen wird, ist auf den Hafen von Cr/,'?^o/t beschränkt. Bekanntlich 
macht die briltisch-ostiadische Compagnie die meisten Geschäfte. Der Einkauf wird nach 
denbis 1796 gemaehlen Ladungen im Durchschnitt, zu 3o — 40 MiU. Fr. berechnet, die 
in Europa 65 — 72 Mill. einbrachten ej. Unter den Waaren, die ausgeführt werden , 
.teht der Thee oben an. Es n«hmen aber an dem chinesischen Handel auch die ]\ic- 



TV. Com merciclle ProJucliou od 1 1 HiiultJ. 'J. j:0, i!aidil riHli OsliLcIim, Clin», utt. .255 

t/erländer j J^Wtnzosen j Portugiesen ^ D(",iien_, Schweden und soii 1821 .niiHi die 
O esterreich er fj Antheil. Besomlcis leidet der Handel der luighiiuler nach Cliiiin srit, 
einigen Decennien darch die wachsende Concnrrenz der vereinigten JXordamcrika- 
ner. y Ol- 1800 haue der nordamerikanische Handel nach China fast gar nicht hegon- 
nen, nnd nnn machen die jährlichen Schiffsladungen 12,000 Tonnen ans. D< r ['ntcr- 
schied ist im Ganzen 26 Proceni zum Vorlheil von Nordamerilia mid für einige Thee- 
sorten 70 Proceni; der Zoll anf diesen Artikel ist g6 Procent in Grosshritannien und 
in Nordamerika nur | Dollar; der amerikanische Kaufmann kann dalier das Pfund fast 
seclismahl wohlfeiler verkaufen als der englische, aus welchem Grunde auch eine 
grosse Quantität Theo jährlich in England aus Nordamerika ankommt, wo, wie man 
herechnct , jährlich für 5 Mill. Pf. St. von diesem Artikel eingeführt wird. Bey allen 
Plackercycn und Betriegereycn, welche die Chinesen sich gegen die Fremden erlau- 
hcn, müssen diese auch noch fast alle Waaren mit Silher bezahlen gj. 

Der Handel nach Japan j das hn weilen Sinne ebenfalls unter Ostindien mit be- 
griffen wird, ist unter allen europäischen Mächten den Äo//ä«r/e/vz allein verstattet, 
die ausser den Chinesen die einzigen Fremden sind, die seit der Vertreibung der 
Portugiesen aus Japan, mit den Japanesen in Handelsverkehr stehen. Die mannigfalti- 
gen Versuche der Engländer und Russen zur Eröffnung eines Handels nüt Japan 
waren ohne Erfclg. Die Geschenke imd selbst der Brief dcj Kaisers Alexander nn 
den Kaiser von Japan, welche der russische Gesandte im J. 1804 mitgebracht hatte , 
winden zurückgeschickt. Die Russen durften durchaus nichts kaufen ; dagegen wurde 
ihnen Alles, was sie verlangten, und zwar immer von der besten Qualität, überdiess 
auf zwey Älonathe Provision, unentgeltlich auf Kosten des Kaisers gegeben. Der hol- 
ländische Handel nach Japan ist auf den einzigen Hafen vou ]\'angasackihcsc\\r'An\.\.. 
Es ist in Japan verbothen , die Ladung der holländischen Schiffe mit barem Gelde 
7,u bezahlen; folglich' müssen die Vcrkänfci' Landesproducte in Tausch annehmen lij. 
An dem Handel mit und nach Persien nehmen die Russen imd die Türken An- 
theil; besonders sind die Russen in diesem Handel begünstiget. In dem Friedens- und 
Freundschaftslractate vom i5. Sept. 1814 ^^^^ Pei-siens Beherrscher nicht nur in die 
Ernennung russischer Consuln in den wichtigsten Städten seines Reichs und den 
Handel mit und durch Persien nach Indien, gegen einen sehr geringen Transitzoll ge- 
willigt, sondern dem russischen Reiche auch die aussscUiessliche Schifflahrt auf dem 
caspischen Meere zugestanden tj, wodurch ^i'^/v;c//a7i an der Mündung der Wolga 
sehr gewonnen hat. 

a) In äheren Zeiten liiess Ostindien sclileclitweg Indien. Als aber Columbus eine westliche 
Durchfahrt nach Indien versuchen wollte , indessen aber auf ein neues Land, Amerika, oder 
eigentlich die mexicanischen Inseln, stiess , und diese, in der Meinung, er sey bereits in 
Indien angekommen, auch Indien nannte; so hat dieser geographische Irrtlium Veranlas- 
sung gegeben, das asiatische oder eigentliche Indien Ostindien, und die mexicanischen In- 
seln von dem westlichen Vf ege , auf welchem Columbus gekommen war, H^cslindien zu 
nennen. Von eben diesem geographisciien Irrtliume kommt auch der Nähme Antillen. Die 
Geographen im i5. und im Anfange des 16. Jahrhunderts setzten auf ihren I^andkarlen 
China, Japan und die Moliikken weit mehr gigen Amerika, und betrachteten die niexica- 

3o* 



|56 IV. C^nituerciflle ProJuclii'ii oJer Hancul. ^. I25. fl.indci ii;cli 0>liijJk'ii, C'i iaa , rtr. 

nischen Inseln als einc^Ait \on Vorinseln, iniJ nannten s.ii.'.aiite illas ([la-nlas Ir,diae\ wor- 
aus der verstümmelte Nähme Anlillen entstanden ist. Der Umfang und d'.<^ Bci'r.inzim" von 
Ostindien wird übrigens verschiedentlich grnommen. S. Von dem Handel der europaiscli'^ii 
'Völker nach Ostindien und China, und der Schädlichkeit desselben (ür Europa überhaupt; 
in E. Toze's kleineren Schriften historischen und statistischen Inhalts, herausgegebi^n von 
C. Fr. Faigl. Leipzig, 1791. S: i24 ff. Vergl. D. J. C. Fabrl's Handbuch der neuesten Geo- 
graphie. Halle, 1819. Tbl. 2. S. 148. 
6) Es ist merkwürdig , dass gerade in dem Augenblicke , wo die Engländer ncut; Versuche 
zur Entdeckung einer nord»vestlichen Durchfahrt und eines neuen Seeweges nach Indien 
und China machen , der unternehmende Pascha von Ägypten den alten Handelsweg über 
das rothe Meer nach Indien wieder hergestellt hat. Die Waaren worden zuerst nach Suez 
gebracht, und von dort über die Landenge nach Alexandria geführt. S. Polit. Journ. Febr. 
1818. S. 110 ff. 

c) S. Historische Skizze des brittisch-ostindischen Reichs und Handels in den Hauptperioden 
seiner Vergrösserung ; in dem Polit. Journ. März, 1810. S. 217 ff. April. S. 347 ^- May. 
S. 427 ff. — Das alte und neue Ostindien , eine vergleichende Beschreibung von ErnesU. 
Gotha, 1812. Vergl. H. A. L. Z. i8i2. Nr. 45. S. 356. 

d) S. Beyl. z. A. Z. 1816. Nr. 19. 

e) In dem Werke „Reise nach Peking, Manila und Isle de France, in den Jahren 1781 — 
1801 , \on Hrn. de Guig/i«s. Aus dem Französischen von K. L. M. Müller. 3. Thl. Leipzig, 
i8io. Vergl. H. A. L. Z. Nr. 167 und 168. 1811." ist S. 2i5 enthalten ein Verzeichniss 
der europäischen Compagnien, die nach China hatideln , der Importen und Exporten u. s. w. 
Vergl. den zweyten Theil der ,, Reise um die Welt in der. Jahren ioo3, i8o4, i8o5 und 
j 806 auf Befehl Sr. kaiserl. Majestät Alexander I. auf dcii Schiffen Nadesclida und Nevva 
unter dem Commando d''s Capitäns von der kais. Marine, .4. J. c. Krase/i'.frrn, St. Peters- 
burg, 1811. Virgl. H. A. L. Z. iBii. Nr. 127, 128 u. 129", wo die Nachrichten von 
China von S. 29.5 — 382 reichen , und unter andern eine Übersicht des Handels der europäi- 
schen Nationen mit China enthalten ist. 

J") Am 27. August 1821 langte die k. k. Corvette Carolina mit einer Quecksilberladung glück- 
lich zu Caräon an. S. Osterr. kaiserl. priv. W. Z. 1822. 93. 

g) Die irillischen Gesandtschaften, welche in den Jahren 1792 und 1816 nach China in der 
Absicht abgegangen waren , um für den englischen Handel grössere Begünstigungen , als an- 
dere europäische Nationen erhalten konnten , auszuwirken , hatten dieses Land ^viede^ ver- 
lassen müssen , ohne ihren Zweck erreicht zu haben. Die Ver-veigerung des ,,Ko-tou ," d. h. 
der Ceremonie des Niederwerfens bey der feyerlichcn Audienz, soll die einzige Ursache ge- 
wesen seyn , um welcher die briltischen Gesandtschaften ihren Ziveck verfehlten, so wie die 
im J. i8o5 in ähnlicher Angelegenheit abgeordnete, fast aus 5oo Personen bestandene russi- 
sche Gesandtschaft aus d<'mselben Grunde ihrem Zwecke nicht entsprochen haben soll, und 
unverrichteter Sache wieder abziehen musste. Aber auch die 1794 in gleiche Absicht ab- 
geordnete holländische Gesandtschaft war nicht glücklicher, ungrachtet sie sich nicht wei- 
gerte , jene Ceremonie bey der Begrüssung des Kaisers zu beobachten. In Peking erschien 
sie täglich vor Tagesanbruch in dem Pallaste, um dem Kaiser ihre Ehrfurcht nach Land.-s- 
sltte dadurch zu bezeugen, dass sie auf den Kaien, mit dem Kopfe die Erde neunmal beiühvte! 
S. Jen. A. L. Z. 181 1. Nr. 32. S. 202. 

h) ÜTjer den Handel der Europäer nach Japan ; in den Miscellen aus der neuesten aur.ländi- 
schen Literatur. 1817. Erstes Heft. Jena, 1817. S. i63 — 172. — Vergl. II. A. L, Z. 1811. 
Nr. 19. , und 1819. Nr. 19. 

i) S. Polit. Journ. 1818. März. S. 199. 



iV. C.rvriorf. PriJuct. od. llAsdcl. ^V i:6. lliixle! natli Aaijula «. Ainlr»li'«- ^. ir;. Ij'orlsct/.i'.iij;. S31 

S- 126. 

4) Handel der Europäer mit und narli Amerika und Au« trauen. 

Üherdiess haben die Europäer einen sehr vortheilhaften Aniheil an den Handcls- 
spcculalionen iKieh yiinerika. So lange in diesem Erdiheilc bloss das Colnnidlsj sieni 
Slatl iand , handelte jedes europaische Mullerland nur nach seinen Golonien^ tuid 
schloss die andern europäischen Völker davon aus ; aber seitdem die meisten engli- 
schen Colonien in Nordamerika einen Slaatcnbimd errichtet , und ihre Häfen allen 
friedlichen Nationen geöffnet ha])cn, so treiben mehrere europäi.sciie Völker Handel 
mit ihnen. Eben so ist seit 1814 der Handel nach Brasilien ganz frcy. Dagegen ist dei' 
Handel nach Grönland nur den Dänen allein erlaubt, so wie der Konig der Nieder- 
lande den Handel nach Surinam bloss seinen Unteithanen vorbehalten hat. Eben so 
waren bisher von dem spanischen Amerika alle auswärtigen Nationen ausgeschlossen. 
Gleichwohl waren zwey Dritttheile der Waaren , die nach dem spanischen Amerika 
gingen, ausländische, welche der spanische Kaufmann ans der Fremde kommen liess, 
um die Colonien damit zu versorgen. Er bczalilte sie dann nach einiger Zeit nut den 
von dorther erhaltenen edlen Metallen und Retourladungen aj. Allein gegenwärtig 
ist dieser Handel durch den Tnsurrectionskrieg fast ganz gehemmt. Denn die Etißliin- 
der j Portugiesen und die vereinigten Nordamerikaner haljen sich neue Mäikie 
im spanischen Amerika geöffnet, wo jetzt die Güter dieser Nationen in weit grösserem 
Maasse und frey eingefdlirt werden, während sie zuvor nur sparsam und contrcbands- 
wcise eingeführt wurden. 

Endlich wird auch Australien von den Europäern, aber bisher nur von AcnEiig~ 
Hindern j Russen und Spaniern bj , dann von den ycrcmv^^iaw Nordamerikanern des 
Handels wegen besucht. 

a) Jährlich srgelte eine Kauffahrtc) Holte von 16 grossen Schiffen (;\ 1000 Tonnen) von Cadix 
nach Amerika, untl kam in i^ Jahren von Vera-Cruz , dem Mittelpuncle des neuspanischen 
Handels mit Europa und den Antillen, mit reichen Rctour-Ladungen zurück. Einzelne Re~ 
gislerschiff'e gingen noch besonders dahin ab. Es hat einzelne Jahre gegeben, wo für i3o 
Mill. fl. europäische Waaren in den spanischen Colonien eingeführt wurden, und wo diese 
für i5o Mill. fl. wieder nach Europa hinschickten, worunter 80 Mill. fl. an Wertli in edlen'- 
Metallen waren. S. Crome a. a. O. S. 281. 
6) S. Polit. Journ. 1818. April. S. 3iO. 

§• 127. 
Fortsetzung. 

Am vortheilhafieslcn ist den Europäern der amerikanische ^ afrikanische und 
Sndseehandel _, weil sie dabey vornehmlich ihre Kunsiproducte , sellist solche, die 
von geringer Qualität sind, und desshalb in Europa keinen Al>satz finden, an Manu 
bringen, und dafür Naturproducic eintauschen können. Hingegen in Ostindien ^ Ja- 
pan und China müssen sie fast Alles, was sie kaufen, mit barem Gelde, imd in letz- 
terem Lande vornehmlich mit Silber bczalden aJ. Auch nach Persien und der Türkejr 
geht viel bares Geld durch den Handel. Die vielen Millionen Gold und Silber, wcl- 



2JiB IV. Coiumcrc. Proiluct. od. H^iudel. ^. 128. Loiulli.indil ^. 1J9. Eiiifiiiailiktl iiac!.' Europa. 

che bisher Amerika nach Europa schickte, ^vurden also durch den Handel nach Asien 
grösslen Tlieils wieder versclilungen, objjleicli die Europäer, besonders die Englän- 
der, seit einigen Jahren sich bestreben, ausser Silber, auch andere Tauschmiltcl in 
diesem complicirlen Handel, der so viele Kräfte in Thätigkeit setzt, anzuwenden. 
a) S. Tuze's kleinere Schriften a. a. O. S. 124 — ^i5ü. S. iSg lieisst es : Ncqiie eratexterno 
commercio locus, ni Sinain. infinita quaedam leneret argenli cupidllas. Id praeferunt auro , 
et cum indidem effossum , tum e remolis regionibus Lllatum asidissim^e accumulaiU. 

§. 128. 
b) L a n d h a n d e f. 

Z,u Ltuide treiben nur die Russen und Osmaneii j vornehndich die asiatischen j 
Handel ausser Europa. Russlands Landhandel erstreckt sich nicht nur nach den be- 
nachbarten europäischen Staaten , nahmentlich Schweden j Preussen , Oeslerreich 
und der Tiirkey j sondern auch nach Asien, nahmentlich nach Persien j dem Kau- 
kasus j, der Bucharej und Tatarej und nach China. Der Haupthandelsplatz fiir die- 
sen uiiermesslichen Landhandel ist Moskau _, so wie St. Petersburg es für den rus- 
sischen Seehandel ist. Der russische Landhandel nach Asien wird durch Kara\>anen 
getrieben, so wie die asiatischen Osmancn mit den benachbarten Nationen, den Ara- 
bern y\\\i\^Persern j, wegen der Unsicherheit der Landsirassen, durch Karavanen ban- 
deln. Man Ijrauclii dabey zum Transporte der Waaren Kamehle. — Die Richtung des 
für Russland nicht unbedeutenden TransiLohandels ist ebenfalls Asien. Im J. i8o5 
wurden an europäischen Waaren nach Asien für 6,010,840 Rubel, luid wieder asiati- 
sche Waaren nach Europa für 75,608 Ruh. durchgefiibrt ; die Rückfracht europäischer 
Waaren nach Asien betrug in jenem Jahre 333-.570 Ruh. 

^- 129. 
Ei n fu li rart I kel aus andern E r d t !i e i 1 e n nach Europa. 

Aus Asien hohlen die Europäer eine Älengc Gewürze und Apothekcrwaaren^ 
Färbestofle, besonders Indigo j dann Thee , KafTeh, Zucker, allerley Leder, Pelzwerk, 
Baumwolle, Baumwollengarn, türkisches Garn, Mousselin, Nauquius, weisse baum- 
wollene Tücher, viclerley Arten von Kattun, rohe Seide, seidene Zeuge und Schnupf- 
tücher,, kostbare Shawls, Tapeten, Stoße uud Zeuge, die theils ganz aus Seide, 
theils aus Mischungen von Seide, Baumwolle mid Bast oder Baiunrinde bestehen; 
ferner Reis, Arak, Galläpfel, Elfenbein, Kamehlhaar, Kämelgarn , spanische Röhre; 
endlich Gold, Kupfer, Zinn, Edelsteine, Perlen, Salpeter, Porcellan, lackirte ^Vaaren 
und andere Artikel, 

Aus Afrika bezieht Europa Menschen (obgleich jetzt nur durch Schleichhandel, 
folglich bey weitem nicht mehr so viel, als im achtzehnten Jahrhundert), Alfen und 
Papageyen, Flachs, Hanf, Getreide, Reis und Hidsenfrüchle, vortreffliche Weine 
von Madera und Constaniia, Bauniöhl , Mandeln, Datteln, Feigen und Rosnicn , Wol- 
le, Baumwolle, Gold in Stangen und Goidslaiib, Kupfer, EIfcnlieiu, Straussrcderu , 



IV. Il.inJe!. §. iüo. Ausfuhrarlikel Europa's. ^. i3i. Aiisgicicjiiiiip de. 



2 ''9 



Gummi , Salmiak, Seiicshlditer, Saüor, Honig, \Vachs, Draclicnbliil, IliiiUC, allcrioy 
Leder, Zucker und andere Waaren. 

Aus yJiiier-ika einjifangcn die Europäer Bau-, Tischler- und Färljcliolz, Schifls- 
mastcn, Fische, Häute, Pelzwerk, Eiderdunen, Baumwolle, KalFch, Zucker, Kiim , 
Syrup, Kakao, Vanille, Indigo, Cochenille, Vigoguewolle , Wachs, Reis, in ucMu-rn 
Zeilen auch Getreide und Mehl, Tahak, Ingwer, Piment oder Brasilienpfeffer, Fie- 
berrinde, Sassaparille, peruvianischen Balsam, Gold, Silber, Pialina, Kupfer, Ei- 
sen, Perlen, Diamanten und andere Edelsteine, 

Aus Australien erhält Europa Kokosnüsse, Pisangs, Zucker, \ustem , Schildkrö- 
ten, Producie vom \\ nllfischfang , Perlen luid andere Artikel. 



S- l3o. 

A u s f u h r a r 1 1 k c 1 aus Europa nach den andern li r il t li i' i 1 c n. 

Dagegegen empfangen die andern Erdtheile sehr viele Artikel aus Eiuopa, vor- 
nehmlich Kunstproducie , worunter selbst fertige Kleidungsstücke, als Schuhe, Slriim- 
pfe, rothe und weisse wollene Mützen, sogar abgetragene Kleider gehören , wovon 
unter andern ganze Schiffsladungen von London nach Spanisch- Südamerika gehen", 
ferner Leinwand, Spitzen, Tressen, Zwirn, Papier, Spielzeug, Taschenuhren, liöl- 
zerne Wanduhren , Brillen, Ferngläser, Glaswaaren , Spiegel, Schmelzliegel, Töpfcr- 
waaren, Porcellnn, Schmälte, Bronzearbeiten, Tischler- und Wagncrarbeiien, Schiess- 
pulver, Flinten, Pistolen mid Flintensteine; ferner Tuch, wollene, Jjaumvs'ollene und 
seidene Zeuge, Branntwein, feine Litjucurs, Bier, Eisen-, Siahl- und andere Metall- 
waaren, Korallen, Glasperlen und geschliffene Juwelen : endlich edle Metalle, vor- 
nehmlich Silber (Asien), nebst Eisen, Kupfer, Bley, Zinn, Quecksilber, ^lincralv.as- 
scr, westphälischcu Schinken, S])eik und anderen ^Vaareu. 

S- i3i. 

A u i g 1 ei c h u n g der Schuld Europa's für die Consumtion a u s s p ro u r o pU 1- 

scher W a a r e n . 

Unter den oben (§. 12g) angegebenen Waaren, welche Europa zur jährlichen 
Consumtion aus den anderen Erdlheilen bezieht, sind unstreitig folgende 7 Artikel in 
Ansehung ihrer Mensje und ihres Werthes die erheblichsten: 



1) Zucker — 6,6i4;658 Ctr. ä 5o fl. CM. 

nach andern j^ Mill. Clr. aj. 

2) Kaßch = i,3i4,55o Ctr. i 66 fl. CM. 

3) Thee = 

4) Kakiio = 

5) F/c/fer = 

6) Baumwolle = 

7) Indigo = 



460,000 — 


a 


225 


23o,ooo — 


a 


45 


226,660 — 


a 


5o 


g5o,ooo — 


a 


45 


97,000 — 


a 


5oo 



330,732,900 fl. CM. 

86,760,300 n. CM. 

101,200,000 

io,35o,ooo 

11,333,000 

42,750,000 — — 

48,500,000 



die zusammen einen Werih von mehr als 63 1,000,000 fl. CM. 



• 4o IV. CoiiirBerc. Product. od. HaiiJil. §. i52. H..ndcl der Europäer unter sitli. 

haben, und mit den andei'ii Gewürzen, ausser Pfeffer, Specereyen, den andein Farbe- 
stufTen, ausser Indifi,o, mit den sämnillichen Apolliekerwaaren, den Häuten, mit Taljak, 
Beis, Diamanten, Perlen und so vielen andern Artikeln gewiss 700 Mill. fl. bcirni;cn ^_^. 
Diese Schuld Europas für die jährliche Consumtion an die andern Erdtheile ward 
bisher in Hinsicht au^ jiinerika ^ Jfiika und ./mtralien mit Waarentausch (s. §. 12-') 
ausgeglichen, Avährend nach ^sieii vori/chmlich Gold und Silber gingen, welche bey- 
de edle Metalle, besonders Silber^ nebst einer Ungeheuern Älenge anderer Waaren, 
zur Ausgleichung hauptsächlich das spanische Amerika lieferte. Da nun durch den 
Abfall der spanischen Colonien in Amerika von dem Mutterlande , durch die letztjäh- 
rigen Unruhen und Kriege im europäischen und amerikanischen Spanien die Gold- 
und Silberzufuhren sich verringerten cj , und zugleich der Absatz europäischer Waa- 
ren nach Amerika sich sehr verminderte : so lässt sich die Geld- und Handelssluckung 
(^•klären, die wir jetzt in Europa wahrnehmen und empfinden, und die mn so auffallender 
hervorti-elen mnsste, je allgemeiner jener Abfall wurde. Sollte die gänzliche Einauci- 
y)ation des spanischen Amerika erfolgen: so wird dieses Ercigniss eben so gewiss eine 
t'olgcnrciche Umwälzimg in den industriellen , commerciellen und politischen Verhält- 
nissen Europa's herboyführen, als eine solche im 16. Jahrhundert durch das Ein- 
strömen der amerikanischen Schätze nach Europa ]>ewirket worden ist. 

a) S. t>. Ziinmennann's Schrift: Über Westindien , dessen Colonialvvaaren und deren Surro- 
gate. Yergl. H. A. L. Z. i8i2. Kr. 71. S. 564 ff- — Übersicht der ausländischen Culorrial 
waaren und ihrei- inländischen Surrogate aus dem Pflanzenreiche. Von Dr. Fr. J. Bertuch elc 
Weimar, i8i2. 8. Yergl. H. A. L. Z. 1812. Nr. igS, 194. 

b) S. Andres Statistische Übersicht und Merkwürdigkeiten der europäisclien und aussereuro- 
päischen Staaten. Prag, 1821. S. 11 — 15. 

c^ Bemerkungen über die Abnahme des Geldes inEuropa; in derBeyl. z. A. Z. lo. Febr. 1821. 

§. l3'2. 
B. n a n d e 1 d e r E uro p ä e r un t er s 1 eh. 

Die grosse JMannigfaltigkcil des Klima's in den europäisclien Ländern, die ^ er- 
.-^i biedenheil des Bodens, der Naturjjroducte und der Fruchtbarkeit überhaupt; dann 
der gross«' , in Ansehung des Kimstfleisses herrschende AI)stand imd [die daher ent- 
springenden gegenseitigen Bedürfnisse machen den Handel zwischen den europäi- 
sclien Staaten eben so nothwendig, als er wirkhch lebhaft ist. Diese Nothwendigkeit 
und Lebhaftigkeit des Verkehrs wird um so einleuchtender, je mehr man auf den 
Überfluss oder Mangel Rücksicht nimmt, der einige europäische Länder zu Verkäu- 
fern , die anderen zu Käufern veranlasst und bestimmt. Und gehet man die vorher- 
gehenden Abschnitte von der Ur- und industriellen Production mit einem Rückblicke 
noch einmal durch : so wird man finden, dass Grossbritanme?i_, Frankreich^ Deutsch- 
land , die Äiederlande j die Schweiz und Italien das üljrigc Europa vornelimlich 
mit Kunsterzeugnissen versorgen, während llusslandj, Polen ^ Dänemark ^ Schwe- 
den und A'orwegen j, so wie Ungern _, Galizien ^ Portugal ^ Spanien und die Z"«/-- 
kej den übrigen europäischen Ländern hauptsächlich Naturproduclc überlassen. Die 
iiaii]Hniederlagen fiir Culonialwaareji aber shid London luid Amsterdam,, nächst 



IV Commerc. Product. od. Handel. §. i35 Haiidelsbilauz. 241 

diesen Lissaf>07i und Hamburg j, nach welclicr letzteren Handelsstadt allein schon 
oft in einem einzigen Jahre 58,.5oo Fass Kaffch, 980,000 Ctr. Zucker u. s. w. einge- 
führt worden sind, obgleich Deutscliland keine Colonien in anderen Erdtheilenl be- 
sitzt. Dagegen ist Deutschland durch seine Lage, in der Mitte zwischen den fabrici- 
rendcn Landern und jenen, welche die Productc dieser kunstfleissigen Länder (s. oben) 
bedürfen , der Markt von Europa. Mittelst seiner Messen (zu Leipzig luid Frankfurt 
a. M.) concentrirt sich der Austausch des Osten, Westen, Süden und IVorden von 
Europa auf einen Punct. 

§. l35. 

* Handelsbilanz. 

Die Vortheile der einzelnen Staaten aus dem Handel werden gewöhnhch l)erech- 
net nach der Bilanz des Handels ^ worunter man die Einführe undAusfiihre in einem 
Jahre versteht. "Wird aus einem Staate mehr aus- als eingefiihrt, so sagt man, der 
Staat treibe einen Jctwhandelj im Gegentheile einen Passivhandel ; letzteren nen- 
net man auch jenen Handel, den ein Volk treibt, das grössten Thcils durch Fremde 
seine Producte versendet und seine Bedürfnisse erhält. Den Überschuss der Ausfuhre 
über die Einfahre, oder der Einführe über die Ausfuhre, welcher mit barem Gelde 
ausgeglichen wird, sieht man gewöhnlich als Gewinn oder Verlust an, obgleich diess 
nicht in allen Fällen richtig ist. Denn erstens sind die Zollregister über die ein- und 
ausgeführten Waaren gewöhnlich so mangelhaft und unvollständig, dass sich aus den- 
selben mit keiner Sicherheit etwas schliesscn lässt. Dann beweisen Handelsbilanzen 
an sich nichts gegen den Naiionalwohlstand derjenigen Nationen, welche mit mehr 
Importen als Exporten erscheinen, weil der Staat, der Handel treibt, im Grunde nie 
verliert, wohl aber gewinnt. Überdiess kann es oft vortheilhafter scyn, mit barem 
Gelde, als mit Wa.iren zu bczalilen , wenn die Nation nur immer das Äquivalent erhält 
und zwar in solchen Waaren , die für dieselbe nützlich sind, und dagegen W'aaren ab- 
setzt, die inländische Natur- oder Kunstproducte sind. Man kann daher eigentlich 
nur sagen: der N'ortheil vom Handel ist iür eine JNation grösser oder kleiner, je nach- 
dem die Ausführe oder Einführe gegen frühere Jahre zu- oder al)ninmu; der Yortheil 
einer Nation aus dem Handel ist grösser oder kleiner als der einer andern, Aveil sie 
jährlich mehr aus- als einfahrt; man kann aber nicht behaupten, die andere Nation 
verliere; sie gewinnt ebenfalls, nur ist ihr ^ ortheil nicht so gross. Eben so kann der 
Vorlheil grösser seyn, wenn sie solche Producte einführt, die Anlass zu Verdienst 
durch Arbeit geben. Man hat denmach bey der Handpisbilanz nicht sowohl zu fragen: 
ob der Handel Geld in's Land bringe? sondern vielmehr, ob er gegen die früheren 
Jahre zu- oder abnehme, und die Nationallteschäftigung vermehre oder vermindere? 
dann wird man beurtheilen können , ob ein Volk im Handel gewinne oder verhere aj. 
Man ihcilt in der Hinsicht die europäischen Staaten 1) in solche, die jährlich immer 
gewinnen, die immer eine grössere Aus- als Einfahre haben; 2) in solche, die jähr- 
lich immer verlieren, wo es umgekehrt i'^t; 5) endlich in solche, deren Handel im 
Gleichgewichte steht, die eben so viel ausüihrea, als einführen, ohne am Ende ba- 



24i IV. Couinierc. Product. od. Handel. §. i33. Handelsbilanz. 

res Geld zu gewinnen oder zu verlieren. Dass diese Einllieilung keine richtige Basis 
liabe, erliellcl aus dem Vorhergehenden. 

Um die vornelmistcn Staaten Europa's in Ansehung ihrer Handelsbilanz kennen 
zu lernen, mögen folgende Angaben von dem Werihe ihrer Aus- und Einführe zur 
Vergleichtuig dienen. 

Was die Handelsbilanz Gi'osshritanniens betrifft : so betrug die Ausfuhre dessel- 
ben im J. 1790 l8,5l3,öOO Pf. St. (worunter für mehr als i3 Mill. Manufacturwaaren , 
ehedem nur 10 Mill.), und die Einführe 17,828,000 Pf. St. , folglich belief sich der 
Überschuss der Ausfidire auf 685,ooo Pf. St. hi der Folge erschien eine beständige 
Zunaluxie, besonders der Ausfuhre. So ward im J. 1800 die Ausfidire auf 41,100,000 
Pf. St., die Einführe auf 3o Mill. angegeben; 1806 stieg die Ausfuhre auf ^3 Mill., 
1807 auf 47 Mill., 1817 auf 5l Mill., und 1818 machte die Ausfuhre englischer Ma- 
nufacturwaaren nach dem europäischen Continent allein 35,3'25,ooo Pf. St , oder 
353,25o,ooo Gonv. Gulden aus. 

In Frankreich soll vor der Revolution in den Jahren 1784 — 1787 der Werth der 
Einfidire jährlich 301,727,000 Liv., die Ausfuhre aber 554,423,000 Liv. , und 1788 letzte- 
re gar 412 Mill. Liv. betragen haben. Darunter befanden sich 124 Miii. an französischen 
Producten, i3i MiU. an französischen Fabrikwaaren , und 167 Mill. an Colonialwaaren. 
Bis zum Anfang dieses Jahrhunderts nahm die Aus- und Einführe ab; beydes stieg 
aber wieder; 1812 belief sich die Einführe auf 129,900,000, die Ausführe auf 
142,200,000 fl. Indessen wird der auswärtige Handel dieses Reichs, vornehmlich der 
See- und Colonialhandel , kaum mehr so blühend werden , als er um die Mitte des 
vori^'en Jahrhunderts war, da durch die Scludd der Revolution die Marine und mit 
ihr der See- luid Colonialhandel sehr gesunken ist. 

In Russland betrug in 4 Jahren (1802 — 1800) die Ausfuhre 261,700,000 Rubel, 
die Einführe 217,000,000 Ruh., folglich war das Plus der Ausfuhre über die Einfidire 
in 4 Jahren = 44,700,000 Rub. Seitdem ist beydes fast ununterbrochen so bedeutend 
«restiegen , dass im J. l8ig die Ausfuhre über 210 Mill. und die Einführe über 167 
]\lill. betrug, foli,dich der Handelsgewinn dieses einzigen Jahres jenem vierjährigen 
Überschusjc fast gleich kam, und die Zolleinnahme von der Ein- luid Ausfuhre sich 
auf 39,793,340 Rub. belief. Dagegen fand eine so grosse Differenz in der russischen 
Handclslnlanz noch nie Statt, wie im J. 1820, wo aus dem St. Petersburgerliafen 
allein für io5,o85,920 R«b. Waaren ausgeführt, und für 180,388,897 Rnb. in densel- 
ben eingeführt wurden , der Werth der Einführe also den der Ausfulire um mehr als 
75 MiU. Rub. überstieg bj. 

Die Einführe in die österreicJuscheii Staaten betrug im J. 179.6 25,8i6,334 ^- ■> 
während die Ausfuhre sich auf 3o,826,59gll. belief; zehn Jahre später betrug die Ein- 
führe 47,6l3,025 fl-, die Ausfuhre 27,712,947 iL Im Jahre 1807 war die Eirifidu-e = 
44,669,050 11. , die Ausfuhre = 26,927,837 fl-, folglich wurde in dem besagten Jahre 
um 17,741,000 fl. mehr eingeführt als ausgeführt. Nach einem dreyjährigen Durch- 
schnitte von 1809 — 1811 beUef sich die Einführe auf 43,266,234 ß. , die Ausfuhre auf 
31,268,372 11., folglich war das Plus der Einführe über die Ausfuhre = 11,997,862 A- 
Gegenwärtig hat der österreichische Handel eine ganz andere Gestalt. Denn im J. 1807 



IV. CiinTPci ulle Proilurtion oder Hancl.I. §. i34. Landstrassen uml Posten. Jjä 

waren Mailand, VeneJiij, Dalinatifla und Tyrol keine Bcstandilicilc der östcrreiclii- 
sclieiJ Monnrcliie , iiiivl der Wicnor Friede vom J. i8oq liatte dcr.scll>cn aucli das ge- 
genwärlij^e Königreich lllyrien, Salzburg, einen Tlieil vom Lande ob der Euns und 
einen Theil von Galizien entrissen. Da nun alle diese Länder mit dem Mutterstaate 
wieder vereiniget wurden: so kann Österreich viele ActiXel^ weldie es vormals ein- 
ftihren mussle, jetzt seiht ausfuhren, besonders Seide, wovon die Lombardie allein 
jährlich für 3o — .52 Mill. Fr. (-=12 — 13 Mill. (]onv. Gulden) in's Ausland sendet; dann 
Olivenöhl und andere Siidproducte, Seelische u.a.m. Überdiess können Böhmen, 
MäJiren, dasErzhcrzogllium Österreich, Stcverinark u. s. w. einen grossen Theil ihrer 
Manufactur- mid Fabrikerzeugnisse wieder nach Triest und Italien absetzen, wodurch 
die Industrie jeuer Länder ein neues Leben gewonnen hat. 

Nach einer in der preussischen .Staatszeitung enthaltenen Nachricht über den Ver- 
kehr der preussischen Monarchie mit dem Auslande im Laufe des Jahres 1819 be- 
trug die Ausfuhre an Hauplarlikelu (^V^olle, Flachs, Leinengarn und fertigen Fabrica- 
ten , mit Ausnahme der zwev wichiigslen preussischen Ausfuhrartikel, des Getreides 
und des Holzes) 17,480,285 Thlr. , die Einführe an llauptartikeln (Wein, rohem und 
raffinirten Zucker, Kaöch, Tabak, Thee und Gewürzen) 17,063,802 Thlr., folglich 
belief sich der Überschuss von Seite der Ausfuhre auf 426,583 Thlr. Der Zollbetrag 
für die Durchfuhrartikel, deren Werth auf 22,748,353 Thlr. geschätzt ward, betrug 

782,147 Tlih-. 

a) S. Ökonomisch-politische Betrachtungen über die Handelsbilanz; von Joh. Zizius u. s. w. 
Wien und Triest, 1811. 8. Vcrsl. H. A. L. Z. i8i2. Nr. 257. 

b) S. Österr. BeobaclUcr. 18^1. Kr. 67. 

B e f ö r d e r u n g s ni i l t e 1 des Handel s, 

A. In Ansehung d e r C o m ni u n i r a t i (h1- 

§. 134. 

a) Z n L a n d e. 

Landstrassen und Posten. 

Zur Erleichterung der Reisenden und des Transports zu Lande dienea die Land- 
strassen und Fasten. Jene sind jetzt in allen europäischen Staaten angelegt, und man 
hört nicht auf, an der Anlage neuer Heerstrassen, so wie an der Verbesserung der al- 
ten zu arbeiten. Allein in Rücksicht der Allgemeinheit und Güte derselben findet eine 
grosse Verschiedenheit Statt. So steht z. B. das nördliche Deutschland in der Hinsicht 
dem südlichen weit nach. Dänemark hat, nach Hni. Knnz aj _, eine einzige Haupt- 
landstrasse, das weit grössere Spanien nur drev, das noch grössere europäische Russ- 
tand nur vier Hatiptlandstrassen, und Portugid nach seinem nördlichen Theile kei- 
ne einzige gute Strasse. Dagegen besitzt das brittische Reich neun, Franh-eich sieben 
und Oesterreich sechs Hauptlandslrassen. In Ansehung der Güte behaupten unter al- 
len europäischen Chausseen den ersten Rang die brittischenj, französischen und nie- 
derländischen j, nach denen in der Hinsicht die süddeutschen folgen. Zu den glän- 

3i* 



liJ4 IV'. Corumercielle Production oder Handel. §. l34. Landstiassen üud Posten. 

zcndslcn Anslaltcn der Art aber gehören die Kunslstrasscn über den grossen St. Bern- 
hard bj j den Siinplon cj j von Chlavenna über den Splügen i\ac\\ Graubündten dj 
und die Louiscnsstrasse (i'ia Ludovicea) von Carlstadt nach Fiiime ej. — ■ Vor* 
llicile , die wir im Winter vermissen, genicsst man görade während des Winters im 
hohen Norden. Die Kähc, und noch mehr der damit verbundene Schnee erleichtert 
ausnehmend den Transport a\x( Schlitten ^ und eben desswegen werden die meisten 
Jahrmärkte^ die wir im Sommer haben, in den nördlichen Ländern Europa's im Win- 
ter gehallen. — Von den gewöhnliclien Landstrassen unterscheiden sich die Eisen- 
bahnen oder Tl^ngengeleise von G«^^ewc7i (FronRailways oder Roads), eine der vielen 
neuen glücklichen Erlindungen Englands. Es stehen solche vier Zoll über dem Erd- 
boden , und sind auf der Oberfläche concav. Auf ihnen befmdet sich ein flaches Ge- 
rüste mit Rädern, deren convexe Peripherie genau in die hohlen Eisenbahnen passt; 
auf dieses Gerüste wird der Wagen gestellt und dann mit dem Gerüste fortbewegt. 
Diese Fahrgeleise kosten nur das Drilltheil eines Canals, stören die Mühlen nicht, und 
cui Pferd kann bey einem solchen Wege die Dienste von lo Pferden auf gewöhnlichen 
Wegen verrichten fj. Sie sind seit 1801 in allen bedeutenden Fabriks- und Handels- 
städten, so wie in den Steinkohlenbergwerken zu iVetvca^i/e angelegt , und man hat 
angeüuigen, selbst in diesem reichen Lande, die Eisenbahnen den Canälen vorzuzie- 
hen gj. Auch hat man in England j so wie in Frankreich j Oestericlchj Baiern 
und andern Ländern , zur Schoniuig und wohlfeileren Unterhaltung guter Landstras- 
sen, Räder mit breiten Felgen eingeführt hj, die leichter über den Weg hinrollen 
und denselben weniger zerschneiden, als die mit schmalen Felgen versehenen, folglich 
scharfen Räder. 

Ausser dem Bedürfnisse guter Landstrassen sind zugleich g-^ife Posten _, d.i. ste- 
hende Ansiallen, auf eine berfueme. sichere, geschwinde imd möglichst wohlfeile 
Art reisende Personen, Geld und kleinere Frachtstücke zu Iransportiren, auch interes- 
sircnde Nachrichten milzutheilen imd zu ei'halten, ein sehr wesentliclies Erfordei'- 
niss, wie für den ganzen übrigen Menschheitsverkehr, so vorzüglich auch für den 
Handel. Diese , in neuern Zeiten entstandene Eileichlerimg der Communication in 
Eiuopa , hat, nebst der Erfindung der Druckerey und der EinAihruug ]iolilischer 
Zeitungen, eine ganz neue Welt veranlasst, und erst rechte N'crljindung unter die 
Menschheit in Europa gebracht. Im Ganzen belauft sich die Zahl aller europäischen 
Postrouten _, nach Hrn. Siegmejer ij _, auf 5071, durch die man diesen Erdtheil von 
einem Ende bis zum andern durschneiden kann. Billig tragen dicjcnigon, v. eiche sol- 
<;he Anstalt benutzen, die Kosten derselben. Aber je geringer diese Kosten sind, je 
schnellerund sicherer die Communication l)0\\irket wird, um so trefflicher ist diese 
Anstalt. Finanzgewinn, am wenigsten directer , kann auf Seiten des Staates nie wahrer 
wuhlverstandencr Haujitzweck der Postanstalt seyn. Als HeJjel dei' Nalionalproduclion 
aller Gattung, mithin des Nationalreichthums, nuiss vielmehr die Post gebraucht wer- 
den. Werden die Menschen durch erleichterte Communication ihätigcr, erluidsamer, 
wohlhabender: so werden sie auch einträglicher für die Staatscassen. Nur nicht gera- 
de unmittelbar, nicht geiade in der Postcasse muss der erhöhte Ertrag gesucht wer- 
den. Übrigens vergrössert die Erhöhung des Postgeldes die Einnahme wirklich uiclit.^ 



IV. Commcrcielle Producliun oder Handel. §. iS.J. Laiidstrassen und Posten. 245 

Denn die meisten Menschengeben bey wohlfeilerem Porto an jedem Tage lieber 1 Thir. 
fiir i2> als bey tlieurem Porto 6 Groschen für einen einzigen Brief aus kj. 

a) S. Desselben Versuch eines Handbuches der reinen Geographie als Grundlage zur höheren " 
Militär-Geographie u. s. w. (Stuttgart und Tübingen, iöi2.), >vo die in der Schweiz, in 
Italien, Spanien und Portugal, in Frankreich, Grossbritannien und Irland, in Dänemark, 
Norwegen, Schweden, dem europäischen Russland, in Preussen, Warschau und Galizien, 
endlich in Ungern und Siebenbürgen, der europäischen Türkey, in Illyrien und Deutscli- 
laiifl \orkonimenden Hauptlandstrassen angegeben sind. 

b) Diese denkwürdige Kunsstrasse hat unterirdische Felsenwcge , die in Granitmassen durch- 
geführt sind. 

c) Dieses Meisterstück der Strassenbaukunst führt mittelst \ieler Brücken über fürchterlich«» 
Abgründe, und der Weg geht so sanft, dass die Erhöhung für den Reisenden auf die Toi- 
se in der Regel nur 2 Zoll beträgt. 

d) Diese , vermöge Übereinkunft zwischen der öslei-reichischen Regierung und dem Canton 
Graubandien, durch erstere neu angelangte Strasse nimmt die Bewunderung der Reisenden 
in Anspruch. Wo vordem ein mühsamer enger Weg , kaum für Saumrosse und Fussgänger 
zugänglich, durch ein wildes und unwirthbares Thal führte, und die halsbrechenden Ab- 
hänge nur mit Bangigkeit betreten, ja zu Zellen Wochen und Monate lang gar nicht be- 
reiset werden konnten, da prangt nun eine der schönsten und solidesten Strassen, die ir- 
gend eine Berggegend nur immer aufweisen kann. 

e) Diese merkwürdige auf Kosten der königl. privilegirten urigrischen Canal- und SchiJJJahrts- 
gesellschaft angelegte Strasse erhebt sich auf einer Länge von 17 Meilen von der Küste dos 
Meeres über unwegsame Alpen zu einer Höhe von beynahc 0000 W. F. , überall mit so sanf- 
tem Steigen, dass die Neigung der Bahn, selbst an den steilsten Orten, in der Länge einer 
Wiener Klafter höchstens 3 — 4 Zoll beträgt , mithin das Fortbringen von 40 Ctrn. mit \ ier 
guten Pferden, ohne irgendwo des Vorspanns oder der Radsperre zu bedürfen, möglich macht. 

y) Die neuerlich in Bniern vorgeschlagenen Eisenbahnen sollen die englischen an der mecha- 
nischen Vollkommenheit 2^mal , bey einem um die Hälfte geringeren Kostenaufwande , über- 
treffen. Ein Pferd kann auf denselben mehr leisten, als 22 Pferde von derselben Stärke auf 
'"' der besten Chaussee. ■ 

e) Zwey Abhandlungen über Frachlwagen und Strassen und über die Frage : ob und in wel- 
chen Fällen der ßa.u schiffbarer Canäle Eisenwegen oder gemachten Strassen vorzuziehen 
sey? Von Fr. Ritter v. ^Gevstncr. Prag, i8i3. Vergl. Blünchener A. L. Z. Winternionat , 
1819. S. 26 ff. 

7i) Über den Nutzen der brcitfelgigon Räder an Fracht- und anderem schweren Fuhrwerke, 
milbesonderer Rücksicht auf die Einführung derselben im Königreiche jBaiVr/i und in Deutsch- 
land überhaupt. Von A. Scidichlegioll u. s. w. München, 1819.8. Vergl. IMünchenerA. L. Z. 
VVeinmonat, 1819. Die breiten Räder sind für das Fuhrwerk nur auf solchen Strassen \or- 
iheilliaft , welche sich schon in vortrefflichem Zustande befinden, und ganz trocken und eben 
sind; auf jedem gcwöhidichen , rauhen, mit Sand, neuem Schotter, Schlamm oder Schnee 
bedeckten Wege hingegen verursachen sie einen grösseren Widerstand als die schmalen 
Wagenräder. 

i) S. Desselben allgemeines Postreisebuch und vollständiger Meilenzeiger von Europa etc. Auch 
unter dem vollständigen französischen Titel: Ilineraire di; TEurope ou indicafcnr de toules 
les routes de posie, des larifs des offices de poste rcspetifs et des aulres frais, qui ont rap- 
port sur les dificrcntes manieres ä vovager en cette parfie du monde. Halle undBerün, 1819 
gr. 8. .Vergl. H. A. L. Z. 1819 Num. 107. S. 7. ff. 

k) Lber Postanslaltei) nach ihrem Finanzprincip , und über diC Herrschraaxinien der Poslrc- 



S46 IV. CommcreieUe Production oder Handel. §. i35. Seefahtt. 

^icn. Eine staat^konomistische Parallele, diircli Haiiptzüge aus der Postpraxi« narhcewiesen. 
Halle, 1817. Vergl. Jen. A; L. Z. 1818. Num. 2o*). — üab Postweseii in Deutsciilarid , wie., 
es war, ist und seyn köiinle. Von dem Staats- und Kabinetlsrathe Klübur. Erlangen, 18x1. 
8. Vergl. Gölting. g. Anz. 1811. St. 2oo. S. iggS IT. 

• §. i35. 

b) Zu Wasser. 

aa) Seefahrt. 

Ungleich wichtiger ist die Communication zu Wasser mittelst der Sclüfffalirl _, 
da sie nicht nitr die entferntesten Völker verbindet, sondern auch die Zuführe und 
den Tausch der Waaren erleichtert, als das geschwindeste tind wohlfeilste Transport- 
mittel zur Verminderung des Preises derselben beyträgt, und daher der mächtigste - 
Hebel des Handels ist. Die Schifffahrt zerfallt 1) in die Seefahrt j 2) die Fiussfahrt 
und 3) die künstliche Schifffahrt oder Canalfahrt. 

1) Die Seejcthrt wird natürlich mit grösseren Schiffen betrieben, als die Fluss- 
fahrt. Die Grösse derselben wird nach Tonnen oder Lasten j jede von 2 Tonnen, be- 
stimmt, wobey man eine Tonne, eigentlich ein Gewicht von 20 Centnern, für einen 
Raum von 42 Quadratschuh annimmt. Doch rechnet man in den nordischen Meeren 
nach Tonnenlasten von 60 Ctr.^ und für Schiffe, die im Kornhandel dienen , nach Rog- 
genlasten von 48 Ctr. Das Kauffahrteyscliiff gehört entweder dem Kaufinanne, der 
es in seinen Geschäften braucht, folglich zugleich Eigner und Befrachter ist j oder 
einem oder mehreren Rliedern j ruiter denen es in Parten vertheilt ist, die es aus- 
rüsten, ihm einen Schiffer vorsetzen , es von einem oder melireren Kaufleulen ])eladen 
und verschicken lassen, und den aus der Vermiethung oder Fiacht entspringenden 
Gewinn unter sich iheilen. So wird dann das Schiff für seinen oder seine Eigner ein 
Erwerbsmittel, und für die Befrachter ein Hülfsmittel ihrer Handlung. Geht das Schiff 
nur aus einem Hafen desselben Landes in den andern : so treibt es Küsten fahrt. 
Nimmt es in ausländischen Häfen Ladung nach ausländischen Häfen: so treibt es F/'öcA^- 
fahrt oder Cabotage. 

Die Brillen erlauben die Frachinihrt keiner fremden Nation. Ihre von Olivier 
Cromwel i65l errichtete, und von Carlll. 1660 bestätigte Schijffahrts-Acte , die 
als die Grundlage der Grösse ihrer Seemacht und ihres Wellhandels zu betrachten ist, 
untersagt bey Strafe der Conliscation allen fremden Schilfen die Einfahrt in irgend ei- 
nen Hafen Grossbritanniens , die mit andern Producten oder Kaufmannswaaren be- 
laden sind, als diejenigen, die Erzeugnisse des Landes sind, dein das Schiff angehört, 
und erlaubt selbst in diesem Falle keinem fremden Schiffe britlische Kunst- oder 
Naturproducte als Retourgülcr zurückzunehmen. Auch der Brille selbst darf sich kei- 
nes im Auslande gehauten und von ihm gekauften Schiffes bedienen. Sein Schiff muss 
in England gebauet, der Schiffer, der Steuermann und |- der Besatzung müssen, Bril- 
len seyn. \Venn Grossbritannien durch diese kühne Institution zunächst nur den Hollän- 
dern schaden, und vorzüglich nur bezwecken wollte, zu seinem natürlichen Antheile 
an der Kauffahrlcy zu gelangen: so hat sie doch im Verein mil den uncrmesslichen 



IV. Commercielic Production oder Handel. ^. i55. Seefahrt. 24y 

Fortschrillen seiner Handlung die Wirkung hcrvorgehracht, dass in unseren Tagen 
die bvittlsche Flagge sich fast der ganzen Fvaditfahrt bcmiichiigel hat. Wenigstens 
ist es gewiss, dass bcy der heuligen Lage der Dinge der grösstc Tiieil des europäi- 
schen Handels durch sie betrieben wird. 

Im J. i6gg wurde die Last aller Seeschiffe Europa's auf" 2 Mill. Tonnen berech- 
net 5 davon besass Holland goo,ooo, England 5oo,ooo, Frankreich 110,000 und die 
ijbrigen Nationen den Rest. Allein gegenwärtig ist die brittische Schifffahrt so gross, 
dass ihr die Schifffahrt aller übrigen europäischen seefahrenden Nationen nicht gleich 
kommt. Nach Hrn. Co/ijrw/io/i/z beschäftigt jetzt der briuische Seehandcl 28,061 Schiffe, 
von 3,160,293 Tonnen Gehalt, mit i84,302 Mann besetzt. Im J. 1804 liefen in gross- 
britannische Häfen ein. 21^725 Schiffe, von 2,271,921 Tonnen Gehalt, bemannt mit 
154,299 Individuen : imtcr obigen waren nur 48o3 fremde Schiffe , von 687,077 Ton- 
nen Gehalt mil 35,926 Mann. 

Frankreich halte im J. 1791 — 4000 grosse Handelsschiffe, von 500,690 Tonnen 
Gehall, mil 47,000 M. besetzt j mit Einschluss der kleinei-en von i5 — 5o Tonnen, 
5 — 6000 Schiffe. Im J. 1801 liefen 3484 franz. Schiffe in Frankreichs Häfen ein, und 
2g"'3 liefen aus, 6006 fremde Schiffe nicht mitgerechnet. 

In sämmtliche russische Häfen liefen im J. i8o5 ein 5332 Schiffe und 5o58 liefen 

wieder aus j darunter /7WjrwcÄe eingelaufene 53g 

ausgelaufene 578 
( 

darunter englische eingelaufene iSog 
ausgelaufene nqo 



folglich T;berschus,s der englischen Schiffe 

mehr eingelaufen 770 
mehr ausgelaufen 6l2 
Im J. 1819 stieg die Zahl der angekommenen Schiffe auf 480g, die der abgegangenen 
auf 4786. 

Durch den Sund passirlen im J. 1817 — l3,lo3 Schiffe (von der Nordsee 6708, 
von der Ostsee 634.5) ; im J. 1818 nur i2,588, also 5i5 weniger. Seit 1796 ist die An- 
zahl der Schiffe nicht so gross gewesen, als 1817' 

!,• Holländische Schiffe gingen im J. l7go — 20og durch den Sund; im J. i^gö nur 
Eines j 1797 und g8 gar keines; i8l5 wieder i6og- Aus den sämmtlichcn niederländi- 
schen Hafen liefen aus im J. 1816 — 3ooo , iui J- 1818 — 38oo Schiffe. 

Dänemark mit Norwegen zählte im J. 1800 — 237g Handelsschiffe, von i54,iir 
Last Gehalt, mil 17,72g Seeleuicn beselzt. Seit der Zeit war die Fracht] ahrt in das 
miitclländische Meer etwas gesunken, und die Zahl der Schiffe halle sich vermindert; 
jetzt ist beydes wieder im Steigen. 

Schweden besass im J. 1814 — 1100 Handelsschiffe, von 70,000 Last Gehall, 
mit g770 M. besetzt. Der Gewinn an der Frachtfahrt im miitelländischen Meere trägt 
jährlich über 3oo,ooo ß-thlr. für die Schweden ein, da ihre Flagge von den 13arl)arcs- 
ken respectirt wird. 

Die Zahl der preussischen Schiffe, welche im J. 1814 durch den Sund fuhren. 



248 IV. Commerc. Produef. od, Handel. §. i36. Flussfahrt und Canalfalirt. 

belief sich auf i354; davon hatte Königsberg 4g ^ Danzig g5j Stettin 121, ganz 
Pommetii 3ll Schiffe in der See, ohne dife Schiffe der kleinen Häfen zii rechnen. 

In Hamburg j das einen ausgebreiteten Handel mit mehr als 20O eigenen Schiffen 
treibt, sind angekommen im J. 1818 — 1760, im J. l8ig — i5g3 Schiffe; darunter 
waren englische im ersteren Jahre 602 , im letzteren Jahre 66o. Abgegangen sind wie- 
der im J. 1818 — i54g, im J. 181g — 1200 Schiffe. 

Oesterreich hatte im J. 1818 — 528 patentirte Kauffahrteyschiffe, von 120,443 Ton- 
nen Gehalt, mit 683o Seeleuten und 236q Kanonen l)esetzt; mit Einschluss der Kü- 
stenschiffe und Fischerfahrzeuge 4 — 5ooo Schiffe. Acht und vierzig neue Kauffahrtey- 
schiffe sind neuerlich j^atentirt. Im J. 1820 liefen in den Freyhafen zu Triest an Schif- 
fen , die lange Seereisen machten, 53g ein. Bcyläulig die Hälfte dieser Schiffe, nähm- 
lich 205 , führten die östcrrcicbisclie Flagge ; unter den fremden Flaggen war die 
englische die zahlreichste. Zur Küstenfahrt bestimmt, langten in demselben Jahre 
2877 Schiffe au, luid zu demsell>en Zwecke segelten wieder 256i Schiffe al). 

Zur stärkeren Aufnahme des Sechandeis, hat man einige Seehäfen zu Frcjhäfen 
erklärt, wovon den ankommenden Schiffen und Waaren entweder nichts, oder nur 
sehr wenig bezahlt, und allen Nationen , olme Unterschied des Ranges nnd der Reli- 
gion , zu allen Zeiten im Frieden und Kriege der Handel verstaltet wird. Solche Frey- 
häfen sind bey Marseille ^ Bajonne j Genua ^ Nizza _, Livorno ^ Civita vecchia j An- 
conuj Messina j Triest ^ Fiume_, Ostende j, Emden j Marstrand, Odessa und die neu 
errichteten spanischen Freyhäfen bey Cadix _, Alicante , Santander und Corunna j, 
um den bey dem Abbruch der HülfscjueUen aus Amerika immer mehr sinkenden 
Handel zu heben. 

§. i36. 
bb) Flussfahrt und cc) Canalfalirt. 

2) Die Natur hat [allen Ländern Europa's i^/i^5i'.y^7V/.y.ye';i verliehen; aber sie hat 
eine dieser Strassen weit brauchbarer geschaffen, wie die andere. Die Schwere des 
Wassers ist, wie die Breite, die Tiefe und die Geschwindigkeit des Laufes der Flüsse, 
«ehr verschieden. Der kleinere, aber trübe Main trägt vcrhältnissmässig mehr als der 
Rhein j dessen Wasser hell und leicht ist; jedes /l/aj«,yc/u^ sinket bey seinem Ein- 
tritte in den Rliein tiefer in den Strom. Die Scheide _, obgleich ein Küslenfltiss, ist 
für Kriegsschiffe brauchbar bis weit über Antwerpen, ja selbst auf dem Medwaj j, ei- 
nem Nebenflusse der Themse , sieht man mit Erstaunen Fregatten und Linienschiffe. 
Dagegen ist der TajOj ob er gleich unter den Strömender pyrenäischen HalLinsel 
die grösste Laufijahn hat, nach Hrn. Kunz j nicht schiffbar, und die übrigen Haupt- 
flüssc dieser Halbinsel sind zur Schifffahrt nicht berpiem. Vor einem heraufgehenden 
oder Bergschiffe auf dem Rlieine ziehen 10 — 12 Pferde 5ooo Ctr. ; dagtigen Jiedarf die 
sehr beschwerliche Fahrt den Strom hinan oder im Gogentriebe auf der Donau bey 
gewöhnlicher Höhe des Wassers auf 100 Ctr. ungefähr ein Pferd, folglich ziehen die 
Pferde vor einem Bergschiffe auf dem Rheine f mehr, als die Pferde im Gegentriebe 
auf der reissenden Donau, Die Theiss gestattet wegen ihrer Breite und ihrer, dem 
Winde in grossen Strecken zugänglichen niedrigen Ufer den Gebrauch der Segel; da- 



IV. Commerc. Producl. oder Handel. §. i56. Flussfahrt und Canalfahrt. 24g 

gegen kann kein Donauschiff sich der Segel bedienen , da der Wind bcy den hohen 
Ufern und den hikifigen Krünmmngen dieses Stromes nicht kann aufgefangen werden, 
und könnte er auch aufgefangen werden, so erlauben die Inseln und Felsen nicht, 
dass man ihn benutze. — Eben so werden die Vortheile der SchifTljarkeit in bedeu- 
tendem Maasse geschwächt, theüs durch Untiefen und Sandbänke, wie z. B. bey der 
Weser und dem Don,, theils durch IVasserßiUe ^ wie z. B. bey dem Dneper ^ der in 
einer Strecke von 60 Wersten i3 Wasserfälle hat, iiber welche die ScliifTe nur bey 
hohem Wasser gehen können. — Nicht minder hat die JXatur durch die Richtung der 
Flüsse viele günstige Aussichten bald eröffnet, bald vereitelt. Keiner von allen Haupt- 
flüssen Spaniens geht den Norden hinauf^ der Ebro ergiesst sich in das mittelländi- 
sche Meer, und von den übrigen nur der Quadalqidvir auf spanischem Boden in 
den allantischen Ocean. Dagegen versendet Deutschland seine Producte auf der Do- 
nau nach dem schwarzen Meere, ^\\{ Act Elbe ^ dem 7tAe/«e vmd der Weser U7yc}a. der 
Nordsee, und auf der Oder nach der Ostsee, so wie K\x Frankreich und Russland 
nach allen Seiten hin der Absatz der Producte durch Flüsse erleichtert wird. — Auch 
d«r Umstand ist für den Handel eines Staates wichtig, ob er im Besitze der Miindim- 
gen seiner Hauptflü.sse sey oder nicht. Russland beherrschet, mit Ausnahme der 
Weichsel j alle seine Ströme bis zu ihrem Ausflüsse, und ist jetzt (s. §. 123.) auch Be- 
herrscher des linken Donauufers an der Mündung dieses Stromes; Frankreich be- 
herrschet von seinen 6 Strömen 4, Spanien von seinen 6 Hauplflüssen 2, und Preus- 
seji yon seinen 5 Strömen 2, wovon einer (die Oder) ganz auf preussischem Gebiete 
als schiffljarer Strom seinen Lauf hat. Dagegen beherrschet Oesterreich die Mündung 
nur von Einem seiner 6 Hauptflüsse, wovon einer (die Oder) nicht einmal schiffbar auf 
österreichischem Boden ist, ob er gleich auf demselben entspringt. 

Mit den natürlichen Schwierigkeiten der Flussfahrt vereinigen sich auch noch 
politische, welche zur Folge haben, dass die Flüsse so manchem Lande bey weitent 
nicht in dem Grade zu Gute kommen, als sie billig sollten, indem man den natürli- 
chen Lauf derselben zum Besten des gemeinen Verkehrs nicht uuverkümmert lässt, 
sondern mit so hohen Zöllen beschwert, dass sie mit den etwaigen Auslagen zum Be- 
sten der Schifffahrt in keinem Verhältnisse stehen. Kein Land litt in dieser Hinsicht 
bisher in dem Maasse, als Deutschland, dessen WasserzöUe auf der Elbe j der We- 
ser ^ vornehmlich aber auf dem Rheine j sowohl der Zahl, als dem Betrage der He- 
bungen nach, so übertrieben waren, dass sie schon im Mittelaller von England aus 
als eine „mira insania Germarior «" vorgestclll wurden aj. 

Es ist daher offenbar ein vorzii Jicher Beweis der hohen Würdigung des europäi- 
schen^ und besonders auch des deutschen National-Intcresscs , dass man, zur bessern 
Bewirkung des Verkehrs der Völker, auf dem hohen Congresse zu Wien übereingc- 
konnnen ist, nicht aUein die Schifffahrt auf den Flüssen, welche die Gebiete von meh- 
reren Staaten durchströmen, frey zu erklären, sondern dass die hohen Länderbesi- 
tzer sich auch , in Hinsicht des Uferbaiies und der Unterhaltimgskoslen der Schiff- 
fidir' , dahin vereiniget haben, dass sowohl ein gleicher, gesclzhcher Tariff bestehe, 
als auch die Ei-hebung der Gebühren, nach möglichster Verminderung der Erlie- 
bimgs-Büreaus , auf eine völlig übereinstimmende Weise so geschehen solle, dass 

32 



200 IV. Ccmmerc. Protluct. oder Handel. § i36. Flussfilirt und CanalfaLrt. 

ohne gemeinsame Übereinstimmung der uferLetlieiligten Landesfürsion niolii davon 
abgewichen werden könne. Um diesen wohlihäligcn Bestimmungen der H.uiplschhiss- 
acie des Wlener-Congresscs in Deutschland Genüge zu leisten, sind;, zur Regulirung 
der SchiflTahrt auf der ii/Z'(? j der T feser und des Rheins^ besondere Scläfffalu-ts- 
Commissioiien niedergesetzt worden. Die Eibe-Schifffahrts-Commission in Dresden 
hat bei-eits im Laufe des Jahres 1821 ihre Arhpit mit dem besten Erfolge vollendet. 
Den 28- Jiiny d- J- vvard daselbst die , in vielfältiger Beziehung höchst wichtige Elbe- 
Schifff (ihr Is- Acte von den Bevollmächtigten der Ufer-Staaten: Oesterreich _, Preus- 
seiij Sachsen j Hanov'cr_, Dänemark für Holstein und Lauenhiirg j Meckleiiburg- 
Schwerin^ Anhalt-Bernburg ^ Anhalt-K'othen ^ Anhalt-Dessau und die/y-e/e Bun- 
desstadt Hamburg ^ abgeschlossen und unterzeichnet, und den 12. Decembcr d. J. 
ralificirt. Am 1. März 1822 trat diese denkwürdige Schifffahrts-Acte durch ein nach- 
trägliches Übereinkommen wirklich in's Leben. In der Prager Zeitung Nr. 2 vom 
4. Januar d. J. , ist eine skizzirte Darstelhmg der Vortheile dieser Acte, und der da- 
durch bewirkten SchilTfahrts-Freyheit auf dem, für den Handel eines grossen Theils 
von Deutschland so wichtigen Elbestrome enthalten, wodurch zunächst den Natur- 
und Kunsterzeugnissen der östeneichischen Monarchie, und Böhmens insbesondere, 
auf einer in seinem Schoossc entspringenden, für den vaterländischen Handel vorzüg- 
lich bequemen, in Verbindung mit der Moldau das Land von der österreichischen bis 
zur sächsischen Gränze durchströmenden Wasserstrassc ein bisher von allen Seiten 
gehemmter Ausweg, sofort für das Grundeigenthum und den Gewerbfleiss, eine neue, 
sehr fruchtbare Quelle zur Erhöhung seines Wohlstandes geöffnet worden ist. Alle 
Blicke sind nun auf den Rhein und die Weser gerichtet. 

Wegen frejer SchilTfahrt in den, zum ehemaligen Königreiche Polen ^ so wie es 
im J. 1772 bestand, gehörigen Provinzen >vard im J. 1818, in Folge der Stipulationen 
des Tractats vom 3- May (21. April) i8i5, ein Handelsvertrag zwischen der österrei- 
chischen imd russisclten Regierung unterzeichnet ruid ratilicirt, so wie schon früher, 
den 22» JMarz 181 7, eine ähnliche Übereinkunft zwischen Oesterreich und Preussen _, 
hinsichtlich der polnischen Provinzen dieser Mächte^ unterzeichnet und ratificirt 
wurde bj. 

Auch in Italien sind Unterhandlungen über die freye SchiSTahrt auf dem Po 
mit den Uferstaaten ^ welche dabey interessirt sind, im Werke. 

Übrigens ist es natürlich, dass, da alle Flüsse sich in's Meer ergiessen, und ihre 
Mündungen dadurch gewöhnlich weit und tief genug für Seeschiffe werden , an den 
grösseren Flüssen die Flussfahrt mit der Seefahrt wechselt. Eben so natürlich sind die 
auf dieser Stelle befuidhchen Seestädte von Allers her entstanden. Je länger der Lauf 
des schiffbaren Flusses ist, desto grösser ist die Gegend, aus welcher die Seestadt 
inländische ^V^aaren zu sich holen , und in welche sie die seewärts her zu ihr gelan- 
genden Güior verthcilen kann. Noch vortheilhaficr ist es für diese, wenn die in den 
Fluss, woran sie liegt, eintretende Meeresflulh demselben eine, freylich zweyraal im 
Tage abwechselnde Tiefe gibt, mit welcher noch meilenweit herauf in's Land auch 
grosse Seeschille bis zur Handelsstadt gelangen können. Dieses Glückes geniessen ia 
Europa nur 4 Städte: London , Bordeaux j Antwerpen und Hamburg in einiger 



IV. Coiiinierc. Pioducl. oder Handel. §. 137. Haudclsplül/e , Jalirnjarkle und Messen 25i 

VoIlTioinmenheit. Andere, die es genossen, z. B. Bremen j Sevilhi ^ Nantes ^ Roueii„ 
liabon es daduicli zum Tlieil verloren , weil das Bett des Flusses durch den von oLeu 
her heralidiessrnden Sand sich so sehr erhöht hat, dass die SchiH'e mehrere Meilen 
untcrhall) der Handelsstadt in Vorhäfen bleiben miissen. 

Wenn Fli'isse seicht sind, so können sie durch Auhiiumung des Bettes und durch 
Schleusen, d.i. durch zwischen Holz oder Gemäuer angebrachte hölzerne Thiiren, 
welche das Wasser stauen ^ d. i. aufhallen, schiffbar gemacht werden. Diess ist nun 
zwar schon eine 

3) künstliche Schijff^fahvt ; aber diese zeigt sich in weit grösserer Vollkom- 
menheit , wenn man das Wasser zii Canälen benutzt, die man vermiLtclst der Fang- 
schleusen mit doppelten Thüren in jeder Richtung leiten und befahren kann, und 
wodurch ein schiffbarer Fluss mit dem andern, oder mit dem Meere, oder ein Theil 
des Meeres mit einem andern, verbunden wird. Von den berühmtesten Anlagen der 
Art war oben (s. §. 2i.) die Rede. Durch grosse und in einander greifende Canal- 
Systeme aljer zeichnen sich aus: Grossbritannien j die Niederlande j Frankreich ^ 
OesterreicJäsch-ItalieUj Mussland und Preussen. 

Die Dainp f boote j d. i. Fahrzeuge, die vermittelst der sich auf denselben befind- 
lichen Dampfmaschinen auf den Flüssen und Canälen gehen , vermehren sich in Eng- 
land, von Tag zu Tage. Auch in einigen Gegenden Frankreichs, Deutschlands und 
Russlands kam die Dampf sclaß^ahrt in den neuesten„Zciten zur Ausführung, 
a) S. GreUinann's historisch-stalistisches Handbuch von Deutschland a. a. O. S. i5q — 166 
i") S. Jahrbücher des k. k. polytechnischen Institutes zu Wien B. a. S. 570 — 573. 

B. In Rücksicht des W a a r e n u m s a t z e s, 

g. 137. 
.1) Handelsplätze, Jahrmärkte und Messen. 

In verschiedenen Wohnplätzen der europäischen Länder beschäftiget sich ein 
Haupttheil der Einwohner (Handelsstand) mit Verkauf und Austauschen von mannig- 
falligen, aus der Nähe oder Ferne aufgesanimclten Naturproducten luid anderen Waa- 
rcn ; dergleichen Orte nennet man Handelsstädte. 

In manchen Handelsslädlcn konnnt zu bestinnnlen Zeiten, nnter j;owissen Privi- 
legien, eine giössere Anzahl von inländischen nnd ausländischen Ivaufleulen und 
Käufern, als auf den gewöhnlichen Wochen- und Jahrmärkten zusammen. Ein sol- 
cher Hauptmarkt wird eine Messe genannt. 

Die vorziiglichste Handelsstadt in und ausser Europa ist London an der Themse 
In England. Dieser Stapelplatz des Welthandels bestreitet \ des g.nnzcn briltischen 
Handels, und sieht auf ij — 14,000 Schilfen, und auf etwa 40,000 Wagen jährlich ein 
bewegliches Eigcnthum von 120 Mill. Pf. St. zu- und abfuhren. Im J. l5go halten in 
Londun die vier reichsten Kaulleutc nur ein Vermögen von 400 Pf- St. Das neue 
Zollhaus daselbst ist 480 Fuss lang, 100 Fuss tief; das grössle Zimmer darin hat ei- 
ne Länge von igo, und eine Breite von 76 Fuss. Es ist fiir 6.5o Z-üIll)eanUe luid loöo 
ZoUbcdicule eingerichlcl. Ausser London sind die vornehmsten Handelsstädte inEng- 

32* 



252 IV. Commerc. Product. oder Handel. §. iSy. Haudcl.splatze , Jalirinärkte und Messen. 

land: Leve.rpool (Liverpool) ^ Hüll iind Bristol; nächst diesen PovtsmoutJi j Ply~ 
moutlij Faiinontli^ Varmouthj Birmingham , Sheßleld., Manchester^ Leeds j, New- 
castlcj Withehaven wwA. Bedford ; in Schottland: Edinburgh j Glasgow,, Leithy 
Grenak ^ Perth ^ Dunder „ New-Aberdeen und Im'erness (llauptniaikiplaiz für die 
Ijcrgschotlcn) ; in Iil.uid : Dublin (der Miilcipnnct des gesaniniten irlandischen Han- 
dels), Londonderrjj TFatei-ford _, Belfast ^ Linerick und Cork (das Schlachthaus 
der engliscJien Marine). 

In Poitugal sind die wichtigsten Handelsstädte: Lissabon j, Oporto , Selubal 
oder St. Ubes ni\A Furo. In den bcydcn ersten sind grosse englische Facloreyen. Eng- 
land gewann bisher in inancheni Jalirc 5, 6 bis -j Mili. 11. und darüber bey dem Handel 
mit Portugal, ohne Brasilien mit in Anscldag zu bringen. 

In Spanien sind die erhcblichslcn Handelsstädte : CadiXj Malaga^ CartJiageiiaj 
Alicajite j Barcelona j l'^aJencia und Corunna ; ferner Bilbao j St. Sebastian,, Se- 
villa ^ Madrid j Segovia und Burgos. Cadix war bisher der grosse Stapelplatz des 
amerikanischen Goldes und Silbers, so wie der europäischen Fabricatej aber kaum 
der zehnte Thoil der Schiffe, die jährlich hier einliefen, waren spanische; denn Eng- 
länder, Franzosen, Niederländer und Deutsche lieferten ihre für Amerika bestimmten 
Waarcn an spanische Häuser in Cadix, die dann die weitere Versendung besorgten. 
Auch haben fremde , vorzüglich englische und deutsche Handelshäuser hier ihre Eta- 
blissements , und wohnen hier. 

In Frankreich, und zwar in dessen nördlicher Hälfte, sind die bedeutendsten 
Handelsstädte: Lille (Handclsstrasse nach den Niederlanden), Dünkirchen j, Hapre 
de GracCj Caen^ Paris ^ Reuen j Strassburg (Handelsstrasse nach Deutschland und 
dem östlichen Europa), Colniar ^ Dijon j Auxerre ^ Orleans j Brest wc^A. Nantes ^ 
welche letztere den grössten Antheil an dem fraiizösisch-amerikanischen Handel hat; 
in Südfrankreich: Lyon (der Mittelpunct der Communication zwischen Spanien, Ita- 
lien, der Schweiz und Deutschland), Bordeaux (der erste Weinhandhmgsplatz in 
Eurojia), Marseille (der erste französische Handelsplatz nach der Levante, und der 
nordairikanischen Küste) , Nismes oder Ninies (der liauptort für den französischen 
Handel mit oiUcinellen medicinischen Püanzen und Pflanzen-Präparaten für Apothe- 
ker); ferner Roch eil e j, Macoji ^ Sali/is j Montbrison j Clermont j Limoges j Angou- 
le'ine , AgeUj .'erpignan (Handclsstrasse nach Spanien), Bajonne (tlandelsslrasse 
nach Spanien), Toulouse ,, Cette , Grenohle , Flenne , Toulon , Grasse ^ Narbonne^ 
A\'ignon und Beaucaire ^ in welcher letzteren Handelsstadt die wichtigsten und am 
meisten besuchten Messen in ganz Frankreich gehallen werden. Die Waaren jeder 
Galtung werden hier aus allen Gegenden Frankreichs, aus Deutschland, der Schweiz, 
Spanien und Italien herbeygeführt. 

In Italien, und zwar in Ober-Ilalicn: Turin , Carmagnolaj ISizza _, Alessandi'ia^ 
Genua und Oiieglia ; ferner Mailand ^ Pavia ^ Lodi j Cremona j Brescia ^ Bergamo 
(Ilauptstapelstadt für Seide und Wolle), Venedig (vor Entdeckung der Umfahrt um 
die südliche Spitze Afrika's, der Hauptmarktplatz von Europa), feroruij Vlcenza , 
Bassano j Reggio mid Lucca; in Mittel-Italien: Florenz (der Mittelpunct des Land- 
liandels von Toscana), Livorno (ein Hauptvereinigirngspunct der Levante mit den ita- 



rV. Commerc. Prodnct. oder Handel. §. 137. Handelsplätze , Jahrmärkte und Messen. ^53 

lienischen und andern, besojiders westeuropäischen Ländern, und ein Haupt])latz fiir 
Straussfedernhandcl aus Algier, Tunis imd Alexandria) j Cevner ^/icona_, Sinigaglla 
und Bologna; in Unler-Italien: Neapels, Salerno j Fasitano , Foggia (Hauplplatz 
des neapolitanischen liandels), Manjreäonia ^ Baii_, Bavlettd ^ Gallipoli und Cosen- 
zu; auf den anliegenden lasehi: Palermo (Miltelpunct der sicihanischcn llandhings- 
und Gewerbsthäligkeil), Alicata (Niederlage aller Bedürfnisse fiir Malta), Messina 
luid Cataida ; auf Sardinien: Cagliari (Hauplplatz des sardinischen Handels mit dem 
Auslande) ; auf Malta : Valetta (Stapelplatz lur die verschiedenen Erzeugnisse und 
Waaren der ])cnachhartcii Länder, auch Niederlage von englischen Golonial- und 
Manufacturwaaren). Erheljliche Messen werden gehalten: zu Alessandria ^ Brescla ., 
Bergamo j Sinigaglla j Salerno und Foggia. 

In der Schweiz ; Basel (die vornehmste Schweizer-Handelsstadt und Hauptnie- 
derlage der Einfuhr- und Ausfuhrartikel), ScliaffliauseUj St. Gallen (Haii^ythandels- 
plalz der östlichen Schweiz) , Rorschach (der stärkste Kornmarkt der ganzen Schweiz, 
durch die Zufuhr aus Deutschland über den Bodensee), Herisau (wo, so wie in 
St. GaUen, die grössten Handelshäuser der östlichen Schweiz, und die grössten Äla- 
gazine von Leinwand, Mousselin mid Baumwollenwaaren sind), Ziirichj Laceni (wich- 
tiger Speditionsplatz von Zürich und Basel), Soloihurn (Hauptniederlage von Waa- 
ren, welche aus einem Theile Frankreichs durch die Schweiz geführt werden), Chur 
(Mittelpunct des Transitohandels zwischen Deutschland und Italien), Martinach (J^ie- 
derlage der vom Genfersee über den St. Bernhard und rückwärts gehenden Waaren), 
Genf und JSeufchatel. 

In Deutschland: Leipzig _, Frankfurt am Main^ Braunschweig j Frankfurt au 
der Oder j Naumburg und BotzeUj in wclclien Städten die wichtigsten Älesscn ge- 
halten werden, die nicht bloss von Deutschen, sondern auch von Ausländern, und 
manche darunter, besonders die zu Leipzig j von Fremden fast aus allen Ländern Eu- 
ropa's, und selbst von Asiaten besucht werden. Besonders aber ist Leipzig j, nehm 
Frankfurt a. d. Oder und Naumburg _, der Marktplatz für, aus Norden und Osten 
sich einfindende Käufer, vornehmlich Russen, Polen und Griechen, so wie Botzen 
hauptsächlich für Italiener, und Frankfurt am Main für Niederländer und Franzosen. 
— Ausserdem sind noch von vorzüglicher Erheblichkeit, wegen ihres Speditioiis- , 
Wechsel- imd eigenen Waarenhandels : Augsburg _, Nürnberg j Wien und Prag _, so 
wie Berlin j Breslau und Dresden. — Die erste aller See- und Handelsstädte in 
Deutschland aber, so wie, nächst London und Amsterdam j auch die grösste in Eu- 
ropa überhaupt, ist Hamburg ^ welche Staut ein Ilauptmarklplatz für gcsammte Welt- 
Ilandelsgegcnständc ist, und zugleich mit zwey andern erheblichen See- und Handels- 
plätzen, Lübeck inid Bremen j den Bund der ehemals berühnUen Hansa fortsetzt, 
auch in Gemeinschaft dieser Städte mit verschiedenen Freyheiten noch jetzt in Eng- 
land begünstiget ist. — Andere ebenfalls wichtige See- und Handelsorte Deutsch- 
lands sind vornehmlich noch Triest am adriatischen Meere; Emden am Ausflusse der 
Ems in den Dollart und die Nordsee; Altana bcy Hamburg an der Elbe, wnA. Slettiji^ 
Stralsund j Piostock imd JFismar _, sänmitlich an der Ostsee. 

In der Monarchie der Niederlande und zwar in den nördlichen Provuizcn dersel- 



254 ^V- Coraitierc. Product, oder Handel. §. löy IlaadelspläUe , Jahimärkte und Messen. 

Len: Jmsterdam (noch im Anfange und um die Miite des achizehnieu Jahrhunderts 
die erste, jetzt nach London die wichtigste Handelsstadt in Europa), Roftefdnm 
(Ilauptniarkt für Flachs , Krapp und rothe Franzvveine) , Middelburg j Dortrecht 
(Haiiptslapcl der grossen Rheinflösse), Lejdeti (Hauplsilz für den inlandischen ^Voll- 
handel); Haarlem (vormals Hauptsitz eines famosen ßhunenhandels, und noch jetzt 
Bhuuenahsatz in die entferntesten Gegenden) , Alkmaar (die grösste Käseniederlage 
in ganz Holland) , JVimwegejij, Arnheim ^ Zwoli_, Grörängen u. a. m. ; in den südli- 
chen Provinzen: Antwerpen (vor 200 Jahren die Königinn aller Handelsstädte in Eu- 
ropa), Gentj Brüssel j Brügge^ Lattich w. a. m. Fast jede niederländische Sladl ist 
ein Handelsplatz. 

In Danemark: Kopenhagen (der Mittelpunct des ganzen dänischen Handels), Hel- 
singöer (an der schmälsten Stelle des Sundes, der ZoUplatz ftir die zahlreichen , diu'ch 
den Sund gehenden Schiffe, die hier anhalten und den Zoll hezahlen müssen , der 
jährlich über 5oo,ooo Thlr. beträgt); ferner Odensee^ Njkiöping_, Aalborg j, TFi- 
borg (jährliche Messe, Sclinapstag genannt), Aarhuus ^ Ringkiöping j Flensburg 
imd l^üiiningen. 

In Schweden ist das Geschäft der Handlung auf eine eigene Art unter die Städte 
vertheilt. Zu dem Handel mit dem Auslande haben 28 Seestädte allein das Recht und 
führen den Namen {der Stapelstädte. Diese betreiben den Handel mit dem Auslande 
vermittelst eigener Schiffe. Die übrigen Städte, auch selbst solche , die an der See lie- 
gen, hcissen Landstädte. Diese sind nur zum inländischen Handel berechtiget; sie 
können inländische i^roducte, selbst in eigenen Schiffen, den Stapelstädten zuführen 
imd ausländische von da abhohlen, um sie in den Provüizen zu verhandeln. Yen den 
Stapclslädlen sind Stock/iolm imd Gotlieiiburg die ersten des Reichs, ruid den übri- 
gen (Gefle , ISorrkoping _, Mai'strand _, Calmar _, Udewalla _, Halmstadt _, Malmöe,, 
Laudskrona j, Helsinborg ^ Christiansstadt u. s. w.) im Geschäfte des Handels so 
stark überlegen , dass die erstere ~ , die andere y\ des ganzen Handels in Händen 
liat. — In Norwegen: Bergen (der Hauptstapelplatz für norwegische Producte und 
Bedürfnisse aus der Fremde), Drontlwim (die zweyte norwegische Handelsstadt}, 
Christiania j Drammen j Friedrichshald und Christiansnnd. 

InRiissland : St. Petersburg (die wichtigste Sechandelssladt des russischen Reichs), 
Biga (nach St. Peters])nrg die vornehmste Seehandelsiadt in Russland), Bei'alj Liehaii 
und ISarwa , sänmulich an der Ostsee; Arcliangel am weissen Meere (von allen Städ- 
ten des Erdbodens unter dieser Breite die wichtigste Handelsstadt); Odessa (seit 1817 
zugleich ein Freyhafen, für den Handel von Bessarabien und den russisch-polnischen 
Provinzen imgemcin bequem), CAe/'i'o« (Stapelplatz für den Dneprhandel) j Eupatoria 
(nissiscli Koslu\\), Sewastopol j Feodosia (die wichtigste Handelsstadt der Krimin, 
vormals ein Markt der Sclavcn und jungen Tscherkasscrinnen), Taganrok _, sämnulich 
am schwarzen und asowschen iVJeere; Astrachan am kaspischen Meere (wichtig als 
Ilandclssladl mit Persien und Indien, und durch den Weg auf der Wolga auch fiir ei- 
nen grossen Theil des europäischen Russlands); Ochotsk am ochotskischen Meere 
(Stapelplatz des Handels mit Kamtschatka). — Unter den russischen Landstädten be- 
hauptet Moskau als Handelsplatz den ersten Rang; die übrigen vorzüglicheren Land- 



IV. Commerc. Prpcluct. oder Handel. §. lö;. Handclspliilze , Jalnniärkle «nd Messen. 255 

liandelspläze sind: Twer j, jSischiiel-Nowgorod ^ Makarjew _, Tul(i„ Kaliiga j, Jaros- 
laWj Orelj Kui'sk_, Smolensk ^ Kasans Saratow ^ Mo/ti/ew j, TidnviUj, Jfl^tlinei' 
TVolotschok j Slobodsk _, Irkutzk ^ J(tkutzk_, Irbit , CatJuirinenburg ^ Ustjuli-JFelikij 
Ovenbuvg und Kisljar oder Kislar. Fast jede russische Sladl hal ihre .Tahr- und ^Vo- 
cheninärktc, welche letztere seihst in den russischen Dörfern, vornchndich zu Z?a'- 
kowa an der Wolga und zu Pawlowa a:a. der Okka, so bedeutend sind, dass sie viele 
Jahrmärkte üherlreffen. Die grösseren Städte besitzen nach dem Muster der orientali- 
schen Bazars eigene Kaiißioje _, worin alle Arten von Esswaaren, Materialien und 
Kunstproduclcn ausgelegt wei-dcn. Die merkwürdigsten darunter sind die zu Moskau 
(vor dem Brande mit 4682 Buden), zu St. Petersburg mit 540 Gewölben, zu M^ikar- 
jew mit goo, zu Irhii mit 5oo, und zu Astrachan mit io5 Buden. Die vvichiigsten 
Messen werden gehalten zu Ii'bit und zu Nischnei-JSowgorod j nach welcher letzte- 
ren Handelsstadt im J. 1817 auf kaiserliche Verfügung die berühmte Messe von Ma- 
karjew verlegt wurde. Beyde Messen werden von Kaufleuten nicht nur aus den ent- 
ferntesten Gegenden Piusslands, sondern auch aus den benachbarten Ländern be- 
sucht. Auf der Messe zu Irbit im Gouvernement Perm, ward im J. 1806 ein Capital 
von 6,287,000 Ruljel umgesetzt, mid der Wcrth der im J. i8i5 auf die Messe zu Ma- 
karjew gebrachten Waarcn ward zu 3oo Mill. Rubeln angeschlagen; gleichwohl ward 
die Messe in JSischnei-Nowgorod schon 1817 i«it loooBuden, mehr als zuvor in Ma- 
karjew, eröffnet. — In Polen: JFarschau (seit 1816 eine freye Handelsstadt, mit ei- 
ner grossen jährlichen Messe), Lublin (mit drey wichtigen jährlichen Messen) , Te- 
respol und Kielce. 

In Preussen . Dafizig (die erste Seehandelsstadt des preussischen Staates), El- 
blng j Marienburg und Tliorn; ferner Königsberg j Pillaa und Meinet (mit einer 
jährlichen Messe); in der Provinz Posen: Bromberg j Posen j Lissa und Ravioz. 

In Galizien und der Bukowina: Brodj (frcye Handelsstadt, und Mittelpunct des 
sehr bedeutenden Speditions- und Transitohandels zwischen Österreich und Russ- 
land); Lemberg (nach Brody Haupthandelsplatz iii Galizien, mit wichtigen jährlichen 
Messen, Contracte genannt); Podgorze (seit i8l5 freye Handelsstadt), Jaroslaw j 
Krosno (Niederlage von ungrischen \Veinen) ; Czernowitz und Suczawa (Millelpimct 
des Spedilionshandels zwischien der Moldau und Siebenbürgen). 

Die frcye Stadt Krakau ist ein Stapelplatz von ungrischen, polnischen, gidizi- 
schen und schlesischen Waaren , und treibt einen erheblichen Handel. 

In Ungern: Pesth (Hauptplatz des ungrischen Handels, besonders durch die vier 
ansehnlichen jährlichen Märkte) , Pressburg j Oedenburg (Hauptstapelplatz des nie- 
derungrisciicn Schwernhandels nach Osterreich), Comorn j Raab j Maria-TJiercsien~ 
Stadt und JSeusatz ; ferner Debreczin (jährlich wichtiger Schwein- und Spcckmaikt), 
Kaschau j Eperies j, Szegedin j GrosswardMn und Temeschwar; in Slavonicn : Es- 
Sek; in Croatien und dem ungrischen Seeküstenlande: Jgram und Fiume (wiclitiger 
Stapelplatz für den Aljsalz des ungrischen Productenreichthums) ; in Dalmatien 
und den dazu gehörigen Districten : Zara j Spalato ^ Ragusa und Cattaro; in der 
österreichischen Militärgi-änze : Carlstadt und Semlin (Ilauptniedcrlage von östcr- 
1 eichischen und türkischen 'SV aarcn) j in Siebenbürgen ; Kronstadt (llanpihundcli- 



256 IV. Commercielle Produclion oder Handel. §. i58. Maass und Gewicht. 

platz von ganz Siebenbürgen, und Stapelort der zu Lande überRudschuck ankommen- 
den levaniischen Waaren) ; Hermannstaclt (nächst Kronstadt die crhcbliclistc Han- 
delsstadt in Siebenbürgen). 

In der europäisrhen Türkey: Co«.yfrtWfmo/:»e/ (Hauplhandelsplatz für den Land- 
und Seehandel der europäischen Türkey, wo sämmtUche Waaren ausgelegt werden 
in den Bazars (Handelsgcwölben der Kaufleute und Fabricanten) , die einen Unge- 
heuern Markt bilden j unter diesen auch ein Weibermcakt j mit Sclavinnen aus Geor- 
gien, Tscherkassien , Ägypten und Habesch); ferner Jdrianopelj, Felibe oder P/ii- 
lippopol j Gallipoli und Rndschuck an der Donau (Ins hierher gehen Reisende zu 
Wasser imd setzen dann die Reise nach Constantinopel zu Lande f rl) ; dann WarJia 
(Hauptstapelplalz des Handels der Bulgarey mit Constantinopel), Belgrad QA\\.lei^\\x\.c\. 
des Handels zwischen der Türkey, Ungern und Deutschland), Salonichi (nächst Con- 
stantinopel die vorzüglichste Niederlage fast von allen Handelswaaren der europäischen 
Türkey , auch von deutschen und andern eurojiäischen Handelsartikeln , imterhält 
Geld- und Wcchselhandel nach Wien und Smyrna) , Sseres (Hauptbaumwollenmarkf), 
Janina (erhebliche Hiuidelsstadt, deren Einwohner einen ausgebreiteten Handel mit 
Deutschland und Italien treiben); endlich Buhurescht ^ Jassj imd Galatz (vor dem 
Aufstande der Griechen die erheblichsten Handelsstädte in der Walachey und Mol- 
dau). — In der asiatischen Türkey : Ismir oder Svijrna (die reichste und wichtigste 
Handelsstadt der Levante, Sammelplatz von Kaufleulen fast aus allen Weltgegenden), 
Haleb oder Aleppo (Hauptniederlage von persischen , indischen imd türkischen Waa- 
ren ; von Bagdad und Basra kommen oft Karavanen hier an, vmd gehen von da nach 
Constantinopel) ; Bursa flebhafter Kaiavanenhandel zwischen Syrien und Constantino- 
pel) ; Akre (St. Jean d'Acre) Haupimarktplatz der syrischen Baumwolle), Diarbekir 
(ein starker Waarenzug aus Ostindien und Persien geht hier durch), Bagdad 
beträchtlicher Waarenzug aus dem persischen Meerbusen nach Constantinopel) , 
endlich Basra oder Bassora (Hauptstapelplatz aller Waaren, die aus Indien nach 
Constantinopel u. s. w., und umgekehrt gehen). — In Ägypten: Kairo oder Kahira 
(Miltclpuucl alles Handels zwischen der europäischen Türkey, Nordafrika, dem mit- 
telländischen Meere, Arabien, Indien und Abyssinien); awsserdiGnx Alejcandria (Skan- 
dcrikc), Raschid oder Rosette luid Damiat oder Damiette. 

§. i38. 

b) M a a s s u n d G e w 1 c h f . 

Das Mittel, den Betrag der Dinge nach ihrer Grösse oder Me^ige zu bestimmen^ 
i^lMaass und Gewicht. Um in dieser Hinsicht jeder Bevortheilung im Handel und Wan- 
del gesetzlich vorzubeugen, haben die Regierungen der europäischen Staaten, mit 
Zuziehung der Mathematiker, dafür gesorget, diese für das gegenseitige Verkehr so 
wesentlichen Bestimmungsmittel festzusetzen, die, wenn sie nicht vorher durch öfTcnt- 
liches Ansehen der Staatsgewalt snnctionirt wären, alle Augenblicke Nachlhcil und 
Schaden für den Einen oder Andern erzeugen würden. Daher unterliegen allenthalben 
Maass imd Gewicht der öfTeutlichen Cimeniirungj und das grössere Zutrauen beym 



IV. Commcrciellc ProJüclion- oder Handel, ^. löli. Maass uud Gewiclit. 257 

Ein- nnd Austausch gcj^cnseillgcr BodüiTiiisse, ^A'c](■lles dadurcli eiziclel wird, nuis?^ 
den Vcrkelir der Staalsbüjger ungoniein cileicliiern. Besonders niuss dicss dann der 
Fallscyn, wenn auch fiir die Gleichf'örniigjicit uud die geschickte Ablhcihmg des Maas- 
«es und Gewichtes gesorget wird. 

In dieser Hinsicht empfehlen sich die neuen französischen Maasse und Gewichte 
durch Einfachlieit derEintheihing nach dem Decimalsjstem. Alle französische Maasse 
und Gewiclite, so wie alle französische Münzen (s. §. i3g.), sind nach Zehnen gc- 
tlieih undzusannnengcsetzt; auch ist ftir alle ^hiasse zur desto grösseren Beständigkeit 
derselben ein gewisses Grundmaass festgesetzt. Dieses Griindmaass, als die Grundlage 
des Systems, ist (\.a.s Metre j welches als die Eijihcildcs Langenmaasses angesehen wird. 
Dieses Mclre ist der zehnniillionste Tlieil von dem Quadranten eines Erdmeridians, 
oder der ioo,oooste Theil eines Erdgrades, deren nach der neuen Eintheiliuig 100 
auf einen Quadranten gehen, anstatt der sonst üblichen go. Im rheinländischen Älaas- 
se beträgt das Metre 3 Euss , 2 Zoll, 3 Linien. Die iibrigen Längenmaassc sind iheils 
grösser, ihcils kleiner als das Metre; jene nehmen 10-, 100-, looofach zu, diese neh- 
men ebenso ab. Jenen setzt man griechische Z-ahlwörter vor, diesen lateinische, als: 
Älillimetrc = — '— j\lclre. Decametre =: 10 Metre. 

Centimeirc = t-- — Ih^clometrc = 100 — 

Decimetre =75 — Kilomelrc = 1000 — 

Metre =1 — Myriameire = 10000 — 

Das TMyriametre wird häniig als 'Wegmaass gebraucht. Es verbält sich ziu- geographi- 
schen Meile wie 27 : 20 ; 20 Myrianietre machen 27 gcographisclie Meilen. — Jre ^ 
die Einheit beyniFIächenmaasse , enthält 100 Qnadralmetre, oder ist gleich einem Qua- 
drat, dessen Seile 10 Metre beträgt; folglich ist ein Are gleich 7,o545 rheinländi- 
iwihen Quadratrulhen. — Bey Körpermaassen, ziu- Ausmessung trockener und flüssiger 
Dinge, ist die Einheil Aas Lilre _, d. i. ein Würfel, dessen Seite y^^ Metre (Stere ist ein 
Würfel vom Metre), Das Lilre ist gleich 5oj462 Pariser Kubikzollen , um etwas grös- 
ser als ein braunschweigisches Quartier. — Bey den Gewichten heisst die Einheit 
Gramme j d. i. das Gewicht von einem 'Würfel Wasser, dessen Seite y§^ Metre. Die- 
ses Gewicht beträgt 18,841 franz. Grains, oder 2o,83 holländische As, oder 28o,5 
köllnisclie Richlpfennige. Die übrigen grösseren oder kleineren Abtheilungen des Flä- 
chen- uud Körpermaasses, sowie des Gewichtes, werden auf gleiche Weise, wie 
beym Längcnmaasse, durch Vorsclzung griecliischer oder lateinischer Zahlwörter be- 
stinmit. 

Da aber die ausschliessliche Anwendung des Decimalfusses dem Calcnl zwar sehr 
günstig, nicht so aber dem täglichen Verkehr des Volkes, weil diese Einrichtung et- 
was schwer zu verstehen ist: so ward im J. i8l2 den Kaiifleutcn in Frankreich ge- 
staltet, neben den Decimal-Einlheilungen der Maasse und Gewichie, die sonst ge- 
wöhnlichen Maasse und Gewichte zugleich zu gebrauchen. Da aber durch diese Dul- 
dung im Detailhandel Missbräuchc und Betriegereyen vcraiJassl wurden : so wurden 
im J. 1816 bey dem Detailhandel dieDecimal-Einlheilungcn der Maasse und Gewichte 
aufgehoben, und die ausscidiessliche Anwcndiuig der sonst iildicbcn Maasse und Ge- 
wichte dabey veroidnct. Der Decimulfuss wird also gegenwärtig einzig und ausschlics- 

33 



2'jö IV. C ^lumercicilc l'iuuuctiou jder Handel. §. i5y tield. 

send J)cy allen öffenllichon Arbeiten, dem Handel im Groisen , uixj i« ■■»iloji Handcls- 
und andern Verliägeu foiigebrauclit. 

C . In Ansehung des G c I d u m s a l z e> 

a) G e 1 d. 

Die Seele des Handels ist das Geld ^ d. i. was allgemein gilt, wofiir in der Regel 
beym Verkehr Alles gegeben imd cihallen wird. Dieses grosse ^Verkzeug des Handels 
hat bey demsolljen zweyerley, fiir die Tauschenden nothwcndige Functionen zu ver- 
richten : einmal die eines Werllunessers für die zu vertauschenden Güter oder Waa- 
vcn vtnd dann die eines Ausgleichungs-Yehikels , oder einer allgemeinen Anweisung 
auf alle in den Verkehr kommende Waaren aj. Der Werthmesser imd das Ausglei- 
chun"S-^ ehikel können Ein vuid dasselbe seyn j aber es ist nicht schlechterdings nÖ- 
ihi'f dass sie es seyen. Sie können Ein und dasselbe seyn , d. h. man kaim sicli die- 
ses bcslinnnien Genussmiitels , welches zum Ausgleichungs-Vehikel angenommen ist, 
bedienen, um damit auch den Tauschwerth der in den Verkehr kommenden Güter 
zu messen. Aber dieses ist nicht unerlässlich nöthig. Der Werthmesser kann auch nur 
ideal seyn. Man kann den Tauschwerth auch nur diuch eine willkührlichc ideale Be- 
nennun« messen, und dieses ist wirldich öfters der Fall. So hat man in vielen euro- 
päischen Staaten einen eingebildeten Werthmesser (Rec/iiiu/igsmünze) , der reel nicht 
existirt, also auch kein Ausgleichungs- Vehikel seyn kann. Es existirt z. B. in England 
kein Pfund Sterling, in Sachsen kein Reichsthaler, in Siiddeulschland kein rheini- 
scher Gulden, in Spanien kein Reales de Vellon u. s. w. , und doch wird in England 
der Werlh aller im Verkehr begriffenen Güter nach Pf St., in Sachsen nach Reichs- 
thalern, in Süddeutschland nach Gulden, in Spanien nach Reales de Vellon u. s. w. , 
»emessen. Eine andere Bewandtniss hat es mit dem Ausgleichnugs-Vehikcl. Dieses 
muss nolh'.vendig selbst ein Gut von wirklichem Werlhe seyn, da der Handel, seiner 
Natur nach, nichts anders seyn kann, als der L'beigang des Bcjilzes eines Genussmit- 
tels von emcm Besitzer zum andern bj. 

Hier bieten sich nun die Metalle, und zwar die vorzugsweise sogenannten edlen 
Metalle (Gold und Silber) wie von selbst dar, da sie in sich selbst einen gewissen 
Werth als nutzbar für gewisse Zwecke haben. Eben desshalb wurden sie zum Aus- 
<deichun"S-Veliikel von allen gebildeten Völkern angenommen, wodurch alle Schwie- 
rigkeiten wegfielen, die bey allen andern Tausrhmilleln, wodurch man sich den 
Tausch der Bedürfnisse erleichtern wollte, Slatt fanden, und der Tauschhandel fast 
••änzlich verdrängt wurde. Findet er zuweilen noch dem Scheine nach Slatt, so wnd 
doch der Überschlag in Gelde gemacht. Die Wilden allein, denen der Gebrauch des 
Geldes unijekannl ist, kennen keinen andern Handel. 

Wenn jene INIetalle in Stücken von besliminier Feinheit und Schwere , unel mit 
besLimnilen Zeichen und Aufschrift (Gepräge) veraibcitet werden, welches, des all- 
gemeinen Zuliauens wegen, die Regierungen der europäischen Staaten unter ihrer 
Autorität und Gewfdulcistung bewerkstelligen lassen; so beissen sie Müu-en^ Zu den 



IV. CunimercicUe Pioducüoii oJci- HuutJel. 5>. 139. GilJ. 259 

Münzcii vom ^ev'm^stenWerthc, Scheidemü?tze?i _, deren Voihanclrnsoyn das Ver- 
mögen eigentlich erst recht be'vvcglicli machte und den LcLcnsgenuss erweitert, wird 
in den meisten europäischen Staaten auch Kupfer genommen cj. Die obrigkeithche 
Bestinunung der Feinheit und Schwere (Korn und Schrot) der Münzen heisst dei 
Müiizfuss. Er ist in den europäischen Staaten nicht oinerley, so wie die in dcuselbeit 
gangbaren Münzsoi'tcn d), und das VerhäUniss zwischen Gold und Silber ej , leider! 
sehr verschieden sind. Audi die Abtheilung des Geldes nach Sorten und kleinerer; 
Stücken ist nicht allenthalben die zweckniässigsie zu einer leichten llcduction der ei- 
nen Sorte auf die andere, oder zu einer leichten Ausgleiclumg gegenseitiger Verbind- 
lichkeiten. Einen besondern Vorzug besitzt in dieser Hinsicht das neuere französische 
Miinzsystem. In Frankreich ist nähmlich am 28. März iuo3 das Decimalsystem ein- 
geführt worden, dem zu Folge die neueren Miinzstücke sich von einander jederzeit 
um das Zehnfache luiterscheiden. Die Münzeinheit ist der Franc j welcher eine Sil- 
bermünze (gleich 23| kr. CM.) ist, und sich in 100 Centimes oder 'in 10 Dncimes 
theilt. Der Franc theilt sicli dann noch in halbe und viertel Francs. Die grösseren 
Silbermünzen sind 2 Franken- und 5 Franken-Stücke (Thaler) ; endlich gibt es auch 
■ Goldstücke zu 40, 20 und 10 Francs (do])pelte, einfache und halbe Louisd'or) ; durch- 
aus im Gehalt von y'g- fem und y^ Beysatz. 

ÜJjrigens ist in Europa zu allen Zeiten eine unerniesslichelMengc Geld ausgeprägt 
worden; doch dürfte alles circulirende baare Geld in diesem Erdthcile schwerlich die 
Summe von Öooo Mill. Gulden (nach Hrn. Hassel kaum die Summe von 2000 iMill. fl.) 
erreichen, wovon die grössere Menge sich in Holland fj^ Deutschland und Frank- 
reich befindet. Dagegen besitzt Grossbritannien unter allen europäischen Staaten, 
Russland ausgenommen gj , verhältnissmässig die wenigste IMeiallmünze (nach eini- 
gen nur 33 IMillionen hj , nach andern gar nur 24 iMiH. Pf. St. in Gold imd Silber) ; 
aber nirgends ist der Umlauf lebhafter, als in diesem Slapelj)buze des Welthandels, 
so lebhaft, dass bey dem grossen Credite und dem ausgebreiteten Banksvstenie , mit 
Hülfe der Banknoten und Wechsel, durch gegenseitiges Ab- mid Zurechnen, Anwei- 
sen und Ausgleichen der schiddigen Summen, jährlich für mehr als 5o,ooo Mill. Gul- 
den Geldgeschäfte gemacht werden ij. 

Von der klingende?! (metallenen, geprägten) Münze muss man das Papiergeld 
unterscheiden, welches ebenfalls in sehr vielen europäischen Staaten zunr Tausch- 
nüttel dienet. So ist in Österreich unter dem Nahmen der Einlösungs- und Anticipa- 
tionsscheine j seit dem 1. July 1816 auch unter dem Nahmen der Banhwten ^ in lluss- 
Innd unter dem Nahmen der FieicJisassiguationen j, in Schweden unter dem Nahmen 
der Banko- und Feichsschrddenzcttelj in Dänemark unter dem Nahmen der Reichs- 
bankzettel ^ in Preussen unter dem Nahmen der J)'eso7'Sche'7ie j in Sachsen unter dem 
Naiimeu der Cas'senbillets ^ in den Niederlanden unter dem Nahmen der Sjndicats- 
ßons kj j in Grossbritannien unter dem Nahmen der Banknoten und in Spanien unter 
dem Nahmen der F^cttes reales — Geld repräsentirendes Papier im Umlaufe. Durch 
dieses Surrogat des Metallgeldes wird der Verkehr, liesondcrs bey ausgebreitetem 
Handel , ungemein erleichtert, der mittelst edler Metalle, wo nicht unmöglich ge- 
maclii. doch in Ansf^hung der Versendung in gemünztem (ioJd luid Sil!>er äusserst 

■ 55* 



.'6o IV. ConimoroiLllo rfoduclloa oder Handel- §. iSg Geld. 

oiscliwert, bedeulend koslspiolig gemacht, und mit grosser Gefahr unvcimcidhch ver- 
knüpft seyu würde. Jedes Papier aLer, weh'hcs Metallgeld repräscnliren soll, kann 
diess nur dann mit Erfolg bewirken, wenn die Ge\Yissheit der Reahsation existirt. 
Diese Gewissheit nennt man Credit ^ der sich nur dann erzeugt, wenn das Papier 
eine Gütermasse im Rücken hat, aus der jener Credit hervori^eht, und auf die er ha- 
siri ist. Der Werth des Papiergeldes wird demnach? mittelbar aus dem Daseyn eines 
Gutes von unmittelbarem Werthe abgeleitet , w lilircnd das Melallgekl die Garantie für 
seinen Werth mit und in sich herumträgt, und in alle Hände liberhefert, worin es 
ronlirt. 

a) Auch kann das Geld als Lohn fronidcr Dienste und Arbeit gebraucht werden. 

b) S. JNational-Okonomie. Von Jul. Gr. i>. Soden. B. II. S. 275. Vergi. Theorie des Geldes 
und der Münzen von Dr. Carl Murhard. Altenburg und Leipzig. 8. Vergl. Jen. A. L. Z. 
1818. JVr. 65. 

c) Nur im osmanisuhen Reiche wird kein Kupfer vermünzt. 

f/) S. Tafeln zur genauem Kenntniss aller wirklich geprägten Gold- und Silbermünzen älterer 
und neuerer Zeit; mit Angabe 1) ihres Gewichtes nach der cöllnischen Mark roh und fein.; 
2) ihres wirklichen Gehaltes; 3) ihres Werthos, in Pistolen zu 5 Thlr. , in Conventions- 
oder 20 Guldenfuss und in preussischem Courant. Für Kaufleute und Münzliebhaber. Von 
J. H. Gerhardt. Berlin, 1818. Vergl. Gotiing. gel. Anz. 1818. St. 164. S. i634. — J.C.NeU 
lienUrechers Taschenbuch der neuesten Münz-, Maass- und Gewichtsverfassung aller Län» 
der und Orter, ihrer Wechselarten, Usi , Respecttage, öfTentlichcn Banken, Messen und 
anderer zur Handlung gehörigen Anstalten und Gegenstande. Von S. Ganz u. s, w. Pragj 
i8i5. In diesem Werke ist der innere Werth der in den europäischen. Ländern vorkommen- 
den Goldmünzen in k, k. Ducalen .\ 4f A- 1 und der Werth der Silbermünzen in Conven- 
tionsfuss angegeben. 

<;) Seitdem Brasilien so \ lel Gold gibt, ist dieses unter den europäischen Ländern am wohlfeilsten 
in Portugal,, in dessen Münze es nur i37mal so theuer, als Silber angesetzt ist. Da Spanien 
hingegen bisher so ungemein viel Silber aus seinen amerikanischen Bergwerken erhielt : so 
ist das Gold in diesem Lande am theuersten , und i5^mal höher geschätzt als das Silber. 
In den mittleren Staaten von Europa ist das Verhältniss des Goldes zum Silber wie 1 : 14-^ 
bis liij. In Asien hingegen, besonders in Ostindien und China, hat das Silber einen höhe- 
ren Werth als in Europa, und das Verhältniss des Goldes zum Silber ist wie 1 ; 10. Ausser- 
dem pflegt das Gold zur Rrlegszelt und bey schlechtem Wechselcourse gegen Silber im 
Werthe zu steigen , well unter allen Waaren von Werth das Gold am leichtesten zu ver- 
senden und zu transportiren ist. 

/) Holland ist noch immer ein Centralpunct von Capltallen , die auf dem übrigen Contlnent 
in dieser Masse nirgends anzutrefTen sind. Auch wird in Holland sehr viel für fremde Rech- 
nung gemünzt, besonders holländische Ducaten (die bekannteste und gangbarste Münze auf 
der Erde) und holländische LÖNvenlhaler , die in den Ländern an der Ostsee und In Polen 
unentbehrliche Münzen , besonders für den Getreidehandel sind. Das Materiaie besorgen 
cutweder die nordischen Kaufleute , die jene Münzen prägen lassen, oder die Holländer 
liefern es auf Rechnung selbst. S. H. A. L. Z. i8i3. Nr. 144. 

q) Zufolge der neuesten arithmetischen Übersicht dos russischen Geldwesens, von dem be- 
rühmten Statistiker und Etatsrath Storch, besitzt llussland gegenwärtig 20 Mill. Rubel in 
Gold und Silber und 25M1II. Rubel m Kupfer, die aber an wirklichem Werthe nur 6-^ Mill. 
ausmachen. S. Osterr. Beob.- 1817. Nr. 107. S. 535. Vergl. Pollt. Journ. 1817. St. 6. S. 499- 

li) S. H. A. L. Z. 1812. Nr. 201. S. i55. Gleichwohl sind von Carl's II. Regierung an bis 
1811 iio,^55;56o Pf. Sl* an Gold- und Silbermünzen in Grossbritaunlen geprägt ■»vordcn , 



rv. CommercicUe Prodiiclion oder Handel. §. i40. Banken. iSi 

wozu im J. 1818 neu geprägte Sovereignes und halbe Sovereignes für mehr als 2,rG2;425 
Pf. St., und neu geprägte Silbermiinzcn (Kronen, halbe Kronen, S<liillinge und halbe 
Schillinge) für 676,180 Pf. St. kamen. S. Österr. Beob. 1819 ]Nr. 7G. S. 370. Das Ver- 
schwinden des baren Geldes aus Grossbritannien hat seinen Grund in dein Einschm 'Izen 
der Goldstücke und anderer JNIünzcn , in der jährlichen haaren Ausgabe der ausser dem Rei- 
che befmdlichen Engländer, die man über 2 Mill. Pf. St. berechnet, und in den grossen, 
in England contrahirten fremden Anleihen, ohne jene Summen in Anschlag zu bringen ,. 
die durch Handel und Kriege abfliessen. 

i) S. Crome a. a. O. S. 349 — 35i. 

.k) S. A. Z. 1820. Nr. a 

§- l-lo. 
b) B a u k e n. 

Sic sind Anstalten, wodurch die Ann)cwalirung grosser Münzvorrätlin gosichort 
und bare Auszalilungcn erleicliterl werden. Ihr Daseyn setzt bhdiendeii Kunsifhnss 
luid ansgebreilclcn Handel voraus. Die ursprüngliche Veranlassung ihrer Eiiichtung 
war die Unsicherheil der Aufbewahrung des Geldes in Privatcassen, das zu üntcrnch- 
imungen nicht konnte verwendet werden. Bey sicheren Vorkehrungen zu Aufbewah- 
rung von Geldvorrälhen durch Anstalten gegen Feuersgefahr und Diebstähle , die ent- 
weder von Privatunternehmern, oder vom Staate selbst getroffen werden, sind jene 
Anstalten überflüssig, welche einzelne Geldbesitzer zur Bewachung ihrer Gassen nö- 
thig haben. Der Capitalist wird gern seinen Geldvorrath an einem Orte in Verwahrung 
geben, der ihm hinlängliche Sicherheit gewährt. So entstanden die eigentliclicn De- 
positen- oder ^tifbew-cihrinigs-Banken. 

Mit dem Zwecke der AufbewaJirung wiu'den bald andere Vorthcile veibundcn. 
Sobald einzelne Capitalisten ihre Münzvorräthe an einem sicheren Orte aufbewahren 
können, wird es möglich und leicht ihunlich , dass Jeder, der eine bestinnnte Sunnne 
Geldes in der Bank liegen hat, sich das bare Auszalden seiner Ausgaben crspp.ren 
kann, wenn er die Summe, die er an einen andern bezahlen will, in dem Bankbuche 
von seinem in der Bank liegenden Capital abschreiben lässt. Aber auch dcuijenigon, 
an welchen die abgeschriebene Summe übertragen werden soll, kann die haare Em- 
pfangnahme und eigene Aufbewahrung erspart werden, wenn sie ihm in dem Bank- 
buche gut gescJiiieben wird. Solche Banken, bey weldien die Auszahlungen durch 
blosses Ab- und Zuschreiben in dem Bankbuche geschehen, heissen Girobanken. Es 
ist aber zvir Verhütung jedes Irrthums und Betrugs uncrlässlichc Bedingting, dass der 
Übertrager seines Eigenthums den mit seiner Unterschrift versehenen Bankzettel, wo- 
durch er seine Einwilligung zur Übertragung seines Eigenthums beurkundet, persön- 
lich zur Bank bringe, oder einen Bevollmächtigten damit hinschicke, den er der 
Bankdireclion selbst vorgestellt haben muss. Hat er noch keinen Bevollmächtigten die- 
ser Art vorgestellt, mid wird er krank: so schickt die Bank einen ihrer beeideten 
Beamten in das Haus, der dem Kranken ausser der schriftlichen aiich die mündliche 
Einwilligung abnimmt. Dadurch wird der Gebrauch einer Girobank auf einen gewis- 
sen Zirkel (Gir'-) von Handelsleuten beschränkt, welches auch der Grund ihrer Be- 
neiuiiujg seyn mag. Die ei>sle Bank dieser Art wurde zu Fenedig im J. i582 errich- 



1(52 IV. Commercielle Producliou oder KanJet. §. i4o. Banken. 

let aj. In der Folge entstanden ähnliche Banken zu Amsterdam ^ Rotlerdmn j Hum- 
burg , Altona j JSürnberg und Bremen. 

Endlich wird das Geschäft einer Bank noch mehr erweitert, wenn sie denjeni- 
gen, welche Geld hineinlegen, Zettel f Noten j SclieineJ auf die eingelegte Summe 
gibt, die jedem Inhaber zahlbar bleiben. Dadurch erhalten diese Bankzettel einen Um- 
lauf, wie baares Geld , und auch gleichen Werth , so lange man gewiss seyn kann , 
sie in der Bank bey der Zurückgabe haar in klingender Münze ausbezahlt zu bekom- 
men. Diejenigen Personen, welche durch Einlagen zu runden und duichaus gleichen 
Sununen die Bank fiuidiren, heissen Actionäre _, luid die Uikunden, welche sie zur 
Bescheinigung der gemachten Einlage erhallen , heissen Bankactlen oder Actien 
schlechtweg. Diese Bankactien muss man von den Bankzetleln oder Banknoten wohl 
unterscheiden, so wie die Besitzer der Actien, welche die wahren Eigenthi'inier der 
Bank sind , und aus den Vortheilen der Bank Interessen für ihre Actien erhallen, von 
den Besitzern der Bankzettel, welche zwar Ansprüche an die Bank auf die Summe, 
die sie cntlialicn, geben, alier keine Interesse tragen. Durch die freyc und leichte 
Circulation der Zettel erstreckt sich der Einfluss einer solchen Bank über das ganze 
Land, oft selbst über die Gränzen desselben hinaus. Banken mit dieser Einrichlung 
nennet man Noten- oder Zettelbanken , wohl auch Circnlations- oder Assignations- 
banken. Die erste Bank dieser Art wurde zu Genua schon im J. 1407 errichtet. Spä- 
ter wurden ähnliche Einrichtungen in Schweden bj j, Grossbritannien cj ^ Preus- 
sen dj j Spanien ej j Rnsslaiid fj _, Frankreich gj _, Dänemark hj und Oester- 
leich ij getroffen. Manche Zettclbanken bcziclen noch andere Zwecke, z. B. sie es- 
,contiren mit ihrer disponiblen Baarschaft sichere Wechsel oder andere kaufmännische 
Effecte, oder benutzen ihre entbehrlichen Münzvorräthe als Ca]iilal zu verzinslichen 
Dariehn gegen volle Sicherheit u. s. w. — Banken , welche zum Hauptzwecke haben , 
den Hypothekarcredil zu erleichtern, nennet man Leih.banken (Lombarden, montes 
pietalis) kj. 

ö) Durch die In^■as!on der französischen Armee 1797 ging die vcnel'ianisch.e^2cc^ zu Grunde. 
/)) Die 1668 erirhtete Tieichsbank zu Stockholm, die zugleich eine Wechsel- und Leihhaiik 
is!. Sie gibt Banknoten aus, nimmt Gelder zu niedrigen Zinsen auf, und leihet sie zu höhern, 
auf sicheres Pfand, Gold und Silber, auch adelichc; Güter und andere liegende Gründe aus. 
Im J. 1817 ist auch in Norwegen eine Nalionalbaiik errichtet worden. 
«) Die englische Nalionalbaiik zu London, die grösste unter allen Zeltelbanken in Europa. 
Sie wurde i6g4 imter Sanrtiön der Regierung von einer Gesellschaft Raufleute errichtet , 
um mit ihrem Fonds, welcher ursprünglich nur 1,200,000 Pf. St. betrug, aber nach und 
nach erhöhet worden war, in Gold und Silber Handel zu treiben, Wechsel zu esconlircu, 
und bis zum Belauf jener Summe ihre Noten circuliren zu lassen; solche aber zu jeder Zelt 
auf Verlangen gegen baares Geld zu vertauschen. Diese letztere Function war jedoch die 
Bank nicht immer im Stande zu erfüllen ; insonderheit wurde sie in dem letzten Jahrzehend 
des 18. Jahrhunderts so bedrangt, Äletallzahlungen zu leisten, dass sie ihrem Verfalle nahe 
>var, dem nur durch jene merk\vürdigc Parlamentsacte , die 1797 unter dem Nahmen der 
Bank-lieslriclions-Bill bekannt gemacht wurde , vorgebeugt werden konnte , %vodurch die 
Bank bis zum Abschluss eines aligemeinen Friedens ermächtiget wurde, ihre Zahlungen in 
haarem Gelde zu sistiren, und Noten bis zu einem Pfund in Umlauf zu setzen. Die ausser- 
ordentlichen Folgen di's franzosischen Revolutionskrieges, die Anhäufung der Nationalscliuld 



IV. Coiumercielle Proclucliou oder Handel. §. 140. Banken. »63 

durch die der Rcgii'ruiig von der Bank gomacliten Anleihen, der Einfluss, den ihre Noten 
auf das IIandelsint«'resse des Landes liallen , veranlassten auch nach hergestelltem Frieden, 
die Bank-Restrictions-Bill \on Jahr zu Jahr zu prolongiren, I)is sie endlich im Jahre 1819 
aufgehoben wurde. Gegenwärtig ist der Zustand der Bank sehr günstig, und wird das Capi- 
tal derselben auf 20 Mill. Pf. St. , nach andern gar auf nahe an 5o JVIill. Pf St. geschallt: 
aber auch die Masse der von ihr in Umlauf gesetzten Banknoten ist in den letzten 2o Jahren 
von i2 Mill. auf 28 Mill. Pf. St. augewachsen, und war mehrere Male 5o Mill. Pf. (S. 
Andre's statistische Übersicht und Merkwürdigkeiten a. a. O. S. 2o — 22.) Ausser dieser 
grossen Bank zu London belinden sich im Ijrittischen Reiche noch 4 privilegirte Banken , 
wovon 3 in Schottland und 1 in Irland ist ; ferner 7*2 Privatbanken zu Londen , 659 Land 
banken in den Provinzialsliidten \on England, 72 Banken in Schotlland und 65 In Irland, 
überhaupt 871 Bankanslalten. 

d) Die fiöntglic/ie Bank zu Berlin seit 1765, welcher die Pro\ inzialbankcn zu Breslau , Königs- 
bergs Elbing , Danzig , Slellin , Frankfurt an der Oder j Alagdeburg , Münster und Ciilln un- 
tergeordnet sind. Diese Bank ist in das Haupt-Dcpositen-Disconto-romp/o/r und Lombard 
eingetheilt. Sie ist ein Staatsinslitut , und hat durch die königliche Verordnung vom 3. Now 
1817 eine neue Einrichtung erhalten. 

e) Die St. Carlsbank zu Madrid, 1782 errichtet, 1790 in Verfall gerathen , aber seit 1795 wie- 
der empor gekommen, durch die neueren Schicksale des Staates abermals gelähmt. 

/) Die Reichsassignalionsbank zu St. Petersburg seit 1786; früher (1770) bloss Assignations- 
und Zeltelbank ; unter ihrer Direction steht die Fabrik des halbseidenen weissen, rolhen 
und blauen Papiers zu Zarskoe-Selo — mit dem bey derselben seit dem 18. Dec. 1797 er- 
richteten Disconto- und Assecuranz-Comptoir ; dann die Reiclishypothekenhank zur Unterstü- 
tzung des Adels seit 1797. Kaiser Alexander vereinigte dieselbe i8o2 mit der Leihbank für 
den Adel und die Slädte. Ausserdem die Leihbank zu Slobodsk seit 1809. S. c. TVichmann 
a. a. O. S. ißg. 

g) Die Banque de France zu Paris, i8o3 errichtet, aber schon 1806 genöthigt, die Zahlung 
ihrer Zettel über 3 Monathe lang auszusetzen. S. H. A. L. Z. i8i2. Nr. 23o. S. i5o. In der 
Folge wurde ihr Zustand so günstig, dass sie im J. 1814 77 Mill. Fr. in Gold und Silber 
in der Gasse, und nur für 24 Mill. Fr. Banknoten im Umlauf hatle. Im J. 1818 escontirtc 
sie 726,888,778 Fr. mit einem Erlrage von 5,363,386 Fr. 

h) Die Nationalbank zu Kopenhagen, die im J. 1818 an die Stelle der im J. i8i3 errichteten 
Reichsbank trat, welche letztere wieder dazu bestimmt war, die andern Ansialten dieser 
Art , welche bis dahin für verschiedene Provinzen existirt haben , zu ersetzen. Die Natio- 
nalbank, welche unter Verwaltung ihrer eigenen Interessenschaft steht , und eine Oclroy 
auf go Jalire hat, übernahm die sämmtlichen Acti\a und Passiva der bisherigen R.'^ichs- 
l)ank , die ermächtiget war , Zettel bis zu einem Belauf von 46 Mill. Reichsbanklhaler in 
Umlauf zu setzen. S. lutelligenzbl. der Leip. L. Z. i8i3. 235. S. 1874. Vergl. Polit. Jour. 
i8i8. Aijg, S. 706 ff. 

') Dil', prii'degirlc öslrncic/iische Xalioiialbank zu Wien seit 1816. Die Actieiieinlagen , die ur- 
sprünglich auf 5o,ooo bestimmt waren (jede in 2000 fl. Einlösungsscheinen und in 200 fl. 
Silber) , stiegen im Laufe des Jahres 1819 bis auf 5o,62i. Die Functionen der Bank 
sind: 1) Das Zcttelwesen ; 2) das Escontogeschäft ; 3) das Depositen- und Leihgeschäft; 
endlich 4) die Einlösung der- Einlösungs- und Anticipationsscheine , und , in Verbindung 
damit, die Verwaltung des Tilgungsfonds, zur allmähligen Zurückführung des Geldumlau- 
fes auf die Grundlage der Con\ entions-Münze. Zufolge einer, im J. 1820 gelieferten offi- 
ciellen Berechnung wurden bey den sämmtlichen Verwechslungscassen der Bank (zu ff^ien, 
frag, Brunn, Ofen, Leinberg , Linz, Grälz, Triest und Mailand) im Laufe des J. i8iy, 
empfangen , und zwar ; 



264 IV. Commerciell« Productiun oder Handel. §. i.'ii- Wechsel und Börsen. 

Münze gpgon Noten 17 SiS.ßgS fl. 

und Noten gegen Münze 7,3o8,7i5 — 

somit vermehrten sich um 10,010,180 fl. 
die Münzvorräthe der Anstalt durch das einzige Zettelwesen. Durch ihre sämmtlichen Func- 
tionen aber hatte die Bank, im Laufe desselben Jahres, die so äusserst bedeutende Summe 
\on 220,855274 fl 57 kr. verkehrt; folglich zur Beförderung des Geldumlaufes, so wie 
zur Belebung des Handels und der Industrie sehr beygelragen. S. Vortrag des Gouverne'ürs 
der privileglrten österreichischen Nalionalbank , Hrn. Joseph Grafen u. Dirlrichslein^Sr. k. k. 
apostolischen Majestät wirklichen geheimen Rathes und Kämmerers , Ritter des goldenen 
Vliesses u. s. w. an den löblichen Bank-Ausschuss , in seiner Versammlung vom 17. Jänner 
1820. Wien. Aus der k. k. Hof- und Staats-Aerarial-Druckerey. 1820. 
Ä) S. ßäsc/i's sämmthche Schriften über Banken und Münzwesen Hamburg, 1801. — E. Tli. 
Hohler's historisch-politische Erläuterung über Bankanstalten überhaupt und über die östcr.- 
rcichische Nalionalbank insbesondere. Wien , 1816. 

S- 141- 

c) Wechsel und Börsen. 

Die Wechsel sind eine der wichtigsten Erfindungen nicht nur fiir die Handhmgj 
sondern ancli fiir die allgemeine Bcrjuemlichkeit, vermöge deren man entweder einem 
entfernten Gläubiger seine Schuld hczalden, oder von einem entfernten Schuldner 
sich Zahlung verschaffen kann, ohne die Kosten und Gefahr der haaren Übersendung, 
indem Gläubiger und Schiddner an dem einen Orte ihre Forderungen und Schulden^ 
die sie an einem andern Orte haben, gegen einander austauschen. Ein IVlenev z. B. 
hat in ^ditgsburg 1000 fl. zn bezahlen, und zahlt diese einem seiner Älitbürger aus, 
der in Jugsbiivg 1000 fl- zu fordern hat, gegen eine Anweisung an dieses Milbiirgers 
Schiddner iji Aiigsbuig j nach welcher dieser seine schuldigen 1000 fl- nicht nach 
' JVien übersenden , sondern in Augsburg dem Gläidjigcr des Erstem auszahlen soll. 
Auf diesen Tausch oder Wechsel der Scludden gründet sich ohne Zweifel der Nähme. 
Ein Wechsel ist demnach eine Anweisiuig auf eine gewisse Summe Geldes, welche 
einer dem andern an einem Orte giljt, damit ein diitlcr einem vierten an einem andern 
Orte sie auszahle. 

Die Wechsel gehen einen erstaunlichen Vortheil in der Befördermig des Geldum- 
laufes dadurch, dass sie iiidossirt _, d. i. mit Erhaltung ihres vollen strengen Hechtes 
an iuiljeslinnnl)ar viele übergehen, und der Tausch der Schuld, aus welchem der 
AVechscI ursprünglich entsteht, in einer grossen Weite lunher in derjenigen Zeit wie- 
derhohlt werden kann, welche zwischen dem Tage der Ausstellung und dem Verfall- 
tage verstreicht. Diess nennet man einen \Vechsel giriren lassen. 

\Vegen der vielen verwickelten Fälle, die bevm Wechselhandel vorkönnnen, hat 
fast jeder handelnde Staat sein U'echsclrecltL _, das darum so strenge ist, dass auf die 
erste Einkhiginig eines Wechsels die Auspfuidung erkannt wird, weil das fiu- den 
Wechsel enipfangene Geld die Bezahlung einer Schuld, und kein Darlchn ist. Ul)ri- 
gens konnte der Gelirauch der Wechsel erst daini lebhaft und zuverläs.sig werden , 
als die zu einiger N'oilkonuuenhcit gelani^lc Einrichlung der PüstansiaU den llundols- 



IV. Commerc. Product. od. Handel."-^. 141. lu hütksitlit dis tli.iiigen lutiuandcrwiikeus etc. 260 

mann und Käufer eines Wechsels gewiss niacLle^ dass derselbe in einer gewissen Zeil 
an den, der ihn bezahlen solle, gelangen werde aj. 

In grösseren Handelsstädten hat man gewöhnlich Börsen _, d. i. gewisse Häuser. 
wo die Kaufleule (meisten Tlieils gegen Mittag und Abend) zusamnienkoimiien, um 
über alles, was ihr Geschäft betrifft, Unlerhandhmgen zu pflegen, und Verkehr mit 
Wechseln, Geld uad Waaren zutreiben. In mehreren Handelsplätzen, z. B. Ln?i- 
douj ylnisterdiuiij Rutterdam _, Antwerpen :, sind es die prächtigsten, Pallästen ähn- 
lichen Gebäude. 

a) Ubür dio Gescliiclite der Wechsel, den Erkenntnissgrund des Wecliselrechts , über die uu- 

äcliten oder sogenannten trockenen Wechsel s. Bihc/i's nud Ebeling's Ilaiidliingsbibl. B. I. 

— Biisc/r« Darstellung der Handlung. B. I Cap. 6. und die Zusätze dazu; ferner run Mar- 

/e«« über den Ursprung dis Wechsolrechtes. Göltingen, 1797. 

§• 142. 

D. T n Rücksicht des t h ä t i g e n und nützlichen I n e i n a n d e i' \v i r k e n s der ver- 
schiedenen Gewerbsclassen. 

Wenn der Verkehr im Innern eines Landes immer mehr Ijelebt werden suU : so 
nnrss der schädliche Egoisnms, der die verschiedenen Gewei'bsclassen von einander 
trennt, beseitiget, und bey denselben ein wahrer Geiueingeist, ein thäiiges und nütz- 
Hches Ineinanderwirken erwecket werden. Dieser Zweck kann durch die Vereinigung 
der rechtlichsten und aufgeklärtesten Landwirthe, Fabricanten, Gewerbslcutc, Kauf- 
leute und staatsw irthschafllich gebildeter Männer in Handelskammern am fiiglichsten 
erreicht werden. Durch diese Vereine können nach und nach alte Vorurtheilc und 
Missbräuche des Zunftgeistes, ohne plötzliche gewaltsame Zerstörungen verjährter Ge- 
wohnheiten lieseitigt, alle interessanten Notizen über den Stand des Handels, der Fabri- 
ken und INIanufaciuren gcsanunelt, sachverständige Ansichten iil>cr die Hindernisse, 
welche ihre Enlwickelung und ihre Fortschritte hemmen, über die Mittel, ihren Flor 
zu befördern , über die nützlichsten Einrichtimgen ün Handelsfaclie erlangt , imd den 
verschiedenen Gewerbsclassen die Wege gebahnt werden , ihre Wünsche und Bedürf- 
nisse, welche ihre Beschäftigungen betreffen, zur Kenntniss der Staatsverwaltung zu 
bringen. Eine ähnliche, Ireflliehe Einrichtung besteht in Frankreich, den Niederlan- 
den, in Neapel und im lombardisch-venctianisclien Königreiche aJ. 
a) S. Jahrbücher des k. k. polytechnischen Institutes in Wien. B. \. S. 368. 

§• 143. 
IL. In Ansehung des auswärtigen Handels. 

Alle die bisher erwähnten Einrichtungen und Anstalten, welche zur Belorderimg 
d'.s Innern Handels getroffen sind , unterstützen zwar in gew isscr Hinsicht auch den 
aics'.värtigen Handel. Indessen gibt es gewisse Hiilfsmittel , welche von den europäi- 
schen Regierungen eigens zur ßefoixlerimg des auswärtigen Handels angewendet wer- 
den. Hierher gehören : 

1) Die Ilaiidelstractate j wodurch Nationen ;, die nicht im feindlichen Zustande 
sich beiladen, oder den feindlichen Zustand enden, ihre Freiuidschaft zu Ijesicgehi 

54 



265 IV. Comuierc. Product. od. Haudel. §. i43. In AusehuDg des auswärtigen Handels. 

beginnen. Seit dem i'trecfiter Frieden (iji5)hahon die mcislca europäischen Staats- 
verträge j die Erleiciiterung des ^Verkehrs unter den Völkern dieses Erdlheils zum 
Zwecke. 

2) Die Cojisidate und Agentien auf fremden Handelsplätzen, d. i. die Anslcl- 
liiüg solcher Personen, welche die Handelsleute und Schiffer ihrer Nation an dem Or- 
te ihrer Anstellung beschützen, über dieselben die Gerichtsbarkeit ausüben,' auf die 
Beobachtung der Handelsverträge wachen, und überhaupt das Interesse des Handels 
•ihres Staates wahrnehmen, und darüber berichten. Russland z. B. hat an 34, Preus- 
sen an 83, Fraukr-eich au f)5, und Österreich an 1 55 Handelsplätzen Consuln und 
Agenten. 

3) Die Unterstützung gewisser Gesellschaften ^ welche zum Bchufe des aus- 
wärtigen Handels geschlossen werden. Diese sind vornehmlich von zweyerley Art: 

a) Ilandlungs-Compagnien j d. i. Gesellschaften, welche sich in mehreren euro- 
päischen Staaten imter obrigkeitlicher Avxtorität und Begünstigung durch eine öffent- 
liche Acic, Oc^rq^ genannt, in der Absicht vereinigten, Handlungsgeschäfte von ei- 
ner bcstimnUen Art und Grösse, mit dem von den Mitgliedern zusammengebrachten 
Capital zu betreiben. Die Veranlassung dazu war die Ausdehmmg der Seefalu'ten der 
Europäer in entfernte Gegenden, die sie nur mit grossen Schiffen und mit sehr kosty 
baren Ladungen unternahmen. Die Unternehnumgen überstiegen daher die Kräfte 
einzelner Kaufleute, und machten die Vereinigung mehrerer Fonds nothwendig. Be- 
sonders finden solche Compagnien bey dem osti/idischen mid chiiiesisclien Handel 
Statt. Sie besitzen in den entfernten Ländern theils blosse Handelslogen und Facto- 
reyen j Gebäude, die ihnen zum Sitze der Comploirs und zur Niederlage ihrer ^V^aa- 
ren dienen; theils aber die Herrschaft über Land und Leute, die sie sich durch Kauf 
oder Krieg, oder Gründung von Colonien verschafft haben. Die älteste, mächtigste 
und reichste Handelsgesellschaft in ganz Europa ist die im J. 1600 gestiftete englisch- 
ostindische Comjjagnie _, welche ihre Operationen mit 72,000 Pf. St., in Acticn von 
5o Pf. St. anfing, luid gegenwärtig au Territorialbesitz nicht weniger als 28 — 3o,ooo 
geogr. QM. hat. Die Bevölkerung, über welche sie herrscht, ist 40 — 41 MIll. (nach 
andern 60, nach noch andern gar 66 — joMill.) , von welchen sie ein jährliches Staals- 
eiukommen von 17 Mill. Pf. St. bezieht. Ihre Militärmacht besteht aus i5o,ooo Mann, 
wovon 118 Bataillons Infanterie und 16 Regimenter Cavallerie eingeborne Truppen 
^Seapois) , und nur 3 Regimenter Artillerie Europäer sind. Ausserdem hat die Com- 
pagnie in Indien ein brillantes Civil-Etablissemeut, Gouverneurs, Richter, Gesandte 
an den indischen Höfen, Finanz- und andere Beamte aj. Dieses ungeheure und bey- 
spiellose Ilandelsgebäude steht unter der unmittelbaren Leitung von 24 , in London 
ansässigen Kaufleutcn, welche durch ein Besitzthum von 2000 Pf- St. in Actien der 
Compagnie wahlfähig werden, und ihr Amt 4 Jahre verwalten. Jedes Jahr werden 6 
erwählt. Das Directorium selbst steht (seit 1784) unter einer, von der Krone ernann- 
ten Regierungs-Commissioti (Board of ControidJ in allen politischen und militäri- 
schen Sachen. Alle Depeschen müssen vorher \on dieser gebilligt, und können von 
ihr abgeändert ^^ erden; in Kriegs- und Friedenssachen handelt sie bloss fiir sich. Die 
Besetzung dei hohen Stellen geschieht nicht ohne Besläiigung des Königs, die de« 



IV. Commerc. ProJnct. od. HiinJcl. §.. i43. in Ansthung des auswUiiigeii Il.mdels. 267 

Oberbefehlshabers hängt jjanz vou ihm ab. Auch das Recht der Entsolzung von jenen 
Stellen gebührt dem Koxiige. In Indien selbst sind die übrigen Präsidentschaften der 
Regierung von Calcutta untcrgeordnetj aber auch diese darf keinen Angriffskrieg oh- 
ne Eilaubniss vom Hr.use anfangen. So ward das grosse Gebiet der Gompagnie aid 
dem Conlincnt von Indien in lUioksichl seiner Beheri.schung unter die Regierung und 
das Parlament des ^lulleilaudes gesetzt; der Handel blieb aber der Comjiagnie iibei- 
lassen. Im J. 1814 ^varci ihr Freybrief durch eine Parlamenlsacte wieder auf 20 Jahre 
bestätigt; doch blieb ihr nur der Allcinliandel nach imd von China j während der 
Privathandel (privat trade) und die ficyc Schifffahrt nach allen. Häfen in ihren ostin- 
discheu Besitzungen verstattet ward b ). Ausserdem bestehen in Grossbritannien noch 
folgende Handelsgesellschaften: die .//rikanisclie ^ Sierra-Leojj.a- j Süclsee- j, Hiid- 
sonsbaj-j Levantische_, Ostsee-^ Russische und Hambarger Gesellschaft. — Die übri- 
gen in Europa bestehenden Ilandel.sgesellschaftcn sind, und zwar in Spanien: die 
Philippinische oAct Mdnilische und die Havana-Gesellschaft; in den Niederlanden: 
die (i8l5) gestiftete Handelsgesellschaft für den chinesischen Theehandel; die ehe- 
mals reiche und mächtige ostindische Gompagnie ist aufgehoben, und der Handel 
nach Ostindien (mit Ausnahme der Molucken und von Japan) frcy gegeben; in Däne- 
mark: die königl. Asiatische Gesellschaft ; in Schweden: die Ostindische Handels- 
gesellschaft; in Russland : die Russisch- Amerikanische Handelscompagnie. Sie be- 
sitzt grosse Gomptoirs zu Irkutsk , Jakutsk, Ochotsk und Moskau, dann Gommissionen 
in Kasan, Tonrsk und Kamtschatka. Von 1798 bis i8l8, also in 20 Jahren, führte sie 
für mehr als 16 Müh Rubel Pelzwerk aus, und entrichtete allein an dem cliinesischen 
Gränzorte Kiächta an 2^ INIill. Rubel für Zollgebühr; endlich in Deutschland: die 
RheiniscJi-lf^estindische Compagnic zu Jiilherkld , die im J. 1821 die erste Ladung 
Güter nach Port-aü-Pnnce auf St. Domingo verschiffte , und die Ausfuhre der deut- 
schen Faliricate auch nach Neuspanien (Mexico) in Gang zu l)ringen sucht. Die Eng- 
länder blickcu nicht irut Vergnügen auf diese Mitbewerbung der Manufaciuristen in 
Deutschland. 

h)Assecuranzgeselhchaftenj d. i. solche Gesellschaften, welche die Versiehe - 
rmig (Assecuririxng) der Handelsleute gegen Gefahren eines zufälligen VfiUistes, be- 
sonders auf ihren Seereisen , unter der Bedingung auf sich nehmen , dass ihnen ein 
gewisses Procent von dem Wcrthe der versicherten Waaren jederzeit zu Guten kom- 
me. Di^rglcichen Gesellschaften Ijestehen jetzt in allen europäischen Staaten, welche 
einen etwas bedeutenden Sechandel treiben. Ganz besonders zeichnet sich in der Hin- 
sicht Hamburg aus. Dieser kleine Freystaat zählte im J. i^go — 20 Assecuranzgesell- 
sihaften, jede mit einem Capital von /^SojOOO — lj5oo,ooo Mark Banko ; ausser einer 
grossen Anzahl Privat-Assccuradeiirs cj. 

Die Assecuranzen haben einen giössen Einflnss auf die Handelsgeschäfte. Man- 
clies derselben kann gar niciit fortgeführt werden , wenn die Assecuranzprämie zu hoch 
steigt. Mancher Seeplatz muss seilte Schifffahrt in das mittelländische Meer aufgeben, 
v>cnn er keinen Frieden mit den afrikanischen Raubstaaten hat, weil kein Assecura- 
deur auf dessen Schiff zeichnen will. Eben dieser Umstand schlägt in Seekriegen die 
Kauffahrt dei" kriegenden Nationen darnicdeij wenn sie nicht eine hinlängliche See.- 

5-1 "* 



268 IV- C^mmcrcielJe ProJucliou oilor Haiulcl. §. 144. Hiuileruissc des Handels. 

macht hrbeii. um clurcli Coiivoyirung ihrer Sclüffe dem Versicherer Miith zu macii-cu, 
noch feil er auf dieselljen zu zeichnen. Auch die Schifffahrt der neutralen Völker lei- 
det sehr dadurch, so lange nicht die Regel des Seerechts: /^i'ej' Schiff ^ frey Gut _, 
allgemein anerkannt wird, d. i. dass feindliches Gut in einem neutralen Schiffe nicht 
gerau])Pi werden diirfe; wohl a])er neutrales Gut in einem feindlichen Schiffe, worin 
es sich befindet, verfallen sey. Man nennet diese Regel des Scerechtes das Recht der 
neutralen Flagge. Grosshritannien ist es insonderheit , das diesem Rechte hartnäckig 
widerstrebt, und scheint ])ev jedem seiner Seekriege es zur Absicht zusetzen, den 
übrigen im Frieden verlileibendcn ^ ölkern ihren Seehandel zu verleiden dj. Die Kai- 
serinn Katharina 11. bewirkte wälirend des brittisch-amerikanischen Krieges im J. 
1780 eine den Anmassungen Grossbritanniens entgegengesetzte bewaffnete 'Neutrali- 
tät. Aber der Friede erfolgte zu schnell, als dass dieselbe zu einer dauerhaften Kraft 
hätte gelangen können. 

a) Im J. i8i4 bolicf sich die Zahl ihrür säninitlichcn Officiantcn auf 2oi,477i nähinlich im 
Ci\"iHache i5,564; im Rriogsfache iGo,ooo , woruiUiM- 2o,ooo ILurop'aer; C)i5 in der Marine 
und 25,000 Matrosen. Dieses Heer von Officianten , wovon die höheren mit orientalischer 
Pracht leben, die ausserordentlichen Unlerschleife und Betriegereyen in der Administration^ 
und die. vielen in Indien geführten Kriege erklären den Zustand eines fortwährenden Defi- 
cils , in dem sieh die Compagnie befind;'!. Dieses Deficit wird von Jahr zu Jahr durch neue 
Anleihen gedeckt, und der Handel selbst grössten Theils mit geliehenem Gelde geführt. S. 
Polit. Jour. 1819 Jul. S. 583. 

b) Die ostindische Coinpagnitj; in der historischen Übersicht der neueren Politik und Staats- 
verwaltung. B. 1. S. 225 — 235. R. 2. S. 67 — 88. — Darstellung des cnglisch-osiinilischen 
und Privathandels, in Bezug auf die Mittel, die dänische Niederlassung in Ostindien Tran- 
kebar in Aufnahme zu bringen, und auf eine den Hansestädten und den Araerikanerii 
dahin zu eröfTiiendo Handelsfreyheit u. s. w. ; von dem Ivanmierralhe und Land^clireiber 
Gloyer in Meldorf. Alloiia , 1819. 

c) S. Polit. Jour. 1819. April. S. 3i2. 

il) Handbuch über das p.ractische Seerecht dot Engländer und Franzosen, in Hinsicht auf da.s 
von ihnen in Rriegszeiten angehaltene neutrale Eigenthuni , mit Rücksicht auf die englischen 
Assccuranz-Grundsälze über diesen Gegenstand. Von Friedr. Joh. .Jacobsen u: s. w. Ham- 
burg. 1. B. i8o3. 2. ß. 1804. gr. 8. Vergl. Neue AUg. D. Bibl. XCIV. B. S. 24—37. -^ 
Busch über das Bestreben der Volker neuerer Zeit, sich im Seehandel einander wehe zatluin. 
Hamburg, 1798. 8. 

§• 144- 
Hindernisse des Handel». 

Die vorziiglichstcn Hindernisse j, die den Fortschritten des Handels der europäi- 
schen Völker entgegen stehen, sind: 1) die Beschwerlichkeit des Transportes in meh- 
reren Ländern, nahmentlich in Spanien, Portugal, Sicilieu , Sardinien, Norddentsch- 
land und Ungern. 2) Gewisse Provinzialverhältnisse, die in manchem Staate zwischen 
dessen verschiedenen Bestandtheilcn keinen freyen Veikehr erlauben. In diesem Falle 
I)clindet sic.li unter andern die österreichische Monarchie, deren weise und gerechte 
Regierung l>ishcr nicht woiil einen freyen innern Verkehr zwischen den ungrischen 
und den übrigen Erbländern ihres Reichs gestatten konnte, wenn nicht die grosse 
Uniileichheit der Steuern und Abgaben in den besagten Provinzen zugleich andere 



IV. Commerclclle Produclion oder Handel. 5. i4.i. Hindernisse des Ha»iduJs> 26c) 

Modificatiöiien cilüelt. 3) Das herrschende Accisc- und Zollsystem, welches nicht 
den Handelsm.'inn trifft , sondci'u den Cüiisumentcn , welcher dadurch auf eine rndi- 
recte , drückende Art hestcuert, und zur C:pnlrehande gcreilzt wird , ohne dnss der 
Staat durch sein angenommenes System das hinreichende Einkommen gewinnt aj. 
4) Die Einführung der mancherley ^lonopolien , sie mögen nun von der Regierung 
selbst, oder von Privatpersonen ausgeübt werden. 5) Das Geldwesen der einzelnen 
Staaten. Fast ein jeder Staat hat seine eigenthümlichc llechnungsmiinze , dahey einen 
eigenen Münzfuss und eigene Miinzsorlen l?J. Oft werden sogar Münzslückc, welche 
denselben Nahnien führen , in verschiedenen Ländern, mit einem verschiedenen Ge- 
halte an feinem Silber oder Gold, und also zu einem verschiedenen Piealwerlh aus- 
geprägt. Besonders ist diese Verschiedenheil der INFünzen und der Grundsätze, wo- 
nach dieselben verfertiget werden, in den verschiedenen (/e«^5'c/ie/i Bundesstaaten auf- 
fallend. Es wird nähndich überhaupt in Deutschland in Golde nach einem vierfa- 
chen cj,nnd in Sili)er nach einem sechsfachen Fusse dj gemünzt, und wenn man 
diejenigen Münzuissc nnt in Anschlag bringt, welche verschiedeneu Handelspliitzen 
v^u besonderen Beslimmimgen im Handel ausschliesslich eigen sind: so lässt sich die 
Zahl der verschiedenen deutschen Münzfüssc in Silber auf 10 — 12 berechnen. Diese 
iiedeutende Verschiedenheit im Geldwesen ist nun eine Beschwerde für den Handel, 
indem sie Rechnungs-Verdriesslichkeiten und manche Verluste nach sich zieht, wel- 
che zusammen sehr empfindlich seyn können. Endüch 6) die nicht minder grosse 
Verschiedenheit der ?ilaasse mid Gewichte, wodurch der gegenseitige Verkehr eben- 
falls sehr erschwert wird ej. Besonders ist diese Verschiedenheit in der Sc/nveiz be- 
fremdend. Es gibt nähmlich in den gesaramten schweizerischen Cunlonen 1 1 verschie- 
dene Fus-:maasse, 20 Arten von Flachenmaass, 60 abweichende Ellen, 87 besondere 
G.-'lreidcmaasse, 81 Trinkmaasse, und 5o verschiedene Gewichte JJ. 

Übrigens Ist die jetzt allgemein herrschende Klage über Stockung des Handels in 
Europa eme natürliche Wirkung des Überganges vom zwanzigjährigen Kriege ztun 
Frieden, der verminderte ]Nachfrage nach verschiedenen Artikeln hervorgebracht hat. 
Diese Stockung ist um so emplindlicher, da der Verbrauch mehrerer Fabrik- und 
Manufacturerzeugnisse im Kriege und durch den Krieg wirklich ungeheuer war, und 
das Regellose, das in den meisten europäischen Jjändern die Consumtion in mehreren 
Aitikeln angenommen halte, die Gowerbsinhaber auf Unternehmungen hinleitete, die 
mit dem regelmässigen Gange der Dinge, den der zurückgekehrte Friede alluiählig 
herbeyzufiihren strebt, durchaus unverträglich sind. Dazu kommt noch der wichtige 
Umstand, dass die ^"öiker durch die langjährigen Kriege und die mancherley Anstren- 
gungen, die ihnen diese nölhig machten, in dueni Wohlstände bedeutend ziuiickge- 
kommen sind , dass sie also sich in ihren Verzehrangen überall einschränken müssen, 
imd wirklich einschränken, und dass es erst dann wieder hesser werden kann, wenn 
die Völker sich etwas erholt haben, und alles wieder mehr in sein nothwcndigcs na- 
türliches Gleichgewicht g'ekouunen ist. 

a) S. Jahrbücher des k. k. pol) teclinischcn Institutes in Wien. B. 1. S. 364. 

b) S. GerharcCs Taschenwürterljurh der Reclinungsmünzen siinmitlicher Reiche , Länder nnd 
Orte nach alphabetischer Ordnung. Leipzig, 1817. 8. — Busch über einen in Europa ein- 
zuführenden allgemeinen Münzfuss ; in der HandlunsgbiLl. B. 2. St. 4. S. 5o5— 5i3. 



j,^ lY. Commercielle ProJuction oder Handel. ^. l^i Hindernisse des Handels. 

c) Nach dpm Duca/e;t- j Secen'nen- oder Sout^eraiad'or- , Pistolen- oder Louisd'or- und Goldgril- 
denjuis. S. Grellmanns historisch-statistisches Handbuch von Deutschland u. s. w. S. 25i — 253. 

<i) Nach dem Lübischen , Dänisch-Holsteinischen, Leipziger, Concentioiis- oder Zo Gulden- , 
dem Brandenburgischen oder Graumannischen und dem 24 Guldenfuss. S. Grellmann a. a. O. 
S. 253 — 258. 

f) S. iYeMfnirecAcr'i Taschenbuch der Münz-, Maass- und Gewichtskunde für Kaufleute, ii-. 
Auflage, umgearbeitet von J. S. G. Otto. 8. Berlin, i8i5. — Verliandeling over volmaakie 
Maaten en Gewigten , door J. H. i>an Swinden. II. Deelen. Amsterdam , 1802. gr. 8. Vergl. 
Götling. gel. Anz. i8o3. 64. und 62. St. — Schüblers Vorschlag zueinerley Maass und Ge- 
wicht durch ganz Europa, in dem Journal v. und 1'. Deutschland. 1792. St. 1. S, 55. ff. 

jy S. Österr. Beob. 18x6. Nr. 228. S. i2o8. 



Z w e y t e A b t li e i 1 u n g. 

Die Bewohner, die Gcistescultur, die Vertlicidigungskiäftc und die Finanzen der 

eiuopäisclien Staaten. 



I. Bewohner der europäischen Staaten, 

"Volksmenge. 

IJic Volksznhl j d. i. die Summe der Gcsammtcinwohner eines Staates, ist das zwey- 
^e llanptclciuont der Slaatskräfte eines Staates. Denn so wie der Flachenraiun, oder 
das Land gleichsam die Unterlage eines Staates ist^ olme welche derselbe gar nicht 
vorhanden seyn würde (s. i. Ahth. §. l^.)■. eben so kann man sich ein Staatsgebiet ver- 
nünftiger Weise nnlicwohnt nicht denken. Das Land bedarf der INIenschen und ibrer 
arbeitenden Hände, um dasjenige hervorzubringen, was die Einv,ohner gebrauchen. 
Ohne Menschen ist das Staatsgebiet öde und leer, und ohne Anwendung von Men- 
schenkräftcn auf die Naturkräfte ist kein Gcnuss für uns denkbar. 

Vergleicht man Europa in Ansehung der Menge seiner Bewohner mit den iibri- 
gen Erdlheilen : so wird es nur von ^isien an Volkszahl übertroffen ; den übrigen Erd- 
iheilen hingegen ist es an Menschenmenge weit überlegen. Ganz genau kann man in- 
dessen die Anzahl der in Europa lebenden Menschen nicht angeben, da Volkszählun- 
gen theils nicht in allen Staaten eingeführt sind, tlieils sich hier und da, wie z. B. in 
Rnsiiaiid ^ nicht auf alle Volksclassen erstrecken ; im osmanisclieu Reiche fehlt es 
sogar noch an Geburts- und Sterbelisten. Die Angaben über die Anzahl der Bewoh- 
ner Europa s sind daher sehr verschieden. Vor einigen Decennien schätzte man sie 
auf i5o — 160 Millionen; jetzt berechnet man sie zu i83, 200 — 214 Älill. und dar- 
über. Wie lässt sich nun die Anzahl aller Menschen hestimmen, welche auf der gan- 
zen Erde verbreitet loben, da man sie nicht einmal von dem kleinsten, bekanntesten 
und culliviricsten Erdlheile mit Genauigkeit weiss? Gleichwohl ist es geschehen; ei- 
nige geben diese Zahl zu jooMill. , andere zvi gooMill., noch andere wieder anders an. 

■ §. 2. 

Classification der europäischen Staaten, nacli der^ Gcsichtspunctc ih- 
rer Volkszahl. 

Die Gcsammtzahl der Bewohner Europas von i88,3gi,774 Seelen, welche wir 
hier als ein, auf die besten und neuesten Autoritäten gestütztes Datum annehmen, ist 
unter die einzelnen Staaten sehr ungleich vertheilt. Diese Ungleichheit erstreckt sich 
von 37,922,000, welche die grösste Seolenzahl von allen europäischen Staaten ist, hin- 
ab bis 5546. Es können demnach die europäischen Staaten auch nach dem Gesichts- 
puncte ihrer Volkszahl classilkirt werden. 



2-2 I. Be-woliner dsr europ. Staaten. §. 3. Staaten der ersteu Rangordnung. 

Den ersten Platz in dieser Bezieliiuig nehmen diejenigen Staaten ein, welche we- 
nigstens lo Mill. Einwohner zählen; den zweyten diejenigen, deren Volkszahl zwar 
nicht 10, jedoch wenigstens 3 MiU. heträgl^ den dritten diejenigen, deren Volksmen- 
ge wenigstens i Mill. ausmacht; den vierten jene, die weniger als i Milk, aher doch 
Avenigstcns 100,000 Seelen umfassen; den fiinften endUchjene, deren Volkszahl nicht 
einmal loo-ooo Seelen enthält. 

§. 3. 

Staaten der ersten Rangordnung. 
Dieser Classification zu Folge behaupten folgende Staaten die erste Rangordnung : 

Einwohner. 

A. Russland: s) in Enroi>a. mit 37,922,000 

wovon auf Polen insbesondere 3,354,000 kommen. 

b) In Asien mit 9,076,000 

c) Li Amerika mit 800 

zusaiimien 47,298,800 aj 
ß. Frankreich: a) in Europa, in Folge der königl. Ordonnanz vom 

16. Januar 1822 3o,465,291 bj 

"wovon auf das Departement du ISord j als das am 
• stärksten bevölkerte, 905,764, auf Corsica _, das die 

geringste Bevölkerung liat, 180,348 fallen. 

b) In Afrika 92,000 

c) In Ostindien 5o,ooo 

d) In Nordamerika 2,ooo 

e) In Weslindien 123,169 

f ) In Südamerika 35,5oo 

zusammen 30,765,960 

C. Der deutsche Bund nnx. 3o,i 63,488 

An diesem mächtigen Ganzen, das in Verbindung der Stärke sei- 
ner moi-alischcn Kraft, was immer fiiremcr grossen, alles über- 
winden wollenden Nation, das erhabene Bild der grossen un- 
überwindlichen, entgegen zu stellen vermag, wenn es Tun ei- 
nem gemeinschaftlichen Interesse geleitet wird, nehmen, in 
Folge der im J. 1819 beschlossenen Bundesmatrikel, insbe- 
sondere Theil : 

Einwohner. Einwohner. 

x) Österreich . . . mit 9,482,224 cj 7) Holstein u. Lauenburg mit 36o,ooo 

2) Preussen .... — 7,929,439 dj 8) Luxemburg .... — 255,628 

3) Baiern — 3,56o,ooo 9) B^len — 1,000,000 

4) Sachsen .... — 1,200,000 10) Chiuhessen .... — 567,868 

5) Hanover .... — i,3o.5,35i n) Grossherzogih. Hessen — 6ig,5oo 

6) Würlembcrg . .. — i,2y5,462 12) Sachs en-Vv eim:.r . . — 201,000 



I. Bcwolincr der europ. Staateu. v>- 5. uSualen der ersten Rangordnung. 
Eiuwdlincr. 



Einwoliner. 



mit 185,682 27) HulienzoUern-Hechingrn mit i4,5oo 



— 54,400 28) llohcnzüllcrn-Sigmaiingca 

— 29,706 2g) Liccluenstein . 

— 80,012 3o) Waldcck .... 

— 20g, 600 3i) Ilcuss , ältere Linie 

— 358,000 32 — 34) Iv-cuss, jüngere I 

— Jl,j6g 35) Lippe-Detmold 

— 217,76g 36) Scliaumburg-Lippe 

— 302,76g 37) Ilcssen-Hombnrg . 

— 52,947 38) Frankfurt am Main 

— 37,454 39) Lübeck .... 

— 32,454 40) Bremen .... 
45,117 41) ILimburg .... 
53,937 



35,56o 

5,546 

51,877 

22,255 

52,2o5 

69,062 
24,000 
20,000 
47,85o 
40,65o 
48,5oo 
129,80» 



Einwohner. 



iS"! Sachsen-Gotha .... 

14) Sachsen-Meinungen . . 

15) Saclisen-Hildbiirghansen 

16) Sachsen-Coburg-Saalfeld 

17) Braunscliweig . 

18) Mecklenburg-Schwerin 
!()) Mccklcnburg-Strclilz . 

20) Holstein-Oldenburg 

21) Nassau 

22) Anhalt-Dessau . . . 

23) Anhalt-Bernburg . . 

24) Anhalt-Kölhen . 

25) Schwarzburg-Sondershausen 

26) Schwarzburg-Piudolstadt — 

D. Oesterreich mit 29,184,612 

Von diesem Volksbestande der österr. Monarchie umflisst ; 

a) das Land unter der Enns 1,076,746 

b) das Land ob dcrEnns mit dem österr. Anlhei- 

le an Salzburg . 773,5i8 

c) Steyemiark gig,gi3 

d) Illyrien 1,018,071 

e) Tyrol mit Vils und Vorarlberg . . . • . . 717,542 

f) Böhmen 3,275,866 

g) Mähren mit Schlesien . l,74g,486 

h) Galizien mit der Bukowina 3,76o,3ig 

i) Ungern mit Croatien und Slavonien ungefähr 8,800,000 e ) 

k) Siebenbürgen gegen 1,664,800 

1) Lombardey-Venedig 4,182,082 

m) Dalmaticn mit Ragusa und Cattaro .... 3o5,67i 
n) Die Militärgränze g4o,5g8 

E. Das brlttische Reich: a) in Europa mit 18,078,694 fj 

Von dieser Volksmasse enthält: 

1) England mit Wales und den dazu gehörigen 

Inseln lo,173,93o 

2) Schottland 1,804,864 



3) Irland ....... 

4) Malta mit Gozzo und Comino 

5) Gil)ialtar 

8) Helgoland , 



6,000,000 gj 

g3,ooo 

5,000 

2,200 



Fürtrag 18,078,69:! 
55 



274 I. Sevrohner der europ. Staaten, f 5. ßtaalen der ersten RaDgürdnuLt:. 

Einwohner. 

Übertrag 18^078,694 
h) In Afrika 208,800 

c) In Ostindien, und zwar: 

aa) in den Besitzungen der Krone . . . 809,000 
hin) in den Besitzungen der ostindisclien 

Coni])agnie über 40,000,000 hj 

d) In Nordamerika 546,000 

e) In Wesündien 757,100 

f) In Südamerika 205,000 

■§) In Australien 26,000 

zusammen 60,679,094 

F. Preiissen mit 10,588,107 ij 

Davon werden gerechnet: 

1) auf den östlichen Theil des Staates .... 7,554,71g 

2) auf den westhchen 2,g8i,852 

3) auf Neufchatel 5l,586 

G. SjHinien: a) in Europa niit lo,5oo,ooo A^ 

h) in Afrika — 191,000 

c) in Asien _ i,733,ooo 

d) in Nordamerika — 8,760,000 

c) in Wesiiudien . . . . — l,l3l,ooo 

f) in Südamerika ." . . — 5,73q,ooo 

zusammen 28,044,000 

a) Andere schlagen die gesammte russische Volkszahl jetzt auf 48 — 5o Mill. Menschen an, 
S. Polit. Journ. 1817. Sept. S. 796. ff. — Nach GalleUi enthält das- ouropäische Russland al- 
lein 45,611,700, nach andern gar 45 Mill. Seel&n. S. H. A. L. Z. 1819. Nr. 58. S. 469. 
Diese Angaben scheinen jedoch viel zu gross zu sevn, da nach Hrn. Crome'« A'^erhältniss- 
Rarte von Europa die Volkszahl des europäischen Russlaiids im J. 1818 54,5oo,ooo Men- 
schen betrug, ob es gleich gewiss ist, dass es kein Reich in Europa gibt, in welchem die 
Vermehrung der Einwohner so grosso Fortschritte macht, wie in dem russischen. Erstens 
sind die meisten russischen Pro\inzen noch sehr volksleer; dabey gleichwohl grossen Thcils, 
und nahmentlich in dem mittleren und südlichen Landstriche sehr fruchtbar. Beym Zusam- 
mentreffen solcher Umstände nimmt die Volksmenge ungleich schneller zu , als diess in 
\olkreichcn Ländern möglich ist. Dann hat die russische Nation, ■wie alle sla^ischen Völ- 
ker , eine sehr starke Fortpflanzungskraft , die in Verbindung mit der geringen Sterblichkeit, 
einen jährlichen Zuwachs von 4 — 5oo,ooo Seelen zur Folge hat. In fünf Jahren, von 1801 
bis 1806, halte sich das russische Menschencapital durch den Überschuss der Geburten in 
sich selbst um 2,665,877 vermehrt, und bey einer gleichen Progression dürfte sich dasselbe 
in weniger als 70 Jahren verdoppelt haben. 

b) In seiner glänzendsten Periode , \ om Ende des J. 1810 — i8i2 , zählte Frankreich j ohne 
seine Colonien , 42 — 40 Mill. Menschen: im J. 1789 etwa 20 Mill. Ungeachtet des er- 
staunlichen 3Ienschenverlusles während der Revolution und bey den äusserst menschenfres- 



I. Bcwülinor der europ. J>l;uiteu. ^. 3. Slü-^teo tler ersten Raugorüiiung. 275 

senilen Kriegen, uiiil Irolz der Veriingeruiigon di's Staates durch die Pariser Friiulonssclilussc 
1814 und i8i5, geben doch die Franzosen dessen Volkszahl jetzt zu 3o Mill. imd darüber an. 

c) Es gehört deninach fast -j der gesammtcn Volksmenge der österreicliischcn Monarchie zum 
deutschen Bunde. 

d) Es gehöi;cn demnach mehr als -^ der gesammten Volkszahl der prcussischcn Monarchie 
zum deutschen Bunde. 

e) Nach c. Csaploi'ics Angabe 8,749>8i2. 

/) Öffentliche Biälter erw.ilmen einer im J. 1821 vorgenommenen Zählung, nach welcher die 
Volksmenge Q(ossbritanniens 14 Mill. , die von Irland 6,5oo,ooo Seelen beträgt, von wel- 
che» letzteren Summe beynahe fiinfthalb Mill. auf die Katholiken kommen , während die 
Protestanten nicht zwey Mill. betragen. Die Bevölkerung im brittischcn Reiche hat sich in 
den letzten zwanzig Jähren mehr" als in hundert Jaliren zuvor vermehrt. 

g) Diese Angabe weicht \on den bisherigen Berechnungen ab , nach welchen Irlands Volks.- 
zahl nur 454oo,ooo — '4,600,000 Seelen betragen soll; allein nach einer im J. 1814 von dep 
Regierung in Irland a,ngfordneten. Volkszählung ergibt sich, dass diese Insel weit mehr, als 
man bisher glaubte , Ein\vohnor hat. Manche Örter winimelri so sehr von Leuten, dass 
Ein Einwohner auf einen Acre gerechnet werjden kann. Diese starke Volksvermehrung 
schreibt Hr. Curwen der Vorliebe des irischen Volks zu den Kartoffeln zu, und ist des Da- 
Rirlialtens , dass häufige und wohlfeile Lebensmittel keine so grosse Wohlthat sind, als \ie- 
Ic sich cifibildcn , weil sie allen Sporn zur Anstrengung wegnehmen ; er meint, Handel und 
Manufacturen dürften vielleicht den grossen Anwachs der Volksmenge in Irland hemmen , 
weil sie künstliche Bedürfnisse herbeyfiihren würden. S. Erganzungsbl. z. J. A. L. Z. 1818. 
Nr. 56, S. 60. ■ 

K) Auch hiijr herrschet die grössle Verschiedenheit. Colquhoun schätzt alle dem briltischen 
Zepter entweder unmittelbar 'oder mittelbar unterworfene Ein^vohner in Ostindien auf 
40 Mill. ; Lord Casllereagh gab sie vor einigen Jähren in einer Rede im Parlament zu 60 
IMill. an. S. GcJtting. gel. Anz. 1816. S. igo8. f. Zjmnie?-ma?m schlug sie noch früher, lange 
\0T den neuen Erwerbungen d«r ostindischen Compagnie, nach le Goiix de Flaix, gar zu 
66 — 70 Mill. an. S. H. A.. I>.. Z. i8ji. Nfr, 2o2. $. 66g. Wer kann aber mit einiger Zuver- 
lässigkeit behaupten, diese oder Jene Angabe sey in der Wahrheit gegründet!' 

(') Nach Gallelti 10,976,2.52. 

k) Wie erstaunlich wenig, ruft r. Schlözer in seiner Theorie der Statistik S. 86 aus, für das 
paradiesische Land! Ini römischen Zeitalter zählte Spanien 2o Mill. Einwohner; zu Ende 
des 14. Jahrh; 16 Mill. ; zu Ende des i5. Jahrh. 14— i5 Mill. ; beym Tode Carl's II. 1700 
nur 8 Mill., \velche Zahl durch den spanischen Succcssionskrieg auf6Mill. herabgeschmol- 
zen war. S. Neue Leipz. L. Z. 1810. St. 28. Vergl. Crome a. a. O. S. 764. Das Ilaupihin- 
derniss des stärkeren Anwachses der Volksmenge war das (nun abgeschaffte) h. 0.(llciuni , 
indem es eine unzählige Menge von Familien nöthigte, das Reich zu verlassen, die Ver- 
treibung der Juden und Mauren beförderte, in drey Jahrhunderten mehr als 5o,ooo Men- 
schen theils in Person, theils im Bildniss verbrennen Hess, über 2go,ooo zur Einsperrung 
verurtheilte , und die Fortschritte der Wissenschaften und Künste, der Industrie und des 
Handels zurückhielt. Hierzu der auf ungefähr 1 Mill. Menschen steigende Verlust, den Spa- 
nien im J. 1804 durch Hungersnoth , Erdbeben und das gelbe Fieber (das auch neuerlich 
(1821) schreckliche Verheerungm anrichtete) erlitt; der von i8o8 — i8i3 wülhende Krieg, 
die gegenwärtige Re\olulion — werden nun wohl noch (wenn auch i'. Bourgoi/ig den Volks- 
bestand dieses Reichs für das Jahr 1788 auf 11 Mill. , und IXehfues denselben für das Jahr 
1808 auf 12 Mill. schätzte) io,5oo,ooo Seelen, wie wir oben Spaniens Volksmenge angege- 
ben , vorhanden seyn ? 



276 i- Bewohner der europ. Stdaleii, J. 4. StaaUu der zweyteu haogordnuiig, 

§• 4. 
Staaten der zwcyten Rangordnung. 

£iuwo!aier. 

A. Das osmanische Reich: a) in Europa mit etwa ....;. 8-000,000 nj 

h) in Asien . ii,ogo,ooo b) 

c) iu Afrika 3,5oo,ooo cj 

zusammen 22,690,000 

B. Bcyde SiciUen mit •...,.... 6, ■'66,000 

Von diesem VolksLcslande rechnet man auf Neapel 4,081,000 

auf SiciUen i,785;ooo 
C Die Niederlande : a) in Europa mit . . . . . . ,. , . , , 5,266,000 

Davon leben iu Holland ......... 2,01 7, iq5 

in Belgien 3,249,841 

wovon auf Luxemburg insbesondere 205,628 kommen. 

b) In Afrika mit 10,000 

c) In Asien 2,957,336 

d) In Südamerika 3lo,ooo 

c) In ^Vestindien 400,000 

zusammen 8,583,336 

D. Sardinien mit 3,974,476 

An dieser YolkszaLl nehmen insbesondere Theil die Contiuen- 

lalslaaten mit 3,454,476 

die Insel Sardinien mit 52o,ooo 

E. Portugal: a) in Europa mit 3,683,000 

Davon kommen auf Portugal an sich 3,535,385 

.(iif Algarvien 127,6l5 

b) In Afrika mit ......' 467,400 

c) In Asien mit , 108,800 

d) In Südanrerika mit 3,ooo,ooo dj 

zusammen 7,249,200 

F. Baiern mit 3,56o,ooü 

G. Der schwedische Staat: a) in Europa mit 3,44o,ooo 

Davon rechnet man 

auf Schweden an sich 2,5oo,ooo 

auf Norwegen 940,000 

b) in Weslindien 8,000 

zusammen 3,448,000 
a) Nach andern 9,7,6 Mill. Hr. Lindiier nimnU, als t'is Maximum der Volkszahl der euro- 
päischen Türkey, gar nur 5,3go,900 Menschen an. Dagegen wird nach dem Verfassser der 
Schrift: ,,Considerations sur la guerre entre ies Grecs el les Turcs jiar un Grec; ä Paris 
1821 ," die Bevölkerung des osmanischen Reichs in Europa auf i2 MiU. geschätzt. Gewiss 



i. Bewohner der europ. Staaleu. ^. 5. 6. Staaten der dritten — fünftcu Raligordiiung. S'ji 

ist, dass das osmanisrhe Reich in allen seinen Getjenden in Ansehung seiner Grösse, sei- 
nes milden Klima und seines fruchtbaren Bodens arm an Menschen ist, und dass es damit 
immer schlimmer wird, woran hauptsächlich Schuld sind: Unsicherheit des Lebens und des 
Vermögens, Vielweiberey , Castralion , Pest und gänzlicher Mangel an Sanifals- und IMedi- 
cinalanstalten; hierzu der im J. 1821 ausgebrochcne Aufstand der Griechen , duich den 
bereits mehrere osmanische Pro\inzen verheere!, und ent\ ölkert wurden 

6) Nach andern 24 Mill. , g'jwlss zu viel. 

c) Nach andern 2 — 5 Mill. 

<0 Nach Galletli 4 MdL 

.§. 5. 
Staaten der dritten Rangordnung. 

fiinwi'lincr. 

A. Der Kirchenstaat mit 2,425,800 

J3. Der dänische Staat: a) in Europa mit 1,746,950 

Davon leben 1) in Dänemark an sich .... i,o53,45o 

2) in Schleswig 279,000 

3) in Holstein und Lauenbiirg . . 36o.ooo 

4) auf Island 49^000 

5) auf den Fiiroer-Insehi .... 5,5oo 

h) hl Afrika • . . • 3,ooo 

c) In Asien 5o,ooo 

d) In Nordamerika 6,000 

e) In Westindien 43, 000 

„5. zusaumicn 1,848,900 

C Die Schweiz mit 1,745,750 

Davon komni-ii auf Bern als den grössten Canton . 297,600 
auf Genf als den kleinsten . . . 44,000 

I). Toscana mit 1, 264^000 

Ausserdem geboren in diese Riduik noch vier deutsche Bundesstaaten: 
E. Hanover; F. Wiirtemberg ; G. Sachsen und ü. Baden j, von denen, in Anse- 
liung der Volksmenge (s. §. 3- C.) Hanover und Wiirtemberg vor Toscana ihren 
IMntz einnehmen, Sachsen und Baden aber nach Toscana zu stehen konmica. 

§•6. 

Staaten der ^■ i e r I e n und fünften Rangordnung. 

Die Staaten der vierten Ptangordimng sind : Einwohner. 

\. Parma mit 583,ooo 

B. Modena mit . . . ^ 370,000 

Davon kommen auf Massa und Carrara 57,5oo 

C. Die jonischen Inseln mit 187,000 

D. Lucca • i57,5oo 

Ausserdem gehör« ri in diese Classe noch g deutsche Bundesstaaten : 
E. Churhessen; F. Grossherzogthum Hessen; G. Mecklenburg - Schiverin ; 
ti. Nassau; I. Holstein- Oldenburg; K. Braunsclweig ; L. Sachsen - /Weimar; 



2-8 1. Bewohner der europ. Staate^. §. 7. BevolkeroDg. 

M. Sachsen- Gotha und N. Hamburgs von denen, in Ansehung der Volkszahl (s. 
§. 3- C.) Chnilicsscn und Grossherzoijtluun Hessen vor Parma und Modcna^ Mecklcu- 
Lurg-ScLwerin , Nassau j Holstein- Oldenburg, Braunschweig und Sachsen - Weimar 
nach Parma und Modcna zu stehen kommen, Sachsen-Gotha aber nach den jonischen 
Inseln, und Hamburg nach Lucca seine Stelle einnimmt. 

Zu den Staaten der fünften Rangordnung rechnet man: Einwolmrr, 

A. Kraknu mit 64,000 

B. Siin ISluruiQ mit 7,000 

Ausserdem gehören in diese Classe noch 2.5 deutsche ßimdesstaaten (s. §. 3. C.) , 
von denen 3 {Sachsen-Coburg-Saalfeldj Mecklenburg-Strelitz und Lippe-Detmold) 
in Ansehung ihrer Volkszahl vor Krakau, ig {Sachsen-Meinungen _, Sc/uvarzburg- 
Eudolstadt j, Anhalt-Dessau _, Waldeck ^ Bremen ^ Frankfurt a. M. ^ Schwarzburg- 
Sondershausen _, Lübeck _, Anhalt-Bernburg j Hohenzollern-Sigmaringen ^ Anhidt- 
Kotlien j Stchsen- Hihlhuighausen j ScliauTnburg- Lippe j, Reuss- Greiz „ Hessen- 
llonliurg , Reuss-Schleiz ^ Hohenzollern-Hechingen j Lobenstein-Lobenstein und 
Lubenslein-EbersdorfJ nach demselben Gesichtspuncte, nach Krakau, jedoch vor> 
Sau ^lariuo zu stehen kommen, einer aber (nahnicnllich das Fürsteulhuui Liechten- 
stein) nach San Marino seinen Platz einnimmt aj. 

a) Aber der Fürst von LiechtenstFin besitzt an Tnittelbarnn Fürstcntbiimern und Hi^rrscbafton 
in der österreichischen Monarchie ein Gebiet, welches manchen bedeutenden Staat aufwie- 
gen dürfte. Es enthiilt 104 QM. , und zahh 24 Städte, 2 Vorstädte, 35 Marktflecken, 766 
Dörfer, 29 Herrschaften, 46 Schlösser, 11 Klöster und 164 fürstliche Meiereyen mit 
3245O00 Einwohnern. 

Bevölkerung. 

In Rücksicht der Bevölkerung j oder des Veihältnisses der Volksmenge zu dem 
Flächeninhalte, weiihen zwar die einzelnen Staaten luisers Erdlhoils ausserordentlich 
von einander al) , so, dass manche von den kleineren Staaten iiljer 6000 auf einer Qua- 
dratmeile zählen aJ , Avährend andere grössere es kaum auf 2000 bringen, und in einigen 
Staaten, wozu gerade die beyden grössten Reiche unsers Erdtheils (Russland und Schwe- 
den mit i^orv/e gen) gehören, die Bevölkerung gar bis lief unter 1000 fällt. Die Bevölke- 
rung in den einzelnen europäischen Staaten stehet demnach zu dem Flächeninhalte 
derselben im lungekehrtcn Verhältnisse, d.h. je grösser die Bevölkerung, desto klei- 
ner ist der von ihr besetzte Raum. Daher zähh ein kleineres Gebiet bcy dichterer Be- 
völkerung eben so viel, oder wohl noch mehr Bewohner, als ein Gebiet von grösse- 
rer Ausdehnung. Die Grösse des Staatsgebiets an sich ist folglich keineswegs die allei- 
nige Ursache von dem Grade der BevöLkerimg eines Staates. Im Gegentheile deutet 
inmier der grössere oder geringere Bevölkerungsstand eines Staates auf gewisse Vor- 
züge oder Mängel des Klima's, des Bodens und der Cultur desselben, so wie der Ver- 
fassung und Verwallmii^ hin 5 fast immer ist die Zu- oder Abnahme desselben das si- 
chere Merkmahl des zu- oder abneluncnden VVohlstandes im Staate. 

Einen Staat indessen in den andern gerccluuH, und den Absland der volksleere- 
ren Thcile durch die Fidie der andern ausgeglichcu : so kommen glciclrwohl im Gau- 



I Bewolmei der europ. Slnaten. §. 7. Bevölkerung. 2;5 

zcn auf eine Qiiadratmeile übei- i2i5 ^Jensohen , niilliin crscliciiH Europa auf «'iiicr 
Bevölkoriinj^sstiifc, wo es von keinem andern Eidlheile übcrliolTon \\iid. Oliylciih 
aber Europa vcrhälinissmässig der l)evölkerlste unter allen Erdllieilcn ist: so kann 
man doch nicht sagen, dass es absolut zu viel Menschen zähle; man kann, mit Aus- 
nahme einiger gebirgigen Landslrecken , z. B. des ThüiingerwaUles bjj des Sc/ns'ai'z- 
waldes j der Schweiz cj u. s. w. , von keinem einzigen euro])'aischen Lande behaup- 
ten, dass CS bereits auf die grösstmögliche Stufe der Bevölkerung gebracht worden 
sey. Doch lehrt auch die Erfahrung, dass eine iuuner steigende Bevölkerung d^n 
.Staat nicht geradezu beglücke. Es kommt nicht darauf an, dass viele, wenn gl.'ich 
elende, menschliche Wesen vorhanden sind, sondern Menschen, denen im Durch- 
schnitt leidlich wohl ist, welche die notliwendigslen Bedürfnisse nicht zu kümmerlich 
befriedigen können. Nur eine durch die Masse der Nahrungs- und Fcuerungsmiltcl 
bedingte Bevölkerung ist wünschenswerth , wenn nicht sonst Milliünen Hungers ster- 
ben, und Arnuuh und Elend sich einfinden sollen. Es gibt eine Grunze für die Her- 
vorbringungs- Fähigkeit eines Landstrichs , und folglich auch der auf dcmscllien 
gewonnenen Erzeugnisse; es gibt demnach auch nothwendig eine Gränze der Bevöl- 
kerung dj , obgleich wir eben nicht im Stande sind^ dieselbe genau, wenigstens nicht 
allgemein , in Zahlen auzugeberu 



Einw. auf 1 QM. 
a) Genf z. B. hat 8800 

Lucca 6870 — — 

An diese schliesseii sich zu- 
nächst an : 

Die Niederlande mit 45^4 — — ■ 

Die ionischen Inseln ... — 4o65 — — 
Dann folgen : 

Modcna — 3go4 — — 

Parma — 36i3 — — 

Jf^ürleniberg 

Sachsen 



— 3576 — — 

— 3529 

— 35oo — — 

— 5597 

— 3576 — — 



San Marino 

Der Kirchenstaat . . 
Sachsen-Golha .... 
Kraiuiu — 3368 

— 3326 

— 53 10 

— 5ll2 



Beyde Sicilien 

Das britlisc/ie Reich . . . 

Sardinien 

Der deutsche Bund im en 

geren Sinne 

Sachsen-fVeimar 

Frankreich 

Nassau 

Toscana — 2967 

Grossherzogthum Hessen. — 2896 — 
Charhcsseii — 2835 — 



— 0040 — — 
— 3ooo — — 

_ 2968 

29G8 



Eiaw. auf 1 QM. 
Der deutsche Band im M-'eileren 

Sinne mit 2664 - 

Baiern — 253o ""i 

Österreich ^ . . . — 2420 — — 

Preussen — 2 1 0:1 — — 

Die Schweiz — 2004 — — ■ 

Wenigrr als 2ooo Seelen 
auf 1 QM. zahlen folg'::nde 
Staaten : 

Hanover 

Portugal 

Holstein-Oldenburg .... 
Mecklenburg-Schwerin . . 

Dänemark an sich 

Spanien 

Eine goringereBevöIkerung 
als von 1000 Seelen auf 1 
QM. haben folgende Staaten : 

Die europäische Ti'uker — 867 — — ■ 

Das europüisclie Puissland ... — Öog — — 
Das asiatische "Russland .... — 34 — — • 
Das russische Reich in Euro- 
pa und Asien — i36 — — 

Der dänische Staat — 702 — — 

Der schwedische Staat — 2i2 — — 

Schweden an sich — 2^3 — — 

Norwegen — i34 — — 



— 1908 — — 

— 19 .4 

— 1814 

— 1598 

— i542 

— 1243 — — 



23o I- Bewohucr der europ. Staaten. §. ß. Mittel zur Erforschung der V-jIksmenge. 

Di?sc Verschiedenheiten werden noch auffallender, wenn man Bestandtheilc der einzel- 
nen Staaten oder Gegenden, welche nicht gerade vollkommene Staatsgebiete bilden, mit 
einander vergleicht. So wohnen z. B. auf der Insel Malta mit Gozzo und Comino ii,625, 
in dem französischen Departement du Nord 8086 ■, im Düsseldorf e7- Regierungsbezirke dei 
preussischen Provinz Clcve-Berg 8109, in dem sogenannten Kiü.läiidchen zwischen Mäh- 
ren und Schlesien 7918, im lombardisch-venellauischen Königreiche 5o58 , in Irland 4601 , 
in Engtand 3736, und dem russischen Gouvernemenf Moskwa 2800 auf einer Quadralmeile, 
während in Schottland i243, auf Corsica ioi3, in Oeslerreichisnh-Dalmatieii ioo5, im Kös- 
liner Ri-gierungsbezirke der preussischen Provinz Pommern 946, auf Island 34, im russi- 
schen Gouvernemenl Archangel 18, in Finnmarken in Norwegen, dem nördlichsten Ijande 
Europa's, 6, und im schwedischen Anlheile von Lappland gar nur 3 Menschen auf einem 
gleich grossen Räume leben, 
ü) Um der steigenden Bevölkerung im Herzogthume Sachsen-Goiha Einhalt zu ihun, verbie- 
tet eine neuere Verordnung die Er\veilerung der alten, und den Anbau neuer Wohnungen 
in den Orten des Thüringern-'alries S. Götting. gel. Anz. 1808. St. 11. S. 107. 

c) In der Schweiz werden manche Districte so leicht übervölkert, wenn nicht ihre Fabrirate 
auswärts gesucht werden , oder Missjahre die geringen Ernltm noch kärglicher machen. S. 
Crome a. a. O. S. 27. 

d) T. R. Mallhus Essai on the principle of population , or a riew of its past and present ef- 
fccts on human happini'ss u. s. w. Bd. 2. Ausg. 3. London, 1806. von J. H. Hegewisch in'.« 
Deutsche übersetzt, unter dem Titel: Versuch über die Bedingung und die Folgen der 
Volksvermchrung. 2 Thie. Allona, 1807. 8. Vergl. Mallhus mod Crome, ellcr om Dan- 
marks altfor Store Befo'kning. Aarsagen til den over haandlagendo Armod , samt om de 
bedst anvcndelige Midier herinK)d. [Mallhus gegen Crome, oder über Dänemarks Über\öl- 
kerung (?) , die Ursache der überhand nehmenden Armulh, nebst den anwendbarsten Mit- 
teln dagegen.) Von F. C. Trrde. Kopenhagen , 1816. 8. S. Ergänzungsbl. zur Allg. L. Z. 
Nr. 267. iBi8. Der Verfasser dieses Werkes wendet die van MalUnts vorgetragenen Grund- 
sätze auf Dänemark an, und vertheidigt ihn, wie in der obgedachten Uit. Zeit, versichert 
wird, mit überwiegenden Gründen gegen Crome's Äusserung'^n : ,,Uber die Grösse und Be- 
völkerung der sämmtlichen europäischen Staaten." 

*) Bey einem Flächeninhalte von 1407 QM. und einer Volksmenge von 3,56o,ooo Einwoh- 
nern, wie. wir diese Elemente der baierischen Staalskräfte angenommen haben. Bey einem 
Areal von i5oo QM. aber, wie andere Baierns Flächeninhalt angeben, würde dieses Reichs 
Bevölkerung, bey einer Volksmenge von 3,56o,ooo Einwohnern , im Durchschniile freylich 
nur 2070 Köpfe auf der QM. betragen. 

§. ß- 

Mittel zur Erforschung der Volksmenge. 

Der Mittel j die VolLsmejii^e eines Landes oder einer Sladl zu erforschen, giLl 
PS mehrere von sehr verscliiedencm ^Verlhe. 

A. Alan zähh entweder die Wohnungen oder die Fatnilien, und rechnet auf jede 
im Durchsclinilt eine gewisse Anzahl Personen, je nachdem der Augens<;hein zeigt, 
dass sie stark oder schwach heselzt sind, etwa 4, 5 his 6; oder man schätzt die 
Volksmenge nach Recruleuaushehungen zu 1 , 2 Recruten von einer gew issen Anzahl 
Tuännlicher Individuen , oder nach der Anzahl der stevierpflichligen Köpfe , oder nach 
der Consumlion der genicinsleu Lehensmitlei, des Brotes und des Salzes. Aber \\ie 



I. Bewohner der «urop. Staaten. §. 8. Mittel zur Eiforsclmng der Volksmenge. 281 

unzuverlässig sind diese und andere ähnliche Mittel, die Volkszahl grosser Städte und 
ganzer Länder zu erfahren ! 

Ein hrauchhareres Mittel zu diesem Endzwecke sind: 

B. Genau abgefasste und von mehreren Jahren gesammelte Ä7rc7<e7i//j'fe« ^ oder 
jährliche Register über die Gehörnen, Gestorbenen und Getrauten. Die grosse Wich- 
tigkeit rmd Niilzlichkeit derselben zeigt sich insonderheit darin, dass sie nicht allein 
überhaupt das Urlheil i'iljer die Zu- oder Abnahme der Volksmenge begründen, son- 
dern, wenn sie speciell das Geschlecht, das Aller, die verschiedenen Classen der Ein- 
wohner, die Jahreszeiten, die Krankheiten, Unglücksfälle und andere Umstände an- 
geben, auch sehr heilsame Aufschlüsse über die Bedingungen des Lebens und die 
Ursachen des Todes gewähren. Sie sind es , denen die politische yirithinetik ihr D.a- 
seyn verdankt. Zu dieser, für die Staatsverwaltung so nüizlichen Kennlniss le^leJoIui 
Gvaunt j ein Tuchmacher in England, 1662 den ersten dauernden Grund. Er war es, 
der in seinen Bemerkungen über Mortalitälslislen aj seinen Zeitgenossen das Geheim- 
niss entdeckte , wie die Ordnung der Geburl und der Sterblichkeit unter den Men- 
schen, und folglich auch ihre Zahl in einem gegebenen Lande oder einer Stadt be- 
rechnet werden können , ob es gleich mehr als wahrscheinlich ist , dass schon die Rö- 
mer die Theorie der Probahilität des Lebens gekannt haben bj. Durch Pettj j Hal- 
lejj Short j Kerseboom _, Strujk j i'an Swieden _, Young _, Depnrcieux ^ Silssmilch 
und Tf^argentin gewann die politische Arithmetik sowohl an Reichlhum als an System. 
Die beydcn letzteren leisteten insonderheit viel, nälindich SiissinilcJi in seinem ^Ver- 
ke: jjGöttliclie Ordnung in den Verändei-uugen, des menschlichen Geschlechtes j, 
aus der Geburt _, dein Tode und der Fortpflanzung desselben erwiesen' cj _, vmd 
Wargentin in den Abhandhmgen der königl. schwedischen Akademie der Wissen- 
schaften. Indessen hat die Anwendimg der politischen Rechenkunst auf die Staatsver- 
waltung mehr zur Ausbildung der Slaatenkunde und zur Beföi dcrung ihres Interesse 
bcygctragcn , als durch den Vorrath immer noch zu wenig zuverlässiger Zahlen fiir 
die nächsle Absicht dieser Berechnungen gewonnen ward. 

Die durch wiederholte Bcobachlungcn bestätigten Verhältnisse der jährlich Ster- 
benden und Gebürncn zu den Leidenden, der beyden Geschlechter gegen einander, 
des Grades der Sterblichkeit nach Verschiedenheit des Lebcnsakers und der beyden 
Geschlechter u. s. w. sind nun folgende : 

1) In den grössten Städten stirbt jährlich von 26 Menschen einer, in grösseren von 
28 einer, in kleinen von 32 einer, auf dem Lande aber nur von 40 oder 42, oder gar 
nur von 48 einer, — In einem ganzen Lande (Städte, Flecken und Dörfer zusammen 
genommen) stirbt von 32 oder 33, in einigen Ländern aber nur von 36 oder 37, und 
ra. einigen, wohin vorzüglich die nordischen Länder gehören, nur von 40 Menschen 
einer. \Venn man dcnmach von einem Orte oder Lande die Anzahl der jährliih Ster- 
benden durch ^'crgleichung mehrerer Jahre mit einander dj weiss : so nmltiplicirt 
man sie nach dem Unterschiede, den man unter den örtcrn und Ländern wahrninnnl, 
mit einer von den obigen Zahlen , um die Sunuue der gcsammten Einwohner unge- 
fähr zu berechnen. 

2) In der Regel werden immer mehr JMe/ische/i geboren als sterlien, sonst 

3Ü 



Zjj2 I- iäewoliilcr der curop. Staaten. §. 8. Mittel zur Erforschung der Volksmenge. 

müsste die Volksmenge all'^iilhalljcn abnehmen, und die ganze Ordnung bald gar aus- 
sterben. Allein sie nimmt überall zu, wo es nielii zufällige und vorübergehende Ursa- 
chen, z. B. Krieg, Epidemie, verhindern, jedoch nicht überall und inmier im glei- 
chen Verhältnisse. Je geringer die Volkszahl mit Rücksicht auf die Fruchtbarkeit des 
Landes ist, desto schnellei- vermehren sich die Meiischen; aber dieses Verhällniss der 
Zunahme nimml ab, je grösser die Zahl der Bewohner wird, und es gUjt daher einen 
Punct, wo die Vermehrung Null ist, welchen wir denn für die nati'u-liche Glänze 
der Bevölkerung ansehen. In einigen Ländern hat man das Verhältniss der Geborneu 
zu den Lebenden wie i zu 22 oder 23, in andern wie 1 zu 32 gefunden; im Mittel 
möchte es also wie 1 zu 27 oder 28 stehen. \'on dieser Regel machen jedoch grosse 
Städte eine Ausnahme, besonders wo Hoflialtungen sind, und in vornehmen Häusern 
viele unverheirathete Bediente unlei hallen werden, auch viele andere ledige Leute 
sind. In solchen Städten wird nach einer Mittelzahl auf 35 Lebende 1 geboren. — 
Aus diesem allgemeinen jähilichen Ulierschusse der Gehörnen über die Sterbenden 
lässt sich die sehr auffallende Erfahrung erklären, dass die Menschenzahl in Europa, 
ungeachtet fünf und zwanzig jähriger Unrnhen , Verfolgungen und Kriege ej , und 
ungeachtet einer bedeutenden Auswanderung fj nach fremden Erdtheilen, dennoch 
in diesem Zeiträume zugenommen hat, und diese Zunahme ist um so grösser, da der 
Anfang der Anstalten zu Einimpfung der Schutz- oder Kuhpocken (vaccine) gj eben 
in diese Zeit fällt. Diese Vermehrimg fordert indessen mächtig auf, an Mittel zur Er- 
nährung dieser grösseren Menschcnzahl zu denken. Der geistreiche englische Schrift- 
steller J/a/iAi^.y hat hierüber ernste und beherzigungswerihe ^Vürte gesagt , imd ge- 
zeigt, dass die Zunahme der Bevölkerung kein Glück sey, wenn man nicht im Stande 
ist, sie zu ernähren. 

5) Das Verhällniss der Knaben zu den Mädchen bey der Geburt ist nicht allent- 
halben gleich. In Europa, und in den meisten Ländern der gemässigten und kalten 
Zonen werden im Ganzen immer mehr Knaben als Mädchen geboren, nälimlich un- 
gefähr io5o oder 21 Knaben gegen 1000 oder 20 Mädchen, so dass 4 — 5 Piocent auf 
männlicher Seite ist. In andern Ländern hingegen, insbesondere der heissen Zone, 
werden mehr Mädchen als Knaben geboren. 

4) Die Slcrl)lichkeit ist nach Verschiedenheit des Lehensalters verschieden. Das 
natiirliche Ziel des menschlichen Lebens ist ungeföhr sechsmal so lang , als die Zeit 
von der Geburt bis zum Anfang der Mannbarkeil, der im Durchschnitt auf das lö- Jahr 
fällt, folglich 80 — 90 Jahre. Es gibt zwar unter allen Völkern einzelne Menschen, 
welche dieses Ziel weit überschreiton ; allein bey weitem die mehreslcn erreichen es 
lange nicht, und werden durch Krankheilen und Zufälle aller Art, verschuldet hj und 
unverschuldet, viel früher hingerafft. Am meisten trilfi dieses Loos 'die Kinder vom 
zartesten Aller, von denen beynahe der vierte Theil gleich im ersten Jahre stirbt, über 
zwey Fünftel nicht das sechste , und fast nur die Hälfte das zwanzigste Jahr erreicht. 
Es leben näbmlich von einer Million Menschen, die geboren wird: 

am Ende des islen Jahres nur noch 707,525 

— — — loten — — — 55i,i22 

— — — 20sten — — — 5o2,2itt 



I, Bewoliner der eiirop. St.iatcn. i^S. 8. Mittel zur Erfoiscluing der Vüjksmeugc. - 203 

am Ende des Sosten Jahres nur noch 438,1 83 

— — — 4osten — — — 36(),4o4 

— — — öosien — — — . , . , . 297,070 

— — — 6osicn — — — 213,56- 

— — — 70sien — — — 117,656 

— — — 8osten — — — ...... 34,7o5 

— — — gostcn — — — 3,83o 

— — — loosien — — — 207 

— — — lo5tcn — — — 16 

— — — liolcn — — — o ij 

Diese Theorie ist von grosser Wichtigkeit, indem sie die Grundlage für die Re- 
gchi der Leihrenten, Tontinen, Witwcucassen und VersorgungsanstaUen aligiht. 

5) Auch in Ansehimg der bejden Geschlechter ist die Mortahtät verschieden. 
Sie sterben nicht nach eiiierley Maassgabe j die Sterblichkeit des männlichen Ge- 
schlechts ist gi'össerj als die des weiblichen, wenn man eine Periode kj , die gefähr- 
lich ist, bey dem letzteren ausnimmt. Gegen 27 Knaben sterben nur 25 Mädchen. 
Der Übcrschuss der gcbornen Knaben ist also bald verschwunden. Wird nach einigen 
Jahren nach der Mehrzahl der Knaben gefragt, so liegt sie im Grabe. Um die Zeit 
der angehenden Mannbarkeit, oder um das i5. Lebensjahr ist das Gleichgewicht zwi- 
schen beyden Geschlechtern beynahe hergestellt, und im 18. oder 20. Jahre ist das 
Verhältniss schon umgekehrt. Da im ersten Lebensjahre mehr Knaben als Mädchen 
sterben, da gewöhnlich mehr Frauen als Männer ein hohes Alter erreichen, da end- 
lich dem männlichen Geschlcchte ein beiräcbilicher Theil durch Kriege und andere 
lebensgefährliche Beschäftigungen, auch durch Auswanderungen in fremde Erdlhei- 
le , entzogen wird : so findet man fast in allen europäischen Ländern ein merkliches 
Übergewicht des weiblichen Geschlechts über das n)ännliche. Doch ist dieser Übcr- 
schuss nicht hinlänglich, um die in diesen Ländern eingefiihrte Monogamie aufzuheben. 

6) Endlich ist auch die Zahl der jährlich Getrauten zu den Lebenden sehr 
verschieden. Li Russland z. B. heiratliet jährlich ein Paar unter g2 Personen 5 in 
Preussen eins unter 94, in Schweden eins unter 120, in England eins unter 122 bis 
123, in Norwegen eins von i3o, ini Canton TVaadt eins von 140 Personen 5 in gros- 
sen Städten verhält sich die Zahl der jährlich Co]ndirten zu den Lebenden wie 1 : 160. 
— Viele Jungfrauen müssen schon desshalb unvcrehlicht bleiben, da die Zahl dersel- 
ben zwischen 18 und 24 Jahren bedeutend grösser ist, als die Zalil der jungen Män- 
ner zwischen 24 und 3o Jahren (s. oben 5). Mit der Bevölkerung wächst aber auch 
die Schwierigkeit, einen neuen Haushalt anzufangen, und das Hcirathen der Männer 
wird dadurch insbesondere versjjälet; auch werden viele Männer dadurch genöthigt, 
Witwen zvi hcirathen , mit welchen sie eine bereits eingerichtete Wirthschaft erhal- 
ten. Aus beyden Gründen ninmit die Zahl der Frauenzimmer zu, welche unverehlicht 
bleiben müssen. — Auf jede Ehe rechnet man im Durchschnitte vier Kinder, Am 
fruchtbarsten scheinen die Ehen in Irland zu seyn. Die Lländer rechnen aiif eine 
Ehe 10 — 12 Kinder3 '^^'^i' ^s nicht so hoch bringt, ist eine Ausnahme und erregt Be- 
fremden IJ. 

3G* 



284. I- Bewohner der curop. Staaten, ij. 8. Mittel zur Erforschung der Volksmenge. 

Da aber diese Vciliäl misse weder im Allgemeinen, noch a;ich , und zwar viel we- 
niger, in einzelnen Gegenden oder Städten, nnveränderlicli sind, indem manclierley 
Umstände ein örtliches Mehr oder Weniger mj liierbey veranlassen können: so lässt 
sich auch durch Kirchenlisten die Volksmenge nicht wohl mit Zuverlässigkeit erfor- 
schen , obgleich die wahrscheinlichen Folgerungen, wozu sie Anlass geben, von sehr 
bedeutendem Werihc sind. Das einzige Mittel , das ganz hin bis zur Wahrheit fiihrt, ist 
C. n'irküche Zählung (in Russland Ptevision ^ in Österreich und andern Staaten 
Conscription genannt), wenn sie sich iiJjer alle Seelen erstreckt, regelmässig wieder- 
holt, nnd auf eine vöüig befriedigende Art angestellt wird. 

ö) Natural and political annotations upon the bills ofmortaüty. London, i6ü2. 
b) De probabilitate vitae ejiisque usu forensi , commentatio, qua theoriam expectationis vitae 
antiquitati vindical F. Aug. Schmelzer. Göttingae, 1787. 8. 

e) Dritte verbesserte Auflage, Berlin 1762. 2 Th. (Dritter Theil , der Anmerkungon und Zu- 
sätze enthält, von C. J. Baumann, Berlin 1776.) Dieser folgte die vierte , ebend. 1775. er- 
schienene Auflage, und dieser die fünfte, ebend. 1788 herausgegebene Auflage. — Einen 
Auszug aus dem Si'issmilchischen Werke, in veränderter Ordnung, lieferte L. A. G. Schra- 
(/e/-. Gliickstadt , 1777. 

ü) Man muss die Anzahl Aon 6 und mehreren Jahren sammeln, dieselbe addiren , und die 
Summe mit der Anzahl der Jahre dividiren , so erhält man eine Mittelzahl , welche man 
als die Summe der jährlich Sterbenden annehmen kann. 

«) Im letzten Kriege war der Verlust an Blenschen nicht nur in Schlachten , sondern auch 
durch Krankheiten gross. In und um Dresden ruhen 70,000 Franzosen; in Leipzig slarh^ 
zufolge der Lazarelhlistcn im J. i8i3 — 80,000 französische Soldaten an Wunden, Typhus 
und anderen Krankheiten. Die ganze Strasse , welche die retirirende französische Armee 
eingeschlagen hatte, wurde verpestet; überall längs ihres Weges bis über den Rhein brachen 
Faulfieber aus. S. Ergänzungsbl. Z. J. A. L. Z. 1818. Nr. 61. S. 98. ff. 

f) Man gibt die Zahl derjenigen, die sich während des obgedachten Zeitraumes, aus Schott' 
land , Irland, Frankreich , der Schweiz, Dänemark , SiJnveden , Holland, vornehmlich aber 
aus Deutschland in Nordamerika , dem vermeintlichen Lande des Glücks ß'ir Jedermann , 
eingefunden haben, auf 5 Mill. an, ungeachtet der verwerflicfien und einen Freystaat ent- 
ehrenden Gesetze, welche die dürftigen Emwanderer zur Bezahlung ihrer Fracht mehrere 
Jahre lang in Sclaven \erwandeln. — Zur Bevölkerung Brasiliens hat der König beyder 
Sicilien im J. 1819 dem Könige von Portugal und Brasilien 2000 Galeerensclaven ab- 
getreten. 

g-) Die wohllhätige Entdeckung, und Einführung der Kuhpocken, die, wenn auch nicht abso- 
lute, doch die möglichst grösste Sicherheit gegen eine der furchtbarsten Seuchen gewähren, 
erscheint als eine Begebenheit, die nicht nur den Gang der Bevölkerung für alle Zukunft 
in eine neue Richtung (iiähmlich in die der schnellen Zunahme der lolksmenge) versetzt, 
sondern auch auf alle diejenigen öffentlichen Institute, \velche sich nach den Gesetzen der 
Mortalität zu modificiren haben, einen unverkennbaren Einfluss hat. Renten-, Witwen-, 
Tontinencassen , und was sonst noch für finanzielle Einrichtungen bestehen mögen, die 
\oni Leben und Sterben der Theilnehmer abhängen, \venn sie nicht selbst der Gefahr, im 
Laufe der Zeit zu Grunde gerichtet zu werden, entgegengehen wollen, bedürfen die ge- 
naueste Kenntniss der wirklich bestehenden Mortalität. S. Analyse el Tableaux de l'influence 
de la petite veröle sur la mortalite et de cette qu'un preservatif tcl que la \accine peut avoir 
sur la population et la longexile. Par E. E. Dui'illard. Paris, 1806. 4- Vergl. Gölling gel. 
Anz. i8o6. Sl. 145. — P'ür die Entdeckung der Schulzpocke erhielt Dr. Jenaer ^ om brilli- 
schen Parlament im J. i8o2 — 10,000, und 1807 — 2o,ooo Pf , zusammen also 3o,ooo 



I Bcwoimcr der europ. Staaten. §. g. In Rücksicht auf Ahstammiuig u. Sprache. 285 

Pf. St. als Belohnung. S. H. A. L. Z. Nr. 3i. 1819. — Ob die Srhntzpocke Kuh- oder 
Fferdppocke benannt weiden solle , s. österr. kaiserl. priv. W. Z. 1812. S. 180. 

h) In dein preussischen Staate z. B. starben im J. 1817 — 306,728 INIcnschen , und z\var an 
Krankheiten überliaupt 248,406, \vo\on-|, mit wenigen Ausnahmen, nielit aus organischen 
Fehlern, sondern aus Blangel , Unvorsichtigkeit und zerstörenden Leidenscliaftin entstan- 
den , oder doch durch diese tödtlich wurden, und hier ist es daher vornehmlich, wie Hr. 
Hojfniann , Director des statistischen Bureaus in Berlin bemerkt, \vo Verfassung und Sitten, 
Polizey und Menschlichkeit für die Erhaltung des Volkes zu wirken haben. 

i) S. Jen. A. L. Z. 1811. Nr. 297. S.'59i. 

A) Nahmlich zwischen dem 25sten und 45sten Lebensjahre, wo die Geburten imd deren Fol- 
gen die Sterblichkeit der Frauen sehr ^ ermehren. In dem preussischen Staate z. B. starbea 
im J. 1817 — 4045 Mütter bey der Geburt und im Kindbette. 

S. Ergänzungsbl. z. Jen. A. L. Z. 1818. Nr. 56. 

m) So stirbt z. B. in einigen Provinzen von Holland im Durchschnitt jährlich schon von 22 
Menschen einer, während in vielen Provinzen des mittleren und nördlichen llusslunds nur 
von 5o einer, ja in einigen Statthalterschaften sogar nur von 68 bis 7.*^ und 79 Li'bcnden 
einer mit Tode abgeht. S. Crorne a. a. O. S. 5i. — Ein Beyspiel von einem ]Miss\ erhält- 
nisse zwischen Männern und Frauen liefert unter andern iSt. Peler.ihurg , wo 2 Frauen auf 
einen Mann kommen. S. Götting. gel. Anz. 1818. St. igS. S. ig45. Ein noch auffallenderes 
Miss\erhältniss aber zwischen beyden Geschlechtern zeigt sich in Rom , wo gar 5 Weibs- 
personen auf einen männlichen Kopf kommen sollen. S. Creme über die Grösse und Bevöl- 
kerung der sämmtlichen europäischen Staaten. S. 371. — Dagegen bestand die Volksmenge 
-der öslerreichischcn Mililürgränze im J. i8i4 aus 326,374 Männern und 324 536 Weibern, 
eine bedeutende Überzahl des niännlirhen Geschlechts in einem Soidatcnlande während einer 
Jiriegecischen Zeit! S. Ern. vaterl. Blätter für den österr. Kaiserstaat. x8i4. Jul. 55. S. 3^,6. 

N a ti ona I versch i e d e n h e i t der Europäer. 

§•9- 
a) In Rücksicht auf Abstammung und Sprache. 

Europas Bewohner stammen von Nationen ganz verschiedener Heflxunjt ab 5 
diess beweisen ilire so sehr von einander unterschiedenen Spraclicn. Die Vorfahren 
derselben wanderten nach vind nach von Asien ein, und zwar zunäclisl dem mittleren 
oder /io/ie« ^i"ze?i., diesem Ursitze unsers Geschlechts und der Slamniarien unserer 
Hauslhiere, so wie dem ürlande der Cullur, aus dem alles Gute und Grosse hervor- 
gegangen. Diese Einwanderung geschah sehr tief in dem Ditnkcl der Vorzeit, wahr- 
scheinlich auf einem zweyfachen Wege, theils yon Kleinasien herüber den Hellcspont 
und die griechischen Inseln, theils aus den Gegenden am Kaukasus nördlich am ca- 
spischen und schwarzen Meere, über die Wolga und den Don. Die Fiage, wann? 
lasst sich nicht beantworten, kaum lässt sich die Zeit von den späteren Einwanderun- 
gen bestimmt angeben. Die Nationen Europa's sind indessen keineswegs so vertheilt, 
dass jede derselben einen eigenen Slaalsverein oder ein Volk bildete. Im Gegen ihcile 
ist es der Fall, dass ein Staat, wie z. B, der österreichische j eben sowohl mehrere 
Nationen ganz , oder doch theilweise in sich vereinigen kann , als eine Nation , w ie 
z. B. die deutsche j mehrere Staaten oder Völker umfusst, Hauptnationett sind jetzt 
l3 in Europa aj , nüUudich feilende; 



jßS I.. Bewohner der europ. Staalcn. §. g. In Kücksiciit auf Aljslammung u. Sprache, 

I) Die gei-manisclie j, begreifend alle an Herkunft, Spraclie und Sitten genau ver- 
%Yandte Völkerschaften, welche in den frühesten Zeilen von der Donau in Siiden, bis 
in den änsserstcn Norden, und von dem Rheine in Westen bis an und über die 
^Vcichsel wohnten. Ihre S]irache ist nicht nur die reinste, sondern auch die bildsam- 
ste inid reichste untei- den europaischen Sprachen. Ihre verschiedenen Zweige sind : 

A. Die deutsche j oder nach härteren Mundarten, die teutsche Nation _, welche 
sich nicht nur über alle jene Länder erstreckt, die in den deutschen Bund vereiniget 
sind, sondern auch über die Schweiz und die Niederlande (mit Ausnalime einiger 
kleiner Parzellen, welclve in der ersteren von Franzosen, Italienern und Churvsäl- 
schen, in den letztern von Franzosen bewohnt sind), dann selbst über einen Theil 
Frankreiclis (s. initen «) , Italiens (s. unten «), Ungerns hj j, Siehenbiu-gens cj ^ 
Galiziens dj _, Polens ej und Russlands J^J j übiigens aber durch ganz Europa zer- 
streut sind. Im Ganzen mag dieser Erdtheil etwa 36 — 40 Mill. Deutsche zählen, deren 
Sprache in zwey Haupldialecte zerfällt: 

a) Den hölieren oder das Oberdeutsch mit den bcyden Ilanjitclassen, der svc- 
i'isch-aleinannischen \n\Nes\.cn , und der longobardischen in Osten. Zu jener ge- 
hört: die Schweiz j Elsass ^ Schwaben und der Ober- und Mittelrhein; zu dieser: 
Baiern _, Oesterreich ob und vmter der Enns, und die übrigen Länder des ehemaligen 
österreichischen Kreises, nebst den i3 Gemeinden im Veronesischcn, und den 7 Ge- 
meinden im Vicentinischen {tredeci und sette communi^ an der südlichen Gränze 
Tyrols. — An diese ächten Oberdeutschen schliessen sich, x\.^i\\ Adelung ^ noch die 
vielen Deutschen mit ihren Mundarten an, welche in Böhmen, Mähren ^ Schlesien j 
Ungern j Siebenbürgen ^ Galizie?i_, Polen,, Esthlaud ^ Ließand und Curland woh- 
nen, und von dem 12. Jahrhmidert an zu verschiedenen Zeiten in diese Länder ein- 
gewandert sind. 

b) Das Niederdeutsch oder die niederdeutsche Hauptmunduj't ^ deren Töchter 
sind: 1) üic. friesisdie \n Ost- und ^Vcstfriesland , Oldenbiug, Delmenhorst, Nieder- 
münsler, Iloya, Diepholz mid Schleswig; jedoch nicht mehr in der Ausdehnung, wie 
ohedem , da sie von der niederländischen und niedersächsischen grössten Tlieils ver- 
drängt worden ist; 2) die niederländische mit ihren zwey Mundarten : der Jiolländi- 
scheii in den nördlichen Provinzen der Niederlande , und der Jlämischen oder bra- 
bantischen in den südlichen Provinzen Brabant imd Flandern; holländische Coloni- 
slen sind die Jimiker, auf der kleinen, dicht bey Kopenhagen gelegenen Insel ^»ir/A; 
3) die niedersäclisische oder plattdeutsche in den Ländern des ehemaligen westphä- 
lisohen, nieder- imd obersächsischen Kreises, dann in Ost- und Westpreusseu. — 
Aus der Vermischung des Oberdeutschen in» Siiden mit dem Niederdeutschen in Nor- 
den entstand 

Das Mitteldeutsch in Deutschlands mittleren Provinzen. Unter den mannigfalii- 
gen miiieldcutschon ^Mundarten zeichnet sich durch grössere Ausbildimg der Meissni- 
sche Dialcct aus, der seinen Sitz hauptsächlich zN^ischeu der Saale wwd Elbe ^ zu 
Leipzig und in den ])enachj)arten Städten hat. Er ist die Grundlage 

Des Uochdcnt seilen j, y>ie\iAies in Deutschland die allgeiuiineijiuher- und Schrift- 
sprache, so wie diejenige ist, welche von gebildelercn Voiksclassen und Ständen ge- 



I. Bewolmci- der eiitop. Staaten. §. g. In Rücksiclit auf Abstamnmng u. Sprache. 2S7 

redet wird. Indessen wiid die dciUsclic Spraclic in Cur- und Liefland reiner und 
^Yohlklini^ende^, als im Allgenicinen in Deulsehland scli)st gesprochen. 

B. Die SkandiiKwier _, umfassend: a) die Dünen im eigenlliehen Dänemaik und 
auf den riissisclien Inseln Worms und Rügen ; b) die Noiwegcr oder Normännei' in 
Norwegen, auf Island und den Färöer-Inseln ; c) die Schweden in Schweden, Finn- 
land vmd auf den russischen Inseln der Ostsee j in geringer Anzahl auch in Eslhland. 
(In St. Petersburg allein gegen 2000-) 

C. Die Engländer j verbreitet über den grössten Theil von England, d^s siidli- 
^chc und östliche Schottland, die orkadischcn Inseln und einen Theil von Iilaiid. llire 

Sprache, eine sehr ausgeartete germanische Tochter, ist die ausgebreitetstc Sprache 
der comniercirenden ^\'elt. 

II) Die römisch-lateinische Kdtion j oder vielmehr di"e Nachkommen deijenigen 
deutschen Völker, welche sich nach der Völkerwanderung in den Provinzen des West- 
römischen Reichs niedergelassen, und mit den Ureinwohnern und Römern amalga- 
gamirt, aber die römisch-lateinische oder romanische SpracJie gj angenommen ha- 
ben, die gegenwärtig in verschiedenen Mundarten von mehr als 6ü,5oO;000 Europäern 
geredet wird. Dahin gehören : 

A. Die Italiener j welche nicht nur alle italienischen Staaten, sondern auch Cor- 
sica und den Canton Tessin (die italienische Schweiz) , nebst einem grossen Theile 
des südlichen Tyrols und des Gouvernements von Triesft bewolmen. Ausserdem fin- 
det man sie in Graubündten , auf de^ jonischen Inseln, in Dalmatien, Ungern, Wien 
und andern grösseren Städten der österreichischen Monarchie, so wie in St. Pclers- 
burs, Moskau und den vornehmsten Seestädten des schwarzen Meeres. Die italicni- 
sehe Sprache hat mehrere Dialecle. Die entstelltesten imd rauhcsten sind der Berga- 
maskische.. Genuesische _, Paduanische „ Bolognesische und FriauFsche (Furlano) 
Dialect. Die südlichen Mundarten, zu welchen die Neapolitanische der Scliliissel i.vt, 
^ind weicher, offener, voller und die meisten Wörter endigen auf Vocale. Die Schrift- 
iind höhere Umgangssprache in ganz Italien aber ist die Florentinische oder Tosca- 
nische , an die sich zunächst die Aussprache unter den gebildeten Glassen in Rom und 
^e/ier/f^ anschlicsst, so wie die Corsische^lwwd-AxX. derselben näher ist, als die Dia- 
lecte der übrigen italienischen Inseln , von denen sich insonderheit der Sardinische 
auszeichnet. 

B. Die Franzosen j welche nicht nur ganz Frankreich , ausser jenem Theile, wel- 
cher von Deutschen _, Brejzads und Basken besetzt ist, sondern auch Savov en , Niz- 
za und Monaco, die brittisch -normannischen Inseln, einen Theil der Schweiz, der 
Niederlande und der prcussischen Provinz Niederrhein bewohnen, nebst den fran- 
zösischen Rejugie's j die kurz vor, bey und nach der Anfliebung des Edicls von Nan- 
tes i685 in verschiedene Gegenden Europa's geflüchtet, und den französischen Co- 
lonisten j welche unter Maria Tlieresia aus Lothringen in Österreich eingewand'rt 
sind, und sich theils im Banat und im Batscher Gomiiat , theils in Mähren (zu The- 
resienfeld und Czeitsch auf der Herrschaft Göding) angesiedeil haben, ohne des nicht 
unbedeutenden Aggregats der französischen Emigre's , Erzieherund Erzieherinnen, 
Sprach- und Fechtmeister, Kajunierdiencr imd Kammer] ungfern in einigen europäi- 



äßg I, Bewohner der europ. Staaten. §. c- In Rücksicht auf Abstammung u. Sprache. 

sehen Staaten zu erwähnen. Die französische Sprache hat ebenfalls mehrere Dialecte, wie 
den Provengalischeiij Limosiii sehen und G asconischen j den OrleanischeHj den gemei- 
nen Parisischen und PLcardiscIien^ das Putois Lnrvain um Lüneville in Lolliringen, das 
Boiii-guignon in Bourgogne , und das Lilttlchisch- Wallonische in den ehemals soge- 
nannten französischen Niederlanden^ der widrigste unter allen französischen Dialec- 
teUj ein Gemisch des Französischen, Niederländischen vmd Deutschen. Die allgemei- 
ne Schrift- und ßüchersprache ist der Isle de France' sehe Dialect. — In ihrer hohen 
Ausbildung, wozu Franz I. durch Errichtung einer Professur für die französische 
Sprache, vorzüglich aber Richelieu durch Stiftung der Akademie der Vierziger {Aca- 
äe'inie Frangaise oder yJcademie de Quarants) , dieses Oberhufgerichtes der franzö- 
sischen Sprache und Literatur, den Grund legte , hatte sich die in Nordfrankreich 
herrschende Sprache {langae d^oui) in dem goldenen Zeitalter Ludwigs JilY. über 
ganz Europa verbreitet, nachdem sie längst in ganz Frankreich als die Sprache aller 
Gebildeten geherrscht hatte , und eine Universalität errungen , wie keine andere le- 
bende Sprache in Europa. Sie ist nicht nur die allgemeine diplomatische Sprache, 
sondern auch vorzugsweise die Gesellschaftssprache des Adels und der sogenannten 
grossen Welt hj. Aber eben durch diesen zu allgemeinen Gebrauch der französischen 
S[irache haben alle übrigen europäischen Völker zu ihrem Nachllieilc sich in eine Art 
Abhängigkeit von den Franzosen gesetzt, und ihre Selbstachtung gar sehr geschwächt, 
ohne zu erwägen, dass Herrschaft der Sprache gewisser Maassen Herrschaft des Vol- 
kes gründet, 

C. Die v9/^ö/uVrj mit 3 Hauptmundarten : der catalonischen j, galicischen ^ und 
der eigentlich spanischen oder castitischen j welche letztere seit Carl V. zur herr- 
schenden Schrift- und Ge#Ilschaftssprache der höheren Stände in ganz Spanien ge- 
worden ist. Wenige Sprachen haben ein so schönes Verhällniss der Vocalc zu den 
Consonanten, und einen so weichen und doch so bedeutungsvollen und ernsten Aus- 
druck. Am reinsten wird diese Mundart in und um Toledo gesprochen. 

D. Die Portugiesen j deren Sprache eine Mischung von Castilisch und Franzö- 
sisch j aber doch so verschieden von dem ersteren ist, dass man Bücher aus dem ei- 
nen in das andere übeisetzt. Das Galicische nähert sich dem Portugiesischen selir , 
und ist ihm ursprünglich gleich. 

E. T)\c Romaner j Rhätier oder Churwälschen, welche die Mehrzahl der Eirb- 
■wohner Graubündlens ausmachen, mit 2 Hauptdialecten : 1) dem Rumonschen in den 
Gegenden der Quellen des Piheins, d. i. im obern oder grauen Bunde j 2) dem Ladi- 
nisclien in den Gegenden der Quellen des Inns, d. i. im Engadin. Geschieden durch 
Alpen und Eis von der übrigen Welt, erlitt diese antiquissim lungaig da l aulta 
i(/iv?ei/c?j die uralte Sprache von hohen Rhätien, wie sie sich nennt, wenig Änderungen. 

F. Die Walachen j, mit 2 Hauptmundarten: 1) der Dacisch- oder Uiigriscli'- 
JFalachischen diessseits der Donau, in der Moldau, Walachey, in Siebenbürgen, 
der Bukowina, im Banat und in Oberungern; 2) der Tliracisch-JValachischen jen- 
seits der Donau, in Thracicn, Macedonien luid Thessalien. Diese heissen bey den 
Ungern und Serbon auch Zinzcwen; ein Spitznahme von ihrer gjärisircnden Ausspra- 
che des iscli wie iz, z. B. zinz (fünf) statt tschintsch. Den i'.uUtuca IVcdach leiten 



1. Bewohnfr der europ. Staaten. §. 9. In Rücksiclit auf Abstammung u. Sprache. 28g 

einige von der slavischon Sprache her, in woUlur dcrsclhe Menschen bedeutet, die 
eine mit der römischen oder itaUenischen verwandte Sprache reden , und sich als 
Hirten auf den Gebirgen aufhaken ; vielleicht auch von dem alldeutschen Worte Jf'alclij 
A. i. Wälscher, ein Mensch, der die wälsche (romanische) Spiachc spricht. Sie sellist 
nennen sich Rumuni oder Ruma/iij und halten sich für Abkönnnhnge der alten Römer. 
a) S. Mithridates , oder allgemeine Sprachenkunde , mit dem Vater Unser, als Sprarhprobe, 
in beynahe 5oo Sprachen und Mundarten, von J. C. Adelung. 1. Thl. 1806. Berlin. 2.Thl. , 
grösslcn Tlieils aus Adelung's Papieren fortgesetzt und bearbeitet von Dr. Joh, Sei', rater ^ 
Prof. und Bibliothekar der Universität zu Halle. 180g. Vcrgl. Hall. A. L. Z. Nr. 2i2. 2i3. 
214. 1809. 3. und 4. Thl. Berlin, 1816 und 1817. Vergl. Ergänzungsblätt. z. H. A. L. Z. 
Nr. 71. 1816, und Nr. 1. 1818. 
6) Nahmentlich die Zipser , TJ^ieselburger , Örfeniurg'er und Ei'ieniurgei' Gespannschaft, so wie die 
mehrsten königl. Freystädte , besonders die Bergstädte und das Banal. Im Ganzen bewohnen 
die Deutschen in Ungern, ausser den königlichen Freystädlen, 921 Marktflecken und Dörfer, 
c) Nahmenllich das Land der Sachsen. Übrigens müssen sowohl in Siebenbürgen , als in Un- 
gern die älteren deutschen Colonislon von den neuern unterschieden werden. Die Ankunft 
der erstem fand schon im i2. , die der letztern im 18. Jahrhunderte Statt. Die ersteren wer- 
den, nach Rohrer, in der Zips und Siebenbürgen Sachsen 1 die letzteren aber in Ungern 
Schwaben j und in Siebenbürgen Landler genannt, 
ti) Die Zahl der deutschen Pflanzdörfer in Galizien beläuft sich, nach Bredetzhy , auf 186, 
die mit 2o,ooo Colonisten bevölkert sind. Der Pole nennt die deutschen Ansiedler Saabski, 
so wie der Unger den neuern deutschen Coloniiten den Nahmen Schwaben beylegt , ob- 
gleich die Anzahl der Rheinländer , welche nach Galizien und Ungern eingewandert sind, 
gewiss eben so gross war , als jene der Schwaben. 
«) Wo die Deutschen nur in den grösseren Städten als Gewerbtreibende wohnen. 
f) Vorzüglich zahlreich sind die Deutschen in Kur-, Lief- und Eslhland , wo sie fast den gan- 
zen Adel und den grössten Theil des Bürgerstandes ausmachen ; auch gibt es viele Deutsche 
in St. Petersburg , Moskau, Astrachan , Saralow und andern Gegenden Russlands. 
g) So wie die Römer ihre Herrschaft ausbreiteten , drangen sie den überwundenen Völkern 
überall ihre Sprache auf Es war aber eigentlich nur die Romana ruslica , die verdoibene 
Volkssprache (\ erschieden von der Classica oder Urbana, der Sprache der Gebildeten) , 
welche sich unter den Eroberten verbreitete, und in ihrem Munde noch mehr verdorben 
wurde; denn es waren grössten Theils ungebildete Soldaten, welche die Sprache der Sie- 
ger den Besiegten aufdrangen. Diese Sprache floss in der Folge mit der nicht völlig ver- 
drängten Sprache der allen Einwohner zusammen , und bildete eine dritte. Bey der nach- 
mahligen Niederlassung deutscher J'vlkerstämme in den Provinzen des weströmischen Reichs, 
wozu in Spanien und Portugal noch Araber kamen , ward sie noch mehr vermischt und 
umgewandelt. Daraus entstanden nun die obengedachten neueren, eigentlich romanischen 
Sprachen. — Die lateinische Sprache ist unter die ausgestorbenen zu rechnen, hat sich aber 
unter den Gelehrten erhallen , so ^vie sie die Sprache des römisch-katholischen Gottesdien- 
stes und der päpstlichen Kanzelley, auch die Umgangssprache unter den Gebildeten in Un- 
; gern, und die S(irache der Gesetze, der politischen Stellen und der Gerichtshöfe eben da- 
selbst und in Siebenbürgen ist; im letzteren Lande correspondirt jedoch das königl. Guber- 
nium nur mit fremden Stellen und den sächsischen Behörden lateinisch ; endlich war die 
lateinische Sprache einst die allgemeine Staatssprache der europäischen Höfe, welche darin 
die Fiiedcnsschlüsse und andere Staatsverlräge abfassen Messen; allein die Französische hat 
sie schon seit langer Zeit aus dem Besitze dieses Vorzuges verdrängt, 
/() S. Gölting. gel. Anz. i8i3. St. ii5. S. ii45. 

57 ■ 



Jyo I. Bewoliuer der «uiop. Staalcu. >}. lo. In Rücksicht auf Abst.nmnmug a, Spr. Fortsetning. 

§. lO. 
F o r ,t s e t z u n g. 

III) Die slmnsche Nation. Die Slavcn kamen vom schwarzen Meere her, imd. 
besetzten Europa von Dahnalien an bis an das Eismeer, und von der ElLe bis an die 
Wolga. Nach .-:/flfe/««g- isl der Nähme Slaven eine bloss allgemeine Benennung, und 
bedeutet Menschen, Leute, Volk; Z?0(5'/'0iVi'Äj- hingegen leitet diesen Nahmen von 
SlowOj Wort, Rede, Sprache, ab, und erklärt ihn durch ein Volk von Einer Sprache. 

Dieser, über 5o Mill. Seelen starke Volksslamm zerfällt, der Spi'achc nach, in 
zwey Hauptäste : 

A. Den südöstlichen j B. den nordwestlichen. Zu jenem gehören: 

1) Die Russen _, die östlichsten unter den heutigen Slaven, und die Russiiiakoi. 
Diese wohnen im östlichen Galizicn, in der Bukowina und im nordöstlichen Ungern; 
jene theilen sich: a) in die eigetitUchen Russen ^ oder Gross/ussen _, das Hauptvolk 
des russischen Reichs; b) die Kusaken oder Kleinrussen j gesondert in zwey Ilaupl- 
zweige : a) die Ukrainischen mil zwey Golonien: aa) den Charkowschen oder Slobo- 
dischen (Bugischen) Kosaken; bb) den Tschernoinorischen {Czernomoj'skje _, d. i. 
schwarzmeerigen), einem Überreste der Sttpofogef-Kosake/i j p) A\c Donischen Ko- 
saken am Don, von Woronesch bis an das asow'sche Meer, die unter einem ^^^^rz- 
nian noch einer Art republikanischer Verfassung geniessen. Von ihnen gingen meh- 
rere Zweige aus, nähmlich : die Uralischen _, Sibirischen j Orenburgischen^ Gribens- 
kischen und TFolgaischen Kosaken , die ihre regelmassigen Verfiissungcn grössten 
Thcils dem gegenwärtigen Kaiser zu danken haben. 

2) Die Sluveno-Serben j oder die sogenannten Illjrier j zum Theil, jedoch mehr 
im verächtlichen Sinne, awcXx Raiz'en genannt. Dahingehören: a) die Serbier in Serf- 
Vilajeti oder Servicn, mit ihren Colonicii in Slavonien, Croatien, Dalmatien und Süd- 
ungern ; b) die j5oj«/«Ae/i in Boschnah-Ili oder Bosnien ; c) die Bulgaren in Bulga- 
rien, ursprünglich Tataren, aber durch Annahme der Sprache imd Sitten der Serbicr 
zu ächten Slaven umgewandelt; d) die Uskoken (Überläufer) in Krain und Dalmatien; 
e) die sogenannten Morlaken j Meer-Walachen in Dalmatien, der Türkey und auf 
den jonischen Inseln; f) che Montenegriner j, Bewohner des Schwarzgebirges {JSIontc- 
iiegi'o) im Nordwesten Albaniens, seit 1798 von der osmanischen Pforte unabhängig, 
luid unier russischen Schutz aj gestellt ; g) fUe östlichen Dalmatiner tmd die R.a- 
gusaner. 

3) Dio Slovenen. Dahin rechnet man : a) die TVendenj oder wie sie sich lieber 
nennen, die fVinden m Krain, Friaul , Kärnthcn, Untersleyermark und Provinzial- 
Croaticn, zwischen den Flüssen Isonzo, Drau und Sau; b) die Croaten: 1) im eigent- 
lichen Croatien; 2) in Krain am Kulzflusse; 3) in Ungern an der Drau, im Szalader 
und Schümegher Comitat, luid am Neusiedler See im Wicselbiu-ger und Üdcnburger 
Comilalc; /,) im westlichen Dalmatien und in Istrien , wo sie aber meistens italicnisirt 
sind; 5) ini Lande unter der Enns, auf dem Marchfelde und bey Ilegelsbrunn auf dem 
rechten Donau-Ufer; 6) in Mähren auf den Herrschaften Dürnholz und Luudcnburg, 
hier eigentlich Podluzaken genannt. 



I. Bewohner der euiop. Staaten. §. lo- lu Ri'icksicht auf Abslammung u. Spr. Fortsetzung. 291 

Zu dem norclwesllichen Aste gehören: 1) die Czeclien j, Tschechen oder Böh- 
men j die wesiliclisten unter allen Slavcn, in Eöhnien, wo sie mehr als i der ganzen 
Volksmenge ausmachen; dann in Mahren, wo sie hauptsächlich den Iglauerkreis , die 
grössere Hälfte des Znaymer- , und einen Theil des Bri'innerkreises bewohnen^ ob- 
gleich der Nähme <7;.ec7< den Mahren eigentlich nicht zukommt, und die ■Mähren sellist 
ihre Sprache, die sich nur als Dialect von der Böhmischen unterscheidet, Alorawsky 
Guzykj jnährische Sjirache, und nicht gern Czcsky Gazyk ^ böhmische Sprache, 
nennen. — Stanunesverwandte der Czeclien sind: a) die Hannaken in Mähren, wo 
sie den kleinsten, aber fruchtbarsten Raum in der Mitte des Landes, um die Städte 
Ollmi'itz, Wischau und Kremsier^ die sogenannte Äi'^/i«« bewohnen ; b) die Slowa- 
ken oder Slawakenj die ehrenvollen Reste des einst so mächtigen mihrischeri Reichs. 
Zu diesen gehören: aa) die zahlreichen Slowaken im nordwestlichen Ungern, wo sie 
sich iiber 21 Comitate ausbreiten, und in 12 derselben die alleinige oder doch vor- 
herrsqhende Nation sind; bb) die Slowaken in Mähren, wo sie sich unterscheiden in 
die eigentlichen Slowaken an der March, und in die sogenannten TValachen in den 
Gebirgen des Hradischer und Prerauer Kreises. Die Heimath der ersteren lieisst die 
Slowakej j die der letzteren die sogenannte Walachej. 

2) Die Polen: a) in den; russischen Gouvernements Mohilew , Minsk, Witebsk, 
Wilna, Grodno , Podolien, Volhynien und in Bialistock; dann in dem mit R.ussland 
vereinigten Königreiche Polen; b) in der Republik Krakau; c) in Galizien und Üster- 
reichi-sch-Schlcsien ; d) in Ost- und Westpreussen^ Posen und Preussisch-Schlesien, 
nebst den Kassuben in Pommern'. 

3) Die Serben in den beyden Lausitzen. 

4) Die nördlichen JVenden in den liuiel)urgischen Amtern Danneberg, Lüclio 
und Wustro , deren Sprache jedoch , da die Beamten unaufhörlich an der Ausrottung 
derselben arbeiteten, nunmehr gänzlich aligcstorben ist. Die Einwohner reden jetzt 
ein eben so verdorbenes Deutsch, als ehedem verdorbenes Wendisch. 

Die Hauptdialecte der slavischcn Sprache sind also : Russisch^, Sloo.eno-Serbischj 
Slowenisch j Böhmisch _, Polnisch und Lausitzisch. Jede derselben hat wieder mehre- 
re Unterdialecte. Eine allgemeine Schrift- und Buchersprache, so wie es für die Deut- 
schen das Hochdeutsche, für die Italiener das Florentinische, für die Franzosen das 
Isle de France'sche, fiir die Spanier das Castilische ist, haben die Slaven bis jetzt 
noch nicht, obgleich schon im neunten Jahrhundert die Sprache der Bibelübersetzung 
Kjrill's und Method's auf dem AVege war, gemeinschaftliche Schrift- und Bücher- 
sprache aller slavischen ^'ülkszweigc zu werden — wäre nicht das Schisma zwischen 
Rom und Constantinopel ausgebrochen bj. 

IV) J)'ic ßnnis che Nation j, deren Stamm sich in i3 Völkerschaften theilt, nähm- 
lich die eigentlichen Finnen j die Lappen j Ungern j Esthen _, Lievenj 2'schereniis- 
sen_, Tschuwaschen j Mordwinen^ TFotjäken_, Permier oder Permjäken, Surjünenj 
IFognlen und Ostjaken. Davon leben: 1) die Ungern cj oder Magj-ai-en _, wie sie 
sich selbst nennen, in Ungern und Siebenbürgen, wo sie grössten Theils die fettesten 
und nahrhafieslcn Landesstrecken bewohnen. Man schätzt ihre Stärke auf ungefähr 
4 Mill. Seelen. Zu ihnen gehören: a) die Cumanerj welche in Ungern theils in Klein- 



2g2 I- Bewohner dir eurnn. Staaten. §. lo. In Rücksicht auf Abätaiuraung u. Spr. Fortsetzung. 

Gumanien zwischen der Donau und Tlieiss , iheils in Gioss-Ciiraanien an der Körösch 
wohnen; b) die Jazjger_, gleichfalls in Ungern zwischen der Donau und Thciss ; c) die 
Szekler (Gränzhüler) in Siebenbürgf^n, wo sie in den Gränzgübirgen gegen die Mol- 
dau wohnen. Die ungrische Sprache ist in Ungern und Siebenbürgen, nebst der latei- 
nischen, die Sprache der Landlagsverhandlungen , in den siebenbürgischen Comitaten 
und Szeklerstühlen auch die Dicasterial- und Gerichtssprache. Die Refornürten in Un- 
gern tragen in ihren Gymnasien und CoUegien auch alle Wissenschaften ausschliess- 
lich in dieser Sprache vor. Sie erhalt jetzt durch eigene Sprachforscher ilirer Nation 
eine grössere Ausbildung, und von diesen sind auch die sicheren Beweise ihrer Ver- 
wandtschaft oder wesentlichen Verschiedenheit von der finnischen Sprache zp er- 
warten. Denn einige bestreiten noch immer die Verwandtschaft dieser beyden Spra- 
chen. 2) Die Lappen oder Lapplätider im äussersten Norden von Russland, Schwe- 
den und Norwegen. Sie selbst nennen sich Sabme-Ladzh ^ und ihr Land Saine~Ed- 
nam; es gibt jetzt kaum 10,000, nach andern doch noch 16,400 Lappen. Schon lygg 
zählte das schwedische Lappland nicht mehr als 5ll3 Lappen. Norwegen (in Finn- 
marken) zählt etwa 3ooo, mid Russland höchstens looo- 3) Die übrigen Zweige der 
finnischen Nation gehören bloss zu den Bewohnern des russischen Reichs. Davon le- 
ben drey ganz in dem europäischen Russland, und zwar: a) die eigentlichen Finnen j 
oder Suoma-Lainen (SumpfTj e wohner) , wie sie sich selbst nennen, in Finnland. Der 
Russe heisst sie Tchuchonzü ^ schmutzige Leute. Eine Colonie der Finnen sind die 
Quänerm Finnmarken, die durch Carl des XIL Kriege und der Russen Verwüslinigen 
aus ihrem Vatcrlande vertrieben, sich in diese Polargegenden flüchteten (vergl. Abth.I. 
§. 24. Note c). b) Die Esthen in Esthland, und einem Theile Lieflands. Ihr Nähme 
ist germanischen Ursprungs, und bedeutet so viel als Ostländer, c) Die Lieven ^ jetzt 
nur noch in geringen Überresten in Gurland am Angerschen Strande, und in Liefland 
am Flusse Salis vorhanden. Ihre Sprache stirbt allmählich aus, da ihnen in lettischer 
Sprache geprediget wird. Die Surjänen _, Mordwinen und Tschuwaschen wohnen 
theils im enropäischcn , theils im asiatischen, die ff^ogulen _, Permier _, TVot jähen ^ 
Tschereinissen und Osfjäken aber ganz im asiatischen llussland. 

a) Voyage liistorique et politique au Montenegro etc. Par M. le Colonel L. C. J'ialla de Som- 
mieres. Paris, 1820. Tom. II. p. 17G. 

b) Blick auf die slavischen Mundarten elc. ; in der W. A. L. Z. i8i3. Nr. 34 und 3.5. 

c) Ungern oder Ungarn, oder gar Hungarn ? in den vaterländischen Blättern fiir den österr. 
Raiserstaat. i8i5. n. S. 60. Vergl. Leipz. Llt. Zeit. In'.elligenzbl. i8i4- 245. S. 1964 ff. 
Die Schreibart Unger , Ungern und Ungrisc.h ist etymologisch richtiger; denn in dem slavi- 
schen Stammworle (die Nationalungern selbst nennen sich Magj-aren von jeher) kommt 
kein a vor, das im Lateinischen Hungarus und Hungaria per euphoniam cingeschallet wur- 
de; Unger , Ungern und Ungrisch hat die Analogie von Baier, Baiern und Bairisch für sich, 
und der lange und allgemeinere Usus muss der etymologischen Ableitung, als einem höhe- 
ren Sprachgesetze, und der Vereinigung bewährter Schriftsteller (z. B. eines <> Srldözer , 
Eichhorn, Grelliuanii , Mensel, <'. Schwartner , <•. Engel u. s. w.) weichen , zumal da schon 
in den allen deutschen Chroniken die Schreibart Unger und Ungerland vorkommt, und in 
einigen Provinzen von den Deutschen im gemeinen Leben fortwährend Unger, Ungern und 
Ungrisch gesagt wird, z. B. in der Zipser Gespannschalt in Ungern. 



I. Bewoliner der europ. Staaten. $. ii. In Rücksiclit auf Abstammung u. Spr. Fortsetzung. i()3 

§• 11- 

Fortsetzung. 

V) Die lettische Nation. Zu derselben gehören : a) die eigentlichen Letten in 
den russischen Gouvernements Liefland imd Gurland, und in Oslpreussenj h) die 
preiissischen Litthauer ^ deren Sprache, das Preussisch-Litthauische j von der In- 
ster bis nach Memel, geredet wird; c) die polnischen Litthauer oder Schamaiten , 
deren Sprache nur noch in einem TheileLitthaucns, nähmlich in Schamaiten, geredet 
wird; in dem übrigen hat sie der polnischen Sprache weichen müssen; d) die alten 
Preusseii j deren Sprache, das Alt-Pveussische j, vor der Ankunft des deutschen Oi'- 
dens in allen den Ländern , welche nachmals unter dem Nahmen Ost- und Westpreus- 
sen bekannt geworden sind, geredet, nach und nach aber von der deutschen Spra- 
che ganz verdrängt ward. Der \cli\.(i Pveusse ^ der Preussisch sprechen konnte, starb 
zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts. 

VI) Die Neilgriechen _, vor ihrem Aufstande nach einigen 2,022,000 , nach an- 
dern über 4,000,000 Köpfe stark, wohnen theils im eigentlichen Griechenland, in 
Morea , auf den Inseln des Archipelsund in andern Provinzen des osmanischen Reichs, 
theils auf den jonischen Inseln als herrschendes Volk , theils in den russischen Gou- 
vernements Tschernigew, J ekaterinoslaw , Chcrson und Taurien als Colonisten, theils 
in Italien, Ungern, Siebenbürgen und andern österreichischen Provinzen als Kaufleute. 
Ihre Sprache, das Neugriechische j ist eine Abart der so einflussreichen griechischci/ 
oder hellenisch-griechischen Sprache aj , die aber jetzt gewisser Massen unter die 
ausgestorbenen zu rechnen ist, und nur von den Gelehrten erhalten wird. Am rein- 
sten und wohlklingendsten wird das Neugriechische zu Athinia (sonst Athen) imd in 
den Gegenden des Berges Athos gesprochen. Dagegen sprechen die Mainoten ein 
ganz vorzüglich vcrdorl)cnes Griechisch. 

TU) Die ttitarische Nation ^ welche sich von dem altaischen Gebirge an bis an 
das caspische Meer, und in Norden dieses und des schwarzen Meere.s von der Donau 
an bis tief in Sibirien erstreckt. Sie zerfallt in zwey Hauplzweige : a) in die südlichen 
Tataren oder Tiirken ; b) die nördlichen Tataren, welche man gemeiniglich nur Ta- 
taren schleclubin zu nennen pflegt. Zu jenen gehören unter andern die Osmanen j 
welche als Spiiisslinge der Turkestaner ihren Nahmen von einem ilirer glücklichen 
Hecrfiilirer , Osman oder Othinnn ^ erhielten, und den 2g. May i453 unter Moham- 
med 11. durcli Eroberung von Constantinopel dem griechischen Kaiserthuine ein En- 
de machten. Sie sind die Ilauptnation des von ihnen gegründeten osmanischen Reichs, 
und unter allen türkischen Stämmen den Europäern leider am besten bekannt. Ihre 
Sprache ist mit arabischen mid persischen Wörtern vermischt, und heisst daher Mu- 
i'ella oder Mideinma j Buntsi-hecke , ein scheckiges Pferd. — Die nördlichen Tata- 
ren sind, nach den Russen und Finnen, die zahlreichsten Einwohner des russischen 
Reichs. Die meisten Zweige derselben leben im asiatischen Russland ; im europäi- 
schen wohnen nur zum Tlieil die kasanischen Tataren und die J"scherkassc:i , gnnz 
aljer die taurischen Tataren imd die Nogajer _, jene in Bessarabicn und Taurien, 
diese in Cherson und Taurien. 



2g4 1- Bewohner der europ. Staaten. §. ii. lu Pnicksiclit auf Abilanimung u. Spr. Foitsttzung, 

VIII) Die Albanier j welche nicht nur Albanien bewohnen, sondern durch alle 
benaclibarle Länder^ die jonischen Inseln, Dahnatien, Servien , Bidgaiicn, Romanien, 
bis an die Thore von Constanlinopel zerstreut sind. Die Tiirken nennen sie Avnaut ^ 
sie selbst nennen sich Skipatar oder Skipitai: Zu denselben gehören auch die Cle- 
inentiner in den zwey syrmischen Dörfern Herkofze und Nikinze, in der Gegend von 
Milrovilz hj. Clementiner heissen sie von einem Anführer^ Clemens j der sie aus ih- 
rem, von den Tiiiken unterdrückten ^'^aterlande in die Gebirge zwischen Servien und 
Albanien führte, von wo sie lyjy nach Slavonien kamen. Ausserdem gibt es viele Al- 
banier um Gclso und Reggio in Calabrien, und um Messina in Sicilien, wohin sie 1461 
flohen, als die Tiirken die Küsten von Albanien eroberten. 

IX) Die Basken j in denen sich die Spuren der Cantabrier j der ältesten Bewoh- 
ner Spaniens^ erhielten, auf beyden Seiten der Pyrenäen in Spanien und Frankreich, 
dort in Biscaya , Guipuscoa, Alava und Ober-Navarra, hier in Ünter-Navarra , Labour 
imd Soul, im Ganzen 622,000 Köpfe stark. Die Spanier nennen dieses Volk Bascon- 
gados und die Spradie Eascongacln oder Bascueiica. Bey den Franzosen heissen sie 
Bnsques j und ihre Sprache la Basqiie. Sie selbst nennen sich Escualdiumc und ih- 
re Sprache Euscara. 

X) Die Iren oder Caledoniev j im grössten Tlieile von Irland, in Ilochschoit- 
land und auf den Hebriden, Ersisch oder Gaelsch sprechend. 

XI) Die Kjmfnren (Abkömmlinge der alten römischen Brilten), theils in Wales, 
Cornwall, auf der Insel Man und in den sclioltischen Gebirgen von Gallo way, theils 
in Nieder-Brelagne (Departement Finistcrre), wo sie sich von dem Lande ihrer Her- 
kunft Bi'eyzads „ Brittcn, nennen. 

XII) Die Malteser j Nachkommender Araber, auf Malta, Jiiil einem verdorbe- 
nen arabischen Dialccte. Araber und Malteser verstehen sich einander. Bey Buona- 
parte's Unternehnmng auf Ägypten dienten mehrere Malteser auf seiner Flotte als 
Dolhnct scher. 

XIII) Die Samojeden j, ein Polarvolk, an den Küsten des Eismeeres, wo sie sich 
an die Lappen anschlicssen , und sich von dem weissen Meere in Europa bis an die 
Lena in Sibirien erstrecken. 

Ausser diesen drcyzehn Nationen loben in Europa zerstreut und ohne eigentliche 
Nalionalsprache: 1) die y^/'nte/Vi'eA" in Russland, Österreich irnd der Türkey; 2) die 
Juden j am zahlreichsten in den österreichischen, russischen, osmanischen und preus- 
sischen Provinzen; nächst diesen vorzüglich in den deutschen Bundesstaaten, in Frank- 
reich und in den Niederlanden; weniger zahlreich im biittischen Reiche, in den ita- 
lienischen Staaten, auf den jonischen Inseln u. s. w. ; ihre gemeinübliche Sprache ist 
ein abenteuerliches Gemisch , zusammengesetzt theils aus ihrer Muttersprache, theils 
aus den Sprachen der Länder, in welchen sie sich aufhalten; 3) die Zigeuner j die 
bald nach dem Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts in Europa zum \'orschein ka- 
men. Sie sind jetzt am zahlreichsten in der Türkey und in den österreichischen Pro- 
vinzen ; nächst diesen vorzüglich in Spanien, Frankreich und Russland. Als Abkömm- 
liniie einer verworfenen Art Menschen in Indien, der hindostanischcn Tschundala ^ 
und im hohen Grade utieinpfanglich für Givilisalion, sind sie noch immer die verach- 



L Bewohner der euroji. Staaten. $. 12. lu Ri'uksiclit auf iliie koi|ictl. Eifjcnsi haften etc. jqö 

tetste Meuschenclasse in Europa, wenn nicht etwa die, in den Thälern von Lüchon, 
von ConuHcnges, der Provinz Bigorrc und der l^cydcn Navarra lebenden CagotSj de- 
ren verpesteter Athem Abscheu , so wie ihr Äusseres Ekel und Verachlun'^ errcirt . 
noch verworfener als die Lump en~ Zigeuner sind. Man lialt sie für Abkömmlinge von 
Aussatzigen aus den Zeiten der Kreutzzügc. Sie sind durchgängig so verachtet, dass 
kein Landesbewohuer Umgang mit ihnen hat, ja, dass ehedem die Geistlichen ihnen 
die Sacra und ein ehrliches Begiabniss versagten. Wie ihre Vorfahren, diirfcn sie nur 
Zimmerleute seyn , und müssen als solche die erste Plülfe bey einer ausbrechenden 
Feuersbrunst leisten. 

Unter dem allgemeinen Nahmen Franken versteht man die vielen Deutschen, 
Franzosen, Britten, Italiener und andere Europäer, die sich des Handels wegen im 
Gsmanischen Rei-che aufhalten. 

a) Von dieser Sprache entwirft Adelung in seinem Mitliridates folgende» Bild ilirer Wichtig- 
keit : ,, Die schönsten Blumen der Cultur des menschlichen Geistes, welche dieser jemals 
getragen, sind in dieser Sprache erwachsen. Alle Wissenschaft, aller Geschmack geht von 

; ihrer Pflege aus; sie hat sie dem MenschengeschJechte gegeben, und hat sie ihm erhalten, 
bis dur<;li die Nacht der Unwissenheit, welche das erschlaffte oder rohe Ahenilland bedeck- 
te, Funken des Lichts, durch Schriften der Griechen am Euphrat angefacht, ihren Schim- 
mer über Spanien nach dem übrigen Europa zurückwarfen, und bis von Constantinopel , 
wo sich unter allen Stürmen bis zu seiner Eroberung durch die Türken, die Herrschalt der 
griechischen Sprache erhalten hatte, ihre vertriebenen Kenner die Liebe zu den griechischen 
Classikern nach Italien brachten, von wo dann die Wiederherstellung der Wissenschaften 
beginnt, deren herrliche Früchte uns noch beglücken. Ein Zweig dieser Sprache {d\cPelas- 
giar.lic) hatte einen Haupteinfluss auf das er^te Entstehen der Lateinischen, welche wiederum 
die Mutter so vieler neueren Sprachen geworden, ist , und auch seine weitere Ausbildung 
verdankt das Latein dem Griechischen." 

b) Die Clementiner in Syrmien ; in Sarloris Länder- und Völkermerkwürdigkeiten u. s. \\. 
Tbl. 4. S. 75—85. 

c) S. Allgem. geogr. Ephem. Bd. 35. S. Sgo ff. 

§. 12. 

b) In Rücksicht auf ihre körperlichen Eigenschaften, Lebensdauer und 

IN a t i o 11 a 1 - K r a n k h e i t e n. 

Der Europäer gehört, mit dem Weslasiaten bis zum Obi und caspischen Meere, 
zur Classc der ursprünglich If^eissen ^ oder zur kaukasischen Menschenart aj , wäh- 
rend der Ost.isiat gelbbriiim oder olivenbraun, der Amerikaner kiipjerroth j der Süd- 
iiidianer schwärzllchbrann und der Afrikaner scJiwar-z ist. Indessen findet selbst un- 
ter den Europäern nach der Wirkung des Klima eine Verschiedenheit in Ansehung 
der Farbe Statt. Gegen die blendende Weisse eines Dänen und Norwegers hat der 
Lappe und Samojede eine gelbe, der Spanier, Portugiese, der Italiener, und selbst 
der Croate eine braime Farbe. Die Farbe des Menschen ist indessen in statistischer 
Beziehung von keiner Wichtigkeit, obgleich die Spanier, welche zuerst nach Amcii- 
ka kamen, sich berechtigt hielten, die Amerikaner, wegen ihrei- kupferrothen Fuibe, 
für. keine wahren Menschen anzusehen. 



Sq6 I. Bewoliniir Jer europ. Staaten. §. ii. In Rücksiclit auf ihre körperl Eigenstliaften elc. 

Das schönste Profil — nach dem classischen Urbilde des Schönen — trifft man 
unter den Nongiiechcn, Italienern und Tscherkassierinnen an, und sogenannte En- 
gelsphjsiognomlen findet man nirgends häufiger als in Dänemark und England. Da- 
gegen unterscheiden sich die Lappen und Samojeden von den übrigen Bewohnern 
unsers Erdlheils durch recht aufiällcnde Ziige, d\uch breite und flache Gesichter mit 
stumpfen Nasen, strotzenden Wangen, kleinen und matten Augen, steifen und strup- 
pigen Ilaaren, und selbst in Portugal sind regelmässige Gesichter selten, aber desto 
häufiger dicke, fette, untersetzte und vierschrötige Körper, mit aufwärts gebogenen 
Nasen und aufgeworfenen Lippen bj. Doch auch die Gesichtsbildmig ist in statisti- 
scher Hinsicht kein wichtiger Gegenstand. 

Wichtiger ist die Leibesgrösse j oder der TVuchs des Menschen, wegen des, 
grössten Theils davon a])b äugenden natürlichen Maasses seiner körperlichen Kräfte, 
(ra Durchschnitt erreicht der Europäer eine Höhe von 5 — 6 Fuss , und steht in der 
Hinsicht nur dem Patagonier in Südamerika nach, obgleich nach Zeugnissen neue- 
rer Reisenden die Patagonier keine Riesen-Nation, sondern nur wenig grösser als ge- 
wöhnlich andere starke, wohlgewachsene Personen sind. Allein auch in xAnsehung der 
Grösse gibt es Verschiedenheiten unter den Europäern. Vom grössten Schlage sind 
die Germanen, besonders die Deutschen ^ Schweizer und Schweden j vornehmlich 
die Dalekarle (Thalkerle), Schwedens Giganten; ferner die Slaven, besonders die 
Slovaken j Croaten und Dalmatiner ; dann die Ungern j Lombarden^ jilbanier ^ 
Osmaneti und Tscherkassen. Klein und unansehnlich sind dagegen die Lappen und 
Samojeden j die, gleich den Ostiaken, Esquimaux und Grönländern , nur 4 Fuss mes- 
sen. Über den 65. Grad nördl. Breite, wo der Boden kaum eine Spanne aufthaut, 
schrumT)ft der Mensch zusammen und wird klein. 

In Ansehung der körperlichen Kraft und Stärke zeichnen sich die Bewohner 
des gemässigten imd kalten Landstriches von Europa vortheilhaft vor jenen des südli- 
chen imd arktischen aus. Doch findet man Beyspiele von ausserordentlicher Stärke auch 
bey südUchen Nationen, z. B. den Arbcitsleuten der italienischen und spanischen 
Seehäfen. 

Nebst der Stärke ist auch die Abliärtung statistisch wichtig. Durch diese Eigen- 
schaft unterscheidet sich vorzüglich der Russe. Das strenge Klima, das viele Baden, 
nach welchem die Russen aus der grössten Hitze sich in die grösste Kälte wälzen, 
härtet Leib und Seele der Nation so ab, dass der Russe zu einer völligen Fühllosig- 
keil iacllnirt, und nur sehen krank ist. Dieser Eigenschaft verdankten die Russen im 
J. 1812 vorztiglich ihren Sieg über die Franzosen, die den unerwarteten Grimm der 
Elemente nicht zu ertragen vermochten. Dagegen übertreffen die Franzosen andere 
Nationen an Gewandtheit und Leichtigkeit j Eigenschaften, denen sie ihre Fertigkeit 
in köiuerlichen Übungen und den Flor ihrer Manufacturen, so wie zum Theil jene 
ausserordcnüichen Resultate verdanken, welche ihre Armeen bis l8og herbeygeführt 
hallen."' 

Was die Lebensdauer der Europäer betrifft : so ist sie allerdings sehr bedeu- 
tend , welches für eine Folge der öffentlichen Gesundheilspflege , vorzüglich aber des 
von der Natur begünstigten Gesundheitszustandes der Bewolmer dieses Erdtheils an- 



I. Bewohner Jcr europ. Staaten. §. 12. In Rücksiclit auf ihre koi[ierl. Eigenschaften etc. jöfc? 

gesehen werden muss. Im Durchschnitt erreiclit von 10,000 Europäern Einer das'iU- 
tcr von 100 Jahren, mul das Lebensalter manches Einzehien, besonders aus dem kal- 
ten und ^enuis.sijncn Landstriche, steigt noch bedeutend höher. So haben z. B. in 
Russlaiul. im J. iöo8 unter 891,652 Gestorbenen 3538 Menschen das gostc Jahr riber- 
lebt; von g5 — 100 Jahren sind gestorben i3o6; von 100 — io5 Jahren: ig5; von io5 
— 110: 82 u. s. w. Einer hat sogar das löoste Jahr erreicht ij. In Sc/wit/and gebar 
einem 106 Jahre alt gewordenen Manne seine zweytc unbescholtene Frau noch nach 
seinem gosten Jahre zwey Kinder dj. 

An NationeUkrankheiten endlich , und zwar : am Weichselzopf oder TVlclitel- 
zopf (kolton, plica polonica) , leidet sehr der Pole ej , am Scorbiit der Finne und 
Walache/^, an der Krätze der Asturier, Bretagner und Pole, an der Badesjge 
(Schuppenseuche, nordischem Aussatze) der Norweger imd Schwede gj , an der 
Bvandblatter (in Ungern Pokolvar genannt) der Bewohner des südlichen ebenen Un- 
gerns lij , imd der Cretinisinus mit seinen Schattirungen wird in Gebirgsländern häu- 
figer, als in ebenen Gegenden angetroffen iJ. Vorzüglich herrschend ist er in der 
Schweiz, in Savoyen, in Piemont, Kärnthen , Steyermark und Salzburg. Gewisse 
Landschaften in Savoyen, Wallis und Graubündten sind dadurch auf ii'aurige Weise 
berühmt geworden. 

ö) Hr. BZumereiacA rechnet in seiner Abhandlung de generis humani varietate naliva , welche 
er 1781 herausgab, zu der Classe der ursprünglich Weissen alle Europäer, selbst die Lapp- 
länder mit eingeschlossen. Hie als Finnen, eine mit den Weissen gemeinschaftliche Ab- 
kunft haben, 
fc) S. Götting. gel. Anz. März 180g. S. 459 ff. 

c) S. Allg. geogr. Ephem. Jänner 1811. S. 107 ff. 

d) S. Allg. geogr. Ephem. Bd. 24. S. Sog. 

e) S. Observations sur la Plique ; par A/. Bojer ; in dem Nouveau Bulletin des sciences,par la 
societe philoniatique. Mars 1808. Nro. 6. S. 110 — ii2. Vergl. das Intelligenzbl. des Jour- 
nals Rir die Chemie, Physik und Mineralogie etc. ; im 5. Bd. desselben Journals. S. i2i 
— 123. — (Abhandlung) vom wahren endemischen Weichselzopf der Menschen, nähmlich 
der Polen und der polnischen Juden; in J. H. G. Schlegei's Materialien fiir die Slaatsarze- 
neywissenschaft und praktische Heilkunde. 5. und 6. Sammlung. Vergl. H. A. L. Z. Nr. 70. 
März 1808. S. 558. — Neueste Ansicht des Weichselzopfes in seiner Grundursache. Ein 
Beytrag zur Geschichte , Natur , Eigenschaft und Ileilart desselben in der Gegend \ on Kra- 
kau. Von Th. E. Chronvy , Edlen f. Ruhnifeld etc. Freyberg, i8i3. Nach ScklegeVs Beob- 
achtungen leidet in Polen im Durchschnitt der siebente Einwohner männlichen Geschlechts, 
oder überhaupt etwa der vierzehnte Mensch am Weichselzopfe, und nach C/tromy , Edlen 
c. Ruhnifeld , sterben an den Folgen dieser Sarmatischen Krankheit im Durchschnitte unier 
25,000 Menschen jährlich 3o — 5o. 

/) Nachrichten \om Scharbock , welcher im J. i8o3 in mehreren Gespannschaften von Ungern 
beobachtet wurde, nebst Beyträgen zur Geschichte des brandigen Ausschlags, \velcher in 
Ungern Pokolvar genannt wird. Von Fr. i>. Schraud etc. Pesfh , 1804. 8. 

g) Morbus, quem Radesjge (Schuppenseuche) vocant, quinam sit, quanamque ratione ex 
Scandinavia toHendus ? Commeutatio auct. Fried. Holst. Christiaiiiae. 8. Vergl. H. A. L. Z. 
91. 1819. 

Ä) S. Fr. V. Schraud's Nachrichten vom Scharbock a. a. O. — Der Tsömör, aus welchem aus- 
ländische Ärzte eine eigene ungrische Krankheil machten, und das uiigrische Übel, das Zip- 

38 



2y8 I. Bcwoliuer der euiop. Staaten. ^. i3. Kach ihrem Naiionalcliarakter. 

serferkel nannten, ist. nichts anders als ein fieberhaftes Übelbefinden , wobey alle Glieder 
abgeschlagen scheinen, und das meistens aus Überladung des Magens herkommt, beson- 
ders von fetten Fleischspeisen , wenn sie mit einer grossen Gierigkeit in Menge genossen , 
und viel Wasser darauf getrunken wird. Durch anhaltendes Fasten und hinlängliche Bewe- 
gung vergeht es meistens von selbst. 
i) Über die Ursachen des Cretinismus im Canton Aargau und in der Schweiz überhaupt; in 
den Miscellen fiir die neueste Weltkunde. Nr. loi und io2. i8i4- — Traite du Goitre et 
du Cretinisme precede d'un Discours sur l'influence de l'air humide sur l'entendement hu- 
main ; par F. E. Fodere etc. Paris An VIII. 8. Vergl. Götting. gel. Anz. i8oi. S. 224 — 23o. 
Der Verfasser behauptet, dass der Kropf jenen harten Zustand des Hirns bewirke, in wel- 
chem der Cretinismus bestehe. — Der Cretinisnnis , philosophisch und medicinisch unter- 
sucht. Von D. A. C. Iphofen. Dresden, 1817. gr. 8. Nach des Verfassers Beobachtungen 
kommt nicht überall, wo Kröpfe endemisch herrschen, auch der Cretinismus vor, und auf 
der andern Seite ist der Kropf ein zwar den Cretinismus sehr häufig begleitendes, aber kein 
constanles Symptom desselben. — Der Nähme Cretinismus stammt von cretina, d. h. elen- 
des Geschöpf; so werden die unglücklichen Opfer dieser Rranklieit in Graubündtcn ge- 
nannt. In Savoyen werden die Crelins , diese verunstalteten, zum Theil bis zum tiefsten 
Grade des Thierischen und Seelenlosen ausgearteten Menschen, Christiane (s. Crome a. a. 
O. S. 626), in Salzburg Fexen j in Steyermark Drotleln , Dostehi, Tapeln oder Talken, und 
in Kärntheii Garri , Dogger, Dosten, auch armes Hüscherle genannt. Übrigens gibt es sehr 
verschiedene Grade der Cretins. 

§• i3. 

c) Nach ihrem Nationalcharakter. 

Jede Naüon wird dui'cli ihre besondere Lage und Ctdttir zu einer gewissen Denk- 
und Handkmgsart bestimmt, wodurch sie sich von andern Nationen unterscheidet, 
die ihr also eigenthümUch ist, und ihren ISationalcltaraktei' ausmacht. Dieser Ge- 
genstand ist einer der wichtigsten in der Statistik, wesenthch nothwendig zur Würdi- 
gung der Einwohner eines Staates, besonders fiir den Staatsmann, den nvir eine rich- 
tige Kenntniss der Beschaffenheit der Staatsangehörigen belehren kann, ob und wie 
er als Lenker des Ganzen auf sie einwirken, was und wie viel er von ihnen zum Be- 
sten des Staates erwarten kann. Auch hat der Charakter eines Volkes grossen Einfluss 
auf seine politische Geschichte und Verfassung, so wie diese, nebst Klima und Erzie- 
hung, wieder rückwärts auf den Charakter wirken. Aus den dahin gehörigen That- 
saclien können aber in der Statistik nur solche ausgehoben werden, welche auf einen 
Staat zu seinem Vortheile oder Nachtheile wirken, und die Grundzüge zu dem Ge- 
mählde des Nationalcharakters ausmachen. 

Ln Gegensatze der Asiaten, Afrikaner, Amerikaner und Südindier sind die Eu- 
ropäer, im Ganzen genommen, am meisten cultivirt und aufgeklärt. Wie sehr verschie- 
den sie aber hierin imter einander sind, wird folgende Charakteristik lehren. 

1) Das Temperament der Deutschen hält, wie die Temperatur ihres Klima's, 
das Mittel zwischen sanguinischer Flüchtigkeit und phlegmatischer Langsamkeit. Die- 
se Mittelbewegung ihrer Lebensgeister stimmt sie zur Bescheidenheit im Umgange 
und zti einem milden Ernst in ihrer ganzen Art zu seyn; zu einer Geduld und Be- 
harrlichkeit in ihren Arbeiten, die man bey andern Nationen viel seltener findet, so 



I. Bewoliner der europ. Staa